Ein geliebter Mensch stirbt, und plötzlich scheint die Welt stillzustehen. Während für das Umfeld der Alltag oft schon nach wenigen Tagen weitergeht, bleibt für die Hinterbliebenen nichts mehr, wie es war. Manche weinen ununterbrochen, andere funktionieren scheinbar ganz normal. Wieder andere spüren zunächst kaum etwas.
Doch ist all das normal? Muss man den Schmerz zulassen, um einen Verlust verarbeiten zu können?
Und woran lässt sich erkennen, dass professionelle Hilfe notwendig wird?
Dr. Doris Wolf ist Diplompsychologin, psychologische Psychotherapeutin und Autorin zahlreicher Bestseller-Ratgeber. Darin begleitet sie Menschen durch schwierige Phasen ihres Lebens. Im Interview erklärt sie, weshalb jeder Mensch anders trauert, was in dieser Zeit wirklich helfen kann und warum die Rückkehr ins Leben keinen Verrat am verstorbenen Menschen bedeutet.
Gibt es wirklich feste Phasen der Trauer?
Healthy Lady: In Ihrem Buch beschreiben Sie vier Phasen der Trauer. Gleichzeitig betonen Sie, dass jeder Mensch seinen Verlust anders erlebt. Müssen Trauernde diese Phasen tatsächlich durchlaufen, oder können sie sich überschneiden, wiederholen oder auch ganz anders zeigen?
Dr. Doris Wolf: Es gibt nicht die eine richtige Trauer. Wie sie verläuft, hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab, wie z.B. den Umständen des Todes, der Dauer und Intensität der Beziehung zum Verstorbenen, den finanziellen Bedingungen, ob kleine Kinder vorhanden sind, den bisherigen Erfahrungen mit Trauer, der generellen Einstellung zu Leben und Tod und dem Selbstwertgefühl der Trauernden. Die 4 Phasen sind also eine Art Modell, das sehr hilfreich sein kann.
Trauernde können dadurch besser verstehen, dass Trauer nichts ist, was in vier Wochen vorbei sein kann. Sie können besser verstehen, dass sie von den unterschiedlichsten körperlichen und seelischen Zuständen begleitet wird. Die Phasen sind nicht unbedingt klar getrennt, sie laufen in Wellen, aber die Richtung ist vorgegeben. Man kann jedoch auch in einer Phase steckenbleiben.
Die ersten Wochen: Wie unterschiedlich Trauer aussieht
Healthy Lady: Nach einem Verlust möchten manche Menschen so schnell wie möglich wieder funktionieren und in ihren Alltag zurückkehren. Andere ziehen sich vollständig zurück und wollen niemanden sehen. Was davon ist normal, und wie unterschiedlich kann Trauer gerade in den ersten Wochen und Monaten aussehen?
Dr. Doris Wolf: Viele Betroffene haben Angst, in einem Strudel der Trauer zu ertrinken. Deshalb stürzen sie sich in Aktivitäten, verplanen die Tage, so gut es geht. Manche versuchen, den Abstand über einen Urlaub oder eine Auszeit zu gewinnen. Andere verkaufen sofort ihr Haus und ziehen um. Wiederum andere stürzen sich in ein Suchtverhalten, trinken exzessiv oder betäuben sich mit Beruhigungsmitteln. Das mag am Anfang hilfreich sein, doch auf Dauer kann man damit die Trauer nicht umgehen.
Andere Trauernde lassen sich ganz in der Trauer versinken. Für sie gibt es kein „normales Leben" mehr. Es kann sogar so weit gehen, dass sie die Hygiene und die Ernährung vernachlässigen. Sie brechen den Kontakt zu Freunden ab, denn ihrer Ansicht nach kann ihnen niemand helfen.
Macht es einen Unterschied, wen man verliert?
Healthy Lady: Macht es psychologisch einen Unterschied, ob jemand ein Elternteil, den Partner oder das eigene Kind verliert? Oder hängt die Intensität der Trauer weniger von der familiären Rolle als von der Beziehung zum verstorbenen Menschen ab?
Dr. Doris Wolf: Die Trauer hängt weniger von der Stellung in der Familie ab als von der Einstellung zum Verstorbenen und welche Bedeutung er im Leben des Trauernden gespielt hat.
Wie lange darf Trauer dauern?
Healthy Lady: Viele Trauernde fragen sich irgendwann, wie lange ihr Schmerz noch dauern darf. Gibt es überhaupt einen Zeitpunkt, an dem Trauer vorbei sein sollte, oder kann sie auch Jahre später plötzlich wieder mit großer Kraft zurückkehren?
Dr. Doris Wolf: Zunächst müssen wir uns fragen, was es bedeutet, dass Trauer vorbei sein soll. Sie verändert sich, aber kann bis ans Lebensende in manchen Situationen wieder aufploppen. Ich beschreibe es immer so:
„Am Anfang ist sie wie ein schwerer Sturm mit dunklen schweren Wolken, der nicht enden will. Im Verlauf der Zeit verwandelt sie sich in kurze leichte Schauer, nach denen die Sonne ganz schnell wieder auftaucht."
Wenn ein neuer Trauerfall eintritt oder man plötzlich eine schwere Erkrankung bekommt und alleine lebt, kann sie auch wieder verstärkt auftauchen.
Schmerz zulassen oder auch Freude erlauben?
Healthy Lady: Trauernde hören häufig, sie müssten ihren Schmerz zulassen. Ist das aus psychologischer Sicht tatsächlich der beste Weg, oder sind Ablenkung, Lachen und schöne Momente ebenso wichtig?
Dr. Doris Wolf: Ich schlage immer zwei Wege vor: Eine Aufgabe ist es, das Trauern zuzulassen und auszudrücken. Die andere besteht darin, sich an ein „Leben danach" heranzutasten und es aufzubauen. Wir müssen beide Wege gehen.
Healthy Lady: Warum fühlen sich manche Menschen schuldig, sobald sie wieder Freude empfinden?
Dr. Doris Wolf: Wir alle haben ein Modell von Trauern im Kopf, was man darf und was nicht. Sich wieder zu freuen oder gar zu verlieben, wird oft mit der Vorstellung verknüpft, dass man den verstorbenen Menschen nicht genügend geliebt hat oder sich ihm gegenüber illoyal verhält.
Was Trauer mit dem Körper macht
Healthy Lady: Trauer spielt sich nicht nur in der Seele ab. Betroffene leiden häufig auch unter körperlichen Symptomen. Was geschieht während der Trauer in unserem Körper?
Dr. Doris Wolf: Der Verlust eines Menschen gehört zu den Situationen, die den meisten Stress auslösen können. Körper und Seele sind nicht getrennt. Der Körper ist nach einem Todesfall in einem chronischen Alarmzustand. Es kommt zu Herz-/Kreislauf- oder Magen/Darmproblemen, Schlafstörungen, Essstörungen, Schmerzen, Muskelverspannungen, Atemproblemen, Konzentrationsproblemen, usw.
Trauer oder Depression?
Healthy Lady: Trauer und Depression können sich zunächst sehr ähnlich anfühlen. Welche Anzeichen sprechen dafür, dass es sich nicht mehr allein um eine normale Trauerreaktion handelt? Wann sollte man sich professionelle Unterstützung suchen?
Dr. Doris Wolf: Professionelle Hilfe sollte man sich suchen, wenn man seine Selbstfürsorge, Hygiene, Ernährung, etc. dauerhaft vernachlässigt. Weitere Signale, bei denen man handeln sollte, sind: Suizidgedanken und konkrete Gedanken an die Ausführung. Betroffene sind über mehr als sechs Monate hinaus nicht mehr in der Lage, ihr normales Alltagsleben zu führen. Die Trauer verändert sich nicht über die Zeit. Die Gedanken der Betroffenen kreisen nur um die verstorbene Person, sie fühlen sich erstarrt oder voller Schmerz, plagen sich mit Schuldgefühlen und empfinden ein Gefühl der Sinnlosigkeit.
Was konkret hilft
Healthy Lady: Welche psychologischen Strategien helfen dabei, einen schweren Verlust zu verarbeiten? Gibt es kleine Schritte, die Sie Trauernden für besonders schwierige Tage empfehlen?
Dr. Doris Wolf: Auch da gibt es wieder keine Standardtipps. Auf besonders schwierige Tage sollte man sich vorbereiten – beispielsweise eine Freundin einladen oder besuchen. Man kann einen Spaziergang machen, wenn Bewegung guttut. Wenn man im Internet zurechtkommt, kann man sich auch in einem Trauer-Forum mit anderen Betroffenen austauschen.
Wichtig ist also die Frage: „Was kann ich an diesem Tag tun, um mir diesen Tag zu erleichtern?"

MEHR ZUM THEMA
Trauerbewältigung – mit der Trauer leben lernen
Wie der Weg durch die verschiedenen Phasen des Abschieds verläuft und wie Betroffene wieder ein inneres Gleichgewicht finden, erklärt Dr. Doris Wolf in ihrem Fachbeitrag auf der Website des PAL Verlags.
Was das Umfeld tun kann
Healthy Lady: Auch Familie und Freunde fühlen sich häufig hilflos, weil sie nicht wissen, was sie sagen oder tun sollen. Was hilft einem trauernden Menschen wirklich? Welche gut gemeinten Sätze können dagegen zusätzlich verletzen?
Dr. Doris Wolf: Verletzen können Sätze wie „Du bist ja noch so jung und kannst einen anderen Menschen finden", „Du solltest jetzt so langsam darüber hinweg sein", „Sei nicht traurig, er wurde erlöst", „Ihr hattet doch viele Jahre ein schönes Leben" oder „Anderen geht es doch auch so. Da muss man halt durch."
Hilfreich ist für viele Trauernde, wenn man sie immer wieder anruft, Hilfe bei der Bürokratie oder alltäglichen Dingen wie Einkaufen anbietet und einfach nur zuhört. Ein Angebot wie „Du kannst anrufen, wenn es dir schlecht geht" wird oft nicht angenommen, weil die Kräfte fehlen.
Warum wir das Thema meiden
Healthy Lady: Obwohl jeder Mensch früher oder später mit Tod und Verlust konfrontiert wird, sprechen wir im Alltag kaum darüber. Warum verdrängen wir das Thema so stark? Kann man schon vor einem konkreten Verlust lernen, besser mit Tod und Trauer umzugehen?
Dr. Doris Wolf: Der Tod wird mit Hilf- und Kontrolllosigkeit verknüpft. Wir tun uns schwer, uns einzugestehen, dass unser Leben endlich ist. Da wir jedoch keine Wahl haben und jeden von uns der Tod ereilt, ist es hilfreich, wenn wir uns bei Lebzeiten damit beschäftigen. Dazu gehört z.B. auch, eine Patientenverfügung zu verfassen und uns zu überlegen, wie wir bestattet werden wollen.
Loslassen, ohne zu vergessen
Healthy Lady: In Ihrem Buch geht es immer wieder um das Annehmen und Loslassen. Was bedeutet Loslassen nach dem Tod eines geliebten Menschen eigentlich? Geht es darum, wirklich Abschied zu nehmen, oder darum, eine neue innere Verbindung zum Verstorbenen zu finden?
Dr. Doris Wolf: Loslassen bedeutet nicht, den Verstorbenen zu vergessen. Zum einen geht dies gar nicht, zum anderen wäre es schade, denn er ist Teil unserer Erfahrungen. Loslassen bedeutet, dass unsere Gedanken wieder auf die Gegenwart und Zukunft konzentriert sind und wir uns ein Leben „danach" aufbauen. Es bedeutet, Hadern mit dem Schicksal und Wut aufzugeben. Es bedeutet, uns neue Aufgaben zu erschließen und neue Freunde zu finden. Es bedeutet, Frieden damit zu schließen, dass unser Leben eine Wendung genommen hat.

Zum Weiterlesen:
In ihrem Ratgeber „Einen geliebten Menschen verlieren“
begleitet Dr. Doris Wolf Menschen durch die verschiedenen
Phasen der Trauer und zeigt, wie ein Leben nach dem Verlust
langsam wieder möglich werden kann.
Dr. Doris Wolf, „Einen geliebten Menschen verlieren“,
PAL Verlag, 232 Seiten
Der eine Gedanke zum Schluss
Healthy Lady: Wenn Sie einem Menschen, der gerade jemanden verloren hat, nur einen einzigen Gedanken mit auf den Weg geben dürften, welcher wäre das?
Dr. Doris Wolf:
„Deine Trauer wird sich verändern, sie wird nicht ewig so schmerzhaft sein, auch wenn der verlorene Mensch nicht zurückkommen wird."
Redaktioneller Hinweis: Falls du gerade selbst mit einem Verlust kämpfst oder dich Suizidgedanken belasten, bleib damit nicht allein. Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenfrei und anonym rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.
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