Interviews

THE WALKING DAD: Manuel Hasni schafft Raum für moderne Väter

Es ist kein typischer Vormittag in Hamburg. Es regnet nicht, wie man es hier erwarten würde. Statt grauem Himmel scheint die Sonne über den Straßen von Winterhude. Dann hört man das dumpfe Rollen von Rädern auf dem Asphalt. Kurz darauf taucht Manuel Hasni auf. Eine Hand am Kinderwagen, ein leichtes Lächeln. Irgendwo zwischen Vorfreude und spürbarer Nervosität wirkt es, als wüsste er längst, dass heute etwas Größeres passiert.

Doch er bleibt nicht lange allein. Aus Seitenstraßen, Parks und Querwegen stoßen plötzlich weitere Männer dazu. Einer mit Baby in der Trage, der nächste mit Kleinkindern an der Hand. Innerhalb kürzester Zeit bildet sich eine unaufhaltsame Einsatztruppe. Ausgerüstet mit Hightech-Babywagen, taktisch platzierten Tragetüchern und einer gemeinsamen Mission.

Mehr als 40 Väter mit ihren Kindern setzen sich gemeinsam in Marsch. Was eben noch wie ein Spaziergang aussah, entwickelt eine beeindruckende Energie. Sie füllen die Hamburger Straßen, ziehen alle Blicke auf sich. Übersehen kann man sie nicht. Doch dies ist kein Filmset. Und auch kein Marvel-Moment. Es ist Manuel Hasni und sein Projekt THE WALKING DAD.

Gemeinsam unterwegs: Über 40 Väter mit ihren Kindern setzen in Hamburg ein sichtbares Zeichen für moderne Vaterschaft. 
(Bild: Manuel Hasni)

Neue Väter. Neue Rollen. Neue Verbindungen

Der Country Manager und vierfache Vater organisiert Treffen, bei denen sich Männer mit ihren Kindern zu gemeinsamen Spaziergängen verabreden, um sich untereinander zu vernetzen. Was für viele Frauen auf dem Spielplatz oder in Krabbelgruppen ganz selbstverständlich zum Alltag gehört, findet unter Männern bisher kaum statt. Dabei hat sich das Bild der Vaterschaft längst gewandelt. Die heutige Generation will im Alltag ihrer Kinder präsent sein und Verantwortung übernehmen, doch oft fehlt der Anschluss zu Gleichgesinnten. Wir haben mit Manuel Hasni darüber gesprochen, wie aus einem einfachen Impuls eine Gemeinschaft wurde und warum moderne Väter heute nicht mehr nur versorgen, sondern vor allem emotional präsent sein wollen.


Vom Spaziergang zur Bewegung

Healthy Lady: Manuel, wie bist du auf diese grandiose Idee gekommen THE WALKING DAD ins Leben zu rufen? Was hat dich bewegt, diesen Schritt zu gehen?

Manuel Hasni: Ganz ehrlich, es war keine große Business-Idee oder ein strategischer Masterplan. Es war eher ein Gefühl. Ich habe irgendwann gemerkt, dass vielen Vätern echte Verbindung fehlt. Ich habe online immer wieder Running Clubs oder Community-Formate gesehen und dachte mir, eigentlich müsste es etwas geben, das ruhiger, echter und nahbarer ist.

Außerdem habe ich mich schon länger gefragt, was neben AI in Zukunft wirklich Wert haben wird. Menschliche Begegnungen. Empathie. Nähe. Und gleichzeitig habe ich gemerkt, wie schnell man als Vater einfach nur noch funktioniert. Arbeit, Familie, Alltag, Termine. Man liebt seine Familie über alles, aber oft dreht sich alles nur noch darum, irgendwie alles organisiert zu bekommen.

Dann habe ich einfach diesen ersten Walk organisiert. Eine Woche vorher angekündigt, parallel lief sogar noch der Hamburger Marathon. Trotzdem standen plötzlich 40 Väter mit ihren Kindern da. In dem Moment habe ich schnell gemerkt, dass das Thema größer ist als nur ein Spaziergang. Eigentlich wollte ich einfach nicht mehr alleine spazieren gehen. Und plötzlich entsteht daraus etwas, in dem sich viele Männer wiederfinden.


Healthy Lady: Schon nach wenigen Stunden nach dem Start ist dein Instagram für The Walking Dad explodiert. Hast du mit dem riesigen Interesse gerechnet? Was fühlst du, wenn so viele Väter Teil dieser Bewegung sein wollen?

Manuel Hasni: Dass da was schlummert, habe ich schon gespürt, aber dass es solche Ausmaße annimmt, damit habe ich nicht gerechnet. Ich glaube, genau deshalb war es auch so ehrlich. Ich habe das nicht gestartet, um Reichweite aufzubauen oder etwas zu verkaufen. Ich wollte einfach etwas schaffen, das sich echt anfühlt. Ich habe eigentlich schon immer auf mein Gefühl gehört. Und wenn ich heute sehe, wie viele Männer sich darin wiederfinden, macht mich das sehr dankbar. Gleichzeitig zeigt es auch, wie groß das Bedürfnis nach Verbindung eigentlich ist.


Wenn Vaterschaft persönlich wird

Healthy Lady: Gab es etwas, das dir persönlich als Vater gefehlt hat? Etwas, von dem du gemerkt hast, dass viele Männer darüber kaum sprechen, obwohl es sie genauso beschäftigt?

Manuel Hasni: Ich glaube vor allem Räume, in denen Männer einfach mal sein können, ohne etwas darstellen zu müssen. Ich habe oft das Gefühl gehabt, dass Männer sich zwar sehen, aber selten wirklich begegnen. Viele treffen sich beim Sport, im Job oder im Alltag, aber echte Gespräche entstehen dabei oft eher zufällig. Und genau so ein Raum hat mir gefehlt. Ohne großes Konzept dahinter. Einfach ehrlich, entspannt und nahbar. Und das Verrückte ist, sobald Männer anfangen zu reden, merkt man schnell, dass am Ende irgendwie alle ähnliche Themen haben.

Auf Spielplätzen habe ich das schon oft erlebt. Erst redet man über Schlaf oder Kita, und zehn Minuten später sagt einer irgendwas und plötzlich denken alle: „Witzig, eigentlich leben wir doch alle gerade dasselbe Leben.“ Genau daraus ist THE WALKING DAD entstanden.

Was mit einer Idee begann, steht heute hinter ihm: (links) Manuel Hasni mit Vätern und ihren Kindern beim THE WALKING DAD
(Bild: Manuel Hasni)

Healthy Lady: Du bist vor kurzem zum vierten Mal Papa geworden. Was hat die Gründung von THE WALKING DAD in deinem eigenen Familienleben verändert?

Manuel Hasni: Es hat mich noch bewusster gemacht. Ich glaube, moderne Vaterschaft bedeutet heute viel mehr als nur „versorgen“. Es geht um Präsenz. Um emotionale Nähe. Um echte Zeit. Um Vorbildfunktion.

Durch THE WALKING DAD spreche ich viel intensiver mit anderen Vätern und merke immer wieder, dass wir oft mit denselben Themen kämpfen. Und abseits der Walks sprechen mich Frauen und Männer an, dass sie davon mitbekommen haben und es schön finden, was für ein Wandel gerade stattfindet.

Eine Frau, der ich an der Alster begegnet bin, sagte: „Mein Mann hätte sich THE WALKING DAD schon vor 30 Jahren gewünscht.“


Warum viele Männer nie darüber sprechen

Healthy Lady: Viele Männer sprechen nicht offen über Überforderung, Schlafmangel oder emotionale Belastung. Warum glaubst du, fällt Vätern das oft noch schwer?

Manuel Hasni: Weil es einfach kaum Räume dafür gibt. Und wenn es sie gibt, sind diese für viele Männer oft zu verbindlich und „offiziell“. Viele Männer sehen sich zwar im Alltag, aber oft nur oberflächlich. Und gleichzeitig verändert sich die Rolle des Mannes gerade komplett.

Früher war vieles klar verteilt. Heute definieren sich Männer und Väter neu. Beruf, Familie, Partnerschaft, Präsenz, Verantwortung. Viele versuchen irgendwie, ihren eigenen Weg darin zu finden. Und trotzdem gibt es kaum einfache Orte, wo man mal ehrlich miteinander reden kann. Bei THE WALKING DAD reicht im Grunde ein einziger Schritt. Kein Verein. Keine Warteliste. Kein Mitgliedsantrag. Du kommst einfach vorbei und bist direkt Teil davon.

„Kinder erinnern sich später nicht daran, wie beschäftigt du warst. Sie erinnern sich daran, ob du wirklich da warst.“


Healthy Lady: Glaubst du, dass sich das Bild von Vaterschaft in Deutschland gerade grundlegend verändert?

Manuel Hasni: Ja, definitiv. Ich glaube, Männer und Väter definieren sich gerade komplett neu. Früher war die Vaterrolle oft klarer über Arbeit und Versorgung definiert. Heute wollen viele Männer präsent sein. Emotional näher an ihren Kindern. Wirklich Teil des Familienlebens.

Und ich finde das grundsätzlich etwas sehr Schönes. Gleichzeitig gibt es dafür aber kaum moderne Vorbilder oder Räume. Deshalb glaube ich, dass genau solche Begegnungen heute wichtig sind. Wir leben gerade diese Transformation. Jetzt, in diesem Moment.


Väter von heute brauchen Verbindung

Healthy Lady: Was passiert bei euren Spaziergängen wirklich? Worüber sprechen Väter, wenn sie unter sich sind und die Kinder dabei haben?

Manuel Hasni: Das Spannende ist, es geht selten nur um Kinder. Natürlich spricht man über Schlaf, Alltag oder Erziehung. Aber oft merkt man ziemlich schnell, dass alle irgendwie ähnliche Themen haben. Der eine erzählt von schlaflosen Nächten, der andere von Kita-Chaos, der nächste davon, dass er seit Wochen versucht, mal wieder Sport zu machen. Und irgendwann sagt meistens einer: „Eigentlich sind wir alle komplett im selben Film.“ Gleichzeitig entstehen aber auch ganz normale Gespräche über Dinge, die die Leute persönlich interessieren.

Ich habe mich zum Beispiel mit jemandem über Reisen mit Kind ausgetauscht und darüber, welche Orte plötzlich spannend werden, seit man Vater ist. Mit einem anderen ging es um Immobilien und Geschäftsideen. Der hatte so spannende Ansätze und Blickwinkel, auf die ich selbst vorher gar nicht gekommen wäre. Und genau das finde ich so interessant. Die Kinder sind dabei, man läuft nebeneinander, niemand muss performen. Dadurch entstehen Gespräche viel natürlicher.


Healthy Lady: Welche Sorgen, Ängste oder Unsicherheiten hörst du bei Vätern am häufigsten?

Manuel Hasni: Ich glaube, viele Männer haben das Gefühl, ständig allem gerecht werden zu müssen. Familie, Arbeit, Beziehung, Zeit mit den Kindern, irgendwie noch Freunde sehen, vielleicht Sport machen und nebenbei versuchen, selbst nicht komplett unterzugehen. Und oft denkt jeder erst mal, nur bei ihm wäre alles chaotisch. Bis man anfängt zu reden. Dann wird einem schnell klar, dass viele Väter mit denselben Themen kämpfen.

"Nicht Perfektion macht einen guten Vater aus. Sondern echte Nähe."


Healthy Lady: Gab es einen Moment bei einem Walk, der dich besonders berührt oder überrascht hat?

Manuel Hasni: Mich hat überrascht, wie schnell echte Verbindung entstanden ist. Da war ein Vater dabei, der gerade erst nach Deutschland gezogen und frisch Vater geworden ist und hier komplett neu anfängt. Er ist Profi-Kitesurfer, schon auf der ganzen Welt unterwegs gewesen und meinte, ihm fehlt hier einfach der Anschluss.

Und plötzlich läuft man gemeinsam los, kommt ins Gespräch und merkt richtig, wie groß dieses Bedürfnis nach Austausch eigentlich ist. Es waren auch zwei oder drei Väter da, die in derselben Kita sind, ohne voneinander zu wissen, dass ihre Kinder zusammen in die Kita gehen. Andere kannten sich plötzlich von früher aus derselben Heimat oder hatten gemeinsame Freunde. Und genau das war irgendwie total besonders.

Diese Männer wären im normalen Alltag wahrscheinlich einfach aneinander vorbeigelaufen. Aber dort entsteht plötzlich ein sicherer Raum. Man stellt sich vor, läuft nebeneinander her und nach kurzer Zeit sprechen alle offen miteinander. Und das Schönste für mich war, diese Freude in den Gesichtern zu sehen. Zu merken, wie schnell daraus echte Verbindung entsteht. Das war am Ende eben doch viel mehr als nur ein Spaziergang. Das macht mich unglaublich glücklich.


Zwischen Verantwortung, emotionaler Präsenz und Kritik

Healthy Lady: Welche Rolle spielen Nähe, Präsenz und echte gemeinsame Zeit heute aus deiner Sicht für die Beziehung zwischen Vater und Kind?

Manuel Hasni: Eine riesige Rolle. Kinder erinnern sich später nicht daran, wie beschäftigt du warst. Sie erinnern sich daran, ob du wirklich da warst. Ich glaube, viele Männer unterschätzen, wie wichtig ihre emotionale Präsenz für ihre Kinder ist. Nicht Perfektion macht einen guten Vater aus, sondern echte Nähe.


Healthy Lady: Du hast selbst erwähnt, dass es auch Kritik gibt. Woran stoßen sich manche und wie gehst du damit um?

Manuel Hasni: Sobald Männer öffentlich über Männer oder Vaterschaft sprechen, entstehen schnell Missverständnisse. Manche denken sofort in Schubladen oder fragen sich, ob man damit irgendeine gesellschaftliche Richtung vertreten möchte. Aber darum geht es überhaupt nicht. THE WALKING DAD soll kein Ort gegen irgendwen sein. Es geht um Verbindung, Verantwortung, moderne Vaterschaft und ehrliche Gespräche. Ich glaube, wir brauchen heute mehr ehrliche Räume für Männer. Nicht als Gegenbewegung zu irgendwem, sondern einfach als Ort für echte Verbindung.

„Früher war Vaterschaft oft Versorgung. Heute geht es um Präsenz, Nähe und echte Zeit.“

Es gibt kaum etwas Schöneres als diesen Blick – Väter, die ihre Kinder voller Liebe ansehen. 
(Bild: Manuel Hasni)

Healthy Lady: Wenn du einem frischgebackenen Vater heute einen Rat mitgeben könntest, welcher wäre das?

Manuel Hasni: Liebe deine Kinder. Punkt. Das klingt selbstverständlich, aber ich meine das wirklich so. Keine Zeit mit deinen Kindern ist verschwendete Zeit. Am Ende erinnern sich Kinder nicht daran, wie viele Termine du hattest oder wie beschäftigt du warst. Sie erinnern sich an Nähe. An gemeinsame Momente. An das Gefühl, dass du wirklich da warst. Und gleichzeitig: Versuch nicht, alles perfekt machen zu wollen. Oft hilft es schon, mit anderen Vätern zu sprechen und festzustellen, dass eigentlich alle nur versuchen, ihr Bestes zu geben. Genau das verbindet am Ende.


Healthy Lady: Du bekommst mittlerweile Anfragen aus anderen Ländern. Was glaubst du, wie wird sich THE WALKING DAD weiterentwickeln? Hast du schon einen Plan?

Manuel Hasni: Ich glaube, THE WALKING DAD kann langfristig deutlich größer werden als nur Spaziergänge. Aber mir ist wichtig, dass die Seele davon erhalten bleibt. Ich könnte mir vorstellen: weitere Walks, Talks, Podcasts, Community-Formate, ehrliche Gespräche über moderne Vaterschaft, Beziehung, Verantwortung, Verbindung und die Frage, wie Männer heute eigentlich leben wollen. Aber Schritt für Schritt. Ich glaube, die Menschen merken sehr schnell, ob etwas echt ist oder nur aufgebaut wird. Und genau diese Echtheit soll THE WALKING DAD behalten.


Eine neue Generation von Vätern

Moderne Vaterschaft wird heute neu gelebt. Immer mehr Männer wollen präsent sein, emotional greifbar bleiben und den Alltag ihrer Kinder bewusst mitgestalten. Nähe, gemeinsame Zeit und echte Verbindung werden für viele Väter zu einem neuen Selbstverständnis und genau darin liegt vielleicht einer der größten gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit.

Wenn dein Mann, Bruder oder bester Freund gerade Vater geworden ist oder mitten im Familienalltag steckt und in Hamburg  lebt, dann ist das vielleicht genau der richtige Moment, ihm von dieser Bewegung zu erzählen. Niemand muss als Papa allein seine Runden drehen oder darauf warten, dass zufällige Begegnungen auf dem Spielplatz entstehen. Der nächste Walk findet bereits am Vatertag in St. Pauli statt und könnte für viele der erste Schritt in eine Gemeinschaft sein, die zeigt, wie modern und lebendig Vaterschaft heute aussehen kann.


„Mein System konnte den Druck nicht mehr tragen“ – Wie Klangtherapie Lisa aus dem Zusammenbruch holte

Manchmal fühlt sich unser Alltag an, als würde alles gleichzeitig an uns ziehen. Innere Unruhe, ständiger Druck im Job, das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können, selbst dann nicht, wenn wir eigentlich „alles richtig machen“: uns gesund ernähren, Sport treiben, Pausen einplanen. Und doch bleibt diese Erschöpfung, die sich nicht einfach wegschlafen lässt. Immer mehr Menschen suchen deshalb nach neuen Wegen, um wirklich zur Ruhe zu kommen. Neben Yoga, Atemtechniken und Meditation taucht dabei ein Begriff immer häufiger auf: Klangtherapie. Eine Form der Entspannung, die nicht über Denken funktioniert, sondern über Spüren und Schwingung. Über das, was uns erreicht, noch bevor wir es erklären können.

In einer Sound-Meditation begleiten Instrumente wie Kristallklangschalen, Metallklangschalen, Drums oder Chimes die Teilnehmer auf einer Reise nach innen. Die Klänge breiten sich im Körper aus, ähnlich wie Wellen im Wasser, wenn man einen Stein hineinwirft. Da der menschliche Körper zu einem großen Teil aus Wasser besteht, wandern diese Vibrationen durch den ganzen Körper. Dadurch kommt der Geist zur Ruhe. Das Gedankenkarussell verlangsamt sich und der Körper gelangt in einen Zustand tiefer Entspannung. Viele Menschen erleben genau hier etwas, das im Alltag oft verloren geht. Ein echtes Gefühl von Ankommen bei sich selbst.


Die Brücke zwischen Schulmedizin und Klang

Eine Frau, die diesen Weg nicht nur gegangen ist, sondern ihn heute aktiv prägt, ist Lisa Schuster. Als Ärztin, Yoga- und Klangtherapeutin verbindet sie in ihrer Arbeit zwei Welten, die lange als Gegensätze galten. Fundierte Schulmedizin trifft auf ganzheitliche Heilung. Schon während ihres Medizinstudiums spürte sie, dass Gesundheit mehr ist als Diagnosen und Therapien und dass der Mensch als Ganzes gesehen werden muss.

Heute arbeitet Lisa mit einem integrativen Ansatz, der medizinisches Fachwissen mit Yoga, Meditation und Akupunktur vereint. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Klangtherapie. Mit ihren AkashaBowls führt sie Menschen in Zustände tiefer Entspannung, in denen viele wieder ein Gefühl von innerer Balance und Regeneration erleben. Die speziell gefertigten Kristallklangschalen aus reinem Quarzglas können durch ihre feinen Schwingungen das Wohlbefinden positiv beeinflussen.

Als Gründerin des Sound Medicine Institute Germany gibt sie dieses Wissen weltweit in Workshops und Vorträgen weiter. In ihren Räumen in München begleitet sie Menschen dabei, durch Klang wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden. Im Gespräch erzählt sie, wie Heilung für sie klingt.

„Irgendwann konnte mein System das nicht mehr tragen – es kam zu einem Zusammenbruch, der mich gezwungen hat, innezuhalten.“


Sound Medicine: Warum Klänge unser Nervensystem erreichen, wo Worte enden

Healthy Lady:
Liebe Lisa, Klangtherapie ist für viele noch etwas völlig Neues. Viele Menschen wissen gar nicht genau, wie Klang auf Körper und Geist wirken kann. Wie würdest du Klangtherapie in eigenen Worten beschreiben? Was macht sie so besonders – und warum hört man gerade jetzt so viel davon, vor allem in den sozialen Medien?

Lisa Schuster:
Ja, das ist eine sehr schöne Frage. Das Besondere an Klangtherapie ist, dass Klänge uns auf ganz vielen Ebenen erreichen – sie gehen durch den Körper hindurch, wirken überall und berühren uns auf eine Weise, die kaum eine andere Methode in dieser Form schafft. Es ist tatsächlich etwas, das einfach funktioniert. Als ich selbst zum ersten Mal damit in Berührung kam, war ich sehr skeptisch. Doch als ich mich darauf eingelassen habe, habe ich gemerkt: Wow, das funktioniert wirklich. Das hat mich so beeindruckt, dass ich angefangen habe, tiefer zu recherchieren – ich habe Studien gelesen, Bücher verschlungen, Kurse besucht. Und dabei wurde mir klar, dass unglaublich viel Wissen und auch Wissenschaft hinter dieser Praxis steckt. Heute bin ich überzeugt: Klangtherapie ist eine der leicht zugänglichen Möglichkeiten, um in tiefe Entspannung zu kommen und dem Nervensystem ein echtes Reset zu schenken. Vielleicht hört man auch gerade deshalb so viel davon – weil immer mehr Menschen merken, wie wertvoll diese Erfahrung gerade in unserer schnelllebigen Zeit sein kann.

In einer Sound-Meditation begleiten die Klänge der Kristallklangschalen die Teilnehmer auf ihrer Reise zurück zu sich selbst. (Foto: Lisa Schuster)

Healthy Lady:
Viele Menschen fragen sich, wie man überhaupt zu einer so ungewöhnlichen Praxis kommt. Was hat dich selbst dazu inspiriert, Sound Medicine zu praktizieren – und gab es einen besonderen Moment, der deine Arbeit verändert hat?

Lisa Schuster:
Mein Weg zur Klangtherapie war tatsächlich eng mit meiner eigenen Leidensgeschichte verbunden. Lange Zeit habe ich unter starkem Leistungsdruck gestanden und mich sehr über Perfektionismus und äußere Erfolge definiert. Irgendwann konnte mein System das nicht mehr tragen – es kam zu einem Zusammenbruch, der mich gezwungen hat, innezuhalten.

In dieser Phase habe ich begonnen, mich für andere Heilmethoden und neue Ansätze zu öffnen. Gleichzeitig habe ich die Musik wiederentdeckt – ein Teil von mir, den ich zuvor fast vergessen hatte. Ich bin DJ geworden, habe parallel zu meinem Medizinstudium intensiv mit Musik gearbeitet und mich auf Reisen immer tiefer mit Sound Healing beschäftigt.

Der Schlüsselmoment war meine erste Klangmeditation mit Kristallklangschalen. Diese Erfahrung war so tiefgreifend, dass sie mich vollkommen verändert hat. Ich habe plötzlich wieder Zugang zu mir selbst gefunden, meine innere Stimme gehört und gespürt, welchen Weg ich wirklich gehen darf. Dieses Erlebnis hat mich so nachhaltig geprägt, dass ich wusste: Das ist mein Weg – und seitdem hat mich die Arbeit mit Klängen nicht mehr losgelassen.

Wie bei Wasser, in das ein Stein fällt, breiten sich auch im menschlichen Körper die Schwingungen aus: Die Vibration einer Quarzglas-Klangschale wandert wellenartig durch den Körper – bis in die kleinsten Zellen. (Foto: Lisa Schuster)

„Diese Erfahrung war so tiefgreifend, dass sie mich vollkommen verändert hat.“

Healthy Lady:
Instrumente haben eine unglaubliche Wirkung, doch nicht jeder versteht sofort, warum. Manche Klänge wirken beruhigend, andere energetisierend. Welche Instrumente nutzt du am liebsten in deinen Klangmeditationen – und warum empfindest du gerade deren Schwingungen als so heilsam?

Lisa Schuster:
Ich bin ganz klar Expertin für Kristallklangschalen – und das hat sich mit der Zeit ganz natürlich entwickelt. Von Anfang an habe ich mich zu diesen Instrumenten am stärksten hingezogen gefühlt und ihre Wirkung am intensivsten gespürt. Ihre Schwingungen gehen unglaublich tief und berühren uns auf emotionaler, spiritueller, mentaler, aber auch auf körperlicher Ebene.

Für mich sind die Kristallklangschalen deshalb mein absolutes Go-to-Instrument. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass es nicht nur um das reine Spielen geht: Hintergrundwissen, das Verständnis für die verschiedenen Spieltechniken und die Kombination der Schalen sind entscheidend. Nur so kann ein Klangraum entstehen, der wirklich transformativ wirkt und tiefe Entspannung ermöglicht. Das gilt im Grunde für jedes Instrument – die Kunst liegt darin, bewusst und mit Wissen einen sicheren Raum mit Klängen zu kreieren.


Transformation beginnt im Inneren

Healthy Lady:
Man hört oft von Menschen, die durch Klangtherapie erstaunliche Veränderungen erlebt haben. Hast du besondere Geschichten oder Erfahrungen von Menschen, die durch Klangtherapie eine überraschende Veränderung erlebt haben?

Lisa Schuster:
Definitiv. Bei mir selbst hat es angefangen – ich habe gemerkt, dass regelmäßiges Arbeiten mit Klängen eine tiefe innere Transformation bewirken kann. Wir suchen so oft nach Veränderung im Außen, dabei beginnt echte Transformation im Inneren. Genau dort setzen die Klänge an: Sie wirken auf bewussten und unterbewussten Ebenen, helfen uns, Dinge zu verarbeiten und zu integrieren, die sonst schwer zugänglich sind.

Das hat mich von Anfang an fasziniert und überzeugt. Und heute, nachdem ich bereits hunderte Menschen im Bereich Sound Medicine ausgebildet habe, bekomme ich immer wieder Rückmeldungen, wie sehr sich ihr Leben verändert hat, seit sie Klänge in ihren Alltag integriert haben. Natürlich ist es wichtig zu betonen: Eine einzige Session kann schön sein, aber die wirklich nachhaltige Wirkung entsteht durch regelmäßige Praxis.


Healthy Lady:
Viele wissen nicht, wie Klang wirkt – spürt man es eher körperlich oder emotional? Wie erleben Menschen die Wirkung der Klangtherapie?

Lisa Schuster:
Das Spannende ist: Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Klänge – und das ist auch genau das Schöne daran. Manche spüren sofort eine tiefe körperliche Entspannung, andere erleben emotionale Prozesse, wieder andere berichten von spirituellen Erfahrungen. Oft ist es auch eine Kombination von allem.

Mein Ansatz ist deshalb sehr individuell. Ich frage Menschen: Welcher Klang berührt dich? Welcher Klang macht etwas mit dir? Denn genau das ist der Klang, mit dem man arbeiten darf. Diese Resonanz kann sich im Laufe der Zeit verändern, je nachdem, wo man gerade im Leben steht. Das macht die Arbeit mit Klängen so lebendig und vielseitig.

„Ich habe plötzlich wieder Zugang zu mir selbst gefunden und meine innere Stimme gehört.“


Healthy Lady:
Es gibt ganz unterschiedliche Lebenssituationen, in denen Menschen nach Heilung oder Entspannung suchen. Gibt es Beschwerden oder Lebenssituationen, bei denen Klangtherapie besonders hilfreich sein kann?

Lisa Schuster:
Ich bin überzeugt, dass Klangtherapie in nahezu jeder Lebenssituation hilfreich sein kann, weil sie das Nervensystem reguliert und Stress reduziert. Und Stress ist nach heutigem Wissen bei etwa 95 Prozent aller Erkrankungen ein Mitfaktor.

Gerade darin liegt die Stärke der Klänge: Sie bringen uns zurück in Harmonie und Balance. Natürlich muss man individuell schauen, was gerade passt. Für manche Menschen ist es am Anfang sinnvoll, mit kürzeren Sessions zu starten, andere können sofort in längere Klangräume eintauchen. Wichtig ist, das gemeinsam mit dem Praktizierenden herauszufinden.

Ein Sound-Medicine-Workshop unter freiem Himmel – hier in der Wüste, einem Ort von Weite, Stille und Präsenz.
(Foto: Lisa Schuster)

Klang im Alltag – Heilung zwischen Tür und Termin

Healthy Lady:
Viele Menschen wünschen sich, Klangtherapie in den Alltag zu integrieren, wissen aber nicht genau wie. Gerade wer wenig Zeit hat, sucht nach praktikablen Möglichkeiten. Wie lässt sich Klangmedizin im Alltag nutzen?

Lisa Schuster:
Es ist tatsächlich sehr einfach, Klangtherapie in den Alltag zu integrieren. Wer live etwas erleben möchte, kann vor Ort nach Angeboten suchen – auf meiner Website gibt es zum Beispiel eine Liste von Praktizierenden, die ich selbst ausgebildet habe, in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Für alle, die lieber zu Hause beginnen wollen oder wenig Zeit haben, gibt es zahlreiche Möglichkeiten online. Auf YouTube oder Spotify findet man viele geführte Sound-Meditationen. Ich selbst habe außerdem einen eigenen Membership-Bereich entwickelt, in dem Meditationen von drei Minuten bis über eine Stunde zur Verfügung stehen. So kann man immer die passende Länge wählen, ob für eine kurze Pause in der Mittagspause oder eine längere Session am Abend zum Einschlafen. Das macht Klangtherapie unglaublich flexibel und alltagstauglich.


Healthy Lady:
Klangtherapie wird leider immer noch oft missverstanden. Manche denken, es sei nur esoterischer Schnickschnack, andere sind skeptisch gegenüber den Ergebnissen. Welche Missverständnisse oder Vorurteile begegnen dir oft – und wie räumst du sie aus?

Lisa Schuster:
Genau das, was du beschreibst, erlebe ich häufig: Viele schieben Klangtherapie sofort in die esoterische Ecke und sagen, „Das ist nichts für mich“, vor allem, wenn sie mit Spiritualität nichts anfangen können. Was dabei oft übersehen wird: Die Wirkung von Klängen ist wissenschaftlich gut untersucht. Es gibt zahlreiche Studien im Bereich Musik und Frequenzmedizin, die belegen, wie stark Klänge auf Körper und Psyche wirken können.

Darum lade ich Menschen ein, ihre Vorurteile kurz beiseite zu legen und es einfach auszuprobieren. Man muss nicht mit einem bestimmten Glauben oder einer Erwartung kommen – nur offen für die Erfahrung sein und schauen: Was macht es mit mir persönlich?

„Wir suchen so oft nach Veränderung im Außen, dabei beginnt echte Transformation im Inneren.“


Healthy Lady:
Viele Menschen sind neugierig, aber unsicher, ob Klangtherapie wirklich etwas bringt. Was würdest du jemandem raten, der interessiert, aber skeptisch ist?

Lisa Schuster:
Ganz klar: einfach ausprobieren. Jeder reagiert anders auf Klänge, und jede Session ist einzigartig. In einer Sitzung kann die Wirkung körperlich sein, in einer anderen vielleicht stark emotional – manchmal zeigen sich Prozesse sogar erst in den Tagen danach.

Das Schöne ist: Klangtherapie ist nahezu nebenwirkungsfrei, nur in einigen Fällen wie beispielsweise bei psychischen Vorerkrankungen oder einer Epilepsie sollte eine Session nur mit einem therapeutisch ausgebildeten Praktizierenden durchgeführt werden.

Die Räumlichkeiten eines Klangtherapie-Workshops – warm, klar und bewusst gestaltet, um einen sicheren Raum für Entspannung und innere Prozesse zu schaffen. (Foto: Lisa Schuster)

Die Zukunft der Klänge – Heilung wird hörbar

Healthy Lady:
Die Zukunft der Klangmedizin scheint spannend zu sein, ist aber noch nicht überall angekommen. Wie siehst du die Entwicklung, wird Klangmedizin in den kommenden Jahren bekannter und mehr anerkannt werden?

Lisa Schuster:
Als ich vor fünf Jahren mein Unternehmen gegründet habe, war Klangtherapie noch sehr unbekannt. Viele Menschen konnten mit dem Begriff gar nichts anfangen. Ich wusste jedoch aus eigener Erfahrung: Wenn es bei mir so stark wirkt, dann wird es auch bei vielen anderen etwas bewirken. Meine Vision war damals schon, dass es eines Tages Soundhealing-Studios an jeder Ecke geben könnte.

Und tatsächlich – heute, nur wenige Jahre später, hat sich unglaublich viel verändert. Klangtherapie hat einen riesigen Sprung gemacht. Immer mehr Menschen kennen es, immer mehr wollen es praktizieren. Meine Ausbildungen sind inzwischen regelmäßig ausgebucht, was zeigt, dass das Interesse stetig wächst. Ich bin überzeugt: Dieser Trend wird weitergehen. Wir brauchen mehr Menschen, die die Klänge in die Welt tragen – und ich sehe, dass genau das bereits geschieht.


„Klangtherapie ist eine der leicht zugänglichen Möglichkeiten, um dem Nervensystem ein echtes Reset zu schenken.“

Healthy Lady:
Wie sehen deine Kurse aus, was erleben die Teilnehmer und für wen sind sie am besten geeignet?

Lisa Schuster:
Meine Vision war von Anfang an, die Klänge weiter in die Welt zu bringen. Deshalb habe ich vor fünf Jahren das Sound Medicine Institute Germany gegründet. Dort biete ich verschiedene Programme und Zertifizierungen an, sodass für jeden etwas dabei ist.

Wer ganz neu einsteigen möchte, kann zum Beispiel mit einem Online-Selbstlernkurs beginnen. Andere bevorzugen ein kompaktes Wochenende vor Ort, bei dem sie auch praktisch in die Arbeit mit Klängen eintauchen. Und für alle, die wirklich in die Tiefe gehen wollen, gibt es mein größtes Programm: das Sound Medicine Coach-Programm.

Dort beschäftigen wir uns intensiv mit der Wissenschaft und Spiritualität hinter den Klängen, lernen unterschiedliche Instrumente kennen, erfahren die Wirkung am eigenen Körper und auch die Business-Seite kommt nicht zu kurz. Die Teilnehmer lernen, wie sie Klangmedizin nicht nur für sich selbst nutzen, sondern auch professionell anbieten und ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können. So ist für jeden etwas dabei, egal ob man Klangtherapie erstmal für sich selbst entdecken möchte oder den Wunsch hat, sie beruflich in die Welt zu tragen.

Lisa Schuster leitet einen Klangtherapie-Workshop – im Mittelpunkt stehen Achtsamkeit, Frequenz und innere Ruhe. (Foto: Lisa Schuster)

Wenn moderne Medizin neue Wege geht

Klangtherapie ist für viele kein kurzfristiger Trend, sondern ein Bereich, den immer mehr Menschen als Ergänzung zu klassischen Formen der Gesundheitsfürsorge entdecken. Lisas Arbeit zeigt, dass sich Medizin, Achtsamkeit und Klang durchaus verbinden lassen, besonders in einer Zeit, in der viele Menschen wieder stärker auf ihr eigenes Wohlbefinden achten.



„Zwischen Genie und Überforderung: Valerias Leben mit einem hochbegabten Kind“

Als gelernte Erzieherin mit 15 Jahren Berufserfahrung kennt Valeria (37) jedes Entwicklungsschema. Doch als ihr Sohn vor neun Jahren zur Welt kommt, stoßen klassische Ratgeber schnell an ihre Grenzen. Während andere Kinder im Sandkasten spielen, beobachtet ihr Zweijähriger die Welt mit einer Intensität, die auffällt. Er stellt Fragen über den Tod, das Universum und Gott, lange bevor er sicher Fahrrad fährt.

Was folgt, ist ein jahrelanger Weg voller Fragen, der die Familie von der Großstadt München zurück in die beschauliche Kleinstadt Bad Neustadt an der Saale führt. Eine Zeit, die geprägt ist von Zweifeln, ärztlichen Fehldiagnosen und der Isolation einer Mutter, die auf dem Spielplatz plötzlich nicht mehr dazugehört, weil ihr Kind „anders“ ist. Erst Jahre später bringt ein Test Gewissheit: Valerias Sohn gehört zu den wenigen Menschen mit einem IQ von über 130.

Hochbegabung ist keine Frage von Fleiß, sondern eine neurobiologische Besonderheit. Das Gehirn arbeitet anders. Es verarbeitet Informationen schneller, vernetzt sie dichter und denkt tiefer. Trotzdem halten sich Klischees hartnäckig. Viele denken bei Hochbegabung an kleine Genies mit Hornbrille und Geige, die Relativitätstheorien zerlegen. Während diese Wunderkinder tatsächlich existieren, bilden sie nur einen winzigen Bruchteil dessen ab, was Hochbegabung eigentlich bedeutet. In der Realität ist Hochbegabung oft unsichtbar, manchmal anstrengend und selten deckungsgleich mit perfekten Schulnoten.

Im Interview spricht Valeria offen über die Kehrseite der Medaille. Sie erklärt, warum hochbegabte Kinder oft wie kleine „Sheldon Coopers“ wirken, warum das Schulsystem bei ihnen an seine Grenzen stößt und wie sie heute andere Eltern begleitet und ihnen den Stupser gibt, den sie selbst so dringend gebraucht hat. Ein Gespräch über die Herausforderung, einen Platz in einer Welt zu finden, die für den Durchschnitt gemacht ist.


Die ersten Anzeichen: Wenn das Kind aus dem Raster fällt

Healthy Lady: Das Thema Hochbegabung wird oft missverstanden. Viele denken direkt an „kleine Einsteins“ oder „Wunderkinder“, aber für Eltern bedeutet es oft eine tägliche Herausforderung. Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass dein Sohn sich anders entwickelt als Gleichaltrige?

Valeria: Das erste Mal, dass ich auf den Gedanken „Hochbegabung“ gekommen bin, war zwischen seinem zweiten und dritten Lebensjahr. Es war wieder einmal ein Tag, an dem ich abends fix und fertig war und nicht wusste, was mit ihm los ist. Er hatte nie wirklich Freunde. Ich habe mich mit zwei Müttern verabredet, deren Kinder im gleichen Alter waren. Die Kinder spielten zusammen auf dem Spielplatz, während mein Sohn bei mir saß und Angst hatte, den Sand anzufassen. Er ist mit einer geschlossenen Faust geklettert, wollte barfuß nicht über die Wiese laufen oder im Pool plantschen. Er hat sich bei den Spieldates von sich aus isoliert. Er wirkte irgendwie anders, und so habe auch ich mich etwas distanziert. Das hat mich verletzt, weil ich irgendwann nicht mehr gefragt wurde.

Eines Abends habe ich gegoogelt und wollte wissen, was das Internet so ausspuckt. Über Umwege bin ich auf „Merkmale einer Hochbegabung“ gestoßen.

Mein Sohn hat mich mit zweieinhalb Jahren über den Tod ausgefragt.“


Healthy Lady: Woran hast du gemerkt, dass dein Sohn anders denkt, unabhängig von Schulnoten und Klischees?

Valeria: Wir standen im Stau in München nach der Krippe, und er fragte mich plötzlich: Was passiert, wenn wir sterben? Warum müssen wir sterben? Wie sieht Gott aus? Warum leben wir?

Er konnte grammatikalisch richtig sprechen und hatte einen großen Wortschatz. Er kannte alle Farben, auch Begriffe wie Türkis, Hell- und Dunkelblau. Schon mit zwei Jahren bekam er sein erstes Lego-Set und konnte es direkt zusammenbauen. Er war sehr neugierig. Nur das Schlafen war eine absolute Katastrophe, bis heute. Auch das Sozialverhalten war schwierig, besonders Freundschaften. Er war sehr ängstlich in neuen Situationen. Fahrradfahren zu lernen war sehr schwierig und hat lange gedauert. Er sagte immer: „Wenn ich hinfalle, tue ich mir weh“, obwohl er vorher nie Fahrrad gefahren ist.

Die Anzeichen sind im Alltag ständig präsent, in verschiedenen Situationen. Hochbegabte Kinder sind oft in der Grundschule gut, aber später können sie abrutschen, wenn sie nicht erkannt werden. Hochbegabung fällt also nicht unbedingt durch Schulnoten auf, sondern schon viel früher.

Oft werden Kinder erst erkannt, wenn sie in der Schule stören oder den Klassenclown spielen, dann wird schnell ADHS vermutet. Mein Sohn hat zum Beispiel schon in der Kinderkrippe an Sankt Martin das ABC-Lied gesungen. Wir wissen bis heute nicht, wie er sich das beigebracht hat.

Gemeinsame Zeit ist Valeria sehr wichtig – genauso wie die Privatsphäre ihres neunjährigen Sohnes, dessen Name im Interview nicht genannt wird. (Foto: Valeria)

Healthy Lady: Wie unterscheidet sich ein hochbegabtes Kind in deiner Wahrnehmung von einem Kind, das einfach nur „sehr gut“ gefördert oder besonders fleißig ist?

Valeria: Ein hochbegabtes Kind eignet sich Wissen selbstständig an, es ist ständig am Lernen. Als mein Sohn sprechen gelernt hat, hat er alles wiederholt, was wir gesagt haben, und es sich gemerkt. Er hat die Wörter dann selbstständig verwendet, um sie zu festigen. Der Spracherwerb ging extrem schnell.

Ich erinnere mich auch daran, wie er die Farben gelernt hat. Das hat etwa drei Tage gedauert. Er hatte ein Puzzle aus Schaumstoff mit verschiedenen Farben. Mehrmals am Tag fragte er: „Was ist das für eine Farbe?“ Besonders bei Türkis hat er immer wieder nachgefragt. Dann hatte er es verstanden und für sich abgeschlossen. Danach hat er uns die Farben selbstständig benannt, die er gesehen hat.

Das ist kein Fleiß. Er lernt nichts, was ihn nicht interessiert. Er wirkt eher faul. Hausaufgaben oder Lernen sind oft ein Kampf, weil er keine Lust hat. Er sagt immer, er kann es und oft stimmt das auch. Fleißige Kinder lernen gezielt und brauchen Wiederholungen. Hochbegabte Kinder lernen durch Verstehen. Sie erkennen Zusammenhänge und können das Wissen jederzeit wieder abrufen.


Healthy Lady: In welchem Alter habt ihr euch für eine offizielle Diagnostik entschieden? Wie muss man sich den Test vorstellen – eher spielerisch oder wie eine Prüfungssituation?

Valeria: Ich wollte ihn schon mit fünf Jahren testen lassen, aber mein Mann war damals noch nicht davon überzeugt. Ein hochbegabter sieht nicht zwingend wie ein Wunderkind aus. Er wirkt oft ganz normal, ist aber gleichzeitig sehr fordernd. Letztendlich haben wir unseren Sohn mit acht Jahren testen lassen. Der IQ-Test wurde von einer Psychologin durchgeführt, die selbst hochbegabt ist und sich mit dem Thema auskennt. Wir haben etwa 500 Euro bezahlt.

Der Test dauerte ungefähr eine Stunde. Er ist spielerisch aufgebaut und die Kinder empfinden ihn eher wie das Lösen von Rätseln. Die Aufgaben beginnen leicht und werden immer schwieriger. Am Ende wird geschaut, wie weit das Kind im Vergleich zu anderen Kindern gleichen Alters gekommen ist. Getestet wurde mit dem WISC-V. Ab einem IQ von über 130 gilt man offiziell als hochbegabt.


Healthy Lady: Was hat sich durch die Diagnose konkret für euch verändert?

Valeria: Wir sind als Familie deutlich gelassener geworden. Viele Verhaltensweisen können wir jetzt besser einordnen. Zum Beispiel sein ständiges „gleich“. Mein Kind ist so vertieft in seinen Gedanken, dass er sich schwer von ihnen lösen kann.

Auch beim Schlafen hat sich unser Verständnis verändert. Egal wann wir ihn ins Bett bringen – vor 22 Uhr schläft er selten ein. Jetzt wissen wir, dass er schwer abschalten kann. Es gab auch körperliche Auffälligkeiten, wie Tics, besonders in Zeiten von Unterforderung. Einmal dachten wir sogar an Epilepsie und haben eine Untersuchung machen lassen. Ein Hobby zu finden ist ebenfalls schwierig. Klassische Vereinsangebote langweilen ihn oft. Beim Handball war er zwar dabei, aber ohne Freude.

Mit einem offiziellen Test hat man etwas „in der Hand“. Ich wollte die Gewissheit, dass ich mich nicht irre und dass meinem Sohn gezielt geholfen werden kann. Die Diagnose gab mir Sicherheit im Umgang mit ihm.

„Die Tage kamen mir oft endlos lang vor und ich hatte morgens schon Angst vor dem, was kommt. Ich wusste einfach nicht, was ich ihm noch anbieten soll.“


Zu viele Reize, zu viele Gefühle

Healthy Lady: Hochbegabung geht oft Hand in Hand mit Hochsensibilität. Kämpft ihr im Alltag mit starken emotionalen Ausbrüchen oder schneller Reizüberflutung?

Valeria: Ja, sehr. Beim Essen ist er extrem wählerisch. Er isst nur das, was er kennt. Mittlerweile möchte er aus ethischen Gründen auch kein Fleisch mehr essen. Wurst und Käse hat er allerdings noch nie gegessen, das fand er schon als Kleinkind eklig.

Wenn es Streit mit Freunden gibt, trifft ihn das sehr. Er war mal mit einem Mädchen aus seiner Klasse eng befreundet, sie mochten sich wirklich sehr. Doch dann hat sie sich ihm gegenüber nicht mehr fair verhalten. Es war nichts Dramatisches, sie hat sich einfach einem anderen Kind mehr zugewandt. Dazu kamen ein paar Äußerungen, die ihn verletzt haben. Er hat mehrere Tage geweint und immer wieder gefragt: „Was mache ich denn immer falsch? Warum werde ich so blöd behandelt?“

Schon als Kleinkind war er sehr sensibel gegenüber Reizen. Als er noch ein Baby war, waren wir in Florida, und er hatte Angst vor dem Strand. Wir sind dann mit dem Buggy rückwärts Richtung Meer gefahren, damit er den Ozean nicht sieht. Wenn er auf dem Strandtuch saß, war es für ihn in Ordnung – wahrscheinlich, weil es dann nicht mehr so überwältigend wirkte.

Meine Tochter, bei der wir ebenfalls Hochbegabung vermuten, ist auch sehr sensibel, vor allem gegenüber Sinnesreizen. Sie reagiert stark auf Gerüche und ist empfindlich bei Kleidung – Socken, Strumpfhosen, Schuhe oder kratzige Stoffe sind für sie oft schwer auszuhalten.


Healthy Lady: Fühlst du dich als Mutter manchmal von der schieren Intensität und dem Wissensdurst deines Kindes überfordert?

Valeria: Ja, absolut. Ich konnte seinen Wissensdurst nie wirklich stillen. Die Tage kamen mir oft endlos lang vor und ich hatte morgens schon Angst vor dem, was kommt. Ich wusste einfach nicht, was ich ihm noch anbieten soll. Spielplätze waren für ihn nicht besonders spannend. Deshalb waren wir oft in Kirchen, in der Bücherei oder an der Isar. Wir haben gebastelt, geschrieben, gemalt und gebaut. Ich habe so viele Tonies zu Hause, aber die hat er alle durchgehört. Mit zweieinhalb Jahren hat er Bügelperlen für sich entdeckt, und damit hat er sich bis etwa fünf Jahre intensiv beschäftigt. Ein Hörspiel im Hintergrund und unzählige Bügelperlenbilder – das war lange seine Welt.

Heute ist es immer noch anstrengend, aber etwas einfacher, weil er sich viele Informationen selbst beschafft. Trotzdem springt er ständig von einer Idee zur nächsten und oft braucht er mich dann auch dafür. Wenn ich keine Zeit habe, kippt die Stimmung schnell.

Valeria mit ihrem Sohn während eines gemeinsamen Ausflugs. (Foto: Valeria)

Hochbegabt, unterfordert, allein: Ein Alltag abseits der Norm

Healthy Lady: Was sind deine größten Sorgen für die Zukunft deines Sohnes? Hast du Angst vor sozialer Ausgrenzung oder einer Unterforderung im System?

Valeria: Ich habe vor allem Angst, dass er seinen Platz nicht findet. Ich erkenne vieles von mir in ihm wieder und weiß, dass hochbegabte Menschen oft sehr sprunghaft sind, weil sie sich schnell langweilen. Im Arbeitsleben kann das schwierig werden, weil vieles nach einer gewissen Zeit eintönig wirkt.

Er sagt jetzt schon, dass er nicht weiß, was er später machen möchte. Mal will er Wissenschaftler, dann Architekt, Ingenieur, Astrologe, YouTuber oder Schauspieler werden. Aktuell beschäftigt mich eher die Sorge, dass ich ihn zu wenig fördere oder dass wir noch nicht herausgefunden haben, was ihm langfristig wirklich Spaß macht und wobei wir ihn gezielt unterstützen können.

Wir haben schon viele Vereine ausprobiert, aber er findet alles schnell langweilig. Er spielt Klavier, und ansonsten sind wir viel in Museen unterwegs oder machen Ausflüge in Städte. Er hat große Wünsche. Er möchte zum Beispiel nach Japan reisen oder einmal einen Airbus A380 fliegen. Seine Vorstellungen werden immer größer.

Er hat eine VR-Brille und einen 3D-Drucker. Mir ist bewusst, dass das ungewöhnlich ist, aber mit klassischen Spielsachen gibt er sich schon lange nicht mehr zufrieden. Weihnachten 2024 war besonders schwierig. Wir wussten nicht, was wir ihm schenken sollen. Am Ende haben wir ihm verschiedene Dinge unter dem Tannenbaum gelegt. Doch statt Freude flossen bitterliche Tränen, weil nichts dabei war, was er sich wirklich gewünscht hat, obwohl er selbst auch nicht sagen konnte, was er möchte.

Das macht den Alltag oft herausfordernd. Er wird älter, und wir sind immer noch auf der Suche nach dem, was ihn wirklich begeistert. Als Nächstes wollen wir mit ihm Go-Kart fahren ausprobieren. Vielleicht gefällt ihm das. Aber selbst beim Sport ist er zurückhaltend, weil er vieles als zu gefährlich empfindet.


Wie sich „Wunderkinder“ selbst wahrnehmen

Healthy Lady: Wie geht er selbst mit seinem Wissen um? Empfindet er seine schnellen Gedankengänge als ganz natürlich oder reflektiert er bereits, dass er anders denkt als seine Freunde?

Valeria: Er sagt selbst, dass seine Freunde ihn oft nicht verstehen. Wenn er sich für etwas interessiert, geht er sehr tief in das Thema hinein und erzählt dann auch ausführlich davon. Seine Freunde steigen dabei irgendwann aus, weil sie nicht mehr mitkommen. Er merkt das natürlich, entweder wird ihm nicht mehr richtig zugehört oder die anderen Kinder sagen ganz offen: „Ich verstehe das nicht.“ Das macht den Alltag für ihn schwierig, weil er niemanden hat, der seine Interessen wirklich teilt oder auf seinem Niveau mitgehen kann. Gleichgesinnte zu finden, ist nicht einfach. Ich hoffe, dass sich das mit dem Wechsel aufs Gymnasium verändert und er dort Kinder trifft, die ähnlich denken wie er.

Hochbegabte Kinder lernen durch Verstehen. Sie erkennen Zusammenhänge und können das Wissen jederzeit wieder abrufen.


Healthy Lady: Wie zeigt sich die Hochbegabung deines Sohnes im sozialen Miteinander mit anderen Kindern?

Valeria: Im Kindergarten hat eine Erzieherin einmal gesagt, sie habe noch nie ein Kind erlebt, das so sozial ist. Er hat oft die „benachteiligten“ Kinder, z.B. Kinder, die die Sprache noch nicht konnten oder die Jüngeren – ganz selbstverständlich in sein Spiel integriert. Er ist dabei ein bisschen wie ein kleiner Lehrer. Er überlegt sich Projekte, zum Beispiel ein Haus aus Lego zu bauen, und verteilt dann Aufgaben an die anderen Kinder. Die Erzieherin war total begeistert davon.

Auch auf dem Pausenhof erfindet er eigene Spiele und plötzlich spielt die ganze Schule mit. Dabei achtet er immer darauf, dass alle eingebunden sind. Er setzt oft Trends aus seinen eigenen Interessen heraus. Eine Zeit lang haben sich alle für das Universum interessiert, rund um Weihnachten war es Harry Potter, aktuell sind es Flugzeuge.

Wenn ihn allerdings jemand verletzt, zieht er sich konsequent zurück. Dann möchte er mit dem Kind nicht mehr spielen und rennt auch niemandem hinterher. Er bleibt dann lieber für sich allein.


Healthy Lady: Was passiert mit dem Selbstwertgefühl eines Kindes, wenn es merkt, dass ihm vieles „zufliegt“, während andere hart arbeiten müssen?

Valeria: Das ist ein schwieriges Thema. Er lernt eigentlich nicht, aber er kann es trotzdem. Ich sage bewusst „noch“, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem er wirklich lernen muss. Und dann wird es schwierig, weil er nie gelernt hat, wie Lernen überhaupt funktioniert.

Ich setze mich trotzdem mit ihm hin, und wir wiederholen die Inhalte gemeinsam. In den Tests macht er oft Leichtsinnsfehler oder liest Aufgaben nicht richtig zu Ende. Dadurch verliert er Punkte, und am Ende wird es vielleicht „nur“ eine Zwei, obwohl er den Stoff eigentlich komplett verstanden hat.

Das Selbstwertgefühl ist nochmal ein anderes Thema, das war bei ihm von Anfang an nicht besonders stark. Schon in der Kinderkrippe hat er gesagt: „Ich kann das nicht, mach du das.“ Und bis heute sieht er selbst gar nicht, wie toll er ist und wieviel er eigentlich kann. Ich sage es ihm zwar, aber er hat oft das Gefühl, dass die anderen besser sind.


Zu klug fürs System? Wenn Schule nicht mehr reicht

Healthy Lady: Wie fördert man ein hochbegabtes Kind richtig, ohne in die Falle des „Drillens“ zu tappen oder unnötigen Leistungsdruck aufzubauen?

Valeria: Ehrlich gesagt habe ich darauf keine richtige Antwort. Ich habe das Gefühl, wir fördern ihn vor allem im Alltag. Wenn er zum Beispiel fragt, was die Zahl „Pi“ ist, erklären wir es ihm und am Ende weiß er oft mehr als wir. Oder er erklärt mir Dinge wie Astralreisen und wie sie funktionieren sollen.

Ich schaue, dass ich ihn bei Ferienprogrammen anmelde, die ihn interessieren könnten. Er ist bei einer Kinderuni angemeldet, und wir fahren viel in verschiedene Städte, schauen uns Sehenswürdigkeiten an und gehen in Planetarium oder Museen, da sind wir quasi Dauergäste. Wir kaufen viele Bücher, und er darf auch YouTube schauen. Darüber holt er sich viel Wissen, genau zu den Themen, die ihn interessieren.

Meine größte Sorge ist, dass er unterfordert ist und wir sein Potenzial nicht richtig ausschöpfen. Gleichzeitig macht er nichts, was ihm keinen Spaß macht und ihn zu etwas zu zwingen, würde bei ihm einfach nicht funktionieren.


Healthy Lady: Stößt das normale Schulsystem bei euch an Grenzen? Benötigt dein Sohn spezielle Programme oder vielleicht sogar eine spezialisierte Schule?

Valeria: Noch nicht. Er sagt zwar, dass es manchmal etwas langweilig ist, aber er arbeitet nicht besonders schnell. Ihm ist wichtig, dass alles perfekt ist, durch seinen Perfektionismus kann er gar nicht schnell sein. Die Lehrerin ist informiert, und er fällt im Unterricht nicht negativ auf. Meine Sorge ist eher, dass er sich innerlich zurückzieht und vielleicht sogar in eine depressive Stimmung rutscht. Ein Überspringen der Klasse wollte er selbst nicht. Theoretisch könnte er schon bis eine Million rechnen, aber hochbegabte Kinder haben oft ein geringes Selbstvertrauen und trauen sich solche Schritte nicht zu.

Nach dem Sommer kommt er in die vierte Klasse, und danach steht der Wechsel aufs Gymnasium an. Unser Gymnasium hier in der Kleinstadt hat wohl auch eine Beratung für Hochbegabung, und ich hoffe, dass er dort die passende Förderung bekommt.


Healthy Lady: Wie reagieren Lehrer, wenn man das Thema Hochbegabung anspricht? Erfährt man dort Unterstützung oder stößt man eher auf Skepsis?

Valeria: Als in der Vorschule sich die Hinweise auf die Hochbegabung weiter massiv verstärkten, kontaktierte ich einen Schulpsychologen. Er hat mich an eine Schulsozialpsychologin der Grundschule verwiesen. Mit ihr hatte ich mehrere Telefonate, und sie meinte, wir sollten erst einmal die Einschulung abwarten. Etwa vier Wochen nach Schulstart habe ich mich wieder bei ihr gemeldet. Sie sagte mir, sie habe mit der Klassenlehrerin gesprochen, und die Einschätzung sei: Mein Sohn sei ein ganz normaler Erstklässler. Ich habe daraufhin gefragt, woran man denn einen „ganz normalen“ Erstklässler erkennt – darauf habe ich leider nie eine Antwort bekommen.

Heute ist er in der dritten Klasse und wir haben jetzt eine neue Klassenlehrerin. Sie ist offen, interessiert und wirklich bemüht, ihn zu unterstützen. Sie hat sich auch informiert, was sie ihm im Unterricht zusätzlich anbieten kann. Da er nicht negativ auffällt, also weder durch Stören noch durch schlechte oder beste Noten – ist es für viele Lehrer einfach, ihn „mitlaufen“ zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass das für Lehrkräfte dann deutlich herausfordernder ist.

Als Mutter von zwei Kindern kennt Valeria die besonderen Herausforderungen im Alltag mit hochbegabten Kindern. Über soziale Netzwerke teilt sie ihre Erfahrungen und steht anderen Eltern unterstützend zur Seite. (Foto: Valeria)

Wenn dein Kind ein hohes IQ hat

Healthy Lady: Liebe Valeria, vielen dank, dass du uns so offen und ehrlich deine Geschichte erzählt hast. Wenn du heute auf eure Reise zurückblickst: Was ist dein wichtigster Rat an Mütter, die gerade erst am Anfang stehen und sich aufgrund der ersten Anzeichen noch unsicher sind?

Valeria: Macht euch nicht verrückt und lasst die anderen reden. Ich habe so viele Ratschläge bekommen, dass ich irgendwann total verunsichert war und dachte, mein Kind sei „komisch“. Lasst euch nicht stressen und vergleicht euer Kind nicht ständig mit anderen. Wenn ihr das Gefühl habt, da ist etwas anders, dann ist da meistens auch etwas anders. Dieses Gefühl täuscht einen nicht.

Versucht, euer Kind zu entlasten. Wenn es zum Beispiel nicht in den Kindergarten gehen möchte, schaut, ob es andere Möglichkeiten gibt oder wie man die Situation für das Kind angenehmer gestalten kann. Gleichzeitig kann es helfen, sich über typische Anzeichen zu informieren, um dann die nächsten Schritte einleiten zu können.

Ich habe damals selbst angefangen zu recherchieren, habe über Facebook Gruppen andere Eltern gesucht, die Ähnliches erleben, und schließlich meinen TikTok-Account gestartet. Mir ist es wichtig, anderen Eltern das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind, dass es jemanden gibt, der sie versteht und weiß, wie sich diese Unsicherheit anfühlt.

„Er lernt eigentlich nicht, aber er kann es trotzdem. Ich sage bewusst ‚noch‘, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem er wirklich lernen muss.“


Mehr als man denkt: Hochbegabung in Zahlen

Laut statistischen Erhebungen gelten etwa 2 % bis 3 % der Kinder in Deutschland als hochbegabt. Das bedeutet, dass in fast jeder dritten oder vierten Schulklasse ein Kind mit einem IQ über 130 sitzt. Doch viele dieser hochintelligenten Kinder werden nie erkannt, weil sie sich perfekt anpassen oder ihre Unterforderung hinter schlechten Noten und Verhaltensauffälligkeiten verstecken.

Wird dieses Potenzial nicht gefördert, droht das sogenannte Underachievement – die Kinder verlieren die Lust am Lernen, ziehen sich deprimiert zurück oder entwickeln psychische Probleme. Wird die Begabung jedoch erkannt, können diese Kinder lernen, ihre intensiven Gedanken als Stärke zu nutzen.

Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst, nimm dieses Gefühl ernst. Such dir Unterstützung bei schulpsychologischen Beratungsstellen, spezialisierten Psychologen oder Organisationen wie der DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind). Der Austausch mit Eltern wie Valeria hilft dabei, die Situation nicht mehr als Last, sondern als besondere Ausstattung zu begreifen. Es dient der Zukunft deines Kindes und deiner eigenen Gelassenheit.


THE WALKING DAD: Manuel Hasni schafft Raum für moderne Väter

Zyklusfreundliche Ernährung – 5 Rezepte für Hormone, Periode und PMS

„Mein System konnte den Druck nicht mehr tragen“ – Wie Klangtherapie Lisa aus dem Zusammenbruch holte

Pille ist nicht gleich Pille – Welche passt zu dir am besten?

Psychologin erklärt: Warum Frauen auf TikTok Hilfe bei psychischen Problemen suchen

Die Therapiecouch hat wohl längst Konkurrenz bekommen. Ob ChatGPT oder TikTok, digitale Räume sind für viele Frauen zur virtuellen Psychotherapie geworden. Dort, wo die Hemmschwelle niedrig ist und Algorithmen das Gefühl von „Du bist nicht allein“ vermitteln, sprechen immer mehr Frauen öffentlich über ihre psychischen Herausforderungen. Beatrice Köck ist eine von ihnen. Als Psychologin gibt sie ihrer Community nicht nur wertvolle Ratschläge, sondern bricht ein fundamentales Tabu ihrer Branche. Sie zeigt sich ohne Schutzschild und spricht offen über ihre eigene Psyche. Warum suchen Frauen heute Hilfe auf dem Bildschirm statt im Sprechzimmer? Und was macht Social Media eigentlich mit unserer Psyche? Das erklärt im Interview Psychologin und Mentorin Beatrice Köck.


Healthy Lady: Beatrice, du arbeitest speziell mit Frauen und Mädchen. Warum ist gerade diese Zielgruppe so wichtig für dich?

Beatrice Köck: Ich habe in der Beschäftigung mit meinen eigenen Problemen und denen meiner Kund:innen gemerkt, dass es bestimmte Themen gibt, die sehr viele Frauen betreffen – das Kollektiv von Frauen. Diese Themen sind oft sehr schmerzhaft, schambehaftet, versteckt und tief verwurzelt. Das betrifft zum Beispiel Sexualität, den Körper, Finanzen und die weibliche Kraft.

Auch wenn es nicht schön ist, aber Missbrauch, Ohnmacht im Bezug auf Finanzen, Hass auf den eigenen Körper, und vieles mehr betreffen den Großteil der Frauen und das in einer anderen Weise als bei Männern. Wir haben tief verwurzelte Ängste, Traumata, falsche Glaubensmuster, die viel Heilung brauchen und in denen ich durch meine eigene Geschichte zum Experten wurde. Ich habe gesehen wie meine Mutter abgerutscht ist – sozial, finanziell, beruflich, gesellschaftlich, gesundheitlich und daran zerbrochen ist. Während mein Vater aufgestiegen ist und sich ein tolles Leben aufgebaut hat.

„Mein Postfach ist ein starkes Indiz dafür, wie viele Menschen innerlich leiden – ehrlich gesagt ist etwa jede zweite Nachricht darin erschütternd.“


Healthy Lady: Viele Frauen ziehen sich bei Überforderung völlig zurück. Wie schafft Social Media es, diese Isolation zu durchbrechen?

Beatrice Köck: Social Media, insbesondere Plattformen wie TikTok, stellen für die Menschen heute eine wichtige Brücke dar. Viele Frauen, die zu mir finden, haben sich aufgrund von Angst, Erschöpfung oder innerer Überforderung stark aus dem sozialen Leben zurückgezogen und nehmen oft auch keine klassische psychologische Hilfe mehr in Anspruch. Über Social Media erleben sie erstmals wieder einen niederschwelligen Zugang zu Kontakt, neuen Lösungsansätzen und sogar zu Gemeinschaft, z.B. durch Live-Formate. Ich erlebe, dass viele Menschen dadurch Wissen, Impulse und Möglichkeiten erhalten, die sie sonst nie gefunden hätten. Das kann positive Veränderung anstoßen, ihnen Hoffnung zurückgeben und den negativen Kreislauf von Rückzug und Isolation durchbrechen.

Psychologin und Mentorin Beatrice Köck betreibt ein TikTok-Kanal.
(Foto: Beatrice Köck)

Healthy Lady: Wenn man in dein Postfach blickt, was spiegelt dir deine Community dort über den echten Zustand unserer Gesellschaft?

Beatrice Köck: Ich bekomme sehr viele Nachrichten und ehrlich gesagt ist etwa jede zweite davon erschütternd. Das meine ich nicht dramatisierend, sondern nüchtern beobachtend. Mein Nachrichten-Postfach auf TikTok ist für mich ein starkes Indiz dafür, wie viele Menschen innerlich leiden, sich alleine fühlen oder keinen Ausweg mehr sehen. Es zeigt sehr deutlich, dass wir es hier nicht mit Einzelfällen zu tun haben, sondern mit einem tiefgehenden gesellschaftlichen Thema.


Healthy Lady: Welche emotionalen Muster begegnen dir dabei am häufigsten?

Beatrice Köck: Was ich sehr stark wahrnehme, ist das Feststecken in Symptomen und inneren Kreisläufen: Ängste, Panikattacken, Selbstzweifel, Süchte oder sehr intensive Emotionen. Viele leben in einem dauerhaften Gefühl von „nicht genug“. Nicht genug Gesundheit, nicht genug Geld, nicht genug Liebe oder Sicherheit. Obwohl sie bereits sehr viel versucht haben, wie Therapien, Selbsthilfe, Medikamente. Sie sind müde vom Kämpfen, ohne wirklich voranzukommen.

„Social Media ist für viele Frauen eine wichtige Brücke, um den negativen Kreislauf von Rückzug und Isolation endlich zu durchbrechen.“


Healthy Lady: Du bist auch auf TikTok unterwegs. Warum hast du dich entschieden, als Psychologin auf Social Media sichtbar zu sein, nicht nur als Expertin, sondern als diejenige, die ihre eigenen psychischen Herausforderungen anspricht?

Beatrice Köck: Ich war schon immer jemand, der gerne spricht, sich zeigt und für Herzensangelegenheiten einsetzt. Social Media bietet mir die Möglichkeit, genau das zu tun. Mich einzubringen, Erfahrungen zu teilen und gleichzeitig etwas Positives zu bewirken. Im Laufe meines Lebens und auf meinem Heilungsweg habe ich viel erlebt und erkannt, dass es mir davor niemand sagen konnte. Deshalb fühle ich mich auf eine Weise auch dazu verpflichtet, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, um anderen Menschen ähnliche schmerzhafte Erfahrungen zu ersparen.


Healthy Lady: Hattest du kenie Angst, dass man dich als Psychologin dann nicht mehr ernst nimmt?

Beatrice Köck: Ja, definitiv. Wir leben in einer Zeit, in der oft ein perfektes Bild erwartet wird. Ich habe mir früher oft die Frage gestellt, ob man mich als Psychologin/Energetikerin noch ernst nimmt oder ob es Kundinnen abschreckt. Aber das Feedback war meistens sehr positiv. Als würde ich einen „Nerv“ treffen und Dinge aussprechen, die viele beschäftigen, aber die sie nicht in Worte fassen können. Diese Ehrlichkeit ist der einzige Weg, der sich für mich stimmig anfühlt.

„Ehrlichkeit ist der einzige Weg, der sich für mich stimmig anfühlt – auch wenn ich mich als Psychologin damit sichtbar und angreifbar mache.“


Wo Social Media endet und echte Hilfe beginnt

Digitale Räume sind für viele Frauen zur virtuellen Anlaufstelle geworden, wenn der Druck im Alltag zu groß wird. Der Grund dafür ist so simpel wie schmerzhaft. In einem System aus monatelangen Wartelisten und oft sterilen Praxisräumen suchen viele verzweifelt nach einem Ort, der ihre Sprache spricht.

Es ist die Sehnsucht nach einem Raum, an dem man sich von der eigenen Couch aus verstanden fühlt, ohne sofort die schwere Hürde der Scham und des „Patienten-Seins“ überwinden zu müssen. In den Kommentaren auf TikTok finden Frauen eine Resonanz, die ihnen das Gefühl gibt: „Ich bin nicht allein.“

Doch bei aller Offenheit im Netz bleibt eine wichtige Grenze. Social Media kann ein wertvoller Impulsgeber sein, eine Brücke aus der Isolation schlagen und den Mut für den ersten Schritt geben. Aber sie kann und darf eine professionelle Therapie oder psychologische Beratung nicht ersetzen. Ein Algorithmus erkennt keine Krisen in ihrer vollen Tiefe, und ein Video kann kein persönliches Gespräch ersetzen. Social Media kann hilfreich sein, um Tabus zu brechen, doch die echte, nachhaltige Heilung findet oft dort statt, wo das Handy ausgeschaltet ist.

Wenn du merkst, dass es dir nicht gut geht oder du dich dauerhaft überfordert fühlst, bleib damit nicht allein. In akuten Krisen wende dich bitte an einen Notruf oder eine Krisenstelle in deiner Region.


Auch Psychologinnen brauchen Hilfe – Beatrice Köck spricht offen über ihre eigenen Krisen

Beatrice Köck kennt beide Seiten, als Psychologin und als Frau, die selbst durch Krisen gegangen ist. Die gebürtige Österreicherin hat einen Master in Psychologie und mehrere Ausbildungen im Bereich ganzheitlicher und energetischer Arbeit absolviert. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie es sich anfühlt, wenn man keinen Ausweg mehr sieht. Heute begleitet sie als Psychologin und Mentorin Frauen und Mädchen durch schwierige Phasen. Doch wenn die Tür ihrer Praxis schließt, bleibt sie kein unantastbarer Profi, sondern ein Mensch mit eigener Geschichte.

Wir wollen Ärzte, die vor Vitalität strotzen. Vermögensverwalter, die Wohlstand ausstrahlen. Und Psychologinnen, die ihre eigene Psyche im Griff haben. Doch was, wenn genau dieses Ideal das Problem ist? Was passiert, wenn die Maske der Stärke selbst zur Barriere wird? Brauchen wir Menschen, die uns Panikattacken aus Lehrbüchern erklären oder solche, die wirklich wissen, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper zittert?

Beatrice Köck gehört zu denen, die dieses Spiel nicht mehr mitspielen. Auf TikTok erreicht die Österreicherin Tausende, weil sie etwas tut, das lange ein Tabu war. Sie spricht offen über ihre eigenen Krisen. Nicht als Strategie, sondern, weil sie weiß, wie es sich anfühlt.


Der Bruch mit dem Tabu

Healthy Lady: Beatrice, du begleitest als Psychologin Menschen durch ihre dunkelsten Phasen. Was passiert eigentlich, wenn du selbst an einen Punkt kommst, an dem du nicht mehr weiterweißt? Wie fühlt es sich an, wenn sich die Rollen plötzlich tauschen und du selbst zur Klientin wirst?

Beatrice Köck: Für mich ist das kein Widerspruch, sondern gelebte Menschlichkeit. Ich bin quasi von der Klientenrolle zur Expertin geworden. Meine eigene Leidensgeschichte hat mich zu dem gebracht, was ich heute tue. Ich werde nie aufhören, mir selbst Unterstützung zu holen, wenn ich alleine nicht weiterkomme. Das macht mich zu einer guten Psychologin und nicht zu einer schlechten. Auch wenn in helfenden Berufen oft das Tabu herrscht, nicht über eigene Probleme sprechen zu dürfen.


„Ein Coach/Therapeut/Begleiter muss immer nur einen Schritt weiter sein, als der Klient.“

Healthy Lady: Ich kann mir vorstellen, dass sowas ziemlich schwer sein muss, anderen Halt zu geben, während man selbst innerlich wankt. Wie gehst du damit um?

Beatrice Köck: Das war früher manchmal schwierig, weil ich mir nicht sicher war, ob ich meinen Kund:innen genug helfen kann, weil ich selbst noch nicht ganz stabil war. Aber deren Feedback hat mich bestärkt weiter zu machen. Sie berichteten mir von Erfolgen dank meiner Begleitung und zeigten sich dankbar.

Ich habe am Anfang meiner Arbeit mal gehört, dass ein Coach/Therapeut/Begleiter immer nur einen Schritt weiter sein muss, als der Klient. Und genau so habe ich es erlebt. Zu mir haben immer Menschen gefunden, denen ich helfen konnte, obwohl ich noch nicht perfekt war. Die mit mir den nächsten Schritt gehen konnten, den ich selbst schon gegangen war.


Psychologin Beatrice Köck spricht offen über eigene psychische Krisen auf TikTok. (Foto: B. Köck)

Healthy Lady: Du hörst täglich Geschichten von Angst, Schmerz und Verlust. Was passiert mit all dem, wenn die Stunde vorbei ist? Wohin geht der Schmerz der anderen?

Beatrice Köck: Ich denke, ich kann damit ganz gut umgehen. Nach der Stunde begleiten mich die Themen meiner Kund:innen kaum. Manchmal denke ich darüber nach, bekomme damit intuitive Einsichten über Hintergründe, Zusammenhänge, verstehe plötzlich Teile meiner Geschichte oder Verhalten meiner Familie besser. Für mich ist es unheimlich spannend zu verstehen, zu lernen auch über die Abgründe, die dunklen Seiten der menschlichen Psyche.

Was mir immer hilft ist Sport und Natur. Ich mache jeden Tag Sport und ich bewege mich jeden Tag in der Natur. Das hilft mir immer, zu mir zurückzufinden, mich zu erden und auch den Sinn hinter meinem Weg und meinem Wirken wieder zu spüren.

Natürlich gibt es Tage oder Kund:innen, wo es schwerer ist, in meinem Wohlbefinden zu bleiben, aber in der Regel geht das. Ein Freund hat mal zu mir gesagt: „Du bist wie eine Blume, aber eine die nicht zur Sonne hin wächst, sondern zur Dunkelheit. Und dort bestens gedeiht“.


„Ich sehe meine Stärke in meiner Verletzlichkeit

Healthy Lady: Wie geht eine Psychologin mit eigener Verletzlichkeit um?

Beatrice Köck: Ich gehe damit mittlerweile ziemlich offen und ehrlich um. Mir ist das sehr wichtig und ich würde mir wünschen, das es in der Welt normal ist. Aber ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die sehr viel Scham und Schuld erlebt hat, weil sie psychische Probleme hatte und dadurch bin ich natürlich auch geprägt worden. Ich hab mich sehr lange Zeit wie die „arme Kleine“, die zu sensibel ist, gefühlt und das war sehr unangenehm. Heute habe ich sehr viel an Selbstvertrauen gewonnen und sehe meine Stärke in meiner Verletzlichkeit.


Healthy Lady: Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Ich brauche Hilfe, ich kann das nicht mehr allein?

Beatrice Köck: Durch meine traumatische Geschichte habe ich schon sehr früh, mit etwa 12 Jahren, mit Therapie begonnen und auch viele Jahre gemacht. Für mich war es ganz normal sich therapeutische Hilfe zu holen und ich war mein ganzes Leben immer wieder bei Therapeut:innen, Ärzten, Coaches, Energetiker:innen und das wird sich auch nicht ändern.


Das perfekte Image

Healthy Lady: Warum fällt es selbst Fachleuten oft so schwer, offen über eigene Krisen zu sprechen?

Beatrice Köck: Es herrscht der gesellschaftliche Anspruch, funktionieren zu müssen. Und dann ist es natürlich für Menschen, die auf einem Gebiet Experten sein sollen, nochmal schambehafteter und auch existenzbedrohender. Wer hat denn Lust zu einem Arzt zu gehen, von dem man weiß, er hat selbst eine schwere Krankheit? Genauso wenig, wie man Lust hat, sich von einem Menschen im Heilberuf helfen zu lassen, von dem man weiß, „er kriegt seine eigenen Krisen nicht in den Griff“. Oder? Es ist ein Imagethema und damit für viele leider auch eine existenzielle Frage. Wir haben Angst, nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn wir unsere Risse zeigen.


Healthy Lady: Viele Psychologinnen lernen, Distanz zu wahren, aber was, wenn man sich in einem Thema plötzlich selbst erkennt? Hattest du schon einmal eine Klientin, die etwas in dir ausgelöst hat, das du nicht erwartet hast?

Beatrice Köck: Ich denke, das ist eher die Regel als die Ausnahme. Als Psycholog:innen werden wir sehr oft mit Themen konfrontiert, die wir selbst kennen oder zumindest in ähnlicher Form erlebt haben. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie wir damit umgehen. Im Idealfall ist es keine offene, unverarbeitete Wunde mehr, sondern ein Thema, mit dem wir uns bewusst auseinandergesetzt haben, für das wir Wege, Perspektiven und Strategien entwickelt haben.

Genau darin liegt auch eine große Ressource für Klient:innen. Es ist völlig normal, berührt oder auch einmal getriggert zu sein. Wichtig ist, diese Prozesse zu reflektieren – während der Stunde und danach.

Ich erlebe es oft so, dass Klientinnen mir Themen bewusst machen, die bei mir selbst noch Entwicklungspotenzial haben. Dafür bin ich im Nachhinein sogar dankbar. Wer glaubt, nichts von seinen Klient:innen zu lernen, ist meiner Meinung nach nicht ganz ehrlich, weder mit sich selbst noch mit dem Beruf.

„Wir tragen als Frauen tief verwurzelte Ängste und Traumata in uns, die viel Heilung brauchen“


Die Brücke ins Netz: Warum Sichtbarkeit heilsam ist

Healthy Lady: Warum hast du dich entschieden, als Psychologin auf Social Media so offen über deine eigenen Krisen zu sprechen?

Beatrice Köck: Ich war schon immer jemand, der gerne spricht, sich zeigt und für Herzensangelegenheiten einsetzt. Social Media bietet mir die Möglichkeit, genau das zu tun. Mich einzubringen, Erfahrungen zu teilen und gleichzeitig etwas Positives zu bewirken. Im Laufe meines Lebens und auf meinem Heilungsweg habe ich viel erlebt und erkannt, dass es mir davor niemand sagen konnte. Deshalb fühle ich mich auf eine Weise auch dazu verpflichtet, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, um anderen Menschen ähnliche schmerzhafte Erfahrungen zu ersparen.


Healthy Lady: Gab es anfangs Zweifel oder Angst, dich mit diesen Themen öffentlich zu zeigen?

Beatrice Köck: Ja, definitiv. Wir leben in einer Zeit, in der oft ein perfektes Bild von sich selbst erwartet wird und in der Menschen schnell beurteilen oder verurteilen. Mit meiner Offenheit mache ich mich sichtbar und damit auch angreifbar. Das kann Kritik bedeuten oder sogar den Verlust von Kundinnen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass genau diese Ehrlichkeit der einzige Weg ist, der sich für mich stimmig anfühlt.


Frauen brauchen mehr Unterstützung

Healthy Lady: Du arbeitest speziell mit Frauen und Mädchen. Warum ist dir gerade diese Zielgruppe so wichtig?

Beatrice Köck: Ich habe in der Beschäftigung mit meinen eigenen Problemen und denen meiner Kund:innen gemerkt, dass es bestimmte Themen gibt, die sehr viele Frauen betreffen. Ich würde sogar sagen: das Kollektiv von Frauen. Und diese Themen sind oft sehr schmerzhaft, schambehaftet, versteckt und tief verwurzelt. Das betrifft z.B. Sexualität, den Körper, Finanzen und die weibliche Kraft/Gaben.

Auch wenn es nicht schön ist, aber Missbrauch, Ohnmacht im Bezug auf Finanzen, Hass auf den eigenen Körper, und vieles mehr betreffen den Großteil der Frauen und das in einer anderen Weise als bei Männern. Wir haben tief verwurzelte Ängste, Traumata, falsche Glaubensmuster, die viel Heilung brauchen und in denen ich durch meine eigene Geschichte zum Experten wurde. Ich habe gesehen wie meine Mutter abgerutscht ist – sozial, finanziell, beruflich, gesellschaftlich, gesundheitlich – und daran zerbrochen ist. Während mein Vater aufgestiegen ist und sich ein tolles Leben aufgebaut hat.

„Wer glaubt, nichts von seinen Klient:innen zu lernen, ist meiner Meinung nach nicht ganz ehrlich.“


Heilung ist kein Alleingang

Healthy Lady: Kann man sich als Psychologin selbst heilen oder braucht es dafür manchmal jemanden von außen?

Beatrice Köck: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir einerseits angeborene Selbstheilungskräfte haben und vieles selbst heilen können. Aber andererseits brauchen wir oft Menschen, um zu heilen. Einerseits weil Verletzung in Beziehung auch durch neue Erfahrungen in Beziehungen geheilt werden kann/muss. Und andererseits wie wir nicht alle Aspekte an uns und unserer Lebenswelt wirklich sehen können (sowas wie ein „blinder Fleck“).

Also ja, ich denke, es braucht manchmal jemanden von außen. Das muss aber nicht zwangsläufig ein Therapeut/Psychologe/oder ähnliches sein, aber ein Mensch, der uns hilft, blinde Flecken aufzudecken, der uns spiegelt, der uns hält in unserem Schmerz.


Healthy Lady: Du hast das Programm „Diamond Way“ entwickelt – ein Konzept, das Frauen und Mädchen auf ihrem Heilungsweg begleiten soll. Was genau passiert dort?

Beatrice Köck: Mein Projekt „Diamond Way“ ist noch in Entstehung. Es wird ein ganzheitliches, alltagstaugliches Angebot, bei dem es um die Kombination aus körperbezogenen Interventionen (Sport, Ernährung, Entspannung), psychologischem Wissen und seelischen Themen (Berufung, eigene Energie, Energiearbeit) geht. Ziel ist es, den Weg in ein glücklicheres Leben auf eine gesunde, liebevolle, moderne und wirksame Weise zu gehen und vor allem nicht mehr allein. Den ersten Durchlauf möchte ich Mitte des Jahres starten.


Healthy Lady: Was möchtest du Frauen mitgeben, die gerade selbst kämpfen, die vielleicht jeden Tag stark sein müssen, obwohl sie innerlich längst müde sind?

Beatrice Köck: Das ist schwer zu beantworten, denn ich habe selbst so viel erlebt und mit so vielen Menschen gearbeitet, dass ich weiß, dass keine Phrase für alle passt. Für die eine Person ist etwas ermutigend, für die andere Person ist das selbe zerschmetternd. Ich kann nur sagen: Es liegt nicht an dir. Bitte gib nicht auf. Such dir Hilfe, wenn auch von ChatGPT. Oder komm mal in ein Live von mir.


Ein neuer Blick

Das Gespräch mit Beatrice Köck macht eines deutlich: Wir brauchen ein neues Bild von mentaler Gesundheit. Eines, in dem Fachwissen und menschliche Verletzlichkeit keine Gegenspieler sind, sondern sich gegenseitig stärken. Wer tiefer eintauchen möchte, findet Beatrice Köck auf TikTok unter @beatrice_dw. Dort spricht sie weiter über das, worüber viele noch schweigen.


„Ich wurde stundenlang im Kühlschrank eingesperrt“ – Missbraucht von der eigenen Mutter

In diesem Beitrag geht es um schweren körperlichen und sexuellen Kindesmissbrauch.
Wenn dich solche Themen emotional stark belasten, lies bitte an dieser Stelle nicht weiter. Zum Schutz der Privatsphäre werden keine persönlichen Fotos der Interviewpartnerin veröffentlicht. Das Titelbild ist symbolisch.


Diese Augen haben zu viel gesehen

Es war spät am Abend. Mein Sohn schlief bereits, das Haus war still.
Ich scrollte gedankenlos durch die sozialen Medien auf der Suche nach einer interessanten Persönlichkeit für das nächste Interview. Und dann blieb ich plötzlich wie erstarrt.

Eine junge Frau. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Ein Blick, so tief, dass er mich mitten ins Herz traf.
Ich weiß in diesem Moment: Diese Augen haben zu viel gesehen. Ich klickte auf ihr Video. Sie begann zu sprechen. Ein Video, dann das nächste. Florina (31) – so nennt sie sich, erzählt in ihren Beiträgen von einer Kindheit, die niemand hätte ertragen dürfen. Von Hunger, Schmerz, Angst und Verrat von Menschen, die sie hätten beschützen müssen und es nicht taten. 

„Meine leibliche Mutter hat mir, als ich noch ein Kleinkind war, das Essen und Trinken verweigert. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen.
Ich erinnere mich an einen Moment – der Durst war so schlimm, dass ich mich ganz leise aus meinem Zimmer geschlichen habe.
Ich bin ins Badezimmer gegangen – ich war zu klein, um das Waschbecken zu erreichen.
Also habe ich einen Schwamm genommen, ihn in die Toilette getaucht und das Wasser daraus gesaugt. Ich hatte so großen Durst…“

Mit jedem Satz öffnet sie ein Stück mehr die Tür zu einer Welt, die niemand sehen möchte.
Ich spüre, wie mein Herz anfängt zu rasen.

„Ich durfte nicht auf die Toilette gehen“, sagt sie leise.
„Ich habe versucht, in Flaschen zu pinkeln. Als meine Mutter es entdeckt hat, hat sie mich so schlimm geschlagen, dass ich dachte, ich überlebe es nicht.“

Ein Zittern lag in ihrer Stimme, aber kein Hass. Nur Leere. Als spräche jemand, der gelernt hat, Gefühle auszuschalten, um zu überleben. Dann erzählt sie weiter:

„Ich bin als Kind für mehrere Stunden in den eiskalten Kühlschrank eingesperrt worden. Ich hatte nur meine Unterwäsche und mein Unterhemd an.
Ich habe laut geschrien und geweint. Ich dachte, ich werde es nicht überleben.
Während ich dort drinnen Todesangst hatte, saßen meine Mutter und ihr Lebensgefährte draußen, hämmerten gegen den Kühlschrank, lachten sich tot.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich rausgelassen haben, war meine Fußsohle eingefroren. So fuhren sie mit mir ins Krankenhaus.
Das Jugendamt wurde informiert, aber es geschah nichts. Niemand hat etwas unternommen.“

Das, was ihr hier gerade lest, sind die harmlosesten Zitate aus Florinas Videos, die sie mit der Öffentlichkeit teilt.
Jede einzelne Erzählung dieser jungen Frau ließ mich tiefer hineinsinken in eine Welt, die so grausam war, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich fühle noch heute, wie mir die Tränen über die Wangen laufen.
Ich legte das Handy weg, ging in das Zimmer meines Sohnes und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte.

Wie viele Kinder allein hier in Deutschland müssen täglich Ähnliches durchleben, ohne dass jemand hinschaut? Mein Mutterherz bricht bei diesem Gedanken. Am nächsten Morgen kontaktierte ich sie.
Ich musste. Ich konnte sie nicht vergessen.
Und dann lernte ich sie kennen: eine junge Frau voller Herzlichkeit, Offenheit und Mut.
Man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unglaublich stark sie ist.

Florina – mein heutiger Gast – erhebt ihre Stimme.
Für sich. Und für all die anderen Opfer von schwerem Kindesmissbrauch, die zu lange geschwiegen haben.
Sie zeigt sich. Sie teilt ihre Narben, ihre dunkelsten Erinnerungen. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um aufzurütteln.
Damit Menschen wie du und ich genauer hinschauen.
Damit wir Kinder sehen, die sonst niemand sieht.
Damit wir endlich verstehen, dass Missbrauch kein fernes Thema ist, sondern mitten unter uns geschieht.


Der Beginn einer Hölle

Healthy Lady: Florina, wenn du an deine Kindheit denkst – was siehst du?
Ich weiß, dass es schmerzhaft ist, aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was du erlebt hast.
Wie hat alles begonnen?

Florina:
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich zuerst kein konkretes Bild, sondern ein Gefühl – eine Mischung aus Unsicherheit und dem ständigen Versuch, stark zu sein. Viele Momente verschwimmen, aber manche sind bis heute sehr klar. Angefangen hat alles damit, dass ich sehr früh gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Die Erwachsenen um mich herum waren oft mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, und ich hatte das Gefühl, keinen richtigen Platz zu haben. Als Kind versteht man nicht, warum Dinge passieren – man spürt nur, dass etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl hat mich lange begleitet.

Die schlimmsten Momente waren nicht unbedingt die lauten, offensichtlichen. Es waren die stillen. Die Abende, an denen ich gehofft habe, dass jemand da ist, der mich sieht, aber niemand kam. Dieses Gefühl, nicht wichtig zu sein, nicht gehört zu werden. Diese unsichtbaren Wunden haben mich viel stärker geprägt als alles, was man von außen hätte erkennen können.

Was mich bis heute begleitet und für mich besonders schlimm war: Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen. Er trug eine schwarze Strumpfhose über dem Kopf, hatte ein Kissen unter dem Oberteil und ein Messer in der Hand. Manchmal musste ich selbst ein Messer aus der Küche holen. Er drohte mir, dass ich gleich in seinem Bauch landen würde, dass er schon viele Kinder gegessen habe, und fuhr mit dem Messer an meinen Armen und Beinen entlang. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich je erlebt habe.

Ein anderes Mal wurde ich für mehrere Stunden in einen Kühlschrank eingesperrt. Ich musste mich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Diese Zeit war extrem traumatisch – ich dachte wirklich, ich würde sterben. Ich könnte stundenlang über meine Kindheit schreiben. Und trotzdem: Es gab auch kleine Lichtblicke. Menschen, die mir später gezeigt haben, dass Vertrauen möglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum ich heute darüber sprechen kann. Nicht, um die Vergangenheit neu zu durchleben – sondern damit andere verstehen, wie sich solche Erfahrungen anfühlen. Und dass man Wege findet, daraus herauszuwachsen.

„Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist.“


Healthy Lady: Du warst noch so klein, als all das geschah.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gespürt hast, dass das, was passiert, nicht normal ist?

Florina:
Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist. Wir lebten in einer Gegend, in der auch Nachbarn ihre Kinder misshandelten. Für mich war das einfach „so“. Dann habe ich mich mit einer Freundin verabredet und dort war plötzlich alles anders. Ihre Mutter war liebevoll, es gab Mittagessen nach der Schule, eine Wärme, die ich nicht kannte. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen. Und genau da habe ich verstanden: Das, was bei uns passiert, ist nicht normal.


Healthy Lady: Du wurdest häufig verletzt. Wie kann es sein, dass niemand eingegriffen hat – Schule, Freunde, Familie, Jugendamt?
Gab es Menschen, die dich sahen – und trotzdem schwiegen?

Florina:
Uns wurde immer wieder klargemacht, dass wir niemals darüber sprechen dürfen, was zu Hause passiert. Meine Mutter machte mir deutlich, dass sie es herausfinden würde, wenn ich rede, und drohte mir mit Dingen, die mir große Angst machten. Sie wusste genau, wie sie mich zum Schweigen bringt. Aber zum Glück haben nicht alle geschwiegen. Geschwister von mir haben sich in der Schule und in der Kita anvertraut. Über Jahre hinweg wurde dort immer wieder gemeldet, was bei uns passiert. Auch meine Oma hat mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Und trotzdem gab es Menschen, die vieles gesehen oder geahnt haben – und geschwiegen haben.


Healthy Lady: Du hast erzählt, dass du irgendwann befreit wurdest – dass endlich jemand hingesehen hat.
Weißt du noch, wie dieser Moment war? War es Erleichterung – oder Angst, dass alles wieder beginnt?

Florina:
Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden und wollte so schnell wie möglich zurück nach „Hause“. Ich hatte große Angst vor meiner Mutter und dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Erst mit der Zeit – als ich andere Menschen und eine andere Art zu leben kennenlernte – begann ich zu begreifen, wie viel in meiner Familie falsch gelaufen war. Ich war sehr in mich gekehrt, schwer erreichbar, und es war kaum möglich, mit mir zu kommunizieren. Aber langsam habe ich mich geöffnet. Ich begann, mich sicherer zu fühlen. Und irgendwann auch: ein kleines bisschen frei.


Die Täter – das Gesicht des Schmerzes

Healthy Lady:
Du hast gesagt, dass du dir trotz allem Nähe zu deiner Mutter gewünscht hast.
Gab es irgendwann etwas Schönes zwischen euch – oder war alles von Angst geprägt?

Florina:
Ich habe ihre Nähe gesucht, weil ich mir dieses Band zwischen Mutter und Tochter so sehr gewünscht habe – so, wie man es aus Filmen und Serien kennt. Im Heim oder in der Pflegefamilie schenkte sie mir dann Aufmerksamkeit, und das habe ich sehr genossen. Aber je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie mir alles angetan hat. Es gab in meiner Kindheit nur sehr wenige schöne Momente mit ihr.

„Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen?“


Healthy Lady:
Wenn du heute zurückblickst – glaubst du, dass deine Mutter krank war?
Oder war es Eifersucht, Macht, Hass?

Florina:
Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass sie selbst Dinge erlebt hat, die sie traumatisiert haben. Meine Tante ist sehr früh gestorben, sie war, glaube ich, zehn oder elf Jahre alt. Auch meine Mutter wurde später Opfer von Gewalt durch Männer, an die sie geraten ist. Aber aufgrund meiner eigenen Kindheit könnte ich meinen Kindern niemals so etwas antun, wie sie es mir angetan hat. Sie hat sich damals bewusst dafür entschieden. Ich denke, dass es zum Schluss viel mit Macht, Ergötzung und Befriedigung zu tun hatte, etwas das sie gebraucht hat.


Healthy Lady:
In einem deiner Videos beschreibst du eine Nacht, die dich bis heute begleitet.
Du musstest dich vor einer Kamera zeigen – vor fremden Menschen.
Kannst du heute begreifen, warum dir das angetan wurde?
Glaubst du, dass die Täter damit Geld verdient haben?

Florina:
Ich weiß leider nicht genau, warum sie das getan hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie damit Geld verdient hat. Sie war auf vielen Plattformen unterwegs.


Healthy Lady:
Du hast berichtet, dass auch der damalige Lebensgefährte deiner Mutter dir Leid zugefügt hat.
Was war das für ein Mensch?
Glaubst du, er hat auch anderen Kindern geschadet?
Und wie war es mit deinen Geschwistern – waren sie ebenfalls betroffen?

Florina:
Mein damaliger Stiefvater war ein sehr aggressiver Mensch. Er war viel mit seinem LKW unterwegs, und ich habe es genossen, wenn er weg war. Er hat mir viele schlimme Dinge angetan, von denen ich heute einen Teil nur noch verschwommen erinnere. Auch er hat diese Macht und Befriedigung genossen.
Und ja, er hat auch meinen Geschwistern Leid zugefügt.


Healthy Lady:
Hast du heute noch Kontakt zu deiner Mutter?
Hat sie sich jemals bei dir entschuldigt?
Und wie geht sie damit um, dass du heute öffentlich über deine Geschichte sprichst?

Florina:
Nein, ich habe seit knapp drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat sich entschuldigt, aber es war nur ein:
„Es tut mir leid, ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“ Als ich meinen zweiten Sohn geboren habe, konnte ich ihre Nähe nicht mehr ertragen. Je älter mein großer Sohn wurde, desto mehr habe ich gesehen, was ich in seinem Alter bereits durchlebt hatte und welche Verantwortung ich damals schon tragen musste. Ab diesem Punkt konnte ich es nicht mehr aushalten, sie zu sehen. Sie weiß von meinen Videos und ist dabei, ihre „Zeugen“ zusammenzutrommeln. Einige ihrer Leute haben sich bereits bei mir gemeldet und mir gedroht. Ich bekomme fast täglich Nachrichten von Fake-Profilen, in denen mir weiter gedroht wird. Aber ich gebe nicht auf.

„Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen.“


Kampf, Gerechtigkeit & Systemversagen

Healthy Lady: Das Jugendamt wusste, dass etwas nicht stimmt.
Erzieher, Lehrer und deine Oma meldeten sich – und doch geschah nichts.
Wenn du heute daran denkst: Was fühlst du? Wut? Enttäuschung? Oder das Gefühl, dass man dich aufgegeben hat?

Florina:
Ich bin heute sehr wütend und enttäuscht vom Jugendamt. Sie hatten schon damals diverse Beweise auf dem Tisch liegen. Erzieher, Lehrer und meine Oma haben sich dort gemeldet – und trotzdem geschah nichts. Bis heute verstehe ich nicht, warum nicht gehandelt wurde.


Healthy Lady: Du hast Einsicht in deine Akten beantragt – und erfahren, dass du nur die Hälfte davon lesen darfst, weil die Täter zustimmen müssen.
Wie erklärst du dir das? Wie kann so etwas sein?

Florina:
Dass ich nur die Hälfte meiner Akte sehen darf, verstehe ich bis heute nicht. Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen? Das war einer der Gründe, warum ich es öffentlich gemacht habe und meine schreckliche Kindheit teile. Denn das, was mir passiert ist, passiert nicht nur mir, sondern so vielen anderen. Das System hat so viele Fehler. Und das muss gehört und gesehen werden.


Healthy Lady: Deine Täter sind nie verurteilt worden.
Sie leben frei – während du mit den Folgen leben musst.
Gibt es Momente, in denen du dir wünschst, sie würden fühlen, was sie dir angetan haben?

Florina:
Ja, es gibt Momente, in denen mich diese Ungerechtigkeit sehr trifft. Sie leben ihr Leben weiter, während ich bis heute mit den Folgen kämpfen muss. Das fühlt sich manchmal einfach unfair an. Aber zu wissen, dass sie meine Videos sehen, Angst bekommen und mit aller Kraft versuchen, mich mundtot zu machen, zeigt mir, dass sie keine Macht mehr über mich haben. Und das gibt mir sehr viel zurück. Ich möchte, dass sie für immer weggesperrt werden. In meinen Augen haben sie hier nichts mehr verloren.


Leben mit den Folgen – Trauma, Mutterschaft & Heilung

Healthy Lady: Du bist heute selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn du sie ansiehst – ihre Liebe, ihr Vertrauen – wie fühlt sich das für dich an?
Was für eine Mutter bist du heute?
Und kannst du das Verhalten deiner Mutter in irgendeiner Form nachvollziehen?

Florina:
Wenn ich meine Kinder ansehe, spüre ich vor allem Verantwortung. Diese kleinen Menschen vertrauen mir bedingungslos. Sie sind offen, ehrlich, verletzlich, genau so wie ich es damals auch war. Ich weiß, was Kinder brauchen. Nähe, Sicherheit, Schutz. Und genau deshalb kann ich das Verhalten meiner Mutter nicht nachvollziehen. Egal, was sie selbst erlebt hat, ich könnte meinen Kindern niemals das antun, was sie mir angetan hat. Ich bin heute eine Mutter, die hinschaut. Die fragt. Die zuhört. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.


Healthy Lady: Viele Mütter, die selbst Schlimmes erlebt haben, sagen,
dass die Liebe zu ihren Kindern zugleich Heilung und Schmerz bedeutet.
Geht es dir auch so?

Florina:
Ja. Absolut.
Meine Kinder heilen etwas in mir und gleichzeitig zeigen sie mir jeden Tag, was mir damals gefehlt hat. Manchmal sehe ich meinen Sohn und denke: In diesem Alter habe ich schon Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte. Das tut weh. Aber es gibt mir auch Kraft. Denn ich kann heute einen anderen Weg gehen.

„Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.“


Healthy Lady: Du hast einmal gesagt, dass du noch immer unter den Folgen deines Traumas und unter Depressionen leidest.
Wie fühlt es sich an, als Mama mit Depressionen zu leben?
Wie geht deine Familie damit um? Unterstützen sie dich?

Florina:
Es ist schwer. Es gibt Tage, an denen alles zu viel ist. An denen ich funktioniere, aber innerlich leer bin. Als Mutter trägt man Verantwortung auch dann, wenn man selbst kaum Kraft hat. Meine Familie weiß das. Sie unterstützt mich. Sie wissen, dass es Phasen gibt, in denen ich mehr Rückzug brauche. Ich versuche offen damit umzugehen, auch vor meinen Kindern – altersgerecht. Sie sollen lernen, dass Gefühle da sein dürfen. Auch die schweren.


Healthy Lady: In einem deiner Videos erklärst du Eltern, wie wichtig es ist, Kinder zu sensibilisieren –
dass es falsch ist, wenn ein Erwachsener ein „Geheimnis“ mit ihnen teilt oder sie berührt.
Wie sprichst du darüber mit deinen eigenen Kindern?

Florina:
Ich spreche sehr offen mit ihnen. Natürlich kindgerecht.
Ich erkläre ihnen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht wollen. Und dass es Geheimnisse gibt, die man immer erzählen darf, besonders dann, wenn sie sich komisch oder beängstigend anfühlen. Ich möchte, dass sie wissen: Mama hört zu. Mama glaubt euch. Und Mama schützt euch.


Wenn du helfen willst – oder selbst Hilfe brauchst

Florinas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Weckruf. Für Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freund:innen, für uns alle. Kinderschutz beginnt nicht bei Gesetzen, sondern bei Achtsamkeit, Vertrauen und Mut. Wenn du heute Florinas Worte gelesen hast, dann geh nicht einfach zur Tagesordnung über. Sieh hin. Hör hin. Frag nach.

Wenn du das Gefühl hast, dass ein Kind in Gefahr ist oder du selbst betroffen bist – schweige nicht. Hier bekommst du sofort, kostenlos und anonym Hilfe: Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ – 0800 22 55 530
Nummer gegen Kummer – Kindertelefon: 116 111 / Elterntelefon: 0800 111 0 550
Weißer Ring e.V. – 116 006
Polizei / Jugendamt – bei akuter Gefahr: 110


Entdecke weitere Einblicke