Interviews

Trauer verarbeiten: Psychologin Dr. Doris Wolf erklärt, was nach dem Verlust wirklich hilft

Ein geliebter Mensch stirbt, und plötzlich scheint die Welt stillzustehen. Während für das Umfeld der Alltag oft schon nach wenigen Tagen weitergeht, bleibt für die Hinterbliebenen nichts mehr, wie es war. Manche weinen ununterbrochen, andere funktionieren scheinbar ganz normal. Wieder andere spüren zunächst kaum etwas.
Doch ist all das normal? Muss man den Schmerz zulassen, um einen Verlust verarbeiten zu können?
Und woran lässt sich erkennen, dass professionelle Hilfe notwendig wird?

Dr. Doris Wolf ist Diplompsychologin, psychologische Psychotherapeutin und Autorin zahlreicher Bestseller-Ratgeber. Darin begleitet sie Menschen durch schwierige Phasen ihres Lebens. Im Interview erklärt sie, weshalb jeder Mensch anders trauert, was in dieser Zeit wirklich helfen kann und warum die Rückkehr ins Leben keinen Verrat am verstorbenen Menschen bedeutet.


Gibt es wirklich feste Phasen der Trauer?

Healthy Lady: In Ihrem Buch beschreiben Sie vier Phasen der Trauer. Gleichzeitig betonen Sie, dass jeder Mensch seinen Verlust anders erlebt. Müssen Trauernde diese Phasen tatsächlich durchlaufen, oder können sie sich überschneiden, wiederholen oder auch ganz anders zeigen?

Dr. Doris Wolf: Es gibt nicht die eine richtige Trauer. Wie sie verläuft, hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab, wie z.B. den Umständen des Todes, der Dauer und Intensität der Beziehung zum Verstorbenen, den finanziellen Bedingungen, ob kleine Kinder vorhanden sind, den bisherigen Erfahrungen mit Trauer, der generellen Einstellung zu Leben und Tod und dem Selbstwertgefühl der Trauernden. Die 4 Phasen sind also eine Art Modell, das sehr hilfreich sein kann.

Trauernde können dadurch besser verstehen, dass Trauer nichts ist, was in vier Wochen vorbei sein kann. Sie können besser verstehen, dass sie von den unterschiedlichsten körperlichen und seelischen Zuständen begleitet wird. Die Phasen sind nicht unbedingt klar getrennt, sie laufen in Wellen, aber die Richtung ist vorgegeben. Man kann jedoch auch in einer Phase steckenbleiben.


Die ersten Wochen: Wie unterschiedlich Trauer aussieht

Healthy Lady: Nach einem Verlust möchten manche Menschen so schnell wie möglich wieder funktionieren und in ihren Alltag zurückkehren. Andere ziehen sich vollständig zurück und wollen niemanden sehen. Was davon ist normal, und wie unterschiedlich kann Trauer gerade in den ersten Wochen und Monaten aussehen?

Dr. Doris Wolf: Viele Betroffene haben Angst, in einem Strudel der Trauer zu ertrinken. Deshalb stürzen sie sich in Aktivitäten, verplanen die Tage, so gut es geht. Manche versuchen, den Abstand über einen Urlaub oder eine Auszeit zu gewinnen. Andere verkaufen sofort ihr Haus und ziehen um. Wiederum andere stürzen sich in ein Suchtverhalten, trinken exzessiv oder betäuben sich mit Beruhigungsmitteln. Das mag am Anfang hilfreich sein, doch auf Dauer kann man damit die Trauer nicht umgehen.

Andere Trauernde lassen sich ganz in der Trauer versinken. Für sie gibt es kein „normales Leben" mehr. Es kann sogar so weit gehen, dass sie die Hygiene und die Ernährung vernachlässigen. Sie brechen den Kontakt zu Freunden ab, denn ihrer Ansicht nach kann ihnen niemand helfen.


Macht es einen Unterschied, wen man verliert?

Healthy Lady: Macht es psychologisch einen Unterschied, ob jemand ein Elternteil, den Partner oder das eigene Kind verliert? Oder hängt die Intensität der Trauer weniger von der familiären Rolle als von der Beziehung zum verstorbenen Menschen ab?

Dr. Doris Wolf: Die Trauer hängt weniger von der Stellung in der Familie ab als von der Einstellung zum Verstorbenen und welche Bedeutung er im Leben des Trauernden gespielt hat.


Wie lange darf Trauer dauern?

Healthy Lady: Viele Trauernde fragen sich irgendwann, wie lange ihr Schmerz noch dauern darf. Gibt es überhaupt einen Zeitpunkt, an dem Trauer vorbei sein sollte, oder kann sie auch Jahre später plötzlich wieder mit großer Kraft zurückkehren?

Dr. Doris Wolf: Zunächst müssen wir uns fragen, was es bedeutet, dass Trauer vorbei sein soll. Sie verändert sich, aber kann bis ans Lebensende in manchen Situationen wieder aufploppen. Ich beschreibe es immer so:

„Am Anfang ist sie wie ein schwerer Sturm mit dunklen schweren Wolken, der nicht enden will. Im Verlauf der Zeit verwandelt sie sich in kurze leichte Schauer, nach denen die Sonne ganz schnell wieder auftaucht."

Wenn ein neuer Trauerfall eintritt oder man plötzlich eine schwere Erkrankung bekommt und alleine lebt, kann sie auch wieder verstärkt auftauchen.


Schmerz zulassen oder auch Freude erlauben?

Healthy Lady: Trauernde hören häufig, sie müssten ihren Schmerz zulassen. Ist das aus psychologischer Sicht tatsächlich der beste Weg, oder sind Ablenkung, Lachen und schöne Momente ebenso wichtig?

Dr. Doris Wolf: Ich schlage immer zwei Wege vor: Eine Aufgabe ist es, das Trauern zuzulassen und auszudrücken. Die andere besteht darin, sich an ein „Leben danach" heranzutasten und es aufzubauen. Wir müssen beide Wege gehen.

Healthy Lady: Warum fühlen sich manche Menschen schuldig, sobald sie wieder Freude empfinden?

Dr. Doris Wolf: Wir alle haben ein Modell von Trauern im Kopf, was man darf und was nicht. Sich wieder zu freuen oder gar zu verlieben, wird oft mit der Vorstellung verknüpft, dass man den verstorbenen Menschen nicht genügend geliebt hat oder sich ihm gegenüber illoyal verhält.


Was Trauer mit dem Körper macht

Healthy Lady: Trauer spielt sich nicht nur in der Seele ab. Betroffene leiden häufig auch unter körperlichen Symptomen. Was geschieht während der Trauer in unserem Körper?

Dr. Doris Wolf: Der Verlust eines Menschen gehört zu den Situationen, die den meisten Stress auslösen können. Körper und Seele sind nicht getrennt. Der Körper ist nach einem Todesfall in einem chronischen Alarmzustand. Es kommt zu Herz-/Kreislauf- oder Magen/Darmproblemen, Schlafstörungen, Essstörungen, Schmerzen, Muskelverspannungen, Atemproblemen, Konzentrationsproblemen, usw.


Trauer oder Depression?

Healthy Lady: Trauer und Depression können sich zunächst sehr ähnlich anfühlen. Welche Anzeichen sprechen dafür, dass es sich nicht mehr allein um eine normale Trauerreaktion handelt? Wann sollte man sich professionelle Unterstützung suchen?

Dr. Doris Wolf: Professionelle Hilfe sollte man sich suchen, wenn man seine Selbstfürsorge, Hygiene, Ernährung, etc. dauerhaft vernachlässigt. Weitere Signale, bei denen man handeln sollte, sind: Suizidgedanken und konkrete Gedanken an die Ausführung. Betroffene sind über mehr als sechs Monate hinaus nicht mehr in der Lage, ihr normales Alltagsleben zu führen. Die Trauer verändert sich nicht über die Zeit. Die Gedanken der Betroffenen kreisen nur um die verstorbene Person, sie fühlen sich erstarrt oder voller Schmerz, plagen sich mit Schuldgefühlen und empfinden ein Gefühl der Sinnlosigkeit.


Was konkret hilft

Healthy Lady: Welche psychologischen Strategien helfen dabei, einen schweren Verlust zu verarbeiten? Gibt es kleine Schritte, die Sie Trauernden für besonders schwierige Tage empfehlen?

Dr. Doris Wolf: Auch da gibt es wieder keine Standardtipps. Auf besonders schwierige Tage sollte man sich vorbereiten – beispielsweise eine Freundin einladen oder besuchen. Man kann einen Spaziergang machen, wenn Bewegung guttut. Wenn man im Internet zurechtkommt, kann man sich auch in einem Trauer-Forum mit anderen Betroffenen austauschen.

Wichtig ist also die Frage: „Was kann ich an diesem Tag tun, um mir diesen Tag zu erleichtern?"

Schon früh beschäftigte sich Doris Wolf mit der Rolle des Lesens in der Psychotherapie. 1988 promovierte sie in Heidelberg über Bibliotherapie (Bild: Dr. Doris Wolf/privat)

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Trauerbewältigung – mit der Trauer leben lernen

Wie der Weg durch die verschiedenen Phasen des Abschieds verläuft und wie Betroffene wieder ein inneres Gleichgewicht finden, erklärt Dr. Doris Wolf in ihrem Fachbeitrag auf der Website des PAL Verlags.

→ Zum Fachbeitrag


Was das Umfeld tun kann

Healthy Lady: Auch Familie und Freunde fühlen sich häufig hilflos, weil sie nicht wissen, was sie sagen oder tun sollen. Was hilft einem trauernden Menschen wirklich? Welche gut gemeinten Sätze können dagegen zusätzlich verletzen?

Dr. Doris Wolf: Verletzen können Sätze wie „Du bist ja noch so jung und kannst einen anderen Menschen finden", „Du solltest jetzt so langsam darüber hinweg sein", „Sei nicht traurig, er wurde erlöst", „Ihr hattet doch viele Jahre ein schönes Leben" oder „Anderen geht es doch auch so. Da muss man halt durch."

Hilfreich ist für viele Trauernde, wenn man sie immer wieder anruft, Hilfe bei der Bürokratie oder alltäglichen Dingen wie Einkaufen anbietet und einfach nur zuhört. Ein Angebot wie „Du kannst anrufen, wenn es dir schlecht geht" wird oft nicht angenommen, weil die Kräfte fehlen.


Warum wir das Thema meiden

Healthy Lady: Obwohl jeder Mensch früher oder später mit Tod und Verlust konfrontiert wird, sprechen wir im Alltag kaum darüber. Warum verdrängen wir das Thema so stark? Kann man schon vor einem konkreten Verlust lernen, besser mit Tod und Trauer umzugehen?

Dr. Doris Wolf: Der Tod wird mit Hilf- und Kontrolllosigkeit verknüpft. Wir tun uns schwer, uns einzugestehen, dass unser Leben endlich ist. Da wir jedoch keine Wahl haben und jeden von uns der Tod ereilt, ist es hilfreich, wenn wir uns bei Lebzeiten damit beschäftigen. Dazu gehört z.B. auch, eine Patientenverfügung zu verfassen und uns zu überlegen, wie wir bestattet werden wollen.


Loslassen, ohne zu vergessen

Healthy Lady: In Ihrem Buch geht es immer wieder um das Annehmen und Loslassen. Was bedeutet Loslassen nach dem Tod eines geliebten Menschen eigentlich? Geht es darum, wirklich Abschied zu nehmen, oder darum, eine neue innere Verbindung zum Verstorbenen zu finden?

Dr. Doris Wolf: Loslassen bedeutet nicht, den Verstorbenen zu vergessen. Zum einen geht dies gar nicht, zum anderen wäre es schade, denn er ist Teil unserer Erfahrungen. Loslassen bedeutet, dass unsere Gedanken wieder auf die Gegenwart und Zukunft konzentriert sind und wir uns ein Leben „danach" aufbauen. Es bedeutet, Hadern mit dem Schicksal und Wut aufzugeben. Es bedeutet, uns neue Aufgaben zu erschließen und neue Freunde zu finden. Es bedeutet, Frieden damit zu schließen, dass unser Leben eine Wendung genommen hat.


Zum Weiterlesen:
In ihrem Ratgeber „Einen geliebten Menschen verlieren“
begleitet Dr. Doris Wolf Menschen durch die verschiedenen
Phasen der Trauer und zeigt, wie ein Leben nach dem Verlust
langsam wieder möglich werden kann.

Dr. Doris Wolf, „Einen geliebten Menschen verlieren“,
PAL Verlag, 232 Seiten


Der eine Gedanke zum Schluss

Healthy Lady: Wenn Sie einem Menschen, der gerade jemanden verloren hat, nur einen einzigen Gedanken mit auf den Weg geben dürften, welcher wäre das?

Dr. Doris Wolf:

„Deine Trauer wird sich verändern, sie wird nicht ewig so schmerzhaft sein, auch wenn der verlorene Mensch nicht zurückkommen wird."


Redaktioneller Hinweis: Falls du gerade selbst mit einem Verlust kämpfst oder dich Suizidgedanken belasten, bleib damit nicht allein. Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenfrei und anonym rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

Ein Video sorgt weltweit für Schlagzeilen. Es zeigt eine hochschwangere Frau, die ihr Kind in den Wellen des Pazifiks zur Welt bringt. Wenig später folgen Bilder einer zweiten Ozeangeburt in der Karibik. Medien von Australien bis Argentinien berichten über die außergewöhnlichen Aufnahmen, die 2022 Millionen Menschen erreichen. Die Bilder gehen um die Welt und mit ihnen eine Welle der Empörung.

Josy Cornelius (41, geb. Peukert), fünffache Mutter aus Deutschland, die heute mit ihrer Familie in Nicaragua lebt, wird zur Projektionsfläche unterschiedlichster Meinungen. Für die einen ist sie mutig. Für die anderen verantwortungslos. Kaum ein anderer Geburtsmoment wurde in den vergangenen Jahren so emotional diskutiert wie dieser.

Doch während sich Schlagzeilen und Meinungen überschlagen, bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Wer ist die Frau hinter diesen Bildern wirklich?

In diesem exklusiven Interview spricht Josy Cornelius über die Geschichte hinter den Bildern, den Preis der weltweiten Aufmerksamkeit, ihren Weg von der Intensivstation zur gefragten Expertin und den Umgang mit dem Vorwurf, Frauen zu gefährlichen Geburten zu animieren.


Im Rhythmus der Wellen: Die Geburt im Pazifik

Healthy Lady: Liebe Josy, viele kennen dich durch die spektakulären Bilder deiner Geburten im Ozean. Hast du damit gerechnet, dass du danach zu einer polarisierenden Figur wirst? Was macht es mit dir, wenn man dich ungefragt in diese Schublade steckt, die „verrückte Aussteigerin“, die ohne jegliche Vorbereitung ihr Kind allein im Pazifik gebärt?

Josy Cornelius: Nein, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Die Frage würde ja schon implizieren, dass ich irgendetwas berechnet hätte. Aber genau das war nie der Fall. Ich hatte damals einfach meinen Instagram-Account und habe unsere Geburt geteilt, um unser Glück und unsere Freude zu teilen. Es gab überhaupt nicht den Gedanken, dass das einmal solche globalen Ausmaße annehmen würde. Wenn ich das rückgängig machen könnte, würde ich es tun.

Ich empfinde mich selbst auch gar nicht als „polarisierende Figur“. Das ist eher etwas, was gesellschaftlich daraus gemacht wird. Und wenn man mich in diese Schublade steckt, als „verrückte Frau, die allein im Ozean gebärt“, dann steckt in dieser Beschreibung eine Aneinanderreihung von Fehlinformationen. Es wird medial oft so dargestellt, als wäre das eine völlig spontane, unüberlegte Aktion gewesen, was schlicht falsch ist. Vieles davon hat mit Vorurteilen und Projektionen zu tun. Ein Auswandererleben, Meergeburten, Reichweite, das triggert einfach sehr viel in den Menschen.

„Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.“


Healthy Lady: Du sagst, das Bild der unvorbereiteten Aussteigerin ist eine Fehlinformation. Wie sah die Realität aus? Wie gut warst du tatsächlich auf diesen Schritt vorbereitet und stimmt es, dass du anderen Frauen sogar eher von einer Ozeangeburt abrädst?

Josy Cornelius: Diese Pazifikgeburt war über 40 Wochen lang vorbereitet und mit Vorbereitung meine ich wirklich Tag und Nacht. Ich glaube, viele können sich überhaupt nicht vorstellen, was für eine Mammutaufgabe das in jeder Hinsicht ist. Nicht nur emotional oder organisatorisch, sondern vor allem auch medizinisch. Man kann das nicht kleinreden. Es braucht unglaublich viel Wissen, um für all die „Was wäre wenn“-Fälle vorbereitet zu sein.

Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal. Ich weiß, wie man reanimiert. Ich weiß, was in echten Notfällen zu tun ist und wie viel Zeit bei massiven Blutungen bleibt. Mein Mann war in all das involviert und ich habe ihn intensiv gebrieft. Er wusste genau, wie eine arterielle Blutung aussieht, was im Worst Case zu tun wäre und welche Handgriffe dann nötig sind. Wenn eine Frau eine Meergeburt möchte, dann ist das nichts, was man in der 36. Woche spontan entscheidet.

Deshalb irritiert mich auch bis heute, wenn Frauen denken, sie könnten das einfach nachmachen. Ich habe nie gesagt, dass irgendjemand einfach ins Meer gehen sollte. Im Gegenteil, ich würde jeder Frau immer wieder davon abraten, wenn sie keine Ahnung hat, worauf sie sich einlässt. Das wäre lebensgefährlich für Mutter und Kind. Es gibt strikte Voraussetzungen. Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.

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Healthy Lady: Nimm uns mit in den Moment deiner Geburt im Ozean. Was hast du gefühlt? Wie war das für dich?

Josy Cornelius: Diese Geburt war nicht einfach ein schöner Moment, der irgendwie vom Himmel gefallen ist. Sie war das Ergebnis einer extrem umfangreichen Vorbereitung.

Wir haben damals nur etwa zehn Minuten vom Meer entfernt gewohnt. Ich habe über zwölf Wochen hinweg Ebbe und Flut getrackt, und zwar mit einer App, sodass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit genau wusste, wie der Wasserstand ist. Dazu kamen Wetter, Strömung, Bedingungen vor Ort — all diese Faktoren spielen am Pazifik eine Rolle und dürfen nicht unterschätzt werden.

Zusätzlich war ich jeden Tag im Wasser. Schon ganz am Anfang der Schwangerschaft haben wir unglaublich viel Zeit damit verbracht, verschiedene Strände anzuschauen, Orte auszukundschaften, immer wieder zu prüfen, welche Ecke ist stimmig, welche nicht, was passt wirklich?

Dazu kam die Arbeit mit meinem Nervensystem, mit meinen eigenen Prägungen, mit allem, was ich aus meinem Leben mitgebracht habe. Und genau dadurch wurde das Meer für mich zu einem Safe Space, zu einem sicheren Ort. Es war wie Nachhausekommen.

Und genau da ist das Nervensystem der zentrale Punkt. Das fehlt in einer klassischen Geburtsvorbereitung fast komplett. Wenn das Nervensystem einer Frau nicht sicher ist, dann fließt die Geburt nicht. Dann kann alles stocken, sich erschweren, blockieren. Das ist für mich einer der wichtigsten Schlüssel überhaupt.

Für mich war diese Geburt also vor allem eines: ein Nachhausekommen. Sicherheit. Und deshalb ist Vorbereitung und Planung eben so unglaublich ausschlaggebend. Da war nichts dem Zufall überlassen. Und genau deshalb konnte ich diesen Moment auch vollkommen genießen und zelebrieren.

Es war einfach eine wundervolle Geburt. Und es ist ein Moment, der sich für immer in unsere Herzen eingebrannt hat.

Im September 2023 bringt Josy kurz nach Mitternacht ihr fünftes Kind im Karibischen Meer vor Nicaragua zur Welt. Für die deutsche Auswanderin ist es bereits die zweite Geburt im Meer. (Foto: Josy Cornelius)


Healthy Lady: Nach dem Pazifik kam die Karibik. Wie lief die Planung für deine zweite Ozeangeburt ab?

Josy Cornelius: Die zweite Meergeburt, meine Karibikgeburt, war über 70 Wochen vorbereitet. Ich habe im Grunde schon eine Woche nach der Pazifikgeburt angefangen, die nächste Geburt zu planen. Genau das ist für mich echte Geburtsvorbereitung. Nicht erst in der Schwangerschaft anzufangen, sondern schon viel früher.

Aber genau dadurch ist eben auch eine wirkliche Traumgeburt möglich. Eine Geburt, aus der du lebenslang schöpfen kannst, statt eine Geburt zu erleben, über die du verbittert bist.


Angst, Risiko und Verantwortung

Healthy Lady: Hattest du bei deinen eigenen freien Geburten oder bei den Geburten deiner Klientinnen Angst, dass etwas schiefgehen könnte?

Josy Cornelius: Um ehrlich zu sein, nein. Und das eben aus dem heraus, was ich schon gesagt habe, aus der Vorbereitung. Auch bei meinen Komplettbegleitungen ist vorher schon so viel Arbeit gelaufen und so viel Wissen geflossen. Wir gehen wirklich alles im Detail durch, sodass es dieses „Schieflaufen“ in dem Sinne für mich nicht gibt.

Natürlich kann eine Frau sich während der Geburt umentscheiden oder plötzlich etwas anderes wollen. Aber auch dabei geht es um die Frage, welche Ängste, Prägungen oder Unsicherheiten vorhanden sind. Angst ist für mich ein falscher Berater. Es geht darum, die eigenen Bedenken ehrlich anzuschauen und sich so viel Wissen anzueignen, dass daraus wirkliche Sicherheit entsteht.

Ich selbst hatte keine Ängste und keine Zweifel. Wenn eine starke Unsicherheit vorhanden ist, muss man sagen, dass eine solche Geburt nicht der richtige Weg ist.


Healthy Lady: Gab es bei den von dir begleiteten Geburten schwierige Situationen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Komplikationen auftreten?

Josy Cornelius: Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind. Das ist auch nicht das, was die Frauen bei mir suchen. Wir besprechen diese Dinge im Vorfeld sehr klar. Die Frauen, die zu mir kommen, handeln vollständig eigenverantwortlich.

Ich kommuniziere offen, dass ich weder Ärztin noch Hebamme bin. Wenn eine Frau einen ärztlichen Termin möchte, etwas medizinisch abklären lassen oder sich weitere Unterstützung holen möchte, ist das jederzeit ihre Entscheidung. Wir schauen uns Dinge gemeinsam an, wägen Möglichkeiten ab und besprechen Hintergründe. Am Ende entscheidet aber jede Frau selbst.

Auch in meinen Verträgen ist festgehalten, dass ich keine medizinische Verantwortung trage. Das ist als Mentorin weder meine Aufgabe noch meine Kompetenz.

„Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind.“


Von der Intensivstation zur Wassergeburtsexpertin: Der medizinische Hintergrund

Healthy Lady: Bist du eigentlich eine ausgebildete Hebamme oder Doula und wie unterscheidest du diese Rollen für dich?

Josy Cornelius: Nein, ich bin keine ausgebildete Hebamme, und zum Glück auch nicht. Eine Doula ist kein geschützter Begriff. Von der reinen Definition her ist eine Doula im Grunde einfach eine Frau, die einer anderen Frau dient und selbst Geburtserfahrung hat. Wenn man es ganz herunterbricht, könnte man sagen, eigentlich ist jede Mutter von dieser ursprünglichen Definition her auch eine Doula.

Viele wissen gar nicht, was das Label Hebamme in Deutschland eigentlich bedeutet. Eine Hebamme ist theoretisch nie ganz außer Dienst. Ich hatte das damals sehr konkret in meiner zweiten Schwangerschaft erlebt, weil eine meiner besten Freundinnen an der Charité war. Eine Hebamme dürfte eine freie Geburt gar nicht begleiten, weil sie immer eine Hinzuziehungspflicht hat. Das liegt an den deutschen Richtlinien und dem System, dem sie unterstellt sind. Wenn man einmal das Label Hebamme hat, kann man sich davon nach meinem Wissen nicht einfach wieder frei machen. Selbst Hebammen, die anders arbeiten möchten, bleiben an dieses enge Korsett gebunden. Und genau so möchte ich nicht arbeiten. Ein Schein oder ein Titel sagt nicht automatisch etwas darüber aus, wie gut jemand Frauen wirklich halten kann.

Josys Mann Benjamin mit Teilnehmenden eines Retreats am Lagerfeuer in Nicaragua. Die mehrtägigen Auszeiten für Rückzug, Austausch und persönliche Entwicklung gehören zum beruflichen Angebot des Paares. Dafür reisen Menschen aus aller Welt an. (Foto: Josy Cornelius)

Healthy Lady: Viele Medien stellen dich dar, als würdest du einfach nur aus dem Bauch heraus agieren. Dabei hast du früher jahrelang im medizinischen Bereich gearbeitet. Was genau hast du dort gemacht und welche Qualifikationen bringst du mit?

Josy Cornelius: Ich komme sehr wohl aus einem medizinischen Kontext und war über zehn Jahre im deutschen System tätig. Meine erste Ausbildung war zur Dentaltechnikerin. Dadurch habe ich schon sehr früh verstanden, wie eng Körperbereiche zusammenhängen, gerade das oft unterschätzte Zusammenspiel von Kiefer und Becken unter der Geburt. Danach habe ich in einer Medizintechnikfirma mit Schwerpunkt Kardiologie gearbeitet und parallel ehrenamtlich in einer Kinder und Jugendklinik mit dem Schwerpunkt Risiko und Frühgeburt. Dort habe ich sehr viel gesehen, von Geburtsfolgen über Frühgeburtlichkeit bis hin zu schwersten körperlichen Zuständen bei Kindern.

Anschließend habe ich auf einer der größten Intensivstationen Deutschlands gearbeitet. Auch das hat meinen Blick extrem geprägt. Ich habe erlebt, wie Menschen sterben, wie Familien begleitet werden, wie reanimiert wird, wie Notfälle aussehen und was wirkliche Krisen bedeuten. Dieses Wissen sitzt tief.

Deshalb trifft es mich oft, wenn so getan wird, als sei ich einfach nur irgendeine, die aus dem Bauch heraus Dinge erzählt. Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal und habe danach viele Weiterbildungen gemacht, gerade im Bereich Trauma, Risikolabels und Wassergeburt. Ich habe sämtliche Fortbildungen von Cornelia Enning persönlich nach Nicaragua geholt und bin bei Barbara Harper international zertifizierte Wassergeburtsexpertin. Bereits 2009 habe ich meine allererste Geburt begleitet – das Thema begleitet mich also schon seit vielen Jahren. Mein Hintergrund ist fachlich, medizinisch und über viele Jahre gewachsen. Heute arbeite ich als freie Frauenmentorin, die Frauen ganzheitlich auf ihrem Weg stärkt.


Die Frau hinter den Schlagzeilen

Healthy Lady: Du wurdest zu einer Zielscheibe der Kritiker, man hat viel Negatives über dich geschrieben. Hat dich überhaupt mal einer gefragt, was wirklich dahintersteckt, was dich dazu bewegt hat?

Josy Cornelius: Nein. Es hat mich noch nie jemand wirklich zu meiner Person gefragt. Niemand war wirklich an mir als Mensch interessiert, am Wieso, Weshalb, Warum. Du bist die Erste und bisher auch die Einzige, die so auf mich zugekommen ist, sich wirklich mit mir auseinandersetzt und fragt: Josy, wie sieht es aus? Warum war das so? Was steckt dahinter?

Viele springen einfach in meinen Posteingang, wollen irgendetwas von mir und man merkt sofort, dass sie sich überhaupt nicht mit mir, meiner Geschichte oder meinem Weg beschäftigt haben. Und selbst wenn Menschen es wussten, wurde es oft einfach weggelassen oder zurechtgeschnitten.

Und dann stellt sich für mich immer die größere Frage. Wie kann man überhaupt die Geburt einer Frau kritisieren? Wer nimmt sich das Recht heraus über meinen Körper, meine Entscheidung, mein Kind, mein Sein zu urteilen? Allein das zeigt doch schon, wie absurd vieles daran ist.


Healthy Lady: Dir wird oft unterstellt, du würdest deine Erfahrungen als den einzig wahren Weg darstellen. Siehst du dich selbst als eine Art Missionarin für die freie Geburt?

Josy Cornelius: Überhaupt nicht, genau das wird so oft falsch verstanden. Viele tun so, als würde ich meine Erfahrungen hinstellen, als wären sie der einzige Weg. Das stimmt einfach nicht, das habe ich nie gesagt und nirgendwo geschrieben. Für mich gab es nie dieses eine „so musst du es machen“. Im Gegenteil. Für mich war schon immer klar, dass Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt möchten, genau dafür den richtigen Support bekommen sollten. Frauen, die im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause mit Hebamme gebären wollen, sollen dafür den richtigen Support bekommen. Und Frauen, die eine freie Geburt wollen, eben auch.

Ich habe erst vor Kurzem eine Frau begleitet, die nur stillen wollte, weil es von ihr erwartet wurde. Ich habe ihr gesagt, wenn du das nicht fühlst, dann musst du das nicht tun und dich vor niemandem rechtfertigen. Genau darum geht es doch, wertfrei zu schauen. Nicht besser oder schlechter, nicht richtig oder falsch. Wer bin ich denn, zu sagen, es gäbe nur diesen einen Weg? Es muss am Ende für die Frau passen.


Selbstbestimmung im Kreißsaal und der Wunsch nach Eigenverantwortung

Healthy Lady: Als Doula begleitest du andere Frauen. Was ist das häufigste Hindernis, das Frauen davon abhält, wirklich in ihre Kraft zu kommen?

Josy Cornelius: Frauen werden klein gehalten. Absichtlich. Weil das System nur so funktionieren kann. Es kann sich nur aufrechterhalten, wenn alle darin beteiligten Personen systemkonform funktionieren. Menschen lassen sich nur über Angst kontrollieren. Und eine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, ist aus dieser Kontrolle heraus. Genau das ist das Problem und genau deshalb ist es von der Gesellschaft auch nicht gewünscht.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ganz klar erklären, dass allein gebären nicht bedeutet, dass die Frau physisch alleine sein muss. Es bedeutet schlicht, dass keine Hebamme anwesend ist, also keine außenstehende Person, die die medizinische Verantwortung für die Geburt trägt.

Ich bin keine Hebamme und ich bin auch nicht das, was viele in ein klassisches Label pressen wollen. Ich bin eine Doula im ursprünglichen Sinne, aber ich habe nicht einfach nur irgendeinen Schein, hinter dem man sich verstecken kann. Ich bin vor allem eine Frau für Frauen. Eine freie Mentorin, die Frauen auf ihrem Weg empowert. Und zwar genau die Frauen, die ihre Verantwortung selbst tragen können und das auch aus tiefstem Herzen wollen.

„Frauen werden klein gehalten. Absichtlich.“


Healthy Lady: Wie gut sind Frauen deiner Erfahrung nach vor einer Geburt über ihre Möglichkeiten und Abläufe informiert?

Josy Cornelius: Aus meiner Erfahrung kann ich ganz klar sagen überhaupt nicht gut genug. Alle Frauen, die mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt zu mir kommen, sagen früher oder später denselben Satz: „Das habe ich nicht gewusst. Darauf war ich nicht vorbereitet.“

Und das kann man auch in unzähligen Foren lesen. Viele Frauen sagen: Ja, ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, vielleicht in der Klinik oder bei einer Hebamme, aber auf das, was dann wirklich passiert ist, war ich nicht vorbereitet. Für mich hat so ein Standard-Klinikkurs mit echter Geburtsvorbereitung auch wenig zu tun. Das ist eher ein Kreißsaal-Briefing. Also: Wie hat eine Frau im Kreißsaal zu funktionieren? Wie läuft dort alles ab? Wie wird sie fast schon so vorbereitet, dass sie sich dem System möglichst gut fügt, damit der Ablauf für das Personal einfacher wird? Und ich glaube, viele Frauen würden dem zustimmen.


Healthy Lady: Wie wichtig ist die selbstbestimmte Geburt deiner Klientinnen und was wünschen sie sich oft, was sie im Krankenhaus nicht bekommen können?

Josy Cornelius: Klientinnen, die zu mir finden, wollen an sich gar keine Krankenhausgeburt. Sie haben meistens schon eine sehr klare Vorstellung von ihrem Wunschweg. Wobei ich dazusagen muss, dass ungefähr die Hälfte aller Frauen, die zu mir kommen, gar nicht schwanger sind. Da geht es oft um Kinderwunsch oder die Aufarbeitung von Traumata nach vergangenen Schwangerschaften.

Eine selbstbestimmte Geburt ist ja inzwischen fast schon so ein Label geworden. Jeder kommt heute mit diesem Begriff um die Ecke und dann wird einer Frau im Kreißsaal verkauft, sie dürfe selbstbestimmt gebären. Aber im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung, weil alles dort den Richtlinien, Protokollen und engen Zeitfenstern des medizinischen Systems untersteht.

Von echter Freiheit ist da oft nicht viel übrig. Aber auch im Geburtshaus oder bei einer klassischen Hausgeburt bestehen enge Rahmen. Überall dort, wo eine Hebamme involviert ist, trägt sie am Ende die Verantwortung und unterliegt den gesetzlichen Systemvorgaben.

Frauen, die zu mir finden, wollen die volle Eigenverantwortung. Sie wollen alles selbst in der Hand haben.


Die Grabenkriege unter Müttern

Healthy Lady: Wir beobachten heutzutage leider viel zu oft eine Art Grabenkrieg unter Müttern. Klinik gegen Hausgeburt, Kaiserschnitt gegen natürliche Geburt. Warum neigen manche Frauen so stark dazu, den Weg einer anderen zu verurteilen?

Josy Cornelius: Woher dieses Shaming, Bashing und Bewerten kommt, sind aus meiner Erfahrung heraus fast immer Trigger, Wunden und ungelöste Themen der Frauen selbst. Das sieht man ja auch in den Kommentaren. Wenn Frauen gegen eine freie Geburt oder eine Alleingeburt argumentieren, ist die nächste Frage oft, wie denn ihre eigene Geburtserfahrung war. Und wenn man ehrlich hinschaut, ist die Antwort sehr oft schrecklich. Ganz runtergebrochen. Es gibt keine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, die sie sich so gewünscht hat, und die dann aus dieser Erfahrung heraus andere Frauen dafür bashen würde.

Diese Härte kommt fast immer von Frauen, die selbst eine schmerzhafte oder bittere Erfahrung gemacht haben, die dadurch getriggert sind und nicht wirklich in die eigene Reflexion gehen wollen. Frauen, die den eigenen Schmerz nicht anschauen wollen und ihn stattdessen anderen überstülpen.

Dass das heute so massiv ist, hat für mich schon auch mit Social Media und der Anonymität des Internets zu tun. Menschen können ihre Unzufriedenheit und ihren ungefilterten inneren Müll jederzeit von ihrem Smartphone aus abladen. Das alles passiert oft unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit, hat aber mit Respekt nichts zu tun. Es sagt immer viel mehr über den inneren Zustand derjenigen Person aus, die schreibt, als über die Frau, die bewertet wird.


Eine stille Geburt am Telefon und lebensverändernde Räume

Healthy Lady: Gibt es eine besondere Geburt, die dir im Kopf geblieben ist und die ganz anders war als die anderen?

Josy Cornelius: Jede Geburt ist individuell, speziell und in ihrem gesamten Verlauf einzigartig. Aber es gibt für mich eine ganz besondere, sehr intensive Erfahrung. Ich habe einmal eine Frau bei zwei stillen Geburten begleitet. Die stille Geburt ihres letzten Babys fand tatsächlich einen Tag vor meiner eigenen letzten Geburt statt. Das heißt, ich habe einen Tag vor der Geburt meines Karibik-Babys live am Telefon eine stille Geburt begleitet. Das war eine enorme Herausforderung. Später hat mich dieselbe Frau für eine weitere Geburt sogar einfliegen lassen und sie durfte nach den zwei schmerzhaften Verlusten genau die Geburt erleben, die sie sich so sehr gewünscht hatte, eine Wassergeburt zu Hause.

Oder eine andere Mama, die eigentlich mit einem ganz anderen Thema zu mir kam und überhaupt keine Alleingeburt auf dem Schirm hatte. Nach siebzehn Sessions hat sie ihr Kind allein zu Hause in der Badewanne mit ihrem Mann bekommen. Da entstehen Verbindungen zu den Familien, die wirklich lebensverändernd sind.

Ein lang ersehnter Moment in Italien. An der Seite von Josy Cornelius heißt die Mutter nach zwei stillen Geburten ihr Baby willkommen.
(Foto: Josy Cornelius)

Wie planbar ist eine Geburt?

Healthy Lady: Du betonst oft, dass eine Geburt, genau wie eine Hochzeit, geplant werden kann und sollte. Viele Kritiker sagen, eine Geburt sei „unberechenbar“. Warum ist Planung für dich kein Kontrollwahn, sondern die Basis für eine schöne Geburt?

Josy Cornelius: Geburt sei „unberechenbar“. Das stimmt so einfach nicht. Und medizinisches Fachpersonal weiß das eigentlich auch.

Es gibt in keiner Klinik, auf keiner Station, auch nicht auf Intensivstationen, Dinge, die einfach aus dem Nichts ohne Zusammenhang passieren. Es gibt immer eine Ursache, einen Verlauf, eine Reaktionskette. Und auch unter Geburt ist das so. Mutter und Kind fallen nicht auf Knopfdruck tot um, um das einmal ganz salopp herunterzubrechen. Es gibt immer einen Reaktionszeitraum. Es gibt immer Vorgeschichte, Zeichen, Zusammenhänge.

Jede Intervention zieht eine Auswirkung nach sich. Wenn ich zum Beispiel an Geburten denke, die ich zuletzt gesehen oder begleitet habe, dann sieht man ganz oft genau das: Vorher wurde manipuliert, eingeleitet, mit Rizinuscocktail gearbeitet oder mit anderen Maßnahmen. Und dann wundert man sich hinterher über grünes Fruchtwasser, auffällige Herztöne, eine Interventionskaskade oder darüber, dass man aus bestimmten Dingen nicht mehr herauskommt. Aber das ist nicht unberechenbar. Das ist eine Reaktion auf etwas, was vorher stattgefunden hat.

Alles, was unter Geburt passiert, hat Auswirkungen auf den gesamten Geburtsraum, auf Mutter, Kind, Hormone, Nervensystem, Verlauf. Jede noch so kleine Intervention hat eine Auswirkung. Und das muss man wissen.

Und genau deshalb ist Planung für mich kein Kontrollwahn, sondern Fürsorge und Verantwortungsübernahme. Denn wenn ich weiß, welche Faktoren eine Geburt beeinflussen, welche Entscheidungen welche Auswirkungen haben und wie ein Geburtsraum wirklich funktioniert, dann ist Planung das, was überhaupt erst Sicherheit schafft.

Und Sicherheit ist für Geburt die Basis. Nicht Kontrolle im Sinne von Zwang, sondern Sicherheit im Nervensystem, Sicherheit im Wissen, Sicherheit im Raum.

„Im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung.“


Healthy Lady: Würdest du schwangeren Frauen empfehlen, sich allein auf den Weg zu machen und ohne professionelle Begleitung im Meer oder an einem anderen abgelegenen Ort zu gebären?

Josy Cornelius: Natürlich nicht. Niemals. Ich kann davon nur klar und ausdrücklich abraten. Wer nicht bis ins kleinste Detail weiß, worauf er sich einlässt, sollte das auf keinen Fall tun.

Auch eine Wassergeburt ist nicht einfach ein Entspannungsbad. Temperatur, Wassertiefe, Zeitpunkt, Umgebung und viele weitere Faktoren können eine wichtige Rolle spielen. Wenn das notwendige Wissen fehlt, können dadurch zusätzliche Komplikationen entstehen.

Jede Frau sollte sich die Begleitung suchen, die wirklich zu ihrem gewünschten Geburtsweg passt und über entsprechende Erfahrung und Kompetenz verfügt.


Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen von Josy Cornelius geben ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen wieder. Sie ersetzen keine medizinische Beratung. Freie Geburten und Geburten im offenen Meer können mit erheblichen Risiken für Mutter und Kind verbunden sein. Schwangere sollten ihre individuelle Situation mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal besprechen.

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

Neun Monate. So viel Zeit gibt die Natur dem Körper und der Seele einer Frau, um langsam in die Mutterrolle hineinzuwachsen. Paulina (23) blieben davon nicht einmal viereinhalb. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde sie mitten im fünften Monat von einer Realität überrascht, mit der sie niemals gerechnet hatte.

Die Diagnose: 20. Schwangerschaftswoche. Von einer Sekunde auf die andere gerät Paulinas gesamter Lebensentwurf ins Wanken. Sie verhütete mit der Pille, wollte keine Kinder und hatte vom Frauenarzt mehrfach gehört, sie sei unfruchtbar. Dass die Schwangerschaft trotz mehrerer Termine lange unentdeckt blieb, stellt ihr Leben auf den Kopf. Paulina wählt zunächst den Weg der Adoption. Doch nach der Geburt nimmt ihre Geschichte eine unerwartete Wendung.

Ein Exklusivinterview über Kontrollverlust, eine folgenschwere Entscheidung und die bedingungslose Liebe zu ihrer Tochter Lilly (Name von der Redaktion geändert).


Von Null auf Mutter: Der Tag, an dem sich alles veränderte

Healthy Lady: Liebe Paulina, du warst laut eigener Aussage mehrmals bei deinem damaligen Frauenarzt, doch die Schwangerschaft blieb lange unentdeckt. Mit welchen Beschwerden bist du zu ihm gegangen und wie liefen diese Termine ab?

Paulina: Ich bin kurz vor Beginn der Schwangerschaft umgezogen und war einfach zu faul, die dreiviertelstündige Fahrt zu meiner eigentlichen Frauenärztin auf mich zu nehmen. Da ich ohnehin oft mit Zysten und Entzündungen am Eierstock zu kämpfen hatte, waren Blutungen für mich nicht untypisch.

Ich bin insgesamt viermal mit einem generellen Unwohlsein und Schmerzen im Unterleib zu ihm gegangen. Bei diesen Terminen wurde jeweils Ultraschall gemacht, aber anscheinend wurde nichts gesehen außer der Zyste, die tatsächlich da war. Weitere klassische Schwangerschaftsanzeichen hatte ich überhaupt nicht.

Mir war morgens nicht schlecht, meine Brüste taten nicht weh, und ich hatte keine körperlichen Veränderungen. Mir ging es grundsätzlich gut, ich hatte super viel Energie, und auch mental ging es mir gut.

Trotzdem hat der Arzt meine Beschwerden nicht ernst genommen. Seine Haltung war für mich am Ende sinngemäß, ich solle froh sein, noch zu leben. Nun sei ich eben schwanger und werde Mutter. Aber in diesem Moment wusste ich nicht einmal, ob ich da nicht lieber gestorben wäre, denn für mich war das massiv überfordernd.

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Healthy Lady: Eine Woche später stellt deine frühere Gynäkologin fest, dass du bereits in der 20. Schwangerschaftswoche bist. Was ging in dir vor, als du plötzlich auf den Ultraschall-Bildschirm geschaut hast?

Paulina: Die Diagnose war ein riesiger Schock. Da ich regelmäßig Blutungen hatte, sind wir alle davon ausgegangen, dass ich ganz am Anfang stehe. Als wir dann den vaginalen Ultraschall gemacht haben und ich auf den Bildschirm schaute, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. Mir war sofort klar: Nein, das ist keine achte Woche, wie wir dachten. Ich bin viel weiter. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Ich wusste nicht, was ich tun soll, musste erst einmal atmen und konnte gar nicht mehr von dem Stuhl aufstehen. Wir haben an dem Tag auch keinen Mutterpass mehr erstellt, sondern ich durfte einfach nach Hause gehen.

Ich habe zwei bis drei Wochen gebraucht, um die Situation überhaupt zu realisieren. Wenn dann Kommentare kommen wie: „Du hättest doch in den Niederlanden abtreiben können“, kann ich nur sagen: Nein. Ich hatte dafür nicht einmal die nötige Bedenkzeit, ich konnte gar nicht so schnell denken. Ich wusste nur, ich möchte das nicht. Ich war so massiv überfordert, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Dazu kam das Gefühl, komplett inkompetent zu sein, weil das passiert ist und ich es nicht gemerkt hatte. Ich hatte keinerlei Kindsbewegungen gespürt und man hat optisch nichts gesehen, wobei ich zu dem Zeitpunkt auch eher eine rundlichere Figur hatte. Das war unglaublich hart.

„Als wir den Ultraschall machten, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen.“


Healthy Lady: Normalerweise bekommen Frauen viel mehr Zeit, sich auf ein Kind einzustellen. Dir blieben nur etwa viereinhalb Monate bis zur Entbindung. Wie hast du diese Zeit zwischen Schock, Schwangerschaft und der nahenden Geburt erlebt?

Paulina: Nach der Diagnose hatte ich erst einmal ganz klar das Gefühl: Es muss weg. Ich werde keine Mutter, ich kann das nicht, ich möchte das nicht. Dieses „Ich will das nicht“ hat damals einfach alles übertönt.

Wir hatten in dieser Zeit verschiedene Phasen. Der Anfang bis zu dem Punkt, an dem wir uns aktiv für die Adoption entschieden haben, war ein hässliches, erdrückendes Gefühl. Direkt nach dieser Entscheidung ging es mir zwar nicht gut, aber irgendwie doch etwas besser, weil ich gemerkt habe, ich muss das nicht machen, wenn ich mich absolut nicht bereit dazu fühle.

Trotzdem war die Zeit durchgehend schlimm. Bei Terminen wie etwa der Feindiagnostik wusste ich nie, ob mich das medizinische Personal wieder verurteilen würde. Ich wurde mehrfach für unbelehrbar erklärt, weil ich bis zum achten Monat regelmäßige Blutungen hatte, die immer zum gleichen Zeitpunkt auftraten. Jedes Mal wurde ich ungläubig angeschaut nach dem Motto: „Das kann gar nicht sein, Sie irren sich.“ Aber das stimmte eben doch.

Erst die Schwangerschaftsberatung veränderte langsam meinen Blick auf die Situation. Dort wurden mir verschiedene Hilfsangebote gezeigt, und man machte mir Mut, dass ich es auch allein schaffen und mit meinem Studium vereinbaren könnte.

In dieser Phase ging es mir trotzdem überhaupt nicht gut. Ich hatte stark mit Suizidgedanken zu kämpfen und würde meine damalige Verfassung definitiv als depressiv beschreiben. Ich war einfach nicht bereit und habe mich zutiefst geschämt, anderen von der Schwangerschaft zu erzählen.

Hilfe bei Suizidgedanken:
Solltest du befürchten, dir unmittelbar etwas anzutun, wähle den Notruf 112 oder gehe in die nächste psychiatrische Notaufnahme. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym unter 0800 1110111, 0800 1110222 und 116 123 erreichbar. Das Hilfetelefon Schwangere in Not bietet unter 0800 4040020 kostenfreie, anonyme und vertrauliche Beratung.

Paulina wünscht sich, den Alltag mit Lilly künftig weitgehend selbstständig zu gestalten und nur noch gelegentlich Unterstützung anzunehmen. (Bild: Paulina/privat)

Als die Entscheidung im Krankenhaus ins Wanken geriet

Healthy Lady: Wann kam der Entschluss, Lilly zur Adoption freizugeben? Was hat dir damals das Gefühl gegeben, dass dieser Schritt der richtige sein könnte?

Paulina: Der Gedanke an eine Adoption war im Grunde direkt da, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte. Um das zu verdeutlichen: Zwei Wochen, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte, war eigentlich mein Vorgespräch für eine Sterilisation geplant. Das zeigt, wie tief der Wunsch, keine Mutter zu werden, in mir verankert war.

Rein materiell hätten wir es definitiv geschafft, ein Kind zu versorgen. Wir sind sehr strukturierte und liebevolle Menschen. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn man als Familie mal eine Zeit lang nur Brot zum Abendessen isst, weil finanziell gerade nicht mehr drin ist. Aber mir ging es um die emotionale Ebene. Ich wollte für meine Tochter stabil sein, und das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt absolut nicht vorstellen.

Als wir schließlich die potenziellen Adoptiveltern kennengelernt haben, hat es sofort gepasst. Es waren wunderbare Menschen und ich habe gespürt, das sind die Richtigen. Ab diesem Moment war die Entscheidung für mich besiegelt.

Dabei habe ich von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe für meine Tochter empfunden. Aber damals hatte ich das tief sitzende Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht richtig vermitteln kann, dass ich emotional nicht bereit für diese Aufgabe bin und diesen Weg nicht gehen möchte.

„Ich habe von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe empfunden. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht vermitteln kann. Ich wollte keine Mutter sein.“


Healthy Lady: Im Herbst kam deine Tochter zur Welt. Die Geburt selbst lief dank der Hebammen gut, doch die anschließenden Tage auf der Station beschreibst du als extrem belastend. Was genau ist dort vorgefallen?

Paulina: Die Geburt an sich lief – abgesehen davon, dass ewig nichts passierte und ich starke Schmerzen hatte – wirklich gut. Die beiden Hebammen waren wunderbar und haben mir sehr beigestanden.

Der Druck fing an, als ich auf die Station gebracht wurde. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, meine Tochter mit aufs Zimmer zu nehmen und sie auch anzulegen, weil mir das sehr wichtig war. Natürlich musste ich dabei weinen. Die Situation war nach all den Stunden und den Strapazen extrem nervenaufreibend. Und dann sagte eine Schwester: „Wir können das hier auf Station alle nicht verstehen, warum ein junges Paar ihr Kind weggeben will.“ Da dachte ich mir nur, soll ich erst 50 sein, damit es in den Augen anderer akzeptabel ist? Man sollte sich vielleicht eher fragen, warum Paare diesen Schritt gehen, statt sie zu verteufeln. Viele wollen keine Kinder bekommen und das liegt oft nicht daran, dass sie ungeeignet wären, sondern an den Rahmenbedingungen.

Dann wurde eine Psychologin geholt. Ich hatte den Eindruck, dass man hoffte, ich würde etwas sagen, woran man ansetzen könnte. Aber sie hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich saß gefühlt 90 Minuten weinend mit meiner Tochter im Arm. Mir wurde mehrfach unterstellt, ich hätte von Anfang an von der Schwangerschaft gewusst und sie nur nicht beenden wollen. In diesem Moment war ich so überrumpelt, dass mir die Worte fehlten. Zum Ende hin riet sie mir zwar nicht direkt zum Behalten, meinte aber, sie würde an meiner Stelle jetzt gar keine Entscheidung treffen.

Selbst eine Reinigungskraft kam in mein Zimmer und sagte, ich würde es bereuen, wenn ich meine Tochter nicht behielte. Sie sei doch so ein liebes Kind.

Einen geschützten Raum hatte ich dort also nicht. Man kann dort nicht weg, ist ständig vom Personal oder der Familie umgeben und das Ganze war unglaublich zermürbend. Auch das Jugendamt kam immer wieder herein. Ich verstehe, dass das dazugehört, aber die Bedingungen waren extrem belastend. Unser Adoptionsvermittler meinte später, dass es in Krankenhäusern anderer Landkreise ganz anders abläuft und dort niemand reinredet.

Besonders schlimm fand ich, wie sehr meine Mama in dieser Zeit mitgelitten hat. Ihr gegenüber behauptete das Personal, es sei gar nicht meine eigene Entscheidung gewesen, sondern die meines Partners. Dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal gesehen, beim ersten Ultraschall. Er war damals völlig überfordert und unendlich traurig. Trotzdem war und blieb es allein meine Entscheidung.


Healthy Lady: An welchem Punkt hast du die geplante Adoption gestoppt? War die Entscheidung, Lilly zu behalten, rückblickend wirklich deine eigene?

Paulina: Dieser Schritt und vor allem das Absagen waren mir extrem unangenehm. Ich habe das schließlich per E-Mail an unseren Adoptionsvermittler geregelt, weil ich in diesem Moment einfach nicht telefonieren konnte. Das passierte, glaube ich, einen Tag nach der Geburt.

Die vorgesehenen Adoptiveltern hatten uns von Anfang an gesagt, dass sie erst etwas vorbereiten, wenn das Baby tatsächlich bei ihnen zu Hause ist. Das hatte den großen Vorteil, dass sie mir keinen Druck machten. Mein Albtraum wäre es gewesen, wenn mir die beiden nach der Geburt in die Arme gesprungen wären und sich dafür bedankt hätten, dass sie durch mich ein Kind bekommen.

Ob die Entscheidung wirklich meine eigene war? Emotional gesehen ja, rational gesehen vermutlich eher nicht.

Als wir uns schließlich entschieden, Lilly zu behalten, passierte etwas Seltsames. Plötzlich waren genau die Pflegekräfte, die zuvor so herablassend mit mir gesprochen hatten, extrem lieb, haben sich gefreut und sogar geweint. Da dachte ich mir nur: Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte, und im nächsten Moment seid ihr plötzlich so zugewandt.

Die Ängste aus dem Krankenhaus sind auch jetzt, fast ein Jahr nach der Geburt, immer noch da. Die ganze Schwangerschaft über habe ich es geschafft, rein rational zu entscheiden, aber in diesem Moment haben mich meine Gefühle und Hormone komplett überrannt. Vielleicht war es rückblickend unklug, sie mit aufs Zimmer zu nehmen. Aber ich wollte das unbedingt. Ich wollte mir selbst die Chance geben, sie kennenzulernen, schließlich hatte ich ja erst seit viereinhalb Monaten von ihr gewusst.


Das Leben heute, Vorurteile & der Blick nach vorn

Healthy Lady: Du liebst Lilly über alles und gleichzeitig trauerst du dem Lebensentwurf nach, der dir genommen wurde. Wie schafft man es, mit diesen zwei Wahrheiten zu leben?

Paulina: Ich bin einfach nur froh, dass ich mit diesen beiden Wahrheiten überhaupt leben kann. Schon während der Schwangerschaft dachte ich oft, dass es viel einfacher wäre, mich umzubringen, weil ich nicht wusste, wie ich diese Situation und dieses Problem lösen soll. Dieses Gefühl war auch nach der Geburt noch da. Umso stolzer bin ich heute im Rückblick auf mich, dass ich es bis hierher geschafft habe.

Ich bereue es nicht, Mutter geworden zu sein. Auch wenn ich diese Entscheidung anfangs gar nicht aktiv getroffen habe. Natürlich habe ich immer noch viele Ängste. Aber wenn ich in dieses kleine, süße Gesicht gucke, sind sie wie weggeblasen. Wenn sie mich anlacht und ich diesen kleinen Zahn dort glitzern sehe, ist die Angst im selben Moment verschwunden.

„Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte.“


Healthy Lady: Deine Tochter lebt aktuell bei der Oma (Mutter ihres Vaters), was eine sehr schwere Entscheidung war. Wie kam es dazu und wie gehst du mit dem Unverständnis um, das dir dafür oft entgegenschlägt?

Paulina: Dass Lilly aktuell bei der Mutter ihres Vaters lebt, war eine Notfallentscheidung, die Hals über Kopf getroffen werden musste. Es war die beste und sicherste Lösung, um überhaupt erst einmal für mich selbst klarzukommen. Ich konnte einfach nicht mehr. Diese Phase war das Heftigste und Schlimmste, was ich jemals empfunden habe. Ich bin unglaublich dankbar für diesen Ausweg, vor allem, weil mir nie das Gefühl gegeben wurde, jeden Tag auf Biegen und Brechen Dankbarkeit zeigen zu müssen. Es funktioniert, weil wir uns eng absprechen und offen austauschen. Mein ganz klarer Wunsch ist es aber natürlich, dass sie in naher Zukunft fest bei uns lebt.

Da ich meinen Weg von Anfang an öffentlich geteilt habe, bin ich mittlerweile abgehärtet. Im Netz nimmt mich das nicht mehr mit, das geht komplett an mir vorbei. Im echten Leben ist es manchmal noch etwas anderes, aber selbst da ist es mir inzwischen größtenteils egal.

In der Familie waren am Ende alle sehr froh darüber, wie sich die Situation entwickelt hatte. Ich glaube, jeder ist im Nachhinein sehr dankbar, dass Lilly bei uns geblieben ist. Sie wird von jeder Seite zutiefst geliebt.


Healthy Lady: Wie sieht euer gemeinsamer Alltag im Moment aus? Welche Schritte fehlen noch, damit Lilly fest bei dir einziehen kann?

Paulina: Im Alltag versuche ich, relativ früh dazuzustoßen und so spät wie möglich wieder zu gehen. Ich spiele mit ihr, füttere und wickele sie, nehme gemeinsam mit ihr Arzttermine wahr oder wir gehen einfach zusammen mit den Hunden spazieren. Ich darf ihr tagtäglich bei ihrer Entwicklung zusehen, bekomme aber gleichzeitig den nötigen Freiraum. Wenn ich an einem Tag merke, dass es gerade einfach nicht geht, kann ich das offen ansprechen. Man gibt mir den Raum, Dinge so zu machen, wie ich sie brauche. Wir stimmen uns eng darüber ab, was wir für richtig halten und was wir uns gegenseitig wünschen.

Die Schritte, die ich jetzt noch gehen muss, bestehen vor allem darin, weiterhin in Therapie zu bleiben, um das Erlebte Stück für Stück zu verarbeiten. Ich mache Lilly keinesfalls dafür verantwortlich, ich weiß genau, dass sie die Letzte ist, die etwas für all das kann. Und trotzdem verbindet man unweigerlich bestimmte Gefühle damit.

Für mich gab es Momente, in denen es sich schrecklich anfühlte, meine Tochter auf dem Schoß sitzen zu haben und gleichzeitig darüber nachdenken zu müssen, was mir widerfahren ist, um dann wieder in diesen Gedanken zu versinken. Zum Glück kommt das heute kaum noch vor. Am Anfang war es jedoch so schlimm, dass diese vorübergehende Lösung notwendig wurde.

Um den Schritt zu gehen, dass sie voll und ganz zu mir zieht, brauche ich vor allem mehr Festigkeit im eigenen Leben. Ich muss mein Studium beginnen und erst einmal abschätzen können, wie viel Zeit all diese Verpflichtungen in Anspruch nehmen.

„Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, durchzuhalten. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.“


Ein persönlicher Wunsch und Aufruf

Healthy Lady: Welche Botschaft möchtest du anderen Frauen aus deiner Erfahrung mitgeben?

Paulina: Wenn ich eines aus dieser ganzen Erfahrung mitgeben möchte, dann ist es der Wunsch nach echten Ansprechstellen und Hilfe für jede Frau, die in einer solchen Situation steckt. Ich kann jeder nur ans Herz legen, die Schwangerschaftsberatung zu nutzen, sich zu trauen, für sich selbst einzustehen, und sich von der Meinung anderer komplett frei zu machen. Es ist dein Körper und dein Leben, über das hier entschieden wird.

Was wir dringend brauchen, ist mehr Verständnis dafür, dass eben nicht jede Schwangerschaft gewollt ist und nicht jede so ausgeht, wie man es sich vielleicht gewünscht hat. Generell wünsche ich mir mehr Offenheit und Akzeptanz für unterschiedliche Lebensentwürfe. Nicht nur bezogen auf das Thema Schwangerschaft, sondern ganz grundsätzlich im Leben.


Healthy Lady: Wenn Lilly eines Tages alt genug ist, um eure Geschichte zu verstehen, was ist das Wichtigste, das sie über ihr Ankommen auf dieser Welt und deine Liebe zu ihr wissen soll?

Paulina: Was ich ihr auf jeden Fall sagen möchte, ist, dass ich unendlich froh bin, dass sie in mein Leben gekommen ist. Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, weiterzumachen, durchzuhalten und für sie da zu sein. Ich liebe sie von ganzem Herzen und bin einfach nur dankbar, dass sie meine Tochter ist. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.

Redaktioneller Hinweis:
Alle Schilderungen geben Paulinas persönliche Erinnerung und ihre subjektive Wahrnehmung der Ereignisse wieder. Die beteiligten medizinischen Fachkräfte und Einrichtungen werden nicht namentlich genannt. Identifizierende Angaben zu ihnen sowie sämtliche Ortsangaben wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte entfernt. Der Name der Tochter wurde geändert.

Nuklearmedizinerin erklärt: Was Frauen über die Schilddrüse, Kinderwunsch und Radioaktivität wissen sollten

Warst du schon einmal bei einer Nuklearmedizinerin? Viele Frauen würden diese Frage verneinen und könnten vermutlich nicht genau erklären, was dort eigentlich untersucht wird.

Allein das Wort „nuklear“ weckt eher Gedanken an Atomkraft und Radioaktivität als an Schilddrüse, Hashimoto oder unerfüllten Kinderwunsch. Dabei kann die Nuklearmedizin gerade bei Beschwerden, die viele Frauen betreffen, eine wichtige Rolle spielen. Sie zeigt nicht nur, wie ein Organ aussieht, sondern macht sichtbar, wie es arbeitet.

Im Interview erklärt Fachärztin Dr. Lilit Schweiger, was eine Nuklearmedizinerin genau macht, wann ihre Diagnostik weiterhelfen kann und was Patientinnen über den Einsatz radioaktiver Substanzen wissen sollten.


Das Unbekannte im Hintergrund: Was macht eine Nuklearmedizinerin?

Healthy Lady: Dr. Schweiger, wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie Nuklearmedizinerin sind, wie reagieren die Menschen meistens auf diesen Beruf?

Dr. Lilit Schweiger: Die meisten Menschen fragen zunächst, was eine Nuklearmedizinerin überhaupt macht. Viele verbinden ‚Nuklear‘ mit Atomkraft, dabei untersuchen wir die Funktion von Organen und behandeln bestimmte Erkrankungen mit hochspezialisierten Verfahren.

„Viele verbinden ‚Nuklear‘ mit Atomkraft, dabei untersuchen wir die Funktion von Organen und behandeln bestimmte Erkrankungen mit hochspezialisierten Verfahren.“


Healthy Lady: In der Medizin heißt es oft, Radiologen machten Bilder vom Körper, während Sie dem Körper bei der Arbeit zuschauen. Was kann die Nuklearmedizin zeigen, das auf einer Röntgenaufnahme oder im MRT nicht sichtbar wird?

Dr. Lilit Schweiger: Radiologische Verfahren zeigen häufig besonders detailliert die Anatomie und strukturelle Veränderungen. Die Nuklearmedizin macht dagegen vor allem Organfunktionen und Stoffwechselprozesse sichtbar. Dadurch können wir Erkrankungen häufig funktionell erkennen, bevor strukturelle Veränderungen sichtbar sind.

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Healthy Lady: Warum haben Sie sich damals für dieses Fachgebiet entschieden und was fasziniert Sie bis heute an Ihrer täglichen Arbeit?

Dr. Lilit Schweiger: Mich hat von Anfang an fasziniert, dass die Nuklearmedizin nicht nur zeigt, wie ein Organ aussieht, sondern vor allem, wie es funktioniert. Genau diese funktionelle Sichtweise macht unser Fach einzigartig. Besonders begeistert mich die Verbindung aus modernster Technologie, Physiologie und direktem klinischen Nutzen. Jede Untersuchung beantwortet eine konkrete medizinische Fragestellung und hilft dabei, für Patientinnen und Patienten die richtige Therapieentscheidung zu treffen.

Außerdem ist die Nuklearmedizin ein ausgesprochen innovatives Fachgebiet. Neue Radiopharmaka, moderne PET/CT- und PET/MRT-Verfahren sowie gezielte Therapien entwickeln sich rasant weiter. Gerade diese Dynamik und der wissenschaftliche Aspekt machen meinen Beruf bis heute unglaublich spannend.

„Die Nuklearmedizin zeigt, wie Organe arbeiten und wie Stoffwechselprozesse funktionieren. Dadurch können wir Erkrankungen häufig funktionell erkennen, bevor strukturelle Veränderungen sichtbar sind.“


Das unbekannte Fach, das Frauen Antworten geben kann

Healthy Lady: Warum wissen ausgerechnet so wenige Frauen, dass es diese medizinische Richtung überhaupt gibt und dass sie dort wichtige Hilfe finden können?

Dr. Lilit Schweiger: Die Nuklearmedizin arbeitet oft im Hintergrund. Viele Patientinnen und Patienten profitieren von unseren Untersuchungen und Therapien, ohne überhaupt zu wissen, dass diese aus der Nuklearmedizin stammen.

Ich wünsche mir deshalb, dass unser Fach sichtbarer wird. Viele Frauen würden dadurch deutlich früher die passende Diagnostik erhalten, wenn sie wüssten, welche Möglichkeiten die Nuklearmedizin heute bietet.


Healthy Lady: Mit welchen zunächst unspezifischen Beschwerden werden Frauen besonders häufig zur weiteren Abklärung an Sie überwiesen?

Dr. Lilit Schweiger: Viele denken vor allem an Schilddrüsenerkrankungen – tatsächlich ist unser Fachgebiet aber wesentlich breiter. Wir betreuen Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen und arbeiten eng mit vielen anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen.

Gerade bei Schilddrüsenerkrankungen sehen wir häufig Frauen mit Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Herzrasen, Gewichtszunahme oder unerfülltem Kinderwunsch. Gleichzeitig spielt die Nuklearmedizin aber auch eine zentrale Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose sowie in der Diagnostik und Therapie zahlreicher Tumorerkrankungen.

Durch moderne Verfahren wie PET/CT können wir Stoffwechselprozesse sichtbar machen und dadurch Erkrankungen häufig früher oder präziser beurteilen, als dies allein mit anatomischen Bildgebungen möglich wäre.

Darüber hinaus unterstützen wir auch bei Fragestellungen wie unklarem Fieber, chronischen Entzündungen oder bei ausgewählten Aspekten der Demenzdiagnostik.

„Viele Frauen würden deutlich früher die passende Diagnostik erhalten, wenn sie wüssten, welche Möglichkeiten die Nuklearmedizin heute bietet.“


Schlüsselorgan Schilddrüse: Kinderwunsch, Erschöpfung und die Psyche

Healthy Lady: Welche Bedeutung hat die Schilddrüse bei unerfülltem Kinderwunsch und während einer Schwangerschaft?

Dr. Lilit Schweiger: Die Schilddrüse beeinflusst nahezu alle Stoffwechselprozesse des Körpers und spielt auch bei Kinderwunsch und Schwangerschaft eine wichtige Rolle. Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können den weiblichen Zyklus, den Eisprung und damit die Fruchtbarkeit beeinflussen.

Deshalb sollte die Schilddrüsenfunktion im Rahmen der Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches mitberücksichtigt und bei entsprechender Indikation überprüft werden. Eine gut eingestellte Schilddrüsenfunktion ist außerdem für eine gesunde Schwangerschaft von großer Bedeutung.

Fachärztin für Nuklearmedizin
Dr. Lilit Schweiger


Healthy Lady: Warum ist es so schwierig, Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Gewichtszunahme eindeutig der Schilddrüse zuzuordnen?

Dr. Lilit Schweiger: Viele dieser Beschwerden sind unspezifisch und können zahlreiche Ursachen haben. Genau deshalb ist eine sorgfältige medizinische Abklärung wichtig. Nicht jede Müdigkeit oder Gewichtszunahme ist auf die Schilddrüse zurückzuführen – manchmal steckt beispielsweise auch ein Eisenmangel, ein Vitaminmangel oder eine andere internistische Erkrankung dahinter.

„Sowohl eine Unterfunktion als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können den weiblichen Zyklus, den Eisprung und damit die Fruchtbarkeit beeinflussen.“


Healthy Lady: Schilddrüsenfunktionsstörungen können sich auch auf Stimmung, Antrieb und innere Ruhe auswirken. Wie lässt sich verhindern, dass körperliche und psychische Ursachen gegeneinander ausgespielt oder wichtige Zusammenhänge übersehen werden?

Dr. Lilit Schweiger: Ich wünsche mir vor allem mehr Aufklärung. Viele Frauen leiden über Monate oder sogar Jahre unter Beschwerden, ohne zu wissen, dass auch eine Schilddrüsenerkrankung dahinterstecken könnte. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht jede Erschöpfung oder depressive Verstimmung vorschnell der Schilddrüse zuzuschreiben. Gute Medizin bedeutet, sorgfältig zu differenzieren und jede Patientin individuell zu betrachten. Genau dabei kann die Nuklearmedizin einen wichtigen Beitrag leisten.


Radioaktivität in der Medizin und was du darüber wissen solltest

Healthy Lady: Das Wort „nuklear“ oder „radioaktiv“ löst bei vielen Menschen sofort Unbehagen aus. Was sollten Patientinnen über die Sicherheit und Strahlenbelastung einer Untersuchung wissen?

Dr. Lilit Schweiger: Tatsächlich arbeiten wir mit sehr geringen Mengen radioaktiver Substanzen. Sie werden ausschließlich dann eingesetzt, wenn die Untersuchung medizinisch gerechtfertigt ist und der erwartete Nutzen das mit der Strahlenexposition verbundene Risiko überwiegt.

Die Verfahren sind gut etabliert und die Strahlenexposition wird auf das für die jeweilige Fragestellung notwendige Maß begrenzt.

Besondere Situationen wie Schwangerschaft oder Stillzeit werden selbstverständlich individuell berücksichtigt. Falls erforderlich, erhalten Patientinnen und Patienten anschließend entsprechende Verhaltensempfehlungen

„Gute Medizin bedeutet, sorgfältig zu differenzieren und jede Patientin individuell zu betrachten.“


Zuhause am Nil: Warum viele Europäerinnen ihr Glück in Ägypten finden – Buchautorin Aleksandra Helail im Interview

Traumhafte Strände, leckeres Essen, majestätische Pyramiden und eine jahrtausendealte Geschichte. Für Millionen von Menschen ist Ägypten das perfekte Reiseziel. Doch während die meisten nach dem Urlaub wieder im Flieger Richtung Heimat sitzen, entscheiden sich einige Europäerinnen für einen radikalen Schritt. Sie bleiben. Sie tauschen ihr geregeltes Leben gegen den pulsierenden Alltag im Land der Pharaonen.

Eine von ihnen ist Aleksandra Helail (33). Mit zwölf zieht sie vom polnischen Breslau nach München, studiert später in Augsburg und findet bereits mit 19 Jahren ihren Weg zum Islam – aus eigener Überzeugung und lange bevor Ägypten überhaupt eine Rolle in ihrem Leben spielt. Als sie 2016 für ein Praktikum nach Kairo reist, soll der Aufenthalt nur wenige Monate dauern. Doch die Stadt am Nil hat andere Pläne. Aleksandra verliebt sich in der Metropole und lernt wenig später ihren heutigen Ehemann Mohamed kennen.

Als erfolgreiche Buchautorin und Gastgeberin ihrer eigenen YouTube-Sendung gibt sie europäischen Auswanderinnen in Ägypten eine Stimme. Sie kennt die Schönheit des Landes genauso wie die Herausforderungen, die ein Leben zwischen zwei Kulturen mit sich bringt. Denn wer als Europäerin einen Araber heiratet oder zum Islam konvertiert, stößt in Europa noch immer häufig auf Vorurteile, Misstrauen und Unverständnis.

Im Interview spricht Aleksandra Helail über kulturelle Unterschiede, den Islam, die Angst vor Ausnutzung und darüber, warum Ägypten für manche Frauen weit mehr ist als nur ein Urlaubsziel.


„Gute und schlechte Menschen gibt es überall“

Healthy Lady: Liebe Aleksandra, in deiner YouTube-Sendung stellst du europäische Frauen vor, die nach Ägypten ausgewandert sind. Was ist nach deiner Erfahrung der Hauptgrund für diesen mutigen Schritt?

Aleksandra Helail: Es gibt nicht den einen Hauptgrund. Jede Frau hat ihre eigene und ganz besondere Geschichte. Ich habe viele deutsche Frauen kennengelernt, die aus Liebe zu Ägypten ausgewandert sind, dort seit Jahren leben und arbeiten, ohne in einer romantischen Beziehung mit einem Ägypter zu sein. Andere wiederum haben im Land ihre große Liebe gefunden.

Eines ist jedoch sicher: Ägypten ist ein Land, das starke Gefühle auslöst. Man liebt es oder man kann nur wenig damit anfangen. Wer sich jedoch einmal in Ägypten verliebt hat, dem fällt es oft schwer, wieder zu gehen. Das Land besitzt eine besondere Energie und vermittelt vielen Menschen ein Gefühl von Leichtigkeit, Lebensfreude und Herzlichkeit.

„Vor allem, wenn Bitten um Geld ins Spiel kommen, sollten alle Alarmglocken angehen.“


Healthy Lady: Auf deinen sozialen Kanälen räumst du immer wieder mit kulturellen Vorurteilen auf. Ein Thema, das besonders polarisiert, sind binationale Beziehungen. Warum werden europäische Frauen, die einen Araber heiraten, in unserer Gesellschaft häufig mit Vorurteilen und Misstrauen konfrontiert?

Aleksandra Helail: Natürlich haben viele Vorurteile einen Ursprung, und sicherlich gibt es arabische Männer, die ihre Frauen schlecht behandeln. Doch das tun auch Männer aus anderen Ländern. Ich kenne viele tolle ägyptische Ehemänner, aber auch solche, die ich persönlich nicht als gute Partner bezeichnen würde. Dasselbe gilt für Deutschland, Polen und viele andere Länder. Letztlich kommt es auf den Menschen an und nicht auf seine Herkunft oder Religion. Gute und schlechte Menschen gibt es überall.

Die gebürtige Polin spricht fließend Arabisch. Mit ihren Büchern und Dialektkursen bringt Aleksandra Helail (33) Menschen die ägyptische Kultur und Sprache näher. (Bild: A. Helail)


Healthy Lady: Neben den kulturellen Hürden hört man leider auch immer wieder von bitteren Enttäuschungen, bei denen für den Partner am Nil nur materielle Vorteile im Vordergrund standen. Worauf sollten Frauen achten, um eine aufrichtige Liebe von bloßer finanzieller Ausnutzung zu unterscheiden?

Aleksandra Helail: Zuerst muss man sich bewusst machen, dass es so etwas gibt. Durch die schwierige finanzielle Situation der Menschen, die in Hotels oder an touristischen Orten arbeiten, gibt es tatsächlich Männer, die mit Hilfe von Frauen aus dem Ausland versuchen, ihre Lebenslage zu verbessern. Da muss man einfach achtsam sein und nicht auf jedes „Ich liebe dich“ reinfallen. Ich denke, dass hier auch entscheidend ist, dass die Frau den eigenen Selbstwert kennt. Was will der Mann eigentlich von mir? Warum verliebt er sich so schnell, obwohl wir uns so kurz kennen? Bin ich die einzige, der er das sagt? Vor allem, wenn Bitten um Geld ins Spiel kommen, sollten alle Alarmglocken angehen.

„Tourist zu sein, ist etwas völlig anderes, als dort zu leben!“


Healthy Lady: Auch die Konvertierung zum Islam polarisiert in Europa extrem. Warum lösen diese persönliche Entscheidung und der Glaube deiner Meinung nach so viel Unverständnis aus?

Aleksandra Helail: Den Menschen wird gesagt, dass der Islam böse sei und dass Frauen in dieser Religion einen niedrigeren Stellenwert und keine Rechte hätten, was natürlich nicht stimmt. Wäre es der Fall, hätte ich diese Religion doch nicht freiwillig als Frau gewählt! Das Problem sind hier meiner Meinung nach oft Männer, die ihre Frauen schlecht behandeln, obwohl es das Gegenteil von dem ist, was der Islam von ihnen erwartet. Dieses Verhalten hat seinen Ursprung eher in der Kultur und nicht in der Religion. Das Problem dabei ist, dass Menschen das schlechte Verhalten von Muslimen ihrer Religion und nicht ihrem Charakter, ihrer Erziehung oder Herkunft zuschreiben auch dann, wenn das Verhalten das totale Gegenteil von dem ist, was der Islam eigentlich lehrt.


Zwischen Mythos und Realität: Warum Kairo für europäische Frauen sicherer ist als gedacht

Healthy Lady: Wie sicher ist das Leben für Europäerinnen in Ägypten heute wirklich? Hat sich das Sicherheitsgefühl in den letzten Jahren verändert?

Aleksandra Helail: Ich habe mich in Kairo immer sicher gefühlt, und ich muss sagen, dass ich ganz oft allein unterwegs bin. Allerdings ist es dort wie in den meisten Großstädten. Man muss einfach wissen, wo man wann hingehen kann und welche Orte man zu bestimmten Zeiten lieber meidet. Auch meine Freundinnen, zum Beispiel aus Deutschland, die hier leben, fühlen sich absolut sicher.

Nur 15 Kilometer vom Zentrum Kairos entfernt erheben sich die berühmten Pyramiden von Gizeh, die seit mehr als 4.500 Jahren die Geschichte Ägyptens prägen. Sie sind der perfekte Startpunkt, um die vielen weiteren Sehenswürdigkeiten zu erkunden. (Bild: Abdullah/ Pexels)

Healthy Lady: Wie werden Auswanderinnen in Ägypten behandelt? Werden sie als Europäerinnen anders wahrgenommen oder genießen sie vor Ort einen besonderen Respekt?

Aleksandra Helail: Ich als Ausländerin in Ägypten wurde noch nicht aufgrund meiner Herkunft schlecht behandelt, ganz im Gegenteil. Ich hatte immer das Gefühl, dass es den Ägyptern wichtig war, mir alles recht zu machen, damit ich mich in ihrem Land wohlfühle. 


Healthy Lady: Was sind die größten Mythen über Ägypten, mit denen du durch deine Arbeit endlich aufräumen möchtest?

Aleksandra Helail: Der größte Mythos ist, dass alle Frauen unterdrückt und unglücklich seien und keine Rechte hätten. Oder dass es dort keine Entwicklung gäbe und Ägypten ein total zurückgebliebenes Land sei, in dem es nichts außer den Pyramiden und Hotels am Strand gibt. Das Gegenteil ist der Fall, denn Ägypten ist ein Land vieler Kontraste. Es ist faszinierend und überrascht einen selbst nach so vielen Jahren immer wieder aufs Neue. Wenn man die Bereitschaft zeigt, sich dem Land und seinen Bewohnern gegenüber zu öffnen, kann man das wahre, nicht nur touristische Ägypten erleben. An so vielen Orten ist es total modern, neu und gepflegt. An anderen chaotisch und vielleicht auch unordentlich. Aber es ist immer authentisch und voller Herz.


Karriere & Freundschaften: Das unterschätzte Leben der Frauen in der Megacity

Healthy Lady: Was arbeiten die europäischen Frauen in einer 20-Millionen-Metropole wie Kairo? Wie bauen sie sich in dieser riesigen Stadt beruflich eine Existenz auf?

Aleksandra Helail: Auch das ist sehr unterschiedlich. Manche arbeiten an internationalen Schulen, andere sind in der Tourismusbranche tätig oder arbeiten in internationalen Unternehmen. Einige haben sich selbstständig gemacht und eigene Beautysalons oder Cafés eröffnet.

„Nur weil wir etwas nicht nachvollziehen können, heißt das noch lange nicht, dass unsere eigene Ansicht die einzig richtige ist.“


Healthy Lady: Kann man in Kairo gut leben? Wie teuer ist hier der Alltag im Vergleich zu Europa?

Aleksandra Helail: Wenn man gut verdient, kann man in Kairo wunderbar leben. Oft ist es so, dass Ausländer mehr als Ägypter verdienen. Hier meine ich aber ein bestimmtes Umfeld, und zwar Menschen, die in Kairo leben und vor allem an internationalen Schulen arbeiten. In Ägypten kann man sehr günstig, aber auch sehr teuer leben. Es kommt ganz auf den Wohnort und den Lebensstil an. Hier gibt es lokale und günstige Gegenden, jedoch leben die meisten Expats eher in den modernen und somit teureren Stadtteilen. Obwohl es dort immer noch günstiger als in Deutschland ist, geben diese Menschen im Monat deutlich mehr Geld aus als ein durchschnittlicher Ägypter.


Healthy Lady: Wie unterscheiden sich die Europäerinnen von den Ägypterinnen? Wie sehen Freundschaften zwischen zwei Frauen aus so unterschiedlichen Kulturen aus?

Aleksandra Helail: Das kann man pauschal so nicht sagen. Ägyptische Frauen sind nicht alle gleich, so wie es auch die Europäerinnen nicht sind. Was ich aber über die Jahre feststellen konnte, ist, dass Ägypterinnen unglaublich stark sind. Sie arbeiten, schmeißen den Haushalt und versuchen, möglichst gute Mütter und Ehefrauen zu sein. Auch wenn es ihnen manchmal zu viel wird, geben sie nicht auf und machen einfach weiter. Diese Stärke habe ich bei ganz vielen gesehen. Natürlich kann es Freundschaften zwischen Frauen aus unterschiedlichen Kulturen geben. Ich selbst habe in Kairo sehr gute Freundinnen. Aber ich glaube, dass diese Beziehungen ein Stück weit meiner Ehe ähneln. Durch die vielen Jahre in Kairo und dadurch, dass ich ägyptisches Arabisch fließend spreche, merken wir im Alltag keine großen Kulturunterschiede mehr.

Der mächtige Nil – der längste Fluss unseres Planeten schlängelt sich durch eine gigantische 22-Millionen-Metropole. Die moderne Skyline von Kairo direkt am Flussufer zeigt, wie sich das Land inzwischen weiterentwickelt hat. (Bild: PhotoByMau/ Pexels)

Ein Glaube, eine Liebe, ein Team: Wie Aleksandra ihr Glück am Nil fand

Healthy Lady: Du bist bereits mit 19 zum Islam konvertiert. War das eine Entscheidung, die durch deine Liebe zu Ägypten kam, oder war es eine ganz persönliche, spirituelle Suche?

Aleksandra Helail: Die Liebe zu einem Land sollte niemals etwas mit der Wahl der Religion zu tun haben. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Religion ist etwas ganz Persönliches. Etwas, das man weder für eine Sache noch für einen anderen Menschen wählen sollte. Schließlich geht es hier um den Glauben aus tiefstem Herzen und die persönliche Verbindung zu Gott. Ich habe meinen eigenen Weg gesucht und ihn im Islam gefunden.


Healthy Lady: Du bist mit Mohamed, einem Ägypter, verheiratet und ihr habt eine gemeinsame Tochter. Wie schafft ihr es im Alltag, die europäische und die ägyptische Kultur so zu vereinen, dass eure Tochter das Beste aus beiden Welten mitbekommt?

Aleksandra Helail: Ehrlich gesagt merken wir in unserem Alltag keine großen Kulturunterschiede. Ich denke, dass die gemeinsamen Werte, die ja in unserer gemeinsamen Religion ihren Ursprung haben, uns die Erziehung sehr erleichtern. Wir haben unsere festen Werte, zu denen wir stehen, sind aber gleichzeitig für vieles offen. Das Gute kann man schließlich in jeder Kultur finden und genau das machen wir uns zunutze.

Die Buchautorin ist seit fast 10 Jahren mit dem Ägypter Mohamed verheiratet und lebt mit ihrer Familie zwischen Kairo und Berlin. (Bild: A. Helail)

Healthy Lady: Was macht deine eigene Ehe heute glücklich? Was ist euer Geheimnis für eine funktionierende binationale Beziehung?

Aleksandra Helail: Es gibt kein Geheimnis. Man muss einfach an sich arbeiten und dem anderen wirklich zuhören wollen. Ohne die Bereitschaft, an sich selbst und an der Partnerschaft zu arbeiten, wird es schwierig und zwar völlig unabhängig davon, aus welchem Land oder aus welcher Kultur man kommt.


Bye-bye Massentourismus: Kairo hautnah und mit Herz erleben

Healthy Lady: Du und dein Mann Mohamed bietet Ausflüge durch Kairo an, um Reisenden die „einheimische Seite“ zu zeigen. Warum lohnt es sich, die Stadt so zu entdecken, statt eine klassische Touristentour zu buchen?

Aleksandra Helail: Seit langer Zeit betrachten wir die riesigen Touristenbusse mit zig Menschen an Bord recht kritisch. Unserer Meinung nach ermöglicht Massentourismus kaum das richtige Kennenlernen eines Landes. Man bekommt nur ein sehr oberflächliches Bild von einem Ort, hat aber kaum die Möglichkeit, wirklich tiefer einzutauchen. Genau aus diesem Grund haben wir angefangen, Reisenden zu zeigen, wie man Kairo ganz anders und absolut authentisch erleben kann.

„Ich habe meinen eigenen Weg gesucht und ihn im Islam gefunden.“


Healthy Lady: Was erwartet die Reisenden bei euren Touren? Welches Gefühl oder welche Erlebnisse möchtest du den Menschen vermitteln?

Aleksandra Helail: Unsere Kunden sind übrigens nicht nur Frauen, sondern auch kleine Gruppen oder Familien. Für jeden Gast erstellen wir einen ganz individuellen Plan, der exakt auf den persönlichen Wünschen und Interessen basiert. Wir erklären, wie man sich in Kairo am besten und sichersten bewegt, wo man wunderbar alleine spazieren gehen kann und welche Orte man lieber mit einem Guide besichtigt. Die Reiseleiter, mit denen wir zusammenarbeiten, wissen ganz genau, was wir von ihnen erwarten: eine individuelle Betreuung und absolut keine Massenabfertigung. Außerdem verraten wir unseren Gästen, wo man richtig gut lokal essen kann, und bleiben während ihres gesamten Aufenthalts per WhatsApp mit ihnen in Kontakt. Falls Fragen auftauchen, können sie sich jederzeit an uns wenden.


Healthy Lady: Was ist dein persönlicher Lieblingsort in Ägypten, an dem du dich am meisten „zuhause“ fühlst, und warum?

Aleksandra Helail: Unser Zuhause in Kairo. Wir haben dort viele Jahre gelebt, es bleibt für immer mein Zuhause, auch jetzt, wo wir zwischen Kairo und Berlin leben. 

Moderne und Tradition schließen sich in Ägypten nicht aus. Viele Ägypterinnen verbinden Familie, Karriere und gesellschaftliches Engagement miteinander. (Bild: Bassel Zaki/ Pexels)

Das A und O fürs Auswandern: Warum der Blick über den Tellerrand alles verändert

Healthy Lady: Wenn eine Frau heute vor dir steht und sagt: „Ich möchte alles in Europa aufgeben und nach Ägypten ziehen“, was ist der wichtigste Rat, den du ihr gibst?

Aleksandra Helail: Dass sie diesen Schritt niemals impulsiv wagen sollte! Man sollte sich zuerst intensiv mit der Kultur und der Religion des Landes auseinandersetzen. Und vor allem: Man sollte das echte Leben dort vorab ausprobiert haben, und sei es nur für einen kurzen Zeitraum. Tourist zu sein, ist etwas völlig anderes, als dort zu leben! Ich würde definitiv nicht sofort alle Zelte in Europa abbrechen, solange man vor Ort noch keine Wohnung und keine sichere Arbeitsstelle hat. Eine gut durchdachte Vorbereitung ist hier einfach das A und O.


Healthy Lady: Welche Botschaft möchtest du mit deiner Arbeit, deinen Büchern und deinen Videos am Ende in die Welt tragen?

Aleksandra Helail: Ich möchte den Menschen zeigen, dass man die Welt nicht nur aus der eigenen Perspektive betrachten sollte. Was ist, wenn andere Menschen Dinge ganz anders sehen oder verstehen als wir? Wir müssen nicht immer alles begreifen, aber wir sollten einander eine Chance geben und den Dialog suchen. Wer weiß, vielleicht lernen wir dadurch sogar etwas dazu? Nur weil wir etwas nicht nachvollziehen können, heißt das noch lange nicht, dass unsere eigene Ansicht die einzig richtige ist.


Gut zu wissen: Wer mehr über Aleksandras Arbeit erfahren, ihre Bücher lesen oder einen ihrer Dialektkurse belegen möchte, findet alle Informationen und tägliche Einblicke auf ihrem Instagram-Kanal unter @aleksandra_helail

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47 Grad, Taliban & der Gedanke ans Aufgeben – das extreme Abenteuer von Maria und Philipp

8.000 Kilometer, zwei Kontinente, 22 Länder. Maria West und Philipp Springsguth haben das getan, wovon andere nur träumen. Sie haben ihr Leben in Sachsen auf zwei Fahrräder reduziert und sind einfach losgerollt. 100 Kilogramm wiegt das gesamte Gepäck. Kein Luxus, nur das Nötigste. Ein Zelt, Schlafsäcke und das unschätzbare Vertrauen in sich selbst und den Partner.

Das Chemnitzer Duo kämpfte sich bei 47 Grad durch den Gegenwind der usbekischen Wüste, radelte entlang der Küsten Südkoreas und fuhr bis nach Singapur mit ihrem gesamten Leben auf zwei Fahrrädern.

Nach zehn Monaten im Sattel sind Maria und Philipp zurück in Deutschland. Während sie wieder bei ihren Familien ankommen, sacken die Erlebnisse erst langsam ab. Plötzlich wird ihnen bewusst, wie viel Ballast man im Alltag anhäuft und wie wenig es eigentlich braucht, um wirklich glücklich zu sein.

Doch wer glaubt, das Abenteuer sei vorbei, kennt die beiden schlecht. Der Blick geht längst wieder nach vorn. Die Reisekasse wird neu gefüllt, der Motorradführerschein ist im Visier und das nächste Mammutprojekt wirft bereits seine Schatten voraus.

Für Healthy Lady sprechen Maria West und Philipp Springsguth über Erschöpfung am absoluten Limit, über Länder, die andere meiden bis zu Begegnungen mit der Taliban in Afghanistan, die sie nie vergessen werden.


Zwischen Mittagessen mit der Taliban, Aufgeben und unerwarteter Gastfreundschaft

Healthy Lady: Ihr seid durch Regionen gereist, um die die meisten Menschen einen großen Bogen machen. Ihr habt unter anderem Afghanistan mit dem Fahrrad durchquert. Wie fühlt es sich an, plötzlich mittendrin zu sein? Und vor allem: Wie liefen die Begegnungen mit der Taliban ab, wenn man sich dort plötzlich Auge in Auge gegenübersteht?

Philipp: Es war intensiv und völlig anders, als man es sich vorher vorstellt. Afghanistan hat eine komplett andere Kultur als die deutsche. Lauter, offener und ungefiltert. Das ist ungewohnt für unser Verständnis von Privatsphäre, die dort zu einer echten Rarität wurde. Aber gleichzeitig wurden wir mit Gastfreundschaft und ehrlich freundlichen Interaktionen überhäuft. Die Menschen im Land waren unglaublich nett zu uns, und das hat unsere Perspektive auf das afghanische Volk komplett verändert.

Im krassen Kontrast dazu stand die Interaktion mit der Taliban. Sie wirkten eher distanziert und vorsichtig. Aber bei den regelmäßigen Kontrollen an den Checkpoints gab es tatsächlich auch einige, die ein breites Lächeln auf dem Gesicht hatten, Maria die Hand gaben oder uns sogar zum Essen einluden.

Grenzkontrolle in Afghanistan: Philipp Springsguth (links) und ein weiterer Tourist (rechts) im Gespräch mit Taliban-Kämpfern an einem Checkpoint – ein Moment, der ihm bis heute im Gedächtnis geblieben ist. (Bild: M. West))

Healthy Lady: Bei einer solchen Route fährt das Risiko quasi im Gepäck mit. Gab es Momente, in denen euch die Angst gepackt hat?

Maria: Nein, denn Angst verbinden wir mit Kontrollverlust. Wir hatten Respekt, sei es vor den Erdrutschen in Pakistan oder vor den Interaktionen mit der Taliban. Wir haben in jeder Situation genau abgewogen, welches Risiko wir eingehen wollen, und uns am Ende immer auf unser Bauchgefühl verlassen.

„Dort, wo die Menschen am wenigsten besitzen, wurden wir am großzügigsten empfangen.“


Healthy Lady: Monatelang im Sattel unter extremen Bedingungen. Gab es auf dieser Reise jemals den Punkt, an dem ihr alles hinschmeißen und das Projekt abbrechen wolltet?

Philipp: Maria hat in Georgien darüber nachgedacht. Zentralasien war für sie ein Thema, das ihr Angst gemacht hat. Die Hitze, die Versorgungsmöglichkeiten, Lebensmittelhygiene und vieles mehr. Gepaart mit der Erschöpfung der ersten Monate durch Europa, Türkei und Georgien war das mental für sie ein Punkt, an dem sie stark gezweifelt hat. Mittlerweile ist sie sehr froh, dass sie drangeblieben ist, und Zentralasien war zwar sehr herausfordernd, aber gleichzeitig total bereichernd.


Lektionen in Menschlichkeit

Healthy Lady: Man reist ja oft mit bestimmten Klischees oder Bildern im Kopf, die man aus den Medien kennt. Gab es einen konkreten Ort oder eine Begegnung, die eure vorgefertigte Meinung über ein Land komplett auf den Kopf gestellt hat?

Philipp: Das afghanische Volk hat definitiv unseren Blick auf Afghanistan verändert. Die Menschen dort leben seit über 40 Jahren immer wieder in Krieg und unter Unterdrückung, und trotzdem schauen sie positiv in die Zukunft und hoffen auf bessere Zeiten. Ausgerechnet dort, wo die Menschen am allerwenigsten besitzen, wurden wir ständig und überall eingeladen. Die mentale Stärke und die Lebensfreude dieser Menschen haben uns tief beeindruckt.


Healthy Lady: Welche Begegnung unterwegs hat euch am meisten berührt?

Philipp: Es gab nicht die eine Begegnung, sondern viele kleine Momente der Menschlichkeit. Wir durften auf unserer Reise schon so viel Gastfreundschaft erfahren, und das ganz besonders in den ärmeren Ländern. Vor einigen Wochen wurden wir erst im vietnamesischen Hinterland von einem 10-jährigen Jungen mit dem Moped überholt. Er kam nach ein paar Minuten zurück und drückte mir einen Geldschein in die Hand (30 Cent). Komplett verdutzt wollte ich es ihm zurückgeben, aber er hat das nicht akzeptiert. Solche Momente berühren uns sehr und lassen uns viel nachdenken. Denn obwohl er weniger hat als wir, legt er viel mehr Wert darauf, uns zu begrüßen und ein Geschenk zu machen, als das Geld zu haben. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Großzügigkeit und Gastfreundschaft sind Werte, die wir in unserem Alltag viel aktiver leben wollen.

Von Deutschland durch Europa und Asien bis nach Singapur: Das Chemnitzer Duo durchquerte 22 Länder ausschließlich mit Muskelkraft auf zwei Fahrrädern. Zurück nach Deutschland ging es schließlich per Flugzeug. (Bild: P. Springsguth)

Routenplanung nach Bauchgefühl

Healthy Lady: Plant man so eine Route eigentlich bis ins Detail durch oder fährt man einfach auf gut Glück los?

Maria: Wir lieben es, mit dem Rad unterwegs zu sein. Grundsätzlich war es meistens so, dass wir uns Tagesziele setzten und diese so gut wie möglich versucht haben einzuhalten. Wenn die Strecke, aber besonders schön war und es viel zu sehen gab, entschieden wir uns auch manchmal, den Plan zu ändern. Die Reise lief nicht immer so, wie wir sie geplant haben, aber oft schöner, als wir es uns hätten ausmalen können. Wir sind sehr spontan und deshalb änderten wir häufig unsere Pläne, aber das machte es dann auch sehr besonders und aufregend, weil wir immer nach unserem Bauchgefühl gegangen sind.


Healthy Lady: Wie habt ihr euch eigentlich auf dieses Abenteuer vorbereitet? Gab es da ein striktes Trainingsprogramm für Körper und Geist?

Philipp: Wir haben super viele Ratschläge bekommen, wie wir uns bestmöglich auf diese Reise vorbereiten sollten. Allerdings verschwimmt das alles zwischen Arbeiten, Geld für die Reise sparen, Recherche und Equipment besorgen. Wir haben in den 10 Monaten der Vorbereitung oft nur funktioniert und uns wenig vorbereitet. Einen kleinen Versuch der körperlichen Vorbereitung hatten wir auf unserer Probetour durch Tschechien. Aber ehrlich gesagt hat uns das eher dabei geholfen zu sehen, was wir am Equipment noch optimieren können, und weniger körperlich. Das kommt mit der Zeit. Man wächst wortwörtlich rein und der Kopf kann das alles gar nicht richtig realisieren.

„Nach dieser Reise haben wir gemerkt, wie viel wir besitzen – und wie wenig wir davon wirklich brauchen.“


Healthy Lady: Beim Packen verfällt man ja schnell in den „Was-wäre-wenn“-Modus. Was davon habt ihr am Ende wirklich gebraucht und was war eigentlich völlig überflüssig?

Maria: Wir haben natürlich am Anfang viel zu viel mitgenommen und auch schon einiges wieder nach Hause geschickt. Zum Beispiel hatten wir zwei Solarzellen dabei, die wir genau dreimal in fünf Monaten genutzt haben. Und ein paar kleinere Sachen, die aber in Summe viel Platz weggenommen haben. Was wir wirklich gebraucht haben, waren natürlich die Fahrräder, unser Zelt sowie Schlafsack und Isomatten, Kochequipment, funktionale Kleidung, Sonnencreme, ein paar Hygieneartikel und Medikamente. Den Rest konnten wir oft improvisieren oder vor Ort besorgen. Ansonsten waren für uns auch die Kamera und die Drohne unerlässlich, mit denen wir unsere Reise dokumentiert haben.


Grüße aus Afghanistan: Seit 2020 gehen Maria West und Philipp Springsguth gemeinsam durchs Leben. Was als Beziehung begann, wurde schnell zu einer gemeinsamen Leidenschaft für Reisen und das Abenteuer. (Bild: M. West, P. Springsguth)

47 Grad, Gegenwind und Tage am absoluten Limit

Healthy Lady: Wenn man monatelang die Welt mit dem Fahrrad erkundet, läuft sicher nicht immer alles glatt. Was war denn rückblickend euer härtester Moment auf der Reise?

Philipp: Definitiv die Hitze und der Gegenwind in Usbekistan. Wir hatten teilweise bis zu 47 °C im Schatten, und in der Wüste schützte uns einfach nichts vor der Sonne. Wir haben unsere Etappen dann teilweise schon früh morgens begonnen, eine lange Mittagspause in einer Bushaltestelle eingelegt und sind erst abends weitergefahren.


Healthy Lady: Nach so vielen hunderten Kilometern im Sattel kann ich mir gut vorstellen, dass der Körper irgendwann einfach streikt. Wie seid ihr damit umgegangen?

Maria: Wir haben uns meistens gegenseitig motiviert. Wir haben dann viel darüber gesprochen und geschaut, ob wir unsere Route oder Ähnliches anpassen können. Wenn es gar nicht mehr ging, haben wir eine spontane Pause eingelegt. Das klingt jetzt so einfach, war aber oft mit Kompromissen verbunden. Wir haben uns manchmal selbst Druck gemacht, weil wir unsere Pläne einhalten wollten und unsere Pausen am liebsten an Orten gemacht hätten, die wir auch unbedingt sehen wollten. Aber wenn man keine Kraft mehr hat oder krank ist, kann man es einfach nicht erzwingen.


Das kostet Freiheit

Healthy Lady: Wie finanziert man sich so eine lange Reise, die über Monate geht?

Philipp: Wir haben vor Reisebeginn zehn Monate lang alles gespart, was nur möglich war. Das heißt, wir haben beide zwei Drittel unseres Gehalts beiseitegelegt und dadurch genug Geld für zwei Jahre angespart. Dafür mussten wir auf viel verzichten, wie Essen gehen, Freizeitaktivitäten und Ähnliches. Gleichzeitig haben wir geschaut, wie wir unsere alltäglichen Ausgaben optimieren können: Wir haben unnötige Abos und Verträge gekündigt, haben günstig gekocht und auch unser Equipment hauptsächlich gebraucht über Kleinanzeigen gekauft. Das war teilweise echt hart und hat uns viel abverlangt, aber mit dem Ziel der Radreise vor Augen haben wir das durchgestanden.

„Lieber bin ich ein kleines bisschen zu naiv und habe den Mut, einfach loszugehen, als alles bis ins kleinste Detail durchzuplanen und am Ende nie zu starten.“


Healthy Lady: Während viele Menschen Sicherheit mit einem festen Job, einer Wohnung oder finanzieller Planbarkeit verbinden, habt ihr euch bewusst für ein Leben unterwegs entschieden. Was bedeutet Sicherheit für euch heute? Ist Freiheit am Ende teurer oder vielleicht sogar wertvoller?

Philipp: Für uns bedeutet Freiheit inzwischen auch Sicherheit. Nicht, weil alles planbar ist, sondern weil wir gelernt haben, dass wir auch mit wenig auskommen und trotzdem zufrieden sein können. Ein klassisches Leben mit festem Job, Wohnung oder Haus würde uns aktuell sogar mehr Druck machen als das Reisen selbst. Viele Menschen verbinden genau damit Sicherheit. Für uns entsteht Sicherheit eher aus dem Wissen, dass wir nicht viel brauchen, um glücklich zu sein.

Wir brauchen kein teures Auto und nicht jedes Jahr das neueste Handy. Wir investieren unser Geld lieber in Erfahrungen, die bleiben, statt in Dinge, die irgendwann ersetzt werden.

Unterwegs reisen wir bewusst Low Budget und passen unsere Ausgaben immer an das jeweilige Land an. In Japan haben wir zum Beispiel nur zweimal in einer Unterkunft geschlafen und den Rest der Zeit im Zelt verbracht. In anderen Ländern haben wir uns dafür häufiger ein Zimmer genommen. Genau diese Flexibilität macht für uns Freiheit aus.

Zelten in Kappadokien: Schon vor ihrer Fahrradreise sammelten Maria und Philipp Reiseerfahrung. Zehn Monate lang waren sie mit ihrem alten Camper „Wilma“ in Südeuropa und Marokko unterwegs. Doch irgendwann wollten sie mehr. (Bild: P. Springsguth)

Healthy Lady: Ist das Leben unterwegs wirklich günstiger?

Philipp: Das hängt immer davon ab, welche Ansprüche man an das Reisen stellt. Hotelzimmer oder Zelt? Essen gehen oder selber kochen? Für uns ist es unterwegs günstiger. Wir zahlen keine Miete, haben kaum Fixkosten und essen das, was es lokal gibt, also ist es für uns unterwegs günstiger.


Liebe auf engem Raum

Healthy Lady: Ihr wart monatelang rund um die Uhr zusammen unterwegs, auf engstem Raum, oft erschöpft, manchmal hungrig und ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Was hat diese Reise euch über eure Beziehung und über euch selbst als Paar gelehrt?

Maria: Wir waren es schon vor der Reise gewohnt, viel Zeit miteinander zu verbringen und eng zusammenzuleben und genau das haben wir immer geliebt. Trotzdem zeigt eine Reise wie diese noch einmal auf eine ganz andere Weise, worauf es in einer Beziehung wirklich ankommt.

Schon früh haben wir gelernt, dass Kommunikation für uns alles ist. Unterwegs gehören Müdigkeit, Hunger, Stress oder auch Unsicherheit ganz selbstverständlich dazu. Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse ehrlich anzusprechen und dem anderen wirklich zuzuhören.

Was diese Reise uns vor allem gezeigt hat: Wir verzeihen heute schneller, nehmen viele Dinge nicht mehr so schwer und haben gelernt, auch in schwierigen Momenten als echtes Team zu funktionieren.


Zurück in Deutschland, aber längst noch nicht angekommen

Healthy Lady: Wenn ihr heute auf all die Kilometer, Herausforderungen und Begegnungen zurückblickt, würdet ihr diesen Weg noch einmal genauso gehen?

Philipp: Ja … und gleichzeitig auch nein. Vor unserer Reise haben uns viele gesagt, dass wir zu naiv an dieses Abenteuer herangehen. Gerade in der Vorbereitung hat uns das manchmal verunsichert und ehrlich gesagt auch Kopfzerbrechen bereitet. Heute sehen wir das anders. Rückblickend bin ich lieber ein kleines bisschen zu naiv und habe den Mut, einfach loszugehen, als alles bis ins kleinste Detail durchzuplanen und am Ende nie zu starten.

Natürlich würden wir beim Equipment oder beim Gepäck heute einige Dinge anders machen. Aber genau das wissen wir auch nur, weil wir unterwegs Fehler gemacht, Dinge ausprobiert und daraus gelernt haben. Deshalb lautet die ehrliche Antwort: Ja – wir würden es genauso wieder tun. Denn genau diese Erfahrungen haben uns erst zu den Menschen gemacht, die wir heute sind.

„Was diese Reise uns vor allem gezeigt hat: Wir verzeihen heute schneller, nehmen viele Dinge nicht mehr so schwer und haben gelernt, auch in schwierigen Momenten als echtes Team zu funktionieren.“


Healthy Lady: Ihr habt innerhalb der letzen zehn Monaten 22 Länder besucht. Wie hat sich die Rückkehr nach Deutschland angefühlt nach so vielen Eindrücken aus der Welt? 

Philipp: Die Heimkehr hat sich ehrlich gesagt seltsam angefühlt. Nach zehn Monaten, 22 Ländern und all den Erfahrungen verändert man sich selbst und kommt dann zurück an einen Ort, an dem scheinbar alles gleich geblieben ist. Wir haben festgestellt wieviel wir doch eigentlich besitzen und wie wenig wir davon wirklich nutzen. Wir werden aber wahrscheinlich erst die nächsten Wochen so wirklich einordnen können, dass unsere Reise jetzt wirklich vorbei ist.


Healthy Lady: Habt ihr während der Reise euch wieder Jobs und eine Wohnung in Deutschland gesucht oder wo kommt ihr erstmal unter?

Maria: Wir haben uns noch keine Jobs gesucht, tun dies aber gerade. Die ersten Wochen kommen wir aber erstmal an und schneiden unsere Videos für YouTube. Wir haben eine Wohnung bei unserer Familie und konnten so nach dem Heimflug in unsere eigenen Betten fallen. 

Im Norden von Pakistan kämpfen sich Maria und Philipp mit ihren Rädern durch eine der spektakulärsten Landschaften ihrer Reise – festgehalten für ihre Community auf Social Media @philippundmaria. (Bild: P. Springsguth)

Healthy Lady: Kommt noch so ein Projekt wieder oder etwas ähnliches, wie „Mit dem Fahrrad um die Welt“? Was plant ihr?

Philipp: Wir sind mit dem Wissen nach Deutschland zurückgekehrt uns gleich auf die nächste Reise vorbereiten zu können. Sonst hätten wir wahrscheinlich unsere Reise in Asien weitergeführt, doch wir haben neue Pläne. 

Wir haben uns entschieden die nächste Reise mit dem Motorrad zu bestreiten und dafür stocken wir unsere Reisekasse auf und machen den Motorradführerschein. Starten wird diese in der ersten hälfte 2027 und es geht entweder einmal rund um  Afrika oder Südamerika, das entscheiden wir noch.


Healthy Lady: Nach 22 Ländern, unzähligen Kilometern und Momenten, die euch für immer geprägt haben, was würdet ihr Menschen sagen, die selbst von so einem Abenteuer träumen, sich aber bisher nie getraut haben, den ersten Schritt zu gehen?

Philipp: Das Wichtigste ist, einfach anzufangen. Das sagt wahrscheinlich jeder, aber es ist so. Triff eine Entscheidung, lege dir einen Zeitpunkt der Abreise fest und dann schau Schritt für Schritt, wie du deinen Traum umsetzen kannst. Ganz wichtig ist, die Angst oder den Respekt davor auch immer wieder ein Stück beiseitezuschieben. Es ist ganz normal, dass das aufkommt. Allerdings wird es so viel schöner und leichter, als man es sich vorstellt, und die Herausforderungen tauchen sowieso da auf, wo du es nicht planst.

Für den finanziellen Aspekt würden wir raten, sich mal intensiv mit allen Einnahmen und Ausgaben auseinanderzusetzen und alles auszusortieren, was man nicht wirklich braucht. Überlege, wie man die laufenden Kosten reduzieren kann, aber in einem Maß, in dem du es durchhalten kannst.

Und wenn es um Equipment geht, raten wir dir, dich an anderen zu orientieren. Es gibt einige Reisende, die Webseiten mit Equipmentlisten haben. Da kann man mal stöbern, schauen, was zu einem passt, vielleicht auch bei speziellen Fragen den Leuten eine Mail oder Nachricht auf Instagram schreiben.

Und wegen der Route können wir ganz klar empfehlen, sich einen groben Plan zu machen und den Rest offen zu halten, denn so hat man immer Raum für Spontanität, denn das meiste ergibt sich unterwegs.


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