Interviews

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

Neun Monate. So viel Zeit gibt die Natur dem Körper und der Seele einer Frau, um langsam in die Mutterrolle hineinzuwachsen. Paulina (23) blieben davon nicht einmal viereinhalb. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde sie mitten im fünften Monat von einer Realität überrascht, mit der sie niemals gerechnet hatte.

Die Diagnose: 20. Schwangerschaftswoche. Von einer Sekunde auf die andere gerät Paulinas gesamter Lebensentwurf ins Wanken. Sie verhütete mit der Pille, wollte keine Kinder und hatte vom Frauenarzt mehrfach gehört, sie sei unfruchtbar. Dass die Schwangerschaft trotz mehrerer Termine lange unentdeckt blieb, stellt ihr Leben auf den Kopf. Paulina wählt zunächst den Weg der Adoption. Doch nach der Geburt nimmt ihre Geschichte eine unerwartete Wendung.

Ein Exklusivinterview über Kontrollverlust, eine folgenschwere Entscheidung und die bedingungslose Liebe zu ihrer Tochter Lilly (Name von der Redaktion geändert).


Von Null auf Mutter: Der Tag, an dem sich alles veränderte

Healthy Lady: Liebe Paulina, du warst laut eigener Aussage mehrmals bei deinem damaligen Frauenarzt, doch die Schwangerschaft blieb lange unentdeckt. Mit welchen Beschwerden bist du zu ihm gegangen und wie liefen diese Termine ab?

Paulina: Ich bin kurz vor Beginn der Schwangerschaft umgezogen und war einfach zu faul, die dreiviertelstündige Fahrt zu meiner eigentlichen Frauenärztin auf mich zu nehmen. Da ich ohnehin oft mit Zysten und Entzündungen am Eierstock zu kämpfen hatte, waren Blutungen für mich nicht untypisch.

Ich bin insgesamt viermal mit einem generellen Unwohlsein und Schmerzen im Unterleib zu ihm gegangen. Bei diesen Terminen wurde jeweils Ultraschall gemacht, aber anscheinend wurde nichts gesehen außer der Zyste, die tatsächlich da war. Weitere klassische Schwangerschaftsanzeichen hatte ich überhaupt nicht.

Mir war morgens nicht schlecht, meine Brüste taten nicht weh, und ich hatte keine körperlichen Veränderungen. Mir ging es grundsätzlich gut, ich hatte super viel Energie, und auch mental ging es mir gut.

Trotzdem hat der Arzt meine Beschwerden nicht ernst genommen. Seine Haltung war für mich am Ende sinngemäß, ich solle froh sein, noch zu leben. Nun sei ich eben schwanger und werde Mutter. Aber in diesem Moment wusste ich nicht einmal, ob ich da nicht lieber gestorben wäre, denn für mich war das massiv überfordernd.

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Healthy Lady: Eine Woche später stellt deine frühere Gynäkologin fest, dass du bereits in der 20. Schwangerschaftswoche bist. Was ging in dir vor, als du plötzlich auf den Ultraschall-Bildschirm geschaut hast?

Paulina: Die Diagnose war ein riesiger Schock. Da ich regelmäßig Blutungen hatte, sind wir alle davon ausgegangen, dass ich ganz am Anfang stehe. Als wir dann den vaginalen Ultraschall gemacht haben und ich auf den Bildschirm schaute, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. Mir war sofort klar: Nein, das ist keine achte Woche, wie wir dachten. Ich bin viel weiter. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Ich wusste nicht, was ich tun soll, musste erst einmal atmen und konnte gar nicht mehr von dem Stuhl aufstehen. Wir haben an dem Tag auch keinen Mutterpass mehr erstellt, sondern ich durfte einfach nach Hause gehen.

Ich habe zwei bis drei Wochen gebraucht, um die Situation überhaupt zu realisieren. Wenn dann Kommentare kommen wie: „Du hättest doch in den Niederlanden abtreiben können“, kann ich nur sagen: Nein. Ich hatte dafür nicht einmal die nötige Bedenkzeit, ich konnte gar nicht so schnell denken. Ich wusste nur, ich möchte das nicht. Ich war so massiv überfordert, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Dazu kam das Gefühl, komplett inkompetent zu sein, weil das passiert ist und ich es nicht gemerkt hatte. Ich hatte keinerlei Kindsbewegungen gespürt und man hat optisch nichts gesehen, wobei ich zu dem Zeitpunkt auch eher eine rundlichere Figur hatte. Das war unglaublich hart.

„Als wir den Ultraschall machten, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen.“


Healthy Lady: Normalerweise bekommen Frauen viel mehr Zeit, sich auf ein Kind einzustellen. Dir blieben nur etwa viereinhalb Monate bis zur Entbindung. Wie hast du diese Zeit zwischen Schock, Schwangerschaft und der nahenden Geburt erlebt?

Paulina: Nach der Diagnose hatte ich erst einmal ganz klar das Gefühl: Es muss weg. Ich werde keine Mutter, ich kann das nicht, ich möchte das nicht. Dieses „Ich will das nicht“ hat damals einfach alles übertönt.

Wir hatten in dieser Zeit verschiedene Phasen. Der Anfang bis zu dem Punkt, an dem wir uns aktiv für die Adoption entschieden haben, war ein hässliches, erdrückendes Gefühl. Direkt nach dieser Entscheidung ging es mir zwar nicht gut, aber irgendwie doch etwas besser, weil ich gemerkt habe, ich muss das nicht machen, wenn ich mich absolut nicht bereit dazu fühle.

Trotzdem war die Zeit durchgehend schlimm. Bei Terminen wie etwa der Feindiagnostik wusste ich nie, ob mich das medizinische Personal wieder verurteilen würde. Ich wurde mehrfach für unbelehrbar erklärt, weil ich bis zum achten Monat regelmäßige Blutungen hatte, die immer zum gleichen Zeitpunkt auftraten. Jedes Mal wurde ich ungläubig angeschaut nach dem Motto: „Das kann gar nicht sein, Sie irren sich.“ Aber das stimmte eben doch.

Erst die Schwangerschaftsberatung veränderte langsam meinen Blick auf die Situation. Dort wurden mir verschiedene Hilfsangebote gezeigt, und man machte mir Mut, dass ich es auch allein schaffen und mit meinem Studium vereinbaren könnte.

In dieser Phase ging es mir trotzdem überhaupt nicht gut. Ich hatte stark mit Suizidgedanken zu kämpfen und würde meine damalige Verfassung definitiv als depressiv beschreiben. Ich war einfach nicht bereit und habe mich zutiefst geschämt, anderen von der Schwangerschaft zu erzählen.

Hilfe bei Suizidgedanken:
Solltest du befürchten, dir unmittelbar etwas anzutun, wähle den Notruf 112 oder gehe in die nächste psychiatrische Notaufnahme. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym unter 0800 1110111, 0800 1110222 und 116 123 erreichbar. Das Hilfetelefon Schwangere in Not bietet unter 0800 4040020 kostenfreie, anonyme und vertrauliche Beratung.

Paulina wünscht sich, den Alltag mit Lilly künftig weitgehend selbstständig zu gestalten und nur noch gelegentlich Unterstützung anzunehmen. (Bild: Paulina/privat)

Als die Entscheidung im Krankenhaus ins Wanken geriet

Healthy Lady: Wann kam der Entschluss, Lilly zur Adoption freizugeben? Was hat dir damals das Gefühl gegeben, dass dieser Schritt der richtige sein könnte?

Paulina: Der Gedanke an eine Adoption war im Grunde direkt da, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte. Um das zu verdeutlichen: Zwei Wochen, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte, war eigentlich mein Vorgespräch für eine Sterilisation geplant. Das zeigt, wie tief der Wunsch, keine Mutter zu werden, in mir verankert war.

Rein materiell hätten wir es definitiv geschafft, ein Kind zu versorgen. Wir sind sehr strukturierte und liebevolle Menschen. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn man als Familie mal eine Zeit lang nur Brot zum Abendessen isst, weil finanziell gerade nicht mehr drin ist. Aber mir ging es um die emotionale Ebene. Ich wollte für meine Tochter stabil sein, und das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt absolut nicht vorstellen.

Als wir schließlich die potenziellen Adoptiveltern kennengelernt haben, hat es sofort gepasst. Es waren wunderbare Menschen und ich habe gespürt, das sind die Richtigen. Ab diesem Moment war die Entscheidung für mich besiegelt.

Dabei habe ich von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe für meine Tochter empfunden. Aber damals hatte ich das tief sitzende Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht richtig vermitteln kann, dass ich emotional nicht bereit für diese Aufgabe bin und diesen Weg nicht gehen möchte.

„Ich habe von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe empfunden. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht vermitteln kann. Ich wollte keine Mutter sein.“


Healthy Lady: Im Herbst kam deine Tochter zur Welt. Die Geburt selbst lief dank der Hebammen gut, doch die anschließenden Tage auf der Station beschreibst du als extrem belastend. Was genau ist dort vorgefallen?

Paulina: Die Geburt an sich lief – abgesehen davon, dass ewig nichts passierte und ich starke Schmerzen hatte – wirklich gut. Die beiden Hebammen waren wunderbar und haben mir sehr beigestanden.

Der Druck fing an, als ich auf die Station gebracht wurde. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, meine Tochter mit aufs Zimmer zu nehmen und sie auch anzulegen, weil mir das sehr wichtig war. Natürlich musste ich dabei weinen. Die Situation war nach all den Stunden und den Strapazen extrem nervenaufreibend. Und dann sagte eine Schwester: „Wir können das hier auf Station alle nicht verstehen, warum ein junges Paar ihr Kind weggeben will.“ Da dachte ich mir nur, soll ich erst 50 sein, damit es in den Augen anderer akzeptabel ist? Man sollte sich vielleicht eher fragen, warum Paare diesen Schritt gehen, statt sie zu verteufeln. Viele wollen keine Kinder bekommen und das liegt oft nicht daran, dass sie ungeeignet wären, sondern an den Rahmenbedingungen.

Dann wurde eine Psychologin geholt. Ich hatte den Eindruck, dass man hoffte, ich würde etwas sagen, woran man ansetzen könnte. Aber sie hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich saß gefühlt 90 Minuten weinend mit meiner Tochter im Arm. Mir wurde mehrfach unterstellt, ich hätte von Anfang an von der Schwangerschaft gewusst und sie nur nicht beenden wollen. In diesem Moment war ich so überrumpelt, dass mir die Worte fehlten. Zum Ende hin riet sie mir zwar nicht direkt zum Behalten, meinte aber, sie würde an meiner Stelle jetzt gar keine Entscheidung treffen.

Selbst eine Reinigungskraft kam in mein Zimmer und sagte, ich würde es bereuen, wenn ich meine Tochter nicht behielte. Sie sei doch so ein liebes Kind.

Einen geschützten Raum hatte ich dort also nicht. Man kann dort nicht weg, ist ständig vom Personal oder der Familie umgeben und das Ganze war unglaublich zermürbend. Auch das Jugendamt kam immer wieder herein. Ich verstehe, dass das dazugehört, aber die Bedingungen waren extrem belastend. Unser Adoptionsvermittler meinte später, dass es in Krankenhäusern anderer Landkreise ganz anders abläuft und dort niemand reinredet.

Besonders schlimm fand ich, wie sehr meine Mama in dieser Zeit mitgelitten hat. Ihr gegenüber behauptete das Personal, es sei gar nicht meine eigene Entscheidung gewesen, sondern die meines Partners. Dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal gesehen, beim ersten Ultraschall. Er war damals völlig überfordert und unendlich traurig. Trotzdem war und blieb es allein meine Entscheidung.


Healthy Lady: An welchem Punkt hast du die geplante Adoption gestoppt? War die Entscheidung, Lilly zu behalten, rückblickend wirklich deine eigene?

Paulina: Dieser Schritt und vor allem das Absagen waren mir extrem unangenehm. Ich habe das schließlich per E-Mail an unseren Adoptionsvermittler geregelt, weil ich in diesem Moment einfach nicht telefonieren konnte. Das passierte, glaube ich, einen Tag nach der Geburt.

Die vorgesehenen Adoptiveltern hatten uns von Anfang an gesagt, dass sie erst etwas vorbereiten, wenn das Baby tatsächlich bei ihnen zu Hause ist. Das hatte den großen Vorteil, dass sie mir keinen Druck machten. Mein Albtraum wäre es gewesen, wenn mir die beiden nach der Geburt in die Arme gesprungen wären und sich dafür bedankt hätten, dass sie durch mich ein Kind bekommen.

Ob die Entscheidung wirklich meine eigene war? Emotional gesehen ja, rational gesehen vermutlich eher nicht.

Als wir uns schließlich entschieden, Lilly zu behalten, passierte etwas Seltsames. Plötzlich waren genau die Pflegekräfte, die zuvor so herablassend mit mir gesprochen hatten, extrem lieb, haben sich gefreut und sogar geweint. Da dachte ich mir nur: Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte, und im nächsten Moment seid ihr plötzlich so zugewandt.

Die Ängste aus dem Krankenhaus sind auch jetzt, fast ein Jahr nach der Geburt, immer noch da. Die ganze Schwangerschaft über habe ich es geschafft, rein rational zu entscheiden, aber in diesem Moment haben mich meine Gefühle und Hormone komplett überrannt. Vielleicht war es rückblickend unklug, sie mit aufs Zimmer zu nehmen. Aber ich wollte das unbedingt. Ich wollte mir selbst die Chance geben, sie kennenzulernen, schließlich hatte ich ja erst seit viereinhalb Monaten von ihr gewusst.


Das Leben heute, Vorurteile & der Blick nach vorn

Healthy Lady: Du liebst Lilly über alles und gleichzeitig trauerst du dem Lebensentwurf nach, der dir genommen wurde. Wie schafft man es, mit diesen zwei Wahrheiten zu leben?

Paulina: Ich bin einfach nur froh, dass ich mit diesen beiden Wahrheiten überhaupt leben kann. Schon während der Schwangerschaft dachte ich oft, dass es viel einfacher wäre, mich umzubringen, weil ich nicht wusste, wie ich diese Situation und dieses Problem lösen soll. Dieses Gefühl war auch nach der Geburt noch da. Umso stolzer bin ich heute im Rückblick auf mich, dass ich es bis hierher geschafft habe.

Ich bereue es nicht, Mutter geworden zu sein. Auch wenn ich diese Entscheidung anfangs gar nicht aktiv getroffen habe. Natürlich habe ich immer noch viele Ängste. Aber wenn ich in dieses kleine, süße Gesicht gucke, sind sie wie weggeblasen. Wenn sie mich anlacht und ich diesen kleinen Zahn dort glitzern sehe, ist die Angst im selben Moment verschwunden.

„Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte.“


Healthy Lady: Deine Tochter lebt aktuell bei der Oma (Mutter ihres Vaters), was eine sehr schwere Entscheidung war. Wie kam es dazu und wie gehst du mit dem Unverständnis um, das dir dafür oft entgegenschlägt?

Paulina: Dass Lilly aktuell bei der Mutter ihres Vaters lebt, war eine Notfallentscheidung, die Hals über Kopf getroffen werden musste. Es war die beste und sicherste Lösung, um überhaupt erst einmal für mich selbst klarzukommen. Ich konnte einfach nicht mehr. Diese Phase war das Heftigste und Schlimmste, was ich jemals empfunden habe. Ich bin unglaublich dankbar für diesen Ausweg, vor allem, weil mir nie das Gefühl gegeben wurde, jeden Tag auf Biegen und Brechen Dankbarkeit zeigen zu müssen. Es funktioniert, weil wir uns eng absprechen und offen austauschen. Mein ganz klarer Wunsch ist es aber natürlich, dass sie in naher Zukunft fest bei uns lebt.

Da ich meinen Weg von Anfang an öffentlich geteilt habe, bin ich mittlerweile abgehärtet. Im Netz nimmt mich das nicht mehr mit, das geht komplett an mir vorbei. Im echten Leben ist es manchmal noch etwas anderes, aber selbst da ist es mir inzwischen größtenteils egal.

In der Familie waren am Ende alle sehr froh darüber, wie sich die Situation entwickelt hatte. Ich glaube, jeder ist im Nachhinein sehr dankbar, dass Lilly bei uns geblieben ist. Sie wird von jeder Seite zutiefst geliebt.


Healthy Lady: Wie sieht euer gemeinsamer Alltag im Moment aus? Welche Schritte fehlen noch, damit Lilly fest bei dir einziehen kann?

Paulina: Im Alltag versuche ich, relativ früh dazuzustoßen und so spät wie möglich wieder zu gehen. Ich spiele mit ihr, füttere und wickele sie, nehme gemeinsam mit ihr Arzttermine wahr oder wir gehen einfach zusammen mit den Hunden spazieren. Ich darf ihr tagtäglich bei ihrer Entwicklung zusehen, bekomme aber gleichzeitig den nötigen Freiraum. Wenn ich an einem Tag merke, dass es gerade einfach nicht geht, kann ich das offen ansprechen. Man gibt mir den Raum, Dinge so zu machen, wie ich sie brauche. Wir stimmen uns eng darüber ab, was wir für richtig halten und was wir uns gegenseitig wünschen.

Die Schritte, die ich jetzt noch gehen muss, bestehen vor allem darin, weiterhin in Therapie zu bleiben, um das Erlebte Stück für Stück zu verarbeiten. Ich mache Lilly keinesfalls dafür verantwortlich, ich weiß genau, dass sie die Letzte ist, die etwas für all das kann. Und trotzdem verbindet man unweigerlich bestimmte Gefühle damit.

Für mich gab es Momente, in denen es sich schrecklich anfühlte, meine Tochter auf dem Schoß sitzen zu haben und gleichzeitig darüber nachdenken zu müssen, was mir widerfahren ist, um dann wieder in diesen Gedanken zu versinken. Zum Glück kommt das heute kaum noch vor. Am Anfang war es jedoch so schlimm, dass diese vorübergehende Lösung notwendig wurde.

Um den Schritt zu gehen, dass sie voll und ganz zu mir zieht, brauche ich vor allem mehr Festigkeit im eigenen Leben. Ich muss mein Studium beginnen und erst einmal abschätzen können, wie viel Zeit all diese Verpflichtungen in Anspruch nehmen.

„Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, durchzuhalten. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.“


Ein persönlicher Wunsch und Aufruf

Healthy Lady: Welche Botschaft möchtest du anderen Frauen aus deiner Erfahrung mitgeben?

Paulina: Wenn ich eines aus dieser ganzen Erfahrung mitgeben möchte, dann ist es der Wunsch nach echten Ansprechstellen und Hilfe für jede Frau, die in einer solchen Situation steckt. Ich kann jeder nur ans Herz legen, die Schwangerschaftsberatung zu nutzen, sich zu trauen, für sich selbst einzustehen, und sich von der Meinung anderer komplett frei zu machen. Es ist dein Körper und dein Leben, über das hier entschieden wird.

Was wir dringend brauchen, ist mehr Verständnis dafür, dass eben nicht jede Schwangerschaft gewollt ist und nicht jede so ausgeht, wie man es sich vielleicht gewünscht hat. Generell wünsche ich mir mehr Offenheit und Akzeptanz für unterschiedliche Lebensentwürfe. Nicht nur bezogen auf das Thema Schwangerschaft, sondern ganz grundsätzlich im Leben.


Healthy Lady: Wenn Lilly eines Tages alt genug ist, um eure Geschichte zu verstehen, was ist das Wichtigste, das sie über ihr Ankommen auf dieser Welt und deine Liebe zu ihr wissen soll?

Paulina: Was ich ihr auf jeden Fall sagen möchte, ist, dass ich unendlich froh bin, dass sie in mein Leben gekommen ist. Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, weiterzumachen, durchzuhalten und für sie da zu sein. Ich liebe sie von ganzem Herzen und bin einfach nur dankbar, dass sie meine Tochter ist. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.

Redaktioneller Hinweis:
Alle Schilderungen geben Paulinas persönliche Erinnerung und ihre subjektive Wahrnehmung der Ereignisse wieder. Die beteiligten medizinischen Fachkräfte und Einrichtungen werden nicht namentlich genannt. Identifizierende Angaben zu ihnen sowie sämtliche Ortsangaben wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte entfernt. Der Name der Tochter wurde geändert.

Nuklearmedizinerin erklärt: Was Frauen über die Schilddrüse, Kinderwunsch und Radioaktivität wissen sollten

Warst du schon einmal bei einer Nuklearmedizinerin? Viele Frauen würden diese Frage verneinen und könnten vermutlich nicht genau erklären, was dort eigentlich untersucht wird.

Allein das Wort „nuklear“ weckt eher Gedanken an Atomkraft und Radioaktivität als an Schilddrüse, Hashimoto oder unerfüllten Kinderwunsch. Dabei kann die Nuklearmedizin gerade bei Beschwerden, die viele Frauen betreffen, eine wichtige Rolle spielen. Sie zeigt nicht nur, wie ein Organ aussieht, sondern macht sichtbar, wie es arbeitet.

Im Interview erklärt Fachärztin Dr. Lilit Schweiger, was eine Nuklearmedizinerin genau macht, wann ihre Diagnostik weiterhelfen kann und was Patientinnen über den Einsatz radioaktiver Substanzen wissen sollten.


Das Unbekannte im Hintergrund: Was macht eine Nuklearmedizinerin?

Healthy Lady: Dr. Schweiger, wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie Nuklearmedizinerin sind, wie reagieren die Menschen meistens auf diesen Beruf?

Dr. Lilit Schweiger: Die meisten Menschen fragen zunächst, was eine Nuklearmedizinerin überhaupt macht. Viele verbinden ‚Nuklear‘ mit Atomkraft, dabei untersuchen wir die Funktion von Organen und behandeln bestimmte Erkrankungen mit hochspezialisierten Verfahren.

„Viele verbinden ‚Nuklear‘ mit Atomkraft, dabei untersuchen wir die Funktion von Organen und behandeln bestimmte Erkrankungen mit hochspezialisierten Verfahren.“


Healthy Lady: In der Medizin heißt es oft, Radiologen machten Bilder vom Körper, während Sie dem Körper bei der Arbeit zuschauen. Was kann die Nuklearmedizin zeigen, das auf einer Röntgenaufnahme oder im MRT nicht sichtbar wird?

Dr. Lilit Schweiger: Radiologische Verfahren zeigen häufig besonders detailliert die Anatomie und strukturelle Veränderungen. Die Nuklearmedizin macht dagegen vor allem Organfunktionen und Stoffwechselprozesse sichtbar. Dadurch können wir Erkrankungen häufig funktionell erkennen, bevor strukturelle Veränderungen sichtbar sind.

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Healthy Lady: Warum haben Sie sich damals für dieses Fachgebiet entschieden und was fasziniert Sie bis heute an Ihrer täglichen Arbeit?

Dr. Lilit Schweiger: Mich hat von Anfang an fasziniert, dass die Nuklearmedizin nicht nur zeigt, wie ein Organ aussieht, sondern vor allem, wie es funktioniert. Genau diese funktionelle Sichtweise macht unser Fach einzigartig. Besonders begeistert mich die Verbindung aus modernster Technologie, Physiologie und direktem klinischen Nutzen. Jede Untersuchung beantwortet eine konkrete medizinische Fragestellung und hilft dabei, für Patientinnen und Patienten die richtige Therapieentscheidung zu treffen.

Außerdem ist die Nuklearmedizin ein ausgesprochen innovatives Fachgebiet. Neue Radiopharmaka, moderne PET/CT- und PET/MRT-Verfahren sowie gezielte Therapien entwickeln sich rasant weiter. Gerade diese Dynamik und der wissenschaftliche Aspekt machen meinen Beruf bis heute unglaublich spannend.

„Die Nuklearmedizin zeigt, wie Organe arbeiten und wie Stoffwechselprozesse funktionieren. Dadurch können wir Erkrankungen häufig funktionell erkennen, bevor strukturelle Veränderungen sichtbar sind.“


Das unbekannte Fach, das Frauen Antworten geben kann

Healthy Lady: Warum wissen ausgerechnet so wenige Frauen, dass es diese medizinische Richtung überhaupt gibt und dass sie dort wichtige Hilfe finden können?

Dr. Lilit Schweiger: Die Nuklearmedizin arbeitet oft im Hintergrund. Viele Patientinnen und Patienten profitieren von unseren Untersuchungen und Therapien, ohne überhaupt zu wissen, dass diese aus der Nuklearmedizin stammen.

Ich wünsche mir deshalb, dass unser Fach sichtbarer wird. Viele Frauen würden dadurch deutlich früher die passende Diagnostik erhalten, wenn sie wüssten, welche Möglichkeiten die Nuklearmedizin heute bietet.


Healthy Lady: Mit welchen zunächst unspezifischen Beschwerden werden Frauen besonders häufig zur weiteren Abklärung an Sie überwiesen?

Dr. Lilit Schweiger: Viele denken vor allem an Schilddrüsenerkrankungen – tatsächlich ist unser Fachgebiet aber wesentlich breiter. Wir betreuen Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen und arbeiten eng mit vielen anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen.

Gerade bei Schilddrüsenerkrankungen sehen wir häufig Frauen mit Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Herzrasen, Gewichtszunahme oder unerfülltem Kinderwunsch. Gleichzeitig spielt die Nuklearmedizin aber auch eine zentrale Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose sowie in der Diagnostik und Therapie zahlreicher Tumorerkrankungen.

Durch moderne Verfahren wie PET/CT können wir Stoffwechselprozesse sichtbar machen und dadurch Erkrankungen häufig früher oder präziser beurteilen, als dies allein mit anatomischen Bildgebungen möglich wäre.

Darüber hinaus unterstützen wir auch bei Fragestellungen wie unklarem Fieber, chronischen Entzündungen oder bei ausgewählten Aspekten der Demenzdiagnostik.

„Viele Frauen würden deutlich früher die passende Diagnostik erhalten, wenn sie wüssten, welche Möglichkeiten die Nuklearmedizin heute bietet.“


Schlüsselorgan Schilddrüse: Kinderwunsch, Erschöpfung und die Psyche

Healthy Lady: Welche Bedeutung hat die Schilddrüse bei unerfülltem Kinderwunsch und während einer Schwangerschaft?

Dr. Lilit Schweiger: Die Schilddrüse beeinflusst nahezu alle Stoffwechselprozesse des Körpers und spielt auch bei Kinderwunsch und Schwangerschaft eine wichtige Rolle. Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können den weiblichen Zyklus, den Eisprung und damit die Fruchtbarkeit beeinflussen.

Deshalb sollte die Schilddrüsenfunktion im Rahmen der Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches mitberücksichtigt und bei entsprechender Indikation überprüft werden. Eine gut eingestellte Schilddrüsenfunktion ist außerdem für eine gesunde Schwangerschaft von großer Bedeutung.

Fachärztin für Nuklearmedizin
Dr. Lilit Schweiger


Healthy Lady: Warum ist es so schwierig, Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Gewichtszunahme eindeutig der Schilddrüse zuzuordnen?

Dr. Lilit Schweiger: Viele dieser Beschwerden sind unspezifisch und können zahlreiche Ursachen haben. Genau deshalb ist eine sorgfältige medizinische Abklärung wichtig. Nicht jede Müdigkeit oder Gewichtszunahme ist auf die Schilddrüse zurückzuführen – manchmal steckt beispielsweise auch ein Eisenmangel, ein Vitaminmangel oder eine andere internistische Erkrankung dahinter.

„Sowohl eine Unterfunktion als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können den weiblichen Zyklus, den Eisprung und damit die Fruchtbarkeit beeinflussen.“


Healthy Lady: Schilddrüsenfunktionsstörungen können sich auch auf Stimmung, Antrieb und innere Ruhe auswirken. Wie lässt sich verhindern, dass körperliche und psychische Ursachen gegeneinander ausgespielt oder wichtige Zusammenhänge übersehen werden?

Dr. Lilit Schweiger: Ich wünsche mir vor allem mehr Aufklärung. Viele Frauen leiden über Monate oder sogar Jahre unter Beschwerden, ohne zu wissen, dass auch eine Schilddrüsenerkrankung dahinterstecken könnte. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht jede Erschöpfung oder depressive Verstimmung vorschnell der Schilddrüse zuzuschreiben. Gute Medizin bedeutet, sorgfältig zu differenzieren und jede Patientin individuell zu betrachten. Genau dabei kann die Nuklearmedizin einen wichtigen Beitrag leisten.


Radioaktivität in der Medizin und was du darüber wissen solltest

Healthy Lady: Das Wort „nuklear“ oder „radioaktiv“ löst bei vielen Menschen sofort Unbehagen aus. Was sollten Patientinnen über die Sicherheit und Strahlenbelastung einer Untersuchung wissen?

Dr. Lilit Schweiger: Tatsächlich arbeiten wir mit sehr geringen Mengen radioaktiver Substanzen. Sie werden ausschließlich dann eingesetzt, wenn die Untersuchung medizinisch gerechtfertigt ist und der erwartete Nutzen das mit der Strahlenexposition verbundene Risiko überwiegt.

Die Verfahren sind gut etabliert und die Strahlenexposition wird auf das für die jeweilige Fragestellung notwendige Maß begrenzt.

Besondere Situationen wie Schwangerschaft oder Stillzeit werden selbstverständlich individuell berücksichtigt. Falls erforderlich, erhalten Patientinnen und Patienten anschließend entsprechende Verhaltensempfehlungen

„Gute Medizin bedeutet, sorgfältig zu differenzieren und jede Patientin individuell zu betrachten.“


Zuhause am Nil: Warum viele Europäerinnen ihr Glück in Ägypten finden – Buchautorin Aleksandra Helail im Interview

Traumhafte Strände, leckeres Essen, majestätische Pyramiden und eine jahrtausendealte Geschichte. Für Millionen von Menschen ist Ägypten das perfekte Reiseziel. Doch während die meisten nach dem Urlaub wieder im Flieger Richtung Heimat sitzen, entscheiden sich einige Europäerinnen für einen radikalen Schritt. Sie bleiben. Sie tauschen ihr geregeltes Leben gegen den pulsierenden Alltag im Land der Pharaonen.

Eine von ihnen ist Aleksandra Helail (33). Mit zwölf zieht sie vom polnischen Breslau nach München, studiert später in Augsburg und findet bereits mit 19 Jahren ihren Weg zum Islam – aus eigener Überzeugung und lange bevor Ägypten überhaupt eine Rolle in ihrem Leben spielt. Als sie 2016 für ein Praktikum nach Kairo reist, soll der Aufenthalt nur wenige Monate dauern. Doch die Stadt am Nil hat andere Pläne. Aleksandra verliebt sich in der Metropole und lernt wenig später ihren heutigen Ehemann Mohamed kennen.

Als erfolgreiche Buchautorin und Gastgeberin ihrer eigenen YouTube-Sendung gibt sie europäischen Auswanderinnen in Ägypten eine Stimme. Sie kennt die Schönheit des Landes genauso wie die Herausforderungen, die ein Leben zwischen zwei Kulturen mit sich bringt. Denn wer als Europäerin einen Araber heiratet oder zum Islam konvertiert, stößt in Europa noch immer häufig auf Vorurteile, Misstrauen und Unverständnis.

Im Interview spricht Aleksandra Helail über kulturelle Unterschiede, den Islam, die Angst vor Ausnutzung und darüber, warum Ägypten für manche Frauen weit mehr ist als nur ein Urlaubsziel.


„Gute und schlechte Menschen gibt es überall“

Healthy Lady: Liebe Aleksandra, in deiner YouTube-Sendung stellst du europäische Frauen vor, die nach Ägypten ausgewandert sind. Was ist nach deiner Erfahrung der Hauptgrund für diesen mutigen Schritt?

Aleksandra Helail: Es gibt nicht den einen Hauptgrund. Jede Frau hat ihre eigene und ganz besondere Geschichte. Ich habe viele deutsche Frauen kennengelernt, die aus Liebe zu Ägypten ausgewandert sind, dort seit Jahren leben und arbeiten, ohne in einer romantischen Beziehung mit einem Ägypter zu sein. Andere wiederum haben im Land ihre große Liebe gefunden.

Eines ist jedoch sicher: Ägypten ist ein Land, das starke Gefühle auslöst. Man liebt es oder man kann nur wenig damit anfangen. Wer sich jedoch einmal in Ägypten verliebt hat, dem fällt es oft schwer, wieder zu gehen. Das Land besitzt eine besondere Energie und vermittelt vielen Menschen ein Gefühl von Leichtigkeit, Lebensfreude und Herzlichkeit.

„Vor allem, wenn Bitten um Geld ins Spiel kommen, sollten alle Alarmglocken angehen.“


Healthy Lady: Auf deinen sozialen Kanälen räumst du immer wieder mit kulturellen Vorurteilen auf. Ein Thema, das besonders polarisiert, sind binationale Beziehungen. Warum werden europäische Frauen, die einen Araber heiraten, in unserer Gesellschaft häufig mit Vorurteilen und Misstrauen konfrontiert?

Aleksandra Helail: Natürlich haben viele Vorurteile einen Ursprung, und sicherlich gibt es arabische Männer, die ihre Frauen schlecht behandeln. Doch das tun auch Männer aus anderen Ländern. Ich kenne viele tolle ägyptische Ehemänner, aber auch solche, die ich persönlich nicht als gute Partner bezeichnen würde. Dasselbe gilt für Deutschland, Polen und viele andere Länder. Letztlich kommt es auf den Menschen an und nicht auf seine Herkunft oder Religion. Gute und schlechte Menschen gibt es überall.

Die gebürtige Polin spricht fließend Arabisch. Mit ihren Büchern und Dialektkursen bringt Aleksandra Helail (33) Menschen die ägyptische Kultur und Sprache näher. (Bild: A. Helail)


Healthy Lady: Neben den kulturellen Hürden hört man leider auch immer wieder von bitteren Enttäuschungen, bei denen für den Partner am Nil nur materielle Vorteile im Vordergrund standen. Worauf sollten Frauen achten, um eine aufrichtige Liebe von bloßer finanzieller Ausnutzung zu unterscheiden?

Aleksandra Helail: Zuerst muss man sich bewusst machen, dass es so etwas gibt. Durch die schwierige finanzielle Situation der Menschen, die in Hotels oder an touristischen Orten arbeiten, gibt es tatsächlich Männer, die mit Hilfe von Frauen aus dem Ausland versuchen, ihre Lebenslage zu verbessern. Da muss man einfach achtsam sein und nicht auf jedes „Ich liebe dich“ reinfallen. Ich denke, dass hier auch entscheidend ist, dass die Frau den eigenen Selbstwert kennt. Was will der Mann eigentlich von mir? Warum verliebt er sich so schnell, obwohl wir uns so kurz kennen? Bin ich die einzige, der er das sagt? Vor allem, wenn Bitten um Geld ins Spiel kommen, sollten alle Alarmglocken angehen.

„Tourist zu sein, ist etwas völlig anderes, als dort zu leben!“


Healthy Lady: Auch die Konvertierung zum Islam polarisiert in Europa extrem. Warum lösen diese persönliche Entscheidung und der Glaube deiner Meinung nach so viel Unverständnis aus?

Aleksandra Helail: Den Menschen wird gesagt, dass der Islam böse sei und dass Frauen in dieser Religion einen niedrigeren Stellenwert und keine Rechte hätten, was natürlich nicht stimmt. Wäre es der Fall, hätte ich diese Religion doch nicht freiwillig als Frau gewählt! Das Problem sind hier meiner Meinung nach oft Männer, die ihre Frauen schlecht behandeln, obwohl es das Gegenteil von dem ist, was der Islam von ihnen erwartet. Dieses Verhalten hat seinen Ursprung eher in der Kultur und nicht in der Religion. Das Problem dabei ist, dass Menschen das schlechte Verhalten von Muslimen ihrer Religion und nicht ihrem Charakter, ihrer Erziehung oder Herkunft zuschreiben auch dann, wenn das Verhalten das totale Gegenteil von dem ist, was der Islam eigentlich lehrt.


Zwischen Mythos und Realität: Warum Kairo für europäische Frauen sicherer ist als gedacht

Healthy Lady: Wie sicher ist das Leben für Europäerinnen in Ägypten heute wirklich? Hat sich das Sicherheitsgefühl in den letzten Jahren verändert?

Aleksandra Helail: Ich habe mich in Kairo immer sicher gefühlt, und ich muss sagen, dass ich ganz oft allein unterwegs bin. Allerdings ist es dort wie in den meisten Großstädten. Man muss einfach wissen, wo man wann hingehen kann und welche Orte man zu bestimmten Zeiten lieber meidet. Auch meine Freundinnen, zum Beispiel aus Deutschland, die hier leben, fühlen sich absolut sicher.

Nur 15 Kilometer vom Zentrum Kairos entfernt erheben sich die berühmten Pyramiden von Gizeh, die seit mehr als 4.500 Jahren die Geschichte Ägyptens prägen. Sie sind der perfekte Startpunkt, um die vielen weiteren Sehenswürdigkeiten zu erkunden. (Bild: Abdullah/ Pexels)

Healthy Lady: Wie werden Auswanderinnen in Ägypten behandelt? Werden sie als Europäerinnen anders wahrgenommen oder genießen sie vor Ort einen besonderen Respekt?

Aleksandra Helail: Ich als Ausländerin in Ägypten wurde noch nicht aufgrund meiner Herkunft schlecht behandelt, ganz im Gegenteil. Ich hatte immer das Gefühl, dass es den Ägyptern wichtig war, mir alles recht zu machen, damit ich mich in ihrem Land wohlfühle. 


Healthy Lady: Was sind die größten Mythen über Ägypten, mit denen du durch deine Arbeit endlich aufräumen möchtest?

Aleksandra Helail: Der größte Mythos ist, dass alle Frauen unterdrückt und unglücklich seien und keine Rechte hätten. Oder dass es dort keine Entwicklung gäbe und Ägypten ein total zurückgebliebenes Land sei, in dem es nichts außer den Pyramiden und Hotels am Strand gibt. Das Gegenteil ist der Fall, denn Ägypten ist ein Land vieler Kontraste. Es ist faszinierend und überrascht einen selbst nach so vielen Jahren immer wieder aufs Neue. Wenn man die Bereitschaft zeigt, sich dem Land und seinen Bewohnern gegenüber zu öffnen, kann man das wahre, nicht nur touristische Ägypten erleben. An so vielen Orten ist es total modern, neu und gepflegt. An anderen chaotisch und vielleicht auch unordentlich. Aber es ist immer authentisch und voller Herz.


Karriere & Freundschaften: Das unterschätzte Leben der Frauen in der Megacity

Healthy Lady: Was arbeiten die europäischen Frauen in einer 20-Millionen-Metropole wie Kairo? Wie bauen sie sich in dieser riesigen Stadt beruflich eine Existenz auf?

Aleksandra Helail: Auch das ist sehr unterschiedlich. Manche arbeiten an internationalen Schulen, andere sind in der Tourismusbranche tätig oder arbeiten in internationalen Unternehmen. Einige haben sich selbstständig gemacht und eigene Beautysalons oder Cafés eröffnet.

„Nur weil wir etwas nicht nachvollziehen können, heißt das noch lange nicht, dass unsere eigene Ansicht die einzig richtige ist.“


Healthy Lady: Kann man in Kairo gut leben? Wie teuer ist hier der Alltag im Vergleich zu Europa?

Aleksandra Helail: Wenn man gut verdient, kann man in Kairo wunderbar leben. Oft ist es so, dass Ausländer mehr als Ägypter verdienen. Hier meine ich aber ein bestimmtes Umfeld, und zwar Menschen, die in Kairo leben und vor allem an internationalen Schulen arbeiten. In Ägypten kann man sehr günstig, aber auch sehr teuer leben. Es kommt ganz auf den Wohnort und den Lebensstil an. Hier gibt es lokale und günstige Gegenden, jedoch leben die meisten Expats eher in den modernen und somit teureren Stadtteilen. Obwohl es dort immer noch günstiger als in Deutschland ist, geben diese Menschen im Monat deutlich mehr Geld aus als ein durchschnittlicher Ägypter.


Healthy Lady: Wie unterscheiden sich die Europäerinnen von den Ägypterinnen? Wie sehen Freundschaften zwischen zwei Frauen aus so unterschiedlichen Kulturen aus?

Aleksandra Helail: Das kann man pauschal so nicht sagen. Ägyptische Frauen sind nicht alle gleich, so wie es auch die Europäerinnen nicht sind. Was ich aber über die Jahre feststellen konnte, ist, dass Ägypterinnen unglaublich stark sind. Sie arbeiten, schmeißen den Haushalt und versuchen, möglichst gute Mütter und Ehefrauen zu sein. Auch wenn es ihnen manchmal zu viel wird, geben sie nicht auf und machen einfach weiter. Diese Stärke habe ich bei ganz vielen gesehen. Natürlich kann es Freundschaften zwischen Frauen aus unterschiedlichen Kulturen geben. Ich selbst habe in Kairo sehr gute Freundinnen. Aber ich glaube, dass diese Beziehungen ein Stück weit meiner Ehe ähneln. Durch die vielen Jahre in Kairo und dadurch, dass ich ägyptisches Arabisch fließend spreche, merken wir im Alltag keine großen Kulturunterschiede mehr.

Der mächtige Nil – der längste Fluss unseres Planeten schlängelt sich durch eine gigantische 22-Millionen-Metropole. Die moderne Skyline von Kairo direkt am Flussufer zeigt, wie sich das Land inzwischen weiterentwickelt hat. (Bild: PhotoByMau/ Pexels)

Ein Glaube, eine Liebe, ein Team: Wie Aleksandra ihr Glück am Nil fand

Healthy Lady: Du bist bereits mit 19 zum Islam konvertiert. War das eine Entscheidung, die durch deine Liebe zu Ägypten kam, oder war es eine ganz persönliche, spirituelle Suche?

Aleksandra Helail: Die Liebe zu einem Land sollte niemals etwas mit der Wahl der Religion zu tun haben. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Religion ist etwas ganz Persönliches. Etwas, das man weder für eine Sache noch für einen anderen Menschen wählen sollte. Schließlich geht es hier um den Glauben aus tiefstem Herzen und die persönliche Verbindung zu Gott. Ich habe meinen eigenen Weg gesucht und ihn im Islam gefunden.


Healthy Lady: Du bist mit Mohamed, einem Ägypter, verheiratet und ihr habt eine gemeinsame Tochter. Wie schafft ihr es im Alltag, die europäische und die ägyptische Kultur so zu vereinen, dass eure Tochter das Beste aus beiden Welten mitbekommt?

Aleksandra Helail: Ehrlich gesagt merken wir in unserem Alltag keine großen Kulturunterschiede. Ich denke, dass die gemeinsamen Werte, die ja in unserer gemeinsamen Religion ihren Ursprung haben, uns die Erziehung sehr erleichtern. Wir haben unsere festen Werte, zu denen wir stehen, sind aber gleichzeitig für vieles offen. Das Gute kann man schließlich in jeder Kultur finden und genau das machen wir uns zunutze.

Die Buchautorin ist seit fast 10 Jahren mit dem Ägypter Mohamed verheiratet und lebt mit ihrer Familie zwischen Kairo und Berlin. (Bild: A. Helail)

Healthy Lady: Was macht deine eigene Ehe heute glücklich? Was ist euer Geheimnis für eine funktionierende binationale Beziehung?

Aleksandra Helail: Es gibt kein Geheimnis. Man muss einfach an sich arbeiten und dem anderen wirklich zuhören wollen. Ohne die Bereitschaft, an sich selbst und an der Partnerschaft zu arbeiten, wird es schwierig und zwar völlig unabhängig davon, aus welchem Land oder aus welcher Kultur man kommt.


Bye-bye Massentourismus: Kairo hautnah und mit Herz erleben

Healthy Lady: Du und dein Mann Mohamed bietet Ausflüge durch Kairo an, um Reisenden die „einheimische Seite“ zu zeigen. Warum lohnt es sich, die Stadt so zu entdecken, statt eine klassische Touristentour zu buchen?

Aleksandra Helail: Seit langer Zeit betrachten wir die riesigen Touristenbusse mit zig Menschen an Bord recht kritisch. Unserer Meinung nach ermöglicht Massentourismus kaum das richtige Kennenlernen eines Landes. Man bekommt nur ein sehr oberflächliches Bild von einem Ort, hat aber kaum die Möglichkeit, wirklich tiefer einzutauchen. Genau aus diesem Grund haben wir angefangen, Reisenden zu zeigen, wie man Kairo ganz anders und absolut authentisch erleben kann.

„Ich habe meinen eigenen Weg gesucht und ihn im Islam gefunden.“


Healthy Lady: Was erwartet die Reisenden bei euren Touren? Welches Gefühl oder welche Erlebnisse möchtest du den Menschen vermitteln?

Aleksandra Helail: Unsere Kunden sind übrigens nicht nur Frauen, sondern auch kleine Gruppen oder Familien. Für jeden Gast erstellen wir einen ganz individuellen Plan, der exakt auf den persönlichen Wünschen und Interessen basiert. Wir erklären, wie man sich in Kairo am besten und sichersten bewegt, wo man wunderbar alleine spazieren gehen kann und welche Orte man lieber mit einem Guide besichtigt. Die Reiseleiter, mit denen wir zusammenarbeiten, wissen ganz genau, was wir von ihnen erwarten: eine individuelle Betreuung und absolut keine Massenabfertigung. Außerdem verraten wir unseren Gästen, wo man richtig gut lokal essen kann, und bleiben während ihres gesamten Aufenthalts per WhatsApp mit ihnen in Kontakt. Falls Fragen auftauchen, können sie sich jederzeit an uns wenden.


Healthy Lady: Was ist dein persönlicher Lieblingsort in Ägypten, an dem du dich am meisten „zuhause“ fühlst, und warum?

Aleksandra Helail: Unser Zuhause in Kairo. Wir haben dort viele Jahre gelebt, es bleibt für immer mein Zuhause, auch jetzt, wo wir zwischen Kairo und Berlin leben. 

Moderne und Tradition schließen sich in Ägypten nicht aus. Viele Ägypterinnen verbinden Familie, Karriere und gesellschaftliches Engagement miteinander. (Bild: Bassel Zaki/ Pexels)

Das A und O fürs Auswandern: Warum der Blick über den Tellerrand alles verändert

Healthy Lady: Wenn eine Frau heute vor dir steht und sagt: „Ich möchte alles in Europa aufgeben und nach Ägypten ziehen“, was ist der wichtigste Rat, den du ihr gibst?

Aleksandra Helail: Dass sie diesen Schritt niemals impulsiv wagen sollte! Man sollte sich zuerst intensiv mit der Kultur und der Religion des Landes auseinandersetzen. Und vor allem: Man sollte das echte Leben dort vorab ausprobiert haben, und sei es nur für einen kurzen Zeitraum. Tourist zu sein, ist etwas völlig anderes, als dort zu leben! Ich würde definitiv nicht sofort alle Zelte in Europa abbrechen, solange man vor Ort noch keine Wohnung und keine sichere Arbeitsstelle hat. Eine gut durchdachte Vorbereitung ist hier einfach das A und O.


Healthy Lady: Welche Botschaft möchtest du mit deiner Arbeit, deinen Büchern und deinen Videos am Ende in die Welt tragen?

Aleksandra Helail: Ich möchte den Menschen zeigen, dass man die Welt nicht nur aus der eigenen Perspektive betrachten sollte. Was ist, wenn andere Menschen Dinge ganz anders sehen oder verstehen als wir? Wir müssen nicht immer alles begreifen, aber wir sollten einander eine Chance geben und den Dialog suchen. Wer weiß, vielleicht lernen wir dadurch sogar etwas dazu? Nur weil wir etwas nicht nachvollziehen können, heißt das noch lange nicht, dass unsere eigene Ansicht die einzig richtige ist.


Gut zu wissen: Wer mehr über Aleksandras Arbeit erfahren, ihre Bücher lesen oder einen ihrer Dialektkurse belegen möchte, findet alle Informationen und tägliche Einblicke auf ihrem Instagram-Kanal unter @aleksandra_helail

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47 Grad, Taliban & der Gedanke ans Aufgeben – das extreme Abenteuer von Maria und Philipp

8.000 Kilometer, zwei Kontinente, 22 Länder. Maria West und Philipp Springsguth haben das getan, wovon andere nur träumen. Sie haben ihr Leben in Sachsen auf zwei Fahrräder reduziert und sind einfach losgerollt. 100 Kilogramm wiegt das gesamte Gepäck. Kein Luxus, nur das Nötigste. Ein Zelt, Schlafsäcke und das unschätzbare Vertrauen in sich selbst und den Partner.

Das Chemnitzer Duo kämpfte sich bei 47 Grad durch den Gegenwind der usbekischen Wüste, radelte entlang der Küsten Südkoreas und fuhr bis nach Singapur mit ihrem gesamten Leben auf zwei Fahrrädern.

Nach zehn Monaten im Sattel sind Maria und Philipp zurück in Deutschland. Während sie wieder bei ihren Familien ankommen, sacken die Erlebnisse erst langsam ab. Plötzlich wird ihnen bewusst, wie viel Ballast man im Alltag anhäuft und wie wenig es eigentlich braucht, um wirklich glücklich zu sein.

Doch wer glaubt, das Abenteuer sei vorbei, kennt die beiden schlecht. Der Blick geht längst wieder nach vorn. Die Reisekasse wird neu gefüllt, der Motorradführerschein ist im Visier und das nächste Mammutprojekt wirft bereits seine Schatten voraus.

Für Healthy Lady sprechen Maria West und Philipp Springsguth über Erschöpfung am absoluten Limit, über Länder, die andere meiden bis zu Begegnungen mit der Taliban in Afghanistan, die sie nie vergessen werden.


Zwischen Mittagessen mit der Taliban, Aufgeben und unerwarteter Gastfreundschaft

Healthy Lady: Ihr seid durch Regionen gereist, um die die meisten Menschen einen großen Bogen machen. Ihr habt unter anderem Afghanistan mit dem Fahrrad durchquert. Wie fühlt es sich an, plötzlich mittendrin zu sein? Und vor allem: Wie liefen die Begegnungen mit der Taliban ab, wenn man sich dort plötzlich Auge in Auge gegenübersteht?

Philipp: Es war intensiv und völlig anders, als man es sich vorher vorstellt. Afghanistan hat eine komplett andere Kultur als die deutsche. Lauter, offener und ungefiltert. Das ist ungewohnt für unser Verständnis von Privatsphäre, die dort zu einer echten Rarität wurde. Aber gleichzeitig wurden wir mit Gastfreundschaft und ehrlich freundlichen Interaktionen überhäuft. Die Menschen im Land waren unglaublich nett zu uns, und das hat unsere Perspektive auf das afghanische Volk komplett verändert.

Im krassen Kontrast dazu stand die Interaktion mit der Taliban. Sie wirkten eher distanziert und vorsichtig. Aber bei den regelmäßigen Kontrollen an den Checkpoints gab es tatsächlich auch einige, die ein breites Lächeln auf dem Gesicht hatten, Maria die Hand gaben oder uns sogar zum Essen einluden.

Grenzkontrolle in Afghanistan: Philipp Springsguth (links) und ein weiterer Tourist (rechts) im Gespräch mit Taliban-Kämpfern an einem Checkpoint – ein Moment, der ihm bis heute im Gedächtnis geblieben ist. (Bild: M. West))

Healthy Lady: Bei einer solchen Route fährt das Risiko quasi im Gepäck mit. Gab es Momente, in denen euch die Angst gepackt hat?

Maria: Nein, denn Angst verbinden wir mit Kontrollverlust. Wir hatten Respekt, sei es vor den Erdrutschen in Pakistan oder vor den Interaktionen mit der Taliban. Wir haben in jeder Situation genau abgewogen, welches Risiko wir eingehen wollen, und uns am Ende immer auf unser Bauchgefühl verlassen.

„Dort, wo die Menschen am wenigsten besitzen, wurden wir am großzügigsten empfangen.“


Healthy Lady: Monatelang im Sattel unter extremen Bedingungen. Gab es auf dieser Reise jemals den Punkt, an dem ihr alles hinschmeißen und das Projekt abbrechen wolltet?

Philipp: Maria hat in Georgien darüber nachgedacht. Zentralasien war für sie ein Thema, das ihr Angst gemacht hat. Die Hitze, die Versorgungsmöglichkeiten, Lebensmittelhygiene und vieles mehr. Gepaart mit der Erschöpfung der ersten Monate durch Europa, Türkei und Georgien war das mental für sie ein Punkt, an dem sie stark gezweifelt hat. Mittlerweile ist sie sehr froh, dass sie drangeblieben ist, und Zentralasien war zwar sehr herausfordernd, aber gleichzeitig total bereichernd.


Lektionen in Menschlichkeit

Healthy Lady: Man reist ja oft mit bestimmten Klischees oder Bildern im Kopf, die man aus den Medien kennt. Gab es einen konkreten Ort oder eine Begegnung, die eure vorgefertigte Meinung über ein Land komplett auf den Kopf gestellt hat?

Philipp: Das afghanische Volk hat definitiv unseren Blick auf Afghanistan verändert. Die Menschen dort leben seit über 40 Jahren immer wieder in Krieg und unter Unterdrückung, und trotzdem schauen sie positiv in die Zukunft und hoffen auf bessere Zeiten. Ausgerechnet dort, wo die Menschen am allerwenigsten besitzen, wurden wir ständig und überall eingeladen. Die mentale Stärke und die Lebensfreude dieser Menschen haben uns tief beeindruckt.


Healthy Lady: Welche Begegnung unterwegs hat euch am meisten berührt?

Philipp: Es gab nicht die eine Begegnung, sondern viele kleine Momente der Menschlichkeit. Wir durften auf unserer Reise schon so viel Gastfreundschaft erfahren, und das ganz besonders in den ärmeren Ländern. Vor einigen Wochen wurden wir erst im vietnamesischen Hinterland von einem 10-jährigen Jungen mit dem Moped überholt. Er kam nach ein paar Minuten zurück und drückte mir einen Geldschein in die Hand (30 Cent). Komplett verdutzt wollte ich es ihm zurückgeben, aber er hat das nicht akzeptiert. Solche Momente berühren uns sehr und lassen uns viel nachdenken. Denn obwohl er weniger hat als wir, legt er viel mehr Wert darauf, uns zu begrüßen und ein Geschenk zu machen, als das Geld zu haben. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Großzügigkeit und Gastfreundschaft sind Werte, die wir in unserem Alltag viel aktiver leben wollen.

Von Deutschland durch Europa und Asien bis nach Singapur: Das Chemnitzer Duo durchquerte 22 Länder ausschließlich mit Muskelkraft auf zwei Fahrrädern. Zurück nach Deutschland ging es schließlich per Flugzeug. (Bild: P. Springsguth)

Routenplanung nach Bauchgefühl

Healthy Lady: Plant man so eine Route eigentlich bis ins Detail durch oder fährt man einfach auf gut Glück los?

Maria: Wir lieben es, mit dem Rad unterwegs zu sein. Grundsätzlich war es meistens so, dass wir uns Tagesziele setzten und diese so gut wie möglich versucht haben einzuhalten. Wenn die Strecke, aber besonders schön war und es viel zu sehen gab, entschieden wir uns auch manchmal, den Plan zu ändern. Die Reise lief nicht immer so, wie wir sie geplant haben, aber oft schöner, als wir es uns hätten ausmalen können. Wir sind sehr spontan und deshalb änderten wir häufig unsere Pläne, aber das machte es dann auch sehr besonders und aufregend, weil wir immer nach unserem Bauchgefühl gegangen sind.


Healthy Lady: Wie habt ihr euch eigentlich auf dieses Abenteuer vorbereitet? Gab es da ein striktes Trainingsprogramm für Körper und Geist?

Philipp: Wir haben super viele Ratschläge bekommen, wie wir uns bestmöglich auf diese Reise vorbereiten sollten. Allerdings verschwimmt das alles zwischen Arbeiten, Geld für die Reise sparen, Recherche und Equipment besorgen. Wir haben in den 10 Monaten der Vorbereitung oft nur funktioniert und uns wenig vorbereitet. Einen kleinen Versuch der körperlichen Vorbereitung hatten wir auf unserer Probetour durch Tschechien. Aber ehrlich gesagt hat uns das eher dabei geholfen zu sehen, was wir am Equipment noch optimieren können, und weniger körperlich. Das kommt mit der Zeit. Man wächst wortwörtlich rein und der Kopf kann das alles gar nicht richtig realisieren.

„Nach dieser Reise haben wir gemerkt, wie viel wir besitzen – und wie wenig wir davon wirklich brauchen.“


Healthy Lady: Beim Packen verfällt man ja schnell in den „Was-wäre-wenn“-Modus. Was davon habt ihr am Ende wirklich gebraucht und was war eigentlich völlig überflüssig?

Maria: Wir haben natürlich am Anfang viel zu viel mitgenommen und auch schon einiges wieder nach Hause geschickt. Zum Beispiel hatten wir zwei Solarzellen dabei, die wir genau dreimal in fünf Monaten genutzt haben. Und ein paar kleinere Sachen, die aber in Summe viel Platz weggenommen haben. Was wir wirklich gebraucht haben, waren natürlich die Fahrräder, unser Zelt sowie Schlafsack und Isomatten, Kochequipment, funktionale Kleidung, Sonnencreme, ein paar Hygieneartikel und Medikamente. Den Rest konnten wir oft improvisieren oder vor Ort besorgen. Ansonsten waren für uns auch die Kamera und die Drohne unerlässlich, mit denen wir unsere Reise dokumentiert haben.


Grüße aus Afghanistan: Seit 2020 gehen Maria West und Philipp Springsguth gemeinsam durchs Leben. Was als Beziehung begann, wurde schnell zu einer gemeinsamen Leidenschaft für Reisen und das Abenteuer. (Bild: M. West, P. Springsguth)

47 Grad, Gegenwind und Tage am absoluten Limit

Healthy Lady: Wenn man monatelang die Welt mit dem Fahrrad erkundet, läuft sicher nicht immer alles glatt. Was war denn rückblickend euer härtester Moment auf der Reise?

Philipp: Definitiv die Hitze und der Gegenwind in Usbekistan. Wir hatten teilweise bis zu 47 °C im Schatten, und in der Wüste schützte uns einfach nichts vor der Sonne. Wir haben unsere Etappen dann teilweise schon früh morgens begonnen, eine lange Mittagspause in einer Bushaltestelle eingelegt und sind erst abends weitergefahren.


Healthy Lady: Nach so vielen hunderten Kilometern im Sattel kann ich mir gut vorstellen, dass der Körper irgendwann einfach streikt. Wie seid ihr damit umgegangen?

Maria: Wir haben uns meistens gegenseitig motiviert. Wir haben dann viel darüber gesprochen und geschaut, ob wir unsere Route oder Ähnliches anpassen können. Wenn es gar nicht mehr ging, haben wir eine spontane Pause eingelegt. Das klingt jetzt so einfach, war aber oft mit Kompromissen verbunden. Wir haben uns manchmal selbst Druck gemacht, weil wir unsere Pläne einhalten wollten und unsere Pausen am liebsten an Orten gemacht hätten, die wir auch unbedingt sehen wollten. Aber wenn man keine Kraft mehr hat oder krank ist, kann man es einfach nicht erzwingen.


Das kostet Freiheit

Healthy Lady: Wie finanziert man sich so eine lange Reise, die über Monate geht?

Philipp: Wir haben vor Reisebeginn zehn Monate lang alles gespart, was nur möglich war. Das heißt, wir haben beide zwei Drittel unseres Gehalts beiseitegelegt und dadurch genug Geld für zwei Jahre angespart. Dafür mussten wir auf viel verzichten, wie Essen gehen, Freizeitaktivitäten und Ähnliches. Gleichzeitig haben wir geschaut, wie wir unsere alltäglichen Ausgaben optimieren können: Wir haben unnötige Abos und Verträge gekündigt, haben günstig gekocht und auch unser Equipment hauptsächlich gebraucht über Kleinanzeigen gekauft. Das war teilweise echt hart und hat uns viel abverlangt, aber mit dem Ziel der Radreise vor Augen haben wir das durchgestanden.

„Lieber bin ich ein kleines bisschen zu naiv und habe den Mut, einfach loszugehen, als alles bis ins kleinste Detail durchzuplanen und am Ende nie zu starten.“


Healthy Lady: Während viele Menschen Sicherheit mit einem festen Job, einer Wohnung oder finanzieller Planbarkeit verbinden, habt ihr euch bewusst für ein Leben unterwegs entschieden. Was bedeutet Sicherheit für euch heute? Ist Freiheit am Ende teurer oder vielleicht sogar wertvoller?

Philipp: Für uns bedeutet Freiheit inzwischen auch Sicherheit. Nicht, weil alles planbar ist, sondern weil wir gelernt haben, dass wir auch mit wenig auskommen und trotzdem zufrieden sein können. Ein klassisches Leben mit festem Job, Wohnung oder Haus würde uns aktuell sogar mehr Druck machen als das Reisen selbst. Viele Menschen verbinden genau damit Sicherheit. Für uns entsteht Sicherheit eher aus dem Wissen, dass wir nicht viel brauchen, um glücklich zu sein.

Wir brauchen kein teures Auto und nicht jedes Jahr das neueste Handy. Wir investieren unser Geld lieber in Erfahrungen, die bleiben, statt in Dinge, die irgendwann ersetzt werden.

Unterwegs reisen wir bewusst Low Budget und passen unsere Ausgaben immer an das jeweilige Land an. In Japan haben wir zum Beispiel nur zweimal in einer Unterkunft geschlafen und den Rest der Zeit im Zelt verbracht. In anderen Ländern haben wir uns dafür häufiger ein Zimmer genommen. Genau diese Flexibilität macht für uns Freiheit aus.

Zelten in Kappadokien: Schon vor ihrer Fahrradreise sammelten Maria und Philipp Reiseerfahrung. Zehn Monate lang waren sie mit ihrem alten Camper „Wilma“ in Südeuropa und Marokko unterwegs. Doch irgendwann wollten sie mehr. (Bild: P. Springsguth)

Healthy Lady: Ist das Leben unterwegs wirklich günstiger?

Philipp: Das hängt immer davon ab, welche Ansprüche man an das Reisen stellt. Hotelzimmer oder Zelt? Essen gehen oder selber kochen? Für uns ist es unterwegs günstiger. Wir zahlen keine Miete, haben kaum Fixkosten und essen das, was es lokal gibt, also ist es für uns unterwegs günstiger.


Liebe auf engem Raum

Healthy Lady: Ihr wart monatelang rund um die Uhr zusammen unterwegs, auf engstem Raum, oft erschöpft, manchmal hungrig und ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Was hat diese Reise euch über eure Beziehung und über euch selbst als Paar gelehrt?

Maria: Wir waren es schon vor der Reise gewohnt, viel Zeit miteinander zu verbringen und eng zusammenzuleben und genau das haben wir immer geliebt. Trotzdem zeigt eine Reise wie diese noch einmal auf eine ganz andere Weise, worauf es in einer Beziehung wirklich ankommt.

Schon früh haben wir gelernt, dass Kommunikation für uns alles ist. Unterwegs gehören Müdigkeit, Hunger, Stress oder auch Unsicherheit ganz selbstverständlich dazu. Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse ehrlich anzusprechen und dem anderen wirklich zuzuhören.

Was diese Reise uns vor allem gezeigt hat: Wir verzeihen heute schneller, nehmen viele Dinge nicht mehr so schwer und haben gelernt, auch in schwierigen Momenten als echtes Team zu funktionieren.


Zurück in Deutschland, aber längst noch nicht angekommen

Healthy Lady: Wenn ihr heute auf all die Kilometer, Herausforderungen und Begegnungen zurückblickt, würdet ihr diesen Weg noch einmal genauso gehen?

Philipp: Ja … und gleichzeitig auch nein. Vor unserer Reise haben uns viele gesagt, dass wir zu naiv an dieses Abenteuer herangehen. Gerade in der Vorbereitung hat uns das manchmal verunsichert und ehrlich gesagt auch Kopfzerbrechen bereitet. Heute sehen wir das anders. Rückblickend bin ich lieber ein kleines bisschen zu naiv und habe den Mut, einfach loszugehen, als alles bis ins kleinste Detail durchzuplanen und am Ende nie zu starten.

Natürlich würden wir beim Equipment oder beim Gepäck heute einige Dinge anders machen. Aber genau das wissen wir auch nur, weil wir unterwegs Fehler gemacht, Dinge ausprobiert und daraus gelernt haben. Deshalb lautet die ehrliche Antwort: Ja – wir würden es genauso wieder tun. Denn genau diese Erfahrungen haben uns erst zu den Menschen gemacht, die wir heute sind.

„Was diese Reise uns vor allem gezeigt hat: Wir verzeihen heute schneller, nehmen viele Dinge nicht mehr so schwer und haben gelernt, auch in schwierigen Momenten als echtes Team zu funktionieren.“


Healthy Lady: Ihr habt innerhalb der letzen zehn Monaten 22 Länder besucht. Wie hat sich die Rückkehr nach Deutschland angefühlt nach so vielen Eindrücken aus der Welt? 

Philipp: Die Heimkehr hat sich ehrlich gesagt seltsam angefühlt. Nach zehn Monaten, 22 Ländern und all den Erfahrungen verändert man sich selbst und kommt dann zurück an einen Ort, an dem scheinbar alles gleich geblieben ist. Wir haben festgestellt wieviel wir doch eigentlich besitzen und wie wenig wir davon wirklich nutzen. Wir werden aber wahrscheinlich erst die nächsten Wochen so wirklich einordnen können, dass unsere Reise jetzt wirklich vorbei ist.


Healthy Lady: Habt ihr während der Reise euch wieder Jobs und eine Wohnung in Deutschland gesucht oder wo kommt ihr erstmal unter?

Maria: Wir haben uns noch keine Jobs gesucht, tun dies aber gerade. Die ersten Wochen kommen wir aber erstmal an und schneiden unsere Videos für YouTube. Wir haben eine Wohnung bei unserer Familie und konnten so nach dem Heimflug in unsere eigenen Betten fallen. 

Im Norden von Pakistan kämpfen sich Maria und Philipp mit ihren Rädern durch eine der spektakulärsten Landschaften ihrer Reise – festgehalten für ihre Community auf Social Media @philippundmaria. (Bild: P. Springsguth)

Healthy Lady: Kommt noch so ein Projekt wieder oder etwas ähnliches, wie „Mit dem Fahrrad um die Welt“? Was plant ihr?

Philipp: Wir sind mit dem Wissen nach Deutschland zurückgekehrt uns gleich auf die nächste Reise vorbereiten zu können. Sonst hätten wir wahrscheinlich unsere Reise in Asien weitergeführt, doch wir haben neue Pläne. 

Wir haben uns entschieden die nächste Reise mit dem Motorrad zu bestreiten und dafür stocken wir unsere Reisekasse auf und machen den Motorradführerschein. Starten wird diese in der ersten hälfte 2027 und es geht entweder einmal rund um  Afrika oder Südamerika, das entscheiden wir noch.


Healthy Lady: Nach 22 Ländern, unzähligen Kilometern und Momenten, die euch für immer geprägt haben, was würdet ihr Menschen sagen, die selbst von so einem Abenteuer träumen, sich aber bisher nie getraut haben, den ersten Schritt zu gehen?

Philipp: Das Wichtigste ist, einfach anzufangen. Das sagt wahrscheinlich jeder, aber es ist so. Triff eine Entscheidung, lege dir einen Zeitpunkt der Abreise fest und dann schau Schritt für Schritt, wie du deinen Traum umsetzen kannst. Ganz wichtig ist, die Angst oder den Respekt davor auch immer wieder ein Stück beiseitezuschieben. Es ist ganz normal, dass das aufkommt. Allerdings wird es so viel schöner und leichter, als man es sich vorstellt, und die Herausforderungen tauchen sowieso da auf, wo du es nicht planst.

Für den finanziellen Aspekt würden wir raten, sich mal intensiv mit allen Einnahmen und Ausgaben auseinanderzusetzen und alles auszusortieren, was man nicht wirklich braucht. Überlege, wie man die laufenden Kosten reduzieren kann, aber in einem Maß, in dem du es durchhalten kannst.

Und wenn es um Equipment geht, raten wir dir, dich an anderen zu orientieren. Es gibt einige Reisende, die Webseiten mit Equipmentlisten haben. Da kann man mal stöbern, schauen, was zu einem passt, vielleicht auch bei speziellen Fragen den Leuten eine Mail oder Nachricht auf Instagram schreiben.

Und wegen der Route können wir ganz klar empfehlen, sich einen groben Plan zu machen und den Rest offen zu halten, denn so hat man immer Raum für Spontanität, denn das meiste ergibt sich unterwegs.


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Mein Kind im fremden Körper: Ramona spricht über Leihmutterschaft, Verlust und harte Vorwürfe

Nicht mehr lange, dann wird für Ramona Sztankovics ein großer Traum Wirklichkeit. In wenigen Wochen soll ihre erste Tochter zur Welt kommen. Das Kinderzimmer ist längst fertig eingerichtet, jedes Detail mit Liebe ausgewählt, jeder kleine Gegenstand erinnert sie daran, wie nah dieser Moment inzwischen ist.

Nach Jahren des unerfüllten Kinderwunsches, zahlreichen Untersuchungen und einer schweren Bauchoperation wurde der gebürtigen Ungarin klar, dass eine eigene Schwangerschaft medizinisch zu riskant ist. Auch eine Adoption schien für das Paar kaum realistisch. So entschieden sie sich für eine Leihmutterschaft und damit für einen Weg, der in Deutschland rechtlich verboten ist und gesellschaftlich bis heute mit vielen Tabus behaftet bleibt.

Heute wächst Ramonas Tochter im Bauch einer anderen Frau. Genetisch ist das Mädchen ihr eigenes Kind und nicht das der Leihmutter. Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Augsburgerin Anfang Juli 2026 in Tbilisi bei der Geburt direkt im Kreißsaal dabei sein.

Für die Sozialarbeiterin und ihren Mann ist es nicht der erste Versuch, Eltern zu werden. Bereits im September 2025 verloren sie ihr erstes Baby, das ebenfalls durch eine Leihmutterschaft erwartet wurde.

Ramona erzählt ihre Geschichte, weil sie anderen kinderlosen Paaren Hoffnung geben und mit Vorurteilen rund um das Thema Leihmutterschaft aufräumen möchte. Im Interview spricht sie über den Verlust ihres ersten Babys, den belastenden Vorwurf des „Menschenhandels“, rechtliche Herausforderungen und die Hoffnung auf ihre langersehnte Tochter.

„Es war früh am Morgen, wir sind sofort in die Klinik gefahren. Dort hat man uns gesagt, dass unser Baby kurz nach der Geburt verstorben ist.“


Der Flug, der alles veränderte

Healthy Lady: Im 2025 habt ihr bereits das erste mal Erfahrung mit Leihmutterschaft gemacht. Magst du mal erzählen, wie es damals für euch war?

Ramona: Im September 2025 waren wir gerade im Flugzeug auf dem Weg nach Tiflis zu unserer Leihmutter. Wir wollten beim nächsten Ultraschall dabei sein und einige rechtliche Dinge klären. Noch bevor das Flugzeug abgehoben ist, habe ich eine Nachricht von unserer Koordinatorin bekommen. Unser Baby ist viel zu früh auf die Welt gekommen und wird medizinisch versorgt. Unsere Leihmutter war stabil.

In dem Moment ist eine Welt in mir zusammengebrochen und gleichzeitig begann dieser endlose Flug. Ohne Internet, ohne neue Informationen. Ich saß dort und habe tief in mir gespürt, dass es nicht gut ausgehen wird. Es war einfach zu früh. Dieser Flug war der schlimmste meines Lebens. Mein Mann hat versucht, mich zu beruhigen, aber es gab nichts, was diesen Schmerz oder diese Angst hätte auffangen können. Fünf Stunden später sind wir in Tiflis gelandet. Es war früh am Morgen, wir sind sofort in die Klinik gefahren. Dort hat man uns gesagt, dass unser Baby kurz nach der Geburt verstorben ist.

Die Ärzte konnten uns nicht genau sagen, warum. Unsere Leihmutter hatte sich unwohl gefühlt und ist in die Klinik gefahren. Dort wurde festgestellt, dass unser Baby bereits schwere Hirnblutungen hatte und sofort geholt werden musste. Es ging alles viel zu schnell. Dieser Schmerz ist tief. Er ist geblieben bis heute. Und ich glaube, ein Teil davon wird immer bleiben. Man erholt sich nicht wirklich davon, egal ob man das Kind selbst getragen hat oder nicht. Es war unser Baby. Unser Wunsch. Unsere Hoffnung.

Unsere damalige Leihmutter hat uns unendlich leid getan, und sie hat selbst sehr darunter gelitten. Zum Glück wurden wir in dieser Zeit nicht allein gelassen. Unsere Agentur hat direkt am nächsten Tag eine Krisensitzung mit uns organisiert mit Ärzten, Anwälten und Koordinatoren. Sie haben uns begleitet und versucht, uns in diesem unfassbar schweren Moment zu unterstützen. Aber trotz aller Unterstützung bleibt dieser Verlust ein Teil von uns. Für immer.

Seit drei Jahren wünscht sich Ramona nichts sehnlicher als ein eigenes Kind. Im Juli könnte ihr größter Traum dank einer Leihmutterschaft in Georgien endlich in Erfüllung gehen. (Bild: R. Sztankovics)

Healthy Lady: Wie ging es der Leihmutter nach diesem Vorfall? Was passiert in so einer Extremsituation zwischen euch?

Ramona: Die ersten Tage nach dem Kaiserschnitt waren für sie, wie für jede Frau nach so einem Eingriff, sehr anstrengend und schmerzhaft. Aber zusätzlich kam noch diese tiefe emotionale Belastung dazu. Was zwischen uns in dieser Extremsituation passiert ist, war vor allem eines: Menschlichkeit. Wir sind im Kontakt geblieben, haben miteinander gesprochen, uns gegenseitig unser Mitgefühl ausgesprochen. Es war kein „Verhältnis“ mehr wie am Anfang des Prozesses. Es war viel persönlicher, viel stiller, geprägt von einem gemeinsamen Verlust. Bis heute haben wir Kontakt. Sie weiß, dass unser Baby bald geboren wird, und sie freut sich ehrlich für uns. Das zeigt mir, wie groß ihr Herz ist und wie besonders diese Verbindung bleibt, auch über so einen schweren Moment hinaus.


Healthy Lady: Einige Monate später habt ihr einen weiteren Versuch gestartet mit einer neuen Leihmutter. Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass sie schwanger ist?

Ramona: Nach unserem großen Verlust hat sich etwas in mir verändert. Man wird zurückhaltender mit Hoffnung, weil man gelernt hat, wie schnell sich alles wieder verändern kann. Deshalb habe ich meine Gefühle nicht sofort komplett zugelassen, sondern sie eher Schritt für Schritt zugelassen.

Ich habe die Schwangerschaft bewusst begleitet, aber innerlich immer mit einer gewissen Vorsicht, besonders bis etwa zur 25.–27. Woche. Erst mit der Zeit konnte ich mich etwas mehr öffnen und wirklich anfangen, mich sicherer zu fühlen. Es ist eine Mischung aus Dankbarkeit, Hoffnung und einer tiefen Vorsicht geworden. Alles fühlt sich wertvoller, aber auch zerbrechlicher an.


Wenn der eigene Kinderwunsch stärker ist als jedes Verbot

Healthy Lady: Warum habt ihr euch letztlich für die Leihmutterschaft entschieden und gegen Alternativen wie Adoption oder künstliche Befruchtung?

Ramona: Grundsätzlich haben wir uns nicht bewusst gegen eine Adoption entschieden. Vielmehr mussten wir feststellen, dass dieser Weg für uns kaum realistisch ist. Auch wenn es nicht immer offen ausgesprochen wird, spielt das Alter meines Mannes dabei eine Rolle. In Gesprächen und durch unsere eigenen Recherchen, unter anderem auch mit dem Jugendamt, wurde uns deutlich, wie hoch die Hürden und Anforderungen sind. Der gesamte Prozess ist sehr langwierig und mit vielen Unsicherheiten verbunden.

Hinzu kommt, dass es deutlich mehr Bewerber als zur Adoption freigegebene Kinder gibt. Teilweise stehen beispielsweise nur wenige Kinder einer großen Zahl an adoptionswilligen Eltern gegenüber. Für uns hat sich dadurch das Gefühl verstärkt, dass unsere Chancen sehr gering sind bzw. unmöglich.  Nach diesen Erfahrungen und auch vor dem Hintergrund meiner gesundheitlichen Situation haben wir uns letztlich für die Leihmutterschaft entschieden.

„Wenn man von einem idealen Verlauf ausgeht, ohne Komplikationen, ohne zusätzliche Versicherungen und ohne besondere medizinische Zusatzleistungen, liegt man mindestens bei etwa 60.000 Euro.“


Healthy Lady: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diesen Weg in Georgien zu gehen?

Ramona: Die Idee, diesen Weg zu gehen, ist vor etwa zwei Jahren entstanden, während eines Urlaubs in Punta Cana. Ich habe damals durch Instagram gescrollt und bin auf eine Schauspielerin aufmerksam geworden, die ihr zweites Kind durch Leihmutterschaft bekommen hat, nachdem sie aufgrund einer Krebserkrankung ihre Gebärmutter verloren hatte. In diesem Moment wurde mir überhaupt erst richtig bewusst, dass es diese Möglichkeit gibt. Das hat mich sehr bewegt und gleichzeitig neugierig gemacht. Noch vor Ort habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen und erste Recherchen zu machen.


Healthy Lady: In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Kannst du persönlich nachvollziehen, warum der Gesetzgeber hier so streng ist, oder empfindest du es als veraltet?

Ramona: Ich kann teilweise nachvollziehen, warum der Gesetzgeber in Deutschland so streng ist. Es geht dabei vor allem um den Schutz von Frauen und die Sorge, dass Leihmutterschaft zu Ausbeutung führen könnte. Gleichzeitig empfinde ich die aktuelle Regelung aber als veraltet.

Aus meiner Sicht sollte der Fokus weniger darauf liegen, ob Leihmutterschaft grundsätzlich verboten ist oder nicht, sondern vielmehr darauf, wie man sie verantwortungsvoll und sicher gestalten kann. Es geht darum, klare Rahmenbedingungen zu schaffen, die alle Beteiligten schützen. Letztendlich handelt es sich um erwachsene Menschen, die bewusst eine Entscheidung treffen. Wenn eine Frau sich freiwillig dazu entscheidet, ein Kind für ein anderes Paar auszutragen und das nicht aus finanzieller Not heraus, dann sollte man das respektieren.

Das derzeitige Verbot löst das eigentliche Problem nicht. Der Wunsch nach einem eigenen Kind verschwindet dadurch ja nicht. Stattdessen wird das Thema ins Ausland verlagert, wo die Bedingungen oft weniger transparent sind. Paare mit Kinderwunsch werden dadurch eher alleingelassen, anstatt sie innerhalb eines klar geregelten Systems zu unterstützen.


Menschenhandel, Ausbeutung, Egoismus

Healthy Lady: Gibt es in so einem sensiblen Prozess Versicherungen oder rechtliche Absicherungen für medizinische Notfälle oder unerwartete Komplikationen, sowohl für das Baby als auch für die Leihmutter?

Ramona: Man kann spezielle Versicherungen abschließen, die in bestimmten Fällen greifen, zum Beispiel, wenn das Baby zu früh geboren wird oder verstirbt. Diese können dann einen Teil der medizinischen Kosten, etwa für Intensivbehandlungen, sowie bestimmte Kosten im Zusammenhang mit der Leihmutterschaft übernehmen.

Es gibt auch separate Versicherungen, die die medizinischen Kosten der Leihmutter abdecken, falls ein Krankenhausaufenthalt notwendig wird oder Komplikationen auftreten. Allerdings sind diese Versicherungen keine Pflicht, sondern eine zusätzliche Absicherung und sie sind oft sehr teuer. Wir sprechen hier von mehreren tausend Euro. Am Anfang denkt man vielleicht, dass man an dieser Stelle sparen kann, weil man hofft, dass alles gut verläuft. Aber wenn dann doch etwas passiert, wenn ein Baby viel zu früh kommt und intensivmedizinisch versorgt werden muss oder die Leihmutter medizinische Hilfe braucht, können die Kosten schnell noch viel höher werden.

„Als Eltern bekommt man dann einen Vorschlag für eine mögliche Leihmutter. Wichtig ist, dass daraus ein sogenanntes „Match“ entsteht, also dass beide Seiten zueinander passen.“


Healthy Lady: Was kostet eine Leihmutterschaft in Georgien insgesamt, wenn man alle Prozeduren und Gebühren einrechnet?

Ramona: Jede Agentur bietet verschiedene Pakete an, und genau hier entstehen oft große Preisunterschiede.Wenn man von einem idealen Verlauf ausgeht, ohne Komplikationen, ohne zusätzliche Versicherungen und ohne besondere medizinische Zusatzleistungen, liegt man mindestens bei etwa 60.000 Euro. Das ist wirklich das absolute Minimum, und darin ist meist ein Paket mit einem Versuch enthalten, der im besten Fall direkt erfolgreich ist. Untersuchungen der biologischen Eltern sind dabei jedoch nicht immer in vollem Umfang eingerechnet, obwohl sie in der Praxis eine wichtige Voraussetzung sind.

Sobald man Versicherungen, zusätzliche medizinische Absicherungen und mögliche Extrakosten mit einrechnet, kann man schnell in einen Bereich von etwa 100.000 bis 150.000 Euro kommen. Am Ende ist es ein sehr komplexer und individueller Prozess, bei dem viele Faktoren den Gesamtpreis beeinflussen.


Mit ihrer Geschichte klärt Ramona auf Social Media über Leihmutterschaft auf und gibt anderen Betroffenen Hoffnung.
(Bild: R. Sztankovics)

Healthy Lady: In einem deiner Videos reagierst du auf Hate-Kommentare rund um das Thema Leihmutterschaft. Besonders häufig fällt dabei der schwere Vorwurf des ‚Menschenhandels‘. Was machen solche Worte mit dir?

Ramona: In den meisten Fällen versuche ich zuerst, ruhig zu bleiben. Begriffe wie „Menschenhandel“ treffen natürlich, weil sie sehr schwer und verletzend sind. Gleichzeitig merke ich oft, dass solche Aussagen aus Unwissenheit entstehen und nicht aus echter Erfahrung mit dem Thema. Deshalb versuche ich, wenn es möglich ist, zu erklären, wie komplex und reguliert dieser Prozess tatsächlich ist.

Manche Diskussionen lohnen sich aber auch nicht. Wenn Menschen nur urteilen, ohne wirklich zuzuhören, dann schützt es mich selbst, nicht in jede Konfrontation einzusteigen. Was ich über die Zeit gelernt habe: Nicht jeder Kommentar verdient meine Energie. Ich konzentriere mich lieber auf die Menschen, die wirklich offen sind, die Fragen haben und verstehen wollen.


Healthy Lady: Ein häufiger Kritikpunkt lautet, dass Leihmutterschaft wirtschaftlich schwächere Frauen ausnutzen könnte. Wie begegnest du solchen ethischen Bedenken?

Ramona: Ich verstehe diesen Vorwurf und nehme ihn ernst, weil er eine wichtige ethische Frage berührt. Gleichzeitig sehe ich das Thema differenzierter. Jede Frau ist grundsätzlich eine eigenständige Person, die Entscheidungen über ihren Körper und ihren Lebensweg trifft. Dazu gehört auch die Entscheidung, ob sie eine Leihmutterschaft eingehen möchte oder nicht. In seriösen Programmen gibt es zudem klare medizinische, psychologische und soziale Prüfungen, die sicherstellen sollen, dass diese Entscheidung nicht unter Druck oder aus akuter Not heraus getroffen wird.

Für mich ist deshalb entscheidend, wenn eine Frau diesen Weg bewusst, informiert und freiwillig geht, dann sollte diese Entscheidung respektiert werden. Ich sehe Leihmütter nicht als „ausgenutzt“, sondern als Frauen, die in einem sehr besonderen und anspruchsvollen Prozess eine wichtige Rolle übernehmen. Sie tragen Leben aus mit Verantwortung, medizinischer Begleitung und oft auch viel persönlicher Stärke.

Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass diese Themen nicht emotional überhöht oder pauschal verurteilt werden. Die Realität ist komplexer als Schlagworte. Mir geht es am Ende darum, dass man Frauen in ihrer Entscheidungsfreiheit ernst nimmt und gleichzeitig hohe ethische und medizinische Standards einhält.

„Begriffe wie ‚Menschenhandel‘ treffen natürlich, weil sie sehr schwer und verletzend sind.“


Der perfekte Match – Auf der Suche nach der Richtigen

Healthy Lady: Wie findet man eine Leihmutter in Georgien? Bekommt man tatsächlich eine Art „Modelkartei“ mit Bildern und Daten, aus der man auswählen kann?

Ramona: Nein, so etwas wie einen Katalog gibt es nicht. Im Idealfall sucht man auch nicht selbst aktiv nach einer Leihmutter. Stattdessen melden sich potenzielle Leihmütter freiwillig bei Agenturen oder Kliniken. Dort durchlaufen sie umfassende Prüfungen, sowohl medizinisch als auch psychologisch. Erst wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, werden sie in ein Programm aufgenommen.

Als Eltern bekommt man dann einen Vorschlag für eine mögliche Leihmutter. Wichtig ist, dass daraus ein sogenanntes „Match“ entsteht, also dass beide Seiten zueinander passen. In der Regel lernt man sich zunächst über ein Telefonat oder eine Videokonferenz kennen. Wenn sich beide Parteien wohlfühlen und einverstanden sind, entscheiden sie sich bewusst füreinander.

Man erhält allerdings schon im Vorfeld einige Informationen über die vorgeschlagene Leihmutter. Dazu gehören zum Beispiel ein Foto sowie Daten wie Größe, Gewicht, Informationen zu früheren Schwangerschaften (Verlauf, Geburtswochen, Geburtsgewicht der Kinder), persönliche Interessen und auch der Wohnort. Diese Informationen sind wichtig, um ein erstes Gefühl zu bekommen und Vertrauen aufzubauen.

Gleichzeitig bekommt auch die Leihmutter Informationen über die Wunscheltern, zum Beispiel, wo sie leben, was sie beruflich machen und wie ihre Lebenssituation ist. Denn am Ende basiert dieser Weg stark auf gegenseitigem Vertrauen. Schließlich trägt diese Frau das Kind der Eltern aus.


Healthy Lady: Worauf achtet man bei der Auswahl einer Frau, der man sein ungeborenes Kind anvertraut?

Ramona: Für mich war es besonders wichtig, dass unsere Leihmutter in der Nähe der Klinik lebt, damit die medizinische Betreuung reibungslos und gut organisiert ist. Außerdem war mir ein geregelter Alltag wichtig sowie, dass sie finanziell abgesichert ist, damit sichergestellt ist, dass ihre Entscheidung nicht aus einer Notlage heraus entsteht.

Ein weiterer wichtiger Punkt war für mich das Alter. Idealerweise sollte sie nicht älter als 35 Jahre sein. Ebenso war es mir sehr wichtig, dass sie bereits eigene Kinder hat und dass ihre vorherigen Schwangerschaften und Geburten gut und ohne Komplikationen verlaufen sind. Am Ende spielt aber auch das persönliche Gefühl eine große Rolle. Vertrauen ist in diesem Prozess entscheidend, denn man gibt dieser Frau das Wertvollste an, was man hat.

Unsere Leihmutter ist genetisch nicht mit dem Kind verwandt. Die Eizellen stammen von mir, das bedeutet, dass die biologische Verbindung bei uns als Eltern liegt.


Healthy Lady: Wie würdest du euer aktuelles Verhältnis beschreiben? Seid ihr befreundet oder ist sie für euch ein Stück Familie geworden?

Ramona: Unser Verhältnis ist sehr eng und von großem Vertrauen geprägt. Wir stehen in regelmäßigem Austausch und fühlen uns sehr verbunden. Trotzdem würde ich sie nicht einfach als „Freundin“ bezeichnen, denn das wird der Situation nicht ganz gerecht. Aber auch der Begriff „Familie“ passt nicht vollständig. Uns verbindet etwas ganz Besonderes, das sich schwer in Worte fassen lässt. Es ist eine sehr tiefe, einzigartige Verbindung, die durch diesen gemeinsamen Weg entstanden ist. Was ich aber mit voller Überzeugung sagen kann, ich vertraue ihr zu Hundert Prozent. Ich weiß, dass unser Baby bei ihr in den besten Händen ist.


Healthy Lady: Hast du mit eurer Leihmutter darüber gesprochen, warum sie das tut? Warum gebärt sie Kinder für fremde Menschen?

Ramona: Sie hat erklärt, dass sie sich ganz bewusst dafür entschieden hat, weil sie Schwangerschaft als etwas Positives empfindet. Sie mag dieses Gefühl und den gesamten Prozess, der damitverbunden ist, und sie empfindet es als etwas sehr Besonderes, einem anderen Paar zu helfen, ein Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig hat sie bereits zwei eigene Kinder und möchte kein weiteres eigenes Kind bekommen. Deshalb hat sie für sich entschieden, diesen Weg als Leihmutter zu gehen und so anderen Menschen ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

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Liebt sie das Baby vielleicht irgendwann wie ihr eigenes?

Healthy Lady: Viele Außenstehende fragen sich, ob eine Leihmutter nach neun Monaten überhaupt emotional Abstand zu dem Baby halten kann. War das auch eine Sorge, die dich beschäftigt hat?

Ramona: Am Anfang des Prozesses habe ich mir genau dieselbe Frage gestellt. Doch je mehr Einblick ich hinter die Kulissen bekommen habe, desto mehr hat sich mein Gefühl verändert. Potenzielle Leihmütter durchlaufen einen sehr sorgfältigen und strengen Auswahlprozess, sowohl medizinisch als auch psychologisch. Sie werden intensiv begleitet, führen Gespräche mit Fachpersonen, in denen genau solche Themen offen angesprochen werden.

Besonders wichtig war für mich auch der persönliche Austausch mit unserer Leihmutter. Wir haben oft darüber gesprochen, und sie hat immer sehr klar und reflektiert ausgedrückt, wie sie dazu steht. Sie trägt unser Baby mit viel Fürsorge und Respekt aus, aber gleichzeitig ist ihr bewusst, dass es unser Kind ist. Sie hat selbst gesagt, dass sie keine eigenen Kinder mehr möchte.

Natürlich entwickelt sie eine Verbindung zu dem Baby in ihrem Bauch, das ist etwas sehr Menschliches. Aber sie beschreibt diese Verbindung anders als die zu ihren eigenen Kindern. Für sie ist es vor allem ein Akt der Hilfe und des Vertrauens. Dieses offene Miteinander und das gegenseitige Verständnis geben mir viel Sicherheit und ein gutes Gefühl.


Healthy Lady: Wird die Frau, die dein Kind neun Monate lang unter ihrem Herzen getragen hat, auch später ein Teil eurer Familiengeschichte bleiben? Wirst du deinem Kind eines Tages von ihr erzählen?

Ramona: Mein Kind soll von Anfang an wissen, wie sehr es geliebt, gewollt und ersehnt war. Dass es nicht „einfach so“ auf die Welt gekommen ist, sondern dass wir diesen besonderen Weg gegangen sind, weil wir uns nichts sehnlicher gewünscht haben als genau dieses Kind.

Der Kontakt zur Leihmutter ist mir sehr wichtig. Sie ist ein besonderer Teil unserer Geschichte, und ich möchte, dass mein Kind das auch so erleben darf, ganz natürlich und ohne Geheimnisse. Es ist zum Beispiel geplant, dass sie uns an Weihnachten mit ihren Kindern besucht. Dieser Gedanke fühlt sich für mich einfach richtig an, weil er von Dankbarkeit und Verbundenheit geprägt ist.


Der Moment, auf den sie jahrelang gewartet hat

Healthy Lady: Wirst du den Moment erleben, in dem deine Tochter zum ersten Mal auf die Welt kommt?

Ramona: Wenn alles wie geplant verläuft, werde ich bei der Geburt dabei sein. Wir haben das offen und ehrlich mit unserer Leihmutter besprochen. Für sie ist es in Ordnung, dass ich und mein Mann dabei sind und sie hat sogar den Wunsch geäußert, dass ich sie in diesem Moment begleite. Zwischen uns ist über die Zeit eine sehr besondere und tiefe Verbindung entstanden, die schwer in Worte zu fassen ist. Sie hat sich meine Unterstützung gewünscht, und ich möchte für sie da sein, so gut ich kann. Es bedeutet mir unglaublich viel, diesen Moment gemeinsam zu erleben und meine Tochter auf die Welt kommen zu sehen.

"Mein Kind soll von Anfang an wissen, wie sehr es geliebt, gewollt und ersehnt war."


Healthy Lady: Wie sieht es rechtlich direkt nach der Geburt aus? Wie bekommt ihr das Kind nach Deutschland, und wie gehen die deutschen Behörden damit um?

Ramona: Rechtlich ist der Ablauf nach der Geburt klar strukturiert, auch wenn es für viele überraschend ist, wie gut sich die deutschen Behörden mit diesem Prozess auskennen. Ich habe selbst nachgefragt und war erstaunt, dass Leihmutterschaft in der Praxis häufiger vorkommt, als man denkt, auch wenn öffentlich kaum darüber gesprochen wird.

Direkt nach der Geburt werden wir zunächst beide in die Geburtsurkunde eingetragen. Mein Mann erkennt anschließend die Vaterschaft bei der deutschen Botschaft in Tiflis offiziell an. Damit können wir dann die notwendigen Reisedokumente bzw. einen deutschen Pass für unser Kind beantragen, um nach Hause reisen zu können. Einige Wochen später folgt dann der rechtliche Teil in Deutschland. Ich stelle über einen Notar einen vereinfachten Antrag auf Stiefkindadoption, damit auch die rechtliche Elternschaft vollständig geklärt ist. Es ist ein Prozess mit mehreren Schritten, aber er ist klar geregelt und wir fühlen uns dabei gut begleitet.


Healthy Lady: Wenn du auf alles zurückblickst, wie groß ist die Dankbarkeit für dieses „Geschenk“, das euch diese Frau macht?

Ramona: Diese Dankbarkeit ist kaum in Worte zu fassen. Am Anfang habe ich selbst unterschätzt, was eine Schwangerschaft wirklich bedeutet. Viele sagen, es sei „das Natürlichste auf der Welt“ oder etwas Selbstverständliches, aber die Realität ist viel komplexer. Es ist körperlich und emotional ein großes Risiko, und unsere Leihmutter geht diesen Weg trotzdem mit, um uns zu helfen. Allein dieser Gedanke berührt mich sehr tief. Dass ein Mensch so viel Vertrauen, Stärke und Bereitschaft mitbringt, um einem anderen den größten Wunsch zu erfüllen, ist nichts, was man einfach als selbstverständlich sehen kann.


Ein Kinderzimmer voller Hoffnung

Ramonas Geschichte zeigt, dass der Weg zum Familienglück keine gerade Linie ist, sondern manchmal durch die tiefsten Täler führt. Am 1. Juli soll ihre Tochter in Georgien zur Welt kommen. Bis dahin bleibt das Kinderzimmer in Deutschland ein Raum des Wartens, gefüllt mit Möbeln, aber vor allem mit einer Hoffnung, die nach all dem Schmerz zwar leise geworden ist, aber nicht mehr totzukriegen ist. Es ist Ramona zu wünschen, dass aus dieser vorsichtigen Hoffnung im Sommer endlich greifbares Glück wird.


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Biochemikerin erklärt: So beeinflussen Hormone deine Energie & Stimmung

Plötzliche Erschöpfung, Heißhunger-Attacken oder emotionale Achterbahnfahrten kurz vor der Periode – viele Frauen kennen diese Symptome, ohne zu wissen, was wirklich dahintersteckt. Dabei liegt die Ursache oft tief im hormonellen Gleichgewicht. Mehr als 50 verschiedene Hormone wirken im Körper als Botenstoffe und beeinflussen täglich unsere Energie, unseren Schlaf oder unseren Stoffwechsel.

Von der Symptombehandlung zur Biochemie

Viele Beschwerden wie Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen werden oft erst dann medizinisch abgeklärt, wenn sie den Alltag bereits spürbar belasten. Die Biochemie setzt deutlich früher an. Sie beschäftigt sich mit den Prozessen im Körper, die solche Symptome oft schon lange vorher beeinflussen. Im Gespräch mit Healthy Lady erklärt Biochemikerin Fatme Bolhos, wie Hormone, Blutzucker und Stress unser körperliches und emotionales Gleichgewicht steuern.

Wissenschaft nahbar erklärt

Die Berlinerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die komplexen Abläufe im Körper verständlich zu machen. Über soziale Medien teilt sie ihr Wissen mit einer jungen Generation und erklärt, was bei Themen wie Ernährung, Krankheiten oder Zyklusschwankungen auf zellulärer Ebene passiert.

Dieses Wissen dient vielen Frauen als entscheidender Schlüssel, um die eigenen Signale endlich besser einzuordnen. Wer versteht, was im Inneren abläuft, nimmt Veränderungen im Zyklus bewusster wahr und kann dadurch lernen, den eigenen Körper besser zu verstehen.


Der Zyklus als biochemischer Prozess

Healthy Lady: Von Energie über Stimmung bis hin zu Fruchtbarkeit beeinflussen Hormone nahezu jeden Bereich unseres Alltags. Gibt es dabei ein Hormon, das im Körper eine Art Schlüsselrolle übernimmt, oder arbeiten all diese Prozesse komplexer zusammen?

Fatme Bolhos: Ein einzelnes zentrales Hormon gibt es eigentlich nicht. Das Hormonsystem funktioniert eher wie ein Netzwerk, in dem viele Hormone zusammenarbeiten. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei das Gehirn, vor allem der Hypothalamus, eine Art übergeordnetes Regulationszentrum, und die Hypophyse, auch Hirnanhangsdrüse genannt. Gemeinsam steuern sie viele andere Hormondrüsen im Körper.


Healthy Lady: Wenn wir den weiblichen Zyklus biochemisch betrachten, was passiert in den einzelnen Phasen im Körper?

Fatme Bolhos: Der Zyklus wird durch verschiedene Hormone gesteuert. Zu Beginn des Zyklus startet die Reifung einer Eizelle im Eierstock. Dabei steigt vor allem das Hormon Östrogen an, das unter anderem den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut unterstützt. Etwa in der Mitte des Zyklus kommt es zum Eisprung, bei dem die reife Eizelle freigesetzt wird. Danach produziert der Körper vermehrt Progesteron, um sich auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten. Wenn keine Befruchtung stattfindet, sinken die Hormonspiegel wieder ab, und die Menstruation beginnt.

„Chronischer Stress kann das Hormonsystem deutlich beeinflussen, weil der Körper dabei dauerhaft Stresshormone wie Cortisol ausschüttet.“

Healthy Lady: Wie beeinflussen Östrogen und Progesteron unsere Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin und damit Stimmung, Energie und Motivation?

Fatme Bolhos: Östrogen wird eher mit unterstützenden Effekten auf Serotonin- und Dopaminsysteme verbunden, die für Stimmung und Motivation wichtig sind. Progesteron wirkt bei vielen eher beruhigend, vor allem über Signalwege des Gamma-Aminobuttersäure-Systems, einem körpereigenen Botenstoff, der beruhigend auf das Nervensystem wirkt. Deshalb können beide Hormone die Stimmung auf unterschiedliche Weise beeinflussen.

Biochemikerin Fatme Bolhos veröffentlicht unter dem Namen @diebiochemikerin auf Social Media Aufklärung rund um Biochemie, Gesundheit und hormonelle Prozesse. (Bild: Fatme Bolhos)

Alltag verstehen statt nur optimieren

Healthy Lady: Blutzucker wird oft im Zusammenhang mit Diabetes diskutiert. Welche Rolle spielt er auch für das hormonelle Gleichgewicht?

Fatme Bolhos: Der Blutzucker spielt auch für das hormonelle Gleichgewicht eine wichtige Rolle, weil er eng mit dem Hormon Insulin verbunden ist. Wenn der Blutzucker stark schwankt, muss der Körper häufiger Insulin ausschütten. Langfristig können solche Schwankungen auch andere Hormonsysteme beeinflussen, zum Beispiel Stresshormone, Hungerhormone oder den weiblichen Zyklus. Ein stabiler Blutzucker unterstützt daher oft auch mehr Energie und ein ausgeglicheneres Wohlbefinden.


Healthy Lady: Was passiert eigentlich im Körper, wenn unser Blutzucker ständig hoch und runter geht?

Fatme Bolhos: Wenn der Blutzuckerspiegel stark schwankt, müssen die Zellen sich ständig anpassen. Steigt der Blutzucker stark an, wird Insulin ausgeschüttet, damit Glukose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann. Fällt der Blutzucker schnell ab, kann dem Körper kurzfristig Energie fehlen, worauf Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol reagieren. Häufige starke Schwankungen können Zellen belasten und langfristig Stoffwechselprozesse ungünstig beeinflussen.

„Östrogen wird eher mit unterstützenden Effekten auf Serotonin und Dopaminsysteme verbunden, die für Stimmung und Motivation wichtig sind.“

Healthy Lady: Rund um den Zyklus verändert sich auch unsere Haut. Was passiert dabei hormonell im Körper?

Fatme Bolhos: Das Hautbild wird nicht nur durch Pflegeprodukte beeinflusst, sondern auch stark durch innere Prozesse. Besonders Hormone spielen eine wichtige Rolle, weil sie Talgproduktion, Feuchtigkeit, Entzündungsneigung und Hauterneuerung beeinflussen können. Rund um den Eisprung ist der Östrogenspiegel oft höher, was bei vielen mit einer besser durchfeuchteten, klareren oder strahlenderen Haut verbunden wird. In anderen Zyklusphasen können hormonelle Veränderungen eher Unreinheiten oder empfindlichere Haut begünstigen.


Healthy Lady: Viele von uns merken erst spät, wie stark dauerhafter Stress den eigenen Körper beeinflussen kann, sei es durch Schlafprobleme, Erschöpfung, Heißhunger oder Veränderungen im Zyklus. Was passiert, wenn Stress über längere Zeit anhält?

Fatme Bolhos: Chronischer Stress kann das Hormonsystem deutlich beeinflussen, weil der Körper dabei dauerhaft Stresshormone wie Cortisol ausschüttet. Kurzfristig ist das sinnvoll, um leistungsfähig zu bleiben. Wenn Stress jedoch über längere Zeit anhält, kann das andere Hormonsysteme stören, zum Beispiel Schlafhormone, Hungerregulation, Schilddrüsenfunktion oder den weiblichen Zyklus. Viele merken das dann durch Erschöpfung, Schlafprobleme oder Zyklusveränderungen.


Prävention und Alltag

Healthy Lady: Wenn Frauen ihren Zyklus besser verstehen oder regulieren möchten, wo würdest du aus biochemischer Sicht ansetzen?

Fatme Bolhos: Aus biochemischer Sicht würde ich zuerst bei den Grundlagen ansetzen. Schlaf, Ernährung, Stressmanagement und regelmäßige Bewegung beeinflussen viele Hormonsysteme direkt. Auch ein stabiler Blutzucker, ausreichend Energiezufuhr und Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle. Wenn Beschwerden stärker sind, sollte man zusätzlich medizinisch abklären, ob zum Beispiel die Schilddrüse, der Eisenstatus oder andere hormonelle Störungen beteiligt sind.

„Wenn Stress jedoch über längere Zeit anhält, kann das andere Hormonsysteme stören.“

Healthy Lady: Wenn es um Hormone geht, denken viele zuerst an Eierstöcke, Schilddrüse oder den Zyklus. Kaum jemand aber an die Leber. Welche Rolle spielt sie im Hormonstoffwechsel?

Fatme Bolhos: Die Leber spielt eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel und wird dabei oft unterschätzt. Sie hilft, Hormone umzubauen, zu aktivieren oder abzubauen, damit sie in einem gesunden Gleichgewicht bleiben. Außerdem produziert sie wichtige Transportproteine, an die Hormone im Blut gebunden werden. Wenn die Leberfunktion beeinträchtigt ist, kann sich das daher auch auf den Hormonhaushalt auswirken.


Healthy Lady: Wenn es um Hormone geht, kursieren viele Ernährungs-Empfehlungen. Welche Nährstoffe braucht der Körper tatsächlich, um hormonell im Gleichgewicht zu bleiben?

Fatme Bolhos: Ja, bestimmte Nährstoffe spielen für den Hormonhaushalt eine wichtige Rolle, weil Hormone nur dann optimal gebildet und reguliert werden können, wenn der Körper ausreichend versorgt ist. Besonders relevant sind Eiweiß, gesunde Fette, Magnesium, Zink, Eisen, Vitamin D und B-Vitamine. Auch ausreichend Energiezufuhr insgesamt ist wichtig, denn bei dauerhaftem Mangel kann der Körper hormonelle Prozesse herunterregulieren.


Hormone und Psyche

Healthy Lady: Viele Frauen erleben in der zweiten Zyklushälfte stärkere emotionale Schwankungen. Welche Rolle spielen dabei Progesteron und das Nervensystem?

Fatme Bolhos: In der zweiten Zyklushälfte steigt zunächst Progesteron an. Dieses Hormon wirkt im Gehirn unter anderem auf Systeme, die mit Ruhe, Stressverarbeitung und Stimmung zusammenhängen. Kurz vor der Periode fallen Progesteron und später auch Östrogen wieder ab. Auf diese Schwankungen reagiert das Nervensystem bei manchen sensibler, dadurch können Reizbarkeit, Traurigkeit oder innere Unruhe entstehen.

„Insulin wirkt nicht nur auf Zucker, sondern auch auf die Eierstöcke.“

Healthy Lady: Warum können hormonelle Veränderungen, z.B. beim Absetzen der Pille oder in der Perimenopause so starke Auswirkungen auf die Stimmung haben?

Fatme Bolhos: Hormone beeinflussen im Gehirn Systeme wie Serotonin, Dopamin und GABA, einen körpereigenen Botenstoff, der unter anderem beruhigend auf das Nervensystem wirkt. Diese Systeme sind wichtig für Stimmung, Motivation und emotionale Stabilität. Wenn sich Hormonspiegel plötzlich verändern, muss sich das Nervensystem erst anpassen. Deshalb können in Übergangsphasen Stimmungsschwankungen, Nervosität oder Erschöpfung auftreten.


Blutzucker und Heißhunger

Healthy Lady: Insulin wird meist mit Blutzucker oder Diabetes in Verbindung gebracht. Dass dieses Hormon aber auch Einfluss auf den weiblichen Zyklus haben kann, ist deutlich weniger bekannt. Welche Auswirkungen kann ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel langfristig auf den Körper haben?

Fatme Bolhos: Insulin wirkt nicht nur auf Zucker, sondern auch auf die Eierstöcke. Bei dauerhaft erhöhtem Insulin, etwa bei Insulinresistenz, kann die Produktion männlicher Hormone steigen und der Eisprung gestört werden. Das sieht man zum Beispiel häufig beim Polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS). Für Betroffene kann sich das unter anderem durch unregelmäßige Zyklen, ausbleibende Eisprünge, Hautveränderungen oder Schwierigkeiten beim Schwangerwerden bemerkbar machen. Deshalb spielt ein stabiler Blutzucker nicht nur für den Stoffwechsel, sondern auch für die hormonelle Gesundheit eine wichtige Rolle.

„Die Leber spielt eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel und wird dabei oft unterschätzt.“

Healthy Lady: Kurz vor der Periode scheint der Körper plötzlich nach Schokolade, Snacks oder mehr Energie zu verlangen. Welche hormonellen Veränderungen stecken dahinter und warum reagiert der Körper in dieser Phase oft anders?

Fatme Bolhos: Vor der Periode verändern sich Östrogen und Progesteron. Gleichzeitig steigt bei manchen der Energiebedarf leicht an, und das Belohnungssystem reagiert sensibler auf Zucker oder Fett. Dazu kommen Stimmungsschwankungen oder Müdigkeit. Dadurch entsteht oft stärkerer Appetit oder Heißhunger.


Wann es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen

Hormonelle Veränderungen gehören für viele Frauen zum Leben dazu. Beschwerden wie Erschöpfung, starke Stimmungsschwankungen, Zyklusveränderungen oder anhaltender Heißhunger sollten jedoch nicht dauerhaft ignoriert werden. Wer über längere Zeit Veränderungen bemerkt oder sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt, kann diese Symptome medizinisch abklären lassen. Erste Anlaufstellen sind meist die gynäkologische Praxis, je nach Beschwerden aber auch hausärztliche oder endokrinologische Fachpraxen. Dort können abhängig von Zyklusphase und Symptomen unter anderem Hormonwerte, Schilddrüse, Eisenstatus oder Stoffwechselmarker genauer untersucht werden. Denn je besser wir verstehen, was im Körper passiert, desto bewusster können wir mit den Signalen unseres Körpers umgehen.