Liwia Tokoda

Leidenschaftliche Journalistin ✨ Chefredakteurin eines Frauenmagazins 📝 TV-Redakteurin bei Deutschlands Top-Sendern 📺 Überglückliche Mama ❤️

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

Ein Video sorgt weltweit für Schlagzeilen. Es zeigt eine hochschwangere Frau, die ihr Kind in den Wellen des Pazifiks zur Welt bringt. Wenig später folgen Bilder einer zweiten Ozeangeburt in der Karibik. Medien von Australien bis Argentinien berichten über die außergewöhnlichen Aufnahmen, die 2022 Millionen Menschen erreichen. Die Bilder gehen um die Welt und mit ihnen eine Welle der Empörung.

Josy Cornelius (41, geb. Peukert), fünffache Mutter aus Deutschland, die heute mit ihrer Familie in Nicaragua lebt, wird zur Projektionsfläche unterschiedlichster Meinungen. Für die einen ist sie mutig. Für die anderen verantwortungslos. Kaum ein anderer Geburtsmoment wurde in den vergangenen Jahren so emotional diskutiert wie dieser.

Doch während sich Schlagzeilen und Meinungen überschlagen, bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Wer ist die Frau hinter diesen Bildern wirklich?

In diesem exklusiven Interview spricht Josy Cornelius über die Geschichte hinter den Bildern, den Preis der weltweiten Aufmerksamkeit, ihren Weg von der Intensivstation zur gefragten Expertin und den Umgang mit dem Vorwurf, Frauen zu gefährlichen Geburten zu animieren.


Im Rhythmus der Wellen: Die Geburt im Pazifik

Healthy Lady: Liebe Josy, viele kennen dich durch die spektakulären Bilder deiner Geburten im Ozean. Hast du damit gerechnet, dass du danach zu einer polarisierenden Figur wirst? Was macht es mit dir, wenn man dich ungefragt in diese Schublade steckt, die „verrĂĽckte Aussteigerin“, die ohne jegliche Vorbereitung ihr Kind allein im Pazifik gebärt?

Josy Cornelius: Nein, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Die Frage würde ja schon implizieren, dass ich irgendetwas berechnet hätte. Aber genau das war nie der Fall. Ich hatte damals einfach meinen Instagram-Account und habe unsere Geburt geteilt, um unser Glück und unsere Freude zu teilen. Es gab überhaupt nicht den Gedanken, dass das einmal solche globalen Ausmaße annehmen würde. Wenn ich das rückgängig machen könnte, würde ich es tun.

Ich empfinde mich selbst auch gar nicht als „polarisierende Figur“. Das ist eher etwas, was gesellschaftlich daraus gemacht wird. Und wenn man mich in diese Schublade steckt, als „verrückte Frau, die allein im Ozean gebärt“, dann steckt in dieser Beschreibung eine Aneinanderreihung von Fehlinformationen. Es wird medial oft so dargestellt, als wäre das eine völlig spontane, unüberlegte Aktion gewesen, was schlicht falsch ist. Vieles davon hat mit Vorurteilen und Projektionen zu tun. Ein Auswandererleben, Meergeburten, Reichweite, das triggert einfach sehr viel in den Menschen.

„Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.“


Healthy Lady: Du sagst, das Bild der unvorbereiteten Aussteigerin ist eine Fehlinformation. Wie sah die Realität aus? Wie gut warst du tatsächlich auf diesen Schritt vorbereitet und stimmt es, dass du anderen Frauen sogar eher von einer Ozeangeburt abrädst?

Josy Cornelius: Diese Pazifikgeburt war ĂĽber 40 Wochen lang vorbereitet und mit Vorbereitung meine ich wirklich Tag und Nacht. Ich glaube, viele können sich ĂĽberhaupt nicht vorstellen, was fĂĽr eine Mammutaufgabe das in jeder Hinsicht ist. Nicht nur emotional oder organisatorisch, sondern vor allem auch medizinisch. Man kann das nicht kleinreden. Es braucht unglaublich viel Wissen, um fĂĽr all die „Was wäre wenn“-Fälle vorbereitet zu sein.

Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal. Ich weiß, wie man reanimiert. Ich weiß, was in echten Notfällen zu tun ist und wie viel Zeit bei massiven Blutungen bleibt. Mein Mann war in all das involviert und ich habe ihn intensiv gebrieft. Er wusste genau, wie eine arterielle Blutung aussieht, was im Worst Case zu tun wäre und welche Handgriffe dann nötig sind. Wenn eine Frau eine Meergeburt möchte, dann ist das nichts, was man in der 36. Woche spontan entscheidet.

Deshalb irritiert mich auch bis heute, wenn Frauen denken, sie könnten das einfach nachmachen. Ich habe nie gesagt, dass irgendjemand einfach ins Meer gehen sollte. Im Gegenteil, ich würde jeder Frau immer wieder davon abraten, wenn sie keine Ahnung hat, worauf sie sich einlässt. Das wäre lebensgefährlich für Mutter und Kind. Es gibt strikte Voraussetzungen. Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.

ASMR im Selbsttest – Wie Pinselgeräusche mein Gedankenkarussell stoppten

Was du deinem Kind unbedingt beibringen solltest! 10 Regeln fĂĽr den Ernstfall

Adipositas ist keine Faulheit! Diese Hilfe kennen viele betroffene Frauen noch immer nicht

Streit im Urlaub. Warum Paare aneinandergeraten und was wirklich hilft

Wenn die Seele noch am Meer sitzt: Wie der Weg zurĂĽck in den Alltag leichter gelingt

FĂĽhrerschein in der Tasche, aber Angst am Steuer? So ĂĽberstehst du die erste Fahrt allein

Telefonphobie: Warum uns das Sprechen in Echtzeit so unruhig macht


Healthy Lady: Nimm uns mit in den Moment deiner Geburt im Ozean. Was hast du gefĂĽhlt? Wie war das fĂĽr dich?

Josy Cornelius: Diese Geburt war nicht einfach ein schöner Moment, der irgendwie vom Himmel gefallen ist. Sie war das Ergebnis einer extrem umfangreichen Vorbereitung.

Wir haben damals nur etwa zehn Minuten vom Meer entfernt gewohnt. Ich habe über zwölf Wochen hinweg Ebbe und Flut getrackt, und zwar mit einer App, sodass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit genau wusste, wie der Wasserstand ist. Dazu kamen Wetter, Strömung, Bedingungen vor Ort — all diese Faktoren spielen am Pazifik eine Rolle und dürfen nicht unterschätzt werden.

Zusätzlich war ich jeden Tag im Wasser. Schon ganz am Anfang der Schwangerschaft haben wir unglaublich viel Zeit damit verbracht, verschiedene Strände anzuschauen, Orte auszukundschaften, immer wieder zu prüfen, welche Ecke ist stimmig, welche nicht, was passt wirklich?

Dazu kam die Arbeit mit meinem Nervensystem, mit meinen eigenen Prägungen, mit allem, was ich aus meinem Leben mitgebracht habe. Und genau dadurch wurde das Meer für mich zu einem Safe Space, zu einem sicheren Ort. Es war wie Nachhausekommen.

Und genau da ist das Nervensystem der zentrale Punkt. Das fehlt in einer klassischen Geburtsvorbereitung fast komplett. Wenn das Nervensystem einer Frau nicht sicher ist, dann flieĂźt die Geburt nicht. Dann kann alles stocken, sich erschweren, blockieren. Das ist fĂĽr mich einer der wichtigsten SchlĂĽssel ĂĽberhaupt.

FĂĽr mich war diese Geburt also vor allem eines: ein Nachhausekommen. Sicherheit. Und deshalb ist Vorbereitung und Planung eben so unglaublich ausschlaggebend. Da war nichts dem Zufall ĂĽberlassen. Und genau deshalb konnte ich diesen Moment auch vollkommen genieĂźen und zelebrieren.

Es war einfach eine wundervolle Geburt. Und es ist ein Moment, der sich fĂĽr immer in unsere Herzen eingebrannt hat.

Im September 2023 bringt Josy kurz nach Mitternacht ihr fĂĽnftes Kind im Karibischen Meer vor Nicaragua zur Welt. FĂĽr die deutsche Auswanderin ist es bereits die zweite Geburt im Meer. (Foto: Josy Cornelius)


Healthy Lady: Nach dem Pazifik kam die Karibik. Wie lief die Planung fĂĽr deine zweite Ozeangeburt ab?

Josy Cornelius: Die zweite Meergeburt, meine Karibikgeburt, war über 70 Wochen vorbereitet. Ich habe im Grunde schon eine Woche nach der Pazifikgeburt angefangen, die nächste Geburt zu planen. Genau das ist für mich echte Geburtsvorbereitung. Nicht erst in der Schwangerschaft anzufangen, sondern schon viel früher.

Aber genau dadurch ist eben auch eine wirkliche Traumgeburt möglich. Eine Geburt, aus der du lebenslang schöpfen kannst, statt eine Geburt zu erleben, über die du verbittert bist.


Angst, Risiko und Verantwortung

Healthy Lady: Hattest du bei deinen eigenen freien Geburten oder bei den Geburten deiner Klientinnen Angst, dass etwas schiefgehen könnte?

Josy Cornelius: Um ehrlich zu sein, nein. Und das eben aus dem heraus, was ich schon gesagt habe, aus der Vorbereitung. Auch bei meinen Komplettbegleitungen ist vorher schon so viel Arbeit gelaufen und so viel Wissen geflossen. Wir gehen wirklich alles im Detail durch, sodass es dieses „Schieflaufen“ in dem Sinne für mich nicht gibt.

Natürlich kann eine Frau sich während der Geburt umentscheiden oder plötzlich etwas anderes wollen. Aber auch dabei geht es um die Frage, welche Ängste, Prägungen oder Unsicherheiten vorhanden sind. Angst ist für mich ein falscher Berater. Es geht darum, die eigenen Bedenken ehrlich anzuschauen und sich so viel Wissen anzueignen, dass daraus wirkliche Sicherheit entsteht.

Ich selbst hatte keine Ängste und keine Zweifel. Wenn eine starke Unsicherheit vorhanden ist, muss man sagen, dass eine solche Geburt nicht der richtige Weg ist.


Healthy Lady: Gab es bei den von dir begleiteten Geburten schwierige Situationen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Komplikationen auftreten?

Josy Cornelius: Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind. Das ist auch nicht das, was die Frauen bei mir suchen. Wir besprechen diese Dinge im Vorfeld sehr klar. Die Frauen, die zu mir kommen, handeln vollständig eigenverantwortlich.

Ich kommuniziere offen, dass ich weder Ärztin noch Hebamme bin. Wenn eine Frau einen ärztlichen Termin möchte, etwas medizinisch abklären lassen oder sich weitere Unterstützung holen möchte, ist das jederzeit ihre Entscheidung. Wir schauen uns Dinge gemeinsam an, wägen Möglichkeiten ab und besprechen Hintergründe. Am Ende entscheidet aber jede Frau selbst.

Auch in meinen Verträgen ist festgehalten, dass ich keine medizinische Verantwortung trage. Das ist als Mentorin weder meine Aufgabe noch meine Kompetenz.

„Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind.“


Von der Intensivstation zur Wassergeburtsexpertin: Der medizinische Hintergrund

Healthy Lady: Bist du eigentlich eine ausgebildete Hebamme oder Doula und wie unterscheidest du diese Rollen fĂĽr dich?

Josy Cornelius: Nein, ich bin keine ausgebildete Hebamme, und zum GlĂĽck auch nicht. Eine Doula ist kein geschĂĽtzter Begriff. Von der reinen Definition her ist eine Doula im Grunde einfach eine Frau, die einer anderen Frau dient und selbst Geburtserfahrung hat. Wenn man es ganz herunterbricht, könnte man sagen, eigentlich ist jede Mutter von dieser ursprĂĽnglichen Definition her auch eine Doula.

Viele wissen gar nicht, was das Label Hebamme in Deutschland eigentlich bedeutet. Eine Hebamme ist theoretisch nie ganz außer Dienst. Ich hatte das damals sehr konkret in meiner zweiten Schwangerschaft erlebt, weil eine meiner besten Freundinnen an der Charité war. Eine Hebamme dürfte eine freie Geburt gar nicht begleiten, weil sie immer eine Hinzuziehungspflicht hat. Das liegt an den deutschen Richtlinien und dem System, dem sie unterstellt sind. Wenn man einmal das Label Hebamme hat, kann man sich davon nach meinem Wissen nicht einfach wieder frei machen. Selbst Hebammen, die anders arbeiten möchten, bleiben an dieses enge Korsett gebunden. Und genau so möchte ich nicht arbeiten. Ein Schein oder ein Titel sagt nicht automatisch etwas darüber aus, wie gut jemand Frauen wirklich halten kann.

Josys Mann Benjamin mit Teilnehmenden eines Retreats am Lagerfeuer in Nicaragua. Die mehrtägigen Auszeiten für Rückzug, Austausch und persönliche Entwicklung gehören zum beruflichen Angebot des Paares. Dafür reisen Menschen aus aller Welt an. (Foto: Josy Cornelius)

Healthy Lady: Viele Medien stellen dich dar, als wĂĽrdest du einfach nur aus dem Bauch heraus agieren. Dabei hast du frĂĽher jahrelang im medizinischen Bereich gearbeitet. Was genau hast du dort gemacht und welche Qualifikationen bringst du mit?

Josy Cornelius: Ich komme sehr wohl aus einem medizinischen Kontext und war ĂĽber zehn Jahre im deutschen System tätig. Meine erste Ausbildung war zur Dentaltechnikerin. Dadurch habe ich schon sehr frĂĽh verstanden, wie eng Körperbereiche zusammenhängen, gerade das oft unterschätzte Zusammenspiel von Kiefer und Becken unter der Geburt. Danach habe ich in einer Medizintechnikfirma mit Schwerpunkt Kardiologie gearbeitet und parallel ehrenamtlich in einer Kinder und Jugendklinik mit dem Schwerpunkt Risiko und FrĂĽhgeburt. Dort habe ich sehr viel gesehen, von Geburtsfolgen ĂĽber FrĂĽhgeburtlichkeit bis hin zu schwersten körperlichen Zuständen bei Kindern.

Anschließend habe ich auf einer der größten Intensivstationen Deutschlands gearbeitet. Auch das hat meinen Blick extrem geprägt. Ich habe erlebt, wie Menschen sterben, wie Familien begleitet werden, wie reanimiert wird, wie Notfälle aussehen und was wirkliche Krisen bedeuten. Dieses Wissen sitzt tief.

Deshalb trifft es mich oft, wenn so getan wird, als sei ich einfach nur irgendeine, die aus dem Bauch heraus Dinge erzählt. Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal und habe danach viele Weiterbildungen gemacht, gerade im Bereich Trauma, Risikolabels und Wassergeburt. Ich habe sämtliche Fortbildungen von Cornelia Enning persönlich nach Nicaragua geholt und bin bei Barbara Harper international zertifizierte Wassergeburtsexpertin. Bereits 2009 habe ich meine allererste Geburt begleitet – das Thema begleitet mich also schon seit vielen Jahren. Mein Hintergrund ist fachlich, medizinisch und über viele Jahre gewachsen. Heute arbeite ich als freie Frauenmentorin, die Frauen ganzheitlich auf ihrem Weg stärkt.


Die Frau hinter den Schlagzeilen

Healthy Lady: Du wurdest zu einer Zielscheibe der Kritiker, man hat viel Negatives ĂĽber dich geschrieben. Hat dich ĂĽberhaupt mal einer gefragt, was wirklich dahintersteckt, was dich dazu bewegt hat?

Josy Cornelius: Nein. Es hat mich noch nie jemand wirklich zu meiner Person gefragt. Niemand war wirklich an mir als Mensch interessiert, am Wieso, Weshalb, Warum. Du bist die Erste und bisher auch die Einzige, die so auf mich zugekommen ist, sich wirklich mit mir auseinandersetzt und fragt: Josy, wie sieht es aus? Warum war das so? Was steckt dahinter?

Viele springen einfach in meinen Posteingang, wollen irgendetwas von mir und man merkt sofort, dass sie sich überhaupt nicht mit mir, meiner Geschichte oder meinem Weg beschäftigt haben. Und selbst wenn Menschen es wussten, wurde es oft einfach weggelassen oder zurechtgeschnitten.

Und dann stellt sich für mich immer die größere Frage. Wie kann man überhaupt die Geburt einer Frau kritisieren? Wer nimmt sich das Recht heraus über meinen Körper, meine Entscheidung, mein Kind, mein Sein zu urteilen? Allein das zeigt doch schon, wie absurd vieles daran ist.


Healthy Lady: Dir wird oft unterstellt, du wĂĽrdest deine Erfahrungen als den einzig wahren Weg darstellen. Siehst du dich selbst als eine Art Missionarin fĂĽr die freie Geburt?

Josy Cornelius: Ăśberhaupt nicht, genau das wird so oft falsch verstanden. Viele tun so, als wĂĽrde ich meine Erfahrungen hinstellen, als wären sie der einzige Weg. Das stimmt einfach nicht, das habe ich nie gesagt und nirgendwo geschrieben. FĂĽr mich gab es nie dieses eine „so musst du es machen“. Im Gegenteil. FĂĽr mich war schon immer klar, dass Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt möchten, genau dafĂĽr den richtigen Support bekommen sollten. Frauen, die im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause mit Hebamme gebären wollen, sollen dafĂĽr den richtigen Support bekommen. Und Frauen, die eine freie Geburt wollen, eben auch.

Ich habe erst vor Kurzem eine Frau begleitet, die nur stillen wollte, weil es von ihr erwartet wurde. Ich habe ihr gesagt, wenn du das nicht fühlst, dann musst du das nicht tun und dich vor niemandem rechtfertigen. Genau darum geht es doch, wertfrei zu schauen. Nicht besser oder schlechter, nicht richtig oder falsch. Wer bin ich denn, zu sagen, es gäbe nur diesen einen Weg? Es muss am Ende für die Frau passen.


Selbstbestimmung im KreiĂźsaal und der Wunsch nach Eigenverantwortung

Healthy Lady: Als Doula begleitest du andere Frauen. Was ist das häufigste Hindernis, das Frauen davon abhält, wirklich in ihre Kraft zu kommen?

Josy Cornelius: Frauen werden klein gehalten. Absichtlich. Weil das System nur so funktionieren kann. Es kann sich nur aufrechterhalten, wenn alle darin beteiligten Personen systemkonform funktionieren. Menschen lassen sich nur ĂĽber Angst kontrollieren. Und eine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, ist aus dieser Kontrolle heraus. Genau das ist das Problem und genau deshalb ist es von der Gesellschaft auch nicht gewĂĽnscht.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ganz klar erklären, dass allein gebären nicht bedeutet, dass die Frau physisch alleine sein muss. Es bedeutet schlicht, dass keine Hebamme anwesend ist, also keine außenstehende Person, die die medizinische Verantwortung für die Geburt trägt.

Ich bin keine Hebamme und ich bin auch nicht das, was viele in ein klassisches Label pressen wollen. Ich bin eine Doula im ursprünglichen Sinne, aber ich habe nicht einfach nur irgendeinen Schein, hinter dem man sich verstecken kann. Ich bin vor allem eine Frau für Frauen. Eine freie Mentorin, die Frauen auf ihrem Weg empowert. Und zwar genau die Frauen, die ihre Verantwortung selbst tragen können und das auch aus tiefstem Herzen wollen.

„Frauen werden klein gehalten. Absichtlich.“


Healthy Lady: Wie gut sind Frauen deiner Erfahrung nach vor einer Geburt über ihre Möglichkeiten und Abläufe informiert?

Josy Cornelius: Aus meiner Erfahrung kann ich ganz klar sagen überhaupt nicht gut genug. Alle Frauen, die mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt zu mir kommen, sagen früher oder später denselben Satz: „Das habe ich nicht gewusst. Darauf war ich nicht vorbereitet.“

Und das kann man auch in unzähligen Foren lesen. Viele Frauen sagen: Ja, ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, vielleicht in der Klinik oder bei einer Hebamme, aber auf das, was dann wirklich passiert ist, war ich nicht vorbereitet. Für mich hat so ein Standard-Klinikkurs mit echter Geburtsvorbereitung auch wenig zu tun. Das ist eher ein Kreißsaal-Briefing. Also: Wie hat eine Frau im Kreißsaal zu funktionieren? Wie läuft dort alles ab? Wie wird sie fast schon so vorbereitet, dass sie sich dem System möglichst gut fügt, damit der Ablauf für das Personal einfacher wird? Und ich glaube, viele Frauen würden dem zustimmen.


Healthy Lady: Wie wichtig ist die selbstbestimmte Geburt deiner Klientinnen und was wĂĽnschen sie sich oft, was sie im Krankenhaus nicht bekommen können?

Josy Cornelius: Klientinnen, die zu mir finden, wollen an sich gar keine Krankenhausgeburt. Sie haben meistens schon eine sehr klare Vorstellung von ihrem Wunschweg. Wobei ich dazusagen muss, dass ungefähr die Hälfte aller Frauen, die zu mir kommen, gar nicht schwanger sind. Da geht es oft um Kinderwunsch oder die Aufarbeitung von Traumata nach vergangenen Schwangerschaften.

Eine selbstbestimmte Geburt ist ja inzwischen fast schon so ein Label geworden. Jeder kommt heute mit diesem Begriff um die Ecke und dann wird einer Frau im Kreißsaal verkauft, sie dürfe selbstbestimmt gebären. Aber im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung, weil alles dort den Richtlinien, Protokollen und engen Zeitfenstern des medizinischen Systems untersteht.

Von echter Freiheit ist da oft nicht viel übrig. Aber auch im Geburtshaus oder bei einer klassischen Hausgeburt bestehen enge Rahmen. Überall dort, wo eine Hebamme involviert ist, trägt sie am Ende die Verantwortung und unterliegt den gesetzlichen Systemvorgaben.

Frauen, die zu mir finden, wollen die volle Eigenverantwortung. Sie wollen alles selbst in der Hand haben.


Die Grabenkriege unter MĂĽttern

Healthy Lady: Wir beobachten heutzutage leider viel zu oft eine Art Grabenkrieg unter MĂĽttern. Klinik gegen Hausgeburt, Kaiserschnitt gegen natĂĽrliche Geburt. Warum neigen manche Frauen so stark dazu, den Weg einer anderen zu verurteilen?

Josy Cornelius: Woher dieses Shaming, Bashing und Bewerten kommt, sind aus meiner Erfahrung heraus fast immer Trigger, Wunden und ungelöste Themen der Frauen selbst. Das sieht man ja auch in den Kommentaren. Wenn Frauen gegen eine freie Geburt oder eine Alleingeburt argumentieren, ist die nächste Frage oft, wie denn ihre eigene Geburtserfahrung war. Und wenn man ehrlich hinschaut, ist die Antwort sehr oft schrecklich. Ganz runtergebrochen. Es gibt keine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, die sie sich so gewĂĽnscht hat, und die dann aus dieser Erfahrung heraus andere Frauen dafĂĽr bashen wĂĽrde.

Diese Härte kommt fast immer von Frauen, die selbst eine schmerzhafte oder bittere Erfahrung gemacht haben, die dadurch getriggert sind und nicht wirklich in die eigene Reflexion gehen wollen. Frauen, die den eigenen Schmerz nicht anschauen wollen und ihn stattdessen anderen überstülpen.

Dass das heute so massiv ist, hat für mich schon auch mit Social Media und der Anonymität des Internets zu tun. Menschen können ihre Unzufriedenheit und ihren ungefilterten inneren Müll jederzeit von ihrem Smartphone aus abladen. Das alles passiert oft unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit, hat aber mit Respekt nichts zu tun. Es sagt immer viel mehr über den inneren Zustand derjenigen Person aus, die schreibt, als über die Frau, die bewertet wird.


Eine stille Geburt am Telefon und lebensverändernde Räume

Healthy Lady: Gibt es eine besondere Geburt, die dir im Kopf geblieben ist und die ganz anders war als die anderen?

Josy Cornelius: Jede Geburt ist individuell, speziell und in ihrem gesamten Verlauf einzigartig. Aber es gibt fĂĽr mich eine ganz besondere, sehr intensive Erfahrung. Ich habe einmal eine Frau bei zwei stillen Geburten begleitet. Die stille Geburt ihres letzten Babys fand tatsächlich einen Tag vor meiner eigenen letzten Geburt statt. Das heiĂźt, ich habe einen Tag vor der Geburt meines Karibik-Babys live am Telefon eine stille Geburt begleitet. Das war eine enorme Herausforderung. Später hat mich dieselbe Frau fĂĽr eine weitere Geburt sogar einfliegen lassen und sie durfte nach den zwei schmerzhaften Verlusten genau die Geburt erleben, die sie sich so sehr gewĂĽnscht hatte, eine Wassergeburt zu Hause.

Oder eine andere Mama, die eigentlich mit einem ganz anderen Thema zu mir kam und überhaupt keine Alleingeburt auf dem Schirm hatte. Nach siebzehn Sessions hat sie ihr Kind allein zu Hause in der Badewanne mit ihrem Mann bekommen. Da entstehen Verbindungen zu den Familien, die wirklich lebensverändernd sind.

Ein lang ersehnter Moment in Italien. An der Seite von Josy Cornelius heiĂźt die Mutter nach zwei stillen Geburten ihr Baby willkommen.
(Foto: Josy Cornelius)

Wie planbar ist eine Geburt?

Healthy Lady: Du betonst oft, dass eine Geburt, genau wie eine Hochzeit, geplant werden kann und sollte. Viele Kritiker sagen, eine Geburt sei „unberechenbar“. Warum ist Planung fĂĽr dich kein Kontrollwahn, sondern die Basis fĂĽr eine schöne Geburt?

Josy Cornelius: Geburt sei „unberechenbar“. Das stimmt so einfach nicht. Und medizinisches Fachpersonal weiĂź das eigentlich auch.

Es gibt in keiner Klinik, auf keiner Station, auch nicht auf Intensivstationen, Dinge, die einfach aus dem Nichts ohne Zusammenhang passieren. Es gibt immer eine Ursache, einen Verlauf, eine Reaktionskette. Und auch unter Geburt ist das so. Mutter und Kind fallen nicht auf Knopfdruck tot um, um das einmal ganz salopp herunterzubrechen. Es gibt immer einen Reaktionszeitraum. Es gibt immer Vorgeschichte, Zeichen, Zusammenhänge.

Jede Intervention zieht eine Auswirkung nach sich. Wenn ich zum Beispiel an Geburten denke, die ich zuletzt gesehen oder begleitet habe, dann sieht man ganz oft genau das: Vorher wurde manipuliert, eingeleitet, mit Rizinuscocktail gearbeitet oder mit anderen Maßnahmen. Und dann wundert man sich hinterher über grünes Fruchtwasser, auffällige Herztöne, eine Interventionskaskade oder darüber, dass man aus bestimmten Dingen nicht mehr herauskommt. Aber das ist nicht unberechenbar. Das ist eine Reaktion auf etwas, was vorher stattgefunden hat.

Alles, was unter Geburt passiert, hat Auswirkungen auf den gesamten Geburtsraum, auf Mutter, Kind, Hormone, Nervensystem, Verlauf. Jede noch so kleine Intervention hat eine Auswirkung. Und das muss man wissen.

Und genau deshalb ist Planung fĂĽr mich kein Kontrollwahn, sondern FĂĽrsorge und VerantwortungsĂĽbernahme. Denn wenn ich weiĂź, welche Faktoren eine Geburt beeinflussen, welche Entscheidungen welche Auswirkungen haben und wie ein Geburtsraum wirklich funktioniert, dann ist Planung das, was ĂĽberhaupt erst Sicherheit schafft.

Und Sicherheit ist fĂĽr Geburt die Basis. Nicht Kontrolle im Sinne von Zwang, sondern Sicherheit im Nervensystem, Sicherheit im Wissen, Sicherheit im Raum.

„Im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung.“


Healthy Lady: Würdest du schwangeren Frauen empfehlen, sich allein auf den Weg zu machen und ohne professionelle Begleitung im Meer oder an einem anderen abgelegenen Ort zu gebären?

Josy Cornelius: Natürlich nicht. Niemals. Ich kann davon nur klar und ausdrücklich abraten. Wer nicht bis ins kleinste Detail weiß, worauf er sich einlässt, sollte das auf keinen Fall tun.

Auch eine Wassergeburt ist nicht einfach ein Entspannungsbad. Temperatur, Wassertiefe, Zeitpunkt, Umgebung und viele weitere Faktoren können eine wichtige Rolle spielen. Wenn das notwendige Wissen fehlt, können dadurch zusätzliche Komplikationen entstehen.

Jede Frau sollte sich die Begleitung suchen, die wirklich zu ihrem gewĂĽnschten Geburtsweg passt und ĂĽber entsprechende Erfahrung und Kompetenz verfĂĽgt.


Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen von Josy Cornelius geben ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen wieder. Sie ersetzen keine medizinische Beratung. Freie Geburten und Geburten im offenen Meer können mit erheblichen Risiken für Mutter und Kind verbunden sein. Schwangere sollten ihre individuelle Situation mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal besprechen.

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

Neun Monate. So viel Zeit gibt die Natur dem Körper und der Seele einer Frau, um langsam in die Mutterrolle hineinzuwachsen. Paulina (23) blieben davon nicht einmal viereinhalb. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde sie mitten im fünften Monat von einer Realität überrascht, mit der sie niemals gerechnet hatte.

Die Diagnose: 20. Schwangerschaftswoche. Von einer Sekunde auf die andere gerät Paulinas gesamter Lebensentwurf ins Wanken. Sie verhütete mit der Pille, wollte keine Kinder und hatte vom Frauenarzt mehrfach gehört, sie sei unfruchtbar. Dass die Schwangerschaft trotz mehrerer Termine lange unentdeckt blieb, stellt ihr Leben auf den Kopf. Paulina wählt zunächst den Weg der Adoption. Doch nach der Geburt nimmt ihre Geschichte eine unerwartete Wendung.

Ein Exklusivinterview ĂĽber Kontrollverlust, eine folgenschwere Entscheidung und die bedingungslose Liebe zu ihrer Tochter Lilly (Name von der Redaktion geändert).


Von Null auf Mutter: Der Tag, an dem sich alles veränderte

Healthy Lady: Liebe Paulina, du warst laut eigener Aussage mehrmals bei deinem damaligen Frauenarzt, doch die Schwangerschaft blieb lange unentdeckt. Mit welchen Beschwerden bist du zu ihm gegangen und wie liefen diese Termine ab?

Paulina: Ich bin kurz vor Beginn der Schwangerschaft umgezogen und war einfach zu faul, die dreiviertelstündige Fahrt zu meiner eigentlichen Frauenärztin auf mich zu nehmen. Da ich ohnehin oft mit Zysten und Entzündungen am Eierstock zu kämpfen hatte, waren Blutungen für mich nicht untypisch.

Ich bin insgesamt viermal mit einem generellen Unwohlsein und Schmerzen im Unterleib zu ihm gegangen. Bei diesen Terminen wurde jeweils Ultraschall gemacht, aber anscheinend wurde nichts gesehen außer der Zyste, die tatsächlich da war. Weitere klassische Schwangerschaftsanzeichen hatte ich überhaupt nicht.

Mir war morgens nicht schlecht, meine Brüste taten nicht weh, und ich hatte keine körperlichen Veränderungen. Mir ging es grundsätzlich gut, ich hatte super viel Energie, und auch mental ging es mir gut.

Trotzdem hat der Arzt meine Beschwerden nicht ernst genommen. Seine Haltung war fĂĽr mich am Ende sinngemäß, ich solle froh sein, noch zu leben. Nun sei ich eben schwanger und werde Mutter. Aber in diesem Moment wusste ich nicht einmal, ob ich da nicht lieber gestorben wäre, denn fĂĽr mich war das massiv ĂĽberfordernd.

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

Nuklearmedizinerin erklärt: Was Frauen über die Schilddrüse, Kinderwunsch und Radioaktivität wissen sollten

Zuhause am Nil: Warum viele Europäerinnen ihr Glück in Ägypten finden – Buchautorin Aleksandra Helail im Interview


Healthy Lady: Eine Woche später stellt deine frühere Gynäkologin fest, dass du bereits in der 20. Schwangerschaftswoche bist. Was ging in dir vor, als du plötzlich auf den Ultraschall-Bildschirm geschaut hast?

Paulina: Die Diagnose war ein riesiger Schock. Da ich regelmäßig Blutungen hatte, sind wir alle davon ausgegangen, dass ich ganz am Anfang stehe. Als wir dann den vaginalen Ultraschall gemacht haben und ich auf den Bildschirm schaute, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. Mir war sofort klar: Nein, das ist keine achte Woche, wie wir dachten. Ich bin viel weiter. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Ich wusste nicht, was ich tun soll, musste erst einmal atmen und konnte gar nicht mehr von dem Stuhl aufstehen. Wir haben an dem Tag auch keinen Mutterpass mehr erstellt, sondern ich durfte einfach nach Hause gehen.

Ich habe zwei bis drei Wochen gebraucht, um die Situation ĂĽberhaupt zu realisieren. Wenn dann Kommentare kommen wie: â€žDu hättest doch in den Niederlanden abtreiben können“, kann ich nur sagen: Nein. Ich hatte dafĂĽr nicht einmal die nötige Bedenkzeit, ich konnte gar nicht so schnell denken. Ich wusste nur, ich möchte das nicht. Ich war so massiv ĂĽberfordert, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Dazu kam das GefĂĽhl, komplett inkompetent zu sein, weil das passiert ist und ich es nicht gemerkt hatte. Ich hatte keinerlei Kindsbewegungen gespĂĽrt und man hat optisch nichts gesehen, wobei ich zu dem Zeitpunkt auch eher eine rundlichere Figur hatte. Das war unglaublich hart.

„Als wir den Ultraschall machten, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen.“


Healthy Lady: Normalerweise bekommen Frauen viel mehr Zeit, sich auf ein Kind einzustellen. Dir blieben nur etwa viereinhalb Monate bis zur Entbindung. Wie hast du diese Zeit zwischen Schock, Schwangerschaft und der nahenden Geburt erlebt?

Paulina: Nach der Diagnose hatte ich erst einmal ganz klar das GefĂĽhl: Es muss weg. Ich werde keine Mutter, ich kann das nicht, ich möchte das nicht. Dieses â€žIch will das nicht“ hat damals einfach alles ĂĽbertönt.

Wir hatten in dieser Zeit verschiedene Phasen. Der Anfang bis zu dem Punkt, an dem wir uns aktiv für die Adoption entschieden haben, war ein hässliches, erdrückendes Gefühl. Direkt nach dieser Entscheidung ging es mir zwar nicht gut, aber irgendwie doch etwas besser, weil ich gemerkt habe, ich muss das nicht machen, wenn ich mich absolut nicht bereit dazu fühle.

Trotzdem war die Zeit durchgehend schlimm. Bei Terminen wie etwa der Feindiagnostik wusste ich nie, ob mich das medizinische Personal wieder verurteilen wĂĽrde. Ich wurde mehrfach fĂĽr unbelehrbar erklärt, weil ich bis zum achten Monat regelmäßige Blutungen hatte, die immer zum gleichen Zeitpunkt auftraten. Jedes Mal wurde ich ungläubig angeschaut nach dem Motto: â€žDas kann gar nicht sein, Sie irren sich.“ Aber das stimmte eben doch.

Erst die Schwangerschaftsberatung veränderte langsam meinen Blick auf die Situation. Dort wurden mir verschiedene Hilfsangebote gezeigt, und man machte mir Mut, dass ich es auch allein schaffen und mit meinem Studium vereinbaren könnte.

In dieser Phase ging es mir trotzdem überhaupt nicht gut. Ich hatte stark mit Suizidgedanken zu kämpfen und würde meine damalige Verfassung definitiv als depressiv beschreiben. Ich war einfach nicht bereit und habe mich zutiefst geschämt, anderen von der Schwangerschaft zu erzählen.

Hilfe bei Suizidgedanken:
Solltest du befürchten, dir unmittelbar etwas anzutun, wähle den Notruf 112 oder gehe in die nächste psychiatrische Notaufnahme. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym unter 0800 1110111, 0800 1110222 und 116 123 erreichbar. Das Hilfetelefon Schwangere in Not bietet unter 0800 4040020 kostenfreie, anonyme und vertrauliche Beratung.

Paulina wünscht sich, den Alltag mit Lilly künftig weitgehend selbstständig zu gestalten und nur noch gelegentlich Unterstützung anzunehmen. (Bild: Paulina/privat)

Als die Entscheidung im Krankenhaus ins Wanken geriet

Healthy Lady: Wann kam der Entschluss, Lilly zur Adoption freizugeben? Was hat dir damals das Gefühl gegeben, dass dieser Schritt der richtige sein könnte?

Paulina: Der Gedanke an eine Adoption war im Grunde direkt da, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte. Um das zu verdeutlichen: Zwei Wochen, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte, war eigentlich mein Vorgespräch für eine Sterilisation geplant. Das zeigt, wie tief der Wunsch, keine Mutter zu werden, in mir verankert war.

Rein materiell hätten wir es definitiv geschafft, ein Kind zu versorgen. Wir sind sehr strukturierte und liebevolle Menschen. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn man als Familie mal eine Zeit lang nur Brot zum Abendessen isst, weil finanziell gerade nicht mehr drin ist. Aber mir ging es um die emotionale Ebene. Ich wollte für meine Tochter stabil sein, und das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt absolut nicht vorstellen.

Als wir schlieĂźlich die potenziellen Adoptiveltern kennengelernt haben, hat es sofort gepasst. Es waren wunderbare Menschen und ich habe gespĂĽrt, das sind die Richtigen. Ab diesem Moment war die Entscheidung fĂĽr mich besiegelt.

Dabei habe ich von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe für meine Tochter empfunden. Aber damals hatte ich das tief sitzende Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht richtig vermitteln kann, dass ich emotional nicht bereit für diese Aufgabe bin und diesen Weg nicht gehen möchte.

„Ich habe von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe empfunden. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht vermitteln kann. Ich wollte keine Mutter sein.“


Healthy Lady: Im Herbst kam deine Tochter zur Welt. Die Geburt selbst lief dank der Hebammen gut, doch die anschlieĂźenden Tage auf der Station beschreibst du als extrem belastend. Was genau ist dort vorgefallen?

Paulina: Die Geburt an sich lief – abgesehen davon, dass ewig nichts passierte und ich starke Schmerzen hatte – wirklich gut. Die beiden Hebammen waren wunderbar und haben mir sehr beigestanden.

Der Druck fing an, als ich auf die Station gebracht wurde. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, meine Tochter mit aufs Zimmer zu nehmen und sie auch anzulegen, weil mir das sehr wichtig war. NatĂĽrlich musste ich dabei weinen. Die Situation war nach all den Stunden und den Strapazen extrem nervenaufreibend. Und dann sagte eine Schwester: â€žWir können das hier auf Station alle nicht verstehen, warum ein junges Paar ihr Kind weggeben will.“ Da dachte ich mir nur, soll ich erst 50 sein, damit es in den Augen anderer akzeptabel ist? Man sollte sich vielleicht eher fragen, warum Paare diesen Schritt gehen, statt sie zu verteufeln. Viele wollen keine Kinder bekommen und das liegt oft nicht daran, dass sie ungeeignet wären, sondern an den Rahmenbedingungen.

Dann wurde eine Psychologin geholt. Ich hatte den Eindruck, dass man hoffte, ich würde etwas sagen, woran man ansetzen könnte. Aber sie hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich saß gefühlt 90 Minuten weinend mit meiner Tochter im Arm. Mir wurde mehrfach unterstellt, ich hätte von Anfang an von der Schwangerschaft gewusst und sie nur nicht beenden wollen. In diesem Moment war ich so überrumpelt, dass mir die Worte fehlten. Zum Ende hin riet sie mir zwar nicht direkt zum Behalten, meinte aber, sie würde an meiner Stelle jetzt gar keine Entscheidung treffen.

Selbst eine Reinigungskraft kam in mein Zimmer und sagte, ich wĂĽrde es bereuen, wenn ich meine Tochter nicht behielte. Sie sei doch so ein liebes Kind.

Einen geschützten Raum hatte ich dort also nicht. Man kann dort nicht weg, ist ständig vom Personal oder der Familie umgeben und das Ganze war unglaublich zermürbend. Auch das Jugendamt kam immer wieder herein. Ich verstehe, dass das dazugehört, aber die Bedingungen waren extrem belastend. Unser Adoptionsvermittler meinte später, dass es in Krankenhäusern anderer Landkreise ganz anders abläuft und dort niemand reinredet.

Besonders schlimm fand ich, wie sehr meine Mama in dieser Zeit mitgelitten hat. Ihr gegenüber behauptete das Personal, es sei gar nicht meine eigene Entscheidung gewesen, sondern die meines Partners. Dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal gesehen, beim ersten Ultraschall. Er war damals völlig überfordert und unendlich traurig. Trotzdem war und blieb es allein meine Entscheidung.


Healthy Lady: An welchem Punkt hast du die geplante Adoption gestoppt? War die Entscheidung, Lilly zu behalten, rĂĽckblickend wirklich deine eigene?

Paulina: Dieser Schritt und vor allem das Absagen waren mir extrem unangenehm. Ich habe das schlieĂźlich per E-Mail an unseren Adoptionsvermittler geregelt, weil ich in diesem Moment einfach nicht telefonieren konnte. Das passierte, glaube ich, einen Tag nach der Geburt.

Die vorgesehenen Adoptiveltern hatten uns von Anfang an gesagt, dass sie erst etwas vorbereiten, wenn das Baby tatsächlich bei ihnen zu Hause ist. Das hatte den großen Vorteil, dass sie mir keinen Druck machten. Mein Albtraum wäre es gewesen, wenn mir die beiden nach der Geburt in die Arme gesprungen wären und sich dafür bedankt hätten, dass sie durch mich ein Kind bekommen.

Ob die Entscheidung wirklich meine eigene war? Emotional gesehen ja, rational gesehen vermutlich eher nicht.

Als wir uns schließlich entschieden, Lilly zu behalten, passierte etwas Seltsames. Plötzlich waren genau die Pflegekräfte, die zuvor so herablassend mit mir gesprochen hatten, extrem lieb, haben sich gefreut und sogar geweint. Da dachte ich mir nur: Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte, und im nächsten Moment seid ihr plötzlich so zugewandt.

Die Ängste aus dem Krankenhaus sind auch jetzt, fast ein Jahr nach der Geburt, immer noch da. Die ganze Schwangerschaft über habe ich es geschafft, rein rational zu entscheiden, aber in diesem Moment haben mich meine Gefühle und Hormone komplett überrannt. Vielleicht war es rückblickend unklug, sie mit aufs Zimmer zu nehmen. Aber ich wollte das unbedingt. Ich wollte mir selbst die Chance geben, sie kennenzulernen, schließlich hatte ich ja erst seit viereinhalb Monaten von ihr gewusst.


Das Leben heute, Vorurteile & der Blick nach vorn

Healthy Lady: Du liebst Lilly ĂĽber alles und gleichzeitig trauerst du dem Lebensentwurf nach, der dir genommen wurde. Wie schafft man es, mit diesen zwei Wahrheiten zu leben?

Paulina: Ich bin einfach nur froh, dass ich mit diesen beiden Wahrheiten überhaupt leben kann. Schon während der Schwangerschaft dachte ich oft, dass es viel einfacher wäre, mich umzubringen, weil ich nicht wusste, wie ich diese Situation und dieses Problem lösen soll. Dieses Gefühl war auch nach der Geburt noch da. Umso stolzer bin ich heute im Rückblick auf mich, dass ich es bis hierher geschafft habe.

Ich bereue es nicht, Mutter geworden zu sein. Auch wenn ich diese Entscheidung anfangs gar nicht aktiv getroffen habe. Natürlich habe ich immer noch viele Ängste. Aber wenn ich in dieses kleine, süße Gesicht gucke, sind sie wie weggeblasen. Wenn sie mich anlacht und ich diesen kleinen Zahn dort glitzern sehe, ist die Angst im selben Moment verschwunden.

„Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte.“


Healthy Lady: Deine Tochter lebt aktuell bei der Oma (Mutter ihres Vaters), was eine sehr schwere Entscheidung war. Wie kam es dazu und wie gehst du mit dem Unverständnis um, das dir dafür oft entgegenschlägt?

Paulina: Dass Lilly aktuell bei der Mutter ihres Vaters lebt, war eine Notfallentscheidung, die Hals über Kopf getroffen werden musste. Es war die beste und sicherste Lösung, um überhaupt erst einmal für mich selbst klarzukommen. Ich konnte einfach nicht mehr. Diese Phase war das Heftigste und Schlimmste, was ich jemals empfunden habe. Ich bin unglaublich dankbar für diesen Ausweg, vor allem, weil mir nie das Gefühl gegeben wurde, jeden Tag auf Biegen und Brechen Dankbarkeit zeigen zu müssen. Es funktioniert, weil wir uns eng absprechen und offen austauschen. Mein ganz klarer Wunsch ist es aber natürlich, dass sie in naher Zukunft fest bei uns lebt.

Da ich meinen Weg von Anfang an öffentlich geteilt habe, bin ich mittlerweile abgehärtet. Im Netz nimmt mich das nicht mehr mit, das geht komplett an mir vorbei. Im echten Leben ist es manchmal noch etwas anderes, aber selbst da ist es mir inzwischen größtenteils egal.

In der Familie waren am Ende alle sehr froh darĂĽber, wie sich die Situation entwickelt hatte. Ich glaube, jeder ist im Nachhinein sehr dankbar, dass Lilly bei uns geblieben ist. Sie wird von jeder Seite zutiefst geliebt.


Healthy Lady: Wie sieht euer gemeinsamer Alltag im Moment aus? Welche Schritte fehlen noch, damit Lilly fest bei dir einziehen kann?

Paulina: Im Alltag versuche ich, relativ früh dazuzustoßen und so spät wie möglich wieder zu gehen. Ich spiele mit ihr, füttere und wickele sie, nehme gemeinsam mit ihr Arzttermine wahr oder wir gehen einfach zusammen mit den Hunden spazieren. Ich darf ihr tagtäglich bei ihrer Entwicklung zusehen, bekomme aber gleichzeitig den nötigen Freiraum. Wenn ich an einem Tag merke, dass es gerade einfach nicht geht, kann ich das offen ansprechen. Man gibt mir den Raum, Dinge so zu machen, wie ich sie brauche. Wir stimmen uns eng darüber ab, was wir für richtig halten und was wir uns gegenseitig wünschen.

Die Schritte, die ich jetzt noch gehen muss, bestehen vor allem darin, weiterhin in Therapie zu bleiben, um das Erlebte StĂĽck fĂĽr StĂĽck zu verarbeiten. Ich mache Lilly keinesfalls dafĂĽr verantwortlich, ich weiĂź genau, dass sie die Letzte ist, die etwas fĂĽr all das kann. Und trotzdem verbindet man unweigerlich bestimmte GefĂĽhle damit.

Für mich gab es Momente, in denen es sich schrecklich anfühlte, meine Tochter auf dem Schoß sitzen zu haben und gleichzeitig darüber nachdenken zu müssen, was mir widerfahren ist, um dann wieder in diesen Gedanken zu versinken. Zum Glück kommt das heute kaum noch vor. Am Anfang war es jedoch so schlimm, dass diese vorübergehende Lösung notwendig wurde.

Um den Schritt zu gehen, dass sie voll und ganz zu mir zieht, brauche ich vor allem mehr Festigkeit im eigenen Leben. Ich muss mein Studium beginnen und erst einmal abschätzen können, wie viel Zeit all diese Verpflichtungen in Anspruch nehmen.

„Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, durchzuhalten. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.“


Ein persönlicher Wunsch und Aufruf

Healthy Lady: Welche Botschaft möchtest du anderen Frauen aus deiner Erfahrung mitgeben?

Paulina: Wenn ich eines aus dieser ganzen Erfahrung mitgeben möchte, dann ist es der Wunsch nach echten Ansprechstellen und Hilfe für jede Frau, die in einer solchen Situation steckt. Ich kann jeder nur ans Herz legen, die Schwangerschaftsberatung zu nutzen, sich zu trauen, für sich selbst einzustehen, und sich von der Meinung anderer komplett frei zu machen. Es ist dein Körper und dein Leben, über das hier entschieden wird.

Was wir dringend brauchen, ist mehr Verständnis dafür, dass eben nicht jede Schwangerschaft gewollt ist und nicht jede so ausgeht, wie man es sich vielleicht gewünscht hat. Generell wünsche ich mir mehr Offenheit und Akzeptanz für unterschiedliche Lebensentwürfe. Nicht nur bezogen auf das Thema Schwangerschaft, sondern ganz grundsätzlich im Leben.


Healthy Lady: Wenn Lilly eines Tages alt genug ist, um eure Geschichte zu verstehen, was ist das Wichtigste, das sie ĂĽber ihr Ankommen auf dieser Welt und deine Liebe zu ihr wissen soll?

Paulina: Was ich ihr auf jeden Fall sagen möchte, ist, dass ich unendlich froh bin, dass sie in mein Leben gekommen ist. Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, weiterzumachen, durchzuhalten und für sie da zu sein. Ich liebe sie von ganzem Herzen und bin einfach nur dankbar, dass sie meine Tochter ist. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.

Redaktioneller Hinweis:
Alle Schilderungen geben Paulinas persönliche Erinnerung und ihre subjektive Wahrnehmung der Ereignisse wieder. Die beteiligten medizinischen Fachkräfte und Einrichtungen werden nicht namentlich genannt. Identifizierende Angaben zu ihnen sowie sämtliche Ortsangaben wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte entfernt. Der Name der Tochter wurde geändert.

ASMR im Selbsttest – Wie Pinselgeräusche mein Gedankenkarussell stoppten

Eine Frau streicht mit einem Make up Pinsel über ein Mikrofon. Dann nimmt sie einen Frisierkopf und fährt langsam mit den Fingern durch das Haar. Eigentlich passiert nichts. Trotzdem kann ich nicht wegsehen. Nach wenigen Minuten wird es still in meinem Kopf. Eine Stunde später lege ich das Handy beiseite und schlafe sofort ein. Was hatte ich da gerade entdeckt?

Es war ein ASMR Live auf TikTok. Am nächsten Abend suchte ich erneut danach. Die Wirkung kam zurück. Ich wurde ruhig, fühlte mich geborgen und schlief ungewöhnlich schnell ein. Also wollte ich wissen, ob das Zufall war. Sieben Tage lang sah ich mir jeden Abend ASMR Videos an.


Was ASMR eigentlich ist

ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Gemeint ist eine angenehme Reaktion auf bestimmte Geräusche und Bewegungen. Typische Auslöser sind Flüstern, leises Klopfen, Pinselgeräusche, langsame Handbewegungen und das Bürsten von Haaren.

Viele Menschen beschreiben ein Kribbeln, das am Kopf beginnt und sich über Nacken und Rücken ausbreitet. Manche empfinden daneben vor allem Ruhe oder Schläfrigkeit. ASMR ist keine anerkannte medizinische Therapie.

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

ASMR im Selbsttest – Wie Pinselgeräusche mein Gedankenkarussell stoppten

Was du deinem Kind unbedingt beibringen solltest! 10 Regeln fĂĽr den Ernstfall


Warum uns die Videos beruhigen können

Was dabei genau im Gehirn geschieht, ist noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich wirken mehrere Dinge zusammen. Leise Geräusche, gleichmäßige Wiederholungen und langsame Bewegungen lenken die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Moment.

Viele Videos vermitteln außerdem den Eindruck, dass sich jemand ruhig und aufmerksam kümmert. Forschende vermuten, dass diese nachgeahmte Nähe zur Entspannung beitragen kann. Bewiesen ist diese Erklärung bislang nicht.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2018 zeigte jedoch messbare körperliche Reaktionen. Bei Menschen, die ASMR empfanden, sank während der Videos die Herzfrequenz. Gleichzeitig stieg die Hautleitfähigkeit. Die Forschenden beschreiben ASMR deshalb als beruhigende und zugleich aktivierende Erfahrung. Studie von Poerio und ihrem Team


Was die Forschung bisher zeigt

Eine weitere Untersuchung mit 1037 Erwachsenen ergab direkt nach einem ASMR Video eine bessere Stimmung und mehr Entspannung. Zu den Teilnehmenden gehörten auch Menschen mit depressiven Beschwerden oder Schlafproblemen.

Das Ergebnis zeigt einen kurzfristigen Effekt nach einem einzigen Video. Es beweist nicht, dass ASMR Depressionen oder Schlafstörungen behandeln kann oder die Wirkung ĂĽber längere Zeit anhält. Studie von Smejka und Wiggs

Hinzu kommt, dass nicht jeder Mensch auf ASMR anspricht. Eine deutsche Untersuchung zeigte, dass vor allem sogenannte ASMR Responder von mehr Entspannung und positiven GefĂĽhlen berichteten. Andere Teilnehmende empfanden Videos von Spaziergängen teilweise als angenehmer. Studie der Ruhr Universität Bochum


Gibt es Risiken?

Die Forschung zu möglichen Risiken ist bislang begrenzt. Verlässliche Langzeitdaten fehlen.

Einige Geräusche können Unbehagen, Ekel oder Stress auslösen. Treten solche Reaktionen regelmäßig und sehr stark auf, kann eine Misophonie dahinterstecken. Eine Untersuchung fand entsprechende Beschwerden häufiger bei Menschen, die ASMR erleben. Sie beweist jedoch nicht, dass ASMR eine Misophonie verursacht. Untersuchung zu ASMR und Misophonie

Auch die Müdigkeit sollte nicht unterschätzt werden. ASMR eignet sich nicht beim Autofahren oder vor Aufgaben, die volle Konzentration verlangen. Wer die Videos im Bett ansieht, kann die Bildschirmhelligkeit reduzieren und einen Timer einstellen. So wird aus einer kurzen Entspannung nicht unbemerkt eine weitere Stunde am Handy.


Meine Erfahrung nach sieben Tagen

Die Videos machten mich jeden Abend innerhalb weniger Minuten ruhiger. Mein Gedankenkarussell stoppte und die innere Anspannung ließ nach. Es fühlte sich für mich ähnlich wie Meditation an, nur schneller und leichter.

Allein zuzuhören reichte mir allerdings nicht. Erst die langsamen Handbewegungen auf dem Bildschirm brachten diese besondere Ruhe. Am stärksten reagierte ich auf das Bürsten der Haare am Frisierkopf, den Pinsel am Mikrofon und leises Flüstern. Ein Geräusch, das mich störte, war in dieser Woche nicht dabei.

Vor dem Einschlafen hatte ich das Gefühl, schneller zur Ruhe zu kommen und besser zu schlafen. Ob mein Schlaf tatsächlich tiefer war, habe ich nicht gemessen. In stressigen Situationen sah ich mir kurze Videos an. Nach etwa zehn Minuten fühlte ich mich deutlich entspannter und erholter.

Die Wirkung hielt nicht dauerhaft an. Sie setzte beim Anschauen ein und ließ später wieder nach. Auch während der Arbeit half mir ASMR, herunterzufahren. Allerdings wurde ich dabei schnell schläfrig.

Für mich hat sich der Versuch gelohnt. Wenn du abends schwer abschalten kannst oder dich im Alltag häufig unruhig fühlst, kannst du ausprobieren, wie du auf ASMR reagierst. Zehn Minuten reichen für einen ersten Test. Bei anhaltenden Schlafproblemen oder starker Erschöpfung solltest du die Ursache ärztlich abklären lassen.


Hinweis: Dieser Erfahrungsbericht dient der allgemeinen Information und Unterhaltung. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht die Diagnose oder Behandlung durch qualifiziertes medizinisches Fachpersonal.

Was du deinem Kind unbedingt beibringen solltest! 10 Regeln fĂĽr den Ernstfall

Ein kurzer Blick aufs Handy, Gedränge vor der Eisdiele und plötzlich ist die kleine Hand nicht mehr in deiner. Meist löst sich die Situation schnell. Bis dahin kann sich jeder Augenblick endlos anfühlen. Gerade dann helfen klare Regeln, die ihr vorher gemeinsam besprochen habt.

Dabei sollte dein Kind nicht lernen, dass jeder unbekannte Mensch gefährlich ist. Nach Angaben der Polizei werden Kinder nur selten von völlig fremden Personen überfallen oder missbraucht. Viele Taten geschehen im familiären oder sozialen Umfeld. Sicherheitsregeln sollten deshalb immer gelten, unabhängig davon, ob dein Kind eine Person kennt oder ihr vertraut. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes


Deine Telefonnummer gehört in den Kopf und in den Schuh

Sobald dein Kind alt genug ist, sollte es deine Handynummer auswendig kennen. Übt sie regelmäßig, damit es sie auch in einer aufregenden Situation abrufen kann.

Für jüngere Kinder ist eine kleine wasserfeste Karte eine gute zusätzliche Absicherung. Darauf reichen dein Name und deine Handynummer. Du kannst die Karte in eine Innentasche stecken oder unter die Einlegesohle des Schuhs legen. Dein Kind muss wissen, wo sie sich befindet und wem es sie zeigen darf.

Bringe ihm einen einfachen Satz bei.
„Die Telefonnummer meiner Mama ist in meinem Schuh.“

Eine zweite erreichbare Nummer kann ebenfalls sinnvoll sein. Die vollständige Adresse gehört nicht auf die Karte. Name, Anschrift und Telefonnummer sollten niemals sichtbar am Rucksack oder außen an der Kleidung stehen.


Warum ein aktuelles Foto so wichtig ist

Ein aktuelles Foto kann bei der Suche nach einem vermissten Kind sehr wichtig sein. Du kannst einmal im Monat ein gut erkennbares Bild machen und es sicher auf deinem Smartphone speichern. Notiere dir außerdem die ungefähre Größe und auffällige Merkmale.

Nach einem neuen Haarschnitt, einer Brille oder einer anderen deutlichen Veränderung solltest du das Bild erneuern. Vor einem Besuch im Freizeitpark, auf einem Straßenfest oder bei einer großen Veranstaltung ist zusätzlich eine schnelle Ganzkörperaufnahme sinnvoll. So kannst du sofort zeigen, welche Kleidung dein Kind an diesem Tag trägt.

Die Polizei benötigt im Ernstfall eine genaue Beschreibung, den letzten bekannten Aufenthaltsort und ein aktuelles Foto. Initiative Vermisste Kinder

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

ASMR im Selbsttest – Wie Pinselgeräusche mein Gedankenkarussell stoppten

Was du deinem Kind unbedingt beibringen solltest! 10 Regeln fĂĽr den Ernstfall


Ein fester Treffpunkt gibt Orientierung

Zeige deinem Kind an belebten Orten gleich zu Beginn einen gut sichtbaren Treffpunkt. Geeignet sind eine Information, eine Kasse oder ein markanter Platz innerhalb des Geländes.

Ein Ausgang ist meist keine gute Wahl. Viele Gebäude haben mehrere Ausgänge und dein Kind könnte den sicheren Bereich verlassen. Wenn ihr euch verliert, geht es zum vereinbarten Treffpunkt und bleibt dort. Es läuft nicht durch das gesamte Gelände und versteckt sich nicht.


Zeige deinem Kind, wer helfen kann

Eine Frau mit Kind ist nicht automatisch die sicherste Ansprechperson. Besser sind Menschen, die aufgrund ihrer Aufgabe klar zu erkennen sind. Dazu gehören die Polizei, der Sicherheitsdienst, Beschäftigte an einer Information oder das Personal an einer Kasse.

Gibt es keine solche Anlaufstelle, kann sich dein Kind an eine Familie mit Kindern wenden. Es bleibt an einem öffentlichen Ort und geht nicht mit der helfenden Person weg.

Dein Kind sollte deutlich sagen können, dass es dich nicht findet und deine Telefonnummer kennt oder bei sich trägt.


Ein geheimes Wort fĂĽr eure Familie

Behauptet jemand, du hättest ihn geschickt, soll dein Kind nach eurem Familienwort fragen. Kennt die Person das Wort nicht, geht dein Kind nicht mit.

Das Familienwort ist eine zusätzliche Absicherung. Die wichtigste Regel bleibt, dass dein Kind niemals unerwartet von jemand anderem abgeholt wird. Wenn eine andere Person es von der Kita, der Schule oder einem Freizeitangebot abholen soll, kündigst du das vorher an.

Wählt ein Wort, das nicht leicht zu erraten ist. Sobald es benutzt oder versehentlich verraten wurde, vereinbart ihr ein neues.


Mitgehen nur nach vorheriger Absprache

Diese Regel gilt auch bei Bekannten. Dein Kind geht mit niemandem mit und steigt in kein Auto, wenn du es nicht vorher erlaubt hast.

Bleibt ein Fahrzeug neben deinem Kind stehen oder fährt auffällig langsam, soll es sofort zwei oder drei große Schritte zurücktreten. Dabei bewegt es sich vom Auto und von der Fahrbahn weg. Es geht nicht an die Tür oder an das geöffnete Fenster, auch wenn jemand nur nach dem Weg fragt.

Erkläre deinem Kind, dass unbekannte Erwachsene sich Hilfe bei anderen Erwachsenen holen können. Wird es gebeten, einen Hund zu suchen, etwas zu tragen oder irgendwohin mitzukommen, lehnt es ab und geht zu einer vertrauten oder klar erkennbaren Ansprechperson. Höflichkeit ist in diesem Moment nicht wichtig.

Auch Süßigkeiten, Geld und andere Geschenke nimmt es von unbekannten Personen nicht an. Möchte ihm jemand etwas geben oder zeigen, braucht es vorher dein ausdrückliches Einverständnis. Ein einfacher Satz genügt.

„Ich muss zuerst meine Mama fragen.“

Die Polizei empfiehlt, Abstand zu fremden Fahrzeugen zu halten und ohne die Erlaubnis der Eltern mit niemandem mitzugehen. Das gilt unabhängig davon, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes


Begleite deine Kinder zur öffentlichen Toilette

Nutzt nach Möglichkeit eine Familientoilette. Alternativ begleitest du dein Kind bis zur Kabine oder wartest direkt davor. Bei älteren Kindern hängt die Begleitung von ihrer Selbstständigkeit und von der jeweiligen Umgebung ab.

Vereinbart vorher genau, wo du wartest. Dein Kind kehrt nach dem Toilettengang sofort zu diesem Platz zurück und verlässt den Bereich nicht durch einen anderen Ausgang.


Im Ernstfall darf es laut werden

In einer gefährlichen Situation darf dein Kind schreien, weglaufen und Aufmerksamkeit erregen. Ein konkreter Satz macht Außenstehenden schneller klar, was geschieht.

„Lassen Sie mich los. Ich kenne Sie nicht!“, oder „Das ist nicht meine Mama!“

Auch ein lauter Hilferuf ist richtig. Dein Kind sollte anschließend zu anderen Menschen, in ein geöffnetes Geschäft oder zu einer erkennbaren Anlaufstelle laufen. Verstecken sollte es sich nicht. Die Polizei empfiehlt, genau dieses Verhalten vorher ruhig mit Kindern zu besprechen.


Ein Nein gilt auch gegenĂĽber Erwachsenen

Viele Kinder lernen früh, höflich zu sein und Erwachsenen zu gehorchen. Gleichzeitig müssen sie wissen, dass sie eine Berührung ablehnen, Abstand nehmen und Nein sagen dürfen. Das gilt auch gegenüber Verwandten, Freunden und anderen vertrauten Menschen.

Nimm diese Grenze im Familienalltag ernst. Wenn dein Kind jemanden nicht umarmen oder küssen möchte, sollte es nicht dazu gedrängt werden. So erfährt es, dass sein Körper ihm gehört und ein Nein akzeptiert wird.

Auch Geheimnisse, die Angst machen oder sich falsch anfühlen, darf dein Kind immer erzählen. Es sollte mehrere vertraute Erwachsene kennen, an die es sich wenden kann. Wird ihm nicht zugehört, darf es so lange weitererzählen, bis jemand handelt.

Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch betont die Bedeutung körperlicher Selbstbestimmung und persönlicher Grenzen. Kinder zu stärken kann Risiken verringern, garantiert jedoch keinen vollständigen Schutz. Die Verantwortung trägt niemals das Kind. Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen


Ăśben ohne Angst zu machen

Du musst dein Kind nicht mit möglichen Gefahren überfordern. Nutze alltägliche Situationen, um die wichtigsten Regeln kurz zu wiederholen. Zeige ihm beim Einkaufen die Information, fragt euch gegenseitig das Familienwort ab und übt deine Telefonnummer.

Verzichte auf erschreckende Tests mit vermeintlich fremden Personen. Die Polizei warnt davor, weil solche Situationen unnötige Angst auslösen können.

Auch ein gut vorbereitetes Kind kann unter Stress erstarren oder eine Regel vergessen. Mache ihm deshalb deutlich, dass es dir alles erzählen darf und niemals Ärger bekommt, weil es falsch reagiert hat.


Wenn jede Minute zählt

Informiere sofort das Personal oder den Sicherheitsdienst und suche die unmittelbare Umgebung ab. Teile mit, wo du dein Kind zuletzt gesehen hast, was es trägt und in welche Richtung es gegangen sein könnte.

Wird es nicht innerhalb kurzer Zeit gefunden oder gibt es Hinweise auf eine Gefahr, rufst du die Polizei unter 110. Du musst keine 24 Stunden warten. Halte das aktuelle Foto bereit und bleibe telefonisch erreichbar.

Die europaweite Rufnummer 116000 unterstützt Familien vermisster Kinder kostenlos und rund um die Uhr. Sie ersetzt nicht den Anruf bei der Polizei. Suchmeldungen und die Veröffentlichung von Fotos solltest du vorher mit den Ermittlern abstimmen.

Dein Kind muss sich nicht zehn Regeln auf einmal merken. Beginne mit den Punkten, die zu seinem Alter passen, und wiederhole sie regelmäßig. Entscheidend ist, dass es weiß, wo es Hilfe findet und dass es dir jederzeit alles erzählen kann.


Adipositas ist keine Faulheit! Diese Hilfe kennen viele betroffene Frauen noch immer nicht

Der Sommer klingt nach Leichtigkeit. Nach luftigen Kleidern, Freibad und langen Abenden im Freien. Doch wenn du mit starkem Ăśbergewicht lebst, kann ausgerechnet diese Jahreszeit zur Belastungsprobe werden. Weniger Stoff bedeutet dann nicht automatisch mehr Freiheit, sondern oft das GefĂĽhl, gesehen und bewertet zu werden.

Nach den neuesten Ergebnissen des Mikrozensus 2025 gelten 43,8 Prozent der erwachsenen Frauen in Deutschland als übergewichtig. 15,8 Prozent und damit fast jede sechste leben mit Adipositas. Statistisches Bundesamt

Doch diese Diagnose ist kein persönliches Versagen. Sie sagt nichts darĂĽber aus, ob du fleiĂźig, willensstark oder diszipliniert bist. Die Weltgesundheitsorganisation und die aktuelle deutsche S3 Leitlinie ordnen die Krankheit als chronisch ein. Ihre Entstehung hat viele Ursachen. Häufig wirken Veranlagung, Erkrankungen, Medikamente und Lebensumstände zusammen.

In diesem Artikel erfährst du, wo du Unterstützung findest, wer dich medizinisch begleiten kann und warum die nächste Diät allein meist keine Lösung ist.


Dein Körper ist keine Charakterprüfung

Medizinisch wird Adipositas meist ab einem Body Mass Index von 30 eingeordnet. Der Wert setzt dein Gewicht ins Verhältnis zu deiner Körpergröße. Er kann eine erste Orientierung geben, aber er erzählt nicht deine ganze gesundheitliche Geschichte.

Deshalb solltest du nicht nur auf die Zahl auf der Waage schauen. Zu einer sinnvollen Einschätzung gehören je nach Situation auch der Bauchumfang, Blutzucker und Blutfette, Leber und Nierenwerte, die Schilddrüse sowie Fragen nach Schlaf, Zyklus, Medikamenten, Essverhalten, Schmerzen und psychischer Belastung. Die aktuelle Leitlinie stellt dafür sogar einen ausführlichen Bogen zur ersten Diagnostik bereit. S3 Leitlinie zur Diagnostik

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

ASMR im Selbsttest – Wie Pinselgeräusche mein Gedankenkarussell stoppten

Was du deinem Kind unbedingt beibringen solltest! 10 Regeln fĂĽr den Ernstfall


Warum Adipositas bei Frauen viele Gesichter hat

Das Gewicht kann sich bereits in der Kindheit, nach einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren verändern. Auch Erkrankungen und Medikamente können eine Rolle spielen. Häufig gibt es nicht den einen Auslöser.

Gerade Frauen erleben Gewicht oft nicht nur als gesundheitliches Thema. Der weibliche Körper wird früh bewertet, verglichen und kommentiert. Wer nicht dem schmalen Ideal entspricht, lernt häufig, sich auf Fotos schmaler zu machen, beim Essen beobachtet zu fühlen oder Arzttermine aus Angst vor Beschämung aufzuschieben. Dabei ist Stigmatisierung nicht harmlos. Die aktuelle Leitlinie beschreibt Zusammenhänge mit psychischen und körperlichen Belastungen sowie mit der Vermeidung medizinischer Untersuchungen. Sie fordert ausdrücklich eine Behandlung ohne gewichtsbezogene Abwertung. S3 Leitlinie zum Umgang mit Stigmatisierung


Warum Diäten so häufig scheitern

Wenn du schon viele Diäten gemacht hast, kennst du vielleicht diesen Ablauf. Am Anfang sinkt das Gewicht. Du bist streng mit dir, verzichtest und hältst durch. Irgendwann werden Hunger und Gedanken ans Essen stärker. Der Alltag kommt dazwischen. Das Gewicht bleibt stehen oder steigt wieder. Und am Ende glaubst du, du hättest versagt.

Nach einem Gewichtsverlust kann der Energieverbrauch sinken. Hunger und Sättigung verändern sich. Gleichzeitig braucht der leichtere Körper weniger Energie als zuvor. Genau deshalb wird das Halten des Gewichts oft schwieriger als die erste Abnahme. Gesundheitsinformation des IQWiG

Eine kurze, sehr strenge Diät kann deshalb zunächst funktionieren und trotzdem langfristig scheitern, wenn danach Unterstützung, Nachsorge und ein alltagstaugliches Konzept fehlen.

Das bedeutet nicht, dass Ernährung keine Rolle spielt. Sie ist ein wichtiger Teil der Behandlung. Aber eine zeitlich begrenzte Diät ist noch keine Therapie einer chronischen Erkrankung.


Was bei Adipositas wirklich helfen kann

Eine gute Behandlung richtet sich nach deiner Gesundheit, deinen Beschwerden und deinen persönlichen Zielen. Dabei kann es um Gewichtsverlust, weniger Schmerzen, besseren Schlaf oder auch um eine Stabilisierung des Gewichts gehen.

Schon eine moderate Gewichtsabnahme kann gesundheitlich etwas bewirken. Je nach Ausgangslage wird häufig ein erstes Ziel von 5 bis 10 Prozent des Körpergewichts vereinbart. Dafür musst du keinen angeblichen Idealkörper erreichen. Entscheidend ist, dass die Behandlung langfristig gedacht wird und nicht nach zwölf Wochen endet. Gesundheitsinformation des IQWiG

Ernährungstherapie
Eine qualifizierte Ernährungsfachkraft entwickelt mit dir eine Ernährung, die zu deinem Alltag, deinem Budget, deinen Vorlieben und möglichen Erkrankungen passt. Es geht nicht um Verbotslisten und auch nicht darum, jeden Bissen moralisch zu bewerten. Eine gute Ernährungstherapie schaut auf Essmuster, Sättigung, Portionsgrößen, Getränke, emotionale Auslöser und darauf, was du wirklich dauerhaft umsetzen kannst.

Die gesetzliche Krankenkasse kann sich nach einem Antrag an den Kosten beteiligen. Häufig brauchst du dafĂĽr eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung, einen Kostenvoranschlag und einen Nachweis ĂĽber die Qualifikation der Fachkraft. Frage deine Kasse am besten vor Beginn nach den genauen Bedingungen. Informationen zur KostenĂĽbernahme

Bewegungstherapie
Bewegung muss weder Strafe noch öffentlicher Leistungstest sein. Wenn deine Gelenke schmerzen oder du schnell außer Atem bist, kann der Anfang sehr klein sein. Bewegung im Wasser, kurze Wege, Übungen im Sitzen, Krafttraining unter Anleitung oder Physiotherapie können besser passen als Joggen. Das Ziel ist nicht, möglichst viele Kalorien abzutrainieren. Bewegung kann deine Kraft, Beweglichkeit, Stimmung, Ausdauer und Stoffwechselgesundheit verbessern, auch wenn sich dein Gewicht zunächst kaum verändert.

Verhaltenstherapeutische UnterstĂĽtzung
Essen kann beruhigen, trösten, belohnen oder für einen Moment Stress dämpfen. Das ist kein moralischer Fehler. Wenn du regelmäßig die Kontrolle beim Essen verlierst, heimlich isst, dich nach dem Essen stark schämst oder Essen dein Leben beherrscht, solltest du das offen ansprechen. Eine Binge Eating Störung ist eine psychische Erkrankung und behandelbar. Auch Depressionen, Ängste, ein verletztes Körperbild und jahrelange Beschämung verdienen professionelle Hilfe.

Medikamente
Medikamente können infrage kommen, wenn eine Basistherapie allein nicht ausreicht oder ein höheres gesundheitliches Risiko besteht. Zur Behandlung werden heute je nach persönlicher Situation unter anderem Wirkstoffe wie Orlistat, Liraglutid, Semaglutid oder Tirzepatid eingesetzt. Sie unterscheiden sich in ihrer Wirkung, Anwendung, Verträglichkeit und in den Gegenanzeigen. Medikamente ersetzen keine medizinische Begleitung und sollten nur nach einer gründlichen Untersuchung verordnet werden.

Auch die sogenannten Abnehmspritzen sind weder ein einfacher Trick noch ein Grund, sich zu schämen. Sie sind verschreibungspflichtige Arzneimittel mit möglichen Nebenwirkungen und nicht fĂĽr jede Frau geeignet. Bei Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Stillzeit muss die Behandlung besonders sorgfältig mit der Ă„rztin besprochen werden. Semaglutid darf beispielsweise während einer Schwangerschaft nicht angewendet werden und soll laut Fachinformation bereits vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden. Europäische Arzneimittelagentur zu Semaglutid

Ein schwieriger Punkt bleibt die Finanzierung. Arzneimittel, die ausschließlich zur Gewichtsregulierung verordnet werden, sind in der gesetzlichen Krankenversicherung derzeit grundsätzlich von der Erstattung ausgeschlossen. Das gilt auch für Semaglutid und Tirzepatid in diesem Anwendungsgebiet. Werden dieselben Wirkstoffe für eine andere zugelassene Erkrankung wie Diabetes Typ 2 eingesetzt, gelten andere Regeln. Gemeinsamer Bundesausschuss

Eine Operation
Bei einer stark ausgeprägten Adipositas oder schweren Begleiterkrankungen kann eine Operation eine wirksame Therapie sein. Häufige Verfahren sind der Schlauchmagen und der Magenbypass. Nach medizinischen Empfehlungen kommt ein Eingriff meist ab einem Body Mass Index von 40 infrage oder ab 35, wenn zusätzliche Erkrankungen wie Diabetes, Schlafapnoe oder Herzprobleme bestehen. Die Entscheidung fällt jedoch nie allein anhand einer Zahl.

Eine Operation kann die Gesundheit und Lebensqualität deutlich verbessern, bringt aber Risiken und lebenslange Veränderungen mit sich. Dazu gehören eine angepasste Ernährung, regelmäßige Kontrollen, eine verlässliche Versorgung mit bestimmten Vitaminen und eine langfristige Nachsorge. Lass dich deshalb in einem erfahrenen Zentrum ausführlich über Nutzen, Risiken und Alternativen beraten. Gesundheitsinformation zu Adipositasoperationen


Wer behandelt Adipositas

Die erste Anlaufstelle ist meist deine Hausärztin. Sie kann deine gesundheitliche Situation einordnen, Begleiterkrankungen untersuchen, eine erste Behandlung beginnen und dich gezielt weiterüberweisen. Bei einer höhergradigen Adipositas oder fortschreitenden Folgeerkrankungen empfiehlt die Leitlinie die Mitbetreuung in einer spezialisierten Einrichtung. Je nach Befund können weitere Fachrichtungen wichtig werden.

  • Innere Medizin, Endokrinologie oder Diabetologie bei Stoffwechselerkrankungen, Diabetes, hormonellen Auffälligkeiten oder schwer einstellbarem Blutdruck
  • Ernährungsmedizin fĂĽr eine medizinisch geleitete, langfristige Behandlung
  • Gynäkologie bei Zyklusstörungen, polyzystischem Ovarialsyndrom, Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Beschwerden in den Wechseljahren
  • Psychotherapie oder Psychosomatik bei Essanfällen, Depressionen, Ă„ngsten, emotionalem Essen oder starkem Leidensdruck
  • Schlafmedizin bei lautem Schnarchen, nächtlichen Atemaussetzern und starker TagesmĂĽdigkeit
  • Orthopädie, Physiotherapie oder Sportmedizin bei Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit
  • Ein interdisziplinäres Adipositaszentrum, wenn mehrere Bereiche zusammengefĂĽhrt werden sollen oder eine Operation geprĂĽft wird

    Du musst nicht selbst erraten, welche Fachrichtung zuerst zuständig ist. Bitte deine Hausärztin darum, mit dir einen konkreten Behandlungsweg festzulegen.


    So findest du seriöse Hilfe in deiner Nähe

    Viele Frauen wissen nicht, dass es spezialisierte Praxen, Zentren und Selbsthilfeangebote gibt. Diese Stellen können dir die Suche erleichtern.

    • Die DGAV fĂĽhrt eine Suche nach zertifizierten Zentren fĂĽr Adipositastherapie und metabolische Chirurgie. Wähle dort den Bereich Adipositas. Zertifizierte Zentren
    • Ăśber die NAKOS kannst du nach örtlichen Selbsthilfekontaktstellen und digitalen Angeboten suchen. NAKOS Datenbanksuche
    • Frage deine Krankenkasse, welche Adipositasprogramme, Ernährungstherapien, Gesundheitskurse oder digitalen Gesundheitsanwendungen sie bezahlt oder bezuschusst. FĂĽr das strukturierte Behandlungsprogramm Adipositas bestehen bereits bundesweite Vorgaben. Vorgesehen ist es fĂĽr Erwachsene mit einem Body Mass Index zwischen 30 und 35 sowie mindestens einer Begleiterkrankung. Ab einem Wert von 35 ist keine Begleiterkrankung als Voraussetzung nötig. Ob du das Programm nutzen kannst, hängt jedoch davon ab, ob deine Krankenkasse und deine Region bereits einen entsprechenden Vertrag anbieten. Frage deshalb ausdrĂĽcklich nach dem DMP Adipositas. Informationen des Gemeinsamen Bundesausschusses

      Eine Selbsthilfegruppe ersetzt keine medizinische Therapie. Sie bietet jedoch die Möglichkeit, praxiserprobte Strategien für den Alltag auszutauschen und sich mit Menschen zu verbinden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.


      So bereitest du dich auf das Arztgespräch vor

      Ein paar Notizen helfen dir, damit im Gespräch alle wichtigen Punkte zur Sprache kommen.

      1. Wie hat sich dein Gewicht im Laufe deines Lebens verändert
      2. Welche Diäten, Programme oder Medikamente hast du bereits versucht und was ist danach passiert
      3. Welche Beschwerden hast du, etwa Schmerzen, Atemnot, starke Müdigkeit, Schnarchen, Zyklusstörungen, Sodbrennen, Essanfälle oder depressive Stimmung
      4. Welche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel nimmst du
      5. Gibt es Diabetes, Adipositas, Herzkrankheiten oder andere Stoffwechselerkrankungen in deiner Familie
      6. Was möchtest du gesundheitlich erreichen und welche Unterstützung kannst du in deinem Alltag wirklich nutzen

      Diese Fragen kannst du deiner Ärztin stellen.

      1. Welche möglichen Ursachen und Begleiterkrankungen sollten wir bei mir untersuchen
      2. Welche Blutwerte und Untersuchungen sind in meiner Situation sinnvoll
      3. Können meine Medikamente mein Gewicht beeinflussen
      4. Ist eine Ernährungstherapie, ein multimodales Programm oder eine psychotherapeutische Unterstützung für mich geeignet
      5. Kommt eine medikamentöse Behandlung infrage und welche Vor und Nachteile hätte sie für mich
      6. Sollte ich in eine ernährungsmedizinische Schwerpunktpraxis oder ein Adipositaszentrum überwiesen werden
      7. Welche Kosten ĂĽbernimmt oder bezuschusst meine Krankenkasse
      8. Wie sieht die langfristige Betreuung aus, auch wenn mein Gewicht stagniert oder wieder steigt

      Du kannst das Gespräch mit einem klaren Satz beginnen:

      „Ich möchte meine Adipositas medizinisch abklären und langfristig behandeln lassen. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur über mein Gewicht, sondern auch über mögliche Ursachen, Begleiterkrankungen und passende Therapieoptionen sprechen.“

      Wenn du dich nicht ernst genommen oder beschämt fühlst, darfst du eine zweite Meinung einholen. Gute Medizin erkennt man nicht daran, dass sie möglichst hart mit dir spricht. Gute Medizin hört zu, erklärt und entscheidet gemeinsam mit dir.


      Wie du dich in diesem Sommer nicht selbst verlierst

      Vielleicht möchtest du etwas für deine Gesundheit verändern. Das darfst du. Aber dein Leben muss nicht warten, bis dein Körper anders aussieht.

      Kaufe Kleidung für den Körper, den du heute hast und nicht für die Frau, die du irgendwann sein möchtest. Wähle luftige Stoffe, in denen du dich bewegen kannst. Gegen scheuernde Oberschenkel können eng anliegende Shorts, Bänder oder ein Schutzstift helfen. Halte gereizte Hautfalten möglichst sauber und trocken. Bei nässenden Stellen, offenen Rissen, Schmerzen oder einem auffälligen Geruch solltest du die Haut ärztlich abklären lassen.

      Plane Bewegung in die kühleren Stunden und suche dir eine Form, bei der du dich nicht beobachtet fühlst. Du musst nicht ins volle Freibad, wenn dich das überfordert. Du darfst morgens spazieren, im Wohnzimmer trainieren oder einen geschützten Kurs besuchen. Bewegung zählt auch dann, wenn niemand sie sieht.

      Nimm die Hitze ernst, ohne dir einzureden, du müsstest sie einfach aushalten. Trinke regelmäßig und halte dich möglichst in kühlen Räumen oder im Schatten auf.

      Setze Grenzen, wenn andere deinen Körper kommentieren. Du musst dich nicht verstecken, während du dich um deine Gesundheit kümmerst.


      Wenn heute nur ein einziger Schritt möglich ist

      Dann vereinbare einen Termin in deiner Hausarztpraxis und nenne bereits bei der Anmeldung den Grund. Du wünschst eine ausführliche Beratung und Diagnostik wegen Adipositas. Falls du dich dort nicht sicher fühlst, suche direkt nach einer ernährungsmedizinischen Schwerpunktpraxis oder einer Adipositassprechstunde in deiner Nähe.

      Du musst nicht noch eine Diät allein beginnen. Du brauchst keinen weiteren Montag, an dem du plötzlich ein anderer Mensch werden sollst. Du brauchst eine Behandlung, die versteht, dass dein Körper eine Geschichte hat. Und du verdienst Unterstützung, die dich nicht kleiner macht, sondern dir ein Stück Leben zurückgibt.


      Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Untersuchung oder Behandlung. Welche Therapie für dich geeignet ist, sollte immer individuell mit qualifizierten Fachpersonen entschieden werden.

      Streit im Urlaub. Warum Paare aneinandergeraten und was wirklich hilft

      Endlich ausschlafen, den Alltag vergessen und wieder Zeit füreinander haben. Kaum eine Reise beginnt ohne die Hoffnung, dass mit der Entfernung auch die Sorgen kleiner werden. Doch gerade im Urlaub geraten viele Paare aneinander. Nicht, weil die Liebe plötzlich verschwunden ist, sondern weil alles sichtbar wird, was zu Hause zwischen Terminen, Arbeit und Verpflichtungen kaum Raum bekommt.

      Das Hotel ist wunderschön, das Meer liegt direkt vor der Tür und eigentlich sollte dies die schönste Zeit des Jahres werden. Doch schon beim Frühstück kippt die Stimmung. Er möchte seine Ruhe, sie hat das Gefühl, wieder an alles denken zu müssen. Plötzlich geht es nicht mehr um den Ausflug, sondern um all das, was zu Hause seit Monaten unausgesprochen geblieben ist.


      Warum der Alltag manche Konflikte verdeckt

      Der Alltag kann wie eine schützende Decke über einer Beziehung liegen. Er hält alles am Laufen, lässt aber kaum erkennen, wie viel Nähe noch vorhanden ist. Im Urlaub fallen viele dieser Ablenkungen plötzlich weg. Zwei Menschen, die sich sonst morgens und abends sehen, verbringen auf einmal beinahe jede Stunde miteinander.

      Dann zeigt sich, wie gut sie noch miteinander sprechen können. Alte Verletzungen, unterschiedliche Bedürfnisse oder das Gefühl, sich voneinander entfernt zu haben, lassen sich nicht mehr so leicht übergehen. Der Urlaub verursacht diese Konflikte nicht unbedingt. Er macht sie lediglich lauter.


      Die Falle des perfekten Urlaubs

      Viele Paare reisen nicht nur mit Koffern, sondern mit einer ganzen Sammlung von Erwartungen. Endlich soll wieder Leichtigkeit entstehen. Endlich sollen gute Gespräche, Zärtlichkeit und gemeinsame Abenteuer zurückkehren. Jeder Tag soll besonders sein und möglichst genauso aussehen wie die Bilder, die andere Menschen aus ihren Ferien zeigen.

      Dieser Anspruch erzeugt Druck. Wenn die Unterkunft enttäuscht, das Wetter nicht mitspielt oder einer der beiden erschöpft ist, fühlt sich eine kleine Unstimmigkeit schnell wie das Scheitern des gesamten Urlaubs an.

      Dabei darf eine Reise auch ganz gewöhnliche Momente haben. Nicht jedes Abendessen muss romantisch sein. Nicht jeder Ausflug muss beiden gefallen. Und nicht jede Stunde muss gemeinsam verbracht werden.

      Ein Urlaub kann Nähe ermöglichen. Er kann aber nicht innerhalb weniger Tage reparieren, was im Alltag über Monate vernachlässigt wurde. Je größer diese heimliche Hoffnung ist, desto größer kann auch die Enttäuschung ausfallen.


      Erholung bedeutet nicht fĂĽr beide dasselbe

      Für den einen beginnt Urlaub mit einem leeren Kalender. Ausschlafen, am Strand liegen und spontan entscheiden, wonach einem gerade ist. Für den anderen bedeutet eine gelungene Reise, möglichst viel zu sehen und keine Gelegenheit zu verpassen.

      Beide Vorstellungen sind berechtigt. Problematisch wird es erst, wenn jeder davon ausgeht, dass der andere unter Erholung genau dasselbe versteht.

      So entsteht der klassische Streit am Frühstückstisch. Einer möchte einen Mietwagen buchen und die Umgebung erkunden. Der andere hat sich auf einen ruhigen Tag am Pool gefreut. Was wie eine Diskussion über die Tagesplanung beginnt, endet häufig bei Vorwürfen über Rücksichtslosigkeit, Langeweile oder mangelndes Interesse.

      Hilfreicher ist es, die unterschiedlichen Wünsche nicht als Ablehnung zu verstehen. Wer einen Nachmittag allein lesen möchte, zieht sich nicht automatisch aus der Beziehung zurück. Wer gemeinsam etwas erleben will, ist nicht zwangsläufig anstrengend. Nähe und Freiheit müssen sich nicht ausschließen.

      Wer sich bewusst Zeit für sich nimmt, kann anschließend häufig aufmerksamer und entspannter in die gemeinsame Zeit zurückkehren. Deshalb darf ein Paar auch im Urlaub getrennte Pläne haben.


      Wenn einer schon Urlaub hat und der andere noch organisiert

      Der Streit beginnt bei vielen Paaren lange vor der Abreise. Einer sucht das Reiseziel aus, vergleicht Unterkünfte, prüft Ausweise, schreibt Packlisten und denkt an Medikamente, Sonnencreme oder die Beschäftigung der Kinder. Der andere steigt am Reisetag ins Auto oder Flugzeug und hat das Gefühl, die Vorbereitungen seien gemeinsam erledigt worden.

      Diese unsichtbare Verantwortung wird häufig erst dann bemerkt, wenn die Person, die alles im Kopf behalten hat, gereizt reagiert. Für den Partner wirkt die Stimmung überzogen. Für sie selbst ist sie das Ergebnis vieler kleiner Aufgaben, die niemand gesehen hat.

      Auch während der Reise setzt sich dieses Muster fort. Wer reserviert den Tisch, packt die Strandtasche, sucht die Verbindung heraus und achtet darauf, dass alle rechtzeitig fertig sind. Wenn eine Person für die Erholung aller zuständig ist, hat sie selbst keinen Urlaub.

      Eine Befragung von 6328 Menschen mit Wohnsitz in Deutschland zeigte, dass besonders jüngere Frauen die Urlaubsplanung als belastend erleben. Fehlender Freiraum und die Handynutzung des Partners gehörten ebenfalls zu den genannten Konfliktpunkten. Da die Erhebung im Auftrag einer Partnervermittlung durchgeführt wurde, sollte sie nicht als allgemeingültiger Beweis verstanden werden. Sie zeigt jedoch, welche Themen viele Paare auf Reisen beschäftigen. GEO

      Verantwortung zu teilen bedeutet nicht, dass einer Aufgaben verteilt und anschließend kontrolliert, ob sie erledigt wurden. Beide sollten vollständige Bereiche übernehmen. Wer für die Anreise zuständig ist, kümmert sich um Buchung, Zeiten und Unterlagen. Wer die Ausflüge übernimmt, recherchiert, reserviert und behält die Kosten im Blick. Erst dann wird nicht nur die Arbeit, sondern auch das Denken dahinter geteilt.


      Warum sich sexuelle Nähe nicht buchen lässt

      Mit dem Urlaub ist oft die Erwartung verbunden, dass nun automatisch mehr Leidenschaft entsteht. Es gibt keine Arbeit, weniger Termine und vielleicht sogar ein Zimmer mit Meerblick. Trotzdem stellt sich die Lust nicht immer ein.

      Erschöpfung verschwindet nicht in dem Moment, in dem das Flugzeug landet. Auch ungelöste Konflikte, die Betreuung der Kinder, fehlende Privatsphäre oder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper reisen mit. Wird Sex dann zu einem stillen Programmpunkt, entsteht zusätzlicher Druck.

      Niemand schuldet dem anderen körperliche Nähe, nur weil eine Reise teuer war oder endlich Zeit vorhanden ist. Zärtlichkeit kann auch bedeuten, sich an der Hand zu halten, gemeinsam einzuschlafen oder ein Gespräch zu führen, das lange gefehlt hat.

      Wer sich mehr Intimität wünscht, sollte darüber sprechen, ohne eine Forderung daraus zu machen. Ein ehrlicher Satz wie „Ich vermisse unsere Nähe und würde dir gern wieder näherkommen“ öffnet eher eine Tür als der Vorwurf „Du hast nie Lust“.


      Das Smartphone sitzt mit am Tisch

      Ein kurzer Blick auf das Handy wird schnell zu einer halben Stunde. Während der eine Nachrichten beantwortet, durch Beiträge scrollt oder Bilder bearbeitet, sitzt der andere gegenüber und wartet.

      Dabei geht es selten nur um das Gerät. Hinter der Gereiztheit steckt häufig das Gefühl, für die Person am anderen Ende des Tisches gerade weniger interessant zu sein als alles, was auf dem Bildschirm passiert.

      Ein vollständiges Handyverbot ist für viele Paare weder nötig noch realistisch. Hilfreicher sind klare Absprachen. Beim Essen bleiben die Geräte in der Tasche. Fotos dürfen gemacht werden, müssen aber nicht sofort ausgewählt, bearbeitet und veröffentlicht werden.


      Drei Gespräche vor der Reise können viel verhindern

      Viele Konflikte lassen sich nicht vermeiden. Einige können jedoch entschärft werden, bevor die Koffer gepackt sind.

      Was brauche ich fĂĽr einen gelungenen Urlaub
      Jeder nennt die drei Dinge, die ihm besonders wichtig sind. Das können Ruhe, Ausflüge, gutes Essen, Zeit als Paar oder ein eigenes Zimmer für die Kinder sein. So werden Erwartungen sichtbar, bevor sie miteinander kollidieren.

      Wie viel gemeinsame Zeit wĂĽnschen wir uns
      Ein Paar muss nicht jeden Tag vollständig durchplanen. Es sollte aber wissen, ob einer viel Zweisamkeit erwartet und der andere auch allein sein möchte. Beides kann nebeneinander bestehen.

      Wer ĂĽbernimmt welche Verantwortung
      Nicht nur einzelne Aufgaben, sondern ganze Bereiche sollten verteilt werden. Dazu gehören Anreise, Geld, Verpflegung, Kinder, Ausflüge und die Vorbereitung für die Rückkehr. Das Gottman Institute empfiehlt Paaren ebenfalls, ihre Erwartungen vor und während der Reise miteinander abzugleichen. Unterschiedliche Vorstellungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Urlaubsstreit. Gottman Institute


      Was hilft, wenn der Streit bereits begonnen hat

      Im Streit versuchen viele Menschen, endlich verstanden zu werden. Je weniger das gelingt, desto lauter und grundsätzlicher werden ihre Worte. Aus dem vergessenen Handtuch wird plötzlich ein Beweis dafür, dass der andere sich angeblich nie kümmert.

      Sprich über die konkrete Situation und nicht über den gesamten Charakter des anderen. Statt „Du denkst immer nur an dich“ ist „Ich habe mich heute mit der ganzen Organisation allein gefühlt“ wesentlich verständlicher.

      Verzichte auf Wörter wie "immer" und "nie". Sie laden den anderen dazu ein, Gegenbeispiele zu suchen, statt das eigentliche Gefühl wahrzunehmen.

      Wenn das Gespräch nur noch aus Vorwürfen besteht, vereinbart eine Pause. Eine Pause ist jedoch kein wortloses Verschwinden. Sagt einander, wann ihr wieder auf das Thema zurückkommt. So wird aus dem Rückzug keine Bestrafung.

      Versucht auĂźerdem nicht, einen Gewinner zu bestimmen. In einer Beziehung verliert am Ende meist auch derjenige, der einen Streit scheinbar gewonnen hat.

      Hilfreich kann ein kurzer gemeinsamer Rückblick am Abend sein. Was war heute schön. Was hat gestört. Was wünschen wir uns für morgen. Solche Gespräche verhindern, dass kleine Enttäuschungen tagelang gesammelt werden.


      Wann der Urlaub ein tieferes Problem sichtbar macht

      Nicht jeder Streit bedeutet, dass eine Beziehung gescheitert ist. Entscheidend ist weniger, ob Konflikte entstehen, sondern wie zwei Menschen miteinander umgehen, wenn sie wütend oder enttäuscht sind.

      Können beide später zuhören, Verantwortung übernehmen und sich entschuldigen, kann ein Streit sogar zu mehr Verständnis führen. Bleiben dagegen nur Verachtung, Demütigungen, Drohungen oder Angst zurück, geht es nicht mehr um eine misslungene Tagesplanung.

      Kontrolle, EinschĂĽchterung und Gewalt sind keine normalen Begleiterscheinungen eines Paarurlaubs. Betroffene Frauen können sich beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter 116 016 rund um die Uhr anonym und kostenfrei beraten lassen. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen

      Auch wiederkehrende Konflikte, die sich trotz aller Gespräche nicht lösen lassen, können ein Anlass für eine Paarberatung sein. Nicht erst dann, wenn eine Trennung unmittelbar bevorsteht, sondern wenn beide merken, dass sie allein immer wieder an derselben Stelle landen.


      Ein guter Urlaub muss nicht konfliktfrei sein

      Ein Urlaub muss nicht perfekt verlaufen, um in guter Erinnerung zu bleiben. Auch ein Streit macht noch keine schlechte Reise. Entscheidend ist, ob beide danach wieder miteinander reden und sich wirklich zuhören können.

      Manchmal reichen ein wenig Abstand und ein ehrliches Gespräch, damit die Anspannung nachlässt und die gemeinsame Zeit wieder leichter wird.