Liwia Tokoda

Leidenschaftliche Journalistin ✨ Chefredakteurin eines Frauenmagazins 📝 TV-Redakteurin bei Deutschlands Top-Sendern 📺 Überglückliche Mama ❤️

„Ich fühlte mich wie im Zoo“: Mariams Weg aus der Schuppenflechte

Mariam ist eine Frau, die auffällt. Langes braunes Haar, große Augen, ein Gesicht, das man sich mühelos auf einem Magazin-Cover vorstellen kann. Genau dieses Gesicht konnte sie eines Tages nicht mehr wiedererkennen.

Es beginnt ganz unscheinbar. Ein kleiner roter Punkt neben dem linken Auge, kurz darauf ein Fleck auf der anderen Seite. Zunächst denkt Mariam an eine harmlose Hautreaktion. Doch innerhalb weniger Tage verändert sich ihr Hautbild dramatisch. Erst im Gesicht, dann am Hals, schließlich am Dekolleté. Immer neue Stellen kommen hinzu. Es folgen Arztbesuche und zunächst eine falsche Vermutung, bis schließlich feststeht, was hinter den Hautveränderungen steckt.

Mariam hat Psoriasis, umgangssprachlich Schuppenflechte. Bei der chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung gerät die Zellerneuerung der Haut aus dem Takt, neue Hautzellen bilden sich um ein Vielfaches schneller als gewöhnlich. Die Folge sind entzündete, gerötete Stellen mit silbrig-weißer Schuppung.

Vier Jahre sind seitdem vergangen. Heute berichtet die 34-Jährige, seit mehr als drei Jahren symptomfrei zu sein und keine Medikamente mehr zu benötigen.

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Zum Ausstellungsstück im eigenen Behandlungszimmer

Schuppenflechte lässt sich nicht verbergen, und das bekam Mariam von Anfang an zu spüren. Ihr ganzer Körper war betroffen, die Haut war wund, riss auf und blutete. Selbst der Schlaf tat ihr weh. Doch schwerer als die körperliche Pein wog die seelische Last aus Scham und den Blicken der Umwelt.

„Ich schämte mich", erinnert sie sich. „Ich traute mich kaum noch vor die Tür. Jeder Blick fühlte sich an wie eine Bewertung." Manche starrten erschrocken, andere mit Mitleid, wieder andere gingen auf Abstand. „Einmal wollte mir ein Postbote mein Paket kaum aus der Hand entgegennehmen. Solche Momente vergisst man nicht. Sie hinterlassen Spuren."

Zunächst tippten Ärzte auf eine Medikamentenreaktion nach einer Grippe. Doch als sich das Hautbild rasant verschlechterte, wurde Mariams Körper zum Ausstellungsstück. „Ich war ohnehin psychisch völlig überfordert“, sagt sie rückblickend. „Statt das Gefühl zu haben, aufgefangen zu werden, kam ich mir vor wie ein besonderer Fall, den man sich anschauen wollte. Mehrere Ärzte kamen in die Behandlungsräume, weil sich die Schuppenflechte so schnell ausgebreitet hatte. Für sie war es außergewöhnlich. Für mich war es beängstigend. Ich fühlte mich nicht gesehen. Ich fühlte mich beobachtet. Fast wie in einem Zoo.“

Es folgten Cortisonsalben, Termine in Hautarztpraxen und endlose Überweisungen. Später standen auch systemische Medikamente und Spritzen im Raum. Mariam wog die Risiken ab. Schwere Nebenwirkungen auf der einen Seite, die ungewisse Aussicht, ob die Therapie überhaupt helfen würde, auf der anderen. Sie zögerte.


„In fünf Monaten zerbricht Ihre Ehe daran“

Doch dann fiel bei einem Arzttermin ein Satz, den sie bis heute nicht vergessen kann. Ihr Mann saß neben ihr, als der Mediziner zu Mariam sagte: „So wie Sie aussehen, wundern Sie sich nicht, wenn in fünf Monaten Ihre Ehe daran zerbricht."

„Diese Worte haben mich damals zutiefst verletzt", erzählt Mariam. „Ich fühlte mich ohnehin schon unglaublich hässlich, mein Selbstwert war am Boden, ich kämpfte jeden Tag mit meinem Spiegelbild. Dieser Satz traf mich genau dort, wo ich ohnehin schon am verletzlichsten war." In diesem Moment, sagt sie, habe sie das Gefühl gehabt, endgültig den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Zu Hause zerriss sie sämtliche Überweisungen und Rezepte und sagte eine bereits geplante stationäre Behandlung ab, nicht aus Trotz, sondern weil einfach alles zu viel geworden war. „Nicht, weil ich gegen die Schulmedizin war, ganz im Gegenteil. Ich bin dankbar, dass wir sie haben, und sie hilft unzähligen Menschen. Aber ich hatte für mich das Gefühl, dass ich auf meinem Weg nicht weiterkam. Ich fühlte mich nicht verstanden, nicht gesehen, nicht als Mensch wahrgenommen."


Soraya: der Halt in der Dunkelheit

(Bild: Mariam/Privat)
Ein Herz und eine Seele: Mariam mit ihrer Zwillingsschwester Soraya (links)
(Bild: Mariam/Privat)

Dass sie in dieser Dunkelheit nicht zerbrach, verdankt sie vor allem ihrer Zwillingsschwester Soraya. „Sie war mein größter Halt. Sie hielt meine Hand, als ich keine Kraft mehr hatte. Sie erinnerte mich daran, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Während ich nur Hoffnungslosigkeit sah, glaubte sie für uns beide weiter.“

Gemeinsam begannen die Schwestern, nach Antworten zu suchen. Monatelang lasen sie Bücher, hörten Vorträge und beschäftigten sich mit der Frage, welche Rolle neben der medizinischen Behandlung auch Ernährung, Lebensstil und psychische Belastungen für das eigene Wohlbefinden spielen können.

Für Mariam wurde dabei eine Erkenntnis zum Wendepunkt. Sie wollte ihren Blick nicht länger nur auf die sichtbaren Symptome richten, sondern begann, auch andere Bereiche ihres Lebens genauer zu betrachten. Sie setzte sich mit ihrer Ernährung und ihren Gewohnheiten auseinander, aber auch mit tief sitzenden Glaubenssätzen, inneren Blockaden und belastenden Erfahrungen. 

„Schritt für Schritt veränderte sich mein Alltag“, erzählt sie. Irgendwann bemerkte sie auch eine Veränderung ihrer Haut. Zunächst langsam, dann immer deutlicher. Schließlich verschwanden die sichtbaren Hauterscheinungen vollständig.


Was Symptomfreiheit bei Psoriasis wirklich bedeutet

Heute sieht man Mariam ihre Erkrankung nicht mehr an. Seit mehr als drei Jahren, sagt sie, sei ihre Haut symptomfrei. Doch genau hier ist eine Einordnung wichtig. Symptomfrei bedeutet bei Psoriasis nicht geheilt. Die chronisch entzündliche Erkrankung kann über lange Zeit zur Ruhe kommen. Der Deutsche Psoriasis Bund berichtet sogar, dass bei rund einem Viertel der Betroffenen die Hauterscheinungen spontan abheilen können. Wie lange eine solche Phase anhält, lässt sich jedoch nicht vorhersagen.

Infektionen und psychischer Stress gehören zu den bekannten Faktoren, die neue Schübe auslösen können. Ob die Umstellungen in ihrem Leben ebenso zu dieser Ruhephase beigetragen haben, lässt sich im Nachhinein nicht eindeutig sagen.

Mariam selbst macht aus ihrer Geschichte deshalb kein Heilversprechen. „Ich möchte nicht sagen, dass das für jeden funktioniert. Aber meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt, dass es neben der klassischen Medizin auch andere Wege geben kann, die Menschen individuell unterstützen können."

Quelle: Deutscher Psoriasis Bund und gesund.bund.de


Aus der eigenen Erfahrung eine Berufung machen

Auf ihrem Instagram @zurueck.in.meiner.kraft dokumentiert Mariam ihren persönlichen Weg mit Psoriasis und spricht offen über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung. (Bild:Mariam/Privat)

Heute befindet sich Mariam in der abschließenden Phase ihrer Ausbildung zur Ernährungsberaterin und baut parallel ihre Selbstständigkeit auf. Menschen mit Psoriasis begleitet sie bereits mit ihrem eigenen ganzheitlichen Ansatz.

Dabei zieht sie selbst eine klare Grenze. „Ich verspreche niemandem Heilung. Jeder Mensch ist individuell und jeder Weg ist anders. Was ich anbiete, ist eine persönliche Begleitung und Hilfe zur Selbsthilfe.“

Was sie antreibt, führt am Ende zurück zu jener Frau, die sie durch ihre schwerste Zeit getragen hat. „Nicht jeder Mensch hat eine Zwillingsschwester wie ich. Nicht jeder hat jemanden, der in den dunkelsten Momenten die Hand hält und sagt: Wir schaffen das gemeinsam.“

Genau deshalb wünsche sie sich heute, für andere Menschen diese Begleiterin zu sein. „Jemand, der zuhört. Der Hoffnung schenkt. Der an ihrer Seite bleibt.“


Sichtbar sein verändert etwas

Mehr als zwei Millionen Menschen leben allein in Deutschland mit Psoriasis. Und obwohl die Schuppenflechte zu den häufigsten chronisch entzündlichen Hauterkrankungen gehört, bleibt vieles von dem, was sie mit einem Menschen macht, unsichtbar. Sichtbare Hautveränderungen können Stress, mitleidige oder abwertende Blicke und Ausgrenzung bedeuten. Sich trotzdem zu zeigen, kann enormen Mut kosten.

Menschen wie Mariam brechen dieses Tabu. Sie zeigen, dass Psoriasis kein Makel ist, den man verstecken muss, sondern Teil einer Lebensrealität, über die gesprochen werden sollte. Sie erinnern uns daran, wie viel unser eigener Blick ausmacht. Ganz egal, ob beim Bäcker, im Schwimmbad oder auf der Straße. Ein Mensch mit sichtbar veränderter Haut möchte nicht angestarrt oder gemieden werden. Er möchte vor allem eines sein dürfen, selbstverständlich Teil unserer Gesellschaft.


Medizinischer Hinweis: Psoriasis verläuft von Mensch zu Mensch unterschiedlich und gilt nach aktuellem Stand der Medizin als chronisch, aber behandelbar, nicht heilbar. Mariams Geschichte zeigt ihren ganz persönlichen Weg. Sie ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.

„Ich fühlte mich wie im Zoo“: Mariams Weg aus der Schuppenflechte

Japans „Heiratsmarkt“ der Eltern: Zwischen Weihnachtskuchen-Angst und neuer Freiheit

Ghana: Die verborgene Macht der Market Queens

Island: Wenn die Frauen das Land lahmlegen

Japans „Heiratsmarkt“ der Eltern: Zwischen Weihnachtskuchen-Angst und neuer Freiheit

Du sitzt abends auf dem Sofa, wischst seit gefühlt drei Stunden durch eine Dating-App und fragst dich zum hundertsten Mal, ob der nächste Mensch hinter dem pixeligen Profilfoto wirklich nach Liebe sucht oder insgeheim nur Bestätigung braucht. Der Daumen schmerzt, der Akku sinkt, die Lust auf den nächsten Smalltalk ist auf dem absoluten Nullpunkt. Und während wir in Deutschland über die Erschöpfung durch Tinder und Co. jammern, machen die Japaner etwas ganz anderes. Sie schicken einfach ihre Eltern los.

In Japan gewinnen Matchmaking-Veranstaltungen für Eltern, sogenannte Proxy Omiai, wieder an sichtbarer Aufmerksamkeit. Weil für viele Singles die Partnersuche im digitalen Raum zum kräftezehrenden Projekt geworden ist, greifen Mütter und Väter zur Selbsthilfe. Sorge um die Zukunft der erwachsenen Kinder, sinkende Heiratsraten und Japans verankerte Konkatsu-Kultur (die Suche nach dem Ehepartner) lassen diese Treffen florieren. Mütter und Väter treffen sich in Hotels bei Tee und Gebäck – komplett ohne ihren erwachsenen Nachwuchs. Im Gepäck haben sie handgeschriebene Lebensläufe, aktuelle Passfotos und Notizen über die Vorlieben ihrer Kinder. Die Eltern sondieren den Markt, tauschen Visitenkarten aus und prüfen, ob Sohn oder Tochter zu den Wünschen der anderen Familie passen könnte.

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Wenn die Eltern das Date vereinbaren, ganz ohne dich

Dabei blickt das traditionelle Omiai auf eine lange Geschichte zurück. Das Wort bedeutet schlicht „einander betrachten“ und bezeichnet ein formelles Treffen zwischen zwei potenziellen Ehepartnern, meist organisiert von einer Vermittlerin oder den Familien selbst. Im Japan der Vorkriegs- und frühen Nachkriegszeit kamen laut Langzeitstudien des National Institute of Population and Social Security Research (IPSS) noch rund 70 Prozent aller Ehen auf diesem Weg zustande. Mitte der 1960er Jahre überholte die Liebesheirat die arrangierte Ehe zahlenmäßig, heute liegt der Anteil echter Omiai-Ehen nur noch im niedrigen einstelligen Bereich.

Interessant ist, was gerade durch diesen elterlichen Trend passiert. Weil Singles es auf dem regulären Arbeits- und Freizeitmarkt schwer haben, nehmen immer mehr Eltern die Sache in die Hand. Selbst buddhistische Tempel bieten mittlerweile eigene Partnervermittlungen an, um den Familien in dieser gesellschaftlichen Umbruchphase zu helfen.


Der Weihnachtskuchen, der niemand sein will

In den 1980er Jahren etablierte sich in Japan ein Spitzname für unverheiratete Frauen über 25: „Weihnachtskuchen“. Der Hintergrund ist bitterböse simpel. Ein Weihnachtskuchen verliert nach dem 25. Dezember rapide an Wert, niemand will ihn danach noch haben. Genauso, so die zynische Logik dahinter, verliere eine Frau nach ihrem 25. Geburtstag an Attraktivität auf dem Heiratsmarkt.

Der Weihnachtskuchen verschwand irgendwann weitgehend aus dem Sprachgebrauch. Der gesellschaftliche Druck auf unverheiratete Frauen allerdings nicht. Anfang der 2000er machte ein neuer Begriff Karriere: „Makeinu“, wörtlich „Verliererhund“. Gemeint waren unverheiratete, kinderlose Frauen in ihren Dreißigern, popularisiert vor allem durch Junko Sakais Buch Makeinu no Tōboe von 2003. Sakai spielte darin satirisch mit genau diesem gesellschaftlichen Urteil, anstatt Frauen zu beschimpfen. Gleichzeitig heiraten japanische Frauen heute deutlich später als frühere Generationen. Nach IPSS-Zahlen lag das durchschnittliche Alter bei der ersten Hochzeit 2023 bei 29,7 Jahren, 1980 waren es noch 25,2 Jahre.


Zwischen Traumjob und Teezeremonie

Der eigentliche Knackpunkt liegt in der Zwickmühle, in der viele japanische Frauen stecken. Die Frage, wie sich Erwerbstätigkeit und Familie vereinbaren lassen, sorgt für anhaltende Spannungen. Statistiken zeigen zwar einen Wandel bei der Beschäftigung von Müttern, doch die gesellschaftlichen und beruflichen Erwartungen an Frauen bleiben hoch.

Dieser Konflikt schlägt sich in harten demografischen Zahlen nieder. Laut IPSS stieg der Anteil der Menschen, die mit 50 Jahren noch nie verheiratet waren, zwischen 1980 und 2020 bei Frauen von 4,45 auf 17,81 Prozent und bei Männern von 2,60 auf 28,25 Prozent. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die Zahl der Geburten zwar erstmals seit elf Jahren wieder leicht an (342.068 Geburten, ein Plus von 0,8 Prozent zum Vorjahreszeitraum, wie Berichte von Nippon.com zeigen), doch der langfristige Trend bleibt von niedrigen Fruchtbarkeitsraten geprägt. Da in Japan die große Mehrheit der Kinder innerhalb einer Ehe zur Welt kommt, hängen Heiratszahlen und Geburtenentwicklung hier eng zusammen.


Ohitorisama: Wenn Alleinsein selbstverständlich wird

Parallel dazu ist in Japan eine Kultur des bewussten Alleinseins sichtbarer und salonfähiger geworden. Was früher oft mit Mitleid betrachtet wurde, hat längst einen eigenen, positiven Namen bekommen: Ohitorisama – die Kunst, Dinge für sich allein zu tun.

Forscherinnen wie Laura Dales und Nora Kottmann beschreiben in neueren Untersuchungen zu Single-Leben und solo sociality in Japan ein faszinierendes Phänomen, das sich rund um den Begriff Sorokatsu (die Aktivitäten des Alleinseins) rankt. Es geht dabei längst nicht mehr nur darum, im Alltag zu überleben, wenn kein Partner da ist. Es ist eine bewusste Entscheidung für mehr Agency, Komfort und radikale Selbstbestimmtheit. In Tokio ist es völlig normal, allein in ein Restaurant zu gehen, das auf feinste Küche spezialisiert ist, sich in ein Kino zu setzen oder ganz allein in ein Onsen (heiße Quelle) zu reisen. Es gibt mittlerweile sogar Karaoke-Kabinen, die explizit für eine Person ausgelegt sind, oder Yakiniku-Restaurants, in denen die Grillplätze für den Einzelnen konzipiert wurden, ohne dass man komisch angeschaut wird.

Dahinter steckt eine tiefgreifende gesellschaftliche Verschiebung: Das eigene Wohlbefinden und die persönliche Freiheit werden höher gewichtet als der gesellschaftliche Zwang, unbedingt zu zweit durchs Leben zu gehen. Es geht um ein Lebensmodell, das nicht mehr darauf wartet, dass endlich jemand anderes mitkommt, sondern das Glück eigenhändig in die Hand nimmt. Egal, ob man Single ist oder in einer Beziehung lebt.


Was wir daraus mitnehmen können

Wenn wir von Proxy Omiai hören, erscheint uns der Gedanke im ersten Moment fast absurd. Unsere westliche Kultur feiert den individuellen Autonomiedrang: Niemand soll uns bei der Liebe hineinreden. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, überlassen wir unsere Partnersuche ohnehin längst anonymen Algorithmen, die uns durch unzählige Profile swipen lassen?

Vielleicht liegt der eigentliche Reiz des japanischen Beispiels nicht darin, dass Eltern unsere Dates aussuchen sollen. Sondern in der Frage, warum uns der Gedanke fremd ist, dass Menschen, die uns wirklich gut kennen, aktiv an unserer Partnersuche beteiligt sind, während wir gleichzeitig bereitwillig einer App vertrauen. Japan zeigt uns zwei parallele, faszinierende Realitäten. Familien, die sich liebevoll-pragmatisch ins Zeug legen, um Brücken zu bauen, und Menschen, die das Alleinsein in voller Unabhängigkeit zelebrieren. Beides erfordert Mut und vielleicht eine Runde Tee statt dem nächsten Wisch auf dem Display.


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Ghana: Die verborgene Macht der Market Queens

Während in westlichen Finanzmetropolen Vorstände, Banken und Großkonzerne traditionell stark von Männern geprägt sind, existiert in Westafrika ein völlig anderes, faszinierendes Machtmodell. Auf den riesigen Märkten Ghanas prägen Frauen das Wirtschaftsgeschehen. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Lebensmittelversorgung des Landes, organisieren Handelsnetzwerke, schlichten Konflikte und besitzen innerhalb vieler Märkte erheblichen Einfluss. Ein fundierter Blick auf eine weibliche Wirtschafts- und Machtstruktur, die im Westen kaum auf dem Schirm ist.

Wer den Kejetia-Market in Kumasi oder den geschichtsträchtigen Makola-Market in der Hauptstadt Accra betritt, taucht in eine andere Welt. Es ist ein lebendiger Ozean aus Farben, lauten Stimmen, dem Duft von getrocknetem Fisch und reifen Tomaten. Wer hier das Sagen hat, ist unübersehbar: Frauen in prachtvollen, traditionellen Kleidern und kunstvoll gebundenen Kopftüchern, deren Autorität von niemandem leichtfertig infrage gestellt wird. Sie werden im Volksmund respektvoll als Market Queens (in der lokalen Sprache Twi als Ohemaa) bezeichnet.

Dahinter verbirgt sich kein blosser Ehrentitel, sondern eine hochgradig organisierte, über Generationen gewachsene Institution, die einen wichtigen Teil der ghanaischen Binnenwirtschaft trägt.


Eine Stadt in der Stadt: Die Dimension der Märkte

Um zu verstehen, welche Bedeutung eine Market Queen haben kann, muss man zunächst die Dimension dieser Märkte begreifen. Der Kejetia Market in Kumasi ist kein kleiner afrikanischer Wochenmarkt. Der riesige Handelskomplex im Zentrum der Ashanti-Hauptstadt ist laut dem National Development Planning Commission (NDPC) der größte einzelne offene Markt Westafrikas. Der damalige Kumasi Metropolitan Assembly-Bericht nennt rund 12.000 Stände im bestehenden Markt. Nach der Neuentwicklung sollte die Zahl der Geschäfte sogar auf rund 48.000 steigen.

Die Dimension macht deutlich, dass es hier um weit mehr geht als um einzelne Verkaufsstände. Kejetia ist ein riesiger Wirtschaftskosmos, in dem täglich Händler, Käufer, Transporteure und Lieferanten zusammenkommen. Und mitten in diesem Kosmos stehen die Market Queens. Hinter einer einzelnen Marktführerin können Hunderte oder sogar Tausende Händlerinnen stehen. Ihre Entscheidungen und ihre Vermittlungsarbeit betreffen damit nicht nur einzelne Geschäfte, sondern ganze wirtschaftliche Netzwerke.

Händlerinnen auf einem ghanaischen Markt. Hier prägen Frauen seit Generationen den Handel und das wirtschaftliche Leben.
Bild: Tope J. Asokere/Pexels

Vom historischen Marktstand ins Zentrum der Macht

Die Wurzeln dieser weiblichen Handelsdominanz reichen weit zurück. Schon vor der kolonialen Ära spielten Frauen an der Goldküste eine wichtige Rolle in Landwirtschaft und Handel. Christabel Agyeiwaa von der University of Ghana zeigt in ihrer historischen Untersuchung, wie Frauen während der Kolonialzeit zu wichtigen Akteurinnen des Handels und der Märkte wurden.

Während der britischen Kolonialzeit, in der Männer oft in den formalen Verwaltungsapparat oder in die Plantagenarbeit gedrängt wurden, bauten die Frauen ihre Pfründe im informellen Sektor systematisch aus. Sie schlossen sich früh zu Verbänden zusammen, um sich gegen Willkür und Ausbeutung zu schützen. Bis heute existiert in vielen ghanaischen Märkten ein ausgeprägtes System von Händlerinnenverbänden.

Jede wichtige Warengruppe, ob Mais, Kochbananen oder Fleisch, hat ihre eigene Chefin (z. B. Maize Queen). Market Queens werden innerhalb ihrer Händlerorganisationen gewählt und gehören meist zu den erfahrenen Händlerinnen mit jahrzehntelanger Praxis und starkem diplomatischem Geschick.

Sie koordinieren Ernte- und Transportströme im engen Austausch mit den Landwirten. Studien zeigen, dass sie maßgeblich dazu beitragen, Lebensmittel aus ländlichen Regionen in die urbanen Zentren zu lenken und das Ernährungssystem zu stabilisieren.

Erfahrene Händlerinnen – historisch oft als Market Mummies bezeichnet, nehmen jüngere Frauen unter ihre Fittiche. Die Jüngeren lernen das Handwerk von der Pike auf und werden in die ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft eingeführt.


Maame Mary: Eine Königin, die selbst verkauft

Wie viel Verantwortung hinter dem Titel steckt, zeigt das Beispiel von Maame Mary. Mit rund 55 Jahren gehört sie zu den erfahrensten und einflussreichsten Händlerinnen auf einem der lebendigsten Handelsplätze von Accra, dem Agbogbloshie Market (bzw. den angeschlossenen großen Yam-Märkten der Hauptstadt). Auf diesem riesigen Markt, auf dem sich täglich Hunderte von Händlerinnen, Zwischenhändlern und Käufern drängen, koordiniert und vertritt sie als gewählte Market Queen die gesamte Gilde der Yam-Händlerinnen.

Wie kam sie in dieses Amt? Maame Mary handelt bereits seit rund 30 Jahren mit Yams und hat sich über all die Jahrzehnte durch eiserne Disziplin, kaufmännisches Geschick und ein starkes Netzwerk Respekt verschafft. Als die bisherige Vorsitzende der Yam-Händlerinnen verstarb, fiel die Wahl der Gemeinschaft einstimmig auf Maame Mary, denn sie galt als die Frau, die den Markt und seine ungeschriebenen Gesetze wie ihre eigene Westentasche kennt.

Dabei ist die Geschichte der gebürtigen Ghanaerin mehr als bemerkenswert. Sie besuchte nie eine Schule. Weder spricht sie Englisch noch kann sie lesen oder schreiben. Ihre gesamte Buchhaltung und Logistik steuert sie mit einem erstaunlichen, messerscharfen Gedächtnis unterstützt von ihren Töchtern, die am Abend die Schuldnerlisten führen. Wenn auf den Märkten die Yamsknollen knapp werden, wartet Maame Mary nicht ab. Sie reist dorthin, wo die großen Ernten aus dem Norden Ghanas eintreffen, organisiert den Einkauf und den Transport für ihre Gilde.

Neben ihrem eigenen Stand kümmert sie sich um den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Sie versorgt kleinere Straßenverkäuferinnen auf Kommissionsbasis mit Ware, schlichtet Streitigkeiten zwischen Händlerinnen, verhandelt mit den städtischen Behörden über Marktgebühren und steht ihren Kolleginnen bei privaten Krisen zur Seite. Ein Arbeitstag dauert für sie oft von neun Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Maame Mary zeigt damit auf eindrucksvolle Weise, wie weibliche Macht und unternehmerische Verantwortung in Westafrika aussehen – tief verwurzelt im Alltag, ganz ohne akademische Titel oder westliche Konzernstrukturen.

Eine Verkäuferin in Takoradi, Ghana, verkauft freudig gerösteten Mais im Freien.
Bild: Vincent Eshun/Pexels

Das Spannungsfeld: Marktmacht, Preiskritik und der Vorwurf von „Kartell“ und „Mafia“

Bemerkenswert ist die widersprüchliche Wahrnehmung dieser Frauen. Wo sie sich organisieren und ihre Interessen gemeinsam vertreten, ist in der öffentlichen Debatte schnell von „Kartell“ oder „Mafia“ die Rede. Verbraucherverbände in Ghana werfen den Verbänden immer wieder vor, ihre Marktmacht zu nutzen, um Preise für Grundnahrungsmittel zu beeinflussen und Preistreiberei zu betreiben.

Wissenschaftliche Untersuchungen von Forschern der Universität Hohenheim, darunter L. Scheiterle und R. Birner, zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. In ihrer landesweiten Untersuchung fanden sie keine Belege dafür, dass die Market Queens ein Marktmonopol bilden oder ihre Macht nutzen, um Preise festzusetzen. Stattdessen zeigen die Ergebnisse, dass die Organisationen vor allem wichtige soziale und wirtschaftliche Funktionen übernehmen.

Viel zu selten wird darüber gesprochen, was diese Gemeinschaften für ihre Mitglieder leisten. Sie helfen sich gegenseitig, sparen gemeinsam, geben Kredite und stehen füreinander ein, wenn es schwierig wird. So entsteht ein soziales Sicherheitsnetz, auf das sich viele Händlerinnen verlassen können.


Moderne Herausforderungen: Wandel, Supermärkte und aktuelle Reformen

Das traditionelle Handelssystem steht im 21. Jahrhundert spürbar unter Druck. Einerseits wächst in Accra eine urbane Mittelschicht heran, die für ihren Wochentagseinkauf zunehmend auf moderne Supermärkte ausweicht. Andererseits bleiben traditionelle Märkte für die Mehrheit der Bevölkerung unersetzlich.

Die Politik reagiert darauf mit massiven Infrastrukturprojekten, um Märkte mit Kühlhäusern und digitalen Zahlungssystemen auszustatten. Wie intensiv diese Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne verhandelt wird, zeigte sich zuletzt im September 2026, als die Umgestaltung des großen Agbogbloshie-Marktes in Accra vorläufig ausgesetzt wurde, um in intensiven Dialogen zwischen Regierung, Stadtverwaltung und Marktführern gemeinsame Lösungen zu finden.


Der blinde Fleck: Frauen, die längst Macht haben

Wenn in der internationalen Entwicklungsdebatte über Frauen in Afrika gesprochen wird, entsteht häufig ein bestimmtes Bild. Frauen gelten als ohne ausreichende Rechte, wirtschaftlich abhängig, gesellschaftlich benachteiligt und oft als Opfer von Diskriminierung. Dieses Bild ist nicht falsch, da Benachteiligung in vielen Bereichen Realität ist. Aber es ist eben nur ein Teil davon. Denn es gibt auch Frauen, die nicht am Rand der Wirtschaft stehen, sondern mitten in ihrem Zentrum.

Die Market Queens gehören zu diesen Frauen. Ihre Macht kommt nicht aus einem Parlament oder einem Vorstandsbüro. Sie entsteht aus Erfahrung, gegenseitigem Vertrauen und der Fähigkeit, eine Gemeinschaft zu organisieren.

Die Vorstellung von wirtschaftlicher Macht ist stark von westlichen Institutionen geprägt. Die Market Queens zeigen, dass wirtschaftliche Macht auch völlig anders aussehen kann, nämlich auf einem Markt zwischen Verkaufsständen, Lieferwagen und tausenden täglichen Geschäftsbeziehungen.

Die Market Queens erzählen deshalb eine andere Geschichte über weibliche Selbstbestimmung. Sie mussten nicht erst durch ein internationales Entwicklungsprogramm lernen, Verantwortung zu übernehmen; ihre Strukturen sind über Generationen gewachsen.

Und deshalb lohnt sich eine ehrliche Frage. Was wäre Ghana ohne diese Frauen? Wer würde Lieferketten sichern, Kredite organisieren, schlichten und für Tausende sprechen? Die Antwort zeigt, dass es Zeit für einen Perspektivwechsel ist. Vielleicht liegt hier unser blinder Fleck. Wir wissen genau, wo Frauen keine Macht haben. Wir wissen immer noch wenig über jene, die sie längst besitzen.

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Island: Wenn die Frauen das Land lahmlegen


Island: Wenn die Frauen das Land lahmlegen

Am 24. Oktober 1975 lief in Reykjavík kein Kaffee mehr durch die Maschine, Telefone in den Büros blieben stumm und Klassenzimmer leer. Der Grund dafür war kein Vulkanausbruch oder schwerer Sturm, es war nichts geringeres als die spürbare Macht der Isländerinnen. 90 Prozent von ihnen hatten beschlossen, an diesem Tag nicht zur Arbeit zu erscheinen. Island ist weltweit führend bei der Gleichberechtigung von Frauen und belegt seit Jahren Platz 1 im Global Gender Gap Index. Dass das kein Zufall ist, liegt an jenem Herbsttag im Jahr 1975, als die Frauen den Beweis antraten, dass ohne sie gar nichts läuft.

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Der Tag, an dem die Uhren stehen blieben

Schätzungsweise 90 Prozent der isländischen Frauen legten an diesem Tag ihre bezahlte oder unbezahlte Arbeit nieder, um dem Land vor Augen zu führen, wer den Alltag eigentlich am Laufen hielt. Ursprünglich von Frauenrechtsorganisationen als „freier Tag“ ausgerufen, entwickelte sich die Aktion zu einem gesellschaftlichen Erdbeben.

Schon am frühen Morgen machten sich die Folgen auf den Straßen bemerkbar. Die Busse blieben in den Depots, weil die Fahrerinnen streikten. In den Schulen fielen die ersten Stunden aus, weil Lehrerinnen und Erzieherinnen das Klassenzimmer verließen. Selbst das Parlament musste den Betrieb einschränken, da zahlreiche Mitarbeiterinnen fehlten. Die Frauen strömten stattdessen zu Kundgebungen, die größte davon versammelte rund 25.000 Menschen im Zentrum von Reykjavík. Bei einer damaligen Gesamtbevölkerung von kaum mehr als 200.000 Einwohnern eine gigantische Menschenmenge. Es war eine friedliche, aber unerschütterliche Demonstration von kollektiver Stärke.


Das Chaos in den Wohnzimmern und Chefetagen

Die Konsequenzen waren sofort spürbar. Plötzlich standen Väter hilflos vor ihren Arbeitsplätzen und wussten nicht, wohin mit dem Nachwuchs. In Bäckereien fehlten Hände, die Kinderbetreuung brach ein, Büros und Fabriken liefen im absoluten Notbetrieb.

Männer mussten ihre Kinder mit ins Büro bringen oder spontan improvisieren. Der Alltag, dessen reibungsloser Ablauf sonst stillschweigend vorausgesetzt wurde, geriet in einen echten Ausnahmezustand. Es war die ultimative Demonstration von Macht durch bloße Abwesenheit.


Wie isländische Frauen heute arbeiten und leben

Island bietet im europäischen Vergleich herausragende Bedingungen, aber die Realität ist auch hier komplex. Zwar ist die Erwerbsquote von Frauen traditionell hoch und das staatliche Betreuungsangebot stark ausgebaut, dennoch zeigen die Statistiken nach wie vor Differenzen bei Vollzeitjobs, Einkommen und der Aufteilung von Care-Arbeit.

Obwohl das System Frauen konsequent unterstützt, kämpfen auch Isländerinnen mit dem alltäglichen Spagat zwischen Familie und Karriere. Dennoch hat sich eine Kultur etabliert, in der finanzielle Unabhängigkeit und Chancengleichheit die unumstrittene Basis bilden, auch wenn das für die Einzelne kein garantierter Automatismus ist.


Warum Island Deutschland bei der Gleichstellung voraus ist

Was also macht Island anders als Deutschland? Schließlich gehören beide Länder zu den wohlhabenden europäischen Demokratien, Frauen haben Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und zu politischen Ämtern. Und trotzdem liegt zwischen ihnen im Global Gender Gap Index 2026 ein deutlicher Abstand. Island hat 93 Prozent seiner Geschlechterlücke geschlossen und steht damit zum 17. Mal in Folge auf Platz eins. Deutschland erreicht 81,7 Prozent und landet auf Platz neun.

Besonders sichtbar wird der Unterschied dort, wo Entscheidungen getroffen werden. Beim politischen Einfluss von Frauen erreicht Island einen Wert von 95,4 Prozent, während Deutschland auf 61,6 Prozent kommt. Frauen sitzen in Island nicht nur mit am Tisch, sie sind seit Jahrzehnten in den höchsten politischen Ämtern des Landes präsent, bei den Ministerposten herrscht inzwischen Geschlechterparität.

Auch im Berufsleben fällt der Abstand auf. Bei wirtschaftlicher Teilhabe und wirtschaftlichen Chancen erreicht Island 81,6 Prozent, Deutschland 69,6 Prozent. Deutschland landet in dieser Kategorie weltweit nur auf Platz 80. Trotz hoher Erwerbstätigkeit von Frauen bestehen hierzulande weiterhin deutliche Unterschiede beim Einkommen und beim Zugang zu wirtschaftlichen Führungspositionen.

Und dann ist da die Frage, die für Familien ganz praktisch darüber entscheidet, wie gleichberechtigt das Leben nach der Geburt eines Kindes weitergeht. In Island stehen grundsätzlich jedem Elternteil sechs Monate Elternzeit zu, wobei nur bis zu sechs Wochen auf den anderen Elternteil übertragen werden können. Väter bekommen damit nicht einfach einen Teil der Zeit, den die Mutter ihnen überlässt, sondern einen eigenen gesetzlichen Anspruch. Das macht die Betreuung eines Kindes nicht automatisch perfekt verteilt, setzt aber von Anfang an ein klares Signal. Familie ist nicht allein Sache der Mutter.

Island ist auch im Jahr 2026 nicht am Ziel, aber das Land zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie viel sich verändern kann, wenn Gleichberechtigung nicht nur ein gesellschaftliches Ideal bleibt, sondern in konkrete Strukturen übersetzt wird.


Die Isländerinnen von heute: Zwischen Macher-Mentalität und Alltag

Wer heute durch Reykjavík reist, erlebt eine Gesellschaft, in der Frauen in allen Branchen und Führungsetagen völlig selbstverständlich präsent sind. Auf der Insel leben rund 396.500 Menschen, darunter gut 193.000 Frauen und Mädchen sowie rund 230 Personen mit Non-Binary- oder sonstigen Einträgen.

Erwerbstätigkeit gehört für die große Mehrheit zum normalen Lebensentwurf, auch wenn Frauen nach wie vor häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer. Diskussionen über Lohndifferenzen und die Aufteilung von Familienaufgaben gehören auch hier zum Alltag. Was Isländerinnen jedoch prägt, ist eine spürbare, unaufgeregte Eigenverantwortung, man packt Dinge an, statt lange zu lamentieren.

Quelle: Bevölkerungsstatistiken und Arbeitsmarktdaten von Statistics Iceland.


Ein historischer Wendepunkt für die Politik

Der Streik von 1975 rüttelte das Land nachhaltig wach. Nur fünf Jahre später wählte Island am 29. Juni 1980 mit Vigdís Finnbogadóttir das weltweit erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt. Am 1. August 1980 trat sie ihr Amt an und blieb 16 Jahre Präsidentin.

In den folgenden Jahrzehnten folgten konsequente politische Reformen und neue Gesetze, die Island zu einem globalen Vorbild in Sachen Gleichstellung machten, als kontinuierlicher Prozess, der bis heute fortgeschrieben wird.

Quelle: Offizielle Regierungsbiografien und historische Abrisse des isländischen Präsidialamtes.


Der moderne Arbeitskampf: Nach Feierabend ist Schluss

Den Geist des Protests haben sich Isländerinnen bis heute bewahrt. Das zeigt sich vor allem bei den regelmäßigen Aktionen gegen die verbleibende Lohnlücke. Anhand aktueller Statistiken errechnen Aktivistinnen exakt die Uhrzeit, ab der Frauen im Vergleich zu Männern rein statistisch gratis arbeiten, bekannt sind Aktionen um 14:08 Uhr im Jahr 2005, 14:25 Uhr im Jahr 2010, 14:38 Uhr im Jahr 2016 oder 14:55 Uhr im Jahr 2018. An diesen Tagen legen Frauen exakt zu diesem Zeitpunkt demonstrativ die Arbeit nieder.

Flankiert wird das Ganze von strengen staatlichen Vorgaben. Zum 1. September 2026 trat in Island ein reformiertes Gesetz zur Entgeltberichterstattung in Kraft. Unternehmen und Behörden ab 50 Beschäftigten müssen seither regelmäßig belegen, ob ihre Löhne fair und geschlechtergerecht verteilt sind. Gibt es unerklärbare Lohnunterschiede, greift ein verbindlicher Korrekturplan.

Ein halbes Jahrhundert nach dem historischen Frauenstreik zeigt der Blick nach Island vor allem eines. Der Weg zur echten Gleichberechtigung ist ein Marathon, kein Sprint. Der 24. Oktober 1975 wurde zu einem entscheidenden Meilenstein auf diesem Weg. Seitdem hat Island seine Strukturen immer wieder weiterentwickelt, von der Elternzeit bis zu den neuen Regeln zur Lohntransparenz. Perfekt ist der Alltag auch dort nicht, aber er zeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn gewohnte Verhältnisse konsequent hinterfragt werden.

Quelle: Berichte isländischer Frauenorganisationen, das entsprechende Entgeltgesetz sowie offizielle Veröffentlichungen der isländischen Behörden mit Stand September 2026.


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Wer einen achtmonatigen Behördenmarathon hinter sich hat, weiß, wie zermürbend das Warten auf ein Schreiben sein kann. Für die 34-jährige Vanessa ging es um nichts Geringeres als ihre finanzielle Sicherheit. Dazwischen lagen Arztberichte, Reha Unterlagen, Gutachten und immer wieder die Frage, wie man eine Erschöpfung beweist, die niemand sehen kann.

Wie hart dieser Kampf sein kann, zeigen auch die Reaktionen auf unser erstes Interview mit Vanessa. Leserinnen mit Multipler Sklerose berichteten uns von jahrelangen Rentenverfahren, abgelehnten Anträgen und dem Gefühl, bei Begutachtungen um die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Erkrankung kämpfen zu müssen. Eine Betroffene schrieb uns, eine Gutachterin habe sie sogar für eine Simulantin gehalten.

Vanessas Geschichte nahm einen anderen Verlauf. Nach acht Monaten wurde ihr die volle Erwerbsminderungsrente bewilligt. Im Interview erzählt sie, worauf es bei Unterlagen und Begutachtungen ankam und was sie heute denjenigen sagen würde, die noch auf ihre Entscheidung warten.

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Wenn niemand einem den Weg zeigt

Healthy Lady: Vanessa, als klar wurde, dass du wegen deiner MS und der starken Fatigue deinen bisherigen Alltag nicht mehr bewältigen kannst, wusstest du überhaupt, welche Hilfen dir zustehen könnten?

Vanessa: Am Anfang wusste ich das überhaupt nicht. Ich musste mir die Informationen Stück für Stück selbst zusammensuchen. Erst meine behandelnden Ärzte und später eine Beratungsstelle haben mir erklärt, welche Anträge und Unterstützungsmöglichkeiten für mich infrage kommen. Gerade am Anfang war das ziemlich überfordernd.


Healthy Lady: Viele deiner Anträge hast du während der Reha gestellt. Wie lief das dort konkret ab?

Vanessa: Während meiner Reha im ZAR Bethel in Bielefeld hat mir vor allem eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes sehr geholfen. Sie hat mir überhaupt erst erklärt, welche Möglichkeiten es gibt und welche Leistungen für mich infrage kommen könnten.

Wir haben die einzelnen Schritte gemeinsam besprochen und bei einigen Anträgen wurde mir auch geholfen, sie direkt anzustoßen. Ganz ohne Eigeninitiative ging es danach trotzdem nicht. Ich musste mich weiterhin selbst um Unterlagen kümmern und einiges zusammentragen. Für mich war die Reha aber der Punkt, an dem ich überhaupt erst einen Überblick bekommen habe.

Du weißt nicht, wo du anfangen sollst?

  • Nicht jeder Antrag geht an dieselbe Stelle
    Pflegegrad, Schwerbehindertenausweis und Erwerbsminderungsrente laufen über unterschiedliche Leistungsträger. Deshalb lohnt es sich, zuerst zu klären, welcher Antrag für deine Situation überhaupt infrage kommt.
  • Reha kann ein wichtiger Schritt sein
    Bei einer Erwerbsminderungsrente gilt grundsätzlich „Reha vor Rente“. Die Rentenversicherung prüft zunächst, ob eine medizinische oder berufliche Reha deine Erwerbsfähigkeit erhalten oder verbessern kann.
  • Sammle deine Unterlagen von Anfang an
    Für einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente sind unter anderem Angaben zu deinen behandelnden Ärzten, Krankenhaus und Reha Aufenthalten sowie vorhandene Befunde, Gutachten und Reha Entlassungsberichte relevant.
  • Du musst den Rentenantrag nicht allein ausfüllen
    Die Deutsche Rentenversicherung bietet kostenlose Unterstützung beim Ausfüllen und Stellen des Rentenantrags an.

Quelle: Deutsche Rentenversicherung


Wenn unsichtbare Einschränkungen anerkannt werden müssen

Healthy Lady: Du hast einen Schwerbehindertenausweis beantragt. Wie funktioniert so ein Antrag in der Praxis?

Vanessa: Den Antrag habe ich beim zuständigen Versorgungsamt beziehungsweise bei der zuständigen Behörde gestellt. Ich musste vor allem medizinische Unterlagen und Befundberichte einreichen, zum Beispiel Berichte meiner behandelnden Ärzte und aus der Reha. Wichtig war, möglichst konkret zu beschreiben, wie sehr mich die MS und insbesondere die Fatigue im Alltag einschränken.

Wenige Tage nach der Antragstellung habe ich eine Eingangsbestätigung bekommen. Darin wurde eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von etwa drei Monaten oder auch länger angegeben. Das hängt unter anderem davon ab, ob weitere Berichte oder Stellungnahmen benötigt und nachgereicht werden müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich noch immer keine Rückmeldung.


Healthy Lady: Wie hast du gegenüber Behörden und Gutachtern deutlich gemacht, wie stark du im Alltag tatsächlich eingeschränkt bist? Was würdest du anderen Betroffenen raten, damit ihre Beschwerden nicht unterschätzt werden?

Vanessa: Gerade bei Fatigue ist es schwierig, weil man die Einschränkungen von außen nicht sieht. Ich habe deshalb möglichst konkret beschrieben, was ich im Alltag nicht mehr schaffe, wie schnell meine Energie nachlässt und wie lange ich danach Erholung brauche.

Anderen Betroffenen würde ich raten, konkrete Beispiele zu nennen und vielleicht ein Fatigue-Tagebuch zu führen. So lässt sich besser zeigen, wie stark die Beschwerden den Alltag tatsächlich einschränken.


Der Pflegegrad: Was bei der Begutachtung wirklich zählt

Healthy Lady: Auch einen Pflegegrad hast du beantragt. Wie lief die Begutachtung bei dir ab und was wollte man über deinen Alltag wissen?

Vanessa: Bei mir wurde schließlich Pflegegrad 1 festgestellt. Ein Gutachter beziehungsweise eine Gutachterin kommt in der Regel zu einem nach Hause. Im Gespräch geht es dann sehr konkret um den Alltag. Entscheidend ist nicht in erster Linie die Diagnose, sondern wie selbstständig man seinen Alltag noch bewältigen kann und wobei regelmäßig Hilfe benötigt wird.

Dabei werden verschiedene Bereiche angeschaut. Bei der Mobilität geht es zum Beispiel darum, ob man alleine aufstehen, gehen oder Treppen steigen kann. Es wird aber auch nach kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten gefragt, etwa nach Orientierung, Verständnis oder der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

Weitere Themen sind psychische Problemlagen und die Selbstversorgung. Kann man sich alleine waschen und anziehen? Wie klappt der Toilettengang? Auch der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen spielt eine Rolle, zum Beispiel die Einnahme von Medikamenten oder Arztbesuche. Außerdem wird betrachtet, wie selbstständig man seinen Tagesablauf gestalten und soziale Kontakte pflegen kann.

Wichtig finde ich, nicht nur zu erzählen, was theoretisch noch irgendwie möglich wäre, sondern wie es im Alltag tatsächlich funktioniert. Gerade bei Erkrankungen, bei denen die Belastbarkeit schwankt, sollten auch schwierige Tage zur Sprache kommen.

Für den Termin kann es hilfreich sein, vorher einige Tage lang ein kleines Pflege oder Hilfetagebuch zu führen. Darin kann man festhalten, wobei Unterstützung nötig ist und wie der Alltag tatsächlich aussieht.


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Healthy Lady: Was hat sich durch den Pflegegrad für dich verändert?

Vanessa: Durch Pflegegrad 1 steht mir der Entlastungsbetrag von 131 Euro monatlich zu. Damit kann ich eine anerkannte Unterstützung im Haushalt nutzen. Für mich bedeutet das vor allem Entlastung. Wenn mir bestimmte Dinge im Haushalt abgenommen werden, kann ich meine Energie besser für andere wichtige Dinge einteilen. Das gibt mir mehr Sicherheit und hilft mir dabei, mich im Alltag nicht ständig über meine Grenzen hinaus zu belasten.


Die Haushaltshilfe: Loslassen lernen

Healthy Lady: Wie schwer war es für dich, selbst Unterstützung für deinen Haushalt zu beantragen, und wie hast du gelernt, diese Hilfe anzunehmen?

Vanessa: Das war für mich persönlich ein ziemlich schwieriger Schritt. Gerade weil ich früher selbst als Haushaltshilfe gearbeitet habe, war es ungewohnt und auch emotional, plötzlich selbst Unterstützung zu brauchen.

Ich musste erst lernen, dass Hilfe anzunehmen keine Schwäche ist. Durch die Unterstützung habe ich gemerkt, dass ich meine Kräfte besser einteilen kann. Heute sehe ich diese Hilfe deshalb als Entlastung und nicht als etwas, für das ich mich rechtfertigen muss.

Du brauchst Hilfe im Haushalt? So stellst du den Antrag

Wenn eine Erkrankung dich vorübergehend daran hindert, deinen Haushalt selbst zu führen, kann deine Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen eine Haushaltshilfe bezahlen. Den Antrag stellst du direkt bei deiner gesetzlichen Krankenkasse, am besten telefonisch oder über ihr Kontaktformular. Ruf am besten vorher kurz an und frag nach, was genau du dafür brauchst, jede Kasse handhabt das ein bisschen anders, manche übernehmen sogar mehr, als gesetzlich vorgeschrieben ist.

Hast du bereits einen Pflegegrad, gibt es noch eine zweite Möglichkeit. Über deine Pflegekasse kannst du dann den sogenannten Entlastungsbetrag nutzen, aktuell bis zu 131 Euro im Monat. Damit lässt sich zum Beispiel Unterstützung im Haushalt bezahlen. Das Geld darfst du nur bei einem anerkannten Anbieter einsetzen, nicht bei einer privat organisierten Hilfe.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit


Healthy Lady: Wie sieht diese Unterstützung bei dir heute konkret aus?

Vanessa: Einmal pro Woche kommt für etwa eineinhalb Stunden Unterstützung zu mir. In dieser Zeit werden Dinge im Haushalt übernommen, die gerade anfallen. Das können zum Beispiel Wäsche, Saugen und Wischen oder auch das Fensterputzen sein. Der Zugang zu dieser Unterstützung ging bei mir relativ schnell und ich hatte keine langen Wartezeiten.


Die Erwerbsminderungsrente: Der längste Weg

Healthy Lady: Mit 34 hast du schließlich die Erwerbsminderungsrente beantragt. Wann war für dich der Moment erreicht, an dem du wusstest, dass Arbeiten gesundheitlich nicht mehr so möglich ist wie zuvor?

Vanessa: Der Punkt war erreicht, als ich gemerkt habe, dass selbst einfache Tätigkeiten mich so stark erschöpfen, dass ich mich danach kaum noch erholen konnte. Ich konnte meine Arbeitsleistung nicht mehr zuverlässig abrufen und musste mir eingestehen, dass es gesundheitlich so nicht weitergeht.

Den Antrag auf Teil-Erwerbsminderungsrente habe ich bereits vor der Reha mit meiner Neurologin angestoßen. Die medizinischen Berichte aus der Reha und von meinen behandelnden Ärzten waren dabei besonders wichtig.


Healthy Lady: Du hast zunächst eine teilweise Erwerbsminderungsrente beantragt. Bewilligt wurde dir schließlich die volle Erwerbsminderungsrente. Wie kam es dazu?

Vanessa: Das ist richtig. Gemeinsam mit meiner Neurologin hatte ich zunächst nur die teilweise Erwerbsminderungsrente in die Wege geleitet. Die Deutsche Rentenversicherung hat meinen Antrag und die medizinischen Unterlagen geprüft und mir am Ende die volle Erwerbsminderungsrente bewilligt.


Healthy Lady: Acht Monate hat es bei dir bis zur Entscheidung gedauert. Was wurde in dieser Zeit geprüft? Musstest du noch weitere medizinische Nachweise einreichen oder zu einer zusätzlichen Begutachtung?

Vanessa: Die acht Monate waren für mich eine belastende Zeit. Geprüft wurden vor allem meine gesundheitlichen Einschränkungen und ob ich unter diesen Bedingungen noch dauerhaft arbeiten kann. Dafür wurden unter anderem die Reha-Berichte und Befunde meiner behandelnden Ärzte herangezogen. Teilweise musste ich noch weitere Unterlagen nachreichen. Ich musste nicht noch zusätzlich durch eine Begutachtung durch. Die ärztlichen Befunde waren ausreichend.

Finanziell war diese Zeit schwierig, stand aber auch an zweiter Stelle. Mir ging und geht es bis zum heutigen Zeitpunkt nicht so gut, um dem Arbeitsmarkt aktuell so zur Verfügung zu stehen, wie es gewünscht wird.


Healthy Lady: Dann kam die Bewilligung der vollen Erwerbsminderungsrente, zunächst für drei Jahre. Wie war der Moment, als du den Bescheid gelesen hast und was bedeutet diese Entscheidung heute für dein Leben?

Vanessa: Ich war erst einmal überwältigt. Es waren wirklich gemischte Gefühle. Einerseits war es traurig und endgültig, weil ich mir eingestehen musste, dass Arbeiten für mich aktuell nicht mehr so möglich ist wie früher. Andererseits ist eine enorme Last von meinen Schultern gefallen, weil die finanzielle Unsicherheit endlich vorbei war.

Heute bedeutet die Rente für mich vor allem Sicherheit. Ich kann meine Energie besser einteilen und mich auf meine Gesundheit und meinen Alltag konzentrieren, ohne ständig den Druck zu haben, wieder funktionieren zu müssen.


Der Fehler, den du nicht machen solltest

Healthy Lady: Wenn heute eine Frau mit MS und Fatigue vor dir sitzt, die merkt, dass sie ihren Alltag oder ihre Arbeit kaum noch schafft, aber von Pflegegrad, GdB, Haushaltshilfe und Erwerbsminderungsrente völlig überfordert ist, welchen Weg würdest du ihr empfehlen?

Vanessa: Ich würde ihr raten, nicht alles gleichzeitig machen zu wollen. Als Erstes würde ich mir Unterstützung bei einer Reha, einer Sozialberatung oder einem Sozialverband holen und gemeinsam schauen, welche Anträge überhaupt infrage kommen.

Sinnvoll ist, alle wichtigen Unterlagen zu sammeln. Arzt- und Reha-Berichte, Medikamentenpläne, Bescheide und vor allem eine Dokumentation, wie sich die Fatigue konkret auf den Alltag auswirkt.

Der wichtigste Fehler wäre für mich, die eigenen Einschränkungen herunterzuspielen. Man sollte ehrlich und möglichst konkret beschreiben, was an einem normalen und an einem schlechten Tag nicht mehr funktioniert. Und man sollte sich nicht scheuen, Hilfe anzunehmen, man muss diesen Weg nicht alleine schaffen.

Hier bekommst du Hilfe bei deinen Anträgen:

  • Sozialdienst in der Reha
    Hilft dir dabei herauszufinden, welche Leistungen für dich infrage kommen, welche Anträge du stellen kannst und welche Unterlagen du dafür brauchst.
  • Sozialverbände wie VdK oder SoVD
    Beraten ihre Mitglieder unter anderem zur Erwerbsminderungsrente, zum Schwerbehindertenrecht und zur Pflege und können auch bei Widersprüchen unterstützen.
  • DMSG
    Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft bietet speziell für Menschen mit MS Sozialberatung an und hilft bei Fragen rund um sozialrechtliche Leistungen und Anträge.
  • Deutsche Rentenversicherung
    Berät dich kostenlos zur Erwerbsminderungsrente und hilft dir auch beim Ausfüllen und Stellen des Rentenantrags.

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Der „Nice Girl“ Effekt: Wenn du für Harmonie deine eigenen Grenzen übergehst

Du sagst Ja und ärgerst dich zehn Minuten später darüber. Eine Bemerkung verletzt dich, aber du sprichst sie nicht an, weil du keine Diskussion willst. Rücksicht zu nehmen gehört zu jeder Beziehung. Schwierig wird es, wenn daraus ein Muster entsteht und die eigenen Bedürfnisse regelmäßig verschwinden, damit die Stimmung gut bleibt.

Gerade Frauen können mit der Erwartung konfrontiert sein, verständnisvoll und kompromissbereit zu sein. Was passiert, wenn Harmonie immer wieder bedeutet, selbst nachzugeben?

Der „Nice Girl“ Effekt ist keine psychologische Diagnose und auch kein wissenschaftlicher Fachbegriff. Das Verhalten dahinter ist dennoch Gegenstand psychologischer Forschung. Ein wichtiges Konzept dabei heißt Self Silencing.

„Ich fühlte mich wie im Zoo“: Mariams Weg aus der Schuppenflechte

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Wenn du lieber schweigst

Self Silencing beschreibt ein Muster, bei dem Menschen eigene Gedanken und Gefühle zurückhalten, um Konflikte zu vermeiden oder eine Beziehung zu schützen. Das Konzept wurde Anfang der 1990er Jahre von der Psychologin Dana Crowley Jack entwickelt. Gemeinsam mit Diana Dill entwickelte sie die sogenannte Silencing the Self Scale, mit der entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen untersucht werden können.

Quelle: Jack & Dill, Psychology of Women Quarterly, „The Silencing the Self Scale. Schemas of Intimacy Associated With Depression in Women“, 1992

Wie sich dieses Verhalten innerhalb einer Beziehung zeigen kann, untersuchten Melinda Harper und Deborah Welsh bei 211 jugendlichen Paaren. Menschen mit stärkerem Self Silencing berichteten häufiger davon, in Konflikten nachzugeben und schlechter mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu kommunizieren. Auch auf der anderen Seite blieb das nicht unbemerkt. Die jeweiligen Partner berichteten über mehr Frustration und Unbehagen in der gemeinsamen Interaktion. Interessant daran ist, dass Schweigen einen Konflikt kurzfristig verhindern kann, das eigentliche Problem damit aber nicht unbedingt verschwindet.

Quelle: Harper & Welsh, Journal of Social and Personal Relationships, „Keeping Quiet. Self Silencing and Its Association With Relational and Individual Functioning Among Adolescent Romantic Couples“, 2007

Auch das Unterdrücken von Gefühlen wurde in Paarbeziehungen untersucht. Emily Impett und ihr Forschungsteam beschäftigten sich damit, was passiert, wenn Menschen für ihre Beziehung persönliche Opfer bringen und dabei ihre Emotionen zurückhalten. Stärkere emotionale Unterdrückung war mit emotionalen und partnerschaftlichen Kosten verbunden. In einem Teil der Untersuchung sagte sie drei Monate später außerdem eine geringere Beziehungszufriedenheit und mehr Trennungsgedanken voraus.

Das bedeutet nicht, dass jedes unausgesprochene Nein einer Beziehung schadet. Die Studien zeigen vielmehr, dass ständige Anpassung nicht automatisch der friedlichere Weg ist.

Quelle: Impett et al., Personality and Social Psychology Bulletin, „Suppression Sours Sacrifice. Emotional and Relational Costs of Suppressing Emotions in Romantic Relationships“, 2012


Warum ein Nein so schwerfallen kann

Manchmal ist die Bitte gar nicht das Problem. Unangenehm ist die Vorstellung davon, was nach einem Nein passieren könnte. Ist die andere Person enttäuscht? Entsteht Streit? Wirke ich egoistisch?

Beim Self Silencing spielt genau diese Beziehungsebene eine Rolle. Eigene Wünsche werden zurückgestellt, wenn ihre Äußerung als Gefahr für die Beziehung empfunden wird. Das ursprüngliche Konzept entstand vor dem Hintergrund weiblicher Beziehungserfahrungen und berücksichtigt auch gesellschaftliche Vorstellungen darüber, welche Rolle Frauen in Beziehungen einnehmen.

Eine einfache Erklärung für jedes vorschnelle Ja gibt es trotzdem nicht. Wer schlecht Nein sagen kann, hat nicht automatisch ein Trauma oder eine Bindungsstörung. Aus diesem Verhalten allein lässt sich eine solche Diagnose nicht ableiten.

Quelle: Jack & Dill, Psychology of Women Quarterly, „The Silencing the Self Scale. Schemas of Intimacy Associated With Depression in Women“, 1992


Wenn aus Anpassung Frust wird

Du übernimmst etwas, obwohl du eigentlich keine Zeit hast. Dein Gegenüber freut sich und bei dir bleibt das Gefühl, schon wieder zurückgesteckt zu haben.

Das Problem dabei ist, dass die andere Person möglicherweise gar nicht weiß, dass dein Ja eigentlich ein Nein war.

Wie daraus Frust entstehen kann, zeigt ein Experiment mit einem simulierten Online Dating Szenario. Die Teilnehmenden konnten ihre eigenen Vorlieben und Meinungen gegenüber einem vermeintlichen potenziellen Date zurückhalten. Anschließend wurden sie von dieser Person zurückgewiesen.

Bei den Frauen zeigte sich ein Zusammenhang. Je stärker sie sich zuvor gegenüber diesem potenziellen Partner selbst zurückgenommen hatten, desto mehr Feindseligkeit berichteten sie nach der Zurückweisung. Bei den Männern zeigte sich dieser Zusammenhang in diesem Experiment nicht.

Die Untersuchung lässt sich nicht auf jede Beziehung übertragen. Sie zeigt aber, dass starke Anpassung einen Preis haben kann, wenn dahinter die Hoffnung steht, vom Gegenüber akzeptiert zu werden.

Quelle: Romero Canyas et al., Journal of Experimental Social Psychology, „After All I Have Done For You. Self Silencing Accommodations Fuel Women's Post Rejection Hostility“, 2013

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Grenzen müssen nicht hart klingen

Grenzen werden schnell mit Konfrontation verwechselt. Dabei kann ein Nein vollkommen unspektakulär sein. Wenn du eine Einladung nicht annehmen möchtest, brauchst du keine lange Rechtfertigung. Ein „Heute schaffe ich es nicht“ reicht. Bist du dir noch nicht sicher, musst du auch nicht sofort entscheiden. „Ich schaue, ob es für mich passt, und melde mich später“ nimmt den Druck aus dem Moment.

Auch in Beziehungen muss nicht jede Irritation heruntergeschluckt werden. Wenn dich etwas beschäftigt, kannst du es ansprechen, bevor sich über Wochen Ärger ansammelt. Entscheidend ist nicht, besonders hart aufzutreten, sondern überhaupt sichtbar zu machen, was für dich nicht passt.

Wer lange fast immer Ja gesagt hat und plötzlich häufiger Nein sagt, verändert eine eingespielte Dynamik. Dass andere darauf zunächst irritiert reagieren, macht sie nicht automatisch zu toxischen Menschen. Wichtiger ist, was danach passiert. Wird dein Nein akzeptiert oder entsteht immer wieder Druck, sobald du nicht mitmachst?


Bevor du wieder automatisch Ja sagst

Wenn du dich nach einer Zusage häufig fragst, warum du eigentlich schon wieder Ja gesagt hast, lohnt es sich, die Entscheidung für einen Moment aufzuschieben.

Frag dich, ob du tatsächlich zusagen möchtest. Wenn du unsicher bist, stell dir die Situation ohne die mögliche Enttäuschung des anderen vor. Würdest du dich dann genauso entscheiden?

Auch dein Ärger nach einer Zusage kann ein Hinweis sein. Wenn du regelmäßig sofort Ja sagst und dich kurze Zeit später darüber ärgerst, kannst du beim nächsten Mal genau an dieser Stelle ansetzen und dir vor der Antwort etwas Zeit nehmen.

Das löst kein tief verankertes Verhaltensmuster über Nacht. Es verhindert aber, dass jede Bitte automatisch mit einer Zusage endet.


Nett sein heißt nicht immer Ja sagen

Natürlich gehören Kompromisse zu Beziehungen. Wir tun Dinge für Menschen, die uns wichtig sind, obwohl wir selbst manchmal lieber etwas anderes gemacht hätten. Das ist keine Selbstaufgabe.

Problematisch wird es, wenn die eigenen Wünsche regelmäßig weniger zählen und ein Nein kaum noch möglich scheint.

Rücksicht funktioniert nicht nur in eine Richtung. Und manchmal ist ein ehrliches Nein fairer als ein Ja, hinter dem längst Ärger steckt.


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