Indien: Pink, Bambus und die Frauen der Gulabi Gang
Man sieht sie schon von Weitem. Leuchtend pinkfarbene Saris, in den Händen lange Bambusstöcke, die in Indien Lathis heißen. Wenn die Frauen der Gulabi Gang in einem Dorf im Norden des Landes auftauchen, ist klar, dass jemand Besuch bekommt, den er nicht erwartet hat. Meist ist es ein Mann, der seine Frau schlägt, Kinder missbraucht oder Frauen den Zugang zu staatlichen Hilfen verwehrt. Wo Polizei und Justiz wegschauen, nehmen diese Frauen das Recht im Namen der Solidarität in die eigene Hand.
Ein Landstrich, in dem Hilfe weit weg ist
Es ist eine Welt, in der viele Frauen schon früh lernen, dass ihre Stimmen wenig zählen. Bundelkhand, eine Region im Norden Indiens, die sich über Teile von Uttar Pradesh und Madhya Pradesh erstreckt, gehört zu den ärmsten Landstrichen des Landes. Die Sommer sind heiß, Regen bleibt immer wieder aus, und für viele Familien ist schon die Sicherung des täglichen Lebens eine Herausforderung. Doch für Frauen kommt häufig eine weitere Last hinzu. Gesellschaftliche Regeln, die seit Generationen darüber bestimmen, wie sie zu leben haben.
In manchen Dörfern entscheiden noch immer die Familien darüber, wen eine Tochter heiratet. Mädchen werden verheiratet, obwohl Kinderheirat längst verboten ist. Mitgiftforderungen können Familien in den finanziellen Ruin treiben. Und wer einer gesellschaftlich benachteiligten Kaste angehört, spürt oft schon im Alltag, wie tief die Grenzen zwischen den Menschen verlaufen. Besonders schwer haben es Frauen aus den Dalit Gemeinschaften, deren Angehörige über Jahrhunderte als sogenannte „Unberührbare“ ausgegrenzt wurden.
Was aber, wenn eine Frau sich gegen all das wehrt? Wenn sie nicht länger hinnehmen möchte, dass ihr Mann sie schlägt? Wenn sie den Mut aufbringt, zur Polizei zu gehen und um Schutz zu bitten?
Nicht immer findet sie dort die Hilfe, die ihr zusteht. Korruption, Vorurteile und die Macht einflussreicher Familien können dazu führen, dass Anzeigen nicht ernst genommen werden und Gewalt ohne Konsequenzen bleibt. Für eine Frau, die finanziell von ihrem Ehemann abhängig ist und vielleicht mehrere Kinder versorgen muss, kann schon der Gang zur Polizeiwache ein enormes Risiko bedeuten. Viele schweigen, weil sie fürchten, was geschieht, wenn sie sich dagegenstellen.
Genau diese Frauen wollte Sampat Pal nicht länger alleinlassen. Was mit ihrem Widerstand gegen einen gewalttätigen Ehemann begann, entwickelte sich zu einer Bewegung, die weit über ihr Heimatdorf hinaus bekannt wurde. Frauen schlossen sich zusammen, begleiteten Betroffene zu Behörden, stellten Männer zur Rede und verlangten Antworten von Menschen, die es gewohnt waren, dass ihnen niemand widersprach.
Ihre pinkfarbenen Saris wurden zum Erkennungszeichen einer Gemeinschaft, die sich nicht mehr so leicht zum Schweigen bringen ließ.
Der Tag, an dem Sampat Pal zum Stock griff
Gegründet wurde die Bewegung von Sampat Pal Devi, der Tochter eines armen Hirten. Schon als Zwölfjährige wurde sie verheiratet, mit 15 bekam sie ihr erstes Kind. Insgesamt brachte sie fünf Kinder zur Welt. Wie wenig Freiheit Mädchen und Frauen in ihrer Heimat oft zugestanden wurde, hatte sie früh erfahren.
Wie alles begann, erzählt die Gulabi Gang auf ihrer Website. Eines Tages beobachtete Sampat Pal in ihrem Dorf einen Mann, der seine Frau brutal schlug. Sie mischte sich ein und forderte ihn auf, aufzuhören. Doch statt auf sie zu hören, beschimpfte er auch sie.
Pal ließ die Sache nicht auf sich beruhen. Am nächsten Tag kehrte sie zurück. Diesmal hatte sie einen Bambusstock dabei und fünf Frauen an ihrer Seite. Gemeinsam gingen sie auf den Mann los und schlugen ihn mit ihren Stöcken.
Die Geschichte machte in den umliegenden Dörfern schnell die Runde. Immer mehr Frauen wandten sich an Sampat Pal, weil sie selbst Gewalt oder Unrecht erlebten. Andere wollten sich ihr anschließen. Aus einer kleinen Gruppe wurde eine Bewegung, die 2006 schließlich einen Namen und ein gemeinsames Erkennungszeichen bekam. Fortan trugen die Frauen pinkfarbene Saris.
Was mit dem Widerstand gegen einen gewalttätigen Ehemann begonnen hatte, sollte bald weit über die Grenzen ihres Dorfes hinaus bekannt werden.
Warum ausgerechnet Pink?
Pink ist eine Farbe, bei der man eher an Blumen, Hochzeiten oder ein fröhliches Fest denkt als an Frauen, die mit Bambusstöcken gegen gewalttätige Männer und korrupte Beamte vorgehen. Doch genau dieser ungewöhnliche Gegensatz macht die Gulabi Gang schon von Weitem unverwechselbar.
Die Entscheidung für Pink hatte allerdings zunächst einen ganz praktischen Grund. Sampat Pal erzählte später in Interviews, dass ihre Mitstreiterinnen bei großen Demonstrationen im Gedränge manchmal den Kontakt zueinander verloren. Sie brauchten etwas, woran sie sich sofort erkennen konnten. Eine gemeinsame Farbe sollte Abhilfe schaffen.
Nur welche? Blau war bereits mit einer politischen Partei verbunden, andere Farben erinnerten an religiöse Gruppierungen. Sampat Pal wollte sich keiner davon zuordnen lassen. Also fiel die Wahl auf Pink. Eine Farbe, die damals keine der großen politischen oder religiösen Organisationen in ihrer Umgebung für sich beanspruchte.
Am 14. Februar 2006 bekam die wachsende Frauengruppe schließlich ihr gemeinsames Erkennungszeichen. Die Frauen legten Geld zusammen und kauften in Kanpur pinkfarbene Saris. Fortan trugen sie diese vor allem bei gemeinsamen Aktionen und öffentlichen Auftritten.
Und die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Eine einzelne Frau konnte in der Menschenmenge leicht übersehen werden. Doch eine ganze Gruppe in leuchtendem Pink, die gemeinsam vor einer Polizeiwache oder einem Behördengebäude erschien, war kaum zu ignorieren.
Zu den Saris kamen die Lathis, lange Stöcke aus Holz oder Bambus, wie sie in Indien auch von Polizeikräften eingesetzt werden. In den Händen der Gulabi Gang waren sie zugleich Erkennungszeichen und Drohung. Die Frauen wollten sich Gehör verschaffen, notfalls auch mit körperlicher Gewalt.
So wurde aus einer einfachen Kleiderordnung ein Markenzeichen, das weit über die Dörfer von Bundelkhand hinaus bekannt wurde. Und ausgerechnet eine Farbe, die viele mit Sanftheit verbinden, stand plötzlich für Frauen, die sich nicht mehr alles gefallen lassen wollten.
Mehr als Bambusstöcke und mutige Worte
Die Methoden der Gulabi Gang sind ebenso ungewöhnlich wie ihr Auftreten. Sampat Pal beschreibt sie als eine Mischung aus Gesprächen, öffentlichem Druck und, wenn aus ihrer Sicht nichts anderes mehr hilft, körperlicher Gewalt. Wenn eine Frau von ihrem Ehemann geschlagen wird, greifen die Aktivistinnen nicht sofort zu ihren Bambusstöcken. Zunächst suchen sie das Gespräch, stellen den mutmaßlichen Täter zur Rede und versuchen, ihn zur Einsicht zu bringen. Oft geschieht das vor den Augen der Dorfgemeinschaft. Denn wer sein Ansehen verliert, überlegt sich möglicherweise zweimal, ob er sein Verhalten fortsetzt.
Doch nicht jeder lässt sich durch Worte beeindrucken. Wenn Gespräche scheitern oder die Situation eskaliert, schrecken die Frauen auch vor Schlägen nicht zurück. Dass sie damit selbst gegen Gesetze verstoßen können, gehört zu den Widersprüchen dieser Bewegung.
Dabei beschränkt sich ihr Kampf längst nicht auf häusliche Gewalt. Die Frauen mischen sich auch ein, wenn Behörden ihre Aufgaben vernachlässigen, staatliche Hilfen verschwinden oder arme Familien um Leistungen gebracht werden, die ihnen eigentlich zustehen.
Wie weit sie dabei gehen, zeigte sich 2008 im Distrikt Banda. In mehreren Dörfern war der Strom abgestellt worden. Wer wieder Licht haben wollte, sollte offenbar erst einmal Schmiergeld bezahlen. Rund 300 Frauen in pinkfarbenen Saris machten sich daraufhin auf den Weg zum zuständigen Elektrizitätswerk. Sie umstellten das Gebäude, schlossen Mitarbeiter ein und verlangten, dass die Stromversorgung wiederhergestellt wird. Nach einem Bericht der Irish Times dauerte es keine Stunde, bis die Lichter wieder angingen.
Schon ein Jahr zuvor hatten die Aktivistinnen einen anderen Missstand aufgedeckt. Lebensmittel, die eigentlich für arme Familien bestimmt waren, sollten offenbar auf dem freien Markt verkauft werden. Die Frauen beobachteten die Vorgänge und stoppten zwei Lastwagen mit staatlich subventioniertem Getreide. Als die Behörden nicht wie gefordert einschritten, kam es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit der Polizei.
Auch eine kaputte Straße wurde zum Anlass für eine ungewöhnliche Protestaktion. Als sich die zuständigen Behörden weigerten, die dringend benötigte Reparatur in Angriff zu nehmen, soll Sampat Pal laut Berichten über die Bewegung einen Beamten aus seinem Auto gezogen haben, damit er sich den Zustand der Straße selbst ansieht.
Kampf um Bildung und Unabhängigkeit der indischen Frauen
Doch zwischen all den lautstarken Protesten und Auseinandersetzungen gibt es auch eine andere Seite der Gulabi Gang. Die Bewegung setzt sich für die Bildung von Mädchen ein und unterstützt Frauen dabei, wirtschaftlich unabhängiger zu werden. Gerade in einer Region, in der viele Frauen kaum eigenes Geld verdienen und von ihren Ehemännern abhängig sind, kann schon ein kleines Einkommen darüber entscheiden, ob sie eine gewalttätige Beziehung verlassen können.
Die Gulabi Gang engagiert sich deshalb auch für berufliche Fähigkeiten, Bildungsangebote und Möglichkeiten, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Ihr Anliegen reicht weit über die Bestrafung einzelner Männer hinaus. Sie will die Lebensbedingungen von Frauen verändern, die bisher kaum Einfluss auf Entscheidungen hatten, die ihr eigenes Leben betreffen.
Dass diese Bewegung einen Nerv traf, zeigte sich an ihrem Wachstum. Was einst mit einer Handvoll mutiger Frauen begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer gewaltigen Bewegung. Während Medienberichte um 2014 noch von bis zu 270.000 Mitgliedern sprachen, nennt die Gulabi Gang auf ihrer offiziellen Website inzwischen eine deutlich größere Zahl. Rund 1,4 Millionen Frauen sollen heute mit der Bewegung verbunden sein.
Auch politisch hinterließ die Bewegung Spuren. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Anadolu zufolge wurden 2010 insgesamt 21 Mitglieder in lokale Selbstverwaltungsgremien gewählt. Frauen, die zuvor kaum Gehör fanden, saßen damit plötzlich selbst dort, wo Entscheidungen getroffen wurden.
So unterschiedlich ihre Aktionen auch sind, eines haben sie gemeinsam. Die Gulabi Gang wartet nicht geduldig darauf, dass sich jemand ihrer Probleme annimmt. Sie sucht das Gespräch, organisiert Proteste und setzt Verantwortliche unter Druck. Manchmal mit Erfolg, manchmal mit Methoden, die selbst Fragen nach Recht und Unrecht aufwerfen.
Zwischen Heroismus und harter Kritik
Die Methoden der Gulabi Gang sind in Indien und darüber hinaus nicht unumstritten. Sampat Pal sprach zeitweise von einer angeblichen Erfolgsquote von 100 Prozent bei Schlichtungen von häuslicher Gewalt.
Vor allem stößt der Einsatz von Selbstjustiz und körperlicher Gewalt bei indischen Frauenrechtlerinnen und Juristinnen oft auf Skepsis. Zwar herrscht Einigkeit darüber, dass das offizielle Justizsystem korrupt, schwerfällig und feindselig gegenüber Frauen ist. Dennoch wird argumentiert, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegen muss und private Bestrafungsaktionen langfristig keinen Rechtsstaat aufbauen können.
Hinzu kamen schwere interne Konflikte. 2014 wurde Sampat Pal nach anhaltenden Vorwürfen finanzieller Unregelmäßigkeiten und Alleinherrschaft aus der Führungsgruppe ausgeschlossen. Die Organisation spaltete sich teilweise, und die Nachfolge übernahm Suman Singh Chauhan. Auch juristische Auseinandersetzungen und Strafverfahren gegen Pal wurden in den Medien dokumentiert, deren genaue Hintergründe von außen schwer zu gewichten sind.
Von der Kinoleinwand bis zum Rauswurf aus der eigenen Gruppe
Was einst in einem kleinen Dorf in Nordindien begann, wurde schließlich auch für die internationale Filmwelt interessant. 2010 begleitete die britische Regisseurin Kim Longinotto Sampat Pal und ihre Mitstreiterinnen für den Dokumentarfilm Pink Saris. Ihre Kamera zeigt Frauen, die sich gegen Gewalt und Unterdrückung wehren, aber auch eine eigenwillige Anführerin, deren direkte Art nicht immer auf Zustimmung stößt.
Zwei Jahre später folgte die Dokumentation Gulabi Gang der indischen Filmemacherin Nishtha Jain. Sie zeigt, wie schwierig es sein kann, gegen Gewalt vorzugehen, wenn Familien und Dorfgemeinschaften mutmaßliche Täter schützen. Auch Bollywood entdeckte das Thema. 2014 erschien der Spielfilm Gulaab Gang mit Madhuri Dixit. Sampat Pal war von der filmischen Darstellung allerdings wenig begeistert und kritisierte sie öffentlich.
Doch was wurde eigentlich aus der Frau, die einst mit fünf Mitstreiterinnen und einem Bambusstock losgezogen war?
Sampat Pal ist bis heute aktiv. Zwar wurde sie 2014 nach internen Machtkämpfen aus einer Führungsgruppe ausgeschlossen, doch damit war ihre Arbeit keineswegs beendet. Noch im Oktober 2026 berichtete eine indische Zeitung, dass sie im Distrikt Banda die Familie zweier ermordeter Kinder besuchte und die Behörden aufforderte, weitere Beschuldigte festzunehmen. Fast zwanzig Jahre nach der Gründung der Gulabi Gang ist sie also noch immer dort anzutreffen, wo Menschen um Gerechtigkeit kämpfen.
Sampat Pal und die Frauen in Pink geben nicht auf
Die Geschichte der Gulabi Gang ist keine makellose Heldinnengeschichte. Ihre Methoden sind umstritten, ihre Führung war von Machtkämpfen geprägt. Doch aus fünf Frauen, die sich mit Bambusstöcken einem gewalttätigen Mann entgegenstellten, wurde eine Bewegung, die weit über Indiens Grenzen hinaus bekannt ist. Frauen, die zuvor kaum jemand ernst nahm, fanden Verbündete und den Mut, sich gemeinsam gegen Unrecht zu wehren.
Und Sampat Pal? Sie ist inzwischen Ende sechzig und noch immer unterwegs, wenn Menschen ihre Hilfe brauchen. Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit sie zum ersten Mal mit einem Bambusstock loszog. Offenbar hat sie noch immer nicht vor, ihn aus der Hand zu legen.
Quellen im Überblick: Gulabi Gang, Sciences Po Paris, The Irish Times, Anadolu Agency sowie indische Medienberichte und Dokumentationen über die Bewegung.
Wer die Frauen der Gulabi Gang unterstützen möchte, kann dies auch mit einer Spende tun. Auf ihrer offiziellen Website sammelt die Organisation Geld für ihre Arbeit mit benachteiligten Frauen und Mädchen. Die Frauen sollen Zugang zu Bildung erhalten, einen Beruf erlernen und eigenes Geld verdienen können. Wie das aussehen kann, zeigt ein kleines Projekt, über das die Gruppe berichtet. Mit fünf gespendeten Nähmaschinen sollen Frauen das Schneiderhandwerk lernen und sich damit eine eigene Existenz aufbauen können.








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