Interview

Trauer verarbeiten: Psychologin Dr. Doris Wolf erklärt, was nach dem Verlust wirklich hilft

Ein geliebter Mensch stirbt, und plötzlich scheint die Welt stillzustehen. Während für das Umfeld der Alltag oft schon nach wenigen Tagen weitergeht, bleibt für die Hinterbliebenen nichts mehr, wie es war. Manche weinen ununterbrochen, andere funktionieren scheinbar ganz normal. Wieder andere spüren zunächst kaum etwas.
Doch ist all das normal? Muss man den Schmerz zulassen, um einen Verlust verarbeiten zu können?
Und woran lässt sich erkennen, dass professionelle Hilfe notwendig wird?

Dr. Doris Wolf ist Diplompsychologin, psychologische Psychotherapeutin und Autorin zahlreicher Bestseller-Ratgeber. Darin begleitet sie Menschen durch schwierige Phasen ihres Lebens. Im Interview erklärt sie, weshalb jeder Mensch anders trauert, was in dieser Zeit wirklich helfen kann und warum die Rückkehr ins Leben keinen Verrat am verstorbenen Menschen bedeutet.


Gibt es wirklich feste Phasen der Trauer?

Healthy Lady: In Ihrem Buch beschreiben Sie vier Phasen der Trauer. Gleichzeitig betonen Sie, dass jeder Mensch seinen Verlust anders erlebt. Müssen Trauernde diese Phasen tatsächlich durchlaufen, oder können sie sich überschneiden, wiederholen oder auch ganz anders zeigen?

Dr. Doris Wolf: Es gibt nicht die eine richtige Trauer. Wie sie verläuft, hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab, wie z.B. den Umständen des Todes, der Dauer und Intensität der Beziehung zum Verstorbenen, den finanziellen Bedingungen, ob kleine Kinder vorhanden sind, den bisherigen Erfahrungen mit Trauer, der generellen Einstellung zu Leben und Tod und dem Selbstwertgefühl der Trauernden. Die 4 Phasen sind also eine Art Modell, das sehr hilfreich sein kann.

Trauernde können dadurch besser verstehen, dass Trauer nichts ist, was in vier Wochen vorbei sein kann. Sie können besser verstehen, dass sie von den unterschiedlichsten körperlichen und seelischen Zuständen begleitet wird. Die Phasen sind nicht unbedingt klar getrennt, sie laufen in Wellen, aber die Richtung ist vorgegeben. Man kann jedoch auch in einer Phase steckenbleiben.


Die ersten Wochen: Wie unterschiedlich Trauer aussieht

Healthy Lady: Nach einem Verlust möchten manche Menschen so schnell wie möglich wieder funktionieren und in ihren Alltag zurückkehren. Andere ziehen sich vollständig zurück und wollen niemanden sehen. Was davon ist normal, und wie unterschiedlich kann Trauer gerade in den ersten Wochen und Monaten aussehen?

Dr. Doris Wolf: Viele Betroffene haben Angst, in einem Strudel der Trauer zu ertrinken. Deshalb stürzen sie sich in Aktivitäten, verplanen die Tage, so gut es geht. Manche versuchen, den Abstand über einen Urlaub oder eine Auszeit zu gewinnen. Andere verkaufen sofort ihr Haus und ziehen um. Wiederum andere stürzen sich in ein Suchtverhalten, trinken exzessiv oder betäuben sich mit Beruhigungsmitteln. Das mag am Anfang hilfreich sein, doch auf Dauer kann man damit die Trauer nicht umgehen.

Andere Trauernde lassen sich ganz in der Trauer versinken. Für sie gibt es kein „normales Leben" mehr. Es kann sogar so weit gehen, dass sie die Hygiene und die Ernährung vernachlässigen. Sie brechen den Kontakt zu Freunden ab, denn ihrer Ansicht nach kann ihnen niemand helfen.


Macht es einen Unterschied, wen man verliert?

Healthy Lady: Macht es psychologisch einen Unterschied, ob jemand ein Elternteil, den Partner oder das eigene Kind verliert? Oder hängt die Intensität der Trauer weniger von der familiären Rolle als von der Beziehung zum verstorbenen Menschen ab?

Dr. Doris Wolf: Die Trauer hängt weniger von der Stellung in der Familie ab als von der Einstellung zum Verstorbenen und welche Bedeutung er im Leben des Trauernden gespielt hat.


Wie lange darf Trauer dauern?

Healthy Lady: Viele Trauernde fragen sich irgendwann, wie lange ihr Schmerz noch dauern darf. Gibt es überhaupt einen Zeitpunkt, an dem Trauer vorbei sein sollte, oder kann sie auch Jahre später plötzlich wieder mit großer Kraft zurückkehren?

Dr. Doris Wolf: Zunächst müssen wir uns fragen, was es bedeutet, dass Trauer vorbei sein soll. Sie verändert sich, aber kann bis ans Lebensende in manchen Situationen wieder aufploppen. Ich beschreibe es immer so:

„Am Anfang ist sie wie ein schwerer Sturm mit dunklen schweren Wolken, der nicht enden will. Im Verlauf der Zeit verwandelt sie sich in kurze leichte Schauer, nach denen die Sonne ganz schnell wieder auftaucht."

Wenn ein neuer Trauerfall eintritt oder man plötzlich eine schwere Erkrankung bekommt und alleine lebt, kann sie auch wieder verstärkt auftauchen.


Schmerz zulassen oder auch Freude erlauben?

Healthy Lady: Trauernde hören häufig, sie müssten ihren Schmerz zulassen. Ist das aus psychologischer Sicht tatsächlich der beste Weg, oder sind Ablenkung, Lachen und schöne Momente ebenso wichtig?

Dr. Doris Wolf: Ich schlage immer zwei Wege vor: Eine Aufgabe ist es, das Trauern zuzulassen und auszudrücken. Die andere besteht darin, sich an ein „Leben danach" heranzutasten und es aufzubauen. Wir müssen beide Wege gehen.

Healthy Lady: Warum fühlen sich manche Menschen schuldig, sobald sie wieder Freude empfinden?

Dr. Doris Wolf: Wir alle haben ein Modell von Trauern im Kopf, was man darf und was nicht. Sich wieder zu freuen oder gar zu verlieben, wird oft mit der Vorstellung verknüpft, dass man den verstorbenen Menschen nicht genügend geliebt hat oder sich ihm gegenüber illoyal verhält.


Was Trauer mit dem Körper macht

Healthy Lady: Trauer spielt sich nicht nur in der Seele ab. Betroffene leiden häufig auch unter körperlichen Symptomen. Was geschieht während der Trauer in unserem Körper?

Dr. Doris Wolf: Der Verlust eines Menschen gehört zu den Situationen, die den meisten Stress auslösen können. Körper und Seele sind nicht getrennt. Der Körper ist nach einem Todesfall in einem chronischen Alarmzustand. Es kommt zu Herz-/Kreislauf- oder Magen/Darmproblemen, Schlafstörungen, Essstörungen, Schmerzen, Muskelverspannungen, Atemproblemen, Konzentrationsproblemen, usw.


Trauer oder Depression?

Healthy Lady: Trauer und Depression können sich zunächst sehr ähnlich anfühlen. Welche Anzeichen sprechen dafür, dass es sich nicht mehr allein um eine normale Trauerreaktion handelt? Wann sollte man sich professionelle Unterstützung suchen?

Dr. Doris Wolf: Professionelle Hilfe sollte man sich suchen, wenn man seine Selbstfürsorge, Hygiene, Ernährung, etc. dauerhaft vernachlässigt. Weitere Signale, bei denen man handeln sollte, sind: Suizidgedanken und konkrete Gedanken an die Ausführung. Betroffene sind über mehr als sechs Monate hinaus nicht mehr in der Lage, ihr normales Alltagsleben zu führen. Die Trauer verändert sich nicht über die Zeit. Die Gedanken der Betroffenen kreisen nur um die verstorbene Person, sie fühlen sich erstarrt oder voller Schmerz, plagen sich mit Schuldgefühlen und empfinden ein Gefühl der Sinnlosigkeit.


Was konkret hilft

Healthy Lady: Welche psychologischen Strategien helfen dabei, einen schweren Verlust zu verarbeiten? Gibt es kleine Schritte, die Sie Trauernden für besonders schwierige Tage empfehlen?

Dr. Doris Wolf: Auch da gibt es wieder keine Standardtipps. Auf besonders schwierige Tage sollte man sich vorbereiten – beispielsweise eine Freundin einladen oder besuchen. Man kann einen Spaziergang machen, wenn Bewegung guttut. Wenn man im Internet zurechtkommt, kann man sich auch in einem Trauer-Forum mit anderen Betroffenen austauschen.

Wichtig ist also die Frage: „Was kann ich an diesem Tag tun, um mir diesen Tag zu erleichtern?"

Schon früh beschäftigte sich Doris Wolf mit der Rolle des Lesens in der Psychotherapie. 1988 promovierte sie in Heidelberg über Bibliotherapie (Bild: Dr. Doris Wolf/privat)

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Trauerbewältigung – mit der Trauer leben lernen

Wie der Weg durch die verschiedenen Phasen des Abschieds verläuft und wie Betroffene wieder ein inneres Gleichgewicht finden, erklärt Dr. Doris Wolf in ihrem Fachbeitrag auf der Website des PAL Verlags.

→ Zum Fachbeitrag


Was das Umfeld tun kann

Healthy Lady: Auch Familie und Freunde fühlen sich häufig hilflos, weil sie nicht wissen, was sie sagen oder tun sollen. Was hilft einem trauernden Menschen wirklich? Welche gut gemeinten Sätze können dagegen zusätzlich verletzen?

Dr. Doris Wolf: Verletzen können Sätze wie „Du bist ja noch so jung und kannst einen anderen Menschen finden", „Du solltest jetzt so langsam darüber hinweg sein", „Sei nicht traurig, er wurde erlöst", „Ihr hattet doch viele Jahre ein schönes Leben" oder „Anderen geht es doch auch so. Da muss man halt durch."

Hilfreich ist für viele Trauernde, wenn man sie immer wieder anruft, Hilfe bei der Bürokratie oder alltäglichen Dingen wie Einkaufen anbietet und einfach nur zuhört. Ein Angebot wie „Du kannst anrufen, wenn es dir schlecht geht" wird oft nicht angenommen, weil die Kräfte fehlen.


Warum wir das Thema meiden

Healthy Lady: Obwohl jeder Mensch früher oder später mit Tod und Verlust konfrontiert wird, sprechen wir im Alltag kaum darüber. Warum verdrängen wir das Thema so stark? Kann man schon vor einem konkreten Verlust lernen, besser mit Tod und Trauer umzugehen?

Dr. Doris Wolf: Der Tod wird mit Hilf- und Kontrolllosigkeit verknüpft. Wir tun uns schwer, uns einzugestehen, dass unser Leben endlich ist. Da wir jedoch keine Wahl haben und jeden von uns der Tod ereilt, ist es hilfreich, wenn wir uns bei Lebzeiten damit beschäftigen. Dazu gehört z.B. auch, eine Patientenverfügung zu verfassen und uns zu überlegen, wie wir bestattet werden wollen.


Loslassen, ohne zu vergessen

Healthy Lady: In Ihrem Buch geht es immer wieder um das Annehmen und Loslassen. Was bedeutet Loslassen nach dem Tod eines geliebten Menschen eigentlich? Geht es darum, wirklich Abschied zu nehmen, oder darum, eine neue innere Verbindung zum Verstorbenen zu finden?

Dr. Doris Wolf: Loslassen bedeutet nicht, den Verstorbenen zu vergessen. Zum einen geht dies gar nicht, zum anderen wäre es schade, denn er ist Teil unserer Erfahrungen. Loslassen bedeutet, dass unsere Gedanken wieder auf die Gegenwart und Zukunft konzentriert sind und wir uns ein Leben „danach" aufbauen. Es bedeutet, Hadern mit dem Schicksal und Wut aufzugeben. Es bedeutet, uns neue Aufgaben zu erschließen und neue Freunde zu finden. Es bedeutet, Frieden damit zu schließen, dass unser Leben eine Wendung genommen hat.


Zum Weiterlesen:
In ihrem Ratgeber „Einen geliebten Menschen verlieren“
begleitet Dr. Doris Wolf Menschen durch die verschiedenen
Phasen der Trauer und zeigt, wie ein Leben nach dem Verlust
langsam wieder möglich werden kann.

Dr. Doris Wolf, „Einen geliebten Menschen verlieren“,
PAL Verlag, 232 Seiten


Der eine Gedanke zum Schluss

Healthy Lady: Wenn Sie einem Menschen, der gerade jemanden verloren hat, nur einen einzigen Gedanken mit auf den Weg geben dürften, welcher wäre das?

Dr. Doris Wolf:

„Deine Trauer wird sich verändern, sie wird nicht ewig so schmerzhaft sein, auch wenn der verlorene Mensch nicht zurückkommen wird."


Redaktioneller Hinweis: Falls du gerade selbst mit einem Verlust kämpfst oder dich Suizidgedanken belasten, bleib damit nicht allein. Die TelefonSeelsorge erreichst du kostenfrei und anonym rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

Ein Video sorgt weltweit für Schlagzeilen. Es zeigt eine hochschwangere Frau, die ihr Kind in den Wellen des Pazifiks zur Welt bringt. Wenig später folgen Bilder einer zweiten Ozeangeburt in der Karibik. Medien von Australien bis Argentinien berichten über die außergewöhnlichen Aufnahmen, die 2022 Millionen Menschen erreichen. Die Bilder gehen um die Welt und mit ihnen eine Welle der Empörung.

Josy Cornelius (41, geb. Peukert), fünffache Mutter aus Deutschland, die heute mit ihrer Familie in Nicaragua lebt, wird zur Projektionsfläche unterschiedlichster Meinungen. Für die einen ist sie mutig. Für die anderen verantwortungslos. Kaum ein anderer Geburtsmoment wurde in den vergangenen Jahren so emotional diskutiert wie dieser.

Doch während sich Schlagzeilen und Meinungen überschlagen, bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Wer ist die Frau hinter diesen Bildern wirklich?

In diesem exklusiven Interview spricht Josy Cornelius über die Geschichte hinter den Bildern, den Preis der weltweiten Aufmerksamkeit, ihren Weg von der Intensivstation zur gefragten Expertin und den Umgang mit dem Vorwurf, Frauen zu gefährlichen Geburten zu animieren.


Im Rhythmus der Wellen: Die Geburt im Pazifik

Healthy Lady: Liebe Josy, viele kennen dich durch die spektakulären Bilder deiner Geburten im Ozean. Hast du damit gerechnet, dass du danach zu einer polarisierenden Figur wirst? Was macht es mit dir, wenn man dich ungefragt in diese Schublade steckt, die „verrückte Aussteigerin“, die ohne jegliche Vorbereitung ihr Kind allein im Pazifik gebärt?

Josy Cornelius: Nein, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Die Frage würde ja schon implizieren, dass ich irgendetwas berechnet hätte. Aber genau das war nie der Fall. Ich hatte damals einfach meinen Instagram-Account und habe unsere Geburt geteilt, um unser Glück und unsere Freude zu teilen. Es gab überhaupt nicht den Gedanken, dass das einmal solche globalen Ausmaße annehmen würde. Wenn ich das rückgängig machen könnte, würde ich es tun.

Ich empfinde mich selbst auch gar nicht als „polarisierende Figur“. Das ist eher etwas, was gesellschaftlich daraus gemacht wird. Und wenn man mich in diese Schublade steckt, als „verrückte Frau, die allein im Ozean gebärt“, dann steckt in dieser Beschreibung eine Aneinanderreihung von Fehlinformationen. Es wird medial oft so dargestellt, als wäre das eine völlig spontane, unüberlegte Aktion gewesen, was schlicht falsch ist. Vieles davon hat mit Vorurteilen und Projektionen zu tun. Ein Auswandererleben, Meergeburten, Reichweite, das triggert einfach sehr viel in den Menschen.

„Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.“


Healthy Lady: Du sagst, das Bild der unvorbereiteten Aussteigerin ist eine Fehlinformation. Wie sah die Realität aus? Wie gut warst du tatsächlich auf diesen Schritt vorbereitet und stimmt es, dass du anderen Frauen sogar eher von einer Ozeangeburt abrädst?

Josy Cornelius: Diese Pazifikgeburt war über 40 Wochen lang vorbereitet und mit Vorbereitung meine ich wirklich Tag und Nacht. Ich glaube, viele können sich überhaupt nicht vorstellen, was für eine Mammutaufgabe das in jeder Hinsicht ist. Nicht nur emotional oder organisatorisch, sondern vor allem auch medizinisch. Man kann das nicht kleinreden. Es braucht unglaublich viel Wissen, um für all die „Was wäre wenn“-Fälle vorbereitet zu sein.

Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal. Ich weiß, wie man reanimiert. Ich weiß, was in echten Notfällen zu tun ist und wie viel Zeit bei massiven Blutungen bleibt. Mein Mann war in all das involviert und ich habe ihn intensiv gebrieft. Er wusste genau, wie eine arterielle Blutung aussieht, was im Worst Case zu tun wäre und welche Handgriffe dann nötig sind. Wenn eine Frau eine Meergeburt möchte, dann ist das nichts, was man in der 36. Woche spontan entscheidet.

Deshalb irritiert mich auch bis heute, wenn Frauen denken, sie könnten das einfach nachmachen. Ich habe nie gesagt, dass irgendjemand einfach ins Meer gehen sollte. Im Gegenteil, ich würde jeder Frau immer wieder davon abraten, wenn sie keine Ahnung hat, worauf sie sich einlässt. Das wäre lebensgefährlich für Mutter und Kind. Es gibt strikte Voraussetzungen. Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.

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Healthy Lady: Nimm uns mit in den Moment deiner Geburt im Ozean. Was hast du gefühlt? Wie war das für dich?

Josy Cornelius: Diese Geburt war nicht einfach ein schöner Moment, der irgendwie vom Himmel gefallen ist. Sie war das Ergebnis einer extrem umfangreichen Vorbereitung.

Wir haben damals nur etwa zehn Minuten vom Meer entfernt gewohnt. Ich habe über zwölf Wochen hinweg Ebbe und Flut getrackt, und zwar mit einer App, sodass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit genau wusste, wie der Wasserstand ist. Dazu kamen Wetter, Strömung, Bedingungen vor Ort — all diese Faktoren spielen am Pazifik eine Rolle und dürfen nicht unterschätzt werden.

Zusätzlich war ich jeden Tag im Wasser. Schon ganz am Anfang der Schwangerschaft haben wir unglaublich viel Zeit damit verbracht, verschiedene Strände anzuschauen, Orte auszukundschaften, immer wieder zu prüfen, welche Ecke ist stimmig, welche nicht, was passt wirklich?

Dazu kam die Arbeit mit meinem Nervensystem, mit meinen eigenen Prägungen, mit allem, was ich aus meinem Leben mitgebracht habe. Und genau dadurch wurde das Meer für mich zu einem Safe Space, zu einem sicheren Ort. Es war wie Nachhausekommen.

Und genau da ist das Nervensystem der zentrale Punkt. Das fehlt in einer klassischen Geburtsvorbereitung fast komplett. Wenn das Nervensystem einer Frau nicht sicher ist, dann fließt die Geburt nicht. Dann kann alles stocken, sich erschweren, blockieren. Das ist für mich einer der wichtigsten Schlüssel überhaupt.

Für mich war diese Geburt also vor allem eines: ein Nachhausekommen. Sicherheit. Und deshalb ist Vorbereitung und Planung eben so unglaublich ausschlaggebend. Da war nichts dem Zufall überlassen. Und genau deshalb konnte ich diesen Moment auch vollkommen genießen und zelebrieren.

Es war einfach eine wundervolle Geburt. Und es ist ein Moment, der sich für immer in unsere Herzen eingebrannt hat.

Im September 2023 bringt Josy kurz nach Mitternacht ihr fünftes Kind im Karibischen Meer vor Nicaragua zur Welt. Für die deutsche Auswanderin ist es bereits die zweite Geburt im Meer. (Foto: Josy Cornelius)


Healthy Lady: Nach dem Pazifik kam die Karibik. Wie lief die Planung für deine zweite Ozeangeburt ab?

Josy Cornelius: Die zweite Meergeburt, meine Karibikgeburt, war über 70 Wochen vorbereitet. Ich habe im Grunde schon eine Woche nach der Pazifikgeburt angefangen, die nächste Geburt zu planen. Genau das ist für mich echte Geburtsvorbereitung. Nicht erst in der Schwangerschaft anzufangen, sondern schon viel früher.

Aber genau dadurch ist eben auch eine wirkliche Traumgeburt möglich. Eine Geburt, aus der du lebenslang schöpfen kannst, statt eine Geburt zu erleben, über die du verbittert bist.


Angst, Risiko und Verantwortung

Healthy Lady: Hattest du bei deinen eigenen freien Geburten oder bei den Geburten deiner Klientinnen Angst, dass etwas schiefgehen könnte?

Josy Cornelius: Um ehrlich zu sein, nein. Und das eben aus dem heraus, was ich schon gesagt habe, aus der Vorbereitung. Auch bei meinen Komplettbegleitungen ist vorher schon so viel Arbeit gelaufen und so viel Wissen geflossen. Wir gehen wirklich alles im Detail durch, sodass es dieses „Schieflaufen“ in dem Sinne für mich nicht gibt.

Natürlich kann eine Frau sich während der Geburt umentscheiden oder plötzlich etwas anderes wollen. Aber auch dabei geht es um die Frage, welche Ängste, Prägungen oder Unsicherheiten vorhanden sind. Angst ist für mich ein falscher Berater. Es geht darum, die eigenen Bedenken ehrlich anzuschauen und sich so viel Wissen anzueignen, dass daraus wirkliche Sicherheit entsteht.

Ich selbst hatte keine Ängste und keine Zweifel. Wenn eine starke Unsicherheit vorhanden ist, muss man sagen, dass eine solche Geburt nicht der richtige Weg ist.


Healthy Lady: Gab es bei den von dir begleiteten Geburten schwierige Situationen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Komplikationen auftreten?

Josy Cornelius: Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind. Das ist auch nicht das, was die Frauen bei mir suchen. Wir besprechen diese Dinge im Vorfeld sehr klar. Die Frauen, die zu mir kommen, handeln vollständig eigenverantwortlich.

Ich kommuniziere offen, dass ich weder Ärztin noch Hebamme bin. Wenn eine Frau einen ärztlichen Termin möchte, etwas medizinisch abklären lassen oder sich weitere Unterstützung holen möchte, ist das jederzeit ihre Entscheidung. Wir schauen uns Dinge gemeinsam an, wägen Möglichkeiten ab und besprechen Hintergründe. Am Ende entscheidet aber jede Frau selbst.

Auch in meinen Verträgen ist festgehalten, dass ich keine medizinische Verantwortung trage. Das ist als Mentorin weder meine Aufgabe noch meine Kompetenz.

„Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind.“


Von der Intensivstation zur Wassergeburtsexpertin: Der medizinische Hintergrund

Healthy Lady: Bist du eigentlich eine ausgebildete Hebamme oder Doula und wie unterscheidest du diese Rollen für dich?

Josy Cornelius: Nein, ich bin keine ausgebildete Hebamme, und zum Glück auch nicht. Eine Doula ist kein geschützter Begriff. Von der reinen Definition her ist eine Doula im Grunde einfach eine Frau, die einer anderen Frau dient und selbst Geburtserfahrung hat. Wenn man es ganz herunterbricht, könnte man sagen, eigentlich ist jede Mutter von dieser ursprünglichen Definition her auch eine Doula.

Viele wissen gar nicht, was das Label Hebamme in Deutschland eigentlich bedeutet. Eine Hebamme ist theoretisch nie ganz außer Dienst. Ich hatte das damals sehr konkret in meiner zweiten Schwangerschaft erlebt, weil eine meiner besten Freundinnen an der Charité war. Eine Hebamme dürfte eine freie Geburt gar nicht begleiten, weil sie immer eine Hinzuziehungspflicht hat. Das liegt an den deutschen Richtlinien und dem System, dem sie unterstellt sind. Wenn man einmal das Label Hebamme hat, kann man sich davon nach meinem Wissen nicht einfach wieder frei machen. Selbst Hebammen, die anders arbeiten möchten, bleiben an dieses enge Korsett gebunden. Und genau so möchte ich nicht arbeiten. Ein Schein oder ein Titel sagt nicht automatisch etwas darüber aus, wie gut jemand Frauen wirklich halten kann.

Josys Mann Benjamin mit Teilnehmenden eines Retreats am Lagerfeuer in Nicaragua. Die mehrtägigen Auszeiten für Rückzug, Austausch und persönliche Entwicklung gehören zum beruflichen Angebot des Paares. Dafür reisen Menschen aus aller Welt an. (Foto: Josy Cornelius)

Healthy Lady: Viele Medien stellen dich dar, als würdest du einfach nur aus dem Bauch heraus agieren. Dabei hast du früher jahrelang im medizinischen Bereich gearbeitet. Was genau hast du dort gemacht und welche Qualifikationen bringst du mit?

Josy Cornelius: Ich komme sehr wohl aus einem medizinischen Kontext und war über zehn Jahre im deutschen System tätig. Meine erste Ausbildung war zur Dentaltechnikerin. Dadurch habe ich schon sehr früh verstanden, wie eng Körperbereiche zusammenhängen, gerade das oft unterschätzte Zusammenspiel von Kiefer und Becken unter der Geburt. Danach habe ich in einer Medizintechnikfirma mit Schwerpunkt Kardiologie gearbeitet und parallel ehrenamtlich in einer Kinder und Jugendklinik mit dem Schwerpunkt Risiko und Frühgeburt. Dort habe ich sehr viel gesehen, von Geburtsfolgen über Frühgeburtlichkeit bis hin zu schwersten körperlichen Zuständen bei Kindern.

Anschließend habe ich auf einer der größten Intensivstationen Deutschlands gearbeitet. Auch das hat meinen Blick extrem geprägt. Ich habe erlebt, wie Menschen sterben, wie Familien begleitet werden, wie reanimiert wird, wie Notfälle aussehen und was wirkliche Krisen bedeuten. Dieses Wissen sitzt tief.

Deshalb trifft es mich oft, wenn so getan wird, als sei ich einfach nur irgendeine, die aus dem Bauch heraus Dinge erzählt. Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal und habe danach viele Weiterbildungen gemacht, gerade im Bereich Trauma, Risikolabels und Wassergeburt. Ich habe sämtliche Fortbildungen von Cornelia Enning persönlich nach Nicaragua geholt und bin bei Barbara Harper international zertifizierte Wassergeburtsexpertin. Bereits 2009 habe ich meine allererste Geburt begleitet – das Thema begleitet mich also schon seit vielen Jahren. Mein Hintergrund ist fachlich, medizinisch und über viele Jahre gewachsen. Heute arbeite ich als freie Frauenmentorin, die Frauen ganzheitlich auf ihrem Weg stärkt.


Die Frau hinter den Schlagzeilen

Healthy Lady: Du wurdest zu einer Zielscheibe der Kritiker, man hat viel Negatives über dich geschrieben. Hat dich überhaupt mal einer gefragt, was wirklich dahintersteckt, was dich dazu bewegt hat?

Josy Cornelius: Nein. Es hat mich noch nie jemand wirklich zu meiner Person gefragt. Niemand war wirklich an mir als Mensch interessiert, am Wieso, Weshalb, Warum. Du bist die Erste und bisher auch die Einzige, die so auf mich zugekommen ist, sich wirklich mit mir auseinandersetzt und fragt: Josy, wie sieht es aus? Warum war das so? Was steckt dahinter?

Viele springen einfach in meinen Posteingang, wollen irgendetwas von mir und man merkt sofort, dass sie sich überhaupt nicht mit mir, meiner Geschichte oder meinem Weg beschäftigt haben. Und selbst wenn Menschen es wussten, wurde es oft einfach weggelassen oder zurechtgeschnitten.

Und dann stellt sich für mich immer die größere Frage. Wie kann man überhaupt die Geburt einer Frau kritisieren? Wer nimmt sich das Recht heraus über meinen Körper, meine Entscheidung, mein Kind, mein Sein zu urteilen? Allein das zeigt doch schon, wie absurd vieles daran ist.


Healthy Lady: Dir wird oft unterstellt, du würdest deine Erfahrungen als den einzig wahren Weg darstellen. Siehst du dich selbst als eine Art Missionarin für die freie Geburt?

Josy Cornelius: Überhaupt nicht, genau das wird so oft falsch verstanden. Viele tun so, als würde ich meine Erfahrungen hinstellen, als wären sie der einzige Weg. Das stimmt einfach nicht, das habe ich nie gesagt und nirgendwo geschrieben. Für mich gab es nie dieses eine „so musst du es machen“. Im Gegenteil. Für mich war schon immer klar, dass Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt möchten, genau dafür den richtigen Support bekommen sollten. Frauen, die im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause mit Hebamme gebären wollen, sollen dafür den richtigen Support bekommen. Und Frauen, die eine freie Geburt wollen, eben auch.

Ich habe erst vor Kurzem eine Frau begleitet, die nur stillen wollte, weil es von ihr erwartet wurde. Ich habe ihr gesagt, wenn du das nicht fühlst, dann musst du das nicht tun und dich vor niemandem rechtfertigen. Genau darum geht es doch, wertfrei zu schauen. Nicht besser oder schlechter, nicht richtig oder falsch. Wer bin ich denn, zu sagen, es gäbe nur diesen einen Weg? Es muss am Ende für die Frau passen.


Selbstbestimmung im Kreißsaal und der Wunsch nach Eigenverantwortung

Healthy Lady: Als Doula begleitest du andere Frauen. Was ist das häufigste Hindernis, das Frauen davon abhält, wirklich in ihre Kraft zu kommen?

Josy Cornelius: Frauen werden klein gehalten. Absichtlich. Weil das System nur so funktionieren kann. Es kann sich nur aufrechterhalten, wenn alle darin beteiligten Personen systemkonform funktionieren. Menschen lassen sich nur über Angst kontrollieren. Und eine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, ist aus dieser Kontrolle heraus. Genau das ist das Problem und genau deshalb ist es von der Gesellschaft auch nicht gewünscht.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ganz klar erklären, dass allein gebären nicht bedeutet, dass die Frau physisch alleine sein muss. Es bedeutet schlicht, dass keine Hebamme anwesend ist, also keine außenstehende Person, die die medizinische Verantwortung für die Geburt trägt.

Ich bin keine Hebamme und ich bin auch nicht das, was viele in ein klassisches Label pressen wollen. Ich bin eine Doula im ursprünglichen Sinne, aber ich habe nicht einfach nur irgendeinen Schein, hinter dem man sich verstecken kann. Ich bin vor allem eine Frau für Frauen. Eine freie Mentorin, die Frauen auf ihrem Weg empowert. Und zwar genau die Frauen, die ihre Verantwortung selbst tragen können und das auch aus tiefstem Herzen wollen.

„Frauen werden klein gehalten. Absichtlich.“


Healthy Lady: Wie gut sind Frauen deiner Erfahrung nach vor einer Geburt über ihre Möglichkeiten und Abläufe informiert?

Josy Cornelius: Aus meiner Erfahrung kann ich ganz klar sagen überhaupt nicht gut genug. Alle Frauen, die mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt zu mir kommen, sagen früher oder später denselben Satz: „Das habe ich nicht gewusst. Darauf war ich nicht vorbereitet.“

Und das kann man auch in unzähligen Foren lesen. Viele Frauen sagen: Ja, ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, vielleicht in der Klinik oder bei einer Hebamme, aber auf das, was dann wirklich passiert ist, war ich nicht vorbereitet. Für mich hat so ein Standard-Klinikkurs mit echter Geburtsvorbereitung auch wenig zu tun. Das ist eher ein Kreißsaal-Briefing. Also: Wie hat eine Frau im Kreißsaal zu funktionieren? Wie läuft dort alles ab? Wie wird sie fast schon so vorbereitet, dass sie sich dem System möglichst gut fügt, damit der Ablauf für das Personal einfacher wird? Und ich glaube, viele Frauen würden dem zustimmen.


Healthy Lady: Wie wichtig ist die selbstbestimmte Geburt deiner Klientinnen und was wünschen sie sich oft, was sie im Krankenhaus nicht bekommen können?

Josy Cornelius: Klientinnen, die zu mir finden, wollen an sich gar keine Krankenhausgeburt. Sie haben meistens schon eine sehr klare Vorstellung von ihrem Wunschweg. Wobei ich dazusagen muss, dass ungefähr die Hälfte aller Frauen, die zu mir kommen, gar nicht schwanger sind. Da geht es oft um Kinderwunsch oder die Aufarbeitung von Traumata nach vergangenen Schwangerschaften.

Eine selbstbestimmte Geburt ist ja inzwischen fast schon so ein Label geworden. Jeder kommt heute mit diesem Begriff um die Ecke und dann wird einer Frau im Kreißsaal verkauft, sie dürfe selbstbestimmt gebären. Aber im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung, weil alles dort den Richtlinien, Protokollen und engen Zeitfenstern des medizinischen Systems untersteht.

Von echter Freiheit ist da oft nicht viel übrig. Aber auch im Geburtshaus oder bei einer klassischen Hausgeburt bestehen enge Rahmen. Überall dort, wo eine Hebamme involviert ist, trägt sie am Ende die Verantwortung und unterliegt den gesetzlichen Systemvorgaben.

Frauen, die zu mir finden, wollen die volle Eigenverantwortung. Sie wollen alles selbst in der Hand haben.


Die Grabenkriege unter Müttern

Healthy Lady: Wir beobachten heutzutage leider viel zu oft eine Art Grabenkrieg unter Müttern. Klinik gegen Hausgeburt, Kaiserschnitt gegen natürliche Geburt. Warum neigen manche Frauen so stark dazu, den Weg einer anderen zu verurteilen?

Josy Cornelius: Woher dieses Shaming, Bashing und Bewerten kommt, sind aus meiner Erfahrung heraus fast immer Trigger, Wunden und ungelöste Themen der Frauen selbst. Das sieht man ja auch in den Kommentaren. Wenn Frauen gegen eine freie Geburt oder eine Alleingeburt argumentieren, ist die nächste Frage oft, wie denn ihre eigene Geburtserfahrung war. Und wenn man ehrlich hinschaut, ist die Antwort sehr oft schrecklich. Ganz runtergebrochen. Es gibt keine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, die sie sich so gewünscht hat, und die dann aus dieser Erfahrung heraus andere Frauen dafür bashen würde.

Diese Härte kommt fast immer von Frauen, die selbst eine schmerzhafte oder bittere Erfahrung gemacht haben, die dadurch getriggert sind und nicht wirklich in die eigene Reflexion gehen wollen. Frauen, die den eigenen Schmerz nicht anschauen wollen und ihn stattdessen anderen überstülpen.

Dass das heute so massiv ist, hat für mich schon auch mit Social Media und der Anonymität des Internets zu tun. Menschen können ihre Unzufriedenheit und ihren ungefilterten inneren Müll jederzeit von ihrem Smartphone aus abladen. Das alles passiert oft unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit, hat aber mit Respekt nichts zu tun. Es sagt immer viel mehr über den inneren Zustand derjenigen Person aus, die schreibt, als über die Frau, die bewertet wird.


Eine stille Geburt am Telefon und lebensverändernde Räume

Healthy Lady: Gibt es eine besondere Geburt, die dir im Kopf geblieben ist und die ganz anders war als die anderen?

Josy Cornelius: Jede Geburt ist individuell, speziell und in ihrem gesamten Verlauf einzigartig. Aber es gibt für mich eine ganz besondere, sehr intensive Erfahrung. Ich habe einmal eine Frau bei zwei stillen Geburten begleitet. Die stille Geburt ihres letzten Babys fand tatsächlich einen Tag vor meiner eigenen letzten Geburt statt. Das heißt, ich habe einen Tag vor der Geburt meines Karibik-Babys live am Telefon eine stille Geburt begleitet. Das war eine enorme Herausforderung. Später hat mich dieselbe Frau für eine weitere Geburt sogar einfliegen lassen und sie durfte nach den zwei schmerzhaften Verlusten genau die Geburt erleben, die sie sich so sehr gewünscht hatte, eine Wassergeburt zu Hause.

Oder eine andere Mama, die eigentlich mit einem ganz anderen Thema zu mir kam und überhaupt keine Alleingeburt auf dem Schirm hatte. Nach siebzehn Sessions hat sie ihr Kind allein zu Hause in der Badewanne mit ihrem Mann bekommen. Da entstehen Verbindungen zu den Familien, die wirklich lebensverändernd sind.

Ein lang ersehnter Moment in Italien. An der Seite von Josy Cornelius heißt die Mutter nach zwei stillen Geburten ihr Baby willkommen.
(Foto: Josy Cornelius)

Wie planbar ist eine Geburt?

Healthy Lady: Du betonst oft, dass eine Geburt, genau wie eine Hochzeit, geplant werden kann und sollte. Viele Kritiker sagen, eine Geburt sei „unberechenbar“. Warum ist Planung für dich kein Kontrollwahn, sondern die Basis für eine schöne Geburt?

Josy Cornelius: Geburt sei „unberechenbar“. Das stimmt so einfach nicht. Und medizinisches Fachpersonal weiß das eigentlich auch.

Es gibt in keiner Klinik, auf keiner Station, auch nicht auf Intensivstationen, Dinge, die einfach aus dem Nichts ohne Zusammenhang passieren. Es gibt immer eine Ursache, einen Verlauf, eine Reaktionskette. Und auch unter Geburt ist das so. Mutter und Kind fallen nicht auf Knopfdruck tot um, um das einmal ganz salopp herunterzubrechen. Es gibt immer einen Reaktionszeitraum. Es gibt immer Vorgeschichte, Zeichen, Zusammenhänge.

Jede Intervention zieht eine Auswirkung nach sich. Wenn ich zum Beispiel an Geburten denke, die ich zuletzt gesehen oder begleitet habe, dann sieht man ganz oft genau das: Vorher wurde manipuliert, eingeleitet, mit Rizinuscocktail gearbeitet oder mit anderen Maßnahmen. Und dann wundert man sich hinterher über grünes Fruchtwasser, auffällige Herztöne, eine Interventionskaskade oder darüber, dass man aus bestimmten Dingen nicht mehr herauskommt. Aber das ist nicht unberechenbar. Das ist eine Reaktion auf etwas, was vorher stattgefunden hat.

Alles, was unter Geburt passiert, hat Auswirkungen auf den gesamten Geburtsraum, auf Mutter, Kind, Hormone, Nervensystem, Verlauf. Jede noch so kleine Intervention hat eine Auswirkung. Und das muss man wissen.

Und genau deshalb ist Planung für mich kein Kontrollwahn, sondern Fürsorge und Verantwortungsübernahme. Denn wenn ich weiß, welche Faktoren eine Geburt beeinflussen, welche Entscheidungen welche Auswirkungen haben und wie ein Geburtsraum wirklich funktioniert, dann ist Planung das, was überhaupt erst Sicherheit schafft.

Und Sicherheit ist für Geburt die Basis. Nicht Kontrolle im Sinne von Zwang, sondern Sicherheit im Nervensystem, Sicherheit im Wissen, Sicherheit im Raum.

„Im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung.“


Healthy Lady: Würdest du schwangeren Frauen empfehlen, sich allein auf den Weg zu machen und ohne professionelle Begleitung im Meer oder an einem anderen abgelegenen Ort zu gebären?

Josy Cornelius: Natürlich nicht. Niemals. Ich kann davon nur klar und ausdrücklich abraten. Wer nicht bis ins kleinste Detail weiß, worauf er sich einlässt, sollte das auf keinen Fall tun.

Auch eine Wassergeburt ist nicht einfach ein Entspannungsbad. Temperatur, Wassertiefe, Zeitpunkt, Umgebung und viele weitere Faktoren können eine wichtige Rolle spielen. Wenn das notwendige Wissen fehlt, können dadurch zusätzliche Komplikationen entstehen.

Jede Frau sollte sich die Begleitung suchen, die wirklich zu ihrem gewünschten Geburtsweg passt und über entsprechende Erfahrung und Kompetenz verfügt.


Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen von Josy Cornelius geben ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen wieder. Sie ersetzen keine medizinische Beratung. Freie Geburten und Geburten im offenen Meer können mit erheblichen Risiken für Mutter und Kind verbunden sein. Schwangere sollten ihre individuelle Situation mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal besprechen.

Mein Kind im fremden Körper: Ramona spricht über Leihmutterschaft, Verlust und harte Vorwürfe

Nicht mehr lange, dann wird für Ramona Sztankovics ein großer Traum Wirklichkeit. In wenigen Wochen soll ihre erste Tochter zur Welt kommen. Das Kinderzimmer ist längst fertig eingerichtet, jedes Detail mit Liebe ausgewählt, jeder kleine Gegenstand erinnert sie daran, wie nah dieser Moment inzwischen ist.

Nach Jahren des unerfüllten Kinderwunsches, zahlreichen Untersuchungen und einer schweren Bauchoperation wurde der gebürtigen Ungarin klar, dass eine eigene Schwangerschaft medizinisch zu riskant ist. Auch eine Adoption schien für das Paar kaum realistisch. So entschieden sie sich für eine Leihmutterschaft und damit für einen Weg, der in Deutschland rechtlich verboten ist und gesellschaftlich bis heute mit vielen Tabus behaftet bleibt.

Heute wächst Ramonas Tochter im Bauch einer anderen Frau. Genetisch ist das Mädchen ihr eigenes Kind und nicht das der Leihmutter. Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Augsburgerin Anfang Juli 2026 in Tbilisi bei der Geburt direkt im Kreißsaal dabei sein.

Für die Sozialarbeiterin und ihren Mann ist es nicht der erste Versuch, Eltern zu werden. Bereits im September 2025 verloren sie ihr erstes Baby, das ebenfalls durch eine Leihmutterschaft erwartet wurde.

Ramona erzählt ihre Geschichte, weil sie anderen kinderlosen Paaren Hoffnung geben und mit Vorurteilen rund um das Thema Leihmutterschaft aufräumen möchte. Im Interview spricht sie über den Verlust ihres ersten Babys, den belastenden Vorwurf des „Menschenhandels“, rechtliche Herausforderungen und die Hoffnung auf ihre langersehnte Tochter.

„Es war früh am Morgen, wir sind sofort in die Klinik gefahren. Dort hat man uns gesagt, dass unser Baby kurz nach der Geburt verstorben ist.“


Der Flug, der alles veränderte

Healthy Lady: Im 2025 habt ihr bereits das erste mal Erfahrung mit Leihmutterschaft gemacht. Magst du mal erzählen, wie es damals für euch war?

Ramona: Im September 2025 waren wir gerade im Flugzeug auf dem Weg nach Tiflis zu unserer Leihmutter. Wir wollten beim nächsten Ultraschall dabei sein und einige rechtliche Dinge klären. Noch bevor das Flugzeug abgehoben ist, habe ich eine Nachricht von unserer Koordinatorin bekommen. Unser Baby ist viel zu früh auf die Welt gekommen und wird medizinisch versorgt. Unsere Leihmutter war stabil.

In dem Moment ist eine Welt in mir zusammengebrochen und gleichzeitig begann dieser endlose Flug. Ohne Internet, ohne neue Informationen. Ich saß dort und habe tief in mir gespürt, dass es nicht gut ausgehen wird. Es war einfach zu früh. Dieser Flug war der schlimmste meines Lebens. Mein Mann hat versucht, mich zu beruhigen, aber es gab nichts, was diesen Schmerz oder diese Angst hätte auffangen können. Fünf Stunden später sind wir in Tiflis gelandet. Es war früh am Morgen, wir sind sofort in die Klinik gefahren. Dort hat man uns gesagt, dass unser Baby kurz nach der Geburt verstorben ist.

Die Ärzte konnten uns nicht genau sagen, warum. Unsere Leihmutter hatte sich unwohl gefühlt und ist in die Klinik gefahren. Dort wurde festgestellt, dass unser Baby bereits schwere Hirnblutungen hatte und sofort geholt werden musste. Es ging alles viel zu schnell. Dieser Schmerz ist tief. Er ist geblieben bis heute. Und ich glaube, ein Teil davon wird immer bleiben. Man erholt sich nicht wirklich davon, egal ob man das Kind selbst getragen hat oder nicht. Es war unser Baby. Unser Wunsch. Unsere Hoffnung.

Unsere damalige Leihmutter hat uns unendlich leid getan, und sie hat selbst sehr darunter gelitten. Zum Glück wurden wir in dieser Zeit nicht allein gelassen. Unsere Agentur hat direkt am nächsten Tag eine Krisensitzung mit uns organisiert mit Ärzten, Anwälten und Koordinatoren. Sie haben uns begleitet und versucht, uns in diesem unfassbar schweren Moment zu unterstützen. Aber trotz aller Unterstützung bleibt dieser Verlust ein Teil von uns. Für immer.

Seit drei Jahren wünscht sich Ramona nichts sehnlicher als ein eigenes Kind. Im Juli könnte ihr größter Traum dank einer Leihmutterschaft in Georgien endlich in Erfüllung gehen. (Bild: R. Sztankovics)

Healthy Lady: Wie ging es der Leihmutter nach diesem Vorfall? Was passiert in so einer Extremsituation zwischen euch?

Ramona: Die ersten Tage nach dem Kaiserschnitt waren für sie, wie für jede Frau nach so einem Eingriff, sehr anstrengend und schmerzhaft. Aber zusätzlich kam noch diese tiefe emotionale Belastung dazu. Was zwischen uns in dieser Extremsituation passiert ist, war vor allem eines: Menschlichkeit. Wir sind im Kontakt geblieben, haben miteinander gesprochen, uns gegenseitig unser Mitgefühl ausgesprochen. Es war kein „Verhältnis“ mehr wie am Anfang des Prozesses. Es war viel persönlicher, viel stiller, geprägt von einem gemeinsamen Verlust. Bis heute haben wir Kontakt. Sie weiß, dass unser Baby bald geboren wird, und sie freut sich ehrlich für uns. Das zeigt mir, wie groß ihr Herz ist und wie besonders diese Verbindung bleibt, auch über so einen schweren Moment hinaus.


Healthy Lady: Einige Monate später habt ihr einen weiteren Versuch gestartet mit einer neuen Leihmutter. Wie hast du dich gefühlt, als du erfahren hast, dass sie schwanger ist?

Ramona: Nach unserem großen Verlust hat sich etwas in mir verändert. Man wird zurückhaltender mit Hoffnung, weil man gelernt hat, wie schnell sich alles wieder verändern kann. Deshalb habe ich meine Gefühle nicht sofort komplett zugelassen, sondern sie eher Schritt für Schritt zugelassen.

Ich habe die Schwangerschaft bewusst begleitet, aber innerlich immer mit einer gewissen Vorsicht, besonders bis etwa zur 25.–27. Woche. Erst mit der Zeit konnte ich mich etwas mehr öffnen und wirklich anfangen, mich sicherer zu fühlen. Es ist eine Mischung aus Dankbarkeit, Hoffnung und einer tiefen Vorsicht geworden. Alles fühlt sich wertvoller, aber auch zerbrechlicher an.


Wenn der eigene Kinderwunsch stärker ist als jedes Verbot

Healthy Lady: Warum habt ihr euch letztlich für die Leihmutterschaft entschieden und gegen Alternativen wie Adoption oder künstliche Befruchtung?

Ramona: Grundsätzlich haben wir uns nicht bewusst gegen eine Adoption entschieden. Vielmehr mussten wir feststellen, dass dieser Weg für uns kaum realistisch ist. Auch wenn es nicht immer offen ausgesprochen wird, spielt das Alter meines Mannes dabei eine Rolle. In Gesprächen und durch unsere eigenen Recherchen, unter anderem auch mit dem Jugendamt, wurde uns deutlich, wie hoch die Hürden und Anforderungen sind. Der gesamte Prozess ist sehr langwierig und mit vielen Unsicherheiten verbunden.

Hinzu kommt, dass es deutlich mehr Bewerber als zur Adoption freigegebene Kinder gibt. Teilweise stehen beispielsweise nur wenige Kinder einer großen Zahl an adoptionswilligen Eltern gegenüber. Für uns hat sich dadurch das Gefühl verstärkt, dass unsere Chancen sehr gering sind bzw. unmöglich.  Nach diesen Erfahrungen und auch vor dem Hintergrund meiner gesundheitlichen Situation haben wir uns letztlich für die Leihmutterschaft entschieden.

„Wenn man von einem idealen Verlauf ausgeht, ohne Komplikationen, ohne zusätzliche Versicherungen und ohne besondere medizinische Zusatzleistungen, liegt man mindestens bei etwa 60.000 Euro.“


Healthy Lady: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diesen Weg in Georgien zu gehen?

Ramona: Die Idee, diesen Weg zu gehen, ist vor etwa zwei Jahren entstanden, während eines Urlaubs in Punta Cana. Ich habe damals durch Instagram gescrollt und bin auf eine Schauspielerin aufmerksam geworden, die ihr zweites Kind durch Leihmutterschaft bekommen hat, nachdem sie aufgrund einer Krebserkrankung ihre Gebärmutter verloren hatte. In diesem Moment wurde mir überhaupt erst richtig bewusst, dass es diese Möglichkeit gibt. Das hat mich sehr bewegt und gleichzeitig neugierig gemacht. Noch vor Ort habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen und erste Recherchen zu machen.


Healthy Lady: In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Kannst du persönlich nachvollziehen, warum der Gesetzgeber hier so streng ist, oder empfindest du es als veraltet?

Ramona: Ich kann teilweise nachvollziehen, warum der Gesetzgeber in Deutschland so streng ist. Es geht dabei vor allem um den Schutz von Frauen und die Sorge, dass Leihmutterschaft zu Ausbeutung führen könnte. Gleichzeitig empfinde ich die aktuelle Regelung aber als veraltet.

Aus meiner Sicht sollte der Fokus weniger darauf liegen, ob Leihmutterschaft grundsätzlich verboten ist oder nicht, sondern vielmehr darauf, wie man sie verantwortungsvoll und sicher gestalten kann. Es geht darum, klare Rahmenbedingungen zu schaffen, die alle Beteiligten schützen. Letztendlich handelt es sich um erwachsene Menschen, die bewusst eine Entscheidung treffen. Wenn eine Frau sich freiwillig dazu entscheidet, ein Kind für ein anderes Paar auszutragen und das nicht aus finanzieller Not heraus, dann sollte man das respektieren.

Das derzeitige Verbot löst das eigentliche Problem nicht. Der Wunsch nach einem eigenen Kind verschwindet dadurch ja nicht. Stattdessen wird das Thema ins Ausland verlagert, wo die Bedingungen oft weniger transparent sind. Paare mit Kinderwunsch werden dadurch eher alleingelassen, anstatt sie innerhalb eines klar geregelten Systems zu unterstützen.


Menschenhandel, Ausbeutung, Egoismus

Healthy Lady: Gibt es in so einem sensiblen Prozess Versicherungen oder rechtliche Absicherungen für medizinische Notfälle oder unerwartete Komplikationen, sowohl für das Baby als auch für die Leihmutter?

Ramona: Man kann spezielle Versicherungen abschließen, die in bestimmten Fällen greifen, zum Beispiel, wenn das Baby zu früh geboren wird oder verstirbt. Diese können dann einen Teil der medizinischen Kosten, etwa für Intensivbehandlungen, sowie bestimmte Kosten im Zusammenhang mit der Leihmutterschaft übernehmen.

Es gibt auch separate Versicherungen, die die medizinischen Kosten der Leihmutter abdecken, falls ein Krankenhausaufenthalt notwendig wird oder Komplikationen auftreten. Allerdings sind diese Versicherungen keine Pflicht, sondern eine zusätzliche Absicherung und sie sind oft sehr teuer. Wir sprechen hier von mehreren tausend Euro. Am Anfang denkt man vielleicht, dass man an dieser Stelle sparen kann, weil man hofft, dass alles gut verläuft. Aber wenn dann doch etwas passiert, wenn ein Baby viel zu früh kommt und intensivmedizinisch versorgt werden muss oder die Leihmutter medizinische Hilfe braucht, können die Kosten schnell noch viel höher werden.

„Als Eltern bekommt man dann einen Vorschlag für eine mögliche Leihmutter. Wichtig ist, dass daraus ein sogenanntes „Match“ entsteht, also dass beide Seiten zueinander passen.“


Healthy Lady: Was kostet eine Leihmutterschaft in Georgien insgesamt, wenn man alle Prozeduren und Gebühren einrechnet?

Ramona: Jede Agentur bietet verschiedene Pakete an, und genau hier entstehen oft große Preisunterschiede.Wenn man von einem idealen Verlauf ausgeht, ohne Komplikationen, ohne zusätzliche Versicherungen und ohne besondere medizinische Zusatzleistungen, liegt man mindestens bei etwa 60.000 Euro. Das ist wirklich das absolute Minimum, und darin ist meist ein Paket mit einem Versuch enthalten, der im besten Fall direkt erfolgreich ist. Untersuchungen der biologischen Eltern sind dabei jedoch nicht immer in vollem Umfang eingerechnet, obwohl sie in der Praxis eine wichtige Voraussetzung sind.

Sobald man Versicherungen, zusätzliche medizinische Absicherungen und mögliche Extrakosten mit einrechnet, kann man schnell in einen Bereich von etwa 100.000 bis 150.000 Euro kommen. Am Ende ist es ein sehr komplexer und individueller Prozess, bei dem viele Faktoren den Gesamtpreis beeinflussen.


Mit ihrer Geschichte klärt Ramona auf Social Media über Leihmutterschaft auf und gibt anderen Betroffenen Hoffnung.
(Bild: R. Sztankovics)

Healthy Lady: In einem deiner Videos reagierst du auf Hate-Kommentare rund um das Thema Leihmutterschaft. Besonders häufig fällt dabei der schwere Vorwurf des ‚Menschenhandels‘. Was machen solche Worte mit dir?

Ramona: In den meisten Fällen versuche ich zuerst, ruhig zu bleiben. Begriffe wie „Menschenhandel“ treffen natürlich, weil sie sehr schwer und verletzend sind. Gleichzeitig merke ich oft, dass solche Aussagen aus Unwissenheit entstehen und nicht aus echter Erfahrung mit dem Thema. Deshalb versuche ich, wenn es möglich ist, zu erklären, wie komplex und reguliert dieser Prozess tatsächlich ist.

Manche Diskussionen lohnen sich aber auch nicht. Wenn Menschen nur urteilen, ohne wirklich zuzuhören, dann schützt es mich selbst, nicht in jede Konfrontation einzusteigen. Was ich über die Zeit gelernt habe: Nicht jeder Kommentar verdient meine Energie. Ich konzentriere mich lieber auf die Menschen, die wirklich offen sind, die Fragen haben und verstehen wollen.


Healthy Lady: Ein häufiger Kritikpunkt lautet, dass Leihmutterschaft wirtschaftlich schwächere Frauen ausnutzen könnte. Wie begegnest du solchen ethischen Bedenken?

Ramona: Ich verstehe diesen Vorwurf und nehme ihn ernst, weil er eine wichtige ethische Frage berührt. Gleichzeitig sehe ich das Thema differenzierter. Jede Frau ist grundsätzlich eine eigenständige Person, die Entscheidungen über ihren Körper und ihren Lebensweg trifft. Dazu gehört auch die Entscheidung, ob sie eine Leihmutterschaft eingehen möchte oder nicht. In seriösen Programmen gibt es zudem klare medizinische, psychologische und soziale Prüfungen, die sicherstellen sollen, dass diese Entscheidung nicht unter Druck oder aus akuter Not heraus getroffen wird.

Für mich ist deshalb entscheidend, wenn eine Frau diesen Weg bewusst, informiert und freiwillig geht, dann sollte diese Entscheidung respektiert werden. Ich sehe Leihmütter nicht als „ausgenutzt“, sondern als Frauen, die in einem sehr besonderen und anspruchsvollen Prozess eine wichtige Rolle übernehmen. Sie tragen Leben aus mit Verantwortung, medizinischer Begleitung und oft auch viel persönlicher Stärke.

Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass diese Themen nicht emotional überhöht oder pauschal verurteilt werden. Die Realität ist komplexer als Schlagworte. Mir geht es am Ende darum, dass man Frauen in ihrer Entscheidungsfreiheit ernst nimmt und gleichzeitig hohe ethische und medizinische Standards einhält.

„Begriffe wie ‚Menschenhandel‘ treffen natürlich, weil sie sehr schwer und verletzend sind.“


Der perfekte Match – Auf der Suche nach der Richtigen

Healthy Lady: Wie findet man eine Leihmutter in Georgien? Bekommt man tatsächlich eine Art „Modelkartei“ mit Bildern und Daten, aus der man auswählen kann?

Ramona: Nein, so etwas wie einen Katalog gibt es nicht. Im Idealfall sucht man auch nicht selbst aktiv nach einer Leihmutter. Stattdessen melden sich potenzielle Leihmütter freiwillig bei Agenturen oder Kliniken. Dort durchlaufen sie umfassende Prüfungen, sowohl medizinisch als auch psychologisch. Erst wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, werden sie in ein Programm aufgenommen.

Als Eltern bekommt man dann einen Vorschlag für eine mögliche Leihmutter. Wichtig ist, dass daraus ein sogenanntes „Match“ entsteht, also dass beide Seiten zueinander passen. In der Regel lernt man sich zunächst über ein Telefonat oder eine Videokonferenz kennen. Wenn sich beide Parteien wohlfühlen und einverstanden sind, entscheiden sie sich bewusst füreinander.

Man erhält allerdings schon im Vorfeld einige Informationen über die vorgeschlagene Leihmutter. Dazu gehören zum Beispiel ein Foto sowie Daten wie Größe, Gewicht, Informationen zu früheren Schwangerschaften (Verlauf, Geburtswochen, Geburtsgewicht der Kinder), persönliche Interessen und auch der Wohnort. Diese Informationen sind wichtig, um ein erstes Gefühl zu bekommen und Vertrauen aufzubauen.

Gleichzeitig bekommt auch die Leihmutter Informationen über die Wunscheltern, zum Beispiel, wo sie leben, was sie beruflich machen und wie ihre Lebenssituation ist. Denn am Ende basiert dieser Weg stark auf gegenseitigem Vertrauen. Schließlich trägt diese Frau das Kind der Eltern aus.


Healthy Lady: Worauf achtet man bei der Auswahl einer Frau, der man sein ungeborenes Kind anvertraut?

Ramona: Für mich war es besonders wichtig, dass unsere Leihmutter in der Nähe der Klinik lebt, damit die medizinische Betreuung reibungslos und gut organisiert ist. Außerdem war mir ein geregelter Alltag wichtig sowie, dass sie finanziell abgesichert ist, damit sichergestellt ist, dass ihre Entscheidung nicht aus einer Notlage heraus entsteht.

Ein weiterer wichtiger Punkt war für mich das Alter. Idealerweise sollte sie nicht älter als 35 Jahre sein. Ebenso war es mir sehr wichtig, dass sie bereits eigene Kinder hat und dass ihre vorherigen Schwangerschaften und Geburten gut und ohne Komplikationen verlaufen sind. Am Ende spielt aber auch das persönliche Gefühl eine große Rolle. Vertrauen ist in diesem Prozess entscheidend, denn man gibt dieser Frau das Wertvollste an, was man hat.

Unsere Leihmutter ist genetisch nicht mit dem Kind verwandt. Die Eizellen stammen von mir, das bedeutet, dass die biologische Verbindung bei uns als Eltern liegt.


Healthy Lady: Wie würdest du euer aktuelles Verhältnis beschreiben? Seid ihr befreundet oder ist sie für euch ein Stück Familie geworden?

Ramona: Unser Verhältnis ist sehr eng und von großem Vertrauen geprägt. Wir stehen in regelmäßigem Austausch und fühlen uns sehr verbunden. Trotzdem würde ich sie nicht einfach als „Freundin“ bezeichnen, denn das wird der Situation nicht ganz gerecht. Aber auch der Begriff „Familie“ passt nicht vollständig. Uns verbindet etwas ganz Besonderes, das sich schwer in Worte fassen lässt. Es ist eine sehr tiefe, einzigartige Verbindung, die durch diesen gemeinsamen Weg entstanden ist. Was ich aber mit voller Überzeugung sagen kann, ich vertraue ihr zu Hundert Prozent. Ich weiß, dass unser Baby bei ihr in den besten Händen ist.


Healthy Lady: Hast du mit eurer Leihmutter darüber gesprochen, warum sie das tut? Warum gebärt sie Kinder für fremde Menschen?

Ramona: Sie hat erklärt, dass sie sich ganz bewusst dafür entschieden hat, weil sie Schwangerschaft als etwas Positives empfindet. Sie mag dieses Gefühl und den gesamten Prozess, der damitverbunden ist, und sie empfindet es als etwas sehr Besonderes, einem anderen Paar zu helfen, ein Leben zu ermöglichen. Gleichzeitig hat sie bereits zwei eigene Kinder und möchte kein weiteres eigenes Kind bekommen. Deshalb hat sie für sich entschieden, diesen Weg als Leihmutter zu gehen und so anderen Menschen ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

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Liebt sie das Baby vielleicht irgendwann wie ihr eigenes?

Healthy Lady: Viele Außenstehende fragen sich, ob eine Leihmutter nach neun Monaten überhaupt emotional Abstand zu dem Baby halten kann. War das auch eine Sorge, die dich beschäftigt hat?

Ramona: Am Anfang des Prozesses habe ich mir genau dieselbe Frage gestellt. Doch je mehr Einblick ich hinter die Kulissen bekommen habe, desto mehr hat sich mein Gefühl verändert. Potenzielle Leihmütter durchlaufen einen sehr sorgfältigen und strengen Auswahlprozess, sowohl medizinisch als auch psychologisch. Sie werden intensiv begleitet, führen Gespräche mit Fachpersonen, in denen genau solche Themen offen angesprochen werden.

Besonders wichtig war für mich auch der persönliche Austausch mit unserer Leihmutter. Wir haben oft darüber gesprochen, und sie hat immer sehr klar und reflektiert ausgedrückt, wie sie dazu steht. Sie trägt unser Baby mit viel Fürsorge und Respekt aus, aber gleichzeitig ist ihr bewusst, dass es unser Kind ist. Sie hat selbst gesagt, dass sie keine eigenen Kinder mehr möchte.

Natürlich entwickelt sie eine Verbindung zu dem Baby in ihrem Bauch, das ist etwas sehr Menschliches. Aber sie beschreibt diese Verbindung anders als die zu ihren eigenen Kindern. Für sie ist es vor allem ein Akt der Hilfe und des Vertrauens. Dieses offene Miteinander und das gegenseitige Verständnis geben mir viel Sicherheit und ein gutes Gefühl.


Healthy Lady: Wird die Frau, die dein Kind neun Monate lang unter ihrem Herzen getragen hat, auch später ein Teil eurer Familiengeschichte bleiben? Wirst du deinem Kind eines Tages von ihr erzählen?

Ramona: Mein Kind soll von Anfang an wissen, wie sehr es geliebt, gewollt und ersehnt war. Dass es nicht „einfach so“ auf die Welt gekommen ist, sondern dass wir diesen besonderen Weg gegangen sind, weil wir uns nichts sehnlicher gewünscht haben als genau dieses Kind.

Der Kontakt zur Leihmutter ist mir sehr wichtig. Sie ist ein besonderer Teil unserer Geschichte, und ich möchte, dass mein Kind das auch so erleben darf, ganz natürlich und ohne Geheimnisse. Es ist zum Beispiel geplant, dass sie uns an Weihnachten mit ihren Kindern besucht. Dieser Gedanke fühlt sich für mich einfach richtig an, weil er von Dankbarkeit und Verbundenheit geprägt ist.


Der Moment, auf den sie jahrelang gewartet hat

Healthy Lady: Wirst du den Moment erleben, in dem deine Tochter zum ersten Mal auf die Welt kommt?

Ramona: Wenn alles wie geplant verläuft, werde ich bei der Geburt dabei sein. Wir haben das offen und ehrlich mit unserer Leihmutter besprochen. Für sie ist es in Ordnung, dass ich und mein Mann dabei sind und sie hat sogar den Wunsch geäußert, dass ich sie in diesem Moment begleite. Zwischen uns ist über die Zeit eine sehr besondere und tiefe Verbindung entstanden, die schwer in Worte zu fassen ist. Sie hat sich meine Unterstützung gewünscht, und ich möchte für sie da sein, so gut ich kann. Es bedeutet mir unglaublich viel, diesen Moment gemeinsam zu erleben und meine Tochter auf die Welt kommen zu sehen.

"Mein Kind soll von Anfang an wissen, wie sehr es geliebt, gewollt und ersehnt war."


Healthy Lady: Wie sieht es rechtlich direkt nach der Geburt aus? Wie bekommt ihr das Kind nach Deutschland, und wie gehen die deutschen Behörden damit um?

Ramona: Rechtlich ist der Ablauf nach der Geburt klar strukturiert, auch wenn es für viele überraschend ist, wie gut sich die deutschen Behörden mit diesem Prozess auskennen. Ich habe selbst nachgefragt und war erstaunt, dass Leihmutterschaft in der Praxis häufiger vorkommt, als man denkt, auch wenn öffentlich kaum darüber gesprochen wird.

Direkt nach der Geburt werden wir zunächst beide in die Geburtsurkunde eingetragen. Mein Mann erkennt anschließend die Vaterschaft bei der deutschen Botschaft in Tiflis offiziell an. Damit können wir dann die notwendigen Reisedokumente bzw. einen deutschen Pass für unser Kind beantragen, um nach Hause reisen zu können. Einige Wochen später folgt dann der rechtliche Teil in Deutschland. Ich stelle über einen Notar einen vereinfachten Antrag auf Stiefkindadoption, damit auch die rechtliche Elternschaft vollständig geklärt ist. Es ist ein Prozess mit mehreren Schritten, aber er ist klar geregelt und wir fühlen uns dabei gut begleitet.


Healthy Lady: Wenn du auf alles zurückblickst, wie groß ist die Dankbarkeit für dieses „Geschenk“, das euch diese Frau macht?

Ramona: Diese Dankbarkeit ist kaum in Worte zu fassen. Am Anfang habe ich selbst unterschätzt, was eine Schwangerschaft wirklich bedeutet. Viele sagen, es sei „das Natürlichste auf der Welt“ oder etwas Selbstverständliches, aber die Realität ist viel komplexer. Es ist körperlich und emotional ein großes Risiko, und unsere Leihmutter geht diesen Weg trotzdem mit, um uns zu helfen. Allein dieser Gedanke berührt mich sehr tief. Dass ein Mensch so viel Vertrauen, Stärke und Bereitschaft mitbringt, um einem anderen den größten Wunsch zu erfüllen, ist nichts, was man einfach als selbstverständlich sehen kann.


Ein Kinderzimmer voller Hoffnung

Ramonas Geschichte zeigt, dass der Weg zum Familienglück keine gerade Linie ist, sondern manchmal durch die tiefsten Täler führt. Am 1. Juli soll ihre Tochter in Georgien zur Welt kommen. Bis dahin bleibt das Kinderzimmer in Deutschland ein Raum des Wartens, gefüllt mit Möbeln, aber vor allem mit einer Hoffnung, die nach all dem Schmerz zwar leise geworden ist, aber nicht mehr totzukriegen ist. Es ist Ramona zu wünschen, dass aus dieser vorsichtigen Hoffnung im Sommer endlich greifbares Glück wird.


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Biochemikerin erklärt: So beeinflussen Hormone deine Energie & Stimmung

Plötzliche Erschöpfung, Heißhunger-Attacken oder emotionale Achterbahnfahrten kurz vor der Periode – viele Frauen kennen diese Symptome, ohne zu wissen, was wirklich dahintersteckt. Dabei liegt die Ursache oft tief im hormonellen Gleichgewicht. Mehr als 50 verschiedene Hormone wirken im Körper als Botenstoffe und beeinflussen täglich unsere Energie, unseren Schlaf oder unseren Stoffwechsel.

Von der Symptombehandlung zur Biochemie

Viele Beschwerden wie Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen werden oft erst dann medizinisch abgeklärt, wenn sie den Alltag bereits spürbar belasten. Die Biochemie setzt deutlich früher an. Sie beschäftigt sich mit den Prozessen im Körper, die solche Symptome oft schon lange vorher beeinflussen. Im Gespräch mit Healthy Lady erklärt Biochemikerin Fatme Bolhos, wie Hormone, Blutzucker und Stress unser körperliches und emotionales Gleichgewicht steuern.

Wissenschaft nahbar erklärt

Die Berlinerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die komplexen Abläufe im Körper verständlich zu machen. Über soziale Medien teilt sie ihr Wissen mit einer jungen Generation und erklärt, was bei Themen wie Ernährung, Krankheiten oder Zyklusschwankungen auf zellulärer Ebene passiert.

Dieses Wissen dient vielen Frauen als entscheidender Schlüssel, um die eigenen Signale endlich besser einzuordnen. Wer versteht, was im Inneren abläuft, nimmt Veränderungen im Zyklus bewusster wahr und kann dadurch lernen, den eigenen Körper besser zu verstehen.


Der Zyklus als biochemischer Prozess

Healthy Lady: Von Energie über Stimmung bis hin zu Fruchtbarkeit beeinflussen Hormone nahezu jeden Bereich unseres Alltags. Gibt es dabei ein Hormon, das im Körper eine Art Schlüsselrolle übernimmt, oder arbeiten all diese Prozesse komplexer zusammen?

Fatme Bolhos: Ein einzelnes zentrales Hormon gibt es eigentlich nicht. Das Hormonsystem funktioniert eher wie ein Netzwerk, in dem viele Hormone zusammenarbeiten. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei das Gehirn, vor allem der Hypothalamus, eine Art übergeordnetes Regulationszentrum, und die Hypophyse, auch Hirnanhangsdrüse genannt. Gemeinsam steuern sie viele andere Hormondrüsen im Körper.


Healthy Lady: Wenn wir den weiblichen Zyklus biochemisch betrachten, was passiert in den einzelnen Phasen im Körper?

Fatme Bolhos: Der Zyklus wird durch verschiedene Hormone gesteuert. Zu Beginn des Zyklus startet die Reifung einer Eizelle im Eierstock. Dabei steigt vor allem das Hormon Östrogen an, das unter anderem den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut unterstützt. Etwa in der Mitte des Zyklus kommt es zum Eisprung, bei dem die reife Eizelle freigesetzt wird. Danach produziert der Körper vermehrt Progesteron, um sich auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten. Wenn keine Befruchtung stattfindet, sinken die Hormonspiegel wieder ab, und die Menstruation beginnt.

„Chronischer Stress kann das Hormonsystem deutlich beeinflussen, weil der Körper dabei dauerhaft Stresshormone wie Cortisol ausschüttet.“

Healthy Lady: Wie beeinflussen Östrogen und Progesteron unsere Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin und damit Stimmung, Energie und Motivation?

Fatme Bolhos: Östrogen wird eher mit unterstützenden Effekten auf Serotonin- und Dopaminsysteme verbunden, die für Stimmung und Motivation wichtig sind. Progesteron wirkt bei vielen eher beruhigend, vor allem über Signalwege des Gamma-Aminobuttersäure-Systems, einem körpereigenen Botenstoff, der beruhigend auf das Nervensystem wirkt. Deshalb können beide Hormone die Stimmung auf unterschiedliche Weise beeinflussen.

Biochemikerin Fatme Bolhos veröffentlicht unter dem Namen @diebiochemikerin auf Social Media Aufklärung rund um Biochemie, Gesundheit und hormonelle Prozesse. (Bild: Fatme Bolhos)

Alltag verstehen statt nur optimieren

Healthy Lady: Blutzucker wird oft im Zusammenhang mit Diabetes diskutiert. Welche Rolle spielt er auch für das hormonelle Gleichgewicht?

Fatme Bolhos: Der Blutzucker spielt auch für das hormonelle Gleichgewicht eine wichtige Rolle, weil er eng mit dem Hormon Insulin verbunden ist. Wenn der Blutzucker stark schwankt, muss der Körper häufiger Insulin ausschütten. Langfristig können solche Schwankungen auch andere Hormonsysteme beeinflussen, zum Beispiel Stresshormone, Hungerhormone oder den weiblichen Zyklus. Ein stabiler Blutzucker unterstützt daher oft auch mehr Energie und ein ausgeglicheneres Wohlbefinden.


Healthy Lady: Was passiert eigentlich im Körper, wenn unser Blutzucker ständig hoch und runter geht?

Fatme Bolhos: Wenn der Blutzuckerspiegel stark schwankt, müssen die Zellen sich ständig anpassen. Steigt der Blutzucker stark an, wird Insulin ausgeschüttet, damit Glukose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann. Fällt der Blutzucker schnell ab, kann dem Körper kurzfristig Energie fehlen, worauf Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol reagieren. Häufige starke Schwankungen können Zellen belasten und langfristig Stoffwechselprozesse ungünstig beeinflussen.

„Östrogen wird eher mit unterstützenden Effekten auf Serotonin und Dopaminsysteme verbunden, die für Stimmung und Motivation wichtig sind.“

Healthy Lady: Rund um den Zyklus verändert sich auch unsere Haut. Was passiert dabei hormonell im Körper?

Fatme Bolhos: Das Hautbild wird nicht nur durch Pflegeprodukte beeinflusst, sondern auch stark durch innere Prozesse. Besonders Hormone spielen eine wichtige Rolle, weil sie Talgproduktion, Feuchtigkeit, Entzündungsneigung und Hauterneuerung beeinflussen können. Rund um den Eisprung ist der Östrogenspiegel oft höher, was bei vielen mit einer besser durchfeuchteten, klareren oder strahlenderen Haut verbunden wird. In anderen Zyklusphasen können hormonelle Veränderungen eher Unreinheiten oder empfindlichere Haut begünstigen.


Healthy Lady: Viele von uns merken erst spät, wie stark dauerhafter Stress den eigenen Körper beeinflussen kann, sei es durch Schlafprobleme, Erschöpfung, Heißhunger oder Veränderungen im Zyklus. Was passiert, wenn Stress über längere Zeit anhält?

Fatme Bolhos: Chronischer Stress kann das Hormonsystem deutlich beeinflussen, weil der Körper dabei dauerhaft Stresshormone wie Cortisol ausschüttet. Kurzfristig ist das sinnvoll, um leistungsfähig zu bleiben. Wenn Stress jedoch über längere Zeit anhält, kann das andere Hormonsysteme stören, zum Beispiel Schlafhormone, Hungerregulation, Schilddrüsenfunktion oder den weiblichen Zyklus. Viele merken das dann durch Erschöpfung, Schlafprobleme oder Zyklusveränderungen.


Prävention und Alltag

Healthy Lady: Wenn Frauen ihren Zyklus besser verstehen oder regulieren möchten, wo würdest du aus biochemischer Sicht ansetzen?

Fatme Bolhos: Aus biochemischer Sicht würde ich zuerst bei den Grundlagen ansetzen. Schlaf, Ernährung, Stressmanagement und regelmäßige Bewegung beeinflussen viele Hormonsysteme direkt. Auch ein stabiler Blutzucker, ausreichend Energiezufuhr und Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle. Wenn Beschwerden stärker sind, sollte man zusätzlich medizinisch abklären, ob zum Beispiel die Schilddrüse, der Eisenstatus oder andere hormonelle Störungen beteiligt sind.

„Wenn Stress jedoch über längere Zeit anhält, kann das andere Hormonsysteme stören.“

Healthy Lady: Wenn es um Hormone geht, denken viele zuerst an Eierstöcke, Schilddrüse oder den Zyklus. Kaum jemand aber an die Leber. Welche Rolle spielt sie im Hormonstoffwechsel?

Fatme Bolhos: Die Leber spielt eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel und wird dabei oft unterschätzt. Sie hilft, Hormone umzubauen, zu aktivieren oder abzubauen, damit sie in einem gesunden Gleichgewicht bleiben. Außerdem produziert sie wichtige Transportproteine, an die Hormone im Blut gebunden werden. Wenn die Leberfunktion beeinträchtigt ist, kann sich das daher auch auf den Hormonhaushalt auswirken.


Healthy Lady: Wenn es um Hormone geht, kursieren viele Ernährungs-Empfehlungen. Welche Nährstoffe braucht der Körper tatsächlich, um hormonell im Gleichgewicht zu bleiben?

Fatme Bolhos: Ja, bestimmte Nährstoffe spielen für den Hormonhaushalt eine wichtige Rolle, weil Hormone nur dann optimal gebildet und reguliert werden können, wenn der Körper ausreichend versorgt ist. Besonders relevant sind Eiweiß, gesunde Fette, Magnesium, Zink, Eisen, Vitamin D und B-Vitamine. Auch ausreichend Energiezufuhr insgesamt ist wichtig, denn bei dauerhaftem Mangel kann der Körper hormonelle Prozesse herunterregulieren.


Hormone und Psyche

Healthy Lady: Viele Frauen erleben in der zweiten Zyklushälfte stärkere emotionale Schwankungen. Welche Rolle spielen dabei Progesteron und das Nervensystem?

Fatme Bolhos: In der zweiten Zyklushälfte steigt zunächst Progesteron an. Dieses Hormon wirkt im Gehirn unter anderem auf Systeme, die mit Ruhe, Stressverarbeitung und Stimmung zusammenhängen. Kurz vor der Periode fallen Progesteron und später auch Östrogen wieder ab. Auf diese Schwankungen reagiert das Nervensystem bei manchen sensibler, dadurch können Reizbarkeit, Traurigkeit oder innere Unruhe entstehen.

„Insulin wirkt nicht nur auf Zucker, sondern auch auf die Eierstöcke.“

Healthy Lady: Warum können hormonelle Veränderungen, z.B. beim Absetzen der Pille oder in der Perimenopause so starke Auswirkungen auf die Stimmung haben?

Fatme Bolhos: Hormone beeinflussen im Gehirn Systeme wie Serotonin, Dopamin und GABA, einen körpereigenen Botenstoff, der unter anderem beruhigend auf das Nervensystem wirkt. Diese Systeme sind wichtig für Stimmung, Motivation und emotionale Stabilität. Wenn sich Hormonspiegel plötzlich verändern, muss sich das Nervensystem erst anpassen. Deshalb können in Übergangsphasen Stimmungsschwankungen, Nervosität oder Erschöpfung auftreten.


Blutzucker und Heißhunger

Healthy Lady: Insulin wird meist mit Blutzucker oder Diabetes in Verbindung gebracht. Dass dieses Hormon aber auch Einfluss auf den weiblichen Zyklus haben kann, ist deutlich weniger bekannt. Welche Auswirkungen kann ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel langfristig auf den Körper haben?

Fatme Bolhos: Insulin wirkt nicht nur auf Zucker, sondern auch auf die Eierstöcke. Bei dauerhaft erhöhtem Insulin, etwa bei Insulinresistenz, kann die Produktion männlicher Hormone steigen und der Eisprung gestört werden. Das sieht man zum Beispiel häufig beim Polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS). Für Betroffene kann sich das unter anderem durch unregelmäßige Zyklen, ausbleibende Eisprünge, Hautveränderungen oder Schwierigkeiten beim Schwangerwerden bemerkbar machen. Deshalb spielt ein stabiler Blutzucker nicht nur für den Stoffwechsel, sondern auch für die hormonelle Gesundheit eine wichtige Rolle.

„Die Leber spielt eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel und wird dabei oft unterschätzt.“

Healthy Lady: Kurz vor der Periode scheint der Körper plötzlich nach Schokolade, Snacks oder mehr Energie zu verlangen. Welche hormonellen Veränderungen stecken dahinter und warum reagiert der Körper in dieser Phase oft anders?

Fatme Bolhos: Vor der Periode verändern sich Östrogen und Progesteron. Gleichzeitig steigt bei manchen der Energiebedarf leicht an, und das Belohnungssystem reagiert sensibler auf Zucker oder Fett. Dazu kommen Stimmungsschwankungen oder Müdigkeit. Dadurch entsteht oft stärkerer Appetit oder Heißhunger.


Wann es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen

Hormonelle Veränderungen gehören für viele Frauen zum Leben dazu. Beschwerden wie Erschöpfung, starke Stimmungsschwankungen, Zyklusveränderungen oder anhaltender Heißhunger sollten jedoch nicht dauerhaft ignoriert werden. Wer über längere Zeit Veränderungen bemerkt oder sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt, kann diese Symptome medizinisch abklären lassen. Erste Anlaufstellen sind meist die gynäkologische Praxis, je nach Beschwerden aber auch hausärztliche oder endokrinologische Fachpraxen. Dort können abhängig von Zyklusphase und Symptomen unter anderem Hormonwerte, Schilddrüse, Eisenstatus oder Stoffwechselmarker genauer untersucht werden. Denn je besser wir verstehen, was im Körper passiert, desto bewusster können wir mit den Signalen unseres Körpers umgehen.


„Mein System konnte den Druck nicht mehr tragen“ – Wie Klangtherapie Lisa aus dem Zusammenbruch holte

Manchmal fühlt sich unser Alltag an, als würde alles gleichzeitig an uns ziehen. Innere Unruhe, ständiger Druck im Job, das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können, selbst dann nicht, wenn wir eigentlich „alles richtig machen“: uns gesund ernähren, Sport treiben, Pausen einplanen. Und doch bleibt diese Erschöpfung, die sich nicht einfach wegschlafen lässt. Immer mehr Menschen suchen deshalb nach neuen Wegen, um wirklich zur Ruhe zu kommen. Neben Yoga, Atemtechniken und Meditation taucht dabei ein Begriff immer häufiger auf: Klangtherapie. Eine Form der Entspannung, die nicht über Denken funktioniert, sondern über Spüren und Schwingung. Über das, was uns erreicht, noch bevor wir es erklären können.

In einer Sound-Meditation begleiten Instrumente wie Kristallklangschalen, Metallklangschalen, Drums oder Chimes die Teilnehmer auf einer Reise nach innen. Die Klänge breiten sich im Körper aus, ähnlich wie Wellen im Wasser, wenn man einen Stein hineinwirft. Da der menschliche Körper zu einem großen Teil aus Wasser besteht, wandern diese Vibrationen durch den ganzen Körper. Dadurch kommt der Geist zur Ruhe. Das Gedankenkarussell verlangsamt sich und der Körper gelangt in einen Zustand tiefer Entspannung. Viele Menschen erleben genau hier etwas, das im Alltag oft verloren geht. Ein echtes Gefühl von Ankommen bei sich selbst.


Die Brücke zwischen Schulmedizin und Klang

Eine Frau, die diesen Weg nicht nur gegangen ist, sondern ihn heute aktiv prägt, ist Lisa Schuster. Als Ärztin, Yoga- und Klangtherapeutin verbindet sie in ihrer Arbeit zwei Welten, die lange als Gegensätze galten. Fundierte Schulmedizin trifft auf ganzheitliche Heilung. Schon während ihres Medizinstudiums spürte sie, dass Gesundheit mehr ist als Diagnosen und Therapien und dass der Mensch als Ganzes gesehen werden muss.

Heute arbeitet Lisa mit einem integrativen Ansatz, der medizinisches Fachwissen mit Yoga, Meditation und Akupunktur vereint. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Klangtherapie. Mit ihren AkashaBowls führt sie Menschen in Zustände tiefer Entspannung, in denen viele wieder ein Gefühl von innerer Balance und Regeneration erleben. Die speziell gefertigten Kristallklangschalen aus reinem Quarzglas können durch ihre feinen Schwingungen das Wohlbefinden positiv beeinflussen.

Als Gründerin des Sound Medicine Institute Germany gibt sie dieses Wissen weltweit in Workshops und Vorträgen weiter. In ihren Räumen in München begleitet sie Menschen dabei, durch Klang wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden. Im Gespräch erzählt sie, wie Heilung für sie klingt.

„Irgendwann konnte mein System das nicht mehr tragen – es kam zu einem Zusammenbruch, der mich gezwungen hat, innezuhalten.“


Sound Medicine: Warum Klänge unser Nervensystem erreichen, wo Worte enden

Healthy Lady:
Liebe Lisa, Klangtherapie ist für viele noch etwas völlig Neues. Viele Menschen wissen gar nicht genau, wie Klang auf Körper und Geist wirken kann. Wie würdest du Klangtherapie in eigenen Worten beschreiben? Was macht sie so besonders – und warum hört man gerade jetzt so viel davon, vor allem in den sozialen Medien?

Lisa Schuster:
Ja, das ist eine sehr schöne Frage. Das Besondere an Klangtherapie ist, dass Klänge uns auf ganz vielen Ebenen erreichen – sie gehen durch den Körper hindurch, wirken überall und berühren uns auf eine Weise, die kaum eine andere Methode in dieser Form schafft. Es ist tatsächlich etwas, das einfach funktioniert. Als ich selbst zum ersten Mal damit in Berührung kam, war ich sehr skeptisch. Doch als ich mich darauf eingelassen habe, habe ich gemerkt: Wow, das funktioniert wirklich. Das hat mich so beeindruckt, dass ich angefangen habe, tiefer zu recherchieren – ich habe Studien gelesen, Bücher verschlungen, Kurse besucht. Und dabei wurde mir klar, dass unglaublich viel Wissen und auch Wissenschaft hinter dieser Praxis steckt. Heute bin ich überzeugt: Klangtherapie ist eine der leicht zugänglichen Möglichkeiten, um in tiefe Entspannung zu kommen und dem Nervensystem ein echtes Reset zu schenken. Vielleicht hört man auch gerade deshalb so viel davon – weil immer mehr Menschen merken, wie wertvoll diese Erfahrung gerade in unserer schnelllebigen Zeit sein kann.

In einer Sound-Meditation begleiten die Klänge der Kristallklangschalen die Teilnehmer auf ihrer Reise zurück zu sich selbst. (Foto: Lisa Schuster)

Healthy Lady:
Viele Menschen fragen sich, wie man überhaupt zu einer so ungewöhnlichen Praxis kommt. Was hat dich selbst dazu inspiriert, Sound Medicine zu praktizieren – und gab es einen besonderen Moment, der deine Arbeit verändert hat?

Lisa Schuster:
Mein Weg zur Klangtherapie war tatsächlich eng mit meiner eigenen Leidensgeschichte verbunden. Lange Zeit habe ich unter starkem Leistungsdruck gestanden und mich sehr über Perfektionismus und äußere Erfolge definiert. Irgendwann konnte mein System das nicht mehr tragen – es kam zu einem Zusammenbruch, der mich gezwungen hat, innezuhalten.

In dieser Phase habe ich begonnen, mich für andere Heilmethoden und neue Ansätze zu öffnen. Gleichzeitig habe ich die Musik wiederentdeckt – ein Teil von mir, den ich zuvor fast vergessen hatte. Ich bin DJ geworden, habe parallel zu meinem Medizinstudium intensiv mit Musik gearbeitet und mich auf Reisen immer tiefer mit Sound Healing beschäftigt.

Der Schlüsselmoment war meine erste Klangmeditation mit Kristallklangschalen. Diese Erfahrung war so tiefgreifend, dass sie mich vollkommen verändert hat. Ich habe plötzlich wieder Zugang zu mir selbst gefunden, meine innere Stimme gehört und gespürt, welchen Weg ich wirklich gehen darf. Dieses Erlebnis hat mich so nachhaltig geprägt, dass ich wusste: Das ist mein Weg – und seitdem hat mich die Arbeit mit Klängen nicht mehr losgelassen.

Wie bei Wasser, in das ein Stein fällt, breiten sich auch im menschlichen Körper die Schwingungen aus: Die Vibration einer Quarzglas-Klangschale wandert wellenartig durch den Körper – bis in die kleinsten Zellen. (Foto: Lisa Schuster)

„Diese Erfahrung war so tiefgreifend, dass sie mich vollkommen verändert hat.“

Healthy Lady:
Instrumente haben eine unglaubliche Wirkung, doch nicht jeder versteht sofort, warum. Manche Klänge wirken beruhigend, andere energetisierend. Welche Instrumente nutzt du am liebsten in deinen Klangmeditationen – und warum empfindest du gerade deren Schwingungen als so heilsam?

Lisa Schuster:
Ich bin ganz klar Expertin für Kristallklangschalen – und das hat sich mit der Zeit ganz natürlich entwickelt. Von Anfang an habe ich mich zu diesen Instrumenten am stärksten hingezogen gefühlt und ihre Wirkung am intensivsten gespürt. Ihre Schwingungen gehen unglaublich tief und berühren uns auf emotionaler, spiritueller, mentaler, aber auch auf körperlicher Ebene.

Für mich sind die Kristallklangschalen deshalb mein absolutes Go-to-Instrument. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass es nicht nur um das reine Spielen geht: Hintergrundwissen, das Verständnis für die verschiedenen Spieltechniken und die Kombination der Schalen sind entscheidend. Nur so kann ein Klangraum entstehen, der wirklich transformativ wirkt und tiefe Entspannung ermöglicht. Das gilt im Grunde für jedes Instrument – die Kunst liegt darin, bewusst und mit Wissen einen sicheren Raum mit Klängen zu kreieren.


Transformation beginnt im Inneren

Healthy Lady:
Man hört oft von Menschen, die durch Klangtherapie erstaunliche Veränderungen erlebt haben. Hast du besondere Geschichten oder Erfahrungen von Menschen, die durch Klangtherapie eine überraschende Veränderung erlebt haben?

Lisa Schuster:
Definitiv. Bei mir selbst hat es angefangen – ich habe gemerkt, dass regelmäßiges Arbeiten mit Klängen eine tiefe innere Transformation bewirken kann. Wir suchen so oft nach Veränderung im Außen, dabei beginnt echte Transformation im Inneren. Genau dort setzen die Klänge an: Sie wirken auf bewussten und unterbewussten Ebenen, helfen uns, Dinge zu verarbeiten und zu integrieren, die sonst schwer zugänglich sind.

Das hat mich von Anfang an fasziniert und überzeugt. Und heute, nachdem ich bereits hunderte Menschen im Bereich Sound Medicine ausgebildet habe, bekomme ich immer wieder Rückmeldungen, wie sehr sich ihr Leben verändert hat, seit sie Klänge in ihren Alltag integriert haben. Natürlich ist es wichtig zu betonen: Eine einzige Session kann schön sein, aber die wirklich nachhaltige Wirkung entsteht durch regelmäßige Praxis.


Healthy Lady:
Viele wissen nicht, wie Klang wirkt – spürt man es eher körperlich oder emotional? Wie erleben Menschen die Wirkung der Klangtherapie?

Lisa Schuster:
Das Spannende ist: Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Klänge – und das ist auch genau das Schöne daran. Manche spüren sofort eine tiefe körperliche Entspannung, andere erleben emotionale Prozesse, wieder andere berichten von spirituellen Erfahrungen. Oft ist es auch eine Kombination von allem.

Mein Ansatz ist deshalb sehr individuell. Ich frage Menschen: Welcher Klang berührt dich? Welcher Klang macht etwas mit dir? Denn genau das ist der Klang, mit dem man arbeiten darf. Diese Resonanz kann sich im Laufe der Zeit verändern, je nachdem, wo man gerade im Leben steht. Das macht die Arbeit mit Klängen so lebendig und vielseitig.

„Ich habe plötzlich wieder Zugang zu mir selbst gefunden und meine innere Stimme gehört.“


Healthy Lady:
Es gibt ganz unterschiedliche Lebenssituationen, in denen Menschen nach Heilung oder Entspannung suchen. Gibt es Beschwerden oder Lebenssituationen, bei denen Klangtherapie besonders hilfreich sein kann?

Lisa Schuster:
Ich bin überzeugt, dass Klangtherapie in nahezu jeder Lebenssituation hilfreich sein kann, weil sie das Nervensystem reguliert und Stress reduziert. Und Stress ist nach heutigem Wissen bei etwa 95 Prozent aller Erkrankungen ein Mitfaktor.

Gerade darin liegt die Stärke der Klänge: Sie bringen uns zurück in Harmonie und Balance. Natürlich muss man individuell schauen, was gerade passt. Für manche Menschen ist es am Anfang sinnvoll, mit kürzeren Sessions zu starten, andere können sofort in längere Klangräume eintauchen. Wichtig ist, das gemeinsam mit dem Praktizierenden herauszufinden.

Ein Sound-Medicine-Workshop unter freiem Himmel – hier in der Wüste, einem Ort von Weite, Stille und Präsenz.
(Foto: Lisa Schuster)

Klang im Alltag – Heilung zwischen Tür und Termin

Healthy Lady:
Viele Menschen wünschen sich, Klangtherapie in den Alltag zu integrieren, wissen aber nicht genau wie. Gerade wer wenig Zeit hat, sucht nach praktikablen Möglichkeiten. Wie lässt sich Klangmedizin im Alltag nutzen?

Lisa Schuster:
Es ist tatsächlich sehr einfach, Klangtherapie in den Alltag zu integrieren. Wer live etwas erleben möchte, kann vor Ort nach Angeboten suchen – auf meiner Website gibt es zum Beispiel eine Liste von Praktizierenden, die ich selbst ausgebildet habe, in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Für alle, die lieber zu Hause beginnen wollen oder wenig Zeit haben, gibt es zahlreiche Möglichkeiten online. Auf YouTube oder Spotify findet man viele geführte Sound-Meditationen. Ich selbst habe außerdem einen eigenen Membership-Bereich entwickelt, in dem Meditationen von drei Minuten bis über eine Stunde zur Verfügung stehen. So kann man immer die passende Länge wählen, ob für eine kurze Pause in der Mittagspause oder eine längere Session am Abend zum Einschlafen. Das macht Klangtherapie unglaublich flexibel und alltagstauglich.


Healthy Lady:
Klangtherapie wird leider immer noch oft missverstanden. Manche denken, es sei nur esoterischer Schnickschnack, andere sind skeptisch gegenüber den Ergebnissen. Welche Missverständnisse oder Vorurteile begegnen dir oft – und wie räumst du sie aus?

Lisa Schuster:
Genau das, was du beschreibst, erlebe ich häufig: Viele schieben Klangtherapie sofort in die esoterische Ecke und sagen, „Das ist nichts für mich“, vor allem, wenn sie mit Spiritualität nichts anfangen können. Was dabei oft übersehen wird: Die Wirkung von Klängen ist wissenschaftlich gut untersucht. Es gibt zahlreiche Studien im Bereich Musik und Frequenzmedizin, die belegen, wie stark Klänge auf Körper und Psyche wirken können.

Darum lade ich Menschen ein, ihre Vorurteile kurz beiseite zu legen und es einfach auszuprobieren. Man muss nicht mit einem bestimmten Glauben oder einer Erwartung kommen – nur offen für die Erfahrung sein und schauen: Was macht es mit mir persönlich?

„Wir suchen so oft nach Veränderung im Außen, dabei beginnt echte Transformation im Inneren.“


Healthy Lady:
Viele Menschen sind neugierig, aber unsicher, ob Klangtherapie wirklich etwas bringt. Was würdest du jemandem raten, der interessiert, aber skeptisch ist?

Lisa Schuster:
Ganz klar: einfach ausprobieren. Jeder reagiert anders auf Klänge, und jede Session ist einzigartig. In einer Sitzung kann die Wirkung körperlich sein, in einer anderen vielleicht stark emotional – manchmal zeigen sich Prozesse sogar erst in den Tagen danach.

Das Schöne ist: Klangtherapie ist nahezu nebenwirkungsfrei, nur in einigen Fällen wie beispielsweise bei psychischen Vorerkrankungen oder einer Epilepsie sollte eine Session nur mit einem therapeutisch ausgebildeten Praktizierenden durchgeführt werden.

Die Räumlichkeiten eines Klangtherapie-Workshops – warm, klar und bewusst gestaltet, um einen sicheren Raum für Entspannung und innere Prozesse zu schaffen. (Foto: Lisa Schuster)

Die Zukunft der Klänge – Heilung wird hörbar

Healthy Lady:
Die Zukunft der Klangmedizin scheint spannend zu sein, ist aber noch nicht überall angekommen. Wie siehst du die Entwicklung, wird Klangmedizin in den kommenden Jahren bekannter und mehr anerkannt werden?

Lisa Schuster:
Als ich vor fünf Jahren mein Unternehmen gegründet habe, war Klangtherapie noch sehr unbekannt. Viele Menschen konnten mit dem Begriff gar nichts anfangen. Ich wusste jedoch aus eigener Erfahrung: Wenn es bei mir so stark wirkt, dann wird es auch bei vielen anderen etwas bewirken. Meine Vision war damals schon, dass es eines Tages Soundhealing-Studios an jeder Ecke geben könnte.

Und tatsächlich – heute, nur wenige Jahre später, hat sich unglaublich viel verändert. Klangtherapie hat einen riesigen Sprung gemacht. Immer mehr Menschen kennen es, immer mehr wollen es praktizieren. Meine Ausbildungen sind inzwischen regelmäßig ausgebucht, was zeigt, dass das Interesse stetig wächst. Ich bin überzeugt: Dieser Trend wird weitergehen. Wir brauchen mehr Menschen, die die Klänge in die Welt tragen – und ich sehe, dass genau das bereits geschieht.


„Klangtherapie ist eine der leicht zugänglichen Möglichkeiten, um dem Nervensystem ein echtes Reset zu schenken.“

Healthy Lady:
Wie sehen deine Kurse aus, was erleben die Teilnehmer und für wen sind sie am besten geeignet?

Lisa Schuster:
Meine Vision war von Anfang an, die Klänge weiter in die Welt zu bringen. Deshalb habe ich vor fünf Jahren das Sound Medicine Institute Germany gegründet. Dort biete ich verschiedene Programme und Zertifizierungen an, sodass für jeden etwas dabei ist.

Wer ganz neu einsteigen möchte, kann zum Beispiel mit einem Online-Selbstlernkurs beginnen. Andere bevorzugen ein kompaktes Wochenende vor Ort, bei dem sie auch praktisch in die Arbeit mit Klängen eintauchen. Und für alle, die wirklich in die Tiefe gehen wollen, gibt es mein größtes Programm: das Sound Medicine Coach-Programm.

Dort beschäftigen wir uns intensiv mit der Wissenschaft und Spiritualität hinter den Klängen, lernen unterschiedliche Instrumente kennen, erfahren die Wirkung am eigenen Körper und auch die Business-Seite kommt nicht zu kurz. Die Teilnehmer lernen, wie sie Klangmedizin nicht nur für sich selbst nutzen, sondern auch professionell anbieten und ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können. So ist für jeden etwas dabei, egal ob man Klangtherapie erstmal für sich selbst entdecken möchte oder den Wunsch hat, sie beruflich in die Welt zu tragen.

Lisa Schuster leitet einen Klangtherapie-Workshop – im Mittelpunkt stehen Achtsamkeit, Frequenz und innere Ruhe. (Foto: Lisa Schuster)

Wenn moderne Medizin neue Wege geht

Klangtherapie ist für viele kein kurzfristiger Trend, sondern ein Bereich, den immer mehr Menschen als Ergänzung zu klassischen Formen der Gesundheitsfürsorge entdecken. Lisas Arbeit zeigt, dass sich Medizin, Achtsamkeit und Klang durchaus verbinden lassen, besonders in einer Zeit, in der viele Menschen wieder stärker auf ihr eigenes Wohlbefinden achten.



„Ich wurde stundenlang im Kühlschrank eingesperrt“ – Missbraucht von der eigenen Mutter

In diesem Beitrag geht es um schweren körperlichen und sexuellen Kindesmissbrauch.
Wenn dich solche Themen emotional stark belasten, lies bitte an dieser Stelle nicht weiter. Zum Schutz der Privatsphäre werden keine persönlichen Fotos der Interviewpartnerin veröffentlicht. Das Titelbild ist symbolisch.


Diese Augen haben zu viel gesehen

Es war spät am Abend. Mein Sohn schlief bereits, das Haus war still.
Ich scrollte gedankenlos durch die sozialen Medien auf der Suche nach einer interessanten Persönlichkeit für das nächste Interview. Und dann blieb ich plötzlich wie erstarrt.

Eine junge Frau. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Ein Blick, so tief, dass er mich mitten ins Herz traf.
Ich weiß in diesem Moment: Diese Augen haben zu viel gesehen. Ich klickte auf ihr Video. Sie begann zu sprechen. Ein Video, dann das nächste. Florina (31) – so nennt sie sich, erzählt in ihren Beiträgen von einer Kindheit, die niemand hätte ertragen dürfen. Von Hunger, Schmerz, Angst und Verrat von Menschen, die sie hätten beschützen müssen und es nicht taten. 

„Meine leibliche Mutter hat mir, als ich noch ein Kleinkind war, das Essen und Trinken verweigert. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen.
Ich erinnere mich an einen Moment – der Durst war so schlimm, dass ich mich ganz leise aus meinem Zimmer geschlichen habe.
Ich bin ins Badezimmer gegangen – ich war zu klein, um das Waschbecken zu erreichen.
Also habe ich einen Schwamm genommen, ihn in die Toilette getaucht und das Wasser daraus gesaugt. Ich hatte so großen Durst…“

Mit jedem Satz öffnet sie ein Stück mehr die Tür zu einer Welt, die niemand sehen möchte.
Ich spüre, wie mein Herz anfängt zu rasen.

„Ich durfte nicht auf die Toilette gehen“, sagt sie leise.
„Ich habe versucht, in Flaschen zu pinkeln. Als meine Mutter es entdeckt hat, hat sie mich so schlimm geschlagen, dass ich dachte, ich überlebe es nicht.“

Ein Zittern lag in ihrer Stimme, aber kein Hass. Nur Leere. Als spräche jemand, der gelernt hat, Gefühle auszuschalten, um zu überleben. Dann erzählt sie weiter:

„Ich bin als Kind für mehrere Stunden in den eiskalten Kühlschrank eingesperrt worden. Ich hatte nur meine Unterwäsche und mein Unterhemd an.
Ich habe laut geschrien und geweint. Ich dachte, ich werde es nicht überleben.
Während ich dort drinnen Todesangst hatte, saßen meine Mutter und ihr Lebensgefährte draußen, hämmerten gegen den Kühlschrank, lachten sich tot.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich rausgelassen haben, war meine Fußsohle eingefroren. So fuhren sie mit mir ins Krankenhaus.
Das Jugendamt wurde informiert, aber es geschah nichts. Niemand hat etwas unternommen.“

Das, was ihr hier gerade lest, sind die harmlosesten Zitate aus Florinas Videos, die sie mit der Öffentlichkeit teilt.
Jede einzelne Erzählung dieser jungen Frau ließ mich tiefer hineinsinken in eine Welt, die so grausam war, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich fühle noch heute, wie mir die Tränen über die Wangen laufen.
Ich legte das Handy weg, ging in das Zimmer meines Sohnes und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte.

Wie viele Kinder allein hier in Deutschland müssen täglich Ähnliches durchleben, ohne dass jemand hinschaut? Mein Mutterherz bricht bei diesem Gedanken. Am nächsten Morgen kontaktierte ich sie.
Ich musste. Ich konnte sie nicht vergessen.
Und dann lernte ich sie kennen: eine junge Frau voller Herzlichkeit, Offenheit und Mut.
Man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unglaublich stark sie ist.

Florina – mein heutiger Gast – erhebt ihre Stimme.
Für sich. Und für all die anderen Opfer von schwerem Kindesmissbrauch, die zu lange geschwiegen haben.
Sie zeigt sich. Sie teilt ihre Narben, ihre dunkelsten Erinnerungen. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um aufzurütteln.
Damit Menschen wie du und ich genauer hinschauen.
Damit wir Kinder sehen, die sonst niemand sieht.
Damit wir endlich verstehen, dass Missbrauch kein fernes Thema ist, sondern mitten unter uns geschieht.


Der Beginn einer Hölle

Healthy Lady: Florina, wenn du an deine Kindheit denkst – was siehst du?
Ich weiß, dass es schmerzhaft ist, aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was du erlebt hast.
Wie hat alles begonnen?

Florina:
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich zuerst kein konkretes Bild, sondern ein Gefühl – eine Mischung aus Unsicherheit und dem ständigen Versuch, stark zu sein. Viele Momente verschwimmen, aber manche sind bis heute sehr klar. Angefangen hat alles damit, dass ich sehr früh gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Die Erwachsenen um mich herum waren oft mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, und ich hatte das Gefühl, keinen richtigen Platz zu haben. Als Kind versteht man nicht, warum Dinge passieren – man spürt nur, dass etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl hat mich lange begleitet.

Die schlimmsten Momente waren nicht unbedingt die lauten, offensichtlichen. Es waren die stillen. Die Abende, an denen ich gehofft habe, dass jemand da ist, der mich sieht, aber niemand kam. Dieses Gefühl, nicht wichtig zu sein, nicht gehört zu werden. Diese unsichtbaren Wunden haben mich viel stärker geprägt als alles, was man von außen hätte erkennen können.

Was mich bis heute begleitet und für mich besonders schlimm war: Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen. Er trug eine schwarze Strumpfhose über dem Kopf, hatte ein Kissen unter dem Oberteil und ein Messer in der Hand. Manchmal musste ich selbst ein Messer aus der Küche holen. Er drohte mir, dass ich gleich in seinem Bauch landen würde, dass er schon viele Kinder gegessen habe, und fuhr mit dem Messer an meinen Armen und Beinen entlang. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich je erlebt habe.

Ein anderes Mal wurde ich für mehrere Stunden in einen Kühlschrank eingesperrt. Ich musste mich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Diese Zeit war extrem traumatisch – ich dachte wirklich, ich würde sterben. Ich könnte stundenlang über meine Kindheit schreiben. Und trotzdem: Es gab auch kleine Lichtblicke. Menschen, die mir später gezeigt haben, dass Vertrauen möglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum ich heute darüber sprechen kann. Nicht, um die Vergangenheit neu zu durchleben – sondern damit andere verstehen, wie sich solche Erfahrungen anfühlen. Und dass man Wege findet, daraus herauszuwachsen.

„Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist.“


Healthy Lady: Du warst noch so klein, als all das geschah.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gespürt hast, dass das, was passiert, nicht normal ist?

Florina:
Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist. Wir lebten in einer Gegend, in der auch Nachbarn ihre Kinder misshandelten. Für mich war das einfach „so“. Dann habe ich mich mit einer Freundin verabredet und dort war plötzlich alles anders. Ihre Mutter war liebevoll, es gab Mittagessen nach der Schule, eine Wärme, die ich nicht kannte. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen. Und genau da habe ich verstanden: Das, was bei uns passiert, ist nicht normal.


Healthy Lady: Du wurdest häufig verletzt. Wie kann es sein, dass niemand eingegriffen hat – Schule, Freunde, Familie, Jugendamt?
Gab es Menschen, die dich sahen – und trotzdem schwiegen?

Florina:
Uns wurde immer wieder klargemacht, dass wir niemals darüber sprechen dürfen, was zu Hause passiert. Meine Mutter machte mir deutlich, dass sie es herausfinden würde, wenn ich rede, und drohte mir mit Dingen, die mir große Angst machten. Sie wusste genau, wie sie mich zum Schweigen bringt. Aber zum Glück haben nicht alle geschwiegen. Geschwister von mir haben sich in der Schule und in der Kita anvertraut. Über Jahre hinweg wurde dort immer wieder gemeldet, was bei uns passiert. Auch meine Oma hat mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Und trotzdem gab es Menschen, die vieles gesehen oder geahnt haben – und geschwiegen haben.


Healthy Lady: Du hast erzählt, dass du irgendwann befreit wurdest – dass endlich jemand hingesehen hat.
Weißt du noch, wie dieser Moment war? War es Erleichterung – oder Angst, dass alles wieder beginnt?

Florina:
Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden und wollte so schnell wie möglich zurück nach „Hause“. Ich hatte große Angst vor meiner Mutter und dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Erst mit der Zeit – als ich andere Menschen und eine andere Art zu leben kennenlernte – begann ich zu begreifen, wie viel in meiner Familie falsch gelaufen war. Ich war sehr in mich gekehrt, schwer erreichbar, und es war kaum möglich, mit mir zu kommunizieren. Aber langsam habe ich mich geöffnet. Ich begann, mich sicherer zu fühlen. Und irgendwann auch: ein kleines bisschen frei.


Die Täter – das Gesicht des Schmerzes

Healthy Lady:
Du hast gesagt, dass du dir trotz allem Nähe zu deiner Mutter gewünscht hast.
Gab es irgendwann etwas Schönes zwischen euch – oder war alles von Angst geprägt?

Florina:
Ich habe ihre Nähe gesucht, weil ich mir dieses Band zwischen Mutter und Tochter so sehr gewünscht habe – so, wie man es aus Filmen und Serien kennt. Im Heim oder in der Pflegefamilie schenkte sie mir dann Aufmerksamkeit, und das habe ich sehr genossen. Aber je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie mir alles angetan hat. Es gab in meiner Kindheit nur sehr wenige schöne Momente mit ihr.

„Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen?“


Healthy Lady:
Wenn du heute zurückblickst – glaubst du, dass deine Mutter krank war?
Oder war es Eifersucht, Macht, Hass?

Florina:
Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass sie selbst Dinge erlebt hat, die sie traumatisiert haben. Meine Tante ist sehr früh gestorben, sie war, glaube ich, zehn oder elf Jahre alt. Auch meine Mutter wurde später Opfer von Gewalt durch Männer, an die sie geraten ist. Aber aufgrund meiner eigenen Kindheit könnte ich meinen Kindern niemals so etwas antun, wie sie es mir angetan hat. Sie hat sich damals bewusst dafür entschieden. Ich denke, dass es zum Schluss viel mit Macht, Ergötzung und Befriedigung zu tun hatte, etwas das sie gebraucht hat.


Healthy Lady:
In einem deiner Videos beschreibst du eine Nacht, die dich bis heute begleitet.
Du musstest dich vor einer Kamera zeigen – vor fremden Menschen.
Kannst du heute begreifen, warum dir das angetan wurde?
Glaubst du, dass die Täter damit Geld verdient haben?

Florina:
Ich weiß leider nicht genau, warum sie das getan hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie damit Geld verdient hat. Sie war auf vielen Plattformen unterwegs.


Healthy Lady:
Du hast berichtet, dass auch der damalige Lebensgefährte deiner Mutter dir Leid zugefügt hat.
Was war das für ein Mensch?
Glaubst du, er hat auch anderen Kindern geschadet?
Und wie war es mit deinen Geschwistern – waren sie ebenfalls betroffen?

Florina:
Mein damaliger Stiefvater war ein sehr aggressiver Mensch. Er war viel mit seinem LKW unterwegs, und ich habe es genossen, wenn er weg war. Er hat mir viele schlimme Dinge angetan, von denen ich heute einen Teil nur noch verschwommen erinnere. Auch er hat diese Macht und Befriedigung genossen.
Und ja, er hat auch meinen Geschwistern Leid zugefügt.


Healthy Lady:
Hast du heute noch Kontakt zu deiner Mutter?
Hat sie sich jemals bei dir entschuldigt?
Und wie geht sie damit um, dass du heute öffentlich über deine Geschichte sprichst?

Florina:
Nein, ich habe seit knapp drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat sich entschuldigt, aber es war nur ein:
„Es tut mir leid, ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“ Als ich meinen zweiten Sohn geboren habe, konnte ich ihre Nähe nicht mehr ertragen. Je älter mein großer Sohn wurde, desto mehr habe ich gesehen, was ich in seinem Alter bereits durchlebt hatte und welche Verantwortung ich damals schon tragen musste. Ab diesem Punkt konnte ich es nicht mehr aushalten, sie zu sehen. Sie weiß von meinen Videos und ist dabei, ihre „Zeugen“ zusammenzutrommeln. Einige ihrer Leute haben sich bereits bei mir gemeldet und mir gedroht. Ich bekomme fast täglich Nachrichten von Fake-Profilen, in denen mir weiter gedroht wird. Aber ich gebe nicht auf.

„Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen.“


Kampf, Gerechtigkeit & Systemversagen

Healthy Lady: Das Jugendamt wusste, dass etwas nicht stimmt.
Erzieher, Lehrer und deine Oma meldeten sich – und doch geschah nichts.
Wenn du heute daran denkst: Was fühlst du? Wut? Enttäuschung? Oder das Gefühl, dass man dich aufgegeben hat?

Florina:
Ich bin heute sehr wütend und enttäuscht vom Jugendamt. Sie hatten schon damals diverse Beweise auf dem Tisch liegen. Erzieher, Lehrer und meine Oma haben sich dort gemeldet – und trotzdem geschah nichts. Bis heute verstehe ich nicht, warum nicht gehandelt wurde.


Healthy Lady: Du hast Einsicht in deine Akten beantragt – und erfahren, dass du nur die Hälfte davon lesen darfst, weil die Täter zustimmen müssen.
Wie erklärst du dir das? Wie kann so etwas sein?

Florina:
Dass ich nur die Hälfte meiner Akte sehen darf, verstehe ich bis heute nicht. Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen? Das war einer der Gründe, warum ich es öffentlich gemacht habe und meine schreckliche Kindheit teile. Denn das, was mir passiert ist, passiert nicht nur mir, sondern so vielen anderen. Das System hat so viele Fehler. Und das muss gehört und gesehen werden.


Healthy Lady: Deine Täter sind nie verurteilt worden.
Sie leben frei – während du mit den Folgen leben musst.
Gibt es Momente, in denen du dir wünschst, sie würden fühlen, was sie dir angetan haben?

Florina:
Ja, es gibt Momente, in denen mich diese Ungerechtigkeit sehr trifft. Sie leben ihr Leben weiter, während ich bis heute mit den Folgen kämpfen muss. Das fühlt sich manchmal einfach unfair an. Aber zu wissen, dass sie meine Videos sehen, Angst bekommen und mit aller Kraft versuchen, mich mundtot zu machen, zeigt mir, dass sie keine Macht mehr über mich haben. Und das gibt mir sehr viel zurück. Ich möchte, dass sie für immer weggesperrt werden. In meinen Augen haben sie hier nichts mehr verloren.


Leben mit den Folgen – Trauma, Mutterschaft & Heilung

Healthy Lady: Du bist heute selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn du sie ansiehst – ihre Liebe, ihr Vertrauen – wie fühlt sich das für dich an?
Was für eine Mutter bist du heute?
Und kannst du das Verhalten deiner Mutter in irgendeiner Form nachvollziehen?

Florina:
Wenn ich meine Kinder ansehe, spüre ich vor allem Verantwortung. Diese kleinen Menschen vertrauen mir bedingungslos. Sie sind offen, ehrlich, verletzlich, genau so wie ich es damals auch war. Ich weiß, was Kinder brauchen. Nähe, Sicherheit, Schutz. Und genau deshalb kann ich das Verhalten meiner Mutter nicht nachvollziehen. Egal, was sie selbst erlebt hat, ich könnte meinen Kindern niemals das antun, was sie mir angetan hat. Ich bin heute eine Mutter, die hinschaut. Die fragt. Die zuhört. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.


Healthy Lady: Viele Mütter, die selbst Schlimmes erlebt haben, sagen,
dass die Liebe zu ihren Kindern zugleich Heilung und Schmerz bedeutet.
Geht es dir auch so?

Florina:
Ja. Absolut.
Meine Kinder heilen etwas in mir und gleichzeitig zeigen sie mir jeden Tag, was mir damals gefehlt hat. Manchmal sehe ich meinen Sohn und denke: In diesem Alter habe ich schon Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte. Das tut weh. Aber es gibt mir auch Kraft. Denn ich kann heute einen anderen Weg gehen.

„Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.“


Healthy Lady: Du hast einmal gesagt, dass du noch immer unter den Folgen deines Traumas und unter Depressionen leidest.
Wie fühlt es sich an, als Mama mit Depressionen zu leben?
Wie geht deine Familie damit um? Unterstützen sie dich?

Florina:
Es ist schwer. Es gibt Tage, an denen alles zu viel ist. An denen ich funktioniere, aber innerlich leer bin. Als Mutter trägt man Verantwortung auch dann, wenn man selbst kaum Kraft hat. Meine Familie weiß das. Sie unterstützt mich. Sie wissen, dass es Phasen gibt, in denen ich mehr Rückzug brauche. Ich versuche offen damit umzugehen, auch vor meinen Kindern – altersgerecht. Sie sollen lernen, dass Gefühle da sein dürfen. Auch die schweren.


Healthy Lady: In einem deiner Videos erklärst du Eltern, wie wichtig es ist, Kinder zu sensibilisieren –
dass es falsch ist, wenn ein Erwachsener ein „Geheimnis“ mit ihnen teilt oder sie berührt.
Wie sprichst du darüber mit deinen eigenen Kindern?

Florina:
Ich spreche sehr offen mit ihnen. Natürlich kindgerecht.
Ich erkläre ihnen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht wollen. Und dass es Geheimnisse gibt, die man immer erzählen darf, besonders dann, wenn sie sich komisch oder beängstigend anfühlen. Ich möchte, dass sie wissen: Mama hört zu. Mama glaubt euch. Und Mama schützt euch.


Wenn du helfen willst – oder selbst Hilfe brauchst

Florinas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Weckruf. Für Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freund:innen, für uns alle. Kinderschutz beginnt nicht bei Gesetzen, sondern bei Achtsamkeit, Vertrauen und Mut. Wenn du heute Florinas Worte gelesen hast, dann geh nicht einfach zur Tagesordnung über. Sieh hin. Hör hin. Frag nach.

Wenn du das Gefühl hast, dass ein Kind in Gefahr ist oder du selbst betroffen bist – schweige nicht. Hier bekommst du sofort, kostenlos und anonym Hilfe: Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ – 0800 22 55 530
Nummer gegen Kummer – Kindertelefon: 116 111 / Elterntelefon: 0800 111 0 550
Weißer Ring e.V. – 116 006
Polizei / Jugendamt – bei akuter Gefahr: 110


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