Im Februar 2022 bringt Josy Cornelius ihren Sohn im Pazifik vor Nicaragua zur Welt. Es ist ihre erste Geburt im Meer. (Foto: Josy Cornelius)

Sie brachte zwei Kinder im Ozean zur Welt. Dann urteilte die ganze Welt

Ein Video sorgt weltweit für Schlagzeilen. Es zeigt eine hochschwangere Frau, die ihr Kind in den Wellen des Pazifiks zur Welt bringt. Wenig später folgen Bilder einer zweiten Ozeangeburt in der Karibik. Medien von Australien bis Argentinien berichten über die außergewöhnlichen Aufnahmen, die 2022 Millionen Menschen erreichen. Die Bilder gehen um die Welt und mit ihnen eine Welle der Empörung.

Josy Cornelius (41, geb. Peukert), fünffache Mutter aus Deutschland, die heute mit ihrer Familie in Nicaragua lebt, wird zur Projektionsfläche unterschiedlichster Meinungen. Für die einen ist sie mutig. Für die anderen verantwortungslos. Kaum ein anderer Geburtsmoment wurde in den vergangenen Jahren so emotional diskutiert wie dieser.

Doch während sich Schlagzeilen und Meinungen überschlagen, bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. Wer ist die Frau hinter diesen Bildern wirklich?

In diesem exklusiven Interview spricht Josy Cornelius über die Geschichte hinter den Bildern, den Preis der weltweiten Aufmerksamkeit, ihren Weg von der Intensivstation zur gefragten Expertin und den Umgang mit dem Vorwurf, Frauen zu gefährlichen Geburten zu animieren.


Im Rhythmus der Wellen: Die Geburt im Pazifik

Healthy Lady: Liebe Josy, viele kennen dich durch die spektakulären Bilder deiner Geburten im Ozean. Hast du damit gerechnet, dass du danach zu einer polarisierenden Figur wirst? Was macht es mit dir, wenn man dich ungefragt in diese Schublade steckt, die „verrückte Aussteigerin“, die ohne jegliche Vorbereitung ihr Kind allein im Pazifik gebärt?

Josy Cornelius: Nein, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Die Frage würde ja schon implizieren, dass ich irgendetwas berechnet hätte. Aber genau das war nie der Fall. Ich hatte damals einfach meinen Instagram-Account und habe unsere Geburt geteilt, um unser Glück und unsere Freude zu teilen. Es gab überhaupt nicht den Gedanken, dass das einmal solche globalen Ausmaße annehmen würde. Wenn ich das rückgängig machen könnte, würde ich es tun.

Ich empfinde mich selbst auch gar nicht als „polarisierende Figur“. Das ist eher etwas, was gesellschaftlich daraus gemacht wird. Und wenn man mich in diese Schublade steckt, als „verrückte Frau, die allein im Ozean gebärt“, dann steckt in dieser Beschreibung eine Aneinanderreihung von Fehlinformationen. Es wird medial oft so dargestellt, als wäre das eine völlig spontane, unüberlegte Aktion gewesen, was schlicht falsch ist. Vieles davon hat mit Vorurteilen und Projektionen zu tun. Ein Auswandererleben, Meergeburten, Reichweite, das triggert einfach sehr viel in den Menschen.

„Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.“


Healthy Lady: Du sagst, das Bild der unvorbereiteten Aussteigerin ist eine Fehlinformation. Wie sah die Realität aus? Wie gut warst du tatsächlich auf diesen Schritt vorbereitet und stimmt es, dass du anderen Frauen sogar eher von einer Ozeangeburt abrädst?

Josy Cornelius: Diese Pazifikgeburt war über 40 Wochen lang vorbereitet und mit Vorbereitung meine ich wirklich Tag und Nacht. Ich glaube, viele können sich überhaupt nicht vorstellen, was für eine Mammutaufgabe das in jeder Hinsicht ist. Nicht nur emotional oder organisatorisch, sondern vor allem auch medizinisch. Man kann das nicht kleinreden. Es braucht unglaublich viel Wissen, um für all die „Was wäre wenn“-Fälle vorbereitet zu sein.

Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal. Ich weiß, wie man reanimiert. Ich weiß, was in echten Notfällen zu tun ist und wie viel Zeit bei massiven Blutungen bleibt. Mein Mann war in all das involviert und ich habe ihn intensiv gebrieft. Er wusste genau, wie eine arterielle Blutung aussieht, was im Worst Case zu tun wäre und welche Handgriffe dann nötig sind. Wenn eine Frau eine Meergeburt möchte, dann ist das nichts, was man in der 36. Woche spontan entscheidet.

Deshalb irritiert mich auch bis heute, wenn Frauen denken, sie könnten das einfach nachmachen. Ich habe nie gesagt, dass irgendjemand einfach ins Meer gehen sollte. Im Gegenteil, ich würde jeder Frau immer wieder davon abraten, wenn sie keine Ahnung hat, worauf sie sich einlässt. Das wäre lebensgefährlich für Mutter und Kind. Es gibt strikte Voraussetzungen. Nicht jede Frau kann einfach so ein Kind im Meer bekommen, und es wäre völlig unseriös, etwas anderes zu behaupten.

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Healthy Lady: Nimm uns mit in den Moment deiner Geburt im Ozean. Was hast du gefühlt? Wie war das für dich?

Josy Cornelius: Diese Geburt war nicht einfach ein schöner Moment, der irgendwie vom Himmel gefallen ist. Sie war das Ergebnis einer extrem umfangreichen Vorbereitung.

Wir haben damals nur etwa zehn Minuten vom Meer entfernt gewohnt. Ich habe über zwölf Wochen hinweg Ebbe und Flut getrackt, und zwar mit einer App, sodass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit genau wusste, wie der Wasserstand ist. Dazu kamen Wetter, Strömung, Bedingungen vor Ort — all diese Faktoren spielen am Pazifik eine Rolle und dürfen nicht unterschätzt werden.

Zusätzlich war ich jeden Tag im Wasser. Schon ganz am Anfang der Schwangerschaft haben wir unglaublich viel Zeit damit verbracht, verschiedene Strände anzuschauen, Orte auszukundschaften, immer wieder zu prüfen, welche Ecke ist stimmig, welche nicht, was passt wirklich?

Dazu kam die Arbeit mit meinem Nervensystem, mit meinen eigenen Prägungen, mit allem, was ich aus meinem Leben mitgebracht habe. Und genau dadurch wurde das Meer für mich zu einem Safe Space, zu einem sicheren Ort. Es war wie Nachhausekommen.

Und genau da ist das Nervensystem der zentrale Punkt. Das fehlt in einer klassischen Geburtsvorbereitung fast komplett. Wenn das Nervensystem einer Frau nicht sicher ist, dann fließt die Geburt nicht. Dann kann alles stocken, sich erschweren, blockieren. Das ist für mich einer der wichtigsten Schlüssel überhaupt.

Für mich war diese Geburt also vor allem eines: ein Nachhausekommen. Sicherheit. Und deshalb ist Vorbereitung und Planung eben so unglaublich ausschlaggebend. Da war nichts dem Zufall überlassen. Und genau deshalb konnte ich diesen Moment auch vollkommen genießen und zelebrieren.

Es war einfach eine wundervolle Geburt. Und es ist ein Moment, der sich für immer in unsere Herzen eingebrannt hat.

Im September 2023 bringt Josy kurz nach Mitternacht ihr fünftes Kind im Karibischen Meer vor Nicaragua zur Welt. Für die deutsche Auswanderin ist es bereits die zweite Geburt im Meer. (Foto: Josy Cornelius)


Healthy Lady: Nach dem Pazifik kam die Karibik. Wie lief die Planung für deine zweite Ozeangeburt ab?

Josy Cornelius: Die zweite Meergeburt, meine Karibikgeburt, war über 70 Wochen vorbereitet. Ich habe im Grunde schon eine Woche nach der Pazifikgeburt angefangen, die nächste Geburt zu planen. Genau das ist für mich echte Geburtsvorbereitung. Nicht erst in der Schwangerschaft anzufangen, sondern schon viel früher.

Aber genau dadurch ist eben auch eine wirkliche Traumgeburt möglich. Eine Geburt, aus der du lebenslang schöpfen kannst, statt eine Geburt zu erleben, über die du verbittert bist.


Angst, Risiko und Verantwortung

Healthy Lady: Hattest du bei deinen eigenen freien Geburten oder bei den Geburten deiner Klientinnen Angst, dass etwas schiefgehen könnte?

Josy Cornelius: Um ehrlich zu sein, nein. Und das eben aus dem heraus, was ich schon gesagt habe, aus der Vorbereitung. Auch bei meinen Komplettbegleitungen ist vorher schon so viel Arbeit gelaufen und so viel Wissen geflossen. Wir gehen wirklich alles im Detail durch, sodass es dieses „Schieflaufen“ in dem Sinne für mich nicht gibt.

Natürlich kann eine Frau sich während der Geburt umentscheiden oder plötzlich etwas anderes wollen. Aber auch dabei geht es um die Frage, welche Ängste, Prägungen oder Unsicherheiten vorhanden sind. Angst ist für mich ein falscher Berater. Es geht darum, die eigenen Bedenken ehrlich anzuschauen und sich so viel Wissen anzueignen, dass daraus wirkliche Sicherheit entsteht.

Ich selbst hatte keine Ängste und keine Zweifel. Wenn eine starke Unsicherheit vorhanden ist, muss man sagen, dass eine solche Geburt nicht der richtige Weg ist.


Healthy Lady: Gab es bei den von dir begleiteten Geburten schwierige Situationen? Wer trägt die Verantwortung, wenn Komplikationen auftreten?

Josy Cornelius: Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind. Das ist auch nicht das, was die Frauen bei mir suchen. Wir besprechen diese Dinge im Vorfeld sehr klar. Die Frauen, die zu mir kommen, handeln vollständig eigenverantwortlich.

Ich kommuniziere offen, dass ich weder Ärztin noch Hebamme bin. Wenn eine Frau einen ärztlichen Termin möchte, etwas medizinisch abklären lassen oder sich weitere Unterstützung holen möchte, ist das jederzeit ihre Entscheidung. Wir schauen uns Dinge gemeinsam an, wägen Möglichkeiten ab und besprechen Hintergründe. Am Ende entscheidet aber jede Frau selbst.

Auch in meinen Verträgen ist festgehalten, dass ich keine medizinische Verantwortung trage. Das ist als Mentorin weder meine Aufgabe noch meine Kompetenz.

„Gerade weil ich keine Hebamme bin, trage ich nicht die medizinische Verantwortung für Mutter und Kind.“


Von der Intensivstation zur Wassergeburtsexpertin: Der medizinische Hintergrund

Healthy Lady: Bist du eigentlich eine ausgebildete Hebamme oder Doula und wie unterscheidest du diese Rollen für dich?

Josy Cornelius: Nein, ich bin keine ausgebildete Hebamme, und zum Glück auch nicht. Eine Doula ist kein geschützter Begriff. Von der reinen Definition her ist eine Doula im Grunde einfach eine Frau, die einer anderen Frau dient und selbst Geburtserfahrung hat. Wenn man es ganz herunterbricht, könnte man sagen, eigentlich ist jede Mutter von dieser ursprünglichen Definition her auch eine Doula.

Viele wissen gar nicht, was das Label Hebamme in Deutschland eigentlich bedeutet. Eine Hebamme ist theoretisch nie ganz außer Dienst. Ich hatte das damals sehr konkret in meiner zweiten Schwangerschaft erlebt, weil eine meiner besten Freundinnen an der Charité war. Eine Hebamme dürfte eine freie Geburt gar nicht begleiten, weil sie immer eine Hinzuziehungspflicht hat. Das liegt an den deutschen Richtlinien und dem System, dem sie unterstellt sind. Wenn man einmal das Label Hebamme hat, kann man sich davon nach meinem Wissen nicht einfach wieder frei machen. Selbst Hebammen, die anders arbeiten möchten, bleiben an dieses enge Korsett gebunden. Und genau so möchte ich nicht arbeiten. Ein Schein oder ein Titel sagt nicht automatisch etwas darüber aus, wie gut jemand Frauen wirklich halten kann.

Josys Mann Benjamin mit Teilnehmenden eines Retreats am Lagerfeuer in Nicaragua. Die mehrtägigen Auszeiten für Rückzug, Austausch und persönliche Entwicklung gehören zum beruflichen Angebot des Paares. Dafür reisen Menschen aus aller Welt an. (Foto: Josy Cornelius)

Healthy Lady: Viele Medien stellen dich dar, als würdest du einfach nur aus dem Bauch heraus agieren. Dabei hast du früher jahrelang im medizinischen Bereich gearbeitet. Was genau hast du dort gemacht und welche Qualifikationen bringst du mit?

Josy Cornelius: Ich komme sehr wohl aus einem medizinischen Kontext und war über zehn Jahre im deutschen System tätig. Meine erste Ausbildung war zur Dentaltechnikerin. Dadurch habe ich schon sehr früh verstanden, wie eng Körperbereiche zusammenhängen, gerade das oft unterschätzte Zusammenspiel von Kiefer und Becken unter der Geburt. Danach habe ich in einer Medizintechnikfirma mit Schwerpunkt Kardiologie gearbeitet und parallel ehrenamtlich in einer Kinder und Jugendklinik mit dem Schwerpunkt Risiko und Frühgeburt. Dort habe ich sehr viel gesehen, von Geburtsfolgen über Frühgeburtlichkeit bis hin zu schwersten körperlichen Zuständen bei Kindern.

Anschließend habe ich auf einer der größten Intensivstationen Deutschlands gearbeitet. Auch das hat meinen Blick extrem geprägt. Ich habe erlebt, wie Menschen sterben, wie Familien begleitet werden, wie reanimiert wird, wie Notfälle aussehen und was wirkliche Krisen bedeuten. Dieses Wissen sitzt tief.

Deshalb trifft es mich oft, wenn so getan wird, als sei ich einfach nur irgendeine, die aus dem Bauch heraus Dinge erzählt. Ich bin ausgebildetes medizinisches Fachpersonal und habe danach viele Weiterbildungen gemacht, gerade im Bereich Trauma, Risikolabels und Wassergeburt. Ich habe sämtliche Fortbildungen von Cornelia Enning persönlich nach Nicaragua geholt und bin bei Barbara Harper international zertifizierte Wassergeburtsexpertin. Bereits 2009 habe ich meine allererste Geburt begleitet – das Thema begleitet mich also schon seit vielen Jahren. Mein Hintergrund ist fachlich, medizinisch und über viele Jahre gewachsen. Heute arbeite ich als freie Frauenmentorin, die Frauen ganzheitlich auf ihrem Weg stärkt.


Die Frau hinter den Schlagzeilen

Healthy Lady: Du wurdest zu einer Zielscheibe der Kritiker, man hat viel Negatives über dich geschrieben. Hat dich überhaupt mal einer gefragt, was wirklich dahintersteckt, was dich dazu bewegt hat?

Josy Cornelius: Nein. Es hat mich noch nie jemand wirklich zu meiner Person gefragt. Niemand war wirklich an mir als Mensch interessiert, am Wieso, Weshalb, Warum. Du bist die Erste und bisher auch die Einzige, die so auf mich zugekommen ist, sich wirklich mit mir auseinandersetzt und fragt: Josy, wie sieht es aus? Warum war das so? Was steckt dahinter?

Viele springen einfach in meinen Posteingang, wollen irgendetwas von mir und man merkt sofort, dass sie sich überhaupt nicht mit mir, meiner Geschichte oder meinem Weg beschäftigt haben. Und selbst wenn Menschen es wussten, wurde es oft einfach weggelassen oder zurechtgeschnitten.

Und dann stellt sich für mich immer die größere Frage. Wie kann man überhaupt die Geburt einer Frau kritisieren? Wer nimmt sich das Recht heraus über meinen Körper, meine Entscheidung, mein Kind, mein Sein zu urteilen? Allein das zeigt doch schon, wie absurd vieles daran ist.


Healthy Lady: Dir wird oft unterstellt, du würdest deine Erfahrungen als den einzig wahren Weg darstellen. Siehst du dich selbst als eine Art Missionarin für die freie Geburt?

Josy Cornelius: Überhaupt nicht, genau das wird so oft falsch verstanden. Viele tun so, als würde ich meine Erfahrungen hinstellen, als wären sie der einzige Weg. Das stimmt einfach nicht, das habe ich nie gesagt und nirgendwo geschrieben. Für mich gab es nie dieses eine „so musst du es machen“. Im Gegenteil. Für mich war schon immer klar, dass Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt möchten, genau dafür den richtigen Support bekommen sollten. Frauen, die im Krankenhaus, im Geburtshaus oder zu Hause mit Hebamme gebären wollen, sollen dafür den richtigen Support bekommen. Und Frauen, die eine freie Geburt wollen, eben auch.

Ich habe erst vor Kurzem eine Frau begleitet, die nur stillen wollte, weil es von ihr erwartet wurde. Ich habe ihr gesagt, wenn du das nicht fühlst, dann musst du das nicht tun und dich vor niemandem rechtfertigen. Genau darum geht es doch, wertfrei zu schauen. Nicht besser oder schlechter, nicht richtig oder falsch. Wer bin ich denn, zu sagen, es gäbe nur diesen einen Weg? Es muss am Ende für die Frau passen.


Selbstbestimmung im Kreißsaal und der Wunsch nach Eigenverantwortung

Healthy Lady: Als Doula begleitest du andere Frauen. Was ist das häufigste Hindernis, das Frauen davon abhält, wirklich in ihre Kraft zu kommen?

Josy Cornelius: Frauen werden klein gehalten. Absichtlich. Weil das System nur so funktionieren kann. Es kann sich nur aufrechterhalten, wenn alle darin beteiligten Personen systemkonform funktionieren. Menschen lassen sich nur über Angst kontrollieren. Und eine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, ist aus dieser Kontrolle heraus. Genau das ist das Problem und genau deshalb ist es von der Gesellschaft auch nicht gewünscht.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ganz klar erklären, dass allein gebären nicht bedeutet, dass die Frau physisch alleine sein muss. Es bedeutet schlicht, dass keine Hebamme anwesend ist, also keine außenstehende Person, die die medizinische Verantwortung für die Geburt trägt.

Ich bin keine Hebamme und ich bin auch nicht das, was viele in ein klassisches Label pressen wollen. Ich bin eine Doula im ursprünglichen Sinne, aber ich habe nicht einfach nur irgendeinen Schein, hinter dem man sich verstecken kann. Ich bin vor allem eine Frau für Frauen. Eine freie Mentorin, die Frauen auf ihrem Weg empowert. Und zwar genau die Frauen, die ihre Verantwortung selbst tragen können und das auch aus tiefstem Herzen wollen.

„Frauen werden klein gehalten. Absichtlich.“


Healthy Lady: Wie gut sind Frauen deiner Erfahrung nach vor einer Geburt über ihre Möglichkeiten und Abläufe informiert?

Josy Cornelius: Aus meiner Erfahrung kann ich ganz klar sagen überhaupt nicht gut genug. Alle Frauen, die mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt zu mir kommen, sagen früher oder später denselben Satz: „Das habe ich nicht gewusst. Darauf war ich nicht vorbereitet.“

Und das kann man auch in unzähligen Foren lesen. Viele Frauen sagen: Ja, ich habe einen Geburtsvorbereitungskurs gemacht, vielleicht in der Klinik oder bei einer Hebamme, aber auf das, was dann wirklich passiert ist, war ich nicht vorbereitet. Für mich hat so ein Standard-Klinikkurs mit echter Geburtsvorbereitung auch wenig zu tun. Das ist eher ein Kreißsaal-Briefing. Also: Wie hat eine Frau im Kreißsaal zu funktionieren? Wie läuft dort alles ab? Wie wird sie fast schon so vorbereitet, dass sie sich dem System möglichst gut fügt, damit der Ablauf für das Personal einfacher wird? Und ich glaube, viele Frauen würden dem zustimmen.


Healthy Lady: Wie wichtig ist die selbstbestimmte Geburt deiner Klientinnen und was wünschen sie sich oft, was sie im Krankenhaus nicht bekommen können?

Josy Cornelius: Klientinnen, die zu mir finden, wollen an sich gar keine Krankenhausgeburt. Sie haben meistens schon eine sehr klare Vorstellung von ihrem Wunschweg. Wobei ich dazusagen muss, dass ungefähr die Hälfte aller Frauen, die zu mir kommen, gar nicht schwanger sind. Da geht es oft um Kinderwunsch oder die Aufarbeitung von Traumata nach vergangenen Schwangerschaften.

Eine selbstbestimmte Geburt ist ja inzwischen fast schon so ein Label geworden. Jeder kommt heute mit diesem Begriff um die Ecke und dann wird einer Frau im Kreißsaal verkauft, sie dürfe selbstbestimmt gebären. Aber im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung, weil alles dort den Richtlinien, Protokollen und engen Zeitfenstern des medizinischen Systems untersteht.

Von echter Freiheit ist da oft nicht viel übrig. Aber auch im Geburtshaus oder bei einer klassischen Hausgeburt bestehen enge Rahmen. Überall dort, wo eine Hebamme involviert ist, trägt sie am Ende die Verantwortung und unterliegt den gesetzlichen Systemvorgaben.

Frauen, die zu mir finden, wollen die volle Eigenverantwortung. Sie wollen alles selbst in der Hand haben.


Die Grabenkriege unter Müttern

Healthy Lady: Wir beobachten heutzutage leider viel zu oft eine Art Grabenkrieg unter Müttern. Klinik gegen Hausgeburt, Kaiserschnitt gegen natürliche Geburt. Warum neigen manche Frauen so stark dazu, den Weg einer anderen zu verurteilen?

Josy Cornelius: Woher dieses Shaming, Bashing und Bewerten kommt, sind aus meiner Erfahrung heraus fast immer Trigger, Wunden und ungelöste Themen der Frauen selbst. Das sieht man ja auch in den Kommentaren. Wenn Frauen gegen eine freie Geburt oder eine Alleingeburt argumentieren, ist die nächste Frage oft, wie denn ihre eigene Geburtserfahrung war. Und wenn man ehrlich hinschaut, ist die Antwort sehr oft schrecklich. Ganz runtergebrochen. Es gibt keine Frau, die eine freie Geburt erlebt hat, die sie sich so gewünscht hat, und die dann aus dieser Erfahrung heraus andere Frauen dafür bashen würde.

Diese Härte kommt fast immer von Frauen, die selbst eine schmerzhafte oder bittere Erfahrung gemacht haben, die dadurch getriggert sind und nicht wirklich in die eigene Reflexion gehen wollen. Frauen, die den eigenen Schmerz nicht anschauen wollen und ihn stattdessen anderen überstülpen.

Dass das heute so massiv ist, hat für mich schon auch mit Social Media und der Anonymität des Internets zu tun. Menschen können ihre Unzufriedenheit und ihren ungefilterten inneren Müll jederzeit von ihrem Smartphone aus abladen. Das alles passiert oft unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit, hat aber mit Respekt nichts zu tun. Es sagt immer viel mehr über den inneren Zustand derjenigen Person aus, die schreibt, als über die Frau, die bewertet wird.


Eine stille Geburt am Telefon und lebensverändernde Räume

Healthy Lady: Gibt es eine besondere Geburt, die dir im Kopf geblieben ist und die ganz anders war als die anderen?

Josy Cornelius: Jede Geburt ist individuell, speziell und in ihrem gesamten Verlauf einzigartig. Aber es gibt für mich eine ganz besondere, sehr intensive Erfahrung. Ich habe einmal eine Frau bei zwei stillen Geburten begleitet. Die stille Geburt ihres letzten Babys fand tatsächlich einen Tag vor meiner eigenen letzten Geburt statt. Das heißt, ich habe einen Tag vor der Geburt meines Karibik-Babys live am Telefon eine stille Geburt begleitet. Das war eine enorme Herausforderung. Später hat mich dieselbe Frau für eine weitere Geburt sogar einfliegen lassen und sie durfte nach den zwei schmerzhaften Verlusten genau die Geburt erleben, die sie sich so sehr gewünscht hatte, eine Wassergeburt zu Hause.

Oder eine andere Mama, die eigentlich mit einem ganz anderen Thema zu mir kam und überhaupt keine Alleingeburt auf dem Schirm hatte. Nach siebzehn Sessions hat sie ihr Kind allein zu Hause in der Badewanne mit ihrem Mann bekommen. Da entstehen Verbindungen zu den Familien, die wirklich lebensverändernd sind.

Ein lang ersehnter Moment in Italien. An der Seite von Josy Cornelius heißt die Mutter nach zwei stillen Geburten ihr Baby willkommen.
(Foto: Josy Cornelius)

Wie planbar ist eine Geburt?

Healthy Lady: Du betonst oft, dass eine Geburt, genau wie eine Hochzeit, geplant werden kann und sollte. Viele Kritiker sagen, eine Geburt sei „unberechenbar“. Warum ist Planung für dich kein Kontrollwahn, sondern die Basis für eine schöne Geburt?

Josy Cornelius: Geburt sei „unberechenbar“. Das stimmt so einfach nicht. Und medizinisches Fachpersonal weiß das eigentlich auch.

Es gibt in keiner Klinik, auf keiner Station, auch nicht auf Intensivstationen, Dinge, die einfach aus dem Nichts ohne Zusammenhang passieren. Es gibt immer eine Ursache, einen Verlauf, eine Reaktionskette. Und auch unter Geburt ist das so. Mutter und Kind fallen nicht auf Knopfdruck tot um, um das einmal ganz salopp herunterzubrechen. Es gibt immer einen Reaktionszeitraum. Es gibt immer Vorgeschichte, Zeichen, Zusammenhänge.

Jede Intervention zieht eine Auswirkung nach sich. Wenn ich zum Beispiel an Geburten denke, die ich zuletzt gesehen oder begleitet habe, dann sieht man ganz oft genau das: Vorher wurde manipuliert, eingeleitet, mit Rizinuscocktail gearbeitet oder mit anderen Maßnahmen. Und dann wundert man sich hinterher über grünes Fruchtwasser, auffällige Herztöne, eine Interventionskaskade oder darüber, dass man aus bestimmten Dingen nicht mehr herauskommt. Aber das ist nicht unberechenbar. Das ist eine Reaktion auf etwas, was vorher stattgefunden hat.

Alles, was unter Geburt passiert, hat Auswirkungen auf den gesamten Geburtsraum, auf Mutter, Kind, Hormone, Nervensystem, Verlauf. Jede noch so kleine Intervention hat eine Auswirkung. Und das muss man wissen.

Und genau deshalb ist Planung für mich kein Kontrollwahn, sondern Fürsorge und Verantwortungsübernahme. Denn wenn ich weiß, welche Faktoren eine Geburt beeinflussen, welche Entscheidungen welche Auswirkungen haben und wie ein Geburtsraum wirklich funktioniert, dann ist Planung das, was überhaupt erst Sicherheit schafft.

Und Sicherheit ist für Geburt die Basis. Nicht Kontrolle im Sinne von Zwang, sondern Sicherheit im Nervensystem, Sicherheit im Wissen, Sicherheit im Raum.

„Im Kreißsaal gibt es aus meiner Sicht keine wirkliche Selbstbestimmung.“


Healthy Lady: Würdest du schwangeren Frauen empfehlen, sich allein auf den Weg zu machen und ohne professionelle Begleitung im Meer oder an einem anderen abgelegenen Ort zu gebären?

Josy Cornelius: Natürlich nicht. Niemals. Ich kann davon nur klar und ausdrücklich abraten. Wer nicht bis ins kleinste Detail weiß, worauf er sich einlässt, sollte das auf keinen Fall tun.

Auch eine Wassergeburt ist nicht einfach ein Entspannungsbad. Temperatur, Wassertiefe, Zeitpunkt, Umgebung und viele weitere Faktoren können eine wichtige Rolle spielen. Wenn das notwendige Wissen fehlt, können dadurch zusätzliche Komplikationen entstehen.

Jede Frau sollte sich die Begleitung suchen, die wirklich zu ihrem gewünschten Geburtsweg passt und über entsprechende Erfahrung und Kompetenz verfügt.


Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen von Josy Cornelius geben ihre persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen wieder. Sie ersetzen keine medizinische Beratung. Freie Geburten und Geburten im offenen Meer können mit erheblichen Risiken für Mutter und Kind verbunden sein. Schwangere sollten ihre individuelle Situation mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal besprechen.

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