Multiple Sklerose

Fatigue bei MS: Wenn selbst Schlaf die Erschöpfung nicht verschwinden lässt

Du hast eigentlich genug geschlafen und wachst trotzdem auf, als wäre dein Akku schon halb leer. Duschen, einkaufen, arbeiten, eine Freundin treffen. Dinge, über die du früher kaum nachgedacht hast, können plötzlich erstaunlich viel Kraft kosten.

Natürlich kennen wir alle Tage, an denen wir erschöpft sind. Fatigue bei Multipler Sklerose ist jedoch etwas anderes als die gewöhnliche Müdigkeit nach einer kurzen Nacht oder einem anstrengenden Tag. Sie kann sich körperlich und geistig bemerkbar machen und den Alltag erheblich beeinflussen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft beschreibt Fatigue als häufiges Symptom der MS, das sich deutlich von normaler Müdigkeit unterscheidet. 

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Fatigue ist mehr als einfach nur müde sein

Bei MS kann Fatigue bedeuten, dass deine Energie im Laufe des Tages deutlich nachlässt oder körperliche und geistige Tätigkeiten ungewöhnlich anstrengend werden. Auch Konzentration und Leistungsfähigkeit können darunter leiden. Bei manchen Betroffenen verstärkt Wärme die Beschwerden zusätzlich. Das Schwierige daran ist, dass man Fatigue einem Menschen häufig nicht ansieht.

Du kannst morgens beim Bäcker stehen, dich mit einer Freundin unterhalten oder auf einem Foto vollkommen fit wirken. Niemand sieht dabei, wie viel Kraft dich dieser Moment möglicherweise kostet oder ob du danach erst einmal eine Pause brauchst.

Genau deshalb kann Fatigue auch im persönlichen und beruflichen Umfeld schwer zu vermitteln sein. Die Erschöpfung ist real, auch wenn sie von außen nicht sichtbar ist.


GUT ZU WISSEN:
Fatigue und ME/CFS sind nicht dasselbe. Fatigue kann als Symptom verschiedener Erkrankungen auftreten, darunter Multiple Sklerose. ME/CFS ist dagegen ein eigenständiges komplexes Krankheitsbild. Charakteristisch ist unter anderem, dass sich die Beschwerden nach körperlicher oder geistiger Belastung deutlich verschlechtern können. Dieses Phänomen wird als post-exertionelle Malaise, kurz PEM, bezeichnet. Bewegungsempfehlungen für MS-bedingte Fatigue lassen sich deshalb nicht einfach auf ME/CFS übertragen.
 


Ist immer die MS schuld?

Nein. Und genau deshalb lohnt sich eine gründliche Abklärung. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, bei Menschen mit MS nicht automatisch davon auszugehen, dass eine bestehende Fatigue durch die MS verursacht wird. Auch Schlafprobleme, Schmerzen, Medikamentennebenwirkungen, Infektionen, eine Anämie oder Schilddrüsenfunktionsstörung sowie Angst und Depression können zu Erschöpfung beitragen. 

Wenn du dich seit einiger Zeit ungewöhnlich erschöpft fühlst, solltest du das deshalb nicht einfach als Stress oder unvermeidlichen Teil deiner MS hinnehmen. Sprich darüber mit deiner Neurologin oder deiner Hausarztpraxis.


Wie wird Fatigue festgestellt?

Es gibt nicht den einen Blutwert, der Fatigue eindeutig nachweist.

Wichtig ist vor allem, wie sich deine Erschöpfung bemerkbar macht und wie stark sie deinen Alltag beeinflusst. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, Menschen mit MS gezielt nach Fatigue, plötzlich auftretender Müdigkeit und Veränderungen ihres Energieniveaus zu fragen, wenn diese den Alltag beeinträchtigen. Gleichzeitig sollten andere mögliche Ursachen untersucht werden. 

Dabei kannst du selbst etwas beitragen. Führe für einige Tage ein kleines Energie-Tagebuch. Wann bist du besonders erschöpft? Was hast du vorher gemacht? Wie hast du geschlafen? Spielt Wärme eine Rolle? Und welche Aktivitäten waren danach noch möglich?

So musst du beim nächsten Arzttermin nicht versuchen, die vergangenen Wochen aus dem Gedächtnis zusammenzufassen.


Was kann dir bei MS-bedingter Fatigue helfen?

Es gibt nicht die eine Strategie, die bei jeder Frau funktioniert. Vielmehr sollte gemeinsam geschaut werden, was deine Energie kostet und was dir persönlich hilft, besser mit ihr umzugehen.

Die NICE-Leitlinie empfiehlt ein individuelles Fatigue-Management. Dazu können das Festlegen von Prioritäten, ein bewusster Umgang mit der vorhandenen Energie sowie die Betrachtung von Bewegung, Ernährung und Stressmanagement gehören. 

Auch Bewegung muss bei MS-bedingter Fatigue nicht grundsätzlich vermieden werden. Die Leitlinie nennt individuell angepasste Programme mit Ausdauer-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen als mögliche Ansätze. Auch Yoga oder Pilates können infrage kommen. Entscheidend ist nicht, irgendeinen Trainingsplan durchzuziehen, sondern eine Belastung zu finden, die zu deiner persönlichen gesundheitlichen Situation passt. 

Eine spezielle Ernährung, die MS-Fatigue nachweislich beseitigt, gibt es dagegen nicht. NICE rät ausdrücklich davon ab, eine bestimmte Diät allein zur Behandlung von Fatigue zu empfehlen. 

DEIN TIPP:
Plane einen guten Tag nicht automatisch komplett voll. Überlege morgens, welche zwei oder drei Dinge heute wirklich wichtig sind und was notfalls warten kann. Auch bewusst eingeplante Pausen können Teil deines Tages sein und müssen nicht erst dann stattfinden, wenn gar nichts mehr geht. Die DMSG nennt regelmäßige Ruhepausen als eine mögliche Strategie im Umgang mit MS-bedingter Fatigue.
 


Ein guter Tag bedeutet nicht, dass die Fatigue verschwunden ist

Vielleicht hast du selbst schon erlebt, wie schwer schwankende Beschwerden für andere zu verstehen sind. Gestern warst du unterwegs, heute brauchst du nach wenigen Aufgaben eine Pause.

Das widerspricht sich nicht. Fatigue kann sich im Tagesverlauf verändern und beispielsweise durch Belastung oder Wärme verstärkt werden. Sie kann außerdem Lebensqualität, soziales Leben und Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.  Deshalb musst du deine Erschöpfung auch nicht daran messen, wie viel andere Menschen an einem Tag schaffen.

Wenn deine Erschöpfung neu auftritt, deutlich stärker geworden ist oder deinen Alltag zunehmend bestimmt, sprich sie bei deinem nächsten Arzttermin ausdrücklich an. 


Quellen und weiterführende Informationen

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Symptomatische Therapie und Fatigue

NICE, Multiple sclerosis in adults: management, Abschnitt Fatigue

Bundesgesundheitsportal, ME/CFS und Abgrenzung zu Fatigue


Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung.


Multiple Sklerose: Was hinter der „Krankheit der 1.000 Gesichter“ steckt

Ein Kribbeln, das einfach nicht verschwinden will. Plötzlich sieht ein Auge verschwommen oder der eigene Körper fühlt sich ungewöhnlich kraftlos an. Solche Beschwerden können viele verschiedene Ursachen haben und bedeuten keineswegs automatisch Multiple Sklerose. Wenn neurologische Symptome jedoch neu auftreten oder anhalten, solltest du sie ärztlich abklären lassen.

Denn Multiple Sklerose, kurz MS, kann sich sehr unterschiedlich bemerkbar machen. Während eine Frau zunächst Sehstörungen entwickelt, beginnt die Erkrankung bei einer anderen vielleicht mit Taubheitsgefühlen oder Problemen beim Gehen. Nicht ohne Grund wird MS deshalb auch als „Krankheit mit den 1.000 Gesichtern“ bezeichnet. 

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Was passiert bei Multipler Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dazu gehören dein Gehirn und dein Rückenmark.

Bei MS spielen fehlgeleitete Immunreaktionen eine zentrale Rolle. Entzündliche Prozesse können unter anderem die Myelinscheiden schädigen, die Nervenfasern umgeben und für eine störungsfreie Weiterleitung von Signalen wichtig sind. Je nachdem, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind, können ganz unterschiedliche Beschwerden entstehen. Genau das macht MS so individuell. Es gibt nicht den einen Verlauf, den jede Betroffene durchläuft.

GUT ZU WISSEN
Multiple Sklerose ist nicht ansteckend und bedeutet auch nicht automatisch, irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Solche Vorstellungen gehören zu den hartnäckigen Vorurteilen rund um die Erkrankung.
 


Welche Symptome können bei MS auftreten?

Zu den möglichen Beschwerden gehören unter anderem Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle, Muskelschwäche, Probleme mit Gleichgewicht und Koordination, Schmerzen, Schwindel und Blasenstörungen.

Auch weniger sichtbare Symptome können eine große Rolle spielen. Dazu gehören beispielsweise Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme sowie Fatigue, eine krankheitsbedingte, ungewöhnlich starke Erschöpfbarkeit. 

Vielleicht erkennst du einzelne dieser Beschwerden von dir selbst. Das bedeutet jedoch nicht, dass du MS hast. Gerade Symptome wie Schwindel, Müdigkeit oder Kribbeln können zahlreiche Ursachen haben.

Deshalb ist Googeln an dieser Stelle selten die beste Idee. Wenn etwas neu, ungewöhnlich oder anhaltend ist, lass es medizinisch einordnen.


Warum betrifft MS besonders viele Frauen?

MS beginnt häufig im jungen Erwachsenenalter. Nach Angaben der DMSG treten bei ungefähr zwei Dritteln der Erkrankten die ersten Symptome zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Angaben zum genauen Verhältnis unterscheiden sich je nach Datengrundlage, die DMSG beschreibt jedoch eindeutig eine höhere Erkrankungshäufigkeit bei Frauen. 

Warum ein Mensch MS entwickelt und ein anderer nicht, lässt sich bislang nicht mit einer einzelnen Ursache erklären. Nach heutigem Wissen entsteht die Erkrankung durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Genetische Veranlagung und Umweltfaktoren werden ebenso untersucht wie Infektionen. Besonders gut belegt ist ein Zusammenhang mit dem Epstein-Barr-Virus. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine EBV-Infektion automatisch zu MS führt. 


Wie wird MS diagnostiziert?

Einen einzelnen Bluttest, der dir eindeutig sagt „Du hast MS“, gibt es nicht.

Stattdessen setzt sich die Diagnose aus verschiedenen Informationen und Untersuchungen zusammen. Dazu gehören die Krankengeschichte und neurologische Untersuchung sowie insbesondere die Magnetresonanztomografie von Gehirn und gegebenenfalls Rückenmark. Je nach Situation können weitere Untersuchungen hinzukommen, beispielsweise eine Analyse des Nervenwassers durch eine Lumbalpunktion oder Untersuchungen sogenannter evozierter Potenziale. Gleichzeitig müssen andere mögliche Ursachen der Beschwerden berücksichtigt werden. 

Die aktuellen diagnostischen Kriterien wurden zuletzt überarbeitet. Die deutsche DGN-Living-Guideline von 2026 berücksichtigt bereits die 2025 veröffentlichten revidierten McDonald-Kriterien. 

DEIN TIPP FÜR DEN ARZTTERMIN
Wenn du wegen neurologischer Beschwerden einen Termin hast, notiere dir vorher, wann die Symptome begonnen haben, wie lange sie anhalten, welche Körperregion betroffen ist und ob sie schon einmal aufgetreten sind. So musst du dich im Gespräch nicht auf dein Gedächtnis verlassen.


Was bedeutet eine MS-Diagnose heute?

Eine Diagnose kann verständlicherweise Angst machen. Gerade weil sich MS so unterschiedlich entwickeln kann, solltest du jedoch nicht versuchen, aus der Geschichte einer anderen Betroffenen deine eigene Zukunft abzulesen.

MS ist derzeit nicht heilbar. Es stehen aber verschiedene verlaufsmodifizierende Therapien zur Verfügung, mit denen die Krankheitsaktivität beeinflusst werden kann. Darüber hinaus können einzelne Symptome gezielt behandelt werden. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem von Krankheitsaktivität, Verlauf und der individuellen Situation der Patientin ab. 

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Information, die du aus diesem Artikel mitnehmen solltest: MS hat viele Gesichter. Eine Diagnose allein erzählt noch nicht, wie dein persönliches Leben mit der Erkrankung aussehen wird.

Wenn du gerade auf Untersuchungen wartest oder eine Diagnose bekommen hast, schreib dir deine Fragen auf und nimm sie mit zum nächsten Gespräch in der Neurologie. Du musst nicht an einem einzigen Termin alles verstehen und entscheiden.


Quellen

Die wichtigsten medizinischen Grundlagen dieses Artikels stammen aus der S2k-Living-Guideline „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Version 2026, sowie den aktuellen Fachinformationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. 

DGN Living Guideline Multiple Sklerose 2026
DMSG: Was ist Multiple Sklerose?
DMSG: Symptome der Multiplen Sklerose
DMSG: MS verstehen und Diagnostik


Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung.

Rente mit 34 und kaum Kraft für den Alltag: Vanessas Leben mit Fatigue

Auf den ersten Blick sieht man Vanessa (34) ihre Erschöpfung nicht an. Sie lacht, trifft Freunde, hält den Alltag mit zwei Kindern am Laufen. Doch selbst Dinge, über die andere kaum nachdenken, können ihre Kraft aufzehren. Ein Supermarkteinkauf wird schnell zur Belastungsprobe. Ein Gespräch kostet Stunden der Stille. Und Schlaf gibt keine Kraft mehr zurück.

Es ist der Februar 2025, als der linke Arm plötzlich taub wird. Kein Gefühl mehr in den Fingern, die Kraft schwindet sekundenschnell. Es ist ein Notfall, Verdacht auf Schlaganfall, direkte Einweisung ins Krankenhaus. Zu Hause warten zwei kleine Kinder und ihr besorgter Ehemann. Vanessa war bis zu diesem Tag nie ernsthaft krank gewesen. Vier Tage lang schwankt sie zwischen Ungewissheit und Angst, bis die Untersuchung des Nervenwassers Klarheit bringt. Die Diagnose lautet Multiple Sklerose.

Was für viele wie ein Urteil klingt, bedeutet für die Bielefelderin vor allem eines, Erleichterung. Endlich hat ihr Zustand einen Namen. Vanessa ist überzeugt, dass ihr Körper nach all den Jahren des Funktionierens einfach nicht mehr konnte.

Vanessa sieht gesund aus. Genau das macht ihre Erkrankung für andere oft schwer verständlich. Fatigue ist unsichtbar und trotzdem real. (Bild: Vanessa/privat)

INFOBAR: WAS IST MULTIPLE SKLEROSE (MS)?
MS ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das eigene Immunsystem greift dabei fälschlicherweise Strukturen im Bereich der Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark an. Durch diese Entzündungen können Nervensignale nur noch beeinträchtigt weitergeleitet werden. MS verläuft von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich und ist bislang zwar nicht heilbar, lässt sich heute aber medikamentös gut behandeln.

Funktionieren statt Leben

Schon früh lernt Vanessa, was es heißt, stark sein zu müssen. Prägende Erfahrungen, Zukunftsängste und schwere Phasen ziehen sich unbewusst durch ihre Familiengeschichte – Verhaltensmuster und Wunden, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Für das junge Mädchen bedeutet das vor allem eines – Verantwortung übernehmen, wo eigentlich Leichtigkeit sein sollte. Sie will niemandem zur Last fallen, fügt sich, blendet eigene Bedürfnisse aus und erfährt in der Schule schmerzhaft, wie tief Mobbing verletzen kann.

Dieses Muster des ständigen Durchhaltens nimmt sie mit ins Erwachsenenleben. Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau baut sie sich Schritt für Schritt eine eigene Existenz auf. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder und arbeitet später als Haushaltshilfe. Die Auftragsbücher sind voll, der Tag durchgetaktet. Ein Leben im ständigen Dauerlauf.

Dass ihre Kraftreserven schon seit Jahren schleichend aufgebraucht waren, hat sie lange ausgeblendet. Sie war darauf programmiert, durchzuhalten.


Das unsichtbare Monster

Was nach der Diagnose folgt, ist nicht nur die körperliche Ungewissheit der MS, sondern einer ihrer belastendsten Begleiter, die sogenannte Fatigue. Ein Zustand, den gesunde Menschen kaum begreifen können.

„Fatigue ist nicht einfach ein bisschen Müdigkeit nach einem langen Tag, nach der man sich einmal ausschläft“, stellt Vanessa klar. „Es ist eine tiefgreifende, krankhafte Erschöpfung. Manchmal fühlt es sich an, als würde mein Körper von einer Sekunde auf die andere den Notbetrieb einschalten. Mein Akku ist dann nicht bei 20 Prozent – es fühlt sich an, als wären von jetzt auf gleich nur noch wenige Prozent übrig. Und das manchmal, obwohl ich gerade erst aufgestanden bin.“

Das Grausame an dieser Krankheit ist ihre Unsichtbarkeit. Von außen sieht Vanessa wie eine normale, junge Mutter aus. Sie lacht, geht einkaufen, nimmt am Leben teil. Niemand sieht, dass ihr Körper und ihr Kopf im Hintergrund gleichzeitig darum kämpfen, überhaupt Energie aufzubringen. Ganz alltägliche Fragen werden zu riesigen Hürden. Schaffe ich heute den Haushalt? Habe ich danach noch genug Energie für die Kinder? Manchmal lautet die Antwort schlicht: Nein. Dann muss Vanessa Verabredungen absagen, Ausflüge streichen und schöne Momente opfern. Einfach, weil ihr die Kraft dafür fehlt.

„Das tut weh. Denn Fatigue nimmt einem nicht nur Energie. Sie kann einem auch ein Stück Spontanität und Freiheit nehmen.“

Auch geistig macht sich die Erschöpfung bemerkbar. Die Konzentration bricht ein, Gedanken werden langsam, einfache Denkprozesse fühlen sich an wie Schwerstarbeit. Und mit der Müdigkeit kommt das schlechte Gewissen. Vanessa fühlt sich schuldig, weil sie Dinge nicht mehr schafft. Die ständige Frage, warum andere ihren Alltag mühelos bewältigen, während man selbst an kleinsten Aufgaben scheitert, wird zu einer lähmenden Belastung.


INFOBAR: WAS IST FATIGUE?
Fatigue beschreibt eine ausgeprägte körperliche oder geistige Erschöpfung, die bei verschiedenen chronischen Erkrankungen auftreten kann. Sie steht nicht unbedingt im Verhältnis zu einer vorherigen Anstrengung und lässt sich nicht einfach durch Schlaf beheben. Bei MS gehört Fatigue zu den häufigen und für Betroffene teilweise stark einschränkenden Symptomen.

Rente mit 34

Für Vanessa beginnt nun die schwerste Lektion. Sie muss lernen, Hilfe anzunehmen. Während ihrer Reha beantragt sie finanzielle und praktische Unterstützung – von der Erwerbsminderungsrente bis zum Pflegegrad. Schritte, die ihr schwerfallen, weil sie bis dahin gewohnt war, alles aus eigener Kraft zu tragen.

„Für viele Menschen ist der Gedanke an einen Schwerbehindertenausweis schwierig. Auch für mich war er das. Aber eine Behinderung wird nicht dadurch weniger real, dass man keinen Ausweis besitzt. Er gibt mir nicht meine Identität, sondern hilft mir, Nachteilsausgleiche zu bekommen, die mir zustehen.“

Acht Monate Ungewissheit, Bürokratie und Warten auf eine Antwort, die über ihre Zukunft entscheidet. Dann liegt der Bescheid im Briefkasten – schwarz auf weiß. Volle Erwerbsminderungsrente. Drei Jahre lang ist Vanessa mit 34 offiziell Rentnerin, danach wird ihr medizinischer Zustand neu geprüft. Ein Stempel, der sich absurd anfühlt, aber von einer Sekunde auf die andere den enormen Druck nimmt.

„Das sind ganz krasse, gemischte Gefühle, die ich gerade habe“, sagt sie. „Aber für mich ist es auch sehr befreiend. Das Finanzielle spielt heutzutage eine riesige Rolle. Jetzt zu wissen, wie es weitergeht – mir fällt gerade einfach alles von den Schultern.“

Mit einer beeindruckenden Klarheit definiert Vanessa Stärke heute neu.

„Eine Haushaltshilfe nimmt mir nicht meine Selbstbestimmung. Sie gibt mir die Energie zurück, die ich brauche, um für Noah und Kiara da zu sein. Ich muss lernen, meine Tage nicht mehr nach 24 Stunden zu planen, sondern nach der Energie, die mir an diesem Tag tatsächlich zur Verfügung steht.“

Wenn der Akku plötzlich leer ist. Fatigue kann Vanessa innerhalb kurzer Zeit die Kraft nehmen, selbst wenn der Tag gerade erst begonnen hat. Schlaf allein bringt diese Energie nicht zurück. (Bild: Vanessa/privat)

„Glaubt mir einfach!“

Doch die größten Hürden warten oft nicht in den eigenen vier Wänden, sondern in den Köpfen anderer Menschen. Vorurteile, Unverständnis und Ratschläge wie „Du bist doch gerade erst aufgestanden!“ oder „Aber gestern ging es dir doch gut!“ verletzen tief.

„Ich wünsche mir von meiner Umwelt vor allem eines: Glaubt mir!“, betont Vanessa eindringlich. „Wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe, möchte ich mich nicht rechtfertigen oder beweisen müssen, warum. Ein guter Tag bedeutet nicht, dass ich gesund bin. Ein schlechter Tag bedeutet nicht, dass ich aufgegeben habe. Und wenn ich etwas nicht schaffe, heißt das nicht, dass es mir nicht wichtig ist. Es bedeutet einfach nur, dass mein Körper seine Grenze erreicht hat.“

Vanessa plädiert für eine Gesellschaft, die Anpassung nicht als Schwäche interpretiert. Für flexible Arbeitsmodelle, echtes Verständnis und dafür, dass Barrierefreiheit auch für unsichtbare Krankheiten gilt.

„Ich möchte nicht, dass meine Erkrankung meine gesamte Identität wird. Ich bin nicht nur meine Fatigue. Ich habe Wünsche, Träume, Interessen und Ziele. Ich möchte als der Mensch gesehen werden, der ich bin – und nicht nur als jemand, der krank ist. Wir wollen schließlich nicht weniger vom Leben. Wir brauchen manchmal nur eine andere Art, daran teilzunehmen.“

INFOBAR: HILFE UND ANLAUFSTELLEN BEI MS UND FATIGUE

Wer selbst betroffen ist oder einen Verdacht hat, findet erste Anlaufstellen bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), die bundesweit berät und lokale Selbsthilfegruppen vermittelt. Auch Neurologinnen und Neurologen sowie MS-Ambulanzen an größeren Kliniken sind für Diagnose und Behandlung die richtigen Ansprechpartner.

Bei starker, anhaltender Erschöpfung lohnt sich in jedem Fall ein Arztbesuch, denn Fatigue kann viele Ursachen haben und ist keine Diagnose, die man sich selbst stellen sollte.

Wer eine Einschränkung im Alltag durch eine chronische Erkrankung erlebt, kann sich bei der zuständigen Krankenkasse oder dem Versorgungsamt über Pflegegrad, Schwerbehindertenausweis und mögliche Nachteilsausgleiche informieren. Sozialverbände wie der VdK oder die Deutsche Rentenversicherung beraten zudem zu Anträgen wie der Erwerbsminderungsrente.