Wir haben von klein auf gelernt, freundlich zu sein, Rücksicht zu nehmen und es anderen möglichst recht zu machen. Gerade Frauen können mit der Erwartung konfrontiert sein, Harmonie zu bewahren und eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Doch Nettigkeit wird zum Problem, wenn sie bedeutet, die eigenen Gedanken, Gefühle und Grenzen dauerhaft zu verschweigen.
Warum fällt es manchen Menschen so schwer, Nein zu sagen? Und was macht es mit Beziehungen, wenn eine Person ständig nachgibt, während ihre eigenen Bedürfnisse kaum noch vorkommen?
Die psychologische Falle
Wenn du ständig jedem alles rechtmachst, Missbilligung weglächelst und Konflikte um jeden Preis vermeidest, bleiben deine eigenen Bedürfnisse für andere möglicherweise unsichtbar. In der psychologischen Forschung gibt es dafür den Begriff Self Silencing. Gemeint ist damit, eigene Gedanken, Gefühle oder Bedürfnisse zurückzuhalten, um Konflikte zu vermeiden oder eine Beziehung zu erhalten.
Untersuchungen bringen stärkeres Self Silencing mit ungünstigeren Kommunikationsmustern und verschiedenen Belastungen in Beziehungen in Verbindung. Eine Studie mit 211 jugendlichen Paaren zeigte beispielsweise, dass Personen mit stärkerem Self Silencing häufiger in Konflikten nachgaben und über eine schlechtere Kommunikation in ihrer Beziehung berichteten. Ihre Partnerinnen und Partner berichteten zudem über mehr Frustration und Unbehagen in der Interaktion.
Auch Untersuchungen mit Erwachsenen liefern Hinweise darauf, dass das Unterdrücken eigener Emotionen Beziehungen belasten kann. In mehreren Studien war stärkere emotionale Unterdrückung unter anderem mit geringerer Beziehungszufriedenheit und einem stärkeren Gefühl von Distanz verbunden.
Quellen: Harper & Welsh, Journal of Social and Personal Relationships, „Keeping quiet. Self silencing and its association with relational and individual functioning among adolescent romantic couples“
Impett et al., Journal of Personality and Social Psychology, Forschung zu emotionaler Unterdrückung und Ausdruck in zwischenmenschlichen Beziehungen
Der Frust Bumerang
Du gibst, machst, opferst dich auf und hoffst vielleicht darauf, dass dein Gegenüber deine Bedürfnisse von selbst erkennt und dir mit derselben Aufmerksamkeit begegnet. Wenn das ausbleibt, können Enttäuschung und Frust entstehen.
Dabei weiß dein Gegenüber möglicherweise gar nicht, was du selbst brauchst, weil du es nie ausgesprochen hast. Deshalb ist es langfristig nicht nur für dich, sondern auch für Beziehungen wichtig, Bedürfnisse und Gefühle kommunizieren zu können.
Eine experimentelle Untersuchung zu Self Silencing bei Frauen lieferte zudem Hinweise darauf, dass selbstaufopferndes Verhalten gegenüber einem potenziellen Partner nach einer anschließenden Zurückweisung mit stärkerer Feindseligkeit verbunden sein kann.
Quelle: Romero Canyas et al., Journal of Experimental Social Psychology, „After all I have done for you. Self silencing accommodations fuel women's post rejection hostility“
Warum Grenzen Beziehungen verändern können
Klare Grenzen bedeuten nicht, weniger liebevoll oder hilfsbereit zu sein. Sie sorgen zunächst dafür, dass dein Gegenüber überhaupt erfahren kann, was du möchtest, was du nicht möchtest und wo für dich eine Grenze liegt.
Wenn du nicht länger automatisch Ja sagst, obwohl du eigentlich Nein meinst, werden deine Bedürfnisse sichtbarer. Andere bekommen ein realistischeres Bild davon, was du möchtest und was nicht.
Gleichzeitig erfährst du, wie Menschen damit umgehen, wenn du eine Grenze setzt. Manche können zunächst irritiert reagieren, wenn du nach langer Zeit plötzlich Grenzen setzt. Das allein bedeutet noch nicht, dass eine Beziehung schlecht oder toxisch ist. Entscheidend ist vielmehr, ob dein Gegenüber deine Bedürfnisse grundsätzlich ernst nehmen und ein Nein akzeptieren kann.
Quellen: Hinnen et al., British Journal of Health Psychology, Forschung zu Selbstbehauptung und Beziehungszufriedenheit
Harper & Welsh, Journal of Social and Personal Relationships, Forschung zu Self Silencing und Kommunikation in Paarbeziehungen
Dein Sofort Test für den Alltag: Der „Gegen den Strich“ Schritt
Wenn dich heute jemand um einen Gefallen bittet, auf den du keine Lust hast, antworte nicht automatisch mit „Ja, klar“. Sag stattdessen: „Lass mich kurz überlegen, ich gebe dir bis heute Abend Bescheid.“
Nutze diese Pause für eine einfache Frage. Willst du tatsächlich helfen oder sagst du nur Ja, weil du Angst hast, jemanden zu enttäuschen?
Danach kannst du bewusst entscheiden. Ein Nein muss weder unfreundlich noch aggressiv sein. Du kannst freundlich bleiben und trotzdem eine Grenze setzen.
Eine solche Pause löst kein tief verankertes People Pleasing Muster. Sie kann dir aber den Moment geben, den du brauchst, um deine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, bevor du dich entscheidest.
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