Nach acht Monaten Ungewissheit erhält Vanessa mit 34 Jahren die volle Erwerbsminderungsrente zunächst für drei Jahre. (Bild: Vanessa/Privat)

Erwerbsminderungsrente bei MS und Fatigue: Diese Hilfen kannst du beantragen

Wer einen achtmonatigen Behördenmarathon hinter sich hat, weiß, wie zermürbend das Warten auf ein Schreiben sein kann. Für die 34-jährige Vanessa ging es um nichts Geringeres als ihre finanzielle Sicherheit. Dazwischen lagen Arztberichte, Reha Unterlagen, Gutachten und immer wieder die Frage, wie man eine Erschöpfung beweist, die niemand sehen kann.

Wie hart dieser Kampf sein kann, zeigen auch die Reaktionen auf unser erstes Interview mit Vanessa. Leserinnen mit Multipler Sklerose berichteten uns von jahrelangen Rentenverfahren, abgelehnten Anträgen und dem Gefühl, bei Begutachtungen um die Glaubwürdigkeit ihrer eigenen Erkrankung kämpfen zu müssen. Eine Betroffene schrieb uns, eine Gutachterin habe sie sogar für eine Simulantin gehalten.

Vanessas Geschichte nahm einen anderen Verlauf. Nach acht Monaten wurde ihr die volle Erwerbsminderungsrente bewilligt. Im Interview erzählt sie, worauf es bei Unterlagen und Begutachtungen ankam und was sie heute denjenigen sagen würde, die noch auf ihre Entscheidung warten.

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Wenn niemand einem den Weg zeigt

Healthy Lady: Vanessa, als klar wurde, dass du wegen deiner MS und der starken Fatigue deinen bisherigen Alltag nicht mehr bewältigen kannst, wusstest du überhaupt, welche Hilfen dir zustehen könnten?

Vanessa: Am Anfang wusste ich das überhaupt nicht. Ich musste mir die Informationen Stück für Stück selbst zusammensuchen. Erst meine behandelnden Ärzte und später eine Beratungsstelle haben mir erklärt, welche Anträge und Unterstützungsmöglichkeiten für mich infrage kommen. Gerade am Anfang war das ziemlich überfordernd.


Healthy Lady: Viele deiner Anträge hast du während der Reha gestellt. Wie lief das dort konkret ab?

Vanessa: Während meiner Reha im ZAR Bethel in Bielefeld hat mir vor allem eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes sehr geholfen. Sie hat mir überhaupt erst erklärt, welche Möglichkeiten es gibt und welche Leistungen für mich infrage kommen könnten.

Wir haben die einzelnen Schritte gemeinsam besprochen und bei einigen Anträgen wurde mir auch geholfen, sie direkt anzustoßen. Ganz ohne Eigeninitiative ging es danach trotzdem nicht. Ich musste mich weiterhin selbst um Unterlagen kümmern und einiges zusammentragen. Für mich war die Reha aber der Punkt, an dem ich überhaupt erst einen Überblick bekommen habe.

Du weißt nicht, wo du anfangen sollst?

  • Nicht jeder Antrag geht an dieselbe Stelle
    Pflegegrad, Schwerbehindertenausweis und Erwerbsminderungsrente laufen über unterschiedliche Leistungsträger. Deshalb lohnt es sich, zuerst zu klären, welcher Antrag für deine Situation überhaupt infrage kommt.
  • Reha kann ein wichtiger Schritt sein
    Bei einer Erwerbsminderungsrente gilt grundsätzlich „Reha vor Rente“. Die Rentenversicherung prüft zunächst, ob eine medizinische oder berufliche Reha deine Erwerbsfähigkeit erhalten oder verbessern kann.
  • Sammle deine Unterlagen von Anfang an
    Für einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente sind unter anderem Angaben zu deinen behandelnden Ärzten, Krankenhaus und Reha Aufenthalten sowie vorhandene Befunde, Gutachten und Reha Entlassungsberichte relevant.
  • Du musst den Rentenantrag nicht allein ausfüllen
    Die Deutsche Rentenversicherung bietet kostenlose Unterstützung beim Ausfüllen und Stellen des Rentenantrags an.

Quelle: Deutsche Rentenversicherung


Wenn unsichtbare Einschränkungen anerkannt werden müssen

Healthy Lady: Du hast einen Schwerbehindertenausweis beantragt. Wie funktioniert so ein Antrag in der Praxis?

Vanessa: Den Antrag habe ich beim zuständigen Versorgungsamt beziehungsweise bei der zuständigen Behörde gestellt. Ich musste vor allem medizinische Unterlagen und Befundberichte einreichen, zum Beispiel Berichte meiner behandelnden Ärzte und aus der Reha. Wichtig war, möglichst konkret zu beschreiben, wie sehr mich die MS und insbesondere die Fatigue im Alltag einschränken.

Wenige Tage nach der Antragstellung habe ich eine Eingangsbestätigung bekommen. Darin wurde eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von etwa drei Monaten oder auch länger angegeben. Das hängt unter anderem davon ab, ob weitere Berichte oder Stellungnahmen benötigt und nachgereicht werden müssen. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich noch immer keine Rückmeldung.


Healthy Lady: Wie hast du gegenüber Behörden und Gutachtern deutlich gemacht, wie stark du im Alltag tatsächlich eingeschränkt bist? Was würdest du anderen Betroffenen raten, damit ihre Beschwerden nicht unterschätzt werden?

Vanessa: Gerade bei Fatigue ist es schwierig, weil man die Einschränkungen von außen nicht sieht. Ich habe deshalb möglichst konkret beschrieben, was ich im Alltag nicht mehr schaffe, wie schnell meine Energie nachlässt und wie lange ich danach Erholung brauche.

Anderen Betroffenen würde ich raten, konkrete Beispiele zu nennen und vielleicht ein Fatigue-Tagebuch zu führen. So lässt sich besser zeigen, wie stark die Beschwerden den Alltag tatsächlich einschränken.


Der Pflegegrad: Was bei der Begutachtung wirklich zählt

Healthy Lady: Auch einen Pflegegrad hast du beantragt. Wie lief die Begutachtung bei dir ab und was wollte man über deinen Alltag wissen?

Vanessa: Bei mir wurde schließlich Pflegegrad 1 festgestellt. Ein Gutachter beziehungsweise eine Gutachterin kommt in der Regel zu einem nach Hause. Im Gespräch geht es dann sehr konkret um den Alltag. Entscheidend ist nicht in erster Linie die Diagnose, sondern wie selbstständig man seinen Alltag noch bewältigen kann und wobei regelmäßig Hilfe benötigt wird.

Dabei werden verschiedene Bereiche angeschaut. Bei der Mobilität geht es zum Beispiel darum, ob man alleine aufstehen, gehen oder Treppen steigen kann. Es wird aber auch nach kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten gefragt, etwa nach Orientierung, Verständnis oder der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen.

Weitere Themen sind psychische Problemlagen und die Selbstversorgung. Kann man sich alleine waschen und anziehen? Wie klappt der Toilettengang? Auch der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen spielt eine Rolle, zum Beispiel die Einnahme von Medikamenten oder Arztbesuche. Außerdem wird betrachtet, wie selbstständig man seinen Tagesablauf gestalten und soziale Kontakte pflegen kann.

Wichtig finde ich, nicht nur zu erzählen, was theoretisch noch irgendwie möglich wäre, sondern wie es im Alltag tatsächlich funktioniert. Gerade bei Erkrankungen, bei denen die Belastbarkeit schwankt, sollten auch schwierige Tage zur Sprache kommen.

Für den Termin kann es hilfreich sein, vorher einige Tage lang ein kleines Pflege oder Hilfetagebuch zu führen. Darin kann man festhalten, wobei Unterstützung nötig ist und wie der Alltag tatsächlich aussieht.


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Healthy Lady: Was hat sich durch den Pflegegrad für dich verändert?

Vanessa: Durch Pflegegrad 1 steht mir der Entlastungsbetrag von 131 Euro monatlich zu. Damit kann ich eine anerkannte Unterstützung im Haushalt nutzen. Für mich bedeutet das vor allem Entlastung. Wenn mir bestimmte Dinge im Haushalt abgenommen werden, kann ich meine Energie besser für andere wichtige Dinge einteilen. Das gibt mir mehr Sicherheit und hilft mir dabei, mich im Alltag nicht ständig über meine Grenzen hinaus zu belasten.


Die Haushaltshilfe: Loslassen lernen

Healthy Lady: Wie schwer war es für dich, selbst Unterstützung für deinen Haushalt zu beantragen, und wie hast du gelernt, diese Hilfe anzunehmen?

Vanessa: Das war für mich persönlich ein ziemlich schwieriger Schritt. Gerade weil ich früher selbst als Haushaltshilfe gearbeitet habe, war es ungewohnt und auch emotional, plötzlich selbst Unterstützung zu brauchen.

Ich musste erst lernen, dass Hilfe anzunehmen keine Schwäche ist. Durch die Unterstützung habe ich gemerkt, dass ich meine Kräfte besser einteilen kann. Heute sehe ich diese Hilfe deshalb als Entlastung und nicht als etwas, für das ich mich rechtfertigen muss.

Du brauchst Hilfe im Haushalt? So stellst du den Antrag

Wenn eine Erkrankung dich vorübergehend daran hindert, deinen Haushalt selbst zu führen, kann deine Krankenkasse unter bestimmten Voraussetzungen eine Haushaltshilfe bezahlen. Den Antrag stellst du direkt bei deiner gesetzlichen Krankenkasse, am besten telefonisch oder über ihr Kontaktformular. Ruf am besten vorher kurz an und frag nach, was genau du dafür brauchst, jede Kasse handhabt das ein bisschen anders, manche übernehmen sogar mehr, als gesetzlich vorgeschrieben ist.

Hast du bereits einen Pflegegrad, gibt es noch eine zweite Möglichkeit. Über deine Pflegekasse kannst du dann den sogenannten Entlastungsbetrag nutzen, aktuell bis zu 131 Euro im Monat. Damit lässt sich zum Beispiel Unterstützung im Haushalt bezahlen. Das Geld darfst du nur bei einem anerkannten Anbieter einsetzen, nicht bei einer privat organisierten Hilfe.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit


Healthy Lady: Wie sieht diese Unterstützung bei dir heute konkret aus?

Vanessa: Einmal pro Woche kommt für etwa eineinhalb Stunden Unterstützung zu mir. In dieser Zeit werden Dinge im Haushalt übernommen, die gerade anfallen. Das können zum Beispiel Wäsche, Saugen und Wischen oder auch das Fensterputzen sein. Der Zugang zu dieser Unterstützung ging bei mir relativ schnell und ich hatte keine langen Wartezeiten.


Die Erwerbsminderungsrente: Der längste Weg

Healthy Lady: Mit 34 hast du schließlich die Erwerbsminderungsrente beantragt. Wann war für dich der Moment erreicht, an dem du wusstest, dass Arbeiten gesundheitlich nicht mehr so möglich ist wie zuvor?

Vanessa: Der Punkt war erreicht, als ich gemerkt habe, dass selbst einfache Tätigkeiten mich so stark erschöpfen, dass ich mich danach kaum noch erholen konnte. Ich konnte meine Arbeitsleistung nicht mehr zuverlässig abrufen und musste mir eingestehen, dass es gesundheitlich so nicht weitergeht.

Den Antrag auf Teil-Erwerbsminderungsrente habe ich bereits vor der Reha mit meiner Neurologin angestoßen. Die medizinischen Berichte aus der Reha und von meinen behandelnden Ärzten waren dabei besonders wichtig.


Healthy Lady: Du hast zunächst eine teilweise Erwerbsminderungsrente beantragt. Bewilligt wurde dir schließlich die volle Erwerbsminderungsrente. Wie kam es dazu?

Vanessa: Das ist richtig. Gemeinsam mit meiner Neurologin hatte ich zunächst nur die teilweise Erwerbsminderungsrente in die Wege geleitet. Die Deutsche Rentenversicherung hat meinen Antrag und die medizinischen Unterlagen geprüft und mir am Ende die volle Erwerbsminderungsrente bewilligt.


Healthy Lady: Acht Monate hat es bei dir bis zur Entscheidung gedauert. Was wurde in dieser Zeit geprüft? Musstest du noch weitere medizinische Nachweise einreichen oder zu einer zusätzlichen Begutachtung?

Vanessa: Die acht Monate waren für mich eine belastende Zeit. Geprüft wurden vor allem meine gesundheitlichen Einschränkungen und ob ich unter diesen Bedingungen noch dauerhaft arbeiten kann. Dafür wurden unter anderem die Reha-Berichte und Befunde meiner behandelnden Ärzte herangezogen. Teilweise musste ich noch weitere Unterlagen nachreichen. Ich musste nicht noch zusätzlich durch eine Begutachtung durch. Die ärztlichen Befunde waren ausreichend.

Finanziell war diese Zeit schwierig, stand aber auch an zweiter Stelle. Mir ging und geht es bis zum heutigen Zeitpunkt nicht so gut, um dem Arbeitsmarkt aktuell so zur Verfügung zu stehen, wie es gewünscht wird.


Healthy Lady: Dann kam die Bewilligung der vollen Erwerbsminderungsrente, zunächst für drei Jahre. Wie war der Moment, als du den Bescheid gelesen hast und was bedeutet diese Entscheidung heute für dein Leben?

Vanessa: Ich war erst einmal überwältigt. Es waren wirklich gemischte Gefühle. Einerseits war es traurig und endgültig, weil ich mir eingestehen musste, dass Arbeiten für mich aktuell nicht mehr so möglich ist wie früher. Andererseits ist eine enorme Last von meinen Schultern gefallen, weil die finanzielle Unsicherheit endlich vorbei war.

Heute bedeutet die Rente für mich vor allem Sicherheit. Ich kann meine Energie besser einteilen und mich auf meine Gesundheit und meinen Alltag konzentrieren, ohne ständig den Druck zu haben, wieder funktionieren zu müssen.


Der Fehler, den du nicht machen solltest

Healthy Lady: Wenn heute eine Frau mit MS und Fatigue vor dir sitzt, die merkt, dass sie ihren Alltag oder ihre Arbeit kaum noch schafft, aber von Pflegegrad, GdB, Haushaltshilfe und Erwerbsminderungsrente völlig überfordert ist, welchen Weg würdest du ihr empfehlen?

Vanessa: Ich würde ihr raten, nicht alles gleichzeitig machen zu wollen. Als Erstes würde ich mir Unterstützung bei einer Reha, einer Sozialberatung oder einem Sozialverband holen und gemeinsam schauen, welche Anträge überhaupt infrage kommen.

Sinnvoll ist, alle wichtigen Unterlagen zu sammeln. Arzt- und Reha-Berichte, Medikamentenpläne, Bescheide und vor allem eine Dokumentation, wie sich die Fatigue konkret auf den Alltag auswirkt.

Der wichtigste Fehler wäre für mich, die eigenen Einschränkungen herunterzuspielen. Man sollte ehrlich und möglichst konkret beschreiben, was an einem normalen und an einem schlechten Tag nicht mehr funktioniert. Und man sollte sich nicht scheuen, Hilfe anzunehmen, man muss diesen Weg nicht alleine schaffen.

Hier bekommst du Hilfe bei deinen Anträgen:

  • Sozialdienst in der Reha
    Hilft dir dabei herauszufinden, welche Leistungen für dich infrage kommen, welche Anträge du stellen kannst und welche Unterlagen du dafür brauchst.
  • Sozialverbände wie VdK oder SoVD
    Beraten ihre Mitglieder unter anderem zur Erwerbsminderungsrente, zum Schwerbehindertenrecht und zur Pflege und können auch bei Widersprüchen unterstützen.
  • DMSG
    Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft bietet speziell für Menschen mit MS Sozialberatung an und hilft bei Fragen rund um sozialrechtliche Leistungen und Anträge.
  • Deutsche Rentenversicherung
    Berät dich kostenlos zur Erwerbsminderungsrente und hilft dir auch beim Ausfüllen und Stellen des Rentenantrags.

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