Fatigue bei MS: Wenn selbst Schlaf die Erschöpfung nicht verschwinden lässt
Du hast eigentlich genug geschlafen und wachst trotzdem auf, als wäre dein Akku schon halb leer. Duschen, einkaufen, arbeiten, eine Freundin treffen. Dinge, über die du früher kaum nachgedacht hast, können plötzlich erstaunlich viel Kraft kosten.
Natürlich kennen wir alle Tage, an denen wir erschöpft sind. Fatigue bei Multipler Sklerose ist jedoch etwas anderes als die gewöhnliche Müdigkeit nach einer kurzen Nacht oder einem anstrengenden Tag. Sie kann sich körperlich und geistig bemerkbar machen und den Alltag erheblich beeinflussen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft beschreibt Fatigue als häufiges Symptom der MS, das sich deutlich von normaler Müdigkeit unterscheidet.
Fatigue ist mehr als einfach nur müde sein
Bei MS kann Fatigue bedeuten, dass deine Energie im Laufe des Tages deutlich nachlässt oder körperliche und geistige Tätigkeiten ungewöhnlich anstrengend werden. Auch Konzentration und Leistungsfähigkeit können darunter leiden. Bei manchen Betroffenen verstärkt Wärme die Beschwerden zusätzlich. Das Schwierige daran ist, dass man Fatigue einem Menschen häufig nicht ansieht.
Du kannst morgens beim Bäcker stehen, dich mit einer Freundin unterhalten oder auf einem Foto vollkommen fit wirken. Niemand sieht dabei, wie viel Kraft dich dieser Moment möglicherweise kostet oder ob du danach erst einmal eine Pause brauchst.
Genau deshalb kann Fatigue auch im persönlichen und beruflichen Umfeld schwer zu vermitteln sein. Die Erschöpfung ist real, auch wenn sie von außen nicht sichtbar ist.
GUT ZU WISSEN:
Fatigue und ME/CFS sind nicht dasselbe. Fatigue kann als Symptom verschiedener Erkrankungen auftreten, darunter Multiple Sklerose. ME/CFS ist dagegen ein eigenständiges komplexes Krankheitsbild. Charakteristisch ist unter anderem, dass sich die Beschwerden nach körperlicher oder geistiger Belastung deutlich verschlechtern können. Dieses Phänomen wird als post-exertionelle Malaise, kurz PEM, bezeichnet. Bewegungsempfehlungen für MS-bedingte Fatigue lassen sich deshalb nicht einfach auf ME/CFS übertragen.
Ist immer die MS schuld?
Nein. Und genau deshalb lohnt sich eine gründliche Abklärung. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, bei Menschen mit MS nicht automatisch davon auszugehen, dass eine bestehende Fatigue durch die MS verursacht wird. Auch Schlafprobleme, Schmerzen, Medikamentennebenwirkungen, Infektionen, eine Anämie oder Schilddrüsenfunktionsstörung sowie Angst und Depression können zu Erschöpfung beitragen.
Wenn du dich seit einiger Zeit ungewöhnlich erschöpft fühlst, solltest du das deshalb nicht einfach als Stress oder unvermeidlichen Teil deiner MS hinnehmen. Sprich darüber mit deiner Neurologin oder deiner Hausarztpraxis.
Wie wird Fatigue festgestellt?
Es gibt nicht den einen Blutwert, der Fatigue eindeutig nachweist.
Wichtig ist vor allem, wie sich deine Erschöpfung bemerkbar macht und wie stark sie deinen Alltag beeinflusst. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, Menschen mit MS gezielt nach Fatigue, plötzlich auftretender Müdigkeit und Veränderungen ihres Energieniveaus zu fragen, wenn diese den Alltag beeinträchtigen. Gleichzeitig sollten andere mögliche Ursachen untersucht werden.
Dabei kannst du selbst etwas beitragen. Führe für einige Tage ein kleines Energie-Tagebuch. Wann bist du besonders erschöpft? Was hast du vorher gemacht? Wie hast du geschlafen? Spielt Wärme eine Rolle? Und welche Aktivitäten waren danach noch möglich?
So musst du beim nächsten Arzttermin nicht versuchen, die vergangenen Wochen aus dem Gedächtnis zusammenzufassen.
Was kann dir bei MS-bedingter Fatigue helfen?
Es gibt nicht die eine Strategie, die bei jeder Frau funktioniert. Vielmehr sollte gemeinsam geschaut werden, was deine Energie kostet und was dir persönlich hilft, besser mit ihr umzugehen.
Die NICE-Leitlinie empfiehlt ein individuelles Fatigue-Management. Dazu können das Festlegen von Prioritäten, ein bewusster Umgang mit der vorhandenen Energie sowie die Betrachtung von Bewegung, Ernährung und Stressmanagement gehören.
Auch Bewegung muss bei MS-bedingter Fatigue nicht grundsätzlich vermieden werden. Die Leitlinie nennt individuell angepasste Programme mit Ausdauer-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen als mögliche Ansätze. Auch Yoga oder Pilates können infrage kommen. Entscheidend ist nicht, irgendeinen Trainingsplan durchzuziehen, sondern eine Belastung zu finden, die zu deiner persönlichen gesundheitlichen Situation passt.
Eine spezielle Ernährung, die MS-Fatigue nachweislich beseitigt, gibt es dagegen nicht. NICE rät ausdrücklich davon ab, eine bestimmte Diät allein zur Behandlung von Fatigue zu empfehlen.
DEIN TIPP:
Plane einen guten Tag nicht automatisch komplett voll. Überlege morgens, welche zwei oder drei Dinge heute wirklich wichtig sind und was notfalls warten kann. Auch bewusst eingeplante Pausen können Teil deines Tages sein und müssen nicht erst dann stattfinden, wenn gar nichts mehr geht. Die DMSG nennt regelmäßige Ruhepausen als eine mögliche Strategie im Umgang mit MS-bedingter Fatigue.
Ein guter Tag bedeutet nicht, dass die Fatigue verschwunden ist
Vielleicht hast du selbst schon erlebt, wie schwer schwankende Beschwerden für andere zu verstehen sind. Gestern warst du unterwegs, heute brauchst du nach wenigen Aufgaben eine Pause.
Das widerspricht sich nicht. Fatigue kann sich im Tagesverlauf verändern und beispielsweise durch Belastung oder Wärme verstärkt werden. Sie kann außerdem Lebensqualität, soziales Leben und Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Deshalb musst du deine Erschöpfung auch nicht daran messen, wie viel andere Menschen an einem Tag schaffen.
Wenn deine Erschöpfung neu auftritt, deutlich stärker geworden ist oder deinen Alltag zunehmend bestimmt, sprich sie bei deinem nächsten Arzttermin ausdrücklich an.
Quellen und weiterführende Informationen
Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Symptomatische Therapie und Fatigue
NICE, Multiple sclerosis in adults: management, Abschnitt Fatigue
Bundesgesundheitsportal, ME/CFS und Abgrenzung zu Fatigue
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung.


