ungeplant schwanger

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

Neun Monate. So viel Zeit gibt die Natur dem Körper und der Seele einer Frau, um langsam in die Mutterrolle hineinzuwachsen. Paulina (23) blieben davon nicht einmal viereinhalb. Im Frühjahr vergangenen Jahres wurde sie mitten im fünften Monat von einer Realität überrascht, mit der sie niemals gerechnet hatte.

Die Diagnose: 20. Schwangerschaftswoche. Von einer Sekunde auf die andere gerät Paulinas gesamter Lebensentwurf ins Wanken. Sie verhütete mit der Pille, wollte keine Kinder und hatte vom Frauenarzt mehrfach gehört, sie sei unfruchtbar. Dass die Schwangerschaft trotz mehrerer Termine lange unentdeckt blieb, stellt ihr Leben auf den Kopf. Paulina wählt zunächst den Weg der Adoption. Doch nach der Geburt nimmt ihre Geschichte eine unerwartete Wendung.

Ein Exklusivinterview über Kontrollverlust, eine folgenschwere Entscheidung und die bedingungslose Liebe zu ihrer Tochter Lilly (Name von der Redaktion geändert).


Von Null auf Mutter: Der Tag, an dem sich alles veränderte

Healthy Lady: Liebe Paulina, du warst laut eigener Aussage mehrmals bei deinem damaligen Frauenarzt, doch die Schwangerschaft blieb lange unentdeckt. Mit welchen Beschwerden bist du zu ihm gegangen und wie liefen diese Termine ab?

Paulina: Ich bin kurz vor Beginn der Schwangerschaft umgezogen und war einfach zu faul, die dreiviertelstündige Fahrt zu meiner eigentlichen Frauenärztin auf mich zu nehmen. Da ich ohnehin oft mit Zysten und Entzündungen am Eierstock zu kämpfen hatte, waren Blutungen für mich nicht untypisch.

Ich bin insgesamt viermal mit einem generellen Unwohlsein und Schmerzen im Unterleib zu ihm gegangen. Bei diesen Terminen wurde jeweils Ultraschall gemacht, aber anscheinend wurde nichts gesehen außer der Zyste, die tatsächlich da war. Weitere klassische Schwangerschaftsanzeichen hatte ich überhaupt nicht.

Mir war morgens nicht schlecht, meine Brüste taten nicht weh, und ich hatte keine körperlichen Veränderungen. Mir ging es grundsätzlich gut, ich hatte super viel Energie, und auch mental ging es mir gut.

Trotzdem hat der Arzt meine Beschwerden nicht ernst genommen. Seine Haltung war für mich am Ende sinngemäß, ich solle froh sein, noch zu leben. Nun sei ich eben schwanger und werde Mutter. Aber in diesem Moment wusste ich nicht einmal, ob ich da nicht lieber gestorben wäre, denn für mich war das massiv überfordernd.

SCHWANGERSCHAFT BIS ZUR 20. WOCHE ÜBERSEHEN! „Auf dem Ultraschall sah ich plötzlich einen riesigen Fuß“

Nuklearmedizinerin erklärt: Was Frauen über die Schilddrüse, Kinderwunsch und Radioaktivität wissen sollten

Zuhause am Nil: Warum viele Europäerinnen ihr Glück in Ägypten finden – Buchautorin Aleksandra Helail im Interview

47 Grad, Taliban & der Gedanke ans Aufgeben – das extreme Abenteuer von Maria und Philipp


Healthy Lady: Eine Woche später stellt deine frühere Gynäkologin fest, dass du bereits in der 20. Schwangerschaftswoche bist. Was ging in dir vor, als du plötzlich auf den Ultraschall-Bildschirm geschaut hast?

Paulina: Die Diagnose war ein riesiger Schock. Da ich regelmäßig Blutungen hatte, sind wir alle davon ausgegangen, dass ich ganz am Anfang stehe. Als wir dann den vaginalen Ultraschall gemacht haben und ich auf den Bildschirm schaute, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. Mir war sofort klar: Nein, das ist keine achte Woche, wie wir dachten. Ich bin viel weiter. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Ich wusste nicht, was ich tun soll, musste erst einmal atmen und konnte gar nicht mehr von dem Stuhl aufstehen. Wir haben an dem Tag auch keinen Mutterpass mehr erstellt, sondern ich durfte einfach nach Hause gehen.

Ich habe zwei bis drei Wochen gebraucht, um die Situation überhaupt zu realisieren. Wenn dann Kommentare kommen wie: „Du hättest doch in den Niederlanden abtreiben können“, kann ich nur sagen: Nein. Ich hatte dafür nicht einmal die nötige Bedenkzeit, ich konnte gar nicht so schnell denken. Ich wusste nur, ich möchte das nicht. Ich war so massiv überfordert, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Dazu kam das Gefühl, komplett inkompetent zu sein, weil das passiert ist und ich es nicht gemerkt hatte. Ich hatte keinerlei Kindsbewegungen gespürt und man hat optisch nichts gesehen, wobei ich zu dem Zeitpunkt auch eher eine rundlichere Figur hatte. Das war unglaublich hart.

„Als wir den Ultraschall machten, sah ich plötzlich einen riesigen Fuß. In diesem Moment wurde mir unendlich schlecht. Ich wollte weinen, aber es kamen keine Tränen.“


Healthy Lady: Normalerweise bekommen Frauen viel mehr Zeit, sich auf ein Kind einzustellen. Dir blieben nur etwa viereinhalb Monate bis zur Entbindung. Wie hast du diese Zeit zwischen Schock, Schwangerschaft und der nahenden Geburt erlebt?

Paulina: Nach der Diagnose hatte ich erst einmal ganz klar das Gefühl: Es muss weg. Ich werde keine Mutter, ich kann das nicht, ich möchte das nicht. Dieses „Ich will das nicht“ hat damals einfach alles übertönt.

Wir hatten in dieser Zeit verschiedene Phasen. Der Anfang bis zu dem Punkt, an dem wir uns aktiv für die Adoption entschieden haben, war ein hässliches, erdrückendes Gefühl. Direkt nach dieser Entscheidung ging es mir zwar nicht gut, aber irgendwie doch etwas besser, weil ich gemerkt habe, ich muss das nicht machen, wenn ich mich absolut nicht bereit dazu fühle.

Trotzdem war die Zeit durchgehend schlimm. Bei Terminen wie etwa der Feindiagnostik wusste ich nie, ob mich das medizinische Personal wieder verurteilen würde. Ich wurde mehrfach für unbelehrbar erklärt, weil ich bis zum achten Monat regelmäßige Blutungen hatte, die immer zum gleichen Zeitpunkt auftraten. Jedes Mal wurde ich ungläubig angeschaut nach dem Motto: „Das kann gar nicht sein, Sie irren sich.“ Aber das stimmte eben doch.

Erst die Schwangerschaftsberatung veränderte langsam meinen Blick auf die Situation. Dort wurden mir verschiedene Hilfsangebote gezeigt, und man machte mir Mut, dass ich es auch allein schaffen und mit meinem Studium vereinbaren könnte.

In dieser Phase ging es mir trotzdem überhaupt nicht gut. Ich hatte stark mit Suizidgedanken zu kämpfen und würde meine damalige Verfassung definitiv als depressiv beschreiben. Ich war einfach nicht bereit und habe mich zutiefst geschämt, anderen von der Schwangerschaft zu erzählen.

Hilfe bei Suizidgedanken:
Solltest du befürchten, dir unmittelbar etwas anzutun, wähle den Notruf 112 oder gehe in die nächste psychiatrische Notaufnahme. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym unter 0800 1110111, 0800 1110222 und 116 123 erreichbar. Das Hilfetelefon Schwangere in Not bietet unter 0800 4040020 kostenfreie, anonyme und vertrauliche Beratung.

Paulina wünscht sich, den Alltag mit Lilly künftig weitgehend selbstständig zu gestalten und nur noch gelegentlich Unterstützung anzunehmen. (Bild: Paulina/privat)

Als die Entscheidung im Krankenhaus ins Wanken geriet

Healthy Lady: Wann kam der Entschluss, Lilly zur Adoption freizugeben? Was hat dir damals das Gefühl gegeben, dass dieser Schritt der richtige sein könnte?

Paulina: Der Gedanke an eine Adoption war im Grunde direkt da, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte. Um das zu verdeutlichen: Zwei Wochen, nachdem ich von der Schwangerschaft erfahren hatte, war eigentlich mein Vorgespräch für eine Sterilisation geplant. Das zeigt, wie tief der Wunsch, keine Mutter zu werden, in mir verankert war.

Rein materiell hätten wir es definitiv geschafft, ein Kind zu versorgen. Wir sind sehr strukturierte und liebevolle Menschen. Ich finde es auch nicht schlimm, wenn man als Familie mal eine Zeit lang nur Brot zum Abendessen isst, weil finanziell gerade nicht mehr drin ist. Aber mir ging es um die emotionale Ebene. Ich wollte für meine Tochter stabil sein, und das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt absolut nicht vorstellen.

Als wir schließlich die potenziellen Adoptiveltern kennengelernt haben, hat es sofort gepasst. Es waren wunderbare Menschen und ich habe gespürt, das sind die Richtigen. Ab diesem Moment war die Entscheidung für mich besiegelt.

Dabei habe ich von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe für meine Tochter empfunden. Aber damals hatte ich das tief sitzende Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht richtig vermitteln kann, dass ich emotional nicht bereit für diese Aufgabe bin und diesen Weg nicht gehen möchte.

„Ich habe von Anfang an eine riesige, bedingungslose Liebe empfunden. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich ihr diese Liebe im Alltag nicht vermitteln kann. Ich wollte keine Mutter sein.“


Healthy Lady: Im Herbst kam deine Tochter zur Welt. Die Geburt selbst lief dank der Hebammen gut, doch die anschließenden Tage auf der Station beschreibst du als extrem belastend. Was genau ist dort vorgefallen?

Paulina: Die Geburt an sich lief – abgesehen davon, dass ewig nichts passierte und ich starke Schmerzen hatte – wirklich gut. Die beiden Hebammen waren wunderbar und haben mir sehr beigestanden.

Der Druck fing an, als ich auf die Station gebracht wurde. Ich hatte mich bewusst dazu entschieden, meine Tochter mit aufs Zimmer zu nehmen und sie auch anzulegen, weil mir das sehr wichtig war. Natürlich musste ich dabei weinen. Die Situation war nach all den Stunden und den Strapazen extrem nervenaufreibend. Und dann sagte eine Schwester: „Wir können das hier auf Station alle nicht verstehen, warum ein junges Paar ihr Kind weggeben will.“ Da dachte ich mir nur, soll ich erst 50 sein, damit es in den Augen anderer akzeptabel ist? Man sollte sich vielleicht eher fragen, warum Paare diesen Schritt gehen, statt sie zu verteufeln. Viele wollen keine Kinder bekommen und das liegt oft nicht daran, dass sie ungeeignet wären, sondern an den Rahmenbedingungen.

Dann wurde eine Psychologin geholt. Ich hatte den Eindruck, dass man hoffte, ich würde etwas sagen, woran man ansetzen könnte. Aber sie hat alles nur noch schlimmer gemacht. Ich saß gefühlt 90 Minuten weinend mit meiner Tochter im Arm. Mir wurde mehrfach unterstellt, ich hätte von Anfang an von der Schwangerschaft gewusst und sie nur nicht beenden wollen. In diesem Moment war ich so überrumpelt, dass mir die Worte fehlten. Zum Ende hin riet sie mir zwar nicht direkt zum Behalten, meinte aber, sie würde an meiner Stelle jetzt gar keine Entscheidung treffen.

Selbst eine Reinigungskraft kam in mein Zimmer und sagte, ich würde es bereuen, wenn ich meine Tochter nicht behielte. Sie sei doch so ein liebes Kind.

Einen geschützten Raum hatte ich dort also nicht. Man kann dort nicht weg, ist ständig vom Personal oder der Familie umgeben und das Ganze war unglaublich zermürbend. Auch das Jugendamt kam immer wieder herein. Ich verstehe, dass das dazugehört, aber die Bedingungen waren extrem belastend. Unser Adoptionsvermittler meinte später, dass es in Krankenhäusern anderer Landkreise ganz anders abläuft und dort niemand reinredet.

Besonders schlimm fand ich, wie sehr meine Mama in dieser Zeit mitgelitten hat. Ihr gegenüber behauptete das Personal, es sei gar nicht meine eigene Entscheidung gewesen, sondern die meines Partners. Dabei hatten sie ihn nur ein einziges Mal gesehen, beim ersten Ultraschall. Er war damals völlig überfordert und unendlich traurig. Trotzdem war und blieb es allein meine Entscheidung.


Healthy Lady: An welchem Punkt hast du die geplante Adoption gestoppt? War die Entscheidung, Lilly zu behalten, rückblickend wirklich deine eigene?

Paulina: Dieser Schritt und vor allem das Absagen waren mir extrem unangenehm. Ich habe das schließlich per E-Mail an unseren Adoptionsvermittler geregelt, weil ich in diesem Moment einfach nicht telefonieren konnte. Das passierte, glaube ich, einen Tag nach der Geburt.

Die vorgesehenen Adoptiveltern hatten uns von Anfang an gesagt, dass sie erst etwas vorbereiten, wenn das Baby tatsächlich bei ihnen zu Hause ist. Das hatte den großen Vorteil, dass sie mir keinen Druck machten. Mein Albtraum wäre es gewesen, wenn mir die beiden nach der Geburt in die Arme gesprungen wären und sich dafür bedankt hätten, dass sie durch mich ein Kind bekommen.

Ob die Entscheidung wirklich meine eigene war? Emotional gesehen ja, rational gesehen vermutlich eher nicht.

Als wir uns schließlich entschieden, Lilly zu behalten, passierte etwas Seltsames. Plötzlich waren genau die Pflegekräfte, die zuvor so herablassend mit mir gesprochen hatten, extrem lieb, haben sich gefreut und sogar geweint. Da dachte ich mir nur: Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte, und im nächsten Moment seid ihr plötzlich so zugewandt.

Die Ängste aus dem Krankenhaus sind auch jetzt, fast ein Jahr nach der Geburt, immer noch da. Die ganze Schwangerschaft über habe ich es geschafft, rein rational zu entscheiden, aber in diesem Moment haben mich meine Gefühle und Hormone komplett überrannt. Vielleicht war es rückblickend unklug, sie mit aufs Zimmer zu nehmen. Aber ich wollte das unbedingt. Ich wollte mir selbst die Chance geben, sie kennenzulernen, schließlich hatte ich ja erst seit viereinhalb Monaten von ihr gewusst.


Das Leben heute, Vorurteile & der Blick nach vorn

Healthy Lady: Du liebst Lilly über alles und gleichzeitig trauerst du dem Lebensentwurf nach, der dir genommen wurde. Wie schafft man es, mit diesen zwei Wahrheiten zu leben?

Paulina: Ich bin einfach nur froh, dass ich mit diesen beiden Wahrheiten überhaupt leben kann. Schon während der Schwangerschaft dachte ich oft, dass es viel einfacher wäre, mich umzubringen, weil ich nicht wusste, wie ich diese Situation und dieses Problem lösen soll. Dieses Gefühl war auch nach der Geburt noch da. Umso stolzer bin ich heute im Rückblick auf mich, dass ich es bis hierher geschafft habe.

Ich bereue es nicht, Mutter geworden zu sein. Auch wenn ich diese Entscheidung anfangs gar nicht aktiv getroffen habe. Natürlich habe ich immer noch viele Ängste. Aber wenn ich in dieses kleine, süße Gesicht gucke, sind sie wie weggeblasen. Wenn sie mich anlacht und ich diesen kleinen Zahn dort glitzern sehe, ist die Angst im selben Moment verschwunden.

„Es ist heftig, dass ihr mich vorher wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt habt, nur weil meine damalige Entscheidung nicht in eure Ideologie passte.“


Healthy Lady: Deine Tochter lebt aktuell bei der Oma (Mutter ihres Vaters), was eine sehr schwere Entscheidung war. Wie kam es dazu und wie gehst du mit dem Unverständnis um, das dir dafür oft entgegenschlägt?

Paulina: Dass Lilly aktuell bei der Mutter ihres Vaters lebt, war eine Notfallentscheidung, die Hals über Kopf getroffen werden musste. Es war die beste und sicherste Lösung, um überhaupt erst einmal für mich selbst klarzukommen. Ich konnte einfach nicht mehr. Diese Phase war das Heftigste und Schlimmste, was ich jemals empfunden habe. Ich bin unglaublich dankbar für diesen Ausweg, vor allem, weil mir nie das Gefühl gegeben wurde, jeden Tag auf Biegen und Brechen Dankbarkeit zeigen zu müssen. Es funktioniert, weil wir uns eng absprechen und offen austauschen. Mein ganz klarer Wunsch ist es aber natürlich, dass sie in naher Zukunft fest bei uns lebt.

Da ich meinen Weg von Anfang an öffentlich geteilt habe, bin ich mittlerweile abgehärtet. Im Netz nimmt mich das nicht mehr mit, das geht komplett an mir vorbei. Im echten Leben ist es manchmal noch etwas anderes, aber selbst da ist es mir inzwischen größtenteils egal.

In der Familie waren am Ende alle sehr froh darüber, wie sich die Situation entwickelt hatte. Ich glaube, jeder ist im Nachhinein sehr dankbar, dass Lilly bei uns geblieben ist. Sie wird von jeder Seite zutiefst geliebt.


Healthy Lady: Wie sieht euer gemeinsamer Alltag im Moment aus? Welche Schritte fehlen noch, damit Lilly fest bei dir einziehen kann?

Paulina: Im Alltag versuche ich, relativ früh dazuzustoßen und so spät wie möglich wieder zu gehen. Ich spiele mit ihr, füttere und wickele sie, nehme gemeinsam mit ihr Arzttermine wahr oder wir gehen einfach zusammen mit den Hunden spazieren. Ich darf ihr tagtäglich bei ihrer Entwicklung zusehen, bekomme aber gleichzeitig den nötigen Freiraum. Wenn ich an einem Tag merke, dass es gerade einfach nicht geht, kann ich das offen ansprechen. Man gibt mir den Raum, Dinge so zu machen, wie ich sie brauche. Wir stimmen uns eng darüber ab, was wir für richtig halten und was wir uns gegenseitig wünschen.

Die Schritte, die ich jetzt noch gehen muss, bestehen vor allem darin, weiterhin in Therapie zu bleiben, um das Erlebte Stück für Stück zu verarbeiten. Ich mache Lilly keinesfalls dafür verantwortlich, ich weiß genau, dass sie die Letzte ist, die etwas für all das kann. Und trotzdem verbindet man unweigerlich bestimmte Gefühle damit.

Für mich gab es Momente, in denen es sich schrecklich anfühlte, meine Tochter auf dem Schoß sitzen zu haben und gleichzeitig darüber nachdenken zu müssen, was mir widerfahren ist, um dann wieder in diesen Gedanken zu versinken. Zum Glück kommt das heute kaum noch vor. Am Anfang war es jedoch so schlimm, dass diese vorübergehende Lösung notwendig wurde.

Um den Schritt zu gehen, dass sie voll und ganz zu mir zieht, brauche ich vor allem mehr Festigkeit im eigenen Leben. Ich muss mein Studium beginnen und erst einmal abschätzen können, wie viel Zeit all diese Verpflichtungen in Anspruch nehmen.

„Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, durchzuhalten. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.“


Ein persönlicher Wunsch und Aufruf

Healthy Lady: Welche Botschaft möchtest du anderen Frauen aus deiner Erfahrung mitgeben?

Paulina: Wenn ich eines aus dieser ganzen Erfahrung mitgeben möchte, dann ist es der Wunsch nach echten Ansprechstellen und Hilfe für jede Frau, die in einer solchen Situation steckt. Ich kann jeder nur ans Herz legen, die Schwangerschaftsberatung zu nutzen, sich zu trauen, für sich selbst einzustehen, und sich von der Meinung anderer komplett frei zu machen. Es ist dein Körper und dein Leben, über das hier entschieden wird.

Was wir dringend brauchen, ist mehr Verständnis dafür, dass eben nicht jede Schwangerschaft gewollt ist und nicht jede so ausgeht, wie man es sich vielleicht gewünscht hat. Generell wünsche ich mir mehr Offenheit und Akzeptanz für unterschiedliche Lebensentwürfe. Nicht nur bezogen auf das Thema Schwangerschaft, sondern ganz grundsätzlich im Leben.


Healthy Lady: Wenn Lilly eines Tages alt genug ist, um eure Geschichte zu verstehen, was ist das Wichtigste, das sie über ihr Ankommen auf dieser Welt und deine Liebe zu ihr wissen soll?

Paulina: Was ich ihr auf jeden Fall sagen möchte, ist, dass ich unendlich froh bin, dass sie in mein Leben gekommen ist. Ich bin mir sehr sicher, dass sie mich vor gewissen Dingen gerettet hat. Sie gibt mir eine noch größere Motivation, weiterzumachen, durchzuhalten und für sie da zu sein. Ich liebe sie von ganzem Herzen und bin einfach nur dankbar, dass sie meine Tochter ist. Ich wünsche mir einfach, sie bis an mein Lebensende an meiner Seite zu haben.

Redaktioneller Hinweis:
Alle Schilderungen geben Paulinas persönliche Erinnerung und ihre subjektive Wahrnehmung der Ereignisse wieder. Die beteiligten medizinischen Fachkräfte und Einrichtungen werden nicht namentlich genannt. Identifizierende Angaben zu ihnen sowie sämtliche Ortsangaben wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte entfernt. Der Name der Tochter wurde geändert.