Es ist ein warmer Maiabend in Togo. Von draußen dringen Stimmen herein, in den Fenstern der umliegenden Häuser brennt Licht. Drinnen liegen Lynda und ihr Freund im Bett, eng beieinander. Er ist mit ihr in die Heimat gereist, um endlich ihre Familie kennenzulernen. Es ist ein Augenblick voller unbeschwerter Nähe. Bis seine Hand plötzlich auf ihrer Brust verharrt.
Lynda, damals 26 Jahre alt und als Krankenschwester auf der Kardiologie in Deutschland tätig, versucht, ihren besorgten Freund zu beruhigen. Immerhin ist nicht jede Veränderung in der Brust gleich etwas Schlimmes. Sie selbst macht sich zunächst keine großen Gedanken. Schließlich ist sie immer regelmäßig zur Krebsvorsorge gegangen. Doch was ihr Freund an diesem Abend zufällig entdeckt, wird schon bald ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen.
Zurück in Deutschland sucht Lynda ihren Gynäkologen auf. Beim Ultraschall sieht zunächst alles nach einer harmlosen Zyste aus. Zur Sicherheit überweist der Arzt sie zur Mammographie. Doch auch dort vermutet man nichts Bösartiges. Eine Zyste, die man punktieren könnte. Lynda stimmt dem Eingriff zu. Eine Biopsie bringt bittere Gewissheit. Der vermeintlich harmlose Knoten ist ein dreifach positives Mammakarzinom. Aggressiv, hormonabhängig und bereits um 42 Prozent gewachsen. Ein Tumor, der sich von ihren eigenen Hormonen ernährt.
Uns erzählt sie von den Tränen hinter verschlossenen Türen, den schweren Tagen nach der Chemotherapie und der lebenswichtigen Botschaft, warum ein gesunder Lebensstil allein keinen Schutz vor Krebs bietet.
Die Tränen hinter verschlossenen Türen
Healthy Lady: Lynda, als Krankenschwester bist du es gewohnt, für andere da zu sein. Doch plötzlich sitzt du selbst im Arztzimmer und erfährst, dass du Brustkrebs hast. Was ist in diesem Moment in dir vorgegangen?
Lynda: Ich stand natürlich unter Schock. Ich war davor fest überzeugt, dass bei mir alles in Ordnung ist. Ich habe mich immer gut ernährt, einen gesunden Lifestyle geführt, Sport gemacht. Mein ganzes Leben und all meine Hobbys drehten sich um Gesundheit. Selbst in meinem Beruf lernt man so viel, aber ich hätte nie gedacht, dass sich ein Tumor durch meine eigenen Hormone, durch Östrogen und Progesteron, ernähren könnte.
In dem Raum bei der Ärztin war auch meine Cousine. Sie ist viel jünger als ich und hat mich immer bewundert. In diesem Moment wollte ich einfach nur stark sein für sie. Ich wollte keine Schwäche zeigen. Aber als ich dann nach Hause kam und die Tür hinter mir ins Schloss fiel, gab es kein Halten mehr. Ich weiß nicht, ob man das so sagen darf, aber ich habe mir wirklich die Seele aus dem Leib geheult, bis keine Tränen mehr da waren.
Healthy Lady: Nach der Diagnose blieb dir kaum Zeit zum Durchatmen. Wie hast du diese plötzliche Veränderung deines Alltags erlebt?
Lynda: Nachdem ich das Ergebnis erfahren hatte, brauchte ich erst mal ein paar Tage, um diesen ganzen Berg an Informationen überhaupt zu verarbeiten. Da wurde mir klar, was für eine riesige Herausforderung jetzt vor mir steht. Ich musste meine komplette Routine von heute auf morgen umstellen. Ich konnte nicht mehr arbeiten gehen, ich würde meine Haare verlieren und wusste überhaupt nicht, wie mein Leben in den nächsten Monaten aussehen würde.
Vor allem das Thema Kinderwunsch stand plötzlich im Raum. Mit 26 Jahren musste ich entscheiden, ob ich meine Eizellen entnehmen und einfrieren lasse, weil die anstehende Chemo zu Unfruchtbarkeit führen konnte. Zu diesem Eingriff kam auch kurz darauf die Operation für das Port-Implantat, durch das ich meine Chemo-Infusionen bekommen musste. All das war auf einmal da, und ich wusste, nichts ist mehr so, wie es einmal war.

Dasselbe Alter, dieselbe Diagnose
Healthy Lady: Deine Mama ist damals an Brustkrebs gestorben. Was hat ihre Geschichte in dir ausgelöst, als plötzlich dieselbe Diagnose bei dir im Raum stand?
Lynda: Ich habe immer versucht, ihre Geschichte nicht eins zu eins mit meiner zu vergleichen, weil ich mein eigener Mensch bin. Aber der Schock saß tief. Ich hatte vor allem panische Angst vor der anstehenden Chemotherapie und das hatte einen sehr traurigen Grund. Meine Mutter ist damals nämlich nicht direkt am Krebs gestorben, sondern an den verheerenden Nebenwirkungen der Chemo. Ich war erst acht Jahre alt, als sie verstarb. Es war sehr hart, als kleines Mädchen ohne Mutter aufzuwachsen, das prägt einen für das ganze Leben. Als die Ärzte mir dann sagten, ich brauche eine Chemotherapie, war diese Angst aus meiner Kindheit plötzlich wieder da.
Healthy Lady: Gab es nach der Diagnose diesen einen Moment, in dem du dachtest: „Warum ich? Ich bin erst 26 Jahre alt.“?
Lynda: Nein, diesen „Warum ich?“-Gedanken hatte ich nie. Ich wusste im Grunde immer, dass so etwas im Leben jedem Menschen passieren kann. Genau deshalb bin ich ja auch jahrelang so gewissenhaft zur Vorsorge gegangen. Aber ich muss ehrlich sagen, ich war trotzdem total überrascht, dass es mich jetzt mit 26 ausgerechnet so erwischt hat, exakt im selben Alter und mit derselben Diagnose wie damals bei meiner Mutter.
Wunde Schleimhäute, Fieber, Erschöpfung: Was die Chemo mit einem Körper machen kann
Healthy Lady: Die Chemotherapie ist eine enorme körperliche Belastung. Welche Nebenwirkungen sind für dich in dieser Zeit am schwersten zu ertragen?
Lynda: Im Moment geht es mir so weit gut. Ich habe jetzt die ersten drei Chemozyklen hinter mir, aber es ist wirklich ein sehr schwerer Weg. Vor allem am Tag der Chemotherapie und in der ersten Woche danach geht es mir meistens extrem schlecht, weil mich die Nebenwirkungen voll treffen.
Ich habe schwer mit der Mukositis zu kämpfen, bei der mein ganzer Mund und die komplette Schleimhaut entzündet sind. Durch die vielen schmerzhaften Mundwunden und Aphten fällt es mir sehr schwer, überhaupt etwas zu essen oder zu trinken. Dazu kommt ein starker Brain Fog, bei dem ich einfach merke, wie mein Kopf nicht mehr richtig funktioniert und ich wie in einem Nebel gefangen bin. Phasenweise hatte ich außerdem mit sehr schlimmem Durchfall zu kämpfen, und ich bin nach den Infusionen auch das eine oder andere Mal im Krankenhaus gelandet, weil mir schlecht war und ich Fieber bekommen habe.
Aber trotz allem weiß ich, wofür ich das mache. Ich habe diesen Zyklus geschafft, also schaffe ich auch den Rest. Ab der zweiten Woche fängt mein Körper dann an, sich wieder zu erholen, und es geht mir langsam besser. Dafür bin ich extrem dankbar.
Healthy Lady: Du hast nach deiner zweiten Chemo gesagt, dass du das Gefühl hattest, der Tumor sei gar nicht mehr zu spüren. Wie ist das heute?
Lynda: Ja, das ist genau das Gefühl, das mich antreibt. Der Tumor war vor Beginn der Chemo zwei Zentimeter groß und galt wegen dieses HER2-Proteins als aggressiv und schnell wachsend. Aber ich spüre seit der zweiten Chemo tief in mir, dass er kleiner geworden ist und sich kaum noch ertasten lässt. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kombination aus Chemo und den antihormonellen Spritzen, die ich alle 28 Tage bekomme, genau das tut, was sie soll. Sie hungert den Krebs aus.

„Meine Haare definieren mich nicht“: Abschied vom Afro und dem Körper des Gymrats
Healthy Lady: Du hast deine Haare durch die Chemotherapie verloren und trägst nun eine Perücke. Was ist damals in dir vorgegangen, als du dich das erste Mal ohne Haare im Spiegel gesehen hast?
Lynda: Ich hab meine Afro-Haare wirklich sehr geliebt. Für mich waren sie auch viel mehr als nur eine Frisur. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der mein natürlicher Haartyp nicht immer als schön angesehen wurde. Und trotzdem habe ich gelernt, meinen Afro mit ganz viel Liebe und Stolz zu tragen.
Deswegen musste ich natürlich erst mal ein bisschen weinen, als ich mich zum ersten Mal ohne ihn gesehen habe. Das war nicht einfach für mich. Aber hey, sie wachsen wieder! Und mein Aussehen definiert mich nicht. Ich bin und bleibe die gleiche Lynda, mit oder ohne Afro.
Außerdem hatte ich durch die Chemo irgendwann gar nicht mehr die Kraft, mich richtig darum zu kümmern. Sie abzuschneiden war also auch eine Notwendigkeit. Natürlich vermisse ich meine Locken. Aber ich weiß, dass sie wieder wachsen können. Und bis dahin bleibe ich einfach ich selbst. Mit Perücke, ohne Perücke, ganz egal. Ich bin immer noch Lynda!
Healthy Lady: Du warst leidenschaftliche Sportlerin und hast jahrelang hart trainiert. Wie schwer war es für dich, die körperlichen Veränderungen zu akzeptieren?
Lynda: Durch die Chemotherapie habe ich sofort zwölf Kilo abgenommen. Gerade für ein „Gymrat“, das so viel Zeit und Schweiß in den Muskelaufbau gesteckt hat, ist das ein harter Schlag. Du verlierst plötzlich alles, was du dir über Jahre mühsam aufgebaut hast. Es fiel mir anfangs schwer, mich selbst wieder im Spiegel zu erkennen. Aber ich gewöhne mich Schritt für Schritt daran und bin im Herzen einfach nur unendlich dankbar, dass mein Körper das alles mitmacht und dass es mir den Umständen entsprechend gut geht.
Was bringt es, jetzt in Panik zu geraten?
Healthy Lady: Wenn man dir zuhört, beeindruckt vor allem deine Gelassenheit. Du sprichst über eine lebensbedrohliche Erkrankung mit einer Ruhe und manchmal sogar mit einem Humor, den man in deiner Situation vielleicht nicht erwarten würde. Woher nimmst du diese Kraft?
Lynda: Ich bin einfach so, wie ich bin. Die Lynda, die ihr auf Social Media seht, ist genau dieselbe wie im echten Leben. Ich bin von Natur aus ein ruhiger Mensch und mir ist eines völlig klar: Es löst sich nichts von alleine, nur weil ich gestresst bin oder mich verrückt mache. Was bringt es mir, in Panik zu geraten? Davon wird meine Situation ja nicht besser. Ich kann diesen Weg nur bewältigen, wenn ich ruhig bleibe und einen klaren Kopf behalte.
Die ersten beiden Chemozyklen haben mir viel Angst gemacht. Aber mittlerweile ist diese Angst nicht mehr da. Ich versuche einfach, mit der Situation so umzugehen, wie es für mich am besten funktioniert. Ich bin immer noch dieselbe Lynda wie vor meiner Diagnose.

Warum ein gesunder Lifestyle kein Schutzschild ist
Healthy Lady: Lynda, du hast immer sehr auf deinen Körper geachtet, dich gesund ernährt, Sport gemacht. Warum ist es dir heute so wichtig, deine Geschichte öffentlich zu machen?
Lynda: Ganz ehrlich, am Anfang wollte ich überhaupt nicht darüber sprechen. Als ich die Diagnose bekommen habe, wusste zunächst nur ein kleiner Teil meiner Familie davon. Ich war einfach noch nicht bereit, anderen zu erzählen, was mit mir los ist. Ich musste das erst mal selbst verarbeiten, akzeptieren und die Kraft finden, überhaupt zu sagen: Hey, ich habe Brustkrebs und bin jetzt in Behandlung.
Und weißt du, ich dachte wirklich, so etwas könnte nur anderen passieren. Aber nicht mir! Ich habe immer gesund gelebt, Sport gemacht, auf meine Ernährung geachtet und versucht, alles zu vermeiden, was krebserregend sein könnte. Ich dachte, wenn ich so auf meine Gesundheit achte, kann mir so etwas nicht passieren. Und dann ist es mir trotzdem passiert. Einfach nur, weil ich eine Frau bin.
Ich glaube, gerade wir jungen Frauen lassen uns oft nicht untersuchen, solange es uns gut geht. Dabei kann man sich völlig gesund fühlen und trotzdem krank sein. Mir ging es vor meiner Diagnose super! Ich hatte keine Beschwerden, aber mein Tumor war trotzdem aggressiv und ist gewachsen.
Und ganz ehrlich, ich denke manchmal, hätte ich ihn nicht frühzeitig entdeckt, wäre ich vielleicht innerhalb von zwei Jahren schon im Endstadium gewesen und hätte nur noch palliativ behandelt werden können. Wer weiß, ob ich dann überhaupt noch am Leben wäre. Das ist natürlich meine persönliche Befürchtung, aber genau deshalb bin ich so froh, dass ich mich habe untersuchen lassen.
Deshalb wollte ich mit meinen Videos eine Warnung senden. Hey, ich bin das Mädel, das immer gesund gelebt und auf sich geachtet hat. Und trotzdem hat es mich getroffen! Wer sagt denn, dass es dir nicht passieren kann? Ich möchte vor allem junge Frauen ermutigen, Veränderungen an ihrem Körper ernst zu nehmen, zum Arzt zu gehen und die angebotenen Vorsorgeuntersuchungen zu nutzen.
Mir haben so viele Mädels geschrieben, dass sie sich durch meine Videos untersuchen lassen haben. Zu wissen, dass meine Geschichte andere Frauen dazu gebracht hat, auf ihre Gesundheit zu achten, wärmt mir wirklich das Herz.
Wenn gut gemeinte Worte mehr verletzen als helfen
Healthy Lady: Gibt es etwas, das Menschen zu einer 26-jährigen Frau mit Krebs sagen, das gut gemeint ist, dich aber inzwischen einfach nur nervt oder verletzt?
Lynda: Oh ja. Wenn mir irgendwelche Leute spezielle Lebensmittel, Wundermittel oder dubiose Aufgüsse empfehlen, die den Tumor angeblich sofort töten sollen... Ich weiß natürlich, dass das von den Personen lieb gemeint ist, aber es nervt sehr. Ich habe schließlich niemanden nach Ratschlägen gefragt.
Oder noch schlimmer sind Sätze wie: „Meine Oma hatte auch Krebs und hat es geschafft – also schaffst du das auch!“ Das regt mich wirklich extrem auf. Das Thema Krebs ist so viel komplexer, als es sich in solchen platten Sprüchen anhört. Nur weil es bei jemand anderem gut ausgegangen ist, heißt das noch lange nicht, dass das automatisch für jeden so sein wird. Das schmerzhafteste Gegenbeispiel ist meine eigene Mutter. Sie hat es leider nicht geschafft.
Healthy Lady: Manche Menschen haben Angst davor, mit einer Krebspatientin über ihre Krankheit zu sprechen, weil sie unsicher sind. Wie wünschst du dir, dass die Menschen mit dir umgehen?
Lynda: Man muss wirklich keine Scheu haben, mich auf meine Krankheit anzusprechen. Ich freue mich über jede einzelne Frage und bin sehr offen dafür, mein Wissen zu teilen.
Das Einzige, was mir wirklich wichtig ist, sind Sauberkeit und Ehrlichkeit. Bitte achtet auf Hygiene und sagt mir offen, wenn ihr krank seid. Durch die Chemotherapie ist mein Immunsystem geschwächt und ich kann mir sehr schnell etwas einfangen. Und wenn ich Hilfe brauche, dann sage ich das auch ganz offen. Ansonsten könnt ihr ganz normal mit mir sprechen.
Der Blick zurück ins Bett in Togo
Healthy Lady: Wenn du heute der Lynda begegnen könntest, die damals mit ihrem Freund im Bett in Togo lag und sagte: „Alles gut, Frauen haben immer irgendwas in der Brust“ – was würdest du ihr heute sagen?
Lynda: Um ehrlich zu sein... eigentlich gar nichts. Denn im Grunde hat ja gestimmt, was ich damals gesagt habe. Man muss nicht sofort in Panik verfallen und sich verrückt machen. Aber das Wichtigste war ja, dass ich trotz allem den Entschluss gefasst hatte, mich direkt nach dem Urlaub gründlich von meinem Gynäkologen untersuchen zu lassen. Von daher würde ich ihr heute einfach liebevoll auf die Schulter klopfen und sagen: „Gut gemacht, Lynda.“
Hinweis für Betroffene: Diagnose Brustkrebs – wo finde ich Hilfe? Wenn du selbst von Brustkrebs betroffen bist oder Fragen hast, findest du Unterstützung und Beratungsangebote zum Beispiel beim Krebsinformationsdienst (KID) unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 / 420 30 40 oder online unter krebsinformationsdienst.de. Spezielle Anlaufstellen und Netzwerke für junge Frauen mit Krebs bietet zudem der Verein Brustkrebs Deutschland e.V. oder Junge Erwachsene mit Krebs e.V.

