Der „Nice Girl“ Effekt: Wenn du für Harmonie deine eigenen Grenzen übergehst
Du sagst Ja und ärgerst dich zehn Minuten später darüber. Eine Bemerkung verletzt dich, aber du sprichst sie nicht an, weil du keine Diskussion willst. Rücksicht zu nehmen gehört zu jeder Beziehung. Schwierig wird es, wenn daraus ein Muster entsteht und die eigenen Bedürfnisse regelmäßig verschwinden, damit die Stimmung gut bleibt.
Gerade Frauen können mit der Erwartung konfrontiert sein, verständnisvoll und kompromissbereit zu sein. Was passiert, wenn Harmonie immer wieder bedeutet, selbst nachzugeben?
Der „Nice Girl“ Effekt ist keine psychologische Diagnose und auch kein wissenschaftlicher Fachbegriff. Das Verhalten dahinter ist dennoch Gegenstand psychologischer Forschung. Ein wichtiges Konzept dabei heißt Self Silencing.
Wenn du lieber schweigst
Self Silencing beschreibt ein Muster, bei dem Menschen eigene Gedanken und Gefühle zurückhalten, um Konflikte zu vermeiden oder eine Beziehung zu schützen. Das Konzept wurde Anfang der 1990er Jahre von der Psychologin Dana Crowley Jack entwickelt. Gemeinsam mit Diana Dill entwickelte sie die sogenannte Silencing the Self Scale, mit der entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen untersucht werden können.
Quelle: Jack & Dill, Psychology of Women Quarterly, „The Silencing the Self Scale. Schemas of Intimacy Associated With Depression in Women“, 1992
Wie sich dieses Verhalten innerhalb einer Beziehung zeigen kann, untersuchten Melinda Harper und Deborah Welsh bei 211 jugendlichen Paaren. Menschen mit stärkerem Self Silencing berichteten häufiger davon, in Konflikten nachzugeben und schlechter mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zu kommunizieren. Auch auf der anderen Seite blieb das nicht unbemerkt. Die jeweiligen Partner berichteten über mehr Frustration und Unbehagen in der gemeinsamen Interaktion. Interessant daran ist, dass Schweigen einen Konflikt kurzfristig verhindern kann, das eigentliche Problem damit aber nicht unbedingt verschwindet.
Quelle: Harper & Welsh, Journal of Social and Personal Relationships, „Keeping Quiet. Self Silencing and Its Association With Relational and Individual Functioning Among Adolescent Romantic Couples“, 2007
Auch das Unterdrücken von Gefühlen wurde in Paarbeziehungen untersucht. Emily Impett und ihr Forschungsteam beschäftigten sich damit, was passiert, wenn Menschen für ihre Beziehung persönliche Opfer bringen und dabei ihre Emotionen zurückhalten. Stärkere emotionale Unterdrückung war mit emotionalen und partnerschaftlichen Kosten verbunden. In einem Teil der Untersuchung sagte sie drei Monate später außerdem eine geringere Beziehungszufriedenheit und mehr Trennungsgedanken voraus.
Das bedeutet nicht, dass jedes unausgesprochene Nein einer Beziehung schadet. Die Studien zeigen vielmehr, dass ständige Anpassung nicht automatisch der friedlichere Weg ist.
Quelle: Impett et al., Personality and Social Psychology Bulletin, „Suppression Sours Sacrifice. Emotional and Relational Costs of Suppressing Emotions in Romantic Relationships“, 2012
Warum ein Nein so schwerfallen kann
Manchmal ist die Bitte gar nicht das Problem. Unangenehm ist die Vorstellung davon, was nach einem Nein passieren könnte. Ist die andere Person enttäuscht? Entsteht Streit? Wirke ich egoistisch?
Beim Self Silencing spielt genau diese Beziehungsebene eine Rolle. Eigene Wünsche werden zurückgestellt, wenn ihre Äußerung als Gefahr für die Beziehung empfunden wird. Das ursprüngliche Konzept entstand vor dem Hintergrund weiblicher Beziehungserfahrungen und berücksichtigt auch gesellschaftliche Vorstellungen darüber, welche Rolle Frauen in Beziehungen einnehmen.
Eine einfache Erklärung für jedes vorschnelle Ja gibt es trotzdem nicht. Wer schlecht Nein sagen kann, hat nicht automatisch ein Trauma oder eine Bindungsstörung. Aus diesem Verhalten allein lässt sich eine solche Diagnose nicht ableiten.
Quelle: Jack & Dill, Psychology of Women Quarterly, „The Silencing the Self Scale. Schemas of Intimacy Associated With Depression in Women“, 1992
Wenn aus Anpassung Frust wird
Du übernimmst etwas, obwohl du eigentlich keine Zeit hast. Dein Gegenüber freut sich und bei dir bleibt das Gefühl, schon wieder zurückgesteckt zu haben.
Das Problem dabei ist, dass die andere Person möglicherweise gar nicht weiß, dass dein Ja eigentlich ein Nein war.
Wie daraus Frust entstehen kann, zeigt ein Experiment mit einem simulierten Online Dating Szenario. Die Teilnehmenden konnten ihre eigenen Vorlieben und Meinungen gegenüber einem vermeintlichen potenziellen Date zurückhalten. Anschließend wurden sie von dieser Person zurückgewiesen.
Bei den Frauen zeigte sich ein Zusammenhang. Je stärker sie sich zuvor gegenüber diesem potenziellen Partner selbst zurückgenommen hatten, desto mehr Feindseligkeit berichteten sie nach der Zurückweisung. Bei den Männern zeigte sich dieser Zusammenhang in diesem Experiment nicht.
Die Untersuchung lässt sich nicht auf jede Beziehung übertragen. Sie zeigt aber, dass starke Anpassung einen Preis haben kann, wenn dahinter die Hoffnung steht, vom Gegenüber akzeptiert zu werden.
Quelle: Romero Canyas et al., Journal of Experimental Social Psychology, „After All I Have Done For You. Self Silencing Accommodations Fuel Women's Post Rejection Hostility“, 2013
Grenzen müssen nicht hart klingen
Grenzen werden schnell mit Konfrontation verwechselt. Dabei kann ein Nein vollkommen unspektakulär sein. Wenn du eine Einladung nicht annehmen möchtest, brauchst du keine lange Rechtfertigung. Ein „Heute schaffe ich es nicht“ reicht. Bist du dir noch nicht sicher, musst du auch nicht sofort entscheiden. „Ich schaue, ob es für mich passt, und melde mich später“ nimmt den Druck aus dem Moment.
Auch in Beziehungen muss nicht jede Irritation heruntergeschluckt werden. Wenn dich etwas beschäftigt, kannst du es ansprechen, bevor sich über Wochen Ärger ansammelt. Entscheidend ist nicht, besonders hart aufzutreten, sondern überhaupt sichtbar zu machen, was für dich nicht passt.
Wer lange fast immer Ja gesagt hat und plötzlich häufiger Nein sagt, verändert eine eingespielte Dynamik. Dass andere darauf zunächst irritiert reagieren, macht sie nicht automatisch zu toxischen Menschen. Wichtiger ist, was danach passiert. Wird dein Nein akzeptiert oder entsteht immer wieder Druck, sobald du nicht mitmachst?
Bevor du wieder automatisch Ja sagst
Wenn du dich nach einer Zusage häufig fragst, warum du eigentlich schon wieder Ja gesagt hast, lohnt es sich, die Entscheidung für einen Moment aufzuschieben.
Frag dich, ob du tatsächlich zusagen möchtest. Wenn du unsicher bist, stell dir die Situation ohne die mögliche Enttäuschung des anderen vor. Würdest du dich dann genauso entscheiden?
Auch dein Ärger nach einer Zusage kann ein Hinweis sein. Wenn du regelmäßig sofort Ja sagst und dich kurze Zeit später darüber ärgerst, kannst du beim nächsten Mal genau an dieser Stelle ansetzen und dir vor der Antwort etwas Zeit nehmen.
Das löst kein tief verankertes Verhaltensmuster über Nacht. Es verhindert aber, dass jede Bitte automatisch mit einer Zusage endet.
Nett sein heißt nicht immer Ja sagen
Natürlich gehören Kompromisse zu Beziehungen. Wir tun Dinge für Menschen, die uns wichtig sind, obwohl wir selbst manchmal lieber etwas anderes gemacht hätten. Das ist keine Selbstaufgabe.
Problematisch wird es, wenn die eigenen Wünsche regelmäßig weniger zählen und ein Nein kaum noch möglich scheint.
Rücksicht funktioniert nicht nur in eine Richtung. Und manchmal ist ein ehrliches Nein fairer als ein Ja, hinter dem längst Ärger steckt.
