Liwia Tokoda

Leidenschaftliche Journalistin ✨ Chefredakteurin eines Frauenmagazins 📝 TV-Redakteurin bei Deutschlands Top-Sendern 📺 Überglückliche Mama ❤️

Lachs-DNA fürs Gesicht? Was wirklich hinter dem PDRN-Hype steckt

Hyaluron, Retinol, Peptide und jetzt … Lachs-DNA? Wenn du dich gerade durch neue Seren und koreanische Beauty-Trends scrollst, ist dir die Abkürzung PDRN wahrscheinlich schon begegnet. Der Wirkstoff wird in der Beauty-Welt mit großen Versprechen beworben. Glattere Haut, weniger Fältchen, bessere Regeneration und ein frischerer Teint sollen möglich sein. Das klingt beeindruckend, aber kann ein PDRN-Serum wirklich all das leisten?

Die Forschung ist tatsächlich spannend. Gleichzeitig gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem, was über PDRN unter kontrollierten medizinischen Bedingungen untersucht wurde, und dem, was du dir als Serum zu Hause ins Gesicht streichst. Genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.


Was ist PDRN überhaupt?

PDRN steht für Polydeoxyribonukleotid. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um gereinigte DNA-Fragmente. In der ästhetischen Medizin und Hautforschung werden PDRN und verwandte Polynukleotide schon länger untersucht, unter anderem im Zusammenhang mit Wundheilung und Hautregeneration. Viele der verwendeten Präparate werden aus DNA von Lachs- oder Forellenarten gewonnen. 

Daher kommt auch der aufmerksamkeitsstarke Begriff „Lachs-DNA“. Der klingt allerdings spektakulärer, als es die Sache tatsächlich ist. In einem PDRN-Produkt steckt nicht einfach unbehandelte Fisch-DNA, sondern entsprechend aufbereitetes Ausgangsmaterial.

Und noch etwas ist wichtig. Nicht jedes Produkt, auf dem „PDRN“ oder „Polynukleotide“ steht, ist automatisch mit den Präparaten vergleichbar, die in klinischen Studien untersucht wurden.

GUT ZU WISSEN:
PDRN und Polynukleotide, kurz PN, sind nicht einfach zwei Namen für exakt dasselbe Produkt. In der Forschung werden beide Gruppen untersucht, die verwendeten Präparate können sich jedoch unter anderem in ihren molekularen Eigenschaften unterscheiden. Deshalb solltest du Studien zu einem bestimmten PN- oder PDRN-Präparat nicht automatisch auf jedes Beauty-Serum übertragen. 


Was kann PDRN für die Haut tatsächlich leisten?

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit wertete randomisierte klinische Studien zu PDRN und Polynukleotiden für Hautverjüngung, Narbenprävention und Wundheilung aus. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf positive Effekte. Besonders konsistent waren die Resultate im Bereich der Wundheilung. 

Das klingt zunächst ziemlich überzeugend. Dann kommt allerdings die Zahl, die du kennen solltest.

In die Übersichtsarbeit gingen lediglich sieben randomisierte Studien mit insgesamt 183 Teilnehmenden ein. Vier beschäftigten sich mit Hautverjüngung, eine mit Narbenprävention und zwei mit Wundheilung. Zudem unterschieden sich Präparate, Anwendungen und Messmethoden teilweise deutlich voneinander. Die Autoren fordern deshalb größere und methodisch robuste Studien. 

PDRN ist also kein Beauty-Märchen. Aber wir haben momentan auch noch keine wissenschaftliche Grundlage dafür, jedes PDRN-Serum zum Anti-Aging-Wundermittel zu erklären.


Funktioniert PDRN überhaupt als Creme oder Serum?

Das ist wahrscheinlich die spannendste Frage für deinen Badezimmerschrank.

Denn ein Wirkstoff, der injiziert oder medizinisch eingesetzt wird, muss als Creme auf der Haut nicht automatisch dasselbe bewirken. Bei topischen Produkten spielen unter anderem die konkrete Formulierung und die Eigenschaften des verwendeten PDRN eine Rolle.

Genau hierzu erschien im Juli 2026 eine interessante Studie. Forschende untersuchten ein bestimmtes mittelgroßes PDRN-Präparat mit der Bezeichnung PDRN-850K. In verschiedenen Modellen fanden sie Hinweise darauf, dass PDRN-assoziierte Signale bis in vitale Bereiche der Epidermis gelangen können. 

Besonders interessant war der klinische Teil der Untersuchung. In einer randomisierten, doppelblinden Split-Face-Studie verwendeten 31 Teilnehmende über 28 Tage auf einer Gesichtshälfte eine Augencreme mit 0,1 Prozent PDRN-850K und auf der anderen eine Creme mit 0,1 Prozent Retinol. Das untersuchte PDRN-Produkt erzielte bei mehreren gemessenen Parametern rund um die Augen stärkere kurzfristige Verbesserungen als die Retinol-Vergleichscreme. 

Das ist bemerkenswert. Es bedeutet aber nicht, dass dein PDRN-Serum zu Hause automatisch genauso wirkt.

Untersucht wurde eine ganz bestimmte Formulierung über einen relativ kurzen Zeitraum. Die Ergebnisse lassen sich deshalb weder auf sämtliche PDRN-Produkte übertragen noch beweisen sie, dass PDRN generell besser als Retinol ist.


PDRN oder Retinol?

Wenn du jetzt überlegst, dein Retinol auszusortieren, würde ich damit noch warten.

Retinoide besitzen eine wesentlich länger etablierte Forschungsgeschichte in der Dermatologie. PDRN ist als topischer Beauty-Wirkstoff dagegen noch vergleichsweise jung.

Die neue Studie macht PDRN gerade deshalb so interessant. Zum ersten Mal gibt es vielversprechende aktuelle Daten zu einer konkreten topischen Formulierung. Was jetzt fehlt, sind weitere unabhängige Studien mit mehr Teilnehmenden, längeren Beobachtungszeiträumen und unterschiedlichen Formulierungen. Die gesamte randomisierte Evidenz zu PDRN und PN ist bislang noch überschaubar. 

„Vielversprechend“ und „bewiesen“ sind eben zwei unterschiedliche Dinge.


Worauf solltest du beim Kauf eines PDRN-Serums achten?

Lass dich zunächst nicht allein von einer großen PDRN-Zahl auf der Verpackung überzeugen. Schau dir das gesamte Produkt an. Welche Inhaltsstoffe sind noch enthalten? Ist angegeben, welche Form von PDRN verwendet wird? Und vor allem, was verspricht der Hersteller tatsächlich?

Ein weiterer praktischer Punkt wird oft vergessen. Wenn deine neue PDRN-Creme deine Haut plötzlich praller und gepflegter wirken lässt, muss dieser Effekt nicht ausschließlich vom PDRN stammen. In einer fertigen Formulierung können beispielsweise auch Feuchthaltemittel und andere pflegende Inhaltsstoffe zum Hautgefühl beitragen.

DEIN TIPP:
Möchtest du PDRN ausprobieren, ändere nicht gleichzeitig deine komplette Hautpflege. Führe ein neues Produkt einzeln ein und verwende es entsprechend den Herstellerangaben. So kannst du wesentlich besser beurteilen, ob deine Haut es verträgt und ob du überhaupt einen Unterschied bemerkst.


Ist PDRN also den Hype wert?

Interessant? Definitiv. Revolutionär? Dafür ist es noch zu früh.

PDRN gehört zu den Beauty-Wirkstoffen, bei denen hinter dem Social-Media-Hype tatsächlich wissenschaftliche Forschung steht. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt Potenzial für verschiedene dermatologische Anwendungen, und die neue Studie zur topischen Anwendung liefert spannende erste klinische Ergebnisse. Gleichzeitig ist die Studienlage noch klein und sehr unterschiedliche PDRN- und PN-Anwendungen werden unter einem großen Trendbegriff zusammengefasst. 

Du musst dein Retinol also nicht in den Müll werfen und auch nicht sofort das teuerste PDRN-Serum bestellen.

Aber wenn du Beauty-Trends gerne mit etwas Abstand beobachtest, darfst du dir PDRN definitiv merken. Diesmal steckt hinter dem Hype zumindest eine Forschungsfrage, deren nächste Antworten ziemlich interessant werden könnten.


Quellen und weiterführende Informationen

Systematic Review 2026 zu PDRN und Polynukleotiden in Hautverjüngung, Narbenprävention und Wundheilung
PLOS ONE 2026, Studie zu topischem PDRN-850K bei lichtgeschädigter Haut
PubMed, Topical medium-length PDRN in photodamaged skin
Dermatologic Surgery 2026, Systematic Review zu PN und PDRN in der Dermatologie

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle dermatologische Beratung oder Behandlung.

Große Poren trotz guter Pflege? Darauf kommt es bei deiner Haut an

Du stehst morgens vor dem Spiegel und plötzlich fallen sie dir wieder auf. Die Poren auf deiner Nase wirken größer als sonst, auf den Wangen ist die Hautstruktur deutlicher zu sehen und unter Make-up scheint das Ganze manchmal sogar noch stärker aufzufallen. Also doch ein „Pore Minimizing“-Serum kaufen?

Bevor du dein Badezimmer um das nächste Produkt erweiterst, gibt es eine wichtige Sache zu wissen: Poren gehören zu deiner Haut und lassen sich nicht einfach dauerhaft wegcremen oder „schließen“. Wie deutlich sie sichtbar sind, kannst du mit der richtigen Hautpflege aber durchaus beeinflussen.

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Warum wirken manche Poren größer als andere?

Wie sichtbar deine Poren sind, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem deine genetische Veranlagung, die Talgproduktion und die Beschaffenheit deiner Haut. Auch mit zunehmendem Alter können Poren auffälliger erscheinen, wenn die Haut an Festigkeit und Elastizität verliert. UV-bedingte Hautschäden können diesen Effekt zusätzlich begünstigen.

Wenn du also schon seit deiner Jugend deutlich sichtbare Poren hast, bedeutet das nicht, dass du deine Haut falsch gepflegt hast. Ein Teil davon ist schlicht Veranlagung.

GUT ZU WISSEN:
Kannst du Poren wirklich verkleinern?
Ihre anatomische Größe lässt sich mit Kosmetik nicht beliebig verändern. Mit einer passenden Hautpflege kannst du aber beeinflussen, wie auffällig sie erscheinen. Das ist ein wesentlich realistischeres Beauty-Ziel als vollkommen „porenlose“ Haut.


Reinige deine Haut gründlich, aber sanft

Wenn sich Talg und abgestorbene Hautzellen im Bereich der Poren ansammeln, können diese stärker auffallen. Das bedeutet allerdings nicht, dass du deine Haut kräftig schrubben solltest.

Die American Academy of Dermatology empfiehlt eine sanfte Reinigung. Starkes Reiben und aggressive Pflege können die Haut reizen und Poren dadurch sogar auffälliger erscheinen lassen.

Für deinen Alltag bedeutet das: Verwende einen milden Reiniger, massiere ihn vorsichtig mit den Fingerspitzen ein und wasche dein Gesicht mit lauwarmem Wasser. Deine Haut muss sich danach nicht „quietschsauber“ anfühlen.


Bei verstopften Poren kann Salicylsäure interessant sein

Wenn du neben sichtbaren Poren auch zu fettiger Haut oder Mitessern neigst, kann Salicylsäure ein sinnvoller Wirkstoff sein.

Salicylsäure kann dabei helfen, abgestorbene Hautzellen zu lösen und verstopfte Poren zu reduzieren. Die AAD nennt salicylsäurehaltige Produkte deshalb ausdrücklich als eine mögliche Option bei sichtbaren Poren. Allerdings kann der Wirkstoff die Haut bei manchen Menschen austrocknen oder reizen.

Du musst also nicht morgens und abends mehrere Säureprodukte übereinanderschichten. Starte lieber vorsichtig und beobachte, wie deine Haut reagiert.


Retinol kann auch bei sichtbaren Poren interessant sein

Retinol wird meistens mit Anti-Aging verbunden. Der Wirkstoff kann aber auch interessant sein, wenn fettige Haut, leichte Akne oder nachlassende Hautfestigkeit dazu beitragen, dass deine Poren deutlicher erscheinen.

Die AAD nennt Retinol in diesen Fällen als mögliche Option. Allerdings können Retinol und andere Retinoide besonders zu Beginn Trockenheit und Hautreizungen verursachen.

Wenn du bereits Säuren verwendest und zusätzlich Retinol ausprobieren möchtest, führe nicht gleichzeitig mehrere neue Wirkstoffe ein. So kannst du viel besser beurteilen, was deine Haut tatsächlich verträgt.

Wichtig: Während einer Schwangerschaft solltest du Retinoide nicht verwenden. Wenn du schwanger bist oder eine Schwangerschaft planst, besprich deine Hautpflege und mögliche Aknebehandlungen am besten mit deiner Hautärztin oder deinem Hautarzt.


Sonnenschutz gehört auch bei Poren zur Routine

Sonnenschutz klingt vielleicht nicht nach dem spektakulärsten Poren-Trick. Langfristig ist er aber wesentlich sinnvoller als viele vermeintliche Wundermittel.

UV-Strahlung trägt zur vorzeitigen Hautalterung bei. Verliert deine Haut an Festigkeit, können Poren stärker auffallen. Die AAD empfiehlt deshalb auch bei sichtbaren Poren täglich einen Breitband-Sonnenschutz mit mindestens SPF 30.

Wenn du also nur einen zusätzlichen Schritt konsequent in deine Morgenroutine integrieren möchtest, ist Sonnenschutz eine gute Wahl.

DEIN TIPP:
Fotografiere deine Haut bei natürlichem Tageslicht, bevor du deine Pflegeroutine veränderst. Bleib anschließend einige Wochen bei einer überschaubaren Routine und mach unter ähnlichen Lichtbedingungen ein neues Foto. So kannst du Veränderungen realistischer beurteilen, statt deine Haut jeden Morgen aus zehn Zentimetern Entfernung im Vergrößerungsspiegel zu analysieren.


Lass deine Mitesser möglichst in Ruhe

Es ist verlockend. Du entdeckst einen dunklen Punkt auf deiner Nase und schon drücken zwei Finger daran herum.

Drück Mitesser möglichst nicht selbst aus. Durch das Quetschen kann Material tiefer in die Haut gedrückt werden, Entzündungen können sich verstärken und das Risiko für Infektionen oder Narben kann steigen.

Wenn du viele Mitesser oder zusätzlich entzündliche Hautveränderungen hast, ist eine dermatologische Beratung sinnvoller als regelmäßiges Ausdrücken vor dem Badezimmerspiegel.


Und was ist mit kaltem Wasser und heißem Dampf?

Der Mythos hält sich hartnäckig: Heißes Wasser „öffnet“ die Poren, kaltes Wasser „schließt“ sie anschließend wieder.

So funktionieren Poren nicht.

Kaltes Wasser kann sich angenehm anfühlen, lässt deine Poren aber nicht dauerhaft verschwinden. Sehr heißes Wasser kann deine Haut dagegen reizen. Für die tägliche Gesichtsreinigung ist lauwarmes Wasser die bessere Wahl.

Und vielleicht ist das der Beauty-Tipp, den wir zwischen Filtern und makellosen Social-Media-Gesichtern viel zu selten hören: Du brauchst keine porenlose Haut.

Haut hat Struktur. Das ist normal. Eine gute Pflegeroutine muss dein Gesicht deshalb nicht möglichst glatt aussehen lassen, sondern sollte zu deinem Hauttyp passen, gut verträglich sein und deine Haut gesund halten.


Quellen und weiterführende Informationen

American Academy of Dermatology, What can treat large facial pores?
American Academy of Dermatology, Pregnancy and skin care
American Academy of Dermatology, Acne and the risk of scarring
DermNet, Enlarged pores


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle dermatologische Beratung oder Behandlung.

Deine Haut spannt nach dem Waschen? Was deine Hautbarriere jetzt wirklich braucht

Du reinigst dein Gesicht, trägst deine Pflege auf und trotzdem fühlt sich deine Haut plötzlich trocken, rau oder unangenehm gespannt an. Vielleicht brennt sogar die Creme, die du bisher problemlos vertragen hast. Der erste Impuls ist oft, noch ein Serum, eine reichhaltigere Maske oder ein neues „Barrier Repair“-Produkt zu kaufen. Dabei kann gerade jetzt weniger mehr sein.

Denn hinter trockener und empfindlicher Haut kann eine beeinträchtigte Hautbarriere stecken. Sie ist keine Beauty-Erfindung aus den sozialen Medien, sondern erfüllt eine wichtige Aufgabe. Die äußerste Hautschicht hilft dabei, Wasser in der Haut zu halten und sie gegenüber äußeren Einflüssen zu schützen. Wird diese Schutzfunktion beeinträchtigt, kann die Haut schneller Feuchtigkeit verlieren und empfindlicher reagieren. 

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Woran merkst du, dass deine Haut gerade überfordert ist?

Trockene Haut kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Typisch sind Spannungsgefühl, raue oder schuppige Stellen und Juckreiz. Bei ausgeprägter Trockenheit können auch Rötungen, Brennen oder kleine Risse auftreten. 

Das bedeutet aber nicht, dass hinter jedem Pickel oder jeder Rötung automatisch eine „kaputte Hautbarriere“ steckt. Hautveränderungen können viele Ursachen haben. Gerade wenn Beschwerden anhalten, stärker werden oder immer wiederkehren, sollte nicht nur die Pflegeroutine betrachtet werden.


1. Du reinigst deine Haut zu aggressiv

Dieses Gefühl von „quietschsauber“ nach der Reinigung klingt zunächst nach besonders gründlicher Pflege. Für trockene oder empfindliche Haut ist es aber nicht unbedingt ein gutes Zeichen.

Aggressive Seifen und Reinigungsprodukte können Fette von der Haut entfernen und Trockenheit verstärken. Dermatologinnen und Dermatologen empfehlen bei trockener Haut deshalb milde Reinigungsprodukte und möglichst parfümfreie Pflege. 

Du musst deine Haut nach der Reinigung also nicht spüren können. Wenn sie regelmäßig spannt, lohnt sich ein Blick auf deinen Cleanser.

2. Dein Wasser ist zu heiß

Eine lange heiße Dusche kann wunderbar entspannend sein. Deine trockene Haut ist davon allerdings möglicherweise weniger begeistert.

Die American Academy of Dermatology empfiehlt bei trockener Haut warmes statt heißes Wasser und eher kurze Duschen oder Bäder von etwa fünf bis zehn Minuten. Zu langes und heißes Duschen kann die Trockenheit verstärken. 

Das gilt nicht nur für dein Gesicht. Auch trockene Haut an Beinen, Armen und Händen kann von einer sanfteren Routine profitieren.

GUT ZU WISSEN:
Wann ist der beste Zeitpunkt für deine Creme?
Direkt nach dem Waschen oder Duschen, wenn deine Haut noch etwas feucht ist. Eine Feuchtigkeitspflege hilft dabei, Wasser in der Haut zu halten.
 

3. Du peelst trockene Haut einfach weg

Die kleinen Hautschüppchen stören und schon greifst du zum Peeling. Verständlich, aber nicht immer die beste Idee.

Gerade bei trockener, gereizter Haut kann zusätzliches Peelen die Haut weiter irritieren. Die American Academy of Dermatology rät bei trockener, schuppender Haut dazu, nicht reflexartig zu exfolieren, sondern die Haut zunächst konsequent mit Feuchtigkeitspflege zu unterstützen. 

Wenn deine Haut plötzlich empfindlich geworden ist, kannst du deshalb überprüfen, wie viele Peelings und aktive Wirkstoffe sich inzwischen in deinem Badezimmer angesammelt haben.

4. Du verwendest zu viele Wirkstoffe gleichzeitig

Retinoide, Säuren und andere aktive Wirkstoffe können in einer gut abgestimmten Hautpflege durchaus ihren Platz haben. Mehr Wirkstoffe bedeuten aber nicht automatisch bessere Haut.

Besonders wenn deine Haut bereits trocken und gereizt ist, können bestimmte aktive Produkte die Beschwerden zusätzlich verstärken. Die AAD empfiehlt bei sehr trockener Haut unter anderem, Retinoide vorübergehend zu meiden. Auch bei Peelings ist bei trockener Haut Zurückhaltung sinnvoll. 

Statt fünf neue Produkte gleichzeitig auszuprobieren, kann eine überschaubare Routine sinnvoller sein. So lässt sich außerdem viel leichter erkennen, welches Produkt deine Haut tatsächlich verträgt.

5. Deine Creme passt gerade nicht zu deiner Haut

Nicht jede trockene Haut braucht dieselbe Pflege. Bei stärkerer Trockenheit können Cremes oder Salben mehr Feuchtigkeit in der Haut halten als leichte Lotionen. Inhaltsstoffe wie Glycerin, Ceramide oder Hyaluronsäure finden sich häufig in Feuchtigkeitspflege und können bei trockener Haut sinnvoll sein. 

Bei empfindlicher Haut lohnt es sich außerdem, auf parfümfreie Produkte zu achten. Wichtig ist die kleine sprachliche Falle auf Verpackungen: „parfümfrei“ beziehungsweise „fragrance-free“ ist nicht zwangsläufig dasselbe wie lediglich „duftneutral“ oder „unscented“. Produkte ohne wahrnehmbaren Duft können trotzdem Duftstoffe oder Stoffe zur Maskierung von Gerüchen enthalten. 

DEIN TIPP:
Wenn deine Haut gerade ungewöhnlich empfindlich reagiert, mach deine Routine zunächst übersichtlich: milde Reinigung, eine gut verträgliche Feuchtigkeitspflege und tagsüber geeigneter Sonnenschutz. Führe neue Produkte anschließend lieber einzeln ein, statt deine gesamte Routine gleichzeitig auszutauschen.


Wann solltest du deine Haut dermatologisch abklären lassen?

Nicht jede trockene Haut braucht einen Arzttermin. Wenn sie sich trotz angepasster Pflege aber nicht bessert, stark juckt, schmerzt, brennt, einreißt, blutet oder sich ein Ausschlag entwickelt, solltest du sie dermatologisch untersuchen lassen. Hinter ausgeprägter trockener Haut können beispielsweise auch Hauterkrankungen wie eine atopische Dermatitis oder Psoriasis stecken. 

Und vielleicht ist das die wichtigste Beauty-Regel für Tage, an denen deine Haut scheinbar gar nichts mehr verträgt: Du musst sie nicht mit immer mehr Produkten überzeugen. Manchmal braucht gute Hautpflege vor allem eine einfachere Routine.


Quellen und weiterführende Informationen

American Academy of Dermatology, Tipps bei trockener Haut
American Academy of Dermatology, Feuchtigkeitspflege auswählen
DermNet, Emollients and Moisturisers
NHS, Emollients


Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle dermatologische Diagnose oder Behandlung.

Fatigue bei MS: Wenn selbst Schlaf die Erschöpfung nicht verschwinden lässt

Du hast eigentlich genug geschlafen und wachst trotzdem auf, als wäre dein Akku schon halb leer. Duschen, einkaufen, arbeiten, eine Freundin treffen. Dinge, über die du früher kaum nachgedacht hast, können plötzlich erstaunlich viel Kraft kosten.

Natürlich kennen wir alle Tage, an denen wir erschöpft sind. Fatigue bei Multipler Sklerose ist jedoch etwas anderes als die gewöhnliche Müdigkeit nach einer kurzen Nacht oder einem anstrengenden Tag. Sie kann sich körperlich und geistig bemerkbar machen und den Alltag erheblich beeinflussen. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft beschreibt Fatigue als häufiges Symptom der MS, das sich deutlich von normaler Müdigkeit unterscheidet. 

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Fatigue ist mehr als einfach nur müde sein

Bei MS kann Fatigue bedeuten, dass deine Energie im Laufe des Tages deutlich nachlässt oder körperliche und geistige Tätigkeiten ungewöhnlich anstrengend werden. Auch Konzentration und Leistungsfähigkeit können darunter leiden. Bei manchen Betroffenen verstärkt Wärme die Beschwerden zusätzlich. Das Schwierige daran ist, dass man Fatigue einem Menschen häufig nicht ansieht.

Du kannst morgens beim Bäcker stehen, dich mit einer Freundin unterhalten oder auf einem Foto vollkommen fit wirken. Niemand sieht dabei, wie viel Kraft dich dieser Moment möglicherweise kostet oder ob du danach erst einmal eine Pause brauchst.

Genau deshalb kann Fatigue auch im persönlichen und beruflichen Umfeld schwer zu vermitteln sein. Die Erschöpfung ist real, auch wenn sie von außen nicht sichtbar ist.


GUT ZU WISSEN:
Fatigue und ME/CFS sind nicht dasselbe. Fatigue kann als Symptom verschiedener Erkrankungen auftreten, darunter Multiple Sklerose. ME/CFS ist dagegen ein eigenständiges komplexes Krankheitsbild. Charakteristisch ist unter anderem, dass sich die Beschwerden nach körperlicher oder geistiger Belastung deutlich verschlechtern können. Dieses Phänomen wird als post-exertionelle Malaise, kurz PEM, bezeichnet. Bewegungsempfehlungen für MS-bedingte Fatigue lassen sich deshalb nicht einfach auf ME/CFS übertragen.
 


Ist immer die MS schuld?

Nein. Und genau deshalb lohnt sich eine gründliche Abklärung. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, bei Menschen mit MS nicht automatisch davon auszugehen, dass eine bestehende Fatigue durch die MS verursacht wird. Auch Schlafprobleme, Schmerzen, Medikamentennebenwirkungen, Infektionen, eine Anämie oder Schilddrüsenfunktionsstörung sowie Angst und Depression können zu Erschöpfung beitragen. 

Wenn du dich seit einiger Zeit ungewöhnlich erschöpft fühlst, solltest du das deshalb nicht einfach als Stress oder unvermeidlichen Teil deiner MS hinnehmen. Sprich darüber mit deiner Neurologin oder deiner Hausarztpraxis.


Wie wird Fatigue festgestellt?

Es gibt nicht den einen Blutwert, der Fatigue eindeutig nachweist.

Wichtig ist vor allem, wie sich deine Erschöpfung bemerkbar macht und wie stark sie deinen Alltag beeinflusst. Die NICE-Leitlinie empfiehlt, Menschen mit MS gezielt nach Fatigue, plötzlich auftretender Müdigkeit und Veränderungen ihres Energieniveaus zu fragen, wenn diese den Alltag beeinträchtigen. Gleichzeitig sollten andere mögliche Ursachen untersucht werden. 

Dabei kannst du selbst etwas beitragen. Führe für einige Tage ein kleines Energie-Tagebuch. Wann bist du besonders erschöpft? Was hast du vorher gemacht? Wie hast du geschlafen? Spielt Wärme eine Rolle? Und welche Aktivitäten waren danach noch möglich?

So musst du beim nächsten Arzttermin nicht versuchen, die vergangenen Wochen aus dem Gedächtnis zusammenzufassen.


Was kann dir bei MS-bedingter Fatigue helfen?

Es gibt nicht die eine Strategie, die bei jeder Frau funktioniert. Vielmehr sollte gemeinsam geschaut werden, was deine Energie kostet und was dir persönlich hilft, besser mit ihr umzugehen.

Die NICE-Leitlinie empfiehlt ein individuelles Fatigue-Management. Dazu können das Festlegen von Prioritäten, ein bewusster Umgang mit der vorhandenen Energie sowie die Betrachtung von Bewegung, Ernährung und Stressmanagement gehören. 

Auch Bewegung muss bei MS-bedingter Fatigue nicht grundsätzlich vermieden werden. Die Leitlinie nennt individuell angepasste Programme mit Ausdauer-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen als mögliche Ansätze. Auch Yoga oder Pilates können infrage kommen. Entscheidend ist nicht, irgendeinen Trainingsplan durchzuziehen, sondern eine Belastung zu finden, die zu deiner persönlichen gesundheitlichen Situation passt. 

Eine spezielle Ernährung, die MS-Fatigue nachweislich beseitigt, gibt es dagegen nicht. NICE rät ausdrücklich davon ab, eine bestimmte Diät allein zur Behandlung von Fatigue zu empfehlen. 

DEIN TIPP:
Plane einen guten Tag nicht automatisch komplett voll. Überlege morgens, welche zwei oder drei Dinge heute wirklich wichtig sind und was notfalls warten kann. Auch bewusst eingeplante Pausen können Teil deines Tages sein und müssen nicht erst dann stattfinden, wenn gar nichts mehr geht. Die DMSG nennt regelmäßige Ruhepausen als eine mögliche Strategie im Umgang mit MS-bedingter Fatigue.
 


Ein guter Tag bedeutet nicht, dass die Fatigue verschwunden ist

Vielleicht hast du selbst schon erlebt, wie schwer schwankende Beschwerden für andere zu verstehen sind. Gestern warst du unterwegs, heute brauchst du nach wenigen Aufgaben eine Pause.

Das widerspricht sich nicht. Fatigue kann sich im Tagesverlauf verändern und beispielsweise durch Belastung oder Wärme verstärkt werden. Sie kann außerdem Lebensqualität, soziales Leben und Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.  Deshalb musst du deine Erschöpfung auch nicht daran messen, wie viel andere Menschen an einem Tag schaffen.

Wenn deine Erschöpfung neu auftritt, deutlich stärker geworden ist oder deinen Alltag zunehmend bestimmt, sprich sie bei deinem nächsten Arzttermin ausdrücklich an. 


Quellen und weiterführende Informationen

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Symptomatische Therapie und Fatigue

NICE, Multiple sclerosis in adults: management, Abschnitt Fatigue

Bundesgesundheitsportal, ME/CFS und Abgrenzung zu Fatigue


Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung.


Multiple Sklerose: Was hinter der „Krankheit der 1.000 Gesichter“ steckt

Ein Kribbeln, das einfach nicht verschwinden will. Plötzlich sieht ein Auge verschwommen oder der eigene Körper fühlt sich ungewöhnlich kraftlos an. Solche Beschwerden können viele verschiedene Ursachen haben und bedeuten keineswegs automatisch Multiple Sklerose. Wenn neurologische Symptome jedoch neu auftreten oder anhalten, solltest du sie ärztlich abklären lassen.

Denn Multiple Sklerose, kurz MS, kann sich sehr unterschiedlich bemerkbar machen. Während eine Frau zunächst Sehstörungen entwickelt, beginnt die Erkrankung bei einer anderen vielleicht mit Taubheitsgefühlen oder Problemen beim Gehen. Nicht ohne Grund wird MS deshalb auch als „Krankheit mit den 1.000 Gesichtern“ bezeichnet. 

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Island: Wenn die Frauen das Land lahmlegen


Was passiert bei Multipler Sklerose?

Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dazu gehören dein Gehirn und dein Rückenmark.

Bei MS spielen fehlgeleitete Immunreaktionen eine zentrale Rolle. Entzündliche Prozesse können unter anderem die Myelinscheiden schädigen, die Nervenfasern umgeben und für eine störungsfreie Weiterleitung von Signalen wichtig sind. Je nachdem, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind, können ganz unterschiedliche Beschwerden entstehen. Genau das macht MS so individuell. Es gibt nicht den einen Verlauf, den jede Betroffene durchläuft.

GUT ZU WISSEN
Multiple Sklerose ist nicht ansteckend und bedeutet auch nicht automatisch, irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Solche Vorstellungen gehören zu den hartnäckigen Vorurteilen rund um die Erkrankung.
 


Welche Symptome können bei MS auftreten?

Zu den möglichen Beschwerden gehören unter anderem Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle, Muskelschwäche, Probleme mit Gleichgewicht und Koordination, Schmerzen, Schwindel und Blasenstörungen.

Auch weniger sichtbare Symptome können eine große Rolle spielen. Dazu gehören beispielsweise Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme sowie Fatigue, eine krankheitsbedingte, ungewöhnlich starke Erschöpfbarkeit. 

Vielleicht erkennst du einzelne dieser Beschwerden von dir selbst. Das bedeutet jedoch nicht, dass du MS hast. Gerade Symptome wie Schwindel, Müdigkeit oder Kribbeln können zahlreiche Ursachen haben.

Deshalb ist Googeln an dieser Stelle selten die beste Idee. Wenn etwas neu, ungewöhnlich oder anhaltend ist, lass es medizinisch einordnen.


Warum betrifft MS besonders viele Frauen?

MS beginnt häufig im jungen Erwachsenenalter. Nach Angaben der DMSG treten bei ungefähr zwei Dritteln der Erkrankten die ersten Symptome zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Angaben zum genauen Verhältnis unterscheiden sich je nach Datengrundlage, die DMSG beschreibt jedoch eindeutig eine höhere Erkrankungshäufigkeit bei Frauen. 

Warum ein Mensch MS entwickelt und ein anderer nicht, lässt sich bislang nicht mit einer einzelnen Ursache erklären. Nach heutigem Wissen entsteht die Erkrankung durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Genetische Veranlagung und Umweltfaktoren werden ebenso untersucht wie Infektionen. Besonders gut belegt ist ein Zusammenhang mit dem Epstein-Barr-Virus. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine EBV-Infektion automatisch zu MS führt. 


Wie wird MS diagnostiziert?

Einen einzelnen Bluttest, der dir eindeutig sagt „Du hast MS“, gibt es nicht.

Stattdessen setzt sich die Diagnose aus verschiedenen Informationen und Untersuchungen zusammen. Dazu gehören die Krankengeschichte und neurologische Untersuchung sowie insbesondere die Magnetresonanztomografie von Gehirn und gegebenenfalls Rückenmark. Je nach Situation können weitere Untersuchungen hinzukommen, beispielsweise eine Analyse des Nervenwassers durch eine Lumbalpunktion oder Untersuchungen sogenannter evozierter Potenziale. Gleichzeitig müssen andere mögliche Ursachen der Beschwerden berücksichtigt werden. 

Die aktuellen diagnostischen Kriterien wurden zuletzt überarbeitet. Die deutsche DGN-Living-Guideline von 2026 berücksichtigt bereits die 2025 veröffentlichten revidierten McDonald-Kriterien. 

DEIN TIPP FÜR DEN ARZTTERMIN
Wenn du wegen neurologischer Beschwerden einen Termin hast, notiere dir vorher, wann die Symptome begonnen haben, wie lange sie anhalten, welche Körperregion betroffen ist und ob sie schon einmal aufgetreten sind. So musst du dich im Gespräch nicht auf dein Gedächtnis verlassen.


Was bedeutet eine MS-Diagnose heute?

Eine Diagnose kann verständlicherweise Angst machen. Gerade weil sich MS so unterschiedlich entwickeln kann, solltest du jedoch nicht versuchen, aus der Geschichte einer anderen Betroffenen deine eigene Zukunft abzulesen.

MS ist derzeit nicht heilbar. Es stehen aber verschiedene verlaufsmodifizierende Therapien zur Verfügung, mit denen die Krankheitsaktivität beeinflusst werden kann. Darüber hinaus können einzelne Symptome gezielt behandelt werden. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem von Krankheitsaktivität, Verlauf und der individuellen Situation der Patientin ab. 

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Information, die du aus diesem Artikel mitnehmen solltest: MS hat viele Gesichter. Eine Diagnose allein erzählt noch nicht, wie dein persönliches Leben mit der Erkrankung aussehen wird.

Wenn du gerade auf Untersuchungen wartest oder eine Diagnose bekommen hast, schreib dir deine Fragen auf und nimm sie mit zum nächsten Gespräch in der Neurologie. Du musst nicht an einem einzigen Termin alles verstehen und entscheiden.


Quellen

Die wichtigsten medizinischen Grundlagen dieses Artikels stammen aus der S2k-Living-Guideline „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Version 2026, sowie den aktuellen Fachinformationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft. 

DGN Living Guideline Multiple Sklerose 2026
DMSG: Was ist Multiple Sklerose?
DMSG: Symptome der Multiplen Sklerose
DMSG: MS verstehen und Diagnostik


Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung.

Rente mit 34 und kaum Kraft für den Alltag: Vanessas Leben mit Fatigue

Auf den ersten Blick sieht man Vanessa (34) ihre Erschöpfung nicht an. Sie lacht, trifft Freunde, hält den Alltag mit zwei Kindern am Laufen. Doch selbst Dinge, über die andere kaum nachdenken, können ihre Kraft aufzehren. Ein Supermarkteinkauf wird schnell zur Belastungsprobe. Ein Gespräch kostet Stunden der Stille. Und Schlaf gibt keine Kraft mehr zurück.

Es ist der Februar 2025, als der linke Arm plötzlich taub wird. Kein Gefühl mehr in den Fingern, die Kraft schwindet sekundenschnell. Es ist ein Notfall, Verdacht auf Schlaganfall, direkte Einweisung ins Krankenhaus. Zu Hause warten zwei kleine Kinder und ihr besorgter Ehemann. Vanessa war bis zu diesem Tag nie ernsthaft krank gewesen. Vier Tage lang schwankt sie zwischen Ungewissheit und Angst, bis die Untersuchung des Nervenwassers Klarheit bringt. Die Diagnose lautet Multiple Sklerose.

Was für viele wie ein Urteil klingt, bedeutet für die Bielefelderin vor allem eines, Erleichterung. Endlich hat ihr Zustand einen Namen. Vanessa ist überzeugt, dass ihr Körper nach all den Jahren des Funktionierens einfach nicht mehr konnte.

Vanessa sieht gesund aus. Genau das macht ihre Erkrankung für andere oft schwer verständlich. Fatigue ist unsichtbar und trotzdem real. (Bild: Vanessa/privat)

INFOBAR: WAS IST MULTIPLE SKLEROSE (MS)?
MS ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das eigene Immunsystem greift dabei fälschlicherweise Strukturen im Bereich der Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark an. Durch diese Entzündungen können Nervensignale nur noch beeinträchtigt weitergeleitet werden. MS verläuft von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich und ist bislang zwar nicht heilbar, lässt sich heute aber medikamentös gut behandeln.

Funktionieren statt Leben

Schon früh lernt Vanessa, was es heißt, stark sein zu müssen. Prägende Erfahrungen, Zukunftsängste und schwere Phasen ziehen sich unbewusst durch ihre Familiengeschichte – Verhaltensmuster und Wunden, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Für das junge Mädchen bedeutet das vor allem eines – Verantwortung übernehmen, wo eigentlich Leichtigkeit sein sollte. Sie will niemandem zur Last fallen, fügt sich, blendet eigene Bedürfnisse aus und erfährt in der Schule schmerzhaft, wie tief Mobbing verletzen kann.

Dieses Muster des ständigen Durchhaltens nimmt sie mit ins Erwachsenenleben. Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau baut sie sich Schritt für Schritt eine eigene Existenz auf. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder und arbeitet später als Haushaltshilfe. Die Auftragsbücher sind voll, der Tag durchgetaktet. Ein Leben im ständigen Dauerlauf.

Dass ihre Kraftreserven schon seit Jahren schleichend aufgebraucht waren, hat sie lange ausgeblendet. Sie war darauf programmiert, durchzuhalten.


Das unsichtbare Monster

Was nach der Diagnose folgt, ist nicht nur die körperliche Ungewissheit der MS, sondern einer ihrer belastendsten Begleiter, die sogenannte Fatigue. Ein Zustand, den gesunde Menschen kaum begreifen können.

„Fatigue ist nicht einfach ein bisschen Müdigkeit nach einem langen Tag, nach der man sich einmal ausschläft“, stellt Vanessa klar. „Es ist eine tiefgreifende, krankhafte Erschöpfung. Manchmal fühlt es sich an, als würde mein Körper von einer Sekunde auf die andere den Notbetrieb einschalten. Mein Akku ist dann nicht bei 20 Prozent – es fühlt sich an, als wären von jetzt auf gleich nur noch wenige Prozent übrig. Und das manchmal, obwohl ich gerade erst aufgestanden bin.“

Das Grausame an dieser Krankheit ist ihre Unsichtbarkeit. Von außen sieht Vanessa wie eine normale, junge Mutter aus. Sie lacht, geht einkaufen, nimmt am Leben teil. Niemand sieht, dass ihr Körper und ihr Kopf im Hintergrund gleichzeitig darum kämpfen, überhaupt Energie aufzubringen. Ganz alltägliche Fragen werden zu riesigen Hürden. Schaffe ich heute den Haushalt? Habe ich danach noch genug Energie für die Kinder? Manchmal lautet die Antwort schlicht: Nein. Dann muss Vanessa Verabredungen absagen, Ausflüge streichen und schöne Momente opfern. Einfach, weil ihr die Kraft dafür fehlt.

„Das tut weh. Denn Fatigue nimmt einem nicht nur Energie. Sie kann einem auch ein Stück Spontanität und Freiheit nehmen.“

Auch geistig macht sich die Erschöpfung bemerkbar. Die Konzentration bricht ein, Gedanken werden langsam, einfache Denkprozesse fühlen sich an wie Schwerstarbeit. Und mit der Müdigkeit kommt das schlechte Gewissen. Vanessa fühlt sich schuldig, weil sie Dinge nicht mehr schafft. Die ständige Frage, warum andere ihren Alltag mühelos bewältigen, während man selbst an kleinsten Aufgaben scheitert, wird zu einer lähmenden Belastung.


INFOBAR: WAS IST FATIGUE?
Fatigue beschreibt eine ausgeprägte körperliche oder geistige Erschöpfung, die bei verschiedenen chronischen Erkrankungen auftreten kann. Sie steht nicht unbedingt im Verhältnis zu einer vorherigen Anstrengung und lässt sich nicht einfach durch Schlaf beheben. Bei MS gehört Fatigue zu den häufigen und für Betroffene teilweise stark einschränkenden Symptomen.

Rente mit 34

Für Vanessa beginnt nun die schwerste Lektion. Sie muss lernen, Hilfe anzunehmen. Während ihrer Reha beantragt sie finanzielle und praktische Unterstützung – von der Erwerbsminderungsrente bis zum Pflegegrad. Schritte, die ihr schwerfallen, weil sie bis dahin gewohnt war, alles aus eigener Kraft zu tragen.

„Für viele Menschen ist der Gedanke an einen Schwerbehindertenausweis schwierig. Auch für mich war er das. Aber eine Behinderung wird nicht dadurch weniger real, dass man keinen Ausweis besitzt. Er gibt mir nicht meine Identität, sondern hilft mir, Nachteilsausgleiche zu bekommen, die mir zustehen.“

Acht Monate Ungewissheit, Bürokratie und Warten auf eine Antwort, die über ihre Zukunft entscheidet. Dann liegt der Bescheid im Briefkasten – schwarz auf weiß. Volle Erwerbsminderungsrente. Drei Jahre lang ist Vanessa mit 34 offiziell Rentnerin, danach wird ihr medizinischer Zustand neu geprüft. Ein Stempel, der sich absurd anfühlt, aber von einer Sekunde auf die andere den enormen Druck nimmt.

„Das sind ganz krasse, gemischte Gefühle, die ich gerade habe“, sagt sie. „Aber für mich ist es auch sehr befreiend. Das Finanzielle spielt heutzutage eine riesige Rolle. Jetzt zu wissen, wie es weitergeht – mir fällt gerade einfach alles von den Schultern.“

Mit einer beeindruckenden Klarheit definiert Vanessa Stärke heute neu.

„Eine Haushaltshilfe nimmt mir nicht meine Selbstbestimmung. Sie gibt mir die Energie zurück, die ich brauche, um für Noah und Kiara da zu sein. Ich muss lernen, meine Tage nicht mehr nach 24 Stunden zu planen, sondern nach der Energie, die mir an diesem Tag tatsächlich zur Verfügung steht.“

Wenn der Akku plötzlich leer ist. Fatigue kann Vanessa innerhalb kurzer Zeit die Kraft nehmen, selbst wenn der Tag gerade erst begonnen hat. Schlaf allein bringt diese Energie nicht zurück. (Bild: Vanessa/privat)

„Glaubt mir einfach!“

Doch die größten Hürden warten oft nicht in den eigenen vier Wänden, sondern in den Köpfen anderer Menschen. Vorurteile, Unverständnis und Ratschläge wie „Du bist doch gerade erst aufgestanden!“ oder „Aber gestern ging es dir doch gut!“ verletzen tief.

„Ich wünsche mir von meiner Umwelt vor allem eines: Glaubt mir!“, betont Vanessa eindringlich. „Wenn ich sage, dass ich etwas nicht schaffe, möchte ich mich nicht rechtfertigen oder beweisen müssen, warum. Ein guter Tag bedeutet nicht, dass ich gesund bin. Ein schlechter Tag bedeutet nicht, dass ich aufgegeben habe. Und wenn ich etwas nicht schaffe, heißt das nicht, dass es mir nicht wichtig ist. Es bedeutet einfach nur, dass mein Körper seine Grenze erreicht hat.“

Vanessa plädiert für eine Gesellschaft, die Anpassung nicht als Schwäche interpretiert. Für flexible Arbeitsmodelle, echtes Verständnis und dafür, dass Barrierefreiheit auch für unsichtbare Krankheiten gilt.

„Ich möchte nicht, dass meine Erkrankung meine gesamte Identität wird. Ich bin nicht nur meine Fatigue. Ich habe Wünsche, Träume, Interessen und Ziele. Ich möchte als der Mensch gesehen werden, der ich bin – und nicht nur als jemand, der krank ist. Wir wollen schließlich nicht weniger vom Leben. Wir brauchen manchmal nur eine andere Art, daran teilzunehmen.“

INFOBAR: HILFE UND ANLAUFSTELLEN BEI MS UND FATIGUE

Wer selbst betroffen ist oder einen Verdacht hat, findet erste Anlaufstellen bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), die bundesweit berät und lokale Selbsthilfegruppen vermittelt. Auch Neurologinnen und Neurologen sowie MS-Ambulanzen an größeren Kliniken sind für Diagnose und Behandlung die richtigen Ansprechpartner.

Bei starker, anhaltender Erschöpfung lohnt sich in jedem Fall ein Arztbesuch, denn Fatigue kann viele Ursachen haben und ist keine Diagnose, die man sich selbst stellen sollte.

Wer eine Einschränkung im Alltag durch eine chronische Erkrankung erlebt, kann sich bei der zuständigen Krankenkasse oder dem Versorgungsamt über Pflegegrad, Schwerbehindertenausweis und mögliche Nachteilsausgleiche informieren. Sozialverbände wie der VdK oder die Deutsche Rentenversicherung beraten zudem zu Anträgen wie der Erwerbsminderungsrente.