Symbolbild: Kold Shots/Pexels

Ghana: Die verborgene Macht der Market Queens

Während in westlichen Finanzmetropolen Vorstände, Banken und Großkonzerne traditionell stark von Männern geprägt sind, existiert in Westafrika ein völlig anderes, faszinierendes Machtmodell. Auf den riesigen Märkten Ghanas prägen Frauen das Wirtschaftsgeschehen. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Lebensmittelversorgung des Landes, organisieren Handelsnetzwerke, schlichten Konflikte und besitzen innerhalb vieler Märkte erheblichen Einfluss. Ein fundierter Blick auf eine weibliche Wirtschafts- und Machtstruktur, die im Westen kaum auf dem Schirm ist.

Wer den Kejetia-Market in Kumasi oder den geschichtsträchtigen Makola-Market in der Hauptstadt Accra betritt, taucht in eine andere Welt. Es ist ein lebendiger Ozean aus Farben, lauten Stimmen, dem Duft von getrocknetem Fisch und reifen Tomaten. Wer hier das Sagen hat, ist unübersehbar: Frauen in prachtvollen, traditionellen Kleidern und kunstvoll gebundenen Kopftüchern, deren Autorität von niemandem leichtfertig infrage gestellt wird. Sie werden im Volksmund respektvoll als Market Queens (in der lokalen Sprache Twi als Ohemaa) bezeichnet.

Dahinter verbirgt sich kein blosser Ehrentitel, sondern eine hochgradig organisierte, über Generationen gewachsene Institution, die einen wichtigen Teil der ghanaischen Binnenwirtschaft trägt.


Eine Stadt in der Stadt: Die Dimension der Märkte

Um zu verstehen, welche Bedeutung eine Market Queen haben kann, muss man zunächst die Dimension dieser Märkte begreifen. Der Kejetia Market in Kumasi ist kein kleiner afrikanischer Wochenmarkt. Der riesige Handelskomplex im Zentrum der Ashanti-Hauptstadt ist laut dem National Development Planning Commission (NDPC) der größte einzelne offene Markt Westafrikas. Der damalige Kumasi Metropolitan Assembly-Bericht nennt rund 12.000 Stände im bestehenden Markt. Nach der Neuentwicklung sollte die Zahl der Geschäfte sogar auf rund 48.000 steigen.

Die Dimension macht deutlich, dass es hier um weit mehr geht als um einzelne Verkaufsstände. Kejetia ist ein riesiger Wirtschaftskosmos, in dem täglich Händler, Käufer, Transporteure und Lieferanten zusammenkommen. Und mitten in diesem Kosmos stehen die Market Queens. Hinter einer einzelnen Marktführerin können Hunderte oder sogar Tausende Händlerinnen stehen. Ihre Entscheidungen und ihre Vermittlungsarbeit betreffen damit nicht nur einzelne Geschäfte, sondern ganze wirtschaftliche Netzwerke.

Händlerinnen auf einem ghanaischen Markt. Hier prägen Frauen seit Generationen den Handel und das wirtschaftliche Leben.
Bild: Tope J. Asokere/Pexels

Vom historischen Marktstand ins Zentrum der Macht

Die Wurzeln dieser weiblichen Handelsdominanz reichen weit zurück. Schon vor der kolonialen Ära spielten Frauen an der Goldküste eine wichtige Rolle in Landwirtschaft und Handel. Christabel Agyeiwaa von der University of Ghana zeigt in ihrer historischen Untersuchung, wie Frauen während der Kolonialzeit zu wichtigen Akteurinnen des Handels und der Märkte wurden.

Während der britischen Kolonialzeit, in der Männer oft in den formalen Verwaltungsapparat oder in die Plantagenarbeit gedrängt wurden, bauten die Frauen ihre Pfründe im informellen Sektor systematisch aus. Sie schlossen sich früh zu Verbänden zusammen, um sich gegen Willkür und Ausbeutung zu schützen. Bis heute existiert in vielen ghanaischen Märkten ein ausgeprägtes System von Händlerinnenverbänden.

Jede wichtige Warengruppe, ob Mais, Kochbananen oder Fleisch, hat ihre eigene Chefin (z. B. Maize Queen). Market Queens werden innerhalb ihrer Händlerorganisationen gewählt und gehören meist zu den erfahrenen Händlerinnen mit jahrzehntelanger Praxis und starkem diplomatischem Geschick.

Sie koordinieren Ernte- und Transportströme im engen Austausch mit den Landwirten. Studien zeigen, dass sie maßgeblich dazu beitragen, Lebensmittel aus ländlichen Regionen in die urbanen Zentren zu lenken und das Ernährungssystem zu stabilisieren.

Erfahrene Händlerinnen – historisch oft als Market Mummies bezeichnet, nehmen jüngere Frauen unter ihre Fittiche. Die Jüngeren lernen das Handwerk von der Pike auf und werden in die ungeschriebenen Gesetze der Gemeinschaft eingeführt.


Maame Mary: Eine Königin, die selbst verkauft

Wie viel Verantwortung hinter dem Titel steckt, zeigt das Beispiel von Maame Mary. Mit rund 55 Jahren gehört sie zu den erfahrensten und einflussreichsten Händlerinnen auf einem der lebendigsten Handelsplätze von Accra, dem Agbogbloshie Market (bzw. den angeschlossenen großen Yam-Märkten der Hauptstadt). Auf diesem riesigen Markt, auf dem sich täglich Hunderte von Händlerinnen, Zwischenhändlern und Käufern drängen, koordiniert und vertritt sie als gewählte Market Queen die gesamte Gilde der Yam-Händlerinnen.

Wie kam sie in dieses Amt? Maame Mary handelt bereits seit rund 30 Jahren mit Yams und hat sich über all die Jahrzehnte durch eiserne Disziplin, kaufmännisches Geschick und ein starkes Netzwerk Respekt verschafft. Als die bisherige Vorsitzende der Yam-Händlerinnen verstarb, fiel die Wahl der Gemeinschaft einstimmig auf Maame Mary, denn sie galt als die Frau, die den Markt und seine ungeschriebenen Gesetze wie ihre eigene Westentasche kennt.

Dabei ist die Geschichte der gebürtigen Ghanaerin mehr als bemerkenswert. Sie besuchte nie eine Schule. Weder spricht sie Englisch noch kann sie lesen oder schreiben. Ihre gesamte Buchhaltung und Logistik steuert sie mit einem erstaunlichen, messerscharfen Gedächtnis unterstützt von ihren Töchtern, die am Abend die Schuldnerlisten führen. Wenn auf den Märkten die Yamsknollen knapp werden, wartet Maame Mary nicht ab. Sie reist dorthin, wo die großen Ernten aus dem Norden Ghanas eintreffen, organisiert den Einkauf und den Transport für ihre Gilde.

Neben ihrem eigenen Stand kümmert sie sich um den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Sie versorgt kleinere Straßenverkäuferinnen auf Kommissionsbasis mit Ware, schlichtet Streitigkeiten zwischen Händlerinnen, verhandelt mit den städtischen Behörden über Marktgebühren und steht ihren Kolleginnen bei privaten Krisen zur Seite. Ein Arbeitstag dauert für sie oft von neun Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Maame Mary zeigt damit auf eindrucksvolle Weise, wie weibliche Macht und unternehmerische Verantwortung in Westafrika aussehen – tief verwurzelt im Alltag, ganz ohne akademische Titel oder westliche Konzernstrukturen.

Eine Verkäuferin in Takoradi, Ghana, verkauft freudig gerösteten Mais im Freien.
Bild: Vincent Eshun/Pexels

Das Spannungsfeld: Marktmacht, Preiskritik und der Vorwurf von „Kartell“ und „Mafia“

Bemerkenswert ist die widersprüchliche Wahrnehmung dieser Frauen. Wo sie sich organisieren und ihre Interessen gemeinsam vertreten, ist in der öffentlichen Debatte schnell von „Kartell“ oder „Mafia“ die Rede. Verbraucherverbände in Ghana werfen den Verbänden immer wieder vor, ihre Marktmacht zu nutzen, um Preise für Grundnahrungsmittel zu beeinflussen und Preistreiberei zu betreiben.

Wissenschaftliche Untersuchungen von Forschern der Universität Hohenheim, darunter L. Scheiterle und R. Birner, zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. In ihrer landesweiten Untersuchung fanden sie keine Belege dafür, dass die Market Queens ein Marktmonopol bilden oder ihre Macht nutzen, um Preise festzusetzen. Stattdessen zeigen die Ergebnisse, dass die Organisationen vor allem wichtige soziale und wirtschaftliche Funktionen übernehmen.

Viel zu selten wird darüber gesprochen, was diese Gemeinschaften für ihre Mitglieder leisten. Sie helfen sich gegenseitig, sparen gemeinsam, geben Kredite und stehen füreinander ein, wenn es schwierig wird. So entsteht ein soziales Sicherheitsnetz, auf das sich viele Händlerinnen verlassen können.


Moderne Herausforderungen: Wandel, Supermärkte und aktuelle Reformen

Das traditionelle Handelssystem steht im 21. Jahrhundert spürbar unter Druck. Einerseits wächst in Accra eine urbane Mittelschicht heran, die für ihren Wochentagseinkauf zunehmend auf moderne Supermärkte ausweicht. Andererseits bleiben traditionelle Märkte für die Mehrheit der Bevölkerung unersetzlich.

Die Politik reagiert darauf mit massiven Infrastrukturprojekten, um Märkte mit Kühlhäusern und digitalen Zahlungssystemen auszustatten. Wie intensiv diese Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne verhandelt wird, zeigte sich zuletzt im September 2026, als die Umgestaltung des großen Agbogbloshie-Marktes in Accra vorläufig ausgesetzt wurde, um in intensiven Dialogen zwischen Regierung, Stadtverwaltung und Marktführern gemeinsame Lösungen zu finden.


Der blinde Fleck: Frauen, die längst Macht haben

Wenn in der internationalen Entwicklungsdebatte über Frauen in Afrika gesprochen wird, entsteht häufig ein bestimmtes Bild. Frauen gelten als ohne ausreichende Rechte, wirtschaftlich abhängig, gesellschaftlich benachteiligt und oft als Opfer von Diskriminierung. Dieses Bild ist nicht falsch, da Benachteiligung in vielen Bereichen Realität ist. Aber es ist eben nur ein Teil davon. Denn es gibt auch Frauen, die nicht am Rand der Wirtschaft stehen, sondern mitten in ihrem Zentrum.

Die Market Queens gehören zu diesen Frauen. Ihre Macht kommt nicht aus einem Parlament oder einem Vorstandsbüro. Sie entsteht aus Erfahrung, gegenseitigem Vertrauen und der Fähigkeit, eine Gemeinschaft zu organisieren.

Die Vorstellung von wirtschaftlicher Macht ist stark von westlichen Institutionen geprägt. Die Market Queens zeigen, dass wirtschaftliche Macht auch völlig anders aussehen kann, nämlich auf einem Markt zwischen Verkaufsständen, Lieferwagen und tausenden täglichen Geschäftsbeziehungen.

Die Market Queens erzählen deshalb eine andere Geschichte über weibliche Selbstbestimmung. Sie mussten nicht erst durch ein internationales Entwicklungsprogramm lernen, Verantwortung zu übernehmen; ihre Strukturen sind über Generationen gewachsen.

Und deshalb lohnt sich eine ehrliche Frage. Was wäre Ghana ohne diese Frauen? Wer würde Lieferketten sichern, Kredite organisieren, schlichten und für Tausende sprechen? Die Antwort zeigt, dass es Zeit für einen Perspektivwechsel ist. Vielleicht liegt hier unser blinder Fleck. Wir wissen genau, wo Frauen keine Macht haben. Wir wissen immer noch wenig über jene, die sie längst besitzen.

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