Liwia Tokoda

Leidenschaftliche Journalistin ✹ Chefredakteurin eines Frauenmagazins 📝 TV-Redakteurin bei Deutschlands Top-Sendern đŸ“ș ÜberglĂŒckliche Mama ❀

„Mir ging ordentlich die DĂŒse“ – Kenans Sprung ins eiskalte Meer voller Orcas

Minus zwei Grad, Schneefall, dunkles Wasser. Als Kenan in den Fjorden Nordnorwegens ins Meer springt, schwimmen unter ihm bereits mehrere Orcas. FĂŒr den 34-jĂ€hrigen MĂŒnchner, der sich regelmĂ€ĂŸig ungewöhnlichen Challenges stellt, wird in diesem Moment ein Kindheitstraum RealitĂ€t.

Über seine Social-Media-Community erhĂ€lt er immer wieder Aufgaben, vom Bungeesprung aus 200 Metern Höhe bis zu einer symbolischen Selbsthochzeit in Las Vegas. Seine jĂŒngste Challenge fĂŒhrte ihn nun in den hohen Norden Norwegens. Dort sollte er mit Orcas schnorcheln, ein Selfie mit einem Killerwal machen und die GrabstĂ€tte von „Free Willy“ besuchen. Kenan meisterte diese Herausforderung. Neben eindrucksvollen Erlebnissen bringt er auch konkrete Tipps mit, wie und wo sich dieses außergewöhnliche Abenteuer selbst planen lĂ€sst.

Jeden Winter folgen mehrere Hundert Orcas den HeringsschwĂ€rmen in die Fjorde Nordnorwegens. Mit ihnen kommt auch der Tourismus und damit die Frage, wie nah Menschen wilden Tieren eigentlich kommen sollten. In Orten wie SkjervĂžy hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Branche entwickelt, nĂ€mlich Schnorcheltouren mit wilden Walen fĂŒr Besucher aus aller Welt.

Nicht alle sehen diese Entwicklung unkritisch. Meeresbiologen warnen, dass Wildtier-Tourismus Stress fĂŒr die Tiere bedeuten kann. Ein Hinweis darauf, dass Faszination fĂŒr wilde Natur immer auch Verantwortung einschließt. In Norwegen gelten deshalb strenge Regeln. Boote mĂŒssen Abstand halten und dĂŒrfen die Tiere weder verfolgen noch ihre Bewegungsrichtung blockieren. Auch Schnorchler dĂŒrfen sie nicht berĂŒhren. Kenan wusste das, bevor er ins Wasser sprang. Respekt stehe fĂŒr ihn immer an erster Stelle, sagt er.

Orcas gehören zu den regelmĂ€ĂŸigsten Walarten vor der KĂŒste Nordnorwegens. Besonders im Winter folgen mehrere Hundert Tiere den großen HeringsschwĂ€rmen in die Fjorde. (Foto: Kenan)

Ein Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Healthy Lady:
Wie war das fĂŒr dich, als du erfahren hast, was du in dieser Challenge tun musst?

Kenan:
Es war zunĂ€chst ein Schock, aber im Nachhinein dachte ich mir: Besser geht’s eigentlich gar nicht! Ich bin mit Free Willy aufgewachsen und habe den Film gefĂŒhlt hundertmal gesehen. Orcas in freier Wildbahn zu erleben, war schon immer ein absoluter Kindheitstraum von mir. Ich wĂ€re auf jeden Fall irgendwann mal nach Norwegen geflogen, aber ich wĂ€re niemals darauf gekommen, dass man dort auch mit Orcas schnorcheln kann. Deshalb habe ich mich auch so extrem ĂŒber den Top-Kommentar gefreut.

Die GrabstĂ€tte von Keiko in Taknes, Norwegen. Der Orca aus ‚Free Willy‘ starb 2003 nach seiner Auswilderung. Kenan brachte als Andenken eine kleine Orca-Figur mit. (Foto: Kenan)

Wenn die Community entscheidet

Einige EindrĂŒcke seiner Orca-Tour sowie weitere Challenges dokumentiert Kenan in Video-TagebĂŒchern auf seinem TikTok-Kanal unter dem Namen @kenankayb.

Healthy Lady:
Warum machst du ĂŒberhaupt bei diesen Challenges mit? Woher kam diese verrĂŒckte Idee?

Kenan:
Die Idee dahinter ist, dass ich die Leute auf Social Media dazu animiere, mir Aufgaben zu stellen, sogenannte TOP-Kommentare. Das bedeutet: Der Kommentar unter dem letzten Video, der die meisten Likes bekommt, muss von mir umgesetzt werden. TatsĂ€chlich gibt es jemanden, der dieses Prinzip bereits macht. Man könnte also denken, ich wĂŒrde ihn kopieren. Das stimmt so aber nicht. Ja, es ist richtig, dass ich seine drei grĂ¶ĂŸten TOP-Kommentare nachgemacht habe, allerdings mit einer klaren Absicht: Ich wollte ihm und allen anderen auf TikTok, Instagram & Co. – zeigen, dass es neben ihm noch jemanden gibt, der genauso verrĂŒckt ist und sich solche Dinge ebenfalls traut. Indirekt habe ich ihn damit herausgefordert. Und er hat das auch mitbekommen: Beim zweiten TOP-Kommentar-Video, dem Flugzeugsprung aus Tokio, hat er sogar kommentiert. In Thailand folgt nun meine dritte und letzte Challenge von ihm – der Muay-Thai-Kampf. Danach hoffe ich, dass wir uns 2026 endlich persönlich treffen werden.

Und um wieder zu mir zurĂŒckzukommen: NatĂŒrlich werde ich danach mit meinen eigenen TOP-Kommentaren weitermachen. Free Willy und die Hochzeit in Vegas haben zum Beispiel nichts mit el Deno zu tun.


Healthy Lady:
Welche Challenges hast du bisher gemeistert und welche war dein Favorit?

Kenan:
Also bis jetzt habe ich alle geschafft! Mein Favorit war ganz ehrlich das Schnorcheln mit Orcas. Diese Erfahrung ist unbeschreiblich. Auch wenn der Bungee- oder der Flugzeugsprung noch so voller Adrenalin war, das mit Orcas ist etwas ganz Besonderes. Das kann man nicht erklÀren.


Wie man ein Orca-Abenteuer organisiert

Healthy Lady:
Wie hast du die Reise geplant? Wo muss ich hin, wenn ich selbst mit Orcas schnorcheln möchte?

Kenan:
Ich habe es schon immer gern gehabt, meine Reisen bis ins Detail selbst zu planen. Wer mit Orcas schnorcheln möchte, reist in der Regel nach SkjervĂžy, einer kleinen Fjordinsel im hohen Norden Norwegens. Die nĂ€chstgrĂ¶ĂŸere Stadt ist TromsĂž, die sich gut mit dem Flugzeug erreichen lĂ€sst. Von dort geht es per Bus oder Schiff in etwa vier Stunden weiter nach SkjervĂžy. Die entsprechenden Tickets sollte man möglichst im Voraus buchen.


Healthy Lady:
Wo bucht man so ein Abenteuer – und was kostet es?

Kenan:
Die Wal-Tour beziehungsweise das Schnorcheln mit Orcas kann man ĂŒber verschiedene Agenturen und Anbieter buchen. Ich habe mich fĂŒr Whale2Sea entschieden, da sie preislich wirklich fair waren. Ich habe fĂŒr die einmalige Tour etwa 250 € bezahlt. Es gibt allerdings auch grĂ¶ĂŸere, mehrtĂ€gige Touren, die schnell bis zu 5.000 € kosten können.


Ankommen am Rand der Welt

Healthy Lady:
Du landest also in Norwegen, triffst dort andere mutige Menschen und dann?

Kenan:
Bevor es losging, gab es am Treffpunkt zunĂ€chst ein ausfĂŒhrliches Briefing ĂŒber das Norwegische Meer, die Meeresbewohner und das Wasser – kurz gesagt ĂŒber alles, was wichtig ist. ZusĂ€tzlich gab es eine EinfĂŒhrung in die Handhabung des Trockenanzugs, damit man weiß, wie alles funktioniert und wie man sich richtig verhĂ€lt. Die komplette AusrĂŒstung wird vom Anbieter gestellt, und man bekommt auch Hilfe beim Anziehen, denn das war gar nicht so einfach. Soweit ich weiß, kann man an so einer Tour in der Regel erst ab 16 Jahren teilnehmen. Es gibt jedoch auch Anbieter, die unter bestimmten Voraussetzungen bereits Teilnahmen ab 14 Jahren ermöglichen. Eine Voraussetzung ist in jedem Fall, dass man schwimmen kann. Vor dem Start muss man außerdem ein medizinisches EinverstĂ€ndnis unterschreiben, in dem man bestĂ€tigt, dass man gesund und fit ist, schwimmen kann und eine Notfallkontaktperson angibt.

Ein spezieller Trockenanzug schĂŒtzt vor den kalten Wassertemperaturen. Im Winter können diese bis knapp unter null Grad fallen, ohne dass das salzhaltige Meerwasser gefriert. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Wie viele Orca-begeisterte Menschen gab es an dem Tag? Und wie viele haben sich tatsÀchlich getraut, ins Wasser mit den Killerwalen zu gehen?

Kenan:
Wir waren an diesem Tag etwa zehn Personen. Die anderen Anbieter sind ebenfalls mit acht bis zehn Teilnehmern hinausgefahren, allerdings immer an unterschiedlichen Orten, sodass man sich gegenseitig nicht gestört hat.

Und tatsĂ€chlich gab es auch Leute, die zu großen Respekt oder schlicht Angst hatten. Es war ungefĂ€hr ein 50/50-VerhĂ€ltnis: FĂŒnf Personen sind ins Wasser gegangen, die anderen fĂŒnf sind auf dem Boot geblieben.


Was beim Schnorcheln mit Orcas gilt

Healthy Lady:
Wie sieht es mit der Sicherheit aus? Es sind ja immer noch wilde Tiere, auch wenn sie als friedlich gelten.

Kenan:
Es gibt immer ein gewisses Risiko, das wurde auch im Briefing ausdrĂŒcklich betont. Wenn man jedoch aufmerksam ist und sich genau an die Anweisungen hĂ€lt, kann man sich fast sicher sein, dass nichts passiert. Das hat zwei einfache GrĂŒnde: Zum einen stehen wir Menschen nicht auf der Speisekarte von Orcas. Zum anderen gibt es in der gesamten Menschheitsgeschichte keine dokumentierten FĂ€lle, in denen ein Orca einen Menschen angegriffen oder getötet hat. Außerdem war jederzeit ein Tourguide mit im Wasser, falls irgendetwas nicht stimmen sollte – was jedoch zu keinem Zeitpunkt der Fall war.


Der Sprung ins eiskalte Abenteuer

Bei Orca-Touren in Norwegen gelten strenge Schutzregeln. Boote mĂŒssen Abstand halten und dĂŒrfen die Tiere weder verfolgen noch ihre Bewegungsrichtung blockieren. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Du sitzt also auf dem Boot, fÀhrst hinaus, siehst die ersten Orcas 

Was ist dein erster Gedanke? Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Shit – was mache ich hier eigentlich?“

Kenan (lacht):
Nein, ganz im Gegenteil. Als wir nach etwa 45 Minuten endlich die erste Gruppe von Orcas gesehen haben, waren wir alle extrem glĂŒcklich. Das war ein purer GlĂŒcksmoment. NatĂŒrlich musste ich sofort an den Film Free Willy denken – an diese Szenen mit der ikonischen Titelmusik!


Healthy Lady:
Und dann – der Sprung ins eiskalte Wasser. Wie war das GefĂŒhl in diesem Moment? Friert man da nicht einfach ein?

Kenan:
Kurz bevor ich ins Wasser sprang, ging mir schon ordentlich die DĂŒse, denn in diesem Moment war mir klar, gleich könnten Orcas direkt unter meinen FĂŒĂŸen vorbeischwimmen. An die KĂ€lte habe ich dabei ĂŒberhaupt nicht mehr gedacht. Als ich dann im Wasser war und gleich zu Beginn die ersten Wale gesehen habe, war das Thema KĂ€lte sofort erledigt. Ich stand so sehr unter Adrenalin, dass ich sie kaum noch wahrgenommen habe. In manchen Momenten fĂŒhlte sich das Wasser komischerweise sogar „warm“ an – obwohl es minus zwei Grad hatte. Nur an den Wangen hat man das eiskalte Wasser gespĂŒrt, aber selbst das war in diesem Moment völlig egal.

Schnorcheln mit Orcas ist nur unter strengen Regeln erlaubt. Teilnehmer mĂŒssen Abstand halten und dĂŒrfen die Tiere weder berĂŒhren noch verfolgen. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Abgesehen von den Orcas ist ja auch das Meer selbst eine Herausforderung. Viele haben Respekt vor den Wellen oder davor, im offenen Wasser die Kontrolle zu verlieren. Wie sicher fĂŒhlt man sich dabei und welche Rolle spielt die AusrĂŒstung?

Kenan:
Das Wetter war anfangs so schlecht, dass wir beinahe gar nicht rausgefahren wĂ€ren. Zum GlĂŒck wurde es dann etwas besser und der Schneefall hörte auf, doch die Wellen waren fĂŒr ein kleines RIB-Boot allerdings trotzdem ordentlich. Im Wasser selbst war es dann völlig harmlos, weil wir einen sehr ruhigen Spot gefunden hatten. Dank des Trockenanzugs kann man außerdem nicht untergehen, da er am RĂŒcken eine Art Luftpolster hat. Und richtig untertauchen war ohnehin auch gar nicht nötig, denn die Orcas waren so neugierig, dass sie extrem nah an uns herangekommen sind, das sieht man ja auch in den Videos.


Magische Begegnung unter der OberflÀche

Healthy Lady:
Die erste Begegnung mit den Orcas – ich kann mir vorstellen, dass das ĂŒberwĂ€ltigend war.
Wie hoch war dein Adrenalinspiegel? Gab es auch einen Moment der Angst?

Kenan:
Als wir endlich ins Wasser springen durften, war ich ehrlich gesagt extrem aufgeregt, aber auf eine gute Art, als reiner Adrenalinkick. Die Angst war zwar da, aber nur fĂŒr die ersten zwei Sekunden. Als dann der erste Orca direkt an mir vorbeigeschwommen ist, wusste ich sofort: Ich bin safe. Die tun mir nichts. Ab diesem Moment konnte ich das Erlebnis vollstĂ€ndig genießen – und filmen, was das Zeug hĂ€lt.


Healthy Lady:
Es war bereits etwas dunkel und es hat geschneit, als du ins Wasser gesprungen bist. Konntest du die Orcas ĂŒberhaupt gut sehen? Wie ist es, ihnen beim Schnorcheln so nah zu sein?

Kenan:
Als wir am Spot angekommen waren, hatten wir wieder GlĂŒck mit dem Wetter, und die Wolken zogen etwas auf. Die WasseroberflĂ€che wirkte zwar fast schwarz, unter Wasser zeigte sich durch das wenige Sonnenlicht jedoch eine faszinierende Mischung aus GrĂŒn und Blau, fast surreal schön. Wir haben etwa sieben bis zehn Orcas gesehen. Besonders das Jungtier war sehr verspielt und ist immer wieder dicht an uns vorbeigeschwommen, das sieht man auch im Video am deutlichsten. Die anderen Orcas waren deutlich grĂ¶ĂŸer. Insgesamt fĂŒhlte sich das Erlebnis wie eine Mischung aus RealitĂ€t und etwas völlig Unwirklichem an.


Healthy Lady:
Wie muss man sich verhalten? Gibt es No-Gos?

Kenan:
Das grĂ¶ĂŸte No-Go ist ganz klar: Man darf die Orcas nicht berĂŒhren. Das haben die Guides mehrfach betont und daran hat sich wirklich jeder gehalten, auch ich. Zum einen wissen wir, wie groß und stark Orcas sind, und zum anderen geht es um Respekt, darum sie in ihrem eigenen „Wohnzimmer“ nicht zu stören.


Healthy Lady:
Wenn man einem Orca in die Augen sieht – was spĂŒrt man da?

Kenan:
Boah, das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich habe dem Jungtier mehrmals in die Augen geschaut, aber in diesem Moment denkt man erstaunlicherweise gar nicht bewusst darĂŒber nach. Man ist einfach ĂŒberwĂ€ltigend glĂŒcklich und freut sich darĂŒber, mit welcher Neugier die Orcas an einem vorbeischwimmen und darĂŒber, dass sie einen zum GlĂŒck nicht fressen wollen. Aber um deine Frage trotzdem klar zu beantworten: Es ist pures GlĂŒck. Man fĂŒhlt sich in diesem Moment einfach nur glĂŒcklich.

Ein seltener Moment mit Orcas in freier Wildbahn, den Kenan wÀhrend seines Schnorchelabenteuers in Norwegen festhielt. (Foto: Kenan)

Zwischen Faszination und Verantwortung

Healthy Lady:
Dein Erlebnis hat viele Menschen online bewegt – aber es gibt auch Kommentare, die sagen, man sollte wilden Orcas nicht so nah kommen. Wie gehst du mit dieser Kritik um?

Kenan:
Ja, unter meinem Video gab es auch einige kritische Kommentare und einen Teil davon kann ich durchaus nachvollziehen. Orcas gehören zu den intelligentesten Tieren der Welt und zeigen sehr deutlich, wenn ihnen etwas zu viel wird. Wenn sie sich gestört fĂŒhlen, ziehen sie sich zurĂŒck und schwimmen weg. DafĂŒr ist das Meer groß genug. Gerade in den Fjorden im Norden Norwegens gibt es zudem große HeringsschwĂ€rme, an denen sich die Orcas orientieren. NatĂŒrlich ist mir bewusst, dass der Tourismus in den letzten Jahren zugenommen hat. Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass diese Orca-Hotspots stark von den Heringsrouten abhĂ€ngen und sich mit der Zeit wieder verlagern. Auch die Anbieter vor Ort wissen, wie sensibel das Thema ist. Deshalb gibt es nur begrenzte PlĂ€tze, klare Regeln und keinen Massentourismus.


Healthy Lady:
Wo liegt fĂŒr dich die Grenze zwischen Abenteuer und Respekt gegenĂŒber der Natur?

Kenan:
Ich versuche immer abzuwĂ€gen, in welchem VerhĂ€ltnis Abenteuer und Verantwortung zueinanderstehen. Wenn ich weiß, dass etwas möglich ist, ohne Tiere in ihrem natĂŒrlichen Lebensraum zu stören, ist das fĂŒr mich in Ordnung. Ein klares Gegenbeispiel wĂ€ren Orca-Shows in Aquarien. Dorthin wĂŒrde ich niemals gehen. Solche Formen der Tierhaltung haben fĂŒr mich nichts mit Respekt gegenĂŒber der Natur zu tun.


Healthy Lady:
Hast du das GefĂŒhl, dass solche Erlebnisse dein VerhĂ€ltnis zur Natur verĂ€ndert haben?

Kenan:
Das Erlebnis an sich auf jeden Fall. Meine grundsĂ€tzliche Einstellung zur Natur hat sich dadurch aber nicht verĂ€ndert. Ich war schon immer ein großer Tierliebhaber. Ich schaue mir auch sehr gerne Tierdokumentationen an, um besser zu verstehen, wie Tiere leben und wie sie sich verhalten. Das finde ich unglaublich spannend.


Healthy Lady:
Denkst du, dass solche Begegnungen helfen können, mehr Bewusstsein fĂŒr den Schutz der Meere zu schaffen?

Kenan:
Definitiv. Sobald man so etwas selbst erlebt, entsteht automatisch eine ganz andere Verbindung. Bei mir war es so, dass ich danach noch stĂ€rker das BedĂŒrfnis hatte, etwas zurĂŒckzugeben egal, ob es um Orcas, andere Wale oder Meerestiere im Allgemeinen geht. NatĂŒrlich funktioniert das nicht bei jedem Menschen gleich. Aber ich glaube, dass direkte Begegnungen bei vielen ein Bewusstsein dafĂŒr schaffen können, wie schĂŒtzenswert diese Tiere und ihre LebensrĂ€ume sind.


Ein letzter Mutmacher

Healthy Lady:
Was wĂŒrdest du Menschen sagen, die von so einem Erlebnis trĂ€umen, sich aber nicht trauen?

Kenan:
Machen. Einfach machen. Ich weiß, dass es eine Überwindung ist vor allem fĂŒr Menschen, die Respekt vor der Tiefe des Meeres haben oder Angst davor, was dort unten sein könnte. Genau deshalb wĂŒrde ich raten: Informiert euch. Und zwar so gut wie möglich. Wir leben im Internetzeitalter, man kann heute alles recherchieren und sich vorbereiten. Einige haben mir nach meinem Video geschrieben, dass sie diese Tour bereits gebucht haben, weil sie das Erlebnis so gefeiert haben. Das hat mich natĂŒrlich besonders gefreut, weil ich das GefĂŒhl hatte, ein kleiner Teil davon zu sein, dass sie sich nun selbst diesen Traum erfĂŒllen.

Zum Abschied noch ein Tipp: Denkt nicht an die Angst oder daran, wie kalt das Wasser ist. Sobald man reinspringt, verschwinden beide Gedanken ganz von allein und man ist einfach nur voller Energie und GlĂŒck.

Weltweit gibt es rund 90 Wal- und Delfinarten, von denen viele saisonal durch norwegische GewĂ€sser ziehen. Zahlreiche Arten stehen heute unter Schutz, nachdem ihre BestĂ€nde durch jahrzehntelangen Walfang stark zurĂŒckgegangen waren. (Foto:Kenan)

Was man ĂŒber Wal-Touren in freier Wildbahn wissen sollte

Was Kenan erlebt hat, zeigt, wie eindrĂŒcklich Begegnungen mit Wildtieren sein können und wie viel Verantwortung, Respekt und Vorbereitung damit verbunden sind. Orcas lassen sich in Nordnorwegen meist im Rahmen gefĂŒhrter Schnorcheltouren beobachten, vor allem im Winter, wenn sie den HeringsschwĂ€rmen in die Fjorde folgen.

Wer von einer solchen Tour trĂ€umt, sollte sich bewusst sein, dass es sich um ein Naturerlebnis ohne Garantie handelt. Wetter, SichtverhĂ€ltnisse, Wellengang, Wassertemperaturen und das Verhalten der Tiere können herausfordernd sein und den Ablauf jederzeit verĂ€ndern oder sogar dazu fĂŒhren, dass eine Tour kurzfristig abgesagt wird. Neben sicheren Schwimmkenntnissen braucht es auch eine gewisse körperliche und mentale Vorbereitung.

Entscheidend ist außerdem die Wahl des Anbieters. Seriöse Veranstalter arbeiten mit klaren Regeln zum Schutz der Tiere, begrenzen die GruppengrĂ¶ĂŸe und verzichten strikt auf BerĂŒhren, FĂŒttern, aktives AnnĂ€hern oder Verfolgen der Orcas. Gute Anbieter erklĂ€ren vorab transparent, welche AbstĂ€nde eingehalten werden, wie lange Begegnungen maximal dauern und wann abgebrochen wird. Verantwortungsvoller Wildtier-Tourismus bedeutet daher, sich vorab zu informieren, Grenzen zu akzeptieren und das Wohl der Tiere konsequent ĂŒber das eigene Erlebnis zu stellen.



Haarlaminierung – Die perfekte Option fĂŒr strapaziertes & brĂŒchiges Haar

Kennst du diesen Moment beim Friseur, wenn dein Haar nach dem Styling weich ĂŒber die Schultern fĂ€llt, im Licht glĂ€nzt und sich plötzlich so glatt und gepflegt anfĂŒhlt wie selten zuvor? Kaum verlĂ€sst man den Salon, wĂŒnscht man sich, dieses GefĂŒhl einfach mit nach Hause nehmen zu können.

Doch im Alltag sehen die Haare oft ganz anders aus. Sie wirken trocken, verlieren an Glanz oder beginnen bei der kleinsten Feuchtigkeit zu frizzeln. Genau hier kommt eine Behandlung ins Spiel, die in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Die Haarlaminierung verspricht glÀnzendes, geschmeidiges Haar und eine sichtbar glattere Struktur.

Doch was steckt eigentlich hinter dieser Methode, fĂŒr wen ist sie geeignet und kann man sie auch selbst zu Hause durchfĂŒhren?


Die Methode hinter glÀnzendem Haar

Bei der Haarlaminierung wird eine spezielle Pflegeformel auf das Haar aufgetragen, die sich wie ein feiner Schutzfilm um jedes einzelne Haar legt. Diese Schicht glĂ€ttet die Ă€ußere Schuppenschicht der Haare, wodurch die OberflĂ€che gleichmĂ€ĂŸiger wird und das Licht besser reflektiert. Das Ergebnis sind glĂ€nzendere, geschmeidigere und gepflegt wirkende Haare.

Die verwendeten Produkte enthalten meist pflegende Inhaltsstoffe wie Keratin, Proteine, Kollagen, pflanzliche Öle oder Vitamine. Diese Wirkstoffe legen sich um das Haar und fĂŒllen kleine Unebenheiten in der Haarstruktur auf. Dadurch wirkt das Haar glatter, lĂ€sst sich leichter kĂ€mmen und erhĂ€lt einen intensiveren Glanz.

Im Gegensatz zu chemischen GlĂ€ttungsbehandlungen verĂ€ndert die Haarlaminierung die Haarstruktur nicht dauerhaft. Sie wirkt eher wie eine intensive Pflegekur, die das Haar umhĂŒllt, schĂŒtzt und ihm ein gesĂŒnderes Aussehen verleiht.


FĂŒr wen ist Haarlaminierung geeignet und fĂŒr wen nicht?

Haarlaminierung eignet sich besonders fĂŒr trockenes, strapaziertes oder glanzloses Haar. Wenn die Haare durch hĂ€ufiges FĂ€rben, Styling oder Hitze geschĂ€digt sind, kann die Behandlung helfen, die HaaroberflĂ€che zu glĂ€tten und dem Haar wieder mehr Geschmeidigkeit und Glanz zu verleihen. Auch bei frizzigem oder schwer zu bĂ€ndigendem Haar kann eine Laminierung sinnvoll sein, da sie die Haarstruktur optisch glĂ€ttet und das Haar leichter kĂ€mmbar macht.

Weniger geeignet ist die Behandlung jedoch fĂŒr sehr feines oder schnell fettendes Haar, da die zusĂ€tzliche Pflegeschicht das Haar beschweren kann. Auch bei stark geschĂ€digtem Haar, das bereits brĂŒchig oder stark strapaziert ist, sollte man vorsichtig sein und im Zweifel zuerst eine intensive Aufbaupflege verwenden. In solchen FĂ€llen kann eine Beratung beim Friseur oder bei einer Fachperson sinnvoll sein, um die passende Behandlung fĂŒr das eigene Haar zu finden.


Produkte aus der Drogerie

Viele Menschen entscheiden sich dafĂŒr, Haarlaminierung nicht im Salon, sondern zu Hause durchzufĂŒhren. Das ist deutlich gĂŒnstiger und mit den richtigen Produkten auch relativ einfach umzusetzen. In Drogerien gibt es inzwischen spezielle Laminierungs- oder Glossing-Produkte, die sich wie eine pflegende Schicht um das Haar legen und fĂŒr mehr Glanz und Geschmeidigkeit sorgen.

Die Anwendung ist meist unkompliziert. Nach dem Haarewaschen wird das Produkt gleichmĂ€ĂŸig im feuchten Haar verteilt und fĂŒr einige Minuten einwirken gelassen. Anschließend wird es ausgespĂŒlt und die Haare wie gewohnt gestylt. Schon nach der ersten Anwendung wirkt das Haar oft glatter, glĂ€nzender und leichter kĂ€mmbar.

Neben fertigen Produkten aus der Drogerie gibt es auch einfache Methoden, die mit natĂŒrlichen Zutaten zu Hause durchgefĂŒhrt werden können.


Haarlaminierung mit Hausmitteln

Wer lieber auf natĂŒrliche Pflege setzt, kann eine einfache Haarlaminierung auch mit Zutaten aus der KĂŒche ausprobieren. Einige Hausmittel enthalten Proteine oder pflanzliche Wirkstoffe, die sich wie ein leichter Film um das Haar legen und ihm mehr Glanz verleihen können.

Gelatine-Haarlaminierung

Eine der bekanntesten Methoden ist die Haarlaminierung mit Gelatine. Gelatine enthĂ€lt Kollagen, das sich wie ein feiner Film um die Haarstruktur legen und die OberflĂ€che der Haare glĂ€tten kann. FĂŒr diese Methode benötigst du einen Esslöffel Gelatine, drei Esslöffel warmes Wasser und einen Esslöffel Haarmaske oder Conditioner. Löse zunĂ€chst die Gelatine im warmen Wasser auf und rĂŒhre anschließend die Haarmaske unter. Die Mischung wird danach gleichmĂ€ĂŸig in das gewaschene, leicht feuchte Haar verteilt. Lass sie etwa 20 bis 30 Minuten einwirken, damit sich die pflegenden Inhaltsstoffe um die Haare legen können. Anschließend die Haare grĂŒndlich mit lauwarmem Wasser ausspĂŒlen.


Leinsamen-Laminierung

Leinsamen enthalten viele wertvolle FettsĂ€uren und pflanzliche Schleimstoffe, die das Haar geschmeidiger machen können. Koche etwa 2 Esslöffel Leinsamen in einem Glas Wasser, bis eine leicht gelartige Konsistenz entsteht. Seihe die FlĂŒssigkeit ab und lasse sie etwas abkĂŒhlen. Verteile das Gel im feuchten Haar und lasse es etwa 20 Minuten einwirken, bevor du es ausspĂŒlst.


Aloe-Vera-Pflege fĂŒr mehr Glanz

Auch Aloe Vera kann dem Haar Feuchtigkeit und Glanz verleihen. Vermische 2 Esslöffel Aloe-Vera-Gel mit einem Esslöffel Kokosöl oder einer Haarmaske. Trage die Mischung auf das feuchte Haar auf und lasse sie etwa 20 Minuten einwirken. Anschließend grĂŒndlich ausspĂŒlen.

Diese natĂŒrlichen Methoden ersetzen zwar keine professionelle Behandlung im Salon, können dem Haar jedoch mehr Geschmeidigkeit und Glanz verleihen und eignen sich gut als regelmĂ€ĂŸige Pflege zu Hause.


Viele verwechseln Haarlaminierung mit einer Keratinbehandlung. WÀhrend Keratin das Haar langfristig glÀtten und seine Struktur verÀndern kann, wirkt Haarlaminierung eher wie eine intensive Pflegekur. (Foto: Nataliya Vaitkevich/Pexels)

Wie lange hÀlt der Effekt?

Der Effekt einer Haarlaminierung hÀlt in der Regel etwa zwei bis vier Wochen an. Wie lange das Ergebnis sichtbar bleibt, hÀngt von der Haarstruktur, der Haarpflege und davon ab, wie oft die Haare gewaschen werden. Milde Shampoos ohne aggressive Tenside können helfen, den Glanz und die Geschmeidigkeit lÀnger zu erhalten.

Die Behandlung kann dem Haar mehr Glanz, Geschmeidigkeit und Schutz verleihen. Ob im Salon, mit Drogerieprodukten oder mit natĂŒrlichen Hausmitteln zu Hause. Die Methode kann helfen, strapaziertes Haar wieder gepflegter aussehen zu lassen.


Neurodermitis – sichtbar auf der Haut, spĂŒrbar im Herzen, getragen von Mut

Neurodermitis, medizinisch auch atopische Dermatitis genannt, ist eine chronische, entzĂŒndliche Hauterkrankung, die in SchĂŒben verlĂ€uft. Sie Ă€ußert sich durch trockene, gerötete, juckende und oft rissige Haut. FĂŒr viele Betroffene ist sie weit mehr als ein medizinisches Problem – sie ist eine tĂ€gliche emotionale Belastung. Besonders Frauen empfinden Neurodermitis hĂ€ufig als beschĂ€mend, weil sie sichtbar ist und das Ă€ußere Erscheinungsbild beeinflusst. Rötungen im Gesicht, Ekzeme an HĂ€nden, Hals oder Beinen lassen sich nicht immer verbergen. Kleidung wird zur Tarnung, Make-up zur Maske, und spontane Begegnungen werden zu inneren PrĂŒfungen.

Es wĂ€re so schön, wenn wir uns selbst – und einander – einfach so annehmen könnten, wie wir sind. Ohne Bewertung. Ohne Scham. Ohne das stĂ€ndige GefĂŒhl, erklĂ€ren oder rechtfertigen zu mĂŒssen, warum unser Körper anders aussieht. Gerade sichtbare Hautkrankheiten sind schwer zu ertragen, weil sie nicht verborgen bleiben. Sie begleiten jede Begegnung, jeden Blick und jeden Spiegelmoment. Sie kratzen nicht nur an der Haut, sondern tief am Selbstwert. Sie flĂŒstern SĂ€tze wie: Du bist nicht richtig. Du bist zu viel. Du bist anders.

Viele Frauen berichten, dass sie sich „ungepflegt“, „krank“ oder „anders“ fĂŒhlen. Die Angst vor Blicken, Fragen oder gut gemeinten, aber verletzenden Kommentaren begleitet sie im Alltag. Doch all das macht dich nicht weniger wertvoll. Deine Haut erzĂ€hlt von SensibilitĂ€t, von Reaktion, von einem Körper, der fĂŒhlt. Und genau darin liegt auch deine StĂ€rke. Du darfst sichtbar sein. Du darfst dich zeigen. Du darfst existieren, ohne dich zu entschuldigen. Neurodermitis nimmt dir nicht deine Schönheit – sie fordert dich nur heraus, sie neu zu definieren.


Welche Rolle spielen Psyche und ErnÀhrung?

Die Haut ist ein Spiegel der Seele – bei Neurodermitis zeigt sich das besonders deutlich. Stress, emotionale Belastungen, Angst und innere Anspannung können SchĂŒbe auslösen oder verstĂ€rken. Viele Betroffene erleben einen Kreislauf: Die Haut verschlechtert sich, das SelbstwertgefĂŒhl leidet, Stress entsteht – und genau dieser Stress verschlimmert wiederum die Symptome. Gerade Frauen, die hĂ€ufig hohe AnsprĂŒche an sich selbst stellen, Verantwortung tragen und wenig Raum fĂŒr Erholung haben, sind hiervon stark betroffen.

Auch die ErnĂ€hrung spielt eine wichtige Rolle, allerdings nicht im Sinne einfacher Schuldzuweisungen. Neurodermitis entsteht nicht durch „falsches Essen“, doch bestimmte Nahrungsmittel können bei empfindlichen Menschen EntzĂŒndungen fördern oder Reaktionen verstĂ€rken. HĂ€ufige Trigger sind stark verarbeitete Lebensmittel, Zucker, Alkohol oder individuelle UnvertrĂ€glichkeiten. Gleichzeitig kann eine ausgewogene, entzĂŒndungsarme ErnĂ€hrung den Körper unterstĂŒtzen, das Immunsystem stabilisieren und die Hautbarriere stĂ€rken.

Wichtig ist, nicht in radikale DiĂ€ten zu verfallen. Viele Frauen geraten in einen gefĂ€hrlichen Kreislauf aus Verzicht, SchuldgefĂŒhlen und Kontrolle. Besser ist ein achtsamer Umgang: beobachten, was dem eigenen Körper guttut, und gemeinsam mit Ärzt:innen oder ErnĂ€hrungsberater:innen individuelle ZusammenhĂ€nge erkennen. Psyche und ErnĂ€hrung sind keine „Ursache“, aber sie sind mĂ€chtige VerstĂ€rker – im Positiven wie im Negativen.


Wie sind die Anzeichen?

Neurodermitis zeigt sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, doch es gibt typische Merkmale. Die Haut ist oft extrem trocken, spannt, schuppt und neigt zu Rissen. Hinzu kommen Rötungen, EntzĂŒndungen und vor allem: intensiver Juckreiz. Dieser Juckreiz kann quĂ€lend sein, den Schlaf rauben und den Alltag dominieren. Viele Betroffene wachen nachts auf, kratzen sich unbewusst und finden am Morgen blutige Stellen vor.

Die betroffenen Körperregionen variieren je nach Alter und Verlauf. HĂ€ufig sind Gesicht, Hals, HĂ€nde, Armbeugen, Kniekehlen und DekolletĂ© betroffen – also genau die Stellen, die sichtbar sind. Die Haut wirkt gereizt, manchmal nĂ€ssend, manchmal verdickt durch chronische EntzĂŒndung. In ruhigeren Phasen bleibt sie dennoch empfindlich und reagiert schnell auf Reize wie KĂ€lte, Hitze, Schweiß oder bestimmte Stoffe.

Ein frĂŒhes Warnzeichen ist oft anhaltende Trockenheit, verbunden mit Brennen oder Jucken, auch ohne sichtbare EntzĂŒndung. Viele ignorieren diese Signale lange, bis sich ein ausgeprĂ€gter Schub entwickelt. Gerade hier wĂ€re frĂŒhes Ă€rztliches Handeln entscheidend. Neurodermitis ist nicht nur „trockene Haut“ – sie ist eine komplexe Erkrankung, die ernst genommen werden muss, bevor sie sich festsetzt.


Was kann man gegen Neurodermitis tun?

Neurodermitis ist nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Ziel ist es, die Hautbarriere zu stĂ€rken, EntzĂŒndungen zu kontrollieren und SchĂŒbe zu reduzieren. Der wichtigste Schritt ist eine dermatologische Begleitung. Selbstexperimente mit Hausmitteln oder aggressiven Produkten verschlimmern die Erkrankung oft.

Die Basis jeder Therapie ist eine konsequente, medizinisch abgestimmte Pflege. RĂŒckfettende Cremes, die frei von Duftstoffen und Reizstoffen sind, helfen, die Hautbarriere aufzubauen. In akuten Phasen kommen entzĂŒndungshemmende Medikamente zum Einsatz, etwa kortisonhaltige Cremes oder moderne, nicht-steroidale Wirkstoffe. Bei schweren VerlĂ€ufen können auch systemische Therapien notwendig sein.

DarĂŒber hinaus spielen Trigger-Management und Lebensstil eine große Rolle: Stressreduktion, ausreichend Schlaf, sanfte Kleidung, milde Reinigung und ein bewusster Umgang mit Reizen. Viele Frauen profitieren zusĂ€tzlich von psychologischer UnterstĂŒtzung, um den inneren Druck zu reduzieren. Neurodermitis erfordert keine Perfektion – sondern KontinuitĂ€t und SelbstfĂŒrsorge. Jede kleine Stabilisierung ist ein Erfolg.


Wie sollte man mit dieser Krankheit umgehen?

Der vielleicht schwerste Teil im Umgang mit Neurodermitis ist nicht die Pflege, sondern die innere Haltung. Viele Frauen kĂ€mpfen nicht nur gegen ihre Symptome, sondern auch gegen sich selbst. Sie schĂ€men sich, vergleichen sich, fĂŒhlen sich „defekt“. Doch Neurodermitis ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein Teil des Körpers, der Aufmerksamkeit braucht – nicht Verurteilung.

Ein gesunder Umgang bedeutet, die Krankheit als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren, ohne sich von ihr definieren zu lassen. Das heißt nicht, aufzugeben. Es heißt, realistische Erwartungen zu entwickeln, RĂŒckschlĂ€ge nicht als Niederlage zu sehen und sich Pausen zu erlauben. Offenheit kann entlasten: Wer sich traut, ĂŒber seine Haut zu sprechen, nimmt ihr ein StĂŒck Macht.

Wichtig ist auch, Grenzen zu setzen – gegenĂŒber neugierigen Blicken, gut gemeinten RatschlĂ€gen und inneren PerfektionsansprĂŒchen. Die Haut ist nicht dein Wert. Du bist mehr als dein Erscheinungsbild. Ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist Teil der Therapie.


Neurodermitis und Weiblichkeit

Neurodermitis berĂŒhrt ein sensibles Thema: das GefĂŒhl von Weiblichkeit. Viele Frauen erleben ihre Haut als Teil ihrer IdentitĂ€t. Wenn sie sich verĂ€ndert, gerĂ€t auch das innere Bild ins Wanken. NĂ€he, BerĂŒhrung, IntimitĂ€t können plötzlich angstbesetzt sein. „Bin ich noch attraktiv?“ – diese Frage begleitet viele Betroffene.

Partnerschaften, Dating, SexualitĂ€t – all das wird von Unsicherheit ĂŒberlagert. Manche ziehen sich zurĂŒck, aus Angst vor Ablehnung. Dabei wĂŒnschen sie sich NĂ€he vielleicht mehr denn je. Hier ist es entscheidend, sich selbst nicht zu verlassen. Offenheit gegenĂŒber dem Partner kann BrĂŒcken bauen. Wer erklĂ€rt, was im eigenen Körper passiert, schafft VerstĂ€ndnis und Verbundenheit.

Weiblichkeit ist nicht makellos. Sie ist lebendig, verletzlich, echt. Neurodermitis nimmt dir nicht deine Anziehungskraft – sie fordert dich nur heraus, dich neu zu definieren. Nicht ĂŒber perfekte Haut, sondern ĂŒber PrĂ€senz, WĂ€rme und AuthentizitĂ€t.


Muttersein, Verantwortung und Sensibilisieren

Viele Frauen mit Neurodermitis sind MĂŒtter – oder tragen Verantwortung fĂŒr andere. Der eigene Körper steht dabei oft hinten an. SchĂŒbe werden ignoriert, Pflege wird zur Nebensache, weil „keine Zeit“ da ist. Gleichzeitig kann genau diese Überforderung die Symptome verstĂ€rken. Besonders belastend ist die Sorge, die Erkrankung an die eigenen Kinder weiterzugeben oder ihnen durch das eigene Hautbild Angst zu machen. Manche MĂŒtter fĂŒhlen sich schuldig, obwohl sie nichts verursacht haben. Hier braucht es AufklĂ€rung und Entlastung: Neurodermitis ist keine Schuldfrage.

Ein wichtiger Punkt, der im Alltag oft vergessen wird: Neurodermitis ist nicht ansteckend. Weder durch BerĂŒhrung noch durch NĂ€he. Trotzdem erleben viele Betroffene – auch Kinder – Ausgrenzung, weil andere unsicher sind oder falsch informiert. Gerade hier tragen wir als MĂŒtter eine besondere Verantwortung. Wir können eine Welt mitgestalten, in der Hautkrankheiten kein Tabu sind, nicht zu leisem GeflĂŒster oder HĂ€nseleien fĂŒhren, sondern zu Offenheit und VerstĂ€ndnis. Wir können unsere Kinder dafĂŒr sensibilisieren, dass sichtbare HautverĂ€nderungen nichts „GefĂ€hrliches“ sind und dass man Menschen nicht auf ihr Äußeres reduziert. Ein einfacher, aber kraftvoller Schritt ist, mit Kindern offen ĂŒber Krankheiten zu sprechen und ihnen beizubringen, dass man niemanden laut auf sein Aussehen anspricht. Ein Satz wie: â€žManche Menschen haben empfindliche Haut, das ist nichts Schlimmes und nichts, wofĂŒr man sich schĂ€men muss“ kann schon viel bewirken.

FĂŒr dich als Mama mit Neurodermitis bedeutet das: Du darfst deine Kinder in deine Welt mitnehmen, ohne sie zu belasten. ErklĂ€re ihnen altersgerecht, was mit deiner Haut passiert. So lernen sie, dass Körper unterschiedlich sind – und dass MitgefĂŒhl wichtiger ist als Neugier. Gleichzeitig stĂ€rkst du ihr Selbstbild, falls sie selbst einmal betroffen sein sollten. Du schenkst ihnen etwas, das weit ĂŒber Haut hinausgeht: die FĂ€higkeit, achtsam und respektvoll mit anderen umzugehen.

Ein weiterer, ebenso wichtiger Tipp: Achte darauf, dass dein Zuhause ein Ort ist, an dem weder deine Haut noch deine GefĂŒhle bewertet werden. Kinder spĂŒren sehr genau, wie ihre Mutter ĂŒber sich selbst denkt. Wenn du lernst, liebevoll mit dir umzugehen, vermittelst du ihnen etwas Kostbares: Dass man sich nicht verstecken muss, um liebenswert zu sein.

Auch wenn du keine Kinder hast, trĂ€gst du diese Haltung weiter – in deinem Blick, in deinen Worten, in deiner Art, anderen zu begegnen. Jedes Mal, wenn du dich selbst nicht verurteilst, wenn du jemandem mit Offenheit statt mit Scheu begegnest, verĂ€nderst du ein kleines StĂŒck dieser Welt. Du zeigst, dass Anderssein nichts ist, wofĂŒr man sich verstecken muss.


Allergisch gegen den Winter? – Das solltest du ĂŒber KĂ€lteurtikaria wissen

Neben der bekannten Wasserallergie gibt es eine weitere, fast unglaubliche Form der Überempfindlichkeit, von der viele Menschen noch nie gehört haben, die sogenannte KĂ€lteallergie – medizinisch KĂ€lteurtikaria genannt. FĂŒr Betroffene ist sie alles andere als eine harmlose Hautreaktion. Sie kann den Alltag stark einschrĂ€nken und in seltenen FĂ€llen sogar ernsthafte gesundheitliche Folgen haben.

Stell dir vor, du gehst im Winter ohne Handschuhe nach draußen, berĂŒhrst kaltes Metall, steigst in einen kĂŒhlen See oder hĂ€ltst ein Eis in der Hand. Plötzlich beginnt deine Haut zu brennen, zu jucken und anzuschwellen. Rote Quaddeln breiten sich aus, als hĂ€tte dich eine ganze Armee von MĂŒcken gestochen. Manchmal bleibt es nicht bei der Haut. Es können Schwindel, Atemnot, Herzrasen oder Kreislaufprobleme folgen.

FĂŒr Menschen mit KĂ€lteurtikaria ist die Welt voller unsichtbarer Auslöser. Ein kalter Windstoß, ein ungeheizter Raum oder selbst das kalte Wasser aus dem Hahn können eine Reaktion hervorrufen. Besonders tĂŒckisch ist, dass viele Betroffene lange nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Sie halten ihre Symptome fĂŒr empfindliche Haut, fĂŒr Stress oder fĂŒr harmlose Reizungen.

Umgangssprachlich wird von einer „Allergie“ gesprochen, doch streng genommen ist KĂ€lteurtikaria keine klassische Allergie. Bei einer echten Allergie reagiert der Körper auf einen bestimmten Stoff wie Pollen oder Nahrungsmittel. Hier ist es anders. Der Auslöser ist die KĂ€lte selbst. Ein physikalischer Reiz genĂŒgt, um im Körper eine Reaktion auszulösen. Die Hautzellen setzen Histamin frei, genau wie bei einer Allergie und der Körper verhĂ€lt sich so, als wĂ€re KĂ€lte ein gefĂ€hrlicher Eindringling. Die Symptome sind gleich, der Mechanismus dahinter ist ein anderer. Es ist, als wĂŒrde der Körper auf etwas Unsichtbares in Alarmbereitschaft gehen. Diese Erkrankung ist selten, aber real. Sie verdient Aufmerksamkeit, weil sie das Leben der Betroffenen tief beeinflussen kann. Wer versteht, was im eigenen Körper geschieht, kann lernen, sich zu schĂŒtzen und wieder mehr Sicherheit im eigenen Alltag finden.


Was ist KĂ€lteurtikaria und wie entsteht sie?

KĂ€lteurtikaria gehört zur Gruppe der Nesselsucht-Erkrankungen. Sie entsteht, wenn das Immunsystem auf KĂ€ltereize ĂŒbermĂ€ĂŸig reagiert. Dabei wird Histamin freigesetzt, ein Botenstoff, der fĂŒr Juckreiz, Schwellungen und Rötungen verantwortlich ist und auch bei klassischen Allergien eine zentrale Rolle spielt.

Der Auslöser ist kein Stoff, sondern die Temperatur. Kalte Luft, kaltes Wasser, Wind oder ein gekĂŒhlter Gegenstand reichen aus. Sobald die Haut mit KĂ€lte in BerĂŒhrung kommt und sich danach wieder erwĂ€rmt, beginnt bei Betroffenen eine Kettenreaktion. BlutgefĂ€ĂŸe erweitern sich, FlĂŒssigkeit tritt ins Gewebe, es entstehen Quaddeln, Rötungen und Schwellungen.

Warum manche Menschen diese Reaktion entwickeln, ist noch nicht vollstÀndig geklÀrt. In vielen FÀllen tritt sie plötzlich auf, manchmal nach Infekten, hormonellen VerÀnderungen oder in Phasen starken Stresses. Bei einigen verschwindet sie nach Jahren wieder, bei anderen bleibt sie dauerhaft bestehen. Am hÀufigsten ist die erworbene Form, die meist im Jugend- oder Erwachsenenalter beginnt. Sehr selten gibt es genetische Varianten, bei denen bereits Kinder betroffen sind.

Viele Betroffene zweifeln lange an sich selbst und fragen sich, ob sie einfach zu empfindlich sind. Doch KĂ€lteurtikaria ist keine Einbildung. Sie ist medizinisch anerkannt und in schweren FĂ€llen kann sie sogar zu einer gefĂ€hrlichen Kreislaufreaktion fĂŒhren, etwa wenn jemand in kaltes Wasser springt und der ganze Körper reagiert. Genau deshalb ist Wissen hier nicht nur hilfreich, sondern manchmal lebenswichtig.


Erste Anzeichen und typische Symptome

Die Symptome zeigen sich meist dort, wo die Haut mit KĂ€lte in BerĂŒhrung kommt. Innerhalb weniger Minuten entstehen rote, juckende Quaddeln, die an MĂŒckenstiche oder Brennnesselreaktionen erinnern und stark anschwellen können. Oft geht dem ein plötzliches Brennen oder Kribbeln voraus. HĂ€nde, Gesicht und Beine sind besonders hĂ€ufig betroffen. Auch Lippen, Augenlider oder Finger können deutlich anschwellen.

Viele Menschen bemerken die Reaktion zum ersten Mal im Winter oder beim Kontakt mit kaltem Wasser. Selbst kalte GetrĂ€nke können Schwellungen im Mund- und Rachenraum auslösen. In ausgeprĂ€gteren FĂ€llen bleibt es nicht bei der Haut. Dann können Schwindel, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen, Atemnot, Herzrasen oder Übelkeit auftreten. GefĂ€hrlich wird es vor allem, wenn große HautflĂ€chen gleichzeitig gekĂŒhlt werden, etwa beim Schwimmen im kalten See. Dann kann der Blutdruck stark abfallen, das Bewusstsein getrĂŒbt werden und in seltenen FĂ€llen droht ein anaphylaktischer Schock.

Wer wiederholt auf KĂ€lte mit Quaddeln oder Schwellungen reagiert, sollte diese Zeichen ernst nehmen und medizinisch abklĂ€ren lassen. Ein einfacher KĂ€ltetest beim Hautarzt kann bereits Klarheit schaffen. Allein zu wissen, was hinter den Symptomen steckt, bringt vielen Betroffenen eine große Erleichterung. Die gute Nachricht ist, dass man lernen kann, mit dieser Erkrankung umzugehen.


Was kann man dagegen tun?

KĂ€lteurtikaria lĂ€sst sich nicht einfach „wegtherapieren“, doch sie lĂ€sst sich gut kontrollieren. Der erste Schritt ist das Verstehen. Wer weiß, dass der eigene Körper auf KĂ€lte reagiert, kann bewusst vorbeugen und viele Auslöser vermeiden. Ärztlich werden meist Antihistaminika eingesetzt, also Medikamente, die die Wirkung von Histamin im Körper dĂ€mpfen. Viele Betroffene nehmen sie in der kalten Jahreszeit regelmĂ€ĂŸig oder vor geplanten KĂ€ltereizen ein. In schweren FĂ€llen können höhere Dosierungen oder spezielle Therapieformen notwendig sein.

Auch im Alltag lĂ€sst sich viel tun. Konsequenter Schutz vor KĂ€lte ist dabei keine Kleinigkeit, sondern echte Vorsorge. Handschuhe, Schals, MĂŒtzen und winddichte Kleidung helfen, die Haut vor Reizen zu bewahren. Kalte BĂ€der und ungeschĂŒtzter Kontakt mit eiskaltem Wasser sollten vermieden werden. Sehr kalte GetrĂ€nke können ebenfalls problematisch sein. Ebenso wichtig ist es, sich langsam wieder aufzuwĂ€rmen, denn abrupte Temperaturwechsel können die Reaktion verstĂ€rken.

Hausmittel können die Erkrankung nicht heilen, aber sie können unterstĂŒtzen. Viele Betroffene berichten, dass regelmĂ€ĂŸige Hautpflege die natĂŒrliche Schutzbarriere stĂ€rkt, milde Wechselduschen die Haut allmĂ€hlich robuster machen, eine entzĂŒndungsarme ErnĂ€hrung das Hautbild verbessert und bewusste Stressreduktion die HĂ€ufigkeit der SchĂŒbe senkt. AuffĂ€llig ist, dass KĂ€lteurtikaria bei manchen Menschen in belastenden Lebensphasen stĂ€rker wird. Der Körper steht dann ohnehin unter innerem Alarm. Entspannung, Schlaf und innere Ruhe können die Reizschwelle erhöhen und helfen, den Körper wieder zu beruhigen. Menschen mit schweren VerlĂ€ufen tragen oft ein Notfallset bei sich, Ă€hnlich wie andere Allergiker. Dieses Wissen gibt Sicherheit und im Ernstfall Schutz.

KĂ€lteurtikaria bedeutet nicht, dass dein Leben kleiner werden muss.
Sie bedeutet nur, dass du lernst, deinen Körper besser zu lesen.


Wenn die Lust verschwindet: Warum du nicht schuld bist – und was wirklich dahintersteckt

Du sitzt mit deinen Freundinnen beim MĂ€delsabend. Alle reden offen ĂŒber ihr Sexleben, erzĂ€hlen von Leidenschaft, von Lust, von aufregenden Momenten. Es wird gelacht, gescherzt. Und du sitzt da, lĂ€chelst höflich, aber innerlich zieht sich etwas zusammen. Du fĂŒhlst dich unsicher. Du fĂ€ngst an, dich zu schĂ€men.
Denn wĂ€hrend die anderen beschreiben, wie sehr sie ihr Sexualleben genießen, denkst du nur: „Warum fĂŒhle ich das nicht? Was stimmt nicht mit mir?“ Du fragst dich, ob du „anders“ bist. Ob du unnormal bist. Ob deine Beziehung kaputt ist. Und du hoffst einfach, dass dich niemand direkt anspricht. Doch was du in diesem Moment nicht weißt: Du bist alles andere als allein. Und es ist kein persönliches Versagen.

Lustlosigkeit ist kein Charakterfehler. Es ist oft ein körperliches Zeichen, ein hormonelles Ungleichgewicht, Stress, Stillzeit, Zyklusphase, Medikamente oder VerĂ€nderungen im Körper, ĂŒber die kaum jemand spricht. Denn vergiss nicht, Menschen reden lieber ĂŒber das, was gut lĂ€uft, als ĂŒber das, was gerade schwerfĂ€llt.

Dieser Artikel ist fĂŒr dich. Er soll dir zeigen, dass du dich nicht schĂ€men musst.
Dass es GrĂŒnde fĂŒr deine Lustlosigkeit gibt und zum GlĂŒck auch Wege, sie zu verĂ€ndern.


Lustlosigkeit bei Frauen ist selten „Kopfsache“ – und fast nie deine Schuld

Frauen wird in solchen Situationen erstaunlich oft erklĂ€rt, sie mĂŒssten sich „einfach nur entspannen“, sie hĂ€tten „zu viel im Kopf“ oder sie wĂŒrden „halt nicht mehr wollen“. Doch solche SĂ€tze sind nicht nur falsch, sie sind auch unfair. Sie schieben die Verantwortung auf die Frau, obwohl die Ursachen fĂŒr Lustlosigkeit in den meisten FĂ€llen körperlich sind und nichts mit mangelndem Wollen, falscher Einstellung oder fehlender Liebe zu tun haben.

„Wenn die Lust fehlt, ist das selten eine Frage des Wollens – sondern der Hormone.“

Unser Körper steuert SexualitĂ€t ĂŒber Hormone, Nervensystem, Stresslevel und Blutfluss.
Wenn dort etwas aus dem Gleichgewicht gerĂ€t, verschwindet die Lust, selbst wenn der Kopf „ja“ sagt.


Die 5 hĂ€ufigsten körperlichen GrĂŒnde fĂŒr Lustlosigkeit

1. Zyklus – Lust kommt und geht natĂŒrlich

Der weibliche Zyklus hat einen viel grĂ¶ĂŸeren Einfluss auf die Libido, als viele Frauen ahnen. Im Laufe eines Monats verĂ€ndert sich das Zusammenspiel der Hormone stĂ€ndig und damit auch das sexuelle Verlangen. Rund um den Eisprung, wenn der Körper biologisch gesehen am fruchtbarsten ist, steigt bei vielen Frauen ganz automatisch die Lust. Alles fĂŒhlt sich lebendiger, intensiver und empfindsamer an. Doch sobald die zweite ZyklushĂ€lfte beginnt, fĂ€llt der Testosteronspiegel wieder ab und mit ihm oft auch das Verlangen. Viele Frauen denken dann, sie seien „weniger sexuell“ oder „komisch“, dabei ist es einfach ein natĂŒrlicher, hormoneller Rhythmus. Lust ist nicht jeden Tag gleich stark, und das muss sie auch nicht sein. Wenn man diese Schwankungen versteht, kann man viel entspannter mit ihnen umgehen und vor allem aufhören, sich selbst dafĂŒr zu verurteilen.

„Das ist Biologie, kein Problem.“


2. Die Pille – kleine Tablette, große Wirkung

Die Mehrheit der Damen unterschĂ€tzen, wie stark die Pille den Körper beeinflussen kann, besonders die Libido. Einige Pillensorten senken den Testosteronspiegel so deutlich, dass das Lustzentrum im Gehirn regelrecht heruntergefahren wird. Viele spĂŒren dann weniger Verlangen, weniger Feuchtigkeit und manchmal auch deutlich weniger Empfindsamkeit. Auch Orgasmen können schwĂ€cher werden oder ganz ausbleiben, ohne dass man sofort den Zusammenhang erkennt. HĂ€ufig bemerken Frauen erst nach dem Absetzen, wie sehr die Pille ihre Lust beeinflusst hat, weil der Körper dann zum ersten Mal wieder „aufatmen“ kann und die Libido zurĂŒckkehrt. Das alles bedeutet nicht, dass die Pille schlecht ist, aber es ist wichtig, dass Frauen wissen, wie intensiv sie die eigene SexualitĂ€t verĂ€ndern kann.

„Viele Frauen stellen erst nach dem Absetzen fest, wie sehr die Pille ihre Libido beeinflusst hat.“


3. Stress & Cortisol – der unterschĂ€tzte Lustkiller

Stress ist einer der hĂ€ufigsten GrĂŒnde fĂŒr Lustlosigkeit. Wenn wir gestresst sind, schĂŒttet der Körper vermehrt Cortisol aus, ein Hormon, das den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Und in diesem Zustand hat unser System nur ein Ziel: funktionieren, ĂŒberstehen, weitermachen. Lust und SexualitĂ€t rutschen dann automatisch an das Ende der PrioritĂ€tenliste. Der Körper entscheidet ganz simpel: „Überleben ist wichtiger als Lust.“ Das hat nichts mit fehlender Liebe oder mangelnder NĂ€he zu tun. Es ist eine natĂŒrliche Reaktion, die viele Frauen unterschĂ€tzen. Schlafmangel, Dauerbelastung, Mental Load, beruflicher Druck oder Sorgen können die Libido regelrecht „runter drehen“, ohne dass wir es bewusst merken. Sobald der Stress weniger wird, kann auch die Lust wieder zurĂŒckkehren, oft schneller, als man denkt.


4. Stillzeit – Prolaktin bremst die Lust aus

Nach der Geburt verĂ€ndert sich der Körper einer Frau enorm, und wĂ€hrend der Stillzeit steht ein Hormon besonders im Mittelpunkt: Prolaktin. Es sorgt dafĂŒr, dass die Milchproduktion lĂ€uft und gleichzeitig dĂ€mpft es ganz automatisch die Libido. Viele frischgebackene Mamas fĂŒhlen sich schuldig, weil sie keine Lust verspĂŒren, obwohl sie ihren Partner lieben. Doch genau das ist völlig normal. Der Körper richtet in dieser Phase seine gesamte Energie auf das Baby aus: auf Versorgung, Schutz und Regeneration. SexualitĂ€t rĂŒckt dabei oft in den Hintergrund, ohne dass es ein Zeichen fĂŒr Beziehungsprobleme ist. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun, sondern ist eine biologische PrioritĂ€tensetzung. Sobald das Stillen weniger wird oder endet, pendelt sich auch die Lust bei vielen Frauen wieder ein, manchmal ganz plötzlich, manchmal Schritt fĂŒr Schritt. Wichtig ist: Niemand muss sich dafĂŒr schĂ€men, denn der Körper macht in dieser Zeit einfach einen unglaublichen Job.


5. Wechseljahre – ein hormoneller Neustart

In den Wechseljahren verĂ€ndert sich der Körper einer Frau tiefgreifend und das betrifft auch die SexualitĂ€t. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, wird das Gewebe im Intimbereich oft trockener und empfindlicher, die SchleimhĂ€ute verlieren Feuchtigkeit und die Durchblutung nimmt ab. Dadurch fĂŒhlt sich SexualitĂ€t manchmal anders an als frĂŒher: weniger intensiv, weniger spĂŒrbar oder sogar unangenehm. Viele Frauen erschrecken darĂŒber und denken sofort, mit ihnen stimme etwas nicht. Doch diese VerĂ€nderungen sind ein völlig natĂŒrlicher Teil des körperlichen Übergangs. Sie bedeuten nicht, dass die Lust verschwunden ist oder dass sie nie zurĂŒckkommt. Der Körper braucht einfach neue Bedingungen, neue Pflege, manchmal medizinische UnterstĂŒtzung und manchmal nur ein bisschen Geduld. Die Wechseljahre sind kein Ende der SexualitĂ€t, sondern ein neuer Abschnitt, in dem sich viele Dinge verĂ€ndern dĂŒrfen.

„Lust ist wie ein hormonelles Orchester und manchmal spielt ein Instrument leiser.“


Und ja, auch der Beckenboden spielt mit

Der Beckenboden hat viel mehr mit Lust und SexualitĂ€t zu tun, als viele Frauen wissen. Wenn er zu schwach ist, kann Sex weniger intensiv sein, weil die Durchblutung und das KörpergefĂŒhl im Intimbereich nachlassen. Manche Frauen spĂŒren beim Sex dann einfach weniger, selbst wenn sie eigentlich Lust hĂ€tten. Ein schwacher Beckenboden kann sogar dazu fĂŒhren, dass es sich anfĂŒhlt, als wĂ€re „alles zu locker“ oder als wĂŒrde man beim Sex nicht richtig anspannen können und das kann das Lustempfinden deutlich beeinflussen.

Aber auch das Gegenteil kann passieren: Ein verspannter oder „zu fester“ Beckenboden kann ebenso Probleme machen. Viele Frauen wissen nicht einmal, dass sie dauerhaft anspannen, oft aus Stress, Schmerzen oder einfach aus unbewusster Gewohnheit. In solchen FĂ€llen kann Sex unangenehm oder sogar schmerzhaft werden, weil die Muskulatur nicht loslassen kann. Das hat nichts mit mangelnder Lust zu tun, sondern damit, dass der Körper nicht entspannen kann, obwohl der Kopf vielleicht möchte.

Der Beckenboden ist also ein stiller Mitspieler, der oft unterschĂ€tzt wird. Er beeinflusst, wie intensiv wir Sex spĂŒren, wie gut wir entspannen können und wie frei unser Körper ĂŒberhaupt reagieren kann. Deshalb lohnt es sich, ihn kennenzulernen und zu stĂ€rken oder zu entspannen, je nachdem, was der eigene Körper gerade braucht.

„Viele Frauen kennen ihren Beckenboden nicht – dabei könnte Training hier viel verbessern.“


Was kannst du tun? – Die ersten Schritte

Ein erster wichtiger Schritt ist es, den eigenen Zyklus bewusst zu beobachten. Viele Frauen stellen fest, dass ihre Lust nicht konstant ist, sondern sich im Verlauf des Monats verÀndert. Zu verstehen, wann sie stÀrker oder schwÀcher wird, kann enorm helfen.

Auch Stress spielt eine entscheidende Rolle. So banal es klingt: Weniger Stress bedeutet oft mehr Zugang zum eigenen Körper. Kleine Dinge wie ausreichend Schlaf, bewusste Pausen, Bewegung oder AtemĂŒbungen können hier bereits viel verĂ€ndern.

Wenn Unsicherheit besteht, kann ein Hormoncheck beim Arzt sinnvoll sein. Ein einfacher Bluttest gibt oft Klarheit darĂŒber, ob hormonelle Faktoren eine Rolle spielen.

Ebenso lohnt sich ein Blick auf Medikamente. Die Pille, Antidepressiva oder andere PrÀparate können die Libido beeinflussen, oft ohne dass es bewusst wahrgenommen wird.

Ein weiterer, oft unterschĂ€tzter Faktor ist der Beckenboden. Gezieltes Training verbessert die Durchblutung, steigert die SensibilitĂ€t und stĂ€rkt das eigene KörpergefĂŒhl.

Genauso wichtig ist die Kommunikation in der Partnerschaft. Offen darĂŒber zu sprechen, ohne Schuldzuweisungen, nimmt Druck aus der Situation. Lustlosigkeit bedeutet nicht automatisch fehlende Liebe.

Und schließlich darf auch ganz praktisch gedacht werden: Gleitgel zu verwenden ist kein Zeichen von „Problemen“, sondern ein völlig normales Hilfsmittel. Gerade bei hormonell bedingter Trockenheit kann es helfen, wieder mehr Leichtigkeit und Freude zu erleben.


Wann sollte ich zum Arzt – und warum es kein Grund fĂŒr Scham ist

Du solltest mit deiner FrauenĂ€rztin sprechen, sobald du das GefĂŒhl hast, dass sich deine Lust deutlich verĂ€ndert hat und es dich belastet. Viele Frauen warten viel zu lange, weil sie glauben, es sei peinlich oder „nicht wichtig genug“. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Lustlosigkeit kann ein Hinweis darauf sein, dass dein Körper UnterstĂŒtzung braucht. Sei es hormonell, körperlich oder emotional.

Wenn Sex weh tut, wenn du plötzlich sehr trocken bist, wenn du kaum noch Verlangen spĂŒrst oder wenn du das GefĂŒhl hast, dass dein Körper nicht mehr so reagiert wie frĂŒher, ist das keine SchwĂ€che und kein persönliches Versagen. Es ist ein Zeichen, das du ernst nehmen darfst. Auch eine starke VerĂ€nderung nach dem Absetzen der Pille, wĂ€hrend der Stillzeit oder in den Wechseljahren ist ein guter Grund, mit deiner Ärztin darĂŒber zu sprechen.

Niemand muss sich dafĂŒr schĂ€men. FrauenĂ€rztinnen hören solche Themen tĂ€glich – fĂŒr sie ist es genauso normal wie ein GesprĂ€ch ĂŒber den Zyklus oder VerhĂŒtung. Und je frĂŒher du darĂŒber sprichst, desto schneller kannst du herausfinden, was wirklich los ist und was dir helfen könnte. Es ist ein Akt der SelbstfĂŒrsorge, kein Grund, den Kopf zu senken. Denn am Ende gilt: Du musst diese VerĂ€nderungen nicht alleine mit dir herumtragen. Es ist vollkommen okay, Fragen zu stellen und es ist mutig, sich Hilfe zu holen.



Zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet? Was Eltern wissen mĂŒssen

Es beginnt oft unscheinbar. Ein Streit ĂŒber den Gartenzaun, eine laute Auseinandersetzung im Treppenhaus oder verletzte GefĂŒhle nach einer Trennung. Manchmal reicht ein einziger Anruf und plötzlich steht das Jugendamt vor der TĂŒr. Ein fremder Mensch stellt Fragen zur Erziehung und blickt prĂŒfend in die Kinderzimmer. FĂŒr viele Eltern ist dieser Moment ein Schock. Die Angst, das eigene Kind zu verlieren, lĂ€sst kaum Raum fĂŒr klare Gedanken.

Doch was geschieht eigentlich, wenn eine Meldung beim Jugendamt eingeht? Wie prĂŒfen Behörden solche Hinweise und wie sollten Eltern reagieren, wenn sich die VorwĂŒrfe als unbegrĂŒndet erweisen?

DarĂŒber sprechen wir heute mit Stefanie Schlösser. Sie war viele Jahre Jugendamtsleiterin in Nordrhein-Westfalen und kennt die AblĂ€ufe aus erster Hand. Sie weiß, wie Meldungen bewertet werden und warum gerade das erste GesprĂ€ch mit dem Amt entscheidend sein kann.

In diesem Interview erklÀrt sie, welche Rechte Familien haben, wie man mit falschen Anschuldigungen umgeht und warum Wissen in solchen Momenten der wichtigste Schutz sein kann.


Wenn plötzlich das Jugendamt eingeschaltet wird

Healthy Lady: Gerade unbegrĂŒndete Meldungen sorgen bei vielen Eltern fĂŒr große Verunsicherung. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie solche Situationen eingeordnet werden. Was passiert, wenn man völlig zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet wird, etwa durch den bösen Nachbarn oder den verĂ€rgerten Ex-Partner? Wie prĂŒfen FachkrĂ€fte solche Anschuldigungen?

Stefanie Schlösser: Die Sorge, zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet zu werden, ist weit verbreitet. Viele haben das Bild im Kopf, dass man dauerhaft kontrolliert wird, sobald man einmal in der Akte ist. Doch so funktioniert die Arbeit nicht. Ja, jede Meldung muss geprĂŒft werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber die meisten FachkrĂ€fte sind ehrlich gesagt froh, wenn sich eine Meldung als unbegrĂŒndet herausstellt, denn dann ist kein Kind gefĂ€hrdet und es muss kein weiterer Fall dauerhaft bearbeitet werden. Die JugendĂ€mter sind ohnehin stark ausgelastet.

Wie geprĂŒft wird, hĂ€ngt vom Inhalt der Meldung ab. Geht es um die Wohn- und Lebenssituation des Kindes, wird meist ein Hausbesuch als Mittel gewĂ€hlt. Je nach GefĂ€hrdungseinschĂ€tzung wird dieser angekĂŒndigt oder unangekĂŒndigt durchgefĂŒhrt. Bei hygienischen oder versorgungsbezogenen Sorgen ist eine AnkĂŒndigung oft wenig sinnvoll, weil sich der Eindruck dann kurzfristig herausputzen lĂ€sst. Geht es um Sachverhalte, die man ohnehin vermutlich nicht live erleben wĂŒrde, wĂŒrde man sich eher ankĂŒndigen. Geht es um Themen, die man im GesprĂ€ch klĂ€ren kann, kann auch eine Einladung ins Jugendamt erfolgen. Eine freundlich formulierte Einladung ist in der behördlichen Sprache nicht automatisch eine unverbindliche Option. Oft handelt es sich um eine höflich formulierte Aufforderung. Deshalb rate ich dringend, solche Schreiben ernst zu nehmen, darauf zu reagieren und lieber einmal nachzufragen, wenn man unsicher ist.

Im Rahmen der PrĂŒfung schauen FachkrĂ€fte auf das Gesamtbild. Wie wirkt das Kind? Wie wirken die Eltern? Passen die Schilderungen zur Meldung oder ergeben sich andere EindrĂŒcke? Es erfolgt eine sozialpĂ€dagogische Diagnostik, die zuerst Informationen sammelt, dann analysiert und auswertet, anschließend bewertet und auf Grundlage dieser Hypothesen und Analysen eine fundierte Entscheidung trifft. Am Ende steht eine fachliche EinschĂ€tzung. In einem großen Teil der FĂ€lle wird die Meldung als unbegrĂŒndet bewertet und beendet. In anderen FĂ€llen wird sensibilisiert und gegebenenfalls eine freiwillige Hilfe empfohlen. Nur in einem sehr kleinen Teil der FĂ€lle fĂŒhrt eine Meldung tatsĂ€chlich zu einer Inobhutnahme. Der Regelfall ist das ausdrĂŒcklich nicht.

Stefanie Schlösser kennt die Arbeit der JugendĂ€mter aus erster Hand. Als ehemalige Jugendamtsleiterin bringt sie langjĂ€hrige Erfahrung und fundiertes Wissen ĂŒber AblĂ€ufe und Entscheidungsprozesse mit. (Bild: Stefanie Schlösser)

Wie Meldungen beim Jugendamt geprĂŒft werden

Healthy Lady: Wenn Mitarbeiterinnen unangekĂŒndigt vor der TĂŒr stehen, wie lĂ€uft so ein Einsatz ab?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und QualitĂ€tsgrĂŒnden in der Regel mindestens zu zweit durchgefĂŒhrt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Eine Visitenkarte ist ebenfalls hilfreich.

Wenn FachkrĂ€fte unangekĂŒndigt kommen, gibt es dafĂŒr einen Grund. Wer in dieser Situation die TĂŒr nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangslĂ€ufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der NĂ€he wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte jedoch nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist. Das kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufĂŒgt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als UnterstĂŒtzung haben, nicht darum, dass diese Person dann das GesprĂ€ch leitet. DarĂŒber hinaus kann das Jugendamt fĂŒr das weitere Vorgehen oder fĂŒr Teile des GesprĂ€ches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden wĂŒrden, man zB. ĂŒber eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr EinverstĂ€ndnis nicht gegeben hat, dass ĂŒber sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf.

Zum standardisierten Ablauf gehört außerdem, dass sich die FachkrĂ€fte einen Eindruck von den LebensverhĂ€ltnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen RĂ€ume der Wohnung. Die Frage „DĂŒrfen wir uns das Kinderzimmer ansehen?“ ist höflich formuliert, gehört aber zum fachlichen Vorgehen.

FachkrĂ€fte interessieren sich dabei nicht fĂŒr einen perfekten und staubfreien Haushalt, sondern fĂŒr Dinge wie folgende. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen RĂŒckzugsort? Wie sind Hygiene und Sicherheit? Steht seit Wochen Geschirr in der SpĂŒle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefĂ€hrliche GegenstĂ€nde herum, gibt es offenes Feuer oder ein Verletzungsrisiko? Sind die RĂ€ume so gestaltet, dass sich ein Kind darin entwickeln kann?

Wenn sich im GesprĂ€ch und bei der Inaugenscheinnahme zeigt, dass die Meldung unbegrĂŒndet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn ein UnterstĂŒtzungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


So können sich Eltern auf den Kontakt mit dem Jugendamt vorbereiten

Healthy Lady: Wie können sich Eltern am besten vorbereiten, wenn das Jugendamt eingeschaltet wird?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet, konsequent zu dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worĂŒber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden, was zugesichert wurde und was nicht. All das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit sowie kurzem Inhalt und Ablauf festgehalten werden. Aussagen wie „Wir haben irgendwann im November telefoniert“ helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sinnvoll sein, sich dafĂŒr eine eigene „Jugendamtsakte“ anzulegen, chronologisch sortiert.

GrundsĂ€tzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu GesprĂ€chen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verĂ€ndert jede zusĂ€tzliche Person die GesprĂ€chsdynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung. Brauche ich jemanden, der mich emotional stabilisiert, mitdenkt oder ĂŒbersetzt? Oder bin ich in diesem GesprĂ€ch allein handlungsfĂ€higer? LĂ€dt eventuell eine weitere Person die Situation sogar zusĂ€tzlich auf? GrundsĂ€tzlich gilt: Sobald in einem GesprĂ€ch ĂŒber andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, mĂŒssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem GesprĂ€ch mitbringen. Dann darf im GesprĂ€ch ausschlieáșžlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wĂ€re tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen GesprĂ€chen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen fĂŒr die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein TrĂ€ger bringt einen Bericht ein und Ă€ußert die EinschĂ€tzung, dass der Vater mehr UnterstĂŒtzung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfĂ€hrt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen GesprĂ€chen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschĂŒtzt bleiben und niemand sich ĂŒbergangen fĂŒhlt.

Hilfreich ist auch, sich vorab klarzumachen, in welchem „Modus“ das Jugendamt gerade mit mir arbeitet. Geht es um Beratung, etwa zu Sorge oder Umgangsrecht? Geht es um eine Hilfe zur Erziehung, also eine bewilligte Leistung? Oder ist der Anlass eine mögliche KindeswohlgefĂ€hrdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Rolle, Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der FachkrĂ€fte deutlich und damit auch die Ansprachen.

Und ganz wichtig ist der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen, in denen das Jugendamt eingeschaltet ist, sind hĂ€ufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind verstĂ€ndlich, im GesprĂ€ch jedoch oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig, nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drĂŒckt das bei mir? Was brauche ich, um in dem GesprĂ€ch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dĂŒrfen und sollen spĂ€ter Raum bekommen, bei Freundinnen, in Therapie oder Beratung. Das GesprĂ€ch mit dem ASD ist zielorientiert und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Diese Fehler sollten Eltern im Umgang mit dem Jugendamt vermeiden

Healthy Lady: Welche typischen Fehler machen Eltern im Umgang mit dem Jugendamt und wie kann man sie vermeiden?

Stefanie Schlösser: Ein hĂ€ufiger Fehler ist, die gesamte, oft verstĂ€ndliche EmotionalitĂ€t ungefiltert in die GesprĂ€che hineinzutragen. Das ist menschlich, aber fachlich selten hilfreich. FachkrĂ€fte mĂŒssen beurteilen, ob Eltern in der Lage sind, in belasteten Situationen handlungsfĂ€hig zu bleiben. Wer im GesprĂ€ch permanent eskaliert, vermittelt ungewollt das Gegenteil. Außerdem hat man in diesen GesprĂ€chen nur einen begrenzten zeitlichen Rahmen. Wenn alle Parteien nun ausfĂŒhrlich ihre Emotionen besprechen und man darauf eingehen mĂŒsste, sĂ€ĂŸe man schnell mehrere Stunden am Tisch.

Ein zweiter typischer Fehler ist die Erwartung, das Jugendamt solle Konflikte zwischen Erwachsenen stellvertretend lösen. Formulierungen wie „Sagen Sie meinem Ex Mann bitte, dass er das und das zu tun hat“ oder „Können Sie meiner Ex Frau erklĂ€ren, was besser fĂŒrs Kind ist?“ begegnen uns sehr hĂ€ufig. Der Auftrag des Jugendamtes ist aber nicht, Partei zu ergreifen und einem Elternteil Recht zu geben, sondern die Situation des Kindes zu betrachten. Wenn Eltern grundlegende Entscheidungen nicht mehr miteinander treffen können, stellt sich eher die Frage, wie tragfĂ€hig ihre gemeinsame elterliche Verantwortung ist, was am Ende dazu fĂŒhren könnte, dass ein Beratungssetting in eine Bewertung der ErziehungsfĂ€higkeit ĂŒbergeht.

Ein dritter Fehler besteht darin, das Jugendamt als Gegner zu betrachten und sich grundsĂ€tzlich gegen alles zu sperren, hĂ€ufig beeinflusst durch Internetforen oder Gruppen, die pauschal raten, nicht zu kooperieren. Aus meiner Erfahrung wurde ein solches Verhalten nie zugunsten der Eltern oder des Kindes bewertet. Im Gegenteil. Es verstĂ€rkt den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll oder dass Eltern nicht bereit sind, Verantwortung, auch und vor allem fĂŒr das eigene Handeln, zu ĂŒbernehmen.

Was hilft, ist eine innere HaltungsĂ€nderung. Weg von der Frage „Wie bekomme ich das, was ich fĂŒr Recht halte?“ hin zu „Was braucht mein Kind und was kann ich dazu beitragen?“ Wenn Eltern bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und VerĂ€nderungen zumindest zu prĂŒfen, öffnet das oft TĂŒren. VerĂ€nderungen, die von außen angeregt werden, erzeugen zunĂ€chst Widerstand. Das ist normal. Aber wenn man gerade in einer familiĂ€ren Situation ist, in der man nicht weiterkommt oder sogar eine SchĂ€digung im Raum steht, wird eine Partei ihr Verhalten anpassen mĂŒssen, und in den allermeisten FĂ€llen sind das die Eltern.


Was Familien in einer Krise mit dem Jugendamt helfen kann

Healthy Lady: Liebe Stefanie, was möchtest du Familien sagen, die selbst gerade eine Krise mit dem Jugendamt durchmachen und kaum noch Hoffnung sehen?

Stefanie Schlösser: ZunĂ€chst. Die GefĂŒhle, die in solchen Situationen auftauchen, etwa Angst, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, sind nachvollziehbar. Es geht um das eigene Kind. Nichts ist emotional existenzieller. Gerade deshalb halte ich es fĂŒr wichtig, den Blick konsequent auf das Kind zu richten. Nicht auf die eigene KrĂ€nkung, sondern auf die Frage: Wie geht es meinem Kind? Was braucht es jetzt? Und was mĂŒsste sich verĂ€ndern, damit es meinem Kind besser geht oder langfristig besser gehen kann?

In vielen FĂ€llen beobachte ich, dass sich die Dynamik deutlich entspannt, sobald Eltern bei aller Verletzung bereit sind, einen Schritt auf das Jugendamt zuzugehen und eigene Anteile anzuschauen. Wenn FachkrĂ€fte merken, dass Einsicht und VerĂ€nderungsbereitschaft vorhanden sind, eröffnet das oft neue Wege. Man arbeitet nicht mehr gegeneinander, sondern zumindest teilweise miteinander. Wichtig ist auch zu verstehen. Das Jugendamt hat kein Interesse daran, dauerhaft Hilfen aufrechtzuerhalten, die keinen Sinn haben. Jede Hilfe kostet Ressourcen: Geld, Zeit und Personal. Wo es fachlich vertretbar ist, sind JugendĂ€mter froh, Hilfen zu beenden. Wenn eine Hilfe also lĂ€uft oder immer wieder neue Maßnahmen ins Spiel kommen, ist das ein Hinweis darauf, dass aus fachlicher Sicht weiterhin ein Bedarf gesehen wird.

FĂŒr Eltern kann es hilfreich sein, sich zusĂ€tzlich eine unabhĂ€ngige Instanz an die Seite zu holen, zum Beispiel eine Ombudsstelle. Dort arbeiten Menschen, die das System kennen, aber nicht Teil des jeweiligen Jugendamtes sind. Es gibt auch private Beratungsangebote, unter anderem von Fachleuten mit Jugendamts oder Leitungserfahrung. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass diese Personen die Strukturen der Jugendhilfe verstehen und nicht nur aus einem rein elterlichen Blick argumentieren.

Mein zentraler Appell an Familien in Krisen mit dem Jugendamt wÀre: Versuchen Sie, bei aller Verletzung die Perspektive Ihres Kindes mitzudenken. Nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Richtschnur. Dort, wo die Liebe zum Kind im Mittelpunkt steht und nicht das eigene Ego, gibt es fast immer Ansatzpunkte, etwas zu verÀndern.