Kinderrechte

„Ich wurde stundenlang im KĂŒhlschrank eingesperrt“ – Missbraucht von der eigenen Mutter

In diesem Beitrag geht es um schweren körperlichen und sexuellen Kindesmissbrauch.
Wenn dich solche Themen emotional stark belasten, lies bitte an dieser Stelle nicht weiter. Zum Schutz der PrivatsphÀre werden keine persönlichen Fotos der Interviewpartnerin veröffentlicht. Das Titelbild ist symbolisch.


Diese Augen haben zu viel gesehen

Es war spÀt am Abend. Mein Sohn schlief bereits, das Haus war still.
Ich scrollte gedankenlos durch die sozialen Medien auf der Suche nach einer interessanten Persönlichkeit fĂŒr das nĂ€chste Interview. Und dann blieb ich plötzlich wie erstarrt.

Eine junge Frau. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Ein Blick, so tief, dass er mich mitten ins Herz traf.
Ich weiß in diesem Moment: Diese Augen haben zu viel gesehen. Ich klickte auf ihr Video. Sie begann zu sprechen. Ein Video, dann das nĂ€chste. Florina (31) – so nennt sie sich, erzĂ€hlt in ihren BeitrĂ€gen von einer Kindheit, die niemand hĂ€tte ertragen dĂŒrfen. Von Hunger, Schmerz, Angst und Verrat von Menschen, die sie hĂ€tten beschĂŒtzen mĂŒssen und es nicht taten. 

„Meine leibliche Mutter hat mir, als ich noch ein Kleinkind war, das Essen und Trinken verweigert. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen.
Ich erinnere mich an einen Moment – der Durst war so schlimm, dass ich mich ganz leise aus meinem Zimmer geschlichen habe.
Ich bin ins Badezimmer gegangen – ich war zu klein, um das Waschbecken zu erreichen.
Also habe ich einen Schwamm genommen, ihn in die Toilette getaucht und das Wasser daraus gesaugt. Ich hatte so großen Durst
“

Mit jedem Satz öffnet sie ein StĂŒck mehr die TĂŒr zu einer Welt, die niemand sehen möchte.
Ich spĂŒre, wie mein Herz anfĂ€ngt zu rasen.

„Ich durfte nicht auf die Toilette gehen“, sagt sie leise.
„Ich habe versucht, in Flaschen zu pinkeln. Als meine Mutter es entdeckt hat, hat sie mich so schlimm geschlagen, dass ich dachte, ich ĂŒberlebe es nicht.“

Ein Zittern lag in ihrer Stimme, aber kein Hass. Nur Leere. Als sprĂ€che jemand, der gelernt hat, GefĂŒhle auszuschalten, um zu ĂŒberleben. Dann erzĂ€hlt sie weiter:

„Ich bin als Kind fĂŒr mehrere Stunden in den eiskalten KĂŒhlschrank eingesperrt worden. Ich hatte nur meine UnterwĂ€sche und mein Unterhemd an.
Ich habe laut geschrien und geweint. Ich dachte, ich werde es nicht ĂŒberleben.
WĂ€hrend ich dort drinnen Todesangst hatte, saßen meine Mutter und ihr LebensgefĂ€hrte draußen, hĂ€mmerten gegen den KĂŒhlschrank, lachten sich tot.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich rausgelassen haben, war meine Fußsohle eingefroren. So fuhren sie mit mir ins Krankenhaus.
Das Jugendamt wurde informiert, aber es geschah nichts. Niemand hat etwas unternommen.“

Das, was ihr hier gerade lest, sind die harmlosesten Zitate aus Florinas Videos, die sie mit der Öffentlichkeit teilt.
Jede einzelne ErzĂ€hlung dieser jungen Frau ließ mich tiefer hineinsinken in eine Welt, die so grausam war, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich fĂŒhle noch heute, wie mir die TrĂ€nen ĂŒber die Wangen laufen.
Ich legte das Handy weg, ging in das Zimmer meines Sohnes und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte.

Wie viele Kinder allein hier in Deutschland mĂŒssen tĂ€glich Ähnliches durchleben, ohne dass jemand hinschaut? Mein Mutterherz bricht bei diesem Gedanken. Am nĂ€chsten Morgen kontaktierte ich sie.
Ich musste. Ich konnte sie nicht vergessen.
Und dann lernte ich sie kennen: eine junge Frau voller Herzlichkeit, Offenheit und Mut.
Man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unglaublich stark sie ist.

Florina – mein heutiger Gast – erhebt ihre Stimme.
FĂŒr sich. Und fĂŒr all die anderen Opfer von schwerem Kindesmissbrauch, die zu lange geschwiegen haben.
Sie zeigt sich. Sie teilt ihre Narben, ihre dunkelsten Erinnerungen. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um aufzurĂŒtteln.
Damit Menschen wie du und ich genauer hinschauen.
Damit wir Kinder sehen, die sonst niemand sieht.
Damit wir endlich verstehen, dass Missbrauch kein fernes Thema ist, sondern mitten unter uns geschieht.


Der Beginn einer Hölle

Healthy Lady: Florina, wenn du an deine Kindheit denkst – was siehst du?
Ich weiß, dass es schmerzhaft ist, aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was du erlebt hast.
Wie hat alles begonnen?

Florina:
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich zuerst kein konkretes Bild, sondern ein GefĂŒhl – eine Mischung aus Unsicherheit und dem stĂ€ndigen Versuch, stark zu sein. Viele Momente verschwimmen, aber manche sind bis heute sehr klar. Angefangen hat alles damit, dass ich sehr frĂŒh gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Die Erwachsenen um mich herum waren oft mit ihren eigenen Problemen beschĂ€ftigt, und ich hatte das GefĂŒhl, keinen richtigen Platz zu haben. Als Kind versteht man nicht, warum Dinge passieren – man spĂŒrt nur, dass etwas nicht stimmt. Dieses GefĂŒhl hat mich lange begleitet.

Die schlimmsten Momente waren nicht unbedingt die lauten, offensichtlichen. Es waren die stillen. Die Abende, an denen ich gehofft habe, dass jemand da ist, der mich sieht, aber niemand kam. Dieses GefĂŒhl, nicht wichtig zu sein, nicht gehört zu werden. Diese unsichtbaren Wunden haben mich viel stĂ€rker geprĂ€gt als alles, was man von außen hĂ€tte erkennen können.

Was mich bis heute begleitet und fĂŒr mich besonders schlimm war: Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen. Er trug eine schwarze Strumpfhose ĂŒber dem Kopf, hatte ein Kissen unter dem Oberteil und ein Messer in der Hand. Manchmal musste ich selbst ein Messer aus der KĂŒche holen. Er drohte mir, dass ich gleich in seinem Bauch landen wĂŒrde, dass er schon viele Kinder gegessen habe, und fuhr mit dem Messer an meinen Armen und Beinen entlang. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich je erlebt habe.

Ein anderes Mal wurde ich fĂŒr mehrere Stunden in einen KĂŒhlschrank eingesperrt. Ich musste mich bis auf die UnterwĂ€sche ausziehen. Diese Zeit war extrem traumatisch – ich dachte wirklich, ich wĂŒrde sterben. Ich könnte stundenlang ĂŒber meine Kindheit schreiben. Und trotzdem: Es gab auch kleine Lichtblicke. Menschen, die mir spĂ€ter gezeigt haben, dass Vertrauen möglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum ich heute darĂŒber sprechen kann. Nicht, um die Vergangenheit neu zu durchleben – sondern damit andere verstehen, wie sich solche Erfahrungen anfĂŒhlen. Und dass man Wege findet, daraus herauszuwachsen.

„Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist.“


Healthy Lady: Du warst noch so klein, als all das geschah.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gespĂŒrt hast, dass das, was passiert, nicht normal ist?

Florina:
Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist. Wir lebten in einer Gegend, in der auch Nachbarn ihre Kinder misshandelten. FĂŒr mich war das einfach „so“. Dann habe ich mich mit einer Freundin verabredet und dort war plötzlich alles anders. Ihre Mutter war liebevoll, es gab Mittagessen nach der Schule, eine WĂ€rme, die ich nicht kannte. Ich konnte damit ĂŒberhaupt nicht umgehen. Und genau da habe ich verstanden: Das, was bei uns passiert, ist nicht normal.


Healthy Lady: Du wurdest hĂ€ufig verletzt. Wie kann es sein, dass niemand eingegriffen hat – Schule, Freunde, Familie, Jugendamt?
Gab es Menschen, die dich sahen – und trotzdem schwiegen?

Florina:
Uns wurde immer wieder klargemacht, dass wir niemals darĂŒber sprechen dĂŒrfen, was zu Hause passiert. Meine Mutter machte mir deutlich, dass sie es herausfinden wĂŒrde, wenn ich rede, und drohte mir mit Dingen, die mir große Angst machten. Sie wusste genau, wie sie mich zum Schweigen bringt. Aber zum GlĂŒck haben nicht alle geschwiegen. Geschwister von mir haben sich in der Schule und in der Kita anvertraut. Über Jahre hinweg wurde dort immer wieder gemeldet, was bei uns passiert. Auch meine Oma hat mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Und trotzdem gab es Menschen, die vieles gesehen oder geahnt haben – und geschwiegen haben.


Healthy Lady: Du hast erzĂ€hlt, dass du irgendwann befreit wurdest – dass endlich jemand hingesehen hat.
Weißt du noch, wie dieser Moment war? War es Erleichterung – oder Angst, dass alles wieder beginnt?

Florina:
Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden und wollte so schnell wie möglich zurĂŒck nach „Hause“. Ich hatte große Angst vor meiner Mutter und dachte, ich hĂ€tte etwas falsch gemacht. Erst mit der Zeit – als ich andere Menschen und eine andere Art zu leben kennenlernte – begann ich zu begreifen, wie viel in meiner Familie falsch gelaufen war. Ich war sehr in mich gekehrt, schwer erreichbar, und es war kaum möglich, mit mir zu kommunizieren. Aber langsam habe ich mich geöffnet. Ich begann, mich sicherer zu fĂŒhlen. Und irgendwann auch: ein kleines bisschen frei.


Die TĂ€ter – das Gesicht des Schmerzes

Healthy Lady:
Du hast gesagt, dass du dir trotz allem NĂ€he zu deiner Mutter gewĂŒnscht hast.
Gab es irgendwann etwas Schönes zwischen euch – oder war alles von Angst geprĂ€gt?

Florina:
Ich habe ihre NĂ€he gesucht, weil ich mir dieses Band zwischen Mutter und Tochter so sehr gewĂŒnscht habe – so, wie man es aus Filmen und Serien kennt. Im Heim oder in der Pflegefamilie schenkte sie mir dann Aufmerksamkeit, und das habe ich sehr genossen. Aber je Ă€lter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie mir alles angetan hat. Es gab in meiner Kindheit nur sehr wenige schöne Momente mit ihr.

„Warum muss ich meine TĂ€ter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dĂŒrfen?“


Healthy Lady:
Wenn du heute zurĂŒckblickst – glaubst du, dass deine Mutter krank war?
Oder war es Eifersucht, Macht, Hass?

Florina:
Wenn ich zurĂŒckdenke, glaube ich, dass sie selbst Dinge erlebt hat, die sie traumatisiert haben. Meine Tante ist sehr frĂŒh gestorben, sie war, glaube ich, zehn oder elf Jahre alt. Auch meine Mutter wurde spĂ€ter Opfer von Gewalt durch MĂ€nner, an die sie geraten ist. Aber aufgrund meiner eigenen Kindheit könnte ich meinen Kindern niemals so etwas antun, wie sie es mir angetan hat. Sie hat sich damals bewusst dafĂŒr entschieden. Ich denke, dass es zum Schluss viel mit Macht, Ergötzung und Befriedigung zu tun hatte, etwas das sie gebraucht hat.


Healthy Lady:
In einem deiner Videos beschreibst du eine Nacht, die dich bis heute begleitet.
Du musstest dich vor einer Kamera zeigen – vor fremden Menschen.
Kannst du heute begreifen, warum dir das angetan wurde?
Glaubst du, dass die TĂ€ter damit Geld verdient haben?

Florina:
Ich weiß leider nicht genau, warum sie das getan hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie damit Geld verdient hat. Sie war auf vielen Plattformen unterwegs.


Healthy Lady:
Du hast berichtet, dass auch der damalige LebensgefĂ€hrte deiner Mutter dir Leid zugefĂŒgt hat.
Was war das fĂŒr ein Mensch?
Glaubst du, er hat auch anderen Kindern geschadet?
Und wie war es mit deinen Geschwistern – waren sie ebenfalls betroffen?

Florina:
Mein damaliger Stiefvater war ein sehr aggressiver Mensch. Er war viel mit seinem LKW unterwegs, und ich habe es genossen, wenn er weg war. Er hat mir viele schlimme Dinge angetan, von denen ich heute einen Teil nur noch verschwommen erinnere. Auch er hat diese Macht und Befriedigung genossen.
Und ja, er hat auch meinen Geschwistern Leid zugefĂŒgt.


Healthy Lady:
Hast du heute noch Kontakt zu deiner Mutter?
Hat sie sich jemals bei dir entschuldigt?
Und wie geht sie damit um, dass du heute öffentlich ĂŒber deine Geschichte sprichst?

Florina:
Nein, ich habe seit knapp drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat sich entschuldigt, aber es war nur ein:
„Es tut mir leid, ich dachte, ich hĂ€tte dich fĂŒr immer verloren.“ Als ich meinen zweiten Sohn geboren habe, konnte ich ihre NĂ€he nicht mehr ertragen. Je Ă€lter mein großer Sohn wurde, desto mehr habe ich gesehen, was ich in seinem Alter bereits durchlebt hatte und welche Verantwortung ich damals schon tragen musste. Ab diesem Punkt konnte ich es nicht mehr aushalten, sie zu sehen. Sie weiß von meinen Videos und ist dabei, ihre „Zeugen“ zusammenzutrommeln. Einige ihrer Leute haben sich bereits bei mir gemeldet und mir gedroht. Ich bekomme fast tĂ€glich Nachrichten von Fake-Profilen, in denen mir weiter gedroht wird. Aber ich gebe nicht auf.

„Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen.“


Kampf, Gerechtigkeit & Systemversagen

Healthy Lady: Das Jugendamt wusste, dass etwas nicht stimmt.
Erzieher, Lehrer und deine Oma meldeten sich – und doch geschah nichts.
Wenn du heute daran denkst: Was fĂŒhlst du? Wut? EnttĂ€uschung? Oder das GefĂŒhl, dass man dich aufgegeben hat?

Florina:
Ich bin heute sehr wĂŒtend und enttĂ€uscht vom Jugendamt. Sie hatten schon damals diverse Beweise auf dem Tisch liegen. Erzieher, Lehrer und meine Oma haben sich dort gemeldet – und trotzdem geschah nichts. Bis heute verstehe ich nicht, warum nicht gehandelt wurde.


Healthy Lady: Du hast Einsicht in deine Akten beantragt – und erfahren, dass du nur die HĂ€lfte davon lesen darfst, weil die TĂ€ter zustimmen mĂŒssen.
Wie erklÀrst du dir das? Wie kann so etwas sein?

Florina:
Dass ich nur die HĂ€lfte meiner Akte sehen darf, verstehe ich bis heute nicht. Warum muss ich meine TĂ€ter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dĂŒrfen? Das war einer der GrĂŒnde, warum ich es öffentlich gemacht habe und meine schreckliche Kindheit teile. Denn das, was mir passiert ist, passiert nicht nur mir, sondern so vielen anderen. Das System hat so viele Fehler. Und das muss gehört und gesehen werden.


Healthy Lady: Deine TĂ€ter sind nie verurteilt worden.
Sie leben frei – wĂ€hrend du mit den Folgen leben musst.
Gibt es Momente, in denen du dir wĂŒnschst, sie wĂŒrden fĂŒhlen, was sie dir angetan haben?

Florina:
Ja, es gibt Momente, in denen mich diese Ungerechtigkeit sehr trifft. Sie leben ihr Leben weiter, wĂ€hrend ich bis heute mit den Folgen kĂ€mpfen muss. Das fĂŒhlt sich manchmal einfach unfair an. Aber zu wissen, dass sie meine Videos sehen, Angst bekommen und mit aller Kraft versuchen, mich mundtot zu machen, zeigt mir, dass sie keine Macht mehr ĂŒber mich haben. Und das gibt mir sehr viel zurĂŒck. Ich möchte, dass sie fĂŒr immer weggesperrt werden. In meinen Augen haben sie hier nichts mehr verloren.


Leben mit den Folgen – Trauma, Mutterschaft & Heilung

Healthy Lady: Du bist heute selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn du sie ansiehst – ihre Liebe, ihr Vertrauen – wie fĂŒhlt sich das fĂŒr dich an?
Was fĂŒr eine Mutter bist du heute?
Und kannst du das Verhalten deiner Mutter in irgendeiner Form nachvollziehen?

Florina:
Wenn ich meine Kinder ansehe, spĂŒre ich vor allem Verantwortung. Diese kleinen Menschen vertrauen mir bedingungslos. Sie sind offen, ehrlich, verletzlich, genau so wie ich es damals auch war. Ich weiß, was Kinder brauchen. NĂ€he, Sicherheit, Schutz. Und genau deshalb kann ich das Verhalten meiner Mutter nicht nachvollziehen. Egal, was sie selbst erlebt hat, ich könnte meinen Kindern niemals das antun, was sie mir angetan hat. Ich bin heute eine Mutter, die hinschaut. Die fragt. Die zuhört. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dĂŒrfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.


Healthy Lady: Viele MĂŒtter, die selbst Schlimmes erlebt haben, sagen,
dass die Liebe zu ihren Kindern zugleich Heilung und Schmerz bedeutet.
Geht es dir auch so?

Florina:
Ja. Absolut.
Meine Kinder heilen etwas in mir und gleichzeitig zeigen sie mir jeden Tag, was mir damals gefehlt hat. Manchmal sehe ich meinen Sohn und denke: In diesem Alter habe ich schon Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte. Das tut weh. Aber es gibt mir auch Kraft. Denn ich kann heute einen anderen Weg gehen.

„Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dĂŒrfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.“


Healthy Lady: Du hast einmal gesagt, dass du noch immer unter den Folgen deines Traumas und unter Depressionen leidest.
Wie fĂŒhlt es sich an, als Mama mit Depressionen zu leben?
Wie geht deine Familie damit um? UnterstĂŒtzen sie dich?

Florina:
Es ist schwer. Es gibt Tage, an denen alles zu viel ist. An denen ich funktioniere, aber innerlich leer bin. Als Mutter trĂ€gt man Verantwortung auch dann, wenn man selbst kaum Kraft hat. Meine Familie weiß das. Sie unterstĂŒtzt mich. Sie wissen, dass es Phasen gibt, in denen ich mehr RĂŒckzug brauche. Ich versuche offen damit umzugehen, auch vor meinen Kindern – altersgerecht. Sie sollen lernen, dass GefĂŒhle da sein dĂŒrfen. Auch die schweren.


Healthy Lady: In einem deiner Videos erklĂ€rst du Eltern, wie wichtig es ist, Kinder zu sensibilisieren –
dass es falsch ist, wenn ein Erwachsener ein „Geheimnis“ mit ihnen teilt oder sie berĂŒhrt.
Wie sprichst du darĂŒber mit deinen eigenen Kindern?

Florina:
Ich spreche sehr offen mit ihnen. NatĂŒrlich kindgerecht.
Ich erklĂ€re ihnen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht wollen. Und dass es Geheimnisse gibt, die man immer erzĂ€hlen darf, besonders dann, wenn sie sich komisch oder beĂ€ngstigend anfĂŒhlen. Ich möchte, dass sie wissen: Mama hört zu. Mama glaubt euch. Und Mama schĂŒtzt euch.


Wenn du helfen willst – oder selbst Hilfe brauchst

Florinas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Weckruf. FĂŒr Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freund:innen, fĂŒr uns alle. Kinderschutz beginnt nicht bei Gesetzen, sondern bei Achtsamkeit, Vertrauen und Mut. Wenn du heute Florinas Worte gelesen hast, dann geh nicht einfach zur Tagesordnung ĂŒber. Sieh hin. Hör hin. Frag nach.

Wenn du das GefĂŒhl hast, dass ein Kind in Gefahr ist oder du selbst betroffen bist – schweige nicht. Hier bekommst du sofort, kostenlos und anonym Hilfe: Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ – 0800 22 55 530
Nummer gegen Kummer – Kindertelefon: 116 111 / Elterntelefon: 0800 111 0 550
Weißer Ring e.V. – 116 006
Polizei / Jugendamt – bei akuter Gefahr: 110


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Jugendamt vor der TĂŒr? Warum die Angst oft unbegrĂŒndet ist

Wenn es an der TĂŒr klingelt und das Jugendamt davorsteht, bleibt fĂŒr viele Familien die Welt schlagartig stehen. Es ist ein Moment, in dem die Luft im Flur schwer wird vor Anspannung und das Herz schneller schlĂ€gt. In kaum einem anderen Bereich prallen große Unsicherheit und staatliche Verantwortung so unmittelbar aufeinander.

Stefanie Schlösser kennt beide Seiten dieses Moments. Viele Jahre lang war das Jugendamt ihre berufliche Heimat. Als Jugendamtsleiterin traf sie Entscheidungen, die ĂŒber den Schutz eines Kindes und damit ĂŒber das Leben ganzer Familien bestimmten. Es waren Situationen, die weit mehr verlangten als nur Fachwissen. Sie erforderten Mut, Erfahrung und ein hohes Maß an Menschlichkeit. Sie hat erlebt, wie Eltern die TĂŒr nur einen Spalt breit öffnen, weil das Vertrauen fehlt und die Angst ĂŒberwiegt.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews begleitete sie als SozialpĂ€dagogin Familien, die sich im Kontakt mit Behörden unsicher oder ĂŒberfordert fĂŒhlten. Mit ihrer Erfahrung konnte sie helfen, AblĂ€ufe verstĂ€ndlich zu machen und GesprĂ€che besser vorzubereiten. Heute ist sie wieder im Bereich Jugendhilfe tĂ€tig. Ihre Perspektive ist geblieben. Sie kennt die Herausforderungen auf beiden Seiten und weiß, wie wichtig es ist, Vertrauen aufzubauen und MissverstĂ€ndnisse zu vermeiden.

Stefanie Schlösser
Stefanie Schlösser: Expertin fĂŒr Jugendhilfe und ehemalige Amtsleiterin. Mit ĂŒber 20 Jahren Erfahrung kennt sie die Strukturen der Behörden aus erster Hand. (Foto: S. Schlösser)

Jugendamt hinter den Kulissen: Was wirklich passiert

Healthy Lady: Liebe Stefanie, kommen wir gleich zum Kern der Sache, der oft die grĂ¶ĂŸte Verunsicherung auslöst: Was macht das Jugendamt eigentlich wirklich und was gehört ausdrĂŒcklich nicht zu seinen Aufgaben?

Stefanie Schlösser: Die Aufgaben des Jugendamtes sind im Gesetz (SGB VIII) festgeschrieben. Das Ganze ist so komplex, dass eine vollstĂ€ndige Liste den Rahmen sprengen wĂŒrde, aber ein Punkt ist mir besonders wichtig: Das Jugendamt ist nicht automatisch gleichzusetzen mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Der ASD ist nur ein Teilbereich, wenn auch der, der am meisten im Fokus steht.

„Der ASD ist nur ein kleiner Teil – das Jugendamt besteht ĂŒberwiegend aus UnterstĂŒtzung, Beratung und Hilfsangeboten.“

Zum Jugendamt gehört in Wahrheit viel mehr: Es steuert KindertagesstĂ€tten, organisiert die Jugendförderung wie Ferienfreizeiten und Jugendzentren und umfasst Angebote wie die FrĂŒhen Hilfen, Erziehungsberatung oder die Jugendhilfe im Strafverfahren. All das ist „Jugendamt“, auch wenn in der Öffentlichkeit meist nur der Bereich wahrgenommen wird, der in Krisen agiert.

Wenn wir uns den Allgemeinen Sozialen Dienst (in manchen Regionen auch Bezirkssozialdienst genannt) genauer ansehen, lassen sich drei zentrale Aufgaben unterscheiden:

  • Das WĂ€chteramt: Das ist der hoheitliche Auftrag. Ähnlich wie Polizei oder Feuerwehr hat das Jugendamt hier eine „Garantenstellung“. Nur das Amt darf GefĂ€hrdungseinschĂ€tzungen vornehmen oder Kinder in Obhut nehmen. Das kann kein anderer Dienst.
  • Die Bewilligungsbehörde: Hier geht es um die Verwaltung. Der ASD prĂŒft AntrĂ€ge auf Erziehungshilfen, entscheidet ĂŒber deren Umfang und kontrolliert die Umsetzung, vor allem auch die Eingliederungshilfe fĂŒr Kinder mit seelischen EinschrĂ€nkungen.
  • Die Beratungsfunktion: Ein ganz entscheidender Punkt! Das Jugendamt berĂ€t bei Fragen zum Sorge- und Umgangsrecht. Doch hier herrscht oft ein großer Irrtum: Das Jugendamt trifft hier keine Entscheidungen. Es kann nur begleiten und beraten. Verbindliche Regelungen kann ausschließlich ein Familiengericht treffen. In der Praxis fĂŒhrt das oft zu EnttĂ€uschungen, wenn Eltern vom Amt eine klare Vorgabe erwarten, die es rechtlich gar nicht geben darf.

Image eines KinderrÀubers

Healthy Lady: In den Medien und den sozialen Netzwerken begegnet uns oft ein dĂŒsteres Narrativ. Das Jugendamt wird dort als Instanz dargestellt, die willkĂŒrlich Familien zerstört und Kinder ihren Eltern wegnimmt. Warum ist dieses Bild so tief in unseren Köpfen verankert und was ist die RealitĂ€t hinter diesen Schlagzeilen?

Stefanie Schlösser: Das Bild in den sozialen Medien ist stark von Emotionen geprĂ€gt und zwar vor allem von Frust und Wut. In der Regel lieben Eltern ihre Kinder und möchten sie bei sich behalten. Wenn das Jugendamt entgegen ihrem Willen handelt und ein Gericht diese Entscheidung auch noch bestĂ€tigt, ist das ein massiver Eingriff. Das Kind wird vorĂŒbergebend aus der Familie genommen und zum Schutz bei Pflegeeltern, in einer Einrichtung oder an einem anderen sicheren Ort untergebracht. Das löst Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer aus und diese GefĂŒhle sind erst einmal nachvollziehbar.

Solche starken Emotionen fĂŒhren dazu, dass Eltern ihre Geschichte öffentlich emotional stark geprĂ€gt erzĂ€hlen, manches Mal auch indem sie gewichtige Punkte auslassen oder verfĂ€lschen, in der Hoffnung auf VerstĂ€ndnis, UnterstĂŒtzung und SolidaritĂ€t. Diese bekommen sie in den sozialen Netzwerken in großem Umfang. Was aber kaum sichtbar ist, ist die viel grĂ¶ĂŸere Zahl an FĂ€llen, in denen Eltern und Kinder UnterstĂŒtzung vom Jugendamt erhalten, die sie als hilfreich erleben und gerade deshalb keinen Anlass sehen, dies öffentlich zu thematisieren.

„Das Jugendamt darf öffentliche VorwĂŒrfe oft nicht richtigstellen – genau dadurch entsteht eine einseitige ErzĂ€hlung.“

Dazu kommt, dass das Jugendamt öffentliche VorwĂŒrfe aus Datenschutz- und KinderschutzgrĂŒnden nicht einfach richtigstellen darf. Wenn Eltern in die Kamera sagen, dass ihre Kinder ihnen grundlos weggenommen wurden, kann das Jugendamt nicht öffentlich antworten, dass es dafĂŒr konkrete GrĂŒnde gab. Damit wĂŒrde es sowohl die Rechte der Eltern als auch die Rechte des Kindes verletzen. Die Folge ist eine einseitige öffentliche ErzĂ€hlung, in der die Perspektive des Jugendamtes und des Kindes weitgehend fehlt. Genau daraus entsteht das Bild vom bösen Jugendamt. Es gibt Fehlentscheidungen wie in jedem komplexen System, aber der ĂŒberwiegende Teil der Arbeit des Jugendamtes besteht aus UnterstĂŒtzung, Beratung und Hilfen. Diese Geschichten tauchen in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht auf.


Der Albtraum von der grundlosen Inobhutnahme

Healthy Lady: Stefanie, wenn man ĂŒber das Jugendamt spricht, stolpert man sofort ĂŒber eine ganze Reihe von Vorurteilen. Welche Klischees begegnen dir in deiner tĂ€glichen Arbeit am hĂ€ufigsten und was davon stimmt bei genauerem Hinsehen einfach nicht?

Stefanie Schlösser: Das mit Abstand hĂ€ufigste Klischee lautet, dass Kinder grundlos weggenommen werden. Dieses Bild hĂ€lt sich zwar hartnĂ€ckig, entspricht aber absolut nicht der RealitĂ€t. Um eine Inobhutnahme tatsĂ€chlich durchzufĂŒhren, mĂŒssen sehr viele Schritte eingehalten und zahlreiche Personen sowie Stellen einbezogen werden. Zuvor mĂŒssen alle anderen Mittel ausgeschöpft sein oder als nicht anwendbar eingestuft werden. Zudem geht das Jugendamt nicht wahllos in Familien, sondern wird nur tĂ€tig, wenn es einen konkreten Anlass gibt. Das kann eine Meldung von der Schule, der Kita, von Nachbarn, der Polizei oder sogar vom Kind selbst sein. Allein daraus ergibt sich schon, dass ein Eingriff nie völlig anlasslos erfolgt.

Das Wort „grundlos“ bedeutet in vielen ErzĂ€hlungen eher, dass die Eltern oder das Umfeld den Grund nicht verstehen oder ihn nicht als ausreichend akzeptieren. Ich erlebe dagegen hĂ€ufig, dass Kinder gerade rĂŒckblickend sehr genau einordnen können, warum eine Herausnahme notwendig war. Es gibt viele junge Erwachsene, die sagen, dass die Inobhutnahme das Beste war, was ihnen passieren konnte, wĂ€hrend die Eltern bis heute ĂŒberzeugt sind, es habe keinen Grund gegeben. Ein Beispiel dafĂŒr sind stark parentifizierte Kinder, die schon frĂŒh Aufgaben ĂŒbernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen mĂŒssten. Das reicht von der Versorgung der Geschwister bis hin zur emotionalen Stabilisierung der Eltern.

„In meiner gesamten Laufbahn habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Kind völlig grundlos in Obhut genommen wurde.“

Diese Kinder empfinden diese enorme Verantwortung oft zunĂ€chst nicht als Belastung, sondern als normal oder sogar als BestĂ€tigung. Beide Seiten hĂ€tten in so einer Situation damals wohl gesagt, dass da nichts Schlimmes war und das Amt grundlos gehandelt hat. Aus fachlicher Sicht liegt aber eine massive Überforderung vor, die langfristig schĂ€dlich ist. Mir ist in meiner gesamten Laufbahn kein einziger Fall begegnet, in dem eine Inobhutnahme völlig ohne nachvollziehbaren Anlass erfolgt ist. In FĂ€llen, in denen Eltern mir ihre Geschichte als grundlos geschildert haben, war bei genauer Betrachtung immer erkennbar, auf welcher Grundlage gehandelt wurde. Auch wenn dieser Grund fĂŒr die Eltern emotional natĂŒrlich nur schwer akzeptierbar war.


Das MachtgefÀlle und die Angst vor dem Kontrollverlust

Healthy Lady: Es ist fast greifbar, wie viel Furcht dieses Wort „Jugendamt“ auslöst. Warum ist das Misstrauen bei so vielen Eltern so tief verwurzelt? Was sind die eigentlichen Quellen dieser Angst?

Stefanie Schlösser: Das Misstrauen speist sich aus mehreren Quellen. Zum einen liegt es an der sehr einseitigen öffentlichen Wahrnehmung. In den Medien und insbesondere in den sozialen Netzwerken tauchen vor allem die dramatischen und konflikthaften FĂ€lle auf, also genau die Situationen, in denen es zu massiven Eingriffen kommt. Die Millionen FĂ€lle, in denen das Jugendamt unterstĂŒtzt, berĂ€t oder Hilfen organisiert und damit Familien entlastet, bleiben in der Regel unsichtbar. Ich nutze da gerne den Vergleich mit der Fliegerei. Wir alle wissen, dass nur sehr wenige Flugzeuge abstĂŒrzen und gleichzeitig unglaublich viele Maschinen tĂ€glich sicher unterwegs sind. Berichtet wird aber fast ausschließlich ĂŒber die UnfĂ€lle.

Zum anderen spielt die hoheitliche Stellung des Jugendamtes eine große Rolle. Genau wie die Polizei oder das Ordnungsamt hat das Jugendamt in bestimmten Bereichen eine besondere Handlungsmacht. Es kann im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben auch gegen den Willen der Eltern tĂ€tig werden. Dieses mögliche MachtgefĂ€lle löst bei vielen Menschen eine tiefe Verunsicherung aus. Das ist auch nicht völlig irrational, denn die meisten Menschen sind auch nervös, wenn sie von der Polizei angehalten werden, obwohl sie gar nichts getan haben.

„Die Angst entsteht vor allem durch die sichtbaren Krisen – nicht durch die vielen stillen Hilfen im Alltag.“

Entscheidend ist aber, dass in der ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit der FĂ€lle die Kontakte mit dem Jugendamt sachlich und kooperativ verlaufen. Es geht um UnterstĂŒtzung, Beratung und Hilfen und nicht darum, Familien zu zerschlagen. Diese NormalitĂ€t ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast nicht prĂ€sent. Stattdessen bleibt bei vielen das Bild im Kopf, dass das Kind weg ist, sobald das Jugendamt kommt. Und genau dieses Bild schĂŒrt die Angst und das Misstrauen.


Empathie trifft Entscheidungskraft: Der schmale Grat der ProfessionalitÀt

Healthy Lady: Wie schafft man es eigentlich, in einer Behörde wie dem Jugendamt menschlich zu bleiben, wenn man gleichzeitig Entscheidungen treffen muss, die eine so enorme und oft lebensverĂ€ndernde Verantwortung mit sich bringen?

Stefanie Schlösser: Ein wichtiger Punkt ist, dass Menschlichkeit von außen oft anders verstanden wird, als es professionell notwendig ist. Viele Menschen wĂŒnschen sich sichtbare Emotionen, viel NĂ€he und persönliche Anteilnahme. In hochbelasteten Situationen kann das aber unprofessionell oder sogar kontraindiziert sein. FachkrĂ€fte im Jugendamt tragen eine hohe Verantwortung und mĂŒssen auch in extremen Krisenlagen entscheidungsfĂ€hig bleiben. Dazu gehört es, die eigenen Emotionen zu regulieren, einen klaren Kopf zu behalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu begrĂŒnden. Das hat nichts mit mangelnder Empathie zu tun, sondern mit ProfessionalitĂ€t. Die innere Betroffenheit ist oft da, sie wird nur nicht ungefiltert nach außen gezeigt.

„ProfessionalitĂ€t bedeutet nicht GefĂŒhllosigkeit – sondern Empathie mit klarem Kopf.“

Menschlichkeit zeigt sich aus meiner Sicht vor allem in drei Dingen. Erstens in echter Empathie, also im ernsthaften BemĂŒhen zu verstehen, wie sich eine Situation fĂŒr Eltern und Kinder anfĂŒhlt. Zweitens in Transparenz, indem Entscheidungen erklĂ€rt und AblĂ€ufe sowie rechtliche HintergrĂŒnde so weit wie möglich verstĂ€ndlich gemacht werden. Und drittens im Respekt. Auch in schwierigen Situationen dĂŒrfen Eltern nicht abgewertet werden, sondern mĂŒssen als Verantwortliche fĂŒr ihr Kind angesprochen werden.

Ich halte es fĂŒr zentral, dass FachkrĂ€fte klar kommunizieren können, dass sie die Belastung der Situation fĂŒr die Eltern verstehen, aber gleichzeitig rechtlich verpflichtet sind, einen bestimmten Schritt zu gehen. Diese Kombination aus Empathie und Klarheit ist fĂŒr viele Eltern zwar schwer auszuhalten, schafft aber langfristig eher Vertrauen als eine emotional aufgeladene und wenig strukturierte Haltung. Mit der Berufserfahrung kommt hinzu, dass man viele Situationen leider mehrfach erlebt. Das fĂŒhrt nicht dazu, dass sie einen kalt lassen, aber sie reißen einen nicht mehr jedes Mal so aus der Bahn wie ganz am Anfang.


Wenn Schicksal auf MitgefĂŒhl trifft. Erlebnisse die unter die Haut gehen

Healthy Lady: Aber gibt es dennoch Momente in diesem Beruf, die du bis heute nicht vergessen kannst? Eine Begegnung, die dich als Mensch und Fachkraft nachhaltig geprĂ€gt hat?

Stefanie Schlösser: Ja, die gibt es. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich einen Fall aus meinen BerufsanfĂ€ngen nennen, der mich bis heute begleitet. Es ging um eine Geschwisterkonstellation. Die Kinder gerieten ĂŒber eine Lappalie in einen Streit, der körperlich wurde. In diesem Gerangel kam es zu einem Unfall, in dessen Folge eines der Geschwister verletzt wurde und verstarb. FĂŒr das andere Kind und die ganze Familie war das ein nicht vorstellbarer Schock.

„Mich hat tief beeindruckt, wie eine Familie entschied, ein Kind trotz unfassbarer Tragödie nicht auch noch zu verlieren.“

Was mich daran besonders geprĂ€gt hat, war der Umgang der Familie mit dem ĂŒberlebenden Kind. Anstatt es zu stigmatisieren oder dauerhaft mit Schuldzuweisungen zu leben, hat die Familie sehr bewusst entschieden, dieses Kind nicht auch noch zu verlieren. Sie haben alles darangesetzt, es in seiner Trauer zu unterstĂŒtzen, ihm Halt zu geben und ihm zu signalisieren, dass es weiterhin Teil dieser Familie ist. Dass Menschen in einer solchen Extremsituation diese Haltung einnehmen, fand ich zutiefst beeindruckend.

Daneben gibt es viele FĂ€lle, die mich eher durch meine eigene Hilflosigkeit beschĂ€ftigt haben. Zum Beispiel Kinder, die objektiv gesehen liebevolle Eltern haben, aber trotzdem stark leiden, etwa weil sie keinerlei Freunde finden und sozial ausgeschlossen sind. Man kann Angebote machen oder Therapien unterstĂŒtzen, aber man kann andere Kinder nicht dazu zwingen, Freundschaften einzugehen. Oder zu sehen, wie sich Kinder an ihren Eltern abkĂ€mpfen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, aber ein ums andere Mal vor eine Wand rennen. Solche Momente der Ohnmacht gehören leider auch zu diesem Beruf.


Der unangekĂŒndigte Hausbesuch – SouverĂ€n reagieren wenn es an der TĂŒr klingelt

Healthy Lady: Das absolute Horrorszenario fĂŒr viele Eltern ist der Moment, in dem die Mitarbeiter des Jugendamtes plötzlich und unangekĂŒndigt vor der TĂŒr stehen. Wie lĂ€uft so ein Einsatz in der RealitĂ€t ab und wie verhĂ€lt man sich in diesem Moment am besten?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und QualitĂ€tsgrĂŒnden in der Regel mindestens zu zweit durchgefĂŒhrt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Auch eine Visitenkarte ist hilfreich. Wenn FachkrĂ€fte unangekĂŒndigt kommen, gibt es dafĂŒr immer einen Grund. Wer in dieser Situation die TĂŒr nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangslĂ€ufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

„Kooperationsbereitschaft ist in dieser Situation fast immer der beste Weg.“

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der NĂ€he wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte natĂŒrlich nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist, aber es kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufĂŒgt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als UnterstĂŒtzung haben, nicht darum, dass diese Person dann das GesprĂ€ch leitet. DarĂŒber hinaus kann das Jugendamt fĂŒr das weitere Vorgehen oder fĂŒr Teile des GesprĂ€ches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden wĂŒrden, man zB. ĂŒber eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr EinverstĂ€ndnis nicht gegeben hat, dass ĂŒber sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf. 

Außerdem zu dem standardisierten Ablauf gehört, dass sich die FachkrĂ€fte einen Eindruck von den LebensverhĂ€ltnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen RĂ€ume der Wohnung. Die Frage, ob sie sich das Kinderzimmer ansehen dĂŒrfen, ist zwar höflich formuliert, gehört aber zwingend zum fachlichen Vorgehen.

FachkrĂ€fte interessieren sich dabei nicht fĂŒr einen perfekten und staubfreien Haushalt. Es geht um ganz andere Dinge. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen RĂŒckzugsort? Wie steht es um Hygiene und Sicherheit? Steht da seit Wochen schmutziges Geschirr in der SpĂŒle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefĂ€hrliche GegenstĂ€nde herum oder gibt es ein hohes Verletzungsrisiko? Sind die RĂ€ume so gestaltet, dass sich ein Kind darin gesund entwickeln kann? Wenn sich im GesprĂ€ch und bei der Besichtigung zeigt, dass die Meldung unbegrĂŒndet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn jedoch ein UnterstĂŒtzungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


Vorbereitung ist alles – Wie Eltern im GesprĂ€ch mit Jugendamt die Kontrolle behalten

Healthy Lady: Wenn der Kontakt zum Jugendamt erst einmal hergestellt ist, fĂŒhlen sich viele Eltern dem System ausgeliefert. Wie können sie sich ganz praktisch vorbereiten, um in diesen GesprĂ€chen sicher und souverĂ€n aufzutreten?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet konsequent dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worĂŒber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden und was zugesichert wurde, all das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit und kurzem Inhalt festgehalten werden. Aussagen wie man habe irgendwann im November telefoniert helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sehr sinnvoll sein, sich dafĂŒr eine eigene Jugendamtsakte anzulegen, die chronologisch sortiert ist.

„Wer mit dem Jugendamt zu tun hat, sollte jedes GesprĂ€ch genau dokumentieren – das schafft Sicherheit.“

GrundsĂ€tzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu GesprĂ€chen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verĂ€ndert jede zusĂ€tzliche Person die Dynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung, ob man jemanden braucht, der einen emotional stabilisiert, mitdenkt oder ĂŒbersetzt, oder ob man in diesem GesprĂ€ch allein handlungsfĂ€higer ist. Man sollte sich auch fragen, ob eine weitere Person die Situation vielleicht sogar zusĂ€tzlich auflĂ€dt. GrundsĂ€tzlich gilt: Sobald in einem GesprĂ€ch ĂŒber andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, mĂŒssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem GesprĂ€ch mitbringen. Dann darf im GesprĂ€ch ausschlieáșžlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wĂ€re tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen GesprĂ€chen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen fĂŒr die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein TrĂ€ger bringt einen Bericht ein und Ă€ußert die EinschĂ€tzung, dass der Vater mehr UnterstĂŒtzung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfĂ€hrt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen GesprĂ€chen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschĂŒtzt bleiben und niemand sich ĂŒbergangen fĂŒhlt.

Hilfreich ist zudem, sich vorab klarzumachen, in welchem Modus das Jugendamt gerade arbeitet. Geht es um eine reine Beratung zum Sorge und Umgangsrecht, geht es um eine bereits bewilligte Hilfe zur Erziehung oder ist der Anlass eine mögliche KindeswohlgefÀhrdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der FachkrÀfte deutlich.

Ganz entscheidend ist auch der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen sind hĂ€ufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind absolut verstĂ€ndlich, im GesprĂ€ch selbst aber oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drĂŒckt das bei mir? Was brauche ich, um im GesprĂ€ch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dĂŒrfen und sollen spĂ€ter Raum bekommen, etwa bei Freunden, in der Therapie oder in einer Beratung. Das GesprĂ€ch mit dem Dienst des Jugendamtes ist jedoch ziel und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Warum sich das Jugendamt oft nicht wehren kann

Healthy Lady: Es fĂ€llt auf, dass das Jugendamt in der Kritik oft sehr schutzlos wirkt. Wenn du eine Sache im System oder in der gesellschaftlichen Haltung Ă€ndern könntest, damit sich dieses einseitige Bild wandelt, was wĂ€re das?

„Die fehlende Öffentlichkeitsarbeit der JugendĂ€mter schafft ein Vakuum, das von einseitigen Darstellungen gefĂŒllt wird.“

Stefanie Schlösser: Systemisch wĂŒrde ich mir wĂŒnschen, dass die Arbeit der JugendĂ€mter deutlich stĂ€rker transparent gemacht werden darf. In vielen Kommunen ist es Mitarbeitenden faktisch untersagt, öffentlich ĂŒber ihre Arbeit zu sprechen. Es gibt kaum offizielle Öffentlichkeitsarbeit, obwohl andere Behörden, sogar Polizei, Feuerwehr oder Ministerien, lĂ€ngst eigene KommunikationskanĂ€le nutzen. Dadurch entsteht ein Vakuum, das von einseitigen oder falschen Darstellungen gefĂŒllt wird. Eine kontrollierte, professionelle Öffentlichkeitsarbeit der JugendĂ€mter könnte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und realistischere Einblicke zu geben.

Gesellschaftlich wĂŒrde ich mir wĂŒnschen, dass Eltern sich der Tragweite ihrer Entscheidung fĂŒr ein Kind bewusster werden. Elternschaft ist wunderschön, aber auch belastend, emotional, organisatorisch, finanziell und körperlich. In der öffentlichen Darstellung ĂŒberwiegt oft die romantische Seite. Ein Beispiel dafĂŒr war eine Diskussion, die ich in sozialen Medien mit einem jungen Mann fĂŒhrte, der keine Kinder hatte und sehr ĂŒberzeugt davon war, dass Eltern natĂŒrlich genĂŒgend Schlaf bekĂ€men. Die Eltern wĂŒrden sich dann den Schlaf eben woanders und zu anderen Zeitpunkten am Tag holen. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass Menschen ĂŒber Monate oder Jahre hinweg massiv ĂŒbermĂŒdet sein können und trotzdem funktionieren mĂŒssen. Ich glaube, da muss ich jetzt nicht sehr viel zu sagen, jeder, der Kinder hat oder sie erlebt, weiß, wie schlimm dieser Schlafmangel sein kann. Ich glaube, eine ehrlichere, weniger verklĂ€rte Auseinandersetzung mit Elternschaft wĂŒrde helfen, sowohl den Kindern als auch den Eltern.


„Eltern sollen wissen: In diesem System sind sie nicht allein und es gibt Wege, ihre Stimme wiederzufinden.“

Healthy Lady: Das ist ein sehr wichtiger Gedanke zum Abschluss. Die Romantik beiseite zu lassen und stattdessen auf echte UnterstĂŒtzung und ehrliche Kommunikation zu setzen, wĂŒrde sicher viele Fronten aufweichen. Stefanie, danke fĂŒr diese tiefen Einblicke in ein System, das so oft missverstanden wird.

Stefanie Schlösser: Sehr gerne. Mir ist wichtig, dass Eltern wissen, dass sie in diesem System nicht allein sind und dass es Wege gibt, die eigene Stimme wiederzufinden.



Normale Erziehung oder KindeswohlgefĂ€hrdung? – Wo liegt die Grenze wirklich?

Die KĂŒche steht Kopf, die Hausaufgaben sind noch immer nicht gemacht und das Kleinkind protestiert lautstark, weil die Nudeln die falsche Form haben. Momente wie diese bringen viele Eltern an ihre Grenzen. Sie fragen sich, mache ich das eigentlich gut? So anstrengend dieser Alltag auch ist, er gehört zum normalen Familienleben. Doch genau hier beginnt eine Frage, die viele verunsichert. Wo verlĂ€uft die Grenze zwischen elterlicher Freiheit und staatlicher Pflicht?

Es ist eine unsichtbare Linie zwischen Überforderung und GefĂ€hrdung. Zwischen einem schlechten Tag und einer Situation, die fĂŒr ein Kind ernsthaft problematisch werden kann. Wann ist eine Wohnung nur unordentlich und wann verwahrlost? Wann ist ein Streit laut und wann belastet er ein Kind dauerhaft?

Stefanie Schlösser kennt diese Fragen aus ihrer langjĂ€hrigen Arbeit im Jugendamt. In leitender Funktion hat sie viele Situationen bewertet, in denen genau diese Grenze im Mittelpunkt stand. Sie weiß, dass das Jugendamt nicht wegen eines chaotischen Abends tĂ€tig wird, aber auch, wie sich Probleme schrittweise entwickeln können. In diesem Interview erklĂ€rt sie, woran Eltern selbst erkennen können, wann eine Situation kritisch wird und wo genau der Punkt liegt, an dem aus Erziehung eine GefĂ€hrdung wird.


Fakten statt BauchgefĂŒhl – Wie GefĂ€hrdung fachlich gemessen wird

Healthy Lady: Stefanie, das klingt in der Theorie oft sehr eindeutig, aber in der Praxis ist es fĂŒr viele Eltern ein grauer Bereich. Wo genau liegt die Grenze zwischen einer Erziehung, die vielleicht nur etwas chaotisch ist, und einer echten KindeswohlgefĂ€hrdung?

Stefanie Schlösser: Eine KindeswohlgefĂ€hrdung liegt immer dann vor, wenn durch das Verhalten der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Schaden fĂŒr das Kind entsteht oder entstehen kann. Das betrifft die körperliche, seelische, geistige oder soziale Entwicklung. Das kann durch eine einzelne schwere Handlung passieren oder durch eine dauerhafte, sich wiederholende Belastung.

„KindeswohlgefĂ€hrdung liegt vor, wenn durch das Verhalten der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Schaden fĂŒr das Kind entsteht.“

Das klingt zunĂ€chst abstrakt, ist in der Praxis aber durch klare Kriterien und Merkmalskataloge hinterlegt. FachkrĂ€fte schauen nicht einfach ins Blaue hinein, sondern prĂŒfen systematisch verschiedene Bereiche. Wie wird das Kind versorgt? Wie sind die hygienischen Bedingungen? Gibt es eine medizinische Unterversorgung? Wird das Kind altersangemessen gefördert oder ist es Gewalt ausgesetzt? Vielleicht machen einige Beispiele aus dem Alltag das greifbarer:

  • Kleidung und Versorgung: Ein Kind hat im tiefen Winter nur Sandalen und eine dĂŒnne Jacke, aber keine angemessene Winterkleidung. Oder es trĂ€gt dauerhaft Kleidung, die viel zu groß oder viel zu klein ist.
  • Hygiene: Das Kind riecht dauerhaft stark, weil es etwa nur einmal pro Woche baden oder duschen darf oder kann. ZĂ€hneputzen findet kaum statt oder die Wohnsituation ist massiv verwahrlost. Die Kleidung ist wiederholt oder dauerhaft ungewaschen und verdreckt.
  • ErnĂ€hrung: Es gibt FĂ€lle, in denen Kinder zu Hause kaum oder gar nicht essen, weil Eltern sagen, dass sie ja bereits fĂŒr das Essen in der Kita oder Schule bezahlen und das Kind sich dort satt essen könne. Das ist eine klare Unterlassung der elterlichen Versorgungsverantwortung.
  • Medizinische Versorgung: Eine entzĂŒndete Wunde wird nicht behandelt, obwohl sie sich sichtbar verschlechtert. Oder eine chronische Erkrankung wird nicht adĂ€quat Ă€rztlich begleitet, weil Eltern ausschließlich auf ungeeignete alternative Methoden setzen.

FĂŒr sich genommen muss ein einzelner Aspekt noch nicht zwingend eine massive GefĂ€hrdung darstellen. Entscheidend ist immer das Gesamtbild. Wir fragen uns: Wie viele Risiko- und wie viele Schutzfaktoren gibt es? Wie lange besteht die Situation schon und wie sehr gefĂ€hrdet sie die Entwicklung? Genau diese fachliche AbwĂ€gung macht die Arbeit im Jugendamt so anspruchsvoll.


Als erfahrene SozialpÀdagogin und ehemalige Jugendamtsleiterin bringt Stefanie Schlösser ihre tiefgreifende Expertise heute weiterhin in die tÀgliche Arbeit des Jugendamts ein. (Foto: Stefanie Schlösser)

„Meine Erziehung, meine Regeln“? Warum das Elternrecht kein Freifahrtschein ist

Healthy Lady: Viele Eltern pochen auf ihr Recht, Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen großzuziehen. Doch wo genau hört dieses „meine Erziehung, meine Regeln“ eigentlich auf? Gibt es eine rechtliche Grenze fĂŒr den Erziehungsstil?

Stefanie Schlösser: Rechtlich ist relativ klar geregelt, in welchem Rahmen sich elterliche Erziehung bewegen darf. Im BĂŒrgerlichen Gesetzbuch und im Sozialgesetzbuch ist festgehalten, dass Eltern die Pflicht und das Recht haben, ihr Kind zu einer selbststĂ€ndigen, eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu erziehen, die in der Gemeinschaft bestehen kann und zwar unter Ausschluss von Gewalt.

„Eltern haben einen großen Gestaltungsspielraum, ob sie eher streng oder eher locker erziehen – dieser Spielraum endet dort, wo Gewalt ins Spiel kommt.“

Das bedeutet, Eltern haben einen großen Gestaltungsspielraum in der Frage, wie sie erziehen. Ob sie eher streng oder eher locker sind, eher strukturorientiert oder bedĂŒrfnisorientiert vorgehen, ist ihre Entscheidung. Dieser Spielraum endet jedoch genau dort, wo Gewalt ins Spiel kommt. Dazu zĂ€hlen körperliche Gewalt, seelische oder psychische Gewalt, massive DemĂŒtigungen und auch die Androhung von Gewalt. Hier gibt es keinen Ermessensspielraum mehr. Gewalt ist keine Erziehungsmethode, sondern eine Grenzverletzung, bei der das staatliche WĂ€chteramt eingreifen muss.


Lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig handeln

Healthy Lady: Wenn man in seinem Umfeld bemerkt, dass es einem Kind offensichtlich nicht gut geht, wann und wie sollte man das Jugendamt kontaktieren?

Stefanie Schlösser: Mein Grundsatz lautet: lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig handeln. Niemand kann von außen alles sehen, was in einer Familie passiert. Man kann sich irren, das ist menschlich. Aber wenn ein Verdacht berechtigt ist und niemand reagiert, kann das fĂŒr ein Kind schwerwiegende Folgen haben.

Eine Meldung beim Jugendamt kann grundsÀtzlich anonym erfolgen. Wenn zum Beispiel Nachbarn oder entfernte Bezugspersonen eine Sorge haben, können sie auf der Website ihrer Stadt oder ihres Landkreises nach einem Kontaktformular suchen und dort einen Hinweis auch ohne echten Namen abgeben. Entscheidend ist nicht, wer die Meldung macht, sondern was konkret beobachtet wurde. Das Jugendamt ist verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen.

„Wenn ein Verdacht berechtigt ist und niemand reagiert, kann das fĂŒr ein Kind schwerwiegende Folgen haben.“

Anders ist die Situation, wenn man beruflich mit dem Kind arbeitet, etwa als Erzieherin, Lehrkraft oder Schulsozialarbeiterin. In solchen FĂ€llen ist echte AnonymitĂ€t meist nicht möglich und teilweise auch rechtlich nicht vorgesehen. Man kann jedoch darum bitten, dass die eigenen Kontaktdaten gegenĂŒber den Eltern nicht aktiv weitergegeben werden. Dennoch ist es realistisch, dass Eltern oft schnell vermuten, aus welchem Umfeld eine Meldung stammen könnte.

Gerade in Einrichtungen wie Kitas oder Schulen empfehle ich dringend, das GesprĂ€ch mit der Leitung oder dem TrĂ€ger zu suchen, bevor eine Meldung erfolgt. Es ist wichtig, fachliche und persönliche RĂŒckendeckung zu haben. Die Verantwortung sollte nicht allein auf den Schultern einer einzelnen Person liegen.


Zwischen MitgefĂŒhl und Grenze: Wie FachkrĂ€fte seelisch gesund bleiben

Healthy Lady: FĂ€lle von VernachlĂ€ssigung, Gewalt oder Missbrauch – wie geht man damit um? Kann man so etwas nach Feierabend wirklich abschĂŒtteln?

Stefanie Schlösser: Der Umgang mit solchen FĂ€llen ist sehr individuell. Ich persönlich kann mich gut abgrenzen. Das ist keine Technik, die ich mir bewusst antrainiert habe, sondern eher eine FĂ€higkeit, die ich frĂŒh bei mir bemerkt habe: Ich kann mich wĂ€hrend der Arbeit intensiv auf einen Fall einlassen und danach innerlich wieder Abstand nehmen, als wĂŒrde ich die TĂŒr hinter mir schließen.

Trotzdem bleiben einzelne FĂ€lle natĂŒrlich im Kopf. Besonders jene, bei denen man spĂŒrt, wie viel Potenzial in einem Kind steckt und gleichzeitig erlebt, dass die Eltern kaum Einsicht zeigen oder nicht bereit sind, mitzuwirken. Oder Situationen, in denen man gern mehr tun wĂŒrde, aber rechtliche oder praktische Grenzen erreicht.

„Wer versucht, jeden einzelnen Fall emotional mit nach Hause zu nehmen, wird auf Dauer daran zerbrechen.“

Ein entscheidender Punkt ist fĂŒr mich die Unterscheidung zwischen persönlicher Haltung und gesetzlichem Auftrag. Das Jugendamt hat nicht die Aufgabe, jedem Kind die bestmögliche Entwicklung zu garantieren. In erster Linie tragen Eltern diese Verantwortung. Eingreifen darf die Jugendhilfe gegen den Willen der Eltern nur dann, wenn eine konkrete GefĂ€hrdung vorliegt, nicht, wenn Eltern „nur“ unvollkommen sind. Diese Grenze auszuhalten, ist emotional oft herausfordernd.

Ich merke außerdem, dass FĂ€lle, die eigene biografische Themen berĂŒhren, besonders nachhallen. Deshalb ist Selbstreflexion fĂŒr mich unerlĂ€sslich: Wie viel meiner eigenen Geschichte schwingt gerade mit? Wo brauche ich mehr fachliche Distanz oder sollte ich einen Fall vielleicht sogar abgeben? Supervision ist dabei ein sehr wichtiges Instrument.


Hinschauen. Handeln. Helfen.

Hinsehen erfordert Mut, aber es ist der wichtigste Dienst, den wir unseren Kindern und unserer Gesellschaft erweisen können. Es geht nicht darum, Eltern zu verurteilen, sondern darum, rechtzeitig BrĂŒcken zu bauen, bevor eine Situation unĂŒberwindbar scheint. Denn jedes Kind verdient ein Zuhause, das ein sicherer Hafen ist und jede ĂŒberforderte Familie verdient die Chance auf UnterstĂŒtzung.

Wenn du dir Sorgen um ein Kind in deinem Umfeld machst oder merkst, dass dir selbst alles ĂŒber den Kopf wĂ€chst, zögere nicht. Diese Stellen beraten anonym, kostenlos und wertfrei:

  • Nummer gegen Kummer (Elterntelefon): Unter 0800 111 0550 erhĂ€ltst du professionelle Beratung bei Erziehungsfragen oder akuten Überlastungen.
  • Kinderschutzbund: Der Kinderschutzbund bietet deutschlandweit Anlaufstellen fĂŒr Eltern und Zeugen von Gewalt oder VernachlĂ€ssigung.
  • Dein örtliches Jugendamt: Du findest die zustĂ€ndige Stelle meist ĂŒber die Website deiner Stadt oder deines Landkreises. Ein Anruf zur Beratung verpflichtet dich noch zu nichts – oft gibt es dort prĂ€ventive Hilfsangebote wie Familienhebammen oder Erziehungshilfen.
  • Polizei / Notruf 110: In akuten Gefahrensituationen, wenn ein Kind unmittelbar bedroht ist, ist die Polizei der richtige Ansprechpartner.