âIch wurde stundenlang im KĂŒhlschrank eingesperrtâ â Missbraucht von der eigenen Mutter
In diesem Beitrag geht es um schweren körperlichen und sexuellen Kindesmissbrauch.
Wenn dich solche Themen emotional stark belasten, lies bitte an dieser Stelle nicht weiter. Zum Schutz der PrivatsphÀre werden keine persönlichen Fotos der Interviewpartnerin veröffentlicht. Das Titelbild ist symbolisch.
Diese Augen haben zu viel gesehen
Es war spÀt am Abend. Mein Sohn schlief bereits, das Haus war still.
Ich scrollte gedankenlos durch die sozialen Medien auf der Suche nach einer interessanten Persönlichkeit fĂŒr das nĂ€chste Interview. Und dann blieb ich plötzlich wie erstarrt.
Eine junge Frau. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Ein Blick, so tief, dass er mich mitten ins Herz traf.
Ich weiĂ in diesem Moment: Diese Augen haben zu viel gesehen. Ich klickte auf ihr Video. Sie begann zu sprechen. Ein Video, dann das nĂ€chste. Florina (31) â so nennt sie sich, erzĂ€hlt in ihren BeitrĂ€gen von einer Kindheit, die niemand hĂ€tte ertragen dĂŒrfen. Von Hunger, Schmerz, Angst und Verrat von Menschen, die sie hĂ€tten beschĂŒtzen mĂŒssen und es nicht taten.
âMeine leibliche Mutter hat mir, als ich noch ein Kleinkind war, das Essen und Trinken verweigert. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen.
Ich erinnere mich an einen Moment â der Durst war so schlimm, dass ich mich ganz leise aus meinem Zimmer geschlichen habe.
Ich bin ins Badezimmer gegangen â ich war zu klein, um das Waschbecken zu erreichen.
Also habe ich einen Schwamm genommen, ihn in die Toilette getaucht und das Wasser daraus gesaugt. Ich hatte so groĂen DurstâŠâ
Mit jedem Satz öffnet sie ein StĂŒck mehr die TĂŒr zu einer Welt, die niemand sehen möchte.
Ich spĂŒre, wie mein Herz anfĂ€ngt zu rasen.
âIch durfte nicht auf die Toilette gehenâ, sagt sie leise.
âIch habe versucht, in Flaschen zu pinkeln. Als meine Mutter es entdeckt hat, hat sie mich so schlimm geschlagen, dass ich dachte, ich ĂŒberlebe es nicht.â
Ein Zittern lag in ihrer Stimme, aber kein Hass. Nur Leere. Als sprĂ€che jemand, der gelernt hat, GefĂŒhle auszuschalten, um zu ĂŒberleben. Dann erzĂ€hlt sie weiter:
„Ich bin als Kind fĂŒr mehrere Stunden in den eiskalten KĂŒhlschrank eingesperrt worden. Ich hatte nur meine UnterwĂ€sche und mein Unterhemd an.
Ich habe laut geschrien und geweint. Ich dachte, ich werde es nicht ĂŒberleben.
WĂ€hrend ich dort drinnen Todesangst hatte, saĂen meine Mutter und ihr LebensgefĂ€hrte drauĂen, hĂ€mmerten gegen den KĂŒhlschrank, lachten sich tot.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich rausgelassen haben, war meine FuĂsohle eingefroren. So fuhren sie mit mir ins Krankenhaus.
Das Jugendamt wurde informiert, aber es geschah nichts. Niemand hat etwas unternommen.â
Das, was ihr hier gerade lest, sind die harmlosesten Zitate aus Florinas Videos, die sie mit der Ăffentlichkeit teilt.
Jede einzelne ErzÀhlung dieser jungen Frau lieà mich tiefer hineinsinken in eine Welt, die so grausam war, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich fĂŒhle noch heute, wie mir die TrĂ€nen ĂŒber die Wangen laufen.
Ich legte das Handy weg, ging in das Zimmer meines Sohnes und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte.
Wie viele Kinder allein hier in Deutschland mĂŒssen tĂ€glich Ăhnliches durchleben, ohne dass jemand hinschaut? Mein Mutterherz bricht bei diesem Gedanken. Am nĂ€chsten Morgen kontaktierte ich sie.
Ich musste. Ich konnte sie nicht vergessen.
Und dann lernte ich sie kennen: eine junge Frau voller Herzlichkeit, Offenheit und Mut.
Man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unglaublich stark sie ist.
Florina â mein heutiger Gast â erhebt ihre Stimme.
FĂŒr sich. Und fĂŒr all die anderen Opfer von schwerem Kindesmissbrauch, die zu lange geschwiegen haben.
Sie zeigt sich. Sie teilt ihre Narben, ihre dunkelsten Erinnerungen. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um aufzurĂŒtteln.
Damit Menschen wie du und ich genauer hinschauen.
Damit wir Kinder sehen, die sonst niemand sieht.
Damit wir endlich verstehen, dass Missbrauch kein fernes Thema ist, sondern mitten unter uns geschieht.
Der Beginn einer Hölle
Healthy Lady: Florina, wenn du an deine Kindheit denkst â was siehst du?
Ich weiĂ, dass es schmerzhaft ist, aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was du erlebt hast.
Wie hat alles begonnen?
Florina:
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich zuerst kein konkretes Bild, sondern ein GefĂŒhl â eine Mischung aus Unsicherheit und dem stĂ€ndigen Versuch, stark zu sein. Viele Momente verschwimmen, aber manche sind bis heute sehr klar. Angefangen hat alles damit, dass ich sehr frĂŒh gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Die Erwachsenen um mich herum waren oft mit ihren eigenen Problemen beschĂ€ftigt, und ich hatte das GefĂŒhl, keinen richtigen Platz zu haben. Als Kind versteht man nicht, warum Dinge passieren â man spĂŒrt nur, dass etwas nicht stimmt. Dieses GefĂŒhl hat mich lange begleitet.
Die schlimmsten Momente waren nicht unbedingt die lauten, offensichtlichen. Es waren die stillen. Die Abende, an denen ich gehofft habe, dass jemand da ist, der mich sieht, aber niemand kam. Dieses GefĂŒhl, nicht wichtig zu sein, nicht gehört zu werden. Diese unsichtbaren Wunden haben mich viel stĂ€rker geprĂ€gt als alles, was man von auĂen hĂ€tte erkennen können.
Was mich bis heute begleitet und fĂŒr mich besonders schlimm war: Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich â ohne zu wissen, dass er es ist â auf seinen SchoĂ setzen. Er trug eine schwarze Strumpfhose ĂŒber dem Kopf, hatte ein Kissen unter dem Oberteil und ein Messer in der Hand. Manchmal musste ich selbst ein Messer aus der KĂŒche holen. Er drohte mir, dass ich gleich in seinem Bauch landen wĂŒrde, dass er schon viele Kinder gegessen habe, und fuhr mit dem Messer an meinen Armen und Beinen entlang. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich je erlebt habe.
Ein anderes Mal wurde ich fĂŒr mehrere Stunden in einen KĂŒhlschrank eingesperrt. Ich musste mich bis auf die UnterwĂ€sche ausziehen. Diese Zeit war extrem traumatisch â ich dachte wirklich, ich wĂŒrde sterben. Ich könnte stundenlang ĂŒber meine Kindheit schreiben. Und trotzdem: Es gab auch kleine Lichtblicke. Menschen, die mir spĂ€ter gezeigt haben, dass Vertrauen möglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum ich heute darĂŒber sprechen kann. Nicht, um die Vergangenheit neu zu durchleben â sondern damit andere verstehen, wie sich solche Erfahrungen anfĂŒhlen. Und dass man Wege findet, daraus herauszuwachsen.
„Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist.“
Healthy Lady: Du warst noch so klein, als all das geschah.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gespĂŒrt hast, dass das, was passiert, nicht normal ist?
Florina:
Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist. Wir lebten in einer Gegend, in der auch Nachbarn ihre Kinder misshandelten. FĂŒr mich war das einfach âsoâ. Dann habe ich mich mit einer Freundin verabredet und dort war plötzlich alles anders. Ihre Mutter war liebevoll, es gab Mittagessen nach der Schule, eine WĂ€rme, die ich nicht kannte. Ich konnte damit ĂŒberhaupt nicht umgehen. Und genau da habe ich verstanden: Das, was bei uns passiert, ist nicht normal.
Healthy Lady: Du wurdest hĂ€ufig verletzt. Wie kann es sein, dass niemand eingegriffen hat â Schule, Freunde, Familie, Jugendamt?
Gab es Menschen, die dich sahen â und trotzdem schwiegen?
Florina:
Uns wurde immer wieder klargemacht, dass wir niemals darĂŒber sprechen dĂŒrfen, was zu Hause passiert. Meine Mutter machte mir deutlich, dass sie es herausfinden wĂŒrde, wenn ich rede, und drohte mir mit Dingen, die mir groĂe Angst machten. Sie wusste genau, wie sie mich zum Schweigen bringt. Aber zum GlĂŒck haben nicht alle geschwiegen. Geschwister von mir haben sich in der Schule und in der Kita anvertraut. Ăber Jahre hinweg wurde dort immer wieder gemeldet, was bei uns passiert. Auch meine Oma hat mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Und trotzdem gab es Menschen, die vieles gesehen oder geahnt haben â und geschwiegen haben.
Healthy Lady: Du hast erzĂ€hlt, dass du irgendwann befreit wurdest â dass endlich jemand hingesehen hat.
WeiĂt du noch, wie dieser Moment war? War es Erleichterung â oder Angst, dass alles wieder beginnt?
Florina:
Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden und wollte so schnell wie möglich zurĂŒck nach âHauseâ. Ich hatte groĂe Angst vor meiner Mutter und dachte, ich hĂ€tte etwas falsch gemacht. Erst mit der Zeit â als ich andere Menschen und eine andere Art zu leben kennenlernte â begann ich zu begreifen, wie viel in meiner Familie falsch gelaufen war. Ich war sehr in mich gekehrt, schwer erreichbar, und es war kaum möglich, mit mir zu kommunizieren. Aber langsam habe ich mich geöffnet. Ich begann, mich sicherer zu fĂŒhlen. Und irgendwann auch: ein kleines bisschen frei.
Die TĂ€ter â das Gesicht des Schmerzes
Healthy Lady:
Du hast gesagt, dass du dir trotz allem NĂ€he zu deiner Mutter gewĂŒnscht hast.
Gab es irgendwann etwas Schönes zwischen euch â oder war alles von Angst geprĂ€gt?
Florina:
Ich habe ihre NĂ€he gesucht, weil ich mir dieses Band zwischen Mutter und Tochter so sehr gewĂŒnscht habe â so, wie man es aus Filmen und Serien kennt. Im Heim oder in der Pflegefamilie schenkte sie mir dann Aufmerksamkeit, und das habe ich sehr genossen. Aber je Ă€lter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie mir alles angetan hat. Es gab in meiner Kindheit nur sehr wenige schöne Momente mit ihr.
„Warum muss ich meine TĂ€ter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dĂŒrfen?“
Healthy Lady:
Wenn du heute zurĂŒckblickst â glaubst du, dass deine Mutter krank war?
Oder war es Eifersucht, Macht, Hass?
Florina:
Wenn ich zurĂŒckdenke, glaube ich, dass sie selbst Dinge erlebt hat, die sie traumatisiert haben. Meine Tante ist sehr frĂŒh gestorben, sie war, glaube ich, zehn oder elf Jahre alt. Auch meine Mutter wurde spĂ€ter Opfer von Gewalt durch MĂ€nner, an die sie geraten ist. Aber aufgrund meiner eigenen Kindheit könnte ich meinen Kindern niemals so etwas antun, wie sie es mir angetan hat. Sie hat sich damals bewusst dafĂŒr entschieden. Ich denke, dass es zum Schluss viel mit Macht, Ergötzung und Befriedigung zu tun hatte, etwas das sie gebraucht hat.
Healthy Lady:
In einem deiner Videos beschreibst du eine Nacht, die dich bis heute begleitet.
Du musstest dich vor einer Kamera zeigen â vor fremden Menschen.
Kannst du heute begreifen, warum dir das angetan wurde?
Glaubst du, dass die TĂ€ter damit Geld verdient haben?
Florina:
Ich weiĂ leider nicht genau, warum sie das getan hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie damit Geld verdient hat. Sie war auf vielen Plattformen unterwegs.
Healthy Lady:
Du hast berichtet, dass auch der damalige LebensgefĂ€hrte deiner Mutter dir Leid zugefĂŒgt hat.
Was war das fĂŒr ein Mensch?
Glaubst du, er hat auch anderen Kindern geschadet?
Und wie war es mit deinen Geschwistern â waren sie ebenfalls betroffen?
Florina:
Mein damaliger Stiefvater war ein sehr aggressiver Mensch. Er war viel mit seinem LKW unterwegs, und ich habe es genossen, wenn er weg war. Er hat mir viele schlimme Dinge angetan, von denen ich heute einen Teil nur noch verschwommen erinnere. Auch er hat diese Macht und Befriedigung genossen.
Und ja, er hat auch meinen Geschwistern Leid zugefĂŒgt.
Healthy Lady:
Hast du heute noch Kontakt zu deiner Mutter?
Hat sie sich jemals bei dir entschuldigt?
Und wie geht sie damit um, dass du heute öffentlich ĂŒber deine Geschichte sprichst?
Florina:
Nein, ich habe seit knapp drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat sich entschuldigt, aber es war nur ein:
âEs tut mir leid, ich dachte, ich hĂ€tte dich fĂŒr immer verloren.â Als ich meinen zweiten Sohn geboren habe, konnte ich ihre NĂ€he nicht mehr ertragen. Je Ă€lter mein groĂer Sohn wurde, desto mehr habe ich gesehen, was ich in seinem Alter bereits durchlebt hatte und welche Verantwortung ich damals schon tragen musste. Ab diesem Punkt konnte ich es nicht mehr aushalten, sie zu sehen. Sie weiĂ von meinen Videos und ist dabei, ihre âZeugenâ zusammenzutrommeln. Einige ihrer Leute haben sich bereits bei mir gemeldet und mir gedroht. Ich bekomme fast tĂ€glich Nachrichten von Fake-Profilen, in denen mir weiter gedroht wird. Aber ich gebe nicht auf.
„Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich â ohne zu wissen, dass er es ist â auf seinen SchoĂ setzen.“
Kampf, Gerechtigkeit & Systemversagen
Healthy Lady: Das Jugendamt wusste, dass etwas nicht stimmt.
Erzieher, Lehrer und deine Oma meldeten sich â und doch geschah nichts.
Wenn du heute daran denkst: Was fĂŒhlst du? Wut? EnttĂ€uschung? Oder das GefĂŒhl, dass man dich aufgegeben hat?
Florina:
Ich bin heute sehr wĂŒtend und enttĂ€uscht vom Jugendamt. Sie hatten schon damals diverse Beweise auf dem Tisch liegen. Erzieher, Lehrer und meine Oma haben sich dort gemeldet â und trotzdem geschah nichts. Bis heute verstehe ich nicht, warum nicht gehandelt wurde.
Healthy Lady: Du hast Einsicht in deine Akten beantragt â und erfahren, dass du nur die HĂ€lfte davon lesen darfst, weil die TĂ€ter zustimmen mĂŒssen.
Wie erklÀrst du dir das? Wie kann so etwas sein?
Florina:
Dass ich nur die HĂ€lfte meiner Akte sehen darf, verstehe ich bis heute nicht. Warum muss ich meine TĂ€ter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dĂŒrfen? Das war einer der GrĂŒnde, warum ich es öffentlich gemacht habe und meine schreckliche Kindheit teile. Denn das, was mir passiert ist, passiert nicht nur mir, sondern so vielen anderen. Das System hat so viele Fehler. Und das muss gehört und gesehen werden.
Healthy Lady: Deine TĂ€ter sind nie verurteilt worden.
Sie leben frei â wĂ€hrend du mit den Folgen leben musst.
Gibt es Momente, in denen du dir wĂŒnschst, sie wĂŒrden fĂŒhlen, was sie dir angetan haben?
Florina:
Ja, es gibt Momente, in denen mich diese Ungerechtigkeit sehr trifft. Sie leben ihr Leben weiter, wĂ€hrend ich bis heute mit den Folgen kĂ€mpfen muss. Das fĂŒhlt sich manchmal einfach unfair an. Aber zu wissen, dass sie meine Videos sehen, Angst bekommen und mit aller Kraft versuchen, mich mundtot zu machen, zeigt mir, dass sie keine Macht mehr ĂŒber mich haben. Und das gibt mir sehr viel zurĂŒck. Ich möchte, dass sie fĂŒr immer weggesperrt werden. In meinen Augen haben sie hier nichts mehr verloren.
Leben mit den Folgen â Trauma, Mutterschaft & Heilung
Healthy Lady: Du bist heute selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn du sie ansiehst â ihre Liebe, ihr Vertrauen â wie fĂŒhlt sich das fĂŒr dich an?
Was fĂŒr eine Mutter bist du heute?
Und kannst du das Verhalten deiner Mutter in irgendeiner Form nachvollziehen?
Florina:
Wenn ich meine Kinder ansehe, spĂŒre ich vor allem Verantwortung. Diese kleinen Menschen vertrauen mir bedingungslos. Sie sind offen, ehrlich, verletzlich, genau so wie ich es damals auch war. Ich weiĂ, was Kinder brauchen. NĂ€he, Sicherheit, Schutz. Und genau deshalb kann ich das Verhalten meiner Mutter nicht nachvollziehen. Egal, was sie selbst erlebt hat, ich könnte meinen Kindern niemals das antun, was sie mir angetan hat. Ich bin heute eine Mutter, die hinschaut. Die fragt. Die zuhört. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dĂŒrfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.
Healthy Lady: Viele MĂŒtter, die selbst Schlimmes erlebt haben, sagen,
dass die Liebe zu ihren Kindern zugleich Heilung und Schmerz bedeutet.
Geht es dir auch so?
Florina:
Ja. Absolut.
Meine Kinder heilen etwas in mir und gleichzeitig zeigen sie mir jeden Tag, was mir damals gefehlt hat. Manchmal sehe ich meinen Sohn und denke: In diesem Alter habe ich schon Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte. Das tut weh. Aber es gibt mir auch Kraft. Denn ich kann heute einen anderen Weg gehen.
„Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dĂŒrfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.“
Healthy Lady: Du hast einmal gesagt, dass du noch immer unter den Folgen deines Traumas und unter Depressionen leidest.
Wie fĂŒhlt es sich an, als Mama mit Depressionen zu leben?
Wie geht deine Familie damit um? UnterstĂŒtzen sie dich?
Florina:
Es ist schwer. Es gibt Tage, an denen alles zu viel ist. An denen ich funktioniere, aber innerlich leer bin. Als Mutter trĂ€gt man Verantwortung auch dann, wenn man selbst kaum Kraft hat. Meine Familie weiĂ das. Sie unterstĂŒtzt mich. Sie wissen, dass es Phasen gibt, in denen ich mehr RĂŒckzug brauche. Ich versuche offen damit umzugehen, auch vor meinen Kindern â altersgerecht. Sie sollen lernen, dass GefĂŒhle da sein dĂŒrfen. Auch die schweren.
Healthy Lady: In einem deiner Videos erklĂ€rst du Eltern, wie wichtig es ist, Kinder zu sensibilisieren â
dass es falsch ist, wenn ein Erwachsener ein âGeheimnisâ mit ihnen teilt oder sie berĂŒhrt.
Wie sprichst du darĂŒber mit deinen eigenen Kindern?
Florina:
Ich spreche sehr offen mit ihnen. NatĂŒrlich kindgerecht.
Ich erklĂ€re ihnen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht wollen. Und dass es Geheimnisse gibt, die man immer erzĂ€hlen darf, besonders dann, wenn sie sich komisch oder beĂ€ngstigend anfĂŒhlen. Ich möchte, dass sie wissen: Mama hört zu. Mama glaubt euch. Und Mama schĂŒtzt euch.
Wenn du helfen willst â oder selbst Hilfe brauchst
Florinas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Weckruf. FĂŒr Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freund:innen, fĂŒr uns alle. Kinderschutz beginnt nicht bei Gesetzen, sondern bei Achtsamkeit, Vertrauen und Mut. Wenn du heute Florinas Worte gelesen hast, dann geh nicht einfach zur Tagesordnung ĂŒber. Sieh hin. Hör hin. Frag nach.
Wenn du das GefĂŒhl hast, dass ein Kind in Gefahr ist oder du selbst betroffen bist – schweige nicht. Hier bekommst du sofort, kostenlos und anonym Hilfe: Hilfetelefon âSexueller Missbrauchâ â 0800 22 55 530
Nummer gegen Kummer â Kindertelefon: 116 111 / Elterntelefon: 0800 111 0 550
WeiĂer Ring e.V. â 116 006
Polizei / Jugendamt â bei akuter Gefahr: 110








