Interviews

„Zwischen Genie und Überforderung: Valerias Leben mit einem hochbegabten Kind“

Als gelernte Erzieherin mit 15 Jahren Berufserfahrung kennt Valeria (37) jedes Entwicklungsschema. Doch als ihr Sohn vor neun Jahren zur Welt kommt, stoßen klassische Ratgeber schnell an ihre Grenzen. Während andere Kinder im Sandkasten spielen, beobachtet ihr Zweijähriger die Welt mit einer Intensität, die auffällt. Er stellt Fragen über den Tod, das Universum und Gott, lange bevor er sicher Fahrrad fährt.

Was folgt, ist ein jahrelanger Weg voller Fragen, der die Familie von der Großstadt München zurück in die beschauliche Kleinstadt Bad Neustadt an der Saale führt. Eine Zeit, die geprägt ist von Zweifeln, ärztlichen Fehldiagnosen und der Isolation einer Mutter, die auf dem Spielplatz plötzlich nicht mehr dazugehört, weil ihr Kind „anders“ ist. Erst Jahre später bringt ein Test Gewissheit: Valerias Sohn gehört zu den wenigen Menschen mit einem IQ von über 130.

Hochbegabung ist keine Frage von Fleiß, sondern eine neurobiologische Besonderheit. Das Gehirn arbeitet anders. Es verarbeitet Informationen schneller, vernetzt sie dichter und denkt tiefer. Trotzdem halten sich Klischees hartnäckig. Viele denken bei Hochbegabung an kleine Genies mit Hornbrille und Geige, die Relativitätstheorien zerlegen. Während diese Wunderkinder tatsächlich existieren, bilden sie nur einen winzigen Bruchteil dessen ab, was Hochbegabung eigentlich bedeutet. In der Realität ist Hochbegabung oft unsichtbar, manchmal anstrengend und selten deckungsgleich mit perfekten Schulnoten.

Im Interview spricht Valeria offen über die Kehrseite der Medaille. Sie erklärt, warum hochbegabte Kinder oft wie kleine „Sheldon Coopers“ wirken, warum das Schulsystem bei ihnen an seine Grenzen stößt und wie sie heute andere Eltern begleitet und ihnen den Stupser gibt, den sie selbst so dringend gebraucht hat. Ein Gespräch über die Herausforderung, einen Platz in einer Welt zu finden, die für den Durchschnitt gemacht ist.


Die ersten Anzeichen: Wenn das Kind aus dem Raster fällt

Healthy Lady: Das Thema Hochbegabung wird oft missverstanden. Viele denken direkt an „kleine Einsteins“ oder „Wunderkinder“, aber für Eltern bedeutet es oft eine tägliche Herausforderung. Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass dein Sohn sich anders entwickelt als Gleichaltrige?

Valeria: Das erste Mal, dass ich auf den Gedanken „Hochbegabung“ gekommen bin, war zwischen seinem zweiten und dritten Lebensjahr. Es war wieder einmal ein Tag, an dem ich abends fix und fertig war und nicht wusste, was mit ihm los ist. Er hatte nie wirklich Freunde. Ich habe mich mit zwei Müttern verabredet, deren Kinder im gleichen Alter waren. Die Kinder spielten zusammen auf dem Spielplatz, während mein Sohn bei mir saß und Angst hatte, den Sand anzufassen. Er ist mit einer geschlossenen Faust geklettert, wollte barfuß nicht über die Wiese laufen oder im Pool plantschen. Er hat sich bei den Spieldates von sich aus isoliert. Er wirkte irgendwie anders, und so habe auch ich mich etwas distanziert. Das hat mich verletzt, weil ich irgendwann nicht mehr gefragt wurde.

Eines Abends habe ich gegoogelt und wollte wissen, was das Internet so ausspuckt. Über Umwege bin ich auf „Merkmale einer Hochbegabung“ gestoßen.

Mein Sohn hat mich mit zweieinhalb Jahren über den Tod ausgefragt.“


Healthy Lady: Woran hast du gemerkt, dass dein Sohn anders denkt, unabhängig von Schulnoten und Klischees?

Valeria: Wir standen im Stau in München nach der Krippe, und er fragte mich plötzlich: Was passiert, wenn wir sterben? Warum müssen wir sterben? Wie sieht Gott aus? Warum leben wir?

Er konnte grammatikalisch richtig sprechen und hatte einen großen Wortschatz. Er kannte alle Farben, auch Begriffe wie Türkis, Hell- und Dunkelblau. Schon mit zwei Jahren bekam er sein erstes Lego-Set und konnte es direkt zusammenbauen. Er war sehr neugierig. Nur das Schlafen war eine absolute Katastrophe, bis heute. Auch das Sozialverhalten war schwierig, besonders Freundschaften. Er war sehr ängstlich in neuen Situationen. Fahrradfahren zu lernen war sehr schwierig und hat lange gedauert. Er sagte immer: „Wenn ich hinfalle, tue ich mir weh“, obwohl er vorher nie Fahrrad gefahren ist.

Die Anzeichen sind im Alltag ständig präsent, in verschiedenen Situationen. Hochbegabte Kinder sind oft in der Grundschule gut, aber später können sie abrutschen, wenn sie nicht erkannt werden. Hochbegabung fällt also nicht unbedingt durch Schulnoten auf, sondern schon viel früher.

Oft werden Kinder erst erkannt, wenn sie in der Schule stören oder den Klassenclown spielen, dann wird schnell ADHS vermutet. Mein Sohn hat zum Beispiel schon in der Kinderkrippe an Sankt Martin das ABC-Lied gesungen. Wir wissen bis heute nicht, wie er sich das beigebracht hat.

Gemeinsame Zeit ist Valeria sehr wichtig – genauso wie die Privatsphäre ihres neunjährigen Sohnes, dessen Name im Interview nicht genannt wird. (Foto: Valeria)

Healthy Lady: Wie unterscheidet sich ein hochbegabtes Kind in deiner Wahrnehmung von einem Kind, das einfach nur „sehr gut“ gefördert oder besonders fleißig ist?

Valeria: Ein hochbegabtes Kind eignet sich Wissen selbstständig an, es ist ständig am Lernen. Als mein Sohn sprechen gelernt hat, hat er alles wiederholt, was wir gesagt haben, und es sich gemerkt. Er hat die Wörter dann selbstständig verwendet, um sie zu festigen. Der Spracherwerb ging extrem schnell.

Ich erinnere mich auch daran, wie er die Farben gelernt hat. Das hat etwa drei Tage gedauert. Er hatte ein Puzzle aus Schaumstoff mit verschiedenen Farben. Mehrmals am Tag fragte er: „Was ist das für eine Farbe?“ Besonders bei Türkis hat er immer wieder nachgefragt. Dann hatte er es verstanden und für sich abgeschlossen. Danach hat er uns die Farben selbstständig benannt, die er gesehen hat.

Das ist kein Fleiß. Er lernt nichts, was ihn nicht interessiert. Er wirkt eher faul. Hausaufgaben oder Lernen sind oft ein Kampf, weil er keine Lust hat. Er sagt immer, er kann es und oft stimmt das auch. Fleißige Kinder lernen gezielt und brauchen Wiederholungen. Hochbegabte Kinder lernen durch Verstehen. Sie erkennen Zusammenhänge und können das Wissen jederzeit wieder abrufen.


Healthy Lady: In welchem Alter habt ihr euch für eine offizielle Diagnostik entschieden? Wie muss man sich den Test vorstellen – eher spielerisch oder wie eine Prüfungssituation?

Valeria: Ich wollte ihn schon mit fünf Jahren testen lassen, aber mein Mann war damals noch nicht davon überzeugt. Ein hochbegabter sieht nicht zwingend wie ein Wunderkind aus. Er wirkt oft ganz normal, ist aber gleichzeitig sehr fordernd. Letztendlich haben wir unseren Sohn mit acht Jahren testen lassen. Der IQ-Test wurde von einer Psychologin durchgeführt, die selbst hochbegabt ist und sich mit dem Thema auskennt. Wir haben etwa 500 Euro bezahlt.

Der Test dauerte ungefähr eine Stunde. Er ist spielerisch aufgebaut und die Kinder empfinden ihn eher wie das Lösen von Rätseln. Die Aufgaben beginnen leicht und werden immer schwieriger. Am Ende wird geschaut, wie weit das Kind im Vergleich zu anderen Kindern gleichen Alters gekommen ist. Getestet wurde mit dem WISC-V. Ab einem IQ von über 130 gilt man offiziell als hochbegabt.


Healthy Lady: Was hat sich durch die Diagnose konkret für euch verändert?

Valeria: Wir sind als Familie deutlich gelassener geworden. Viele Verhaltensweisen können wir jetzt besser einordnen. Zum Beispiel sein ständiges „gleich“. Mein Kind ist so vertieft in seinen Gedanken, dass er sich schwer von ihnen lösen kann.

Auch beim Schlafen hat sich unser Verständnis verändert. Egal wann wir ihn ins Bett bringen – vor 22 Uhr schläft er selten ein. Jetzt wissen wir, dass er schwer abschalten kann. Es gab auch körperliche Auffälligkeiten, wie Tics, besonders in Zeiten von Unterforderung. Einmal dachten wir sogar an Epilepsie und haben eine Untersuchung machen lassen. Ein Hobby zu finden ist ebenfalls schwierig. Klassische Vereinsangebote langweilen ihn oft. Beim Handball war er zwar dabei, aber ohne Freude.

Mit einem offiziellen Test hat man etwas „in der Hand“. Ich wollte die Gewissheit, dass ich mich nicht irre und dass meinem Sohn gezielt geholfen werden kann. Die Diagnose gab mir Sicherheit im Umgang mit ihm.

„Die Tage kamen mir oft endlos lang vor und ich hatte morgens schon Angst vor dem, was kommt. Ich wusste einfach nicht, was ich ihm noch anbieten soll.“


Zu viele Reize, zu viele Gefühle

Healthy Lady: Hochbegabung geht oft Hand in Hand mit Hochsensibilität. Kämpft ihr im Alltag mit starken emotionalen Ausbrüchen oder schneller Reizüberflutung?

Valeria: Ja, sehr. Beim Essen ist er extrem wählerisch. Er isst nur das, was er kennt. Mittlerweile möchte er aus ethischen Gründen auch kein Fleisch mehr essen. Wurst und Käse hat er allerdings noch nie gegessen, das fand er schon als Kleinkind eklig.

Wenn es Streit mit Freunden gibt, trifft ihn das sehr. Er war mal mit einem Mädchen aus seiner Klasse eng befreundet, sie mochten sich wirklich sehr. Doch dann hat sie sich ihm gegenüber nicht mehr fair verhalten. Es war nichts Dramatisches, sie hat sich einfach einem anderen Kind mehr zugewandt. Dazu kamen ein paar Äußerungen, die ihn verletzt haben. Er hat mehrere Tage geweint und immer wieder gefragt: „Was mache ich denn immer falsch? Warum werde ich so blöd behandelt?“

Schon als Kleinkind war er sehr sensibel gegenüber Reizen. Als er noch ein Baby war, waren wir in Florida, und er hatte Angst vor dem Strand. Wir sind dann mit dem Buggy rückwärts Richtung Meer gefahren, damit er den Ozean nicht sieht. Wenn er auf dem Strandtuch saß, war es für ihn in Ordnung – wahrscheinlich, weil es dann nicht mehr so überwältigend wirkte.

Meine Tochter, bei der wir ebenfalls Hochbegabung vermuten, ist auch sehr sensibel, vor allem gegenüber Sinnesreizen. Sie reagiert stark auf Gerüche und ist empfindlich bei Kleidung – Socken, Strumpfhosen, Schuhe oder kratzige Stoffe sind für sie oft schwer auszuhalten.

Valeria mit ihrem Sohn während eines gemeinsamen Ausflugs. (Foto: Valeria)

Healthy Lady: Fühlst du dich als Mutter manchmal von der schieren Intensität und dem Wissensdurst deines Kindes überfordert?

Valeria: Ja, absolut. Ich konnte seinen Wissensdurst nie wirklich stillen. Die Tage kamen mir oft endlos lang vor und ich hatte morgens schon Angst vor dem, was kommt. Ich wusste einfach nicht, was ich ihm noch anbieten soll. Spielplätze waren für ihn nicht besonders spannend. Deshalb waren wir oft in Kirchen, in der Bücherei oder an der Isar. Wir haben gebastelt, geschrieben, gemalt und gebaut. Ich habe so viele Tonies zu Hause, aber die hat er alle durchgehört. Mit zweieinhalb Jahren hat er Bügelperlen für sich entdeckt, und damit hat er sich bis etwa fünf Jahre intensiv beschäftigt. Ein Hörspiel im Hintergrund und unzählige Bügelperlenbilder – das war lange seine Welt.

Heute ist es immer noch anstrengend, aber etwas einfacher, weil er sich viele Informationen selbst beschafft. Trotzdem springt er ständig von einer Idee zur nächsten und oft braucht er mich dann auch dafür. Wenn ich keine Zeit habe, kippt die Stimmung schnell.


Hochbegabt, unterfordert, allein: Ein Alltag abseits der Norm

Healthy Lady: Was sind deine größten Sorgen für die Zukunft deines Sohnes? Hast du Angst vor sozialer Ausgrenzung oder einer Unterforderung im System?

Valeria: Ich habe vor allem Angst, dass er seinen Platz nicht findet. Ich erkenne vieles von mir in ihm wieder und weiß, dass hochbegabte Menschen oft sehr sprunghaft sind, weil sie sich schnell langweilen. Im Arbeitsleben kann das schwierig werden, weil vieles nach einer gewissen Zeit eintönig wirkt.

Er sagt jetzt schon, dass er nicht weiß, was er später machen möchte. Mal will er Wissenschaftler, dann Architekt, Ingenieur, Astrologe, YouTuber oder Schauspieler werden. Aktuell beschäftigt mich eher die Sorge, dass ich ihn zu wenig fördere oder dass wir noch nicht herausgefunden haben, was ihm langfristig wirklich Spaß macht und wobei wir ihn gezielt unterstützen können.

Wir haben schon viele Vereine ausprobiert, aber er findet alles schnell langweilig. Er spielt Klavier, und ansonsten sind wir viel in Museen unterwegs oder machen Ausflüge in Städte. Er hat große Wünsche. Er möchte zum Beispiel nach Japan reisen oder einmal einen Airbus A380 fliegen. Seine Vorstellungen werden immer größer.

Er hat eine VR-Brille und einen 3D-Drucker. Mir ist bewusst, dass das ungewöhnlich ist, aber mit klassischen Spielsachen gibt er sich schon lange nicht mehr zufrieden. Weihnachten 2024 war besonders schwierig. Wir wussten nicht, was wir ihm schenken sollen. Am Ende haben wir ihm verschiedene Dinge unter dem Tannenbaum gelegt. Doch statt Freude flossen bitterliche Tränen, weil nichts dabei war, was er sich wirklich gewünscht hat, obwohl er selbst auch nicht sagen konnte, was er möchte.

Das macht den Alltag oft herausfordernd. Er wird älter, und wir sind immer noch auf der Suche nach dem, was ihn wirklich begeistert. Als Nächstes wollen wir mit ihm Go-Kart fahren ausprobieren. Vielleicht gefällt ihm das. Aber selbst beim Sport ist er zurückhaltend, weil er vieles als zu gefährlich empfindet.


Wie sich „Wunderkinder“ selbst wahrnehmen

Healthy Lady: Wie geht er selbst mit seinem Wissen um? Empfindet er seine schnellen Gedankengänge als ganz natürlich oder reflektiert er bereits, dass er anders denkt als seine Freunde?

Valeria: Er sagt selbst, dass seine Freunde ihn oft nicht verstehen. Wenn er sich für etwas interessiert, geht er sehr tief in das Thema hinein und erzählt dann auch ausführlich davon. Seine Freunde steigen dabei irgendwann aus, weil sie nicht mehr mitkommen. Er merkt das natürlich, entweder wird ihm nicht mehr richtig zugehört oder die anderen Kinder sagen ganz offen: „Ich verstehe das nicht.“ Das macht den Alltag für ihn schwierig, weil er niemanden hat, der seine Interessen wirklich teilt oder auf seinem Niveau mitgehen kann. Gleichgesinnte zu finden, ist nicht einfach. Ich hoffe, dass sich das mit dem Wechsel aufs Gymnasium verändert und er dort Kinder trifft, die ähnlich denken wie er.

Hochbegabte Kinder lernen durch Verstehen. Sie erkennen Zusammenhänge und können das Wissen jederzeit wieder abrufen.


Healthy Lady: Wie zeigt sich die Hochbegabung deines Sohnes im sozialen Miteinander mit anderen Kindern?

Valeria: Im Kindergarten hat eine Erzieherin einmal gesagt, sie habe noch nie ein Kind erlebt, das so sozial ist. Er hat oft die „benachteiligten“ Kinder, z.B. Kinder, die die Sprache noch nicht konnten oder die Jüngeren – ganz selbstverständlich in sein Spiel integriert. Er ist dabei ein bisschen wie ein kleiner Lehrer. Er überlegt sich Projekte, zum Beispiel ein Haus aus Lego zu bauen, und verteilt dann Aufgaben an die anderen Kinder. Die Erzieherin war total begeistert davon.

Auch auf dem Pausenhof erfindet er eigene Spiele und plötzlich spielt die ganze Schule mit. Dabei achtet er immer darauf, dass alle eingebunden sind. Er setzt oft Trends aus seinen eigenen Interessen heraus. Eine Zeit lang haben sich alle für das Universum interessiert, rund um Weihnachten war es Harry Potter, aktuell sind es Flugzeuge.

Wenn ihn allerdings jemand verletzt, zieht er sich konsequent zurück. Dann möchte er mit dem Kind nicht mehr spielen und rennt auch niemandem hinterher. Er bleibt dann lieber für sich allein.

Telefonphobie: Warum uns das Sprechen in Echtzeit so unruhig macht

Beste Freundin gesucht: Wenn Frauen aus Einsamkeit weinen

Diese Warnzeichen bei Hitze solltest du niemals ignorieren

Wenn die Wohnung zur Sauna wird – 14 Tipps, die wirklich gegen Hitze helfen


Healthy Lady: Was passiert mit dem Selbstwertgefühl eines Kindes, wenn es merkt, dass ihm vieles „zufliegt“, während andere hart arbeiten müssen?

Valeria: Das ist ein schwieriges Thema. Er lernt eigentlich nicht, aber er kann es trotzdem. Ich sage bewusst „noch“, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem er wirklich lernen muss. Und dann wird es schwierig, weil er nie gelernt hat, wie Lernen überhaupt funktioniert.

Ich setze mich trotzdem mit ihm hin, und wir wiederholen die Inhalte gemeinsam. In den Tests macht er oft Leichtsinnsfehler oder liest Aufgaben nicht richtig zu Ende. Dadurch verliert er Punkte, und am Ende wird es vielleicht „nur“ eine Zwei, obwohl er den Stoff eigentlich komplett verstanden hat.

Das Selbstwertgefühl ist nochmal ein anderes Thema, das war bei ihm von Anfang an nicht besonders stark. Schon in der Kinderkrippe hat er gesagt: „Ich kann das nicht, mach du das.“ Und bis heute sieht er selbst gar nicht, wie toll er ist und wieviel er eigentlich kann. Ich sage es ihm zwar, aber er hat oft das Gefühl, dass die anderen besser sind.


Zu klug fürs System? Wenn Schule nicht mehr reicht

Healthy Lady: Wie fördert man ein hochbegabtes Kind richtig, ohne in die Falle des „Drillens“ zu tappen oder unnötigen Leistungsdruck aufzubauen?

Valeria: Ehrlich gesagt habe ich darauf keine richtige Antwort. Ich habe das Gefühl, wir fördern ihn vor allem im Alltag. Wenn er zum Beispiel fragt, was die Zahl „Pi“ ist, erklären wir es ihm und am Ende weiß er oft mehr als wir. Oder er erklärt mir Dinge wie Astralreisen und wie sie funktionieren sollen.

Ich schaue, dass ich ihn bei Ferienprogrammen anmelde, die ihn interessieren könnten. Er ist bei einer Kinderuni angemeldet, und wir fahren viel in verschiedene Städte, schauen uns Sehenswürdigkeiten an und gehen in Planetarium oder Museen, da sind wir quasi Dauergäste. Wir kaufen viele Bücher, und er darf auch YouTube schauen. Darüber holt er sich viel Wissen, genau zu den Themen, die ihn interessieren.

Meine größte Sorge ist, dass er unterfordert ist und wir sein Potenzial nicht richtig ausschöpfen. Gleichzeitig macht er nichts, was ihm keinen Spaß macht und ihn zu etwas zu zwingen, würde bei ihm einfach nicht funktionieren.


Healthy Lady: Stößt das normale Schulsystem bei euch an Grenzen? Benötigt dein Sohn spezielle Programme oder vielleicht sogar eine spezialisierte Schule?

Valeria: Noch nicht. Er sagt zwar, dass es manchmal etwas langweilig ist, aber er arbeitet nicht besonders schnell. Ihm ist wichtig, dass alles perfekt ist, durch seinen Perfektionismus kann er gar nicht schnell sein. Die Lehrerin ist informiert, und er fällt im Unterricht nicht negativ auf. Meine Sorge ist eher, dass er sich innerlich zurückzieht und vielleicht sogar in eine depressive Stimmung rutscht. Ein Überspringen der Klasse wollte er selbst nicht. Theoretisch könnte er schon bis eine Million rechnen, aber hochbegabte Kinder haben oft ein geringes Selbstvertrauen und trauen sich solche Schritte nicht zu.

Nach dem Sommer kommt er in die vierte Klasse, und danach steht der Wechsel aufs Gymnasium an. Unser Gymnasium hier in der Kleinstadt hat wohl auch eine Beratung für Hochbegabung, und ich hoffe, dass er dort die passende Förderung bekommt.


Healthy Lady: Wie reagieren Lehrer, wenn man das Thema Hochbegabung anspricht? Erfährt man dort Unterstützung oder stößt man eher auf Skepsis?

Valeria: Als in der Vorschule sich die Hinweise auf die Hochbegabung weiter massiv verstärkten, kontaktierte ich einen Schulpsychologen. Er hat mich an eine Schulsozialpsychologin der Grundschule verwiesen. Mit ihr hatte ich mehrere Telefonate, und sie meinte, wir sollten erst einmal die Einschulung abwarten. Etwa vier Wochen nach Schulstart habe ich mich wieder bei ihr gemeldet. Sie sagte mir, sie habe mit der Klassenlehrerin gesprochen, und die Einschätzung sei: Mein Sohn sei ein ganz normaler Erstklässler. Ich habe daraufhin gefragt, woran man denn einen „ganz normalen“ Erstklässler erkennt – darauf habe ich leider nie eine Antwort bekommen.

Heute ist er in der dritten Klasse und wir haben jetzt eine neue Klassenlehrerin. Sie ist offen, interessiert und wirklich bemüht, ihn zu unterstützen. Sie hat sich auch informiert, was sie ihm im Unterricht zusätzlich anbieten kann. Da er nicht negativ auffällt, also weder durch Stören noch durch schlechte oder beste Noten – ist es für viele Lehrer einfach, ihn „mitlaufen“ zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass das für Lehrkräfte dann deutlich herausfordernder ist.

Als Mutter von zwei Kindern kennt Valeria die besonderen Herausforderungen im Alltag mit hochbegabten Kindern. Über soziale Netzwerke teilt sie ihre Erfahrungen und steht anderen Eltern unterstützend zur Seite. (Foto: Valeria)

Wenn dein Kind ein hohes IQ hat

Healthy Lady: Liebe Valeria, vielen dank, dass du uns so offen und ehrlich deine Geschichte erzählt hast. Wenn du heute auf eure Reise zurückblickst: Was ist dein wichtigster Rat an Mütter, die gerade erst am Anfang stehen und sich aufgrund der ersten Anzeichen noch unsicher sind?

Valeria: Macht euch nicht verrückt und lasst die anderen reden. Ich habe so viele Ratschläge bekommen, dass ich irgendwann total verunsichert war und dachte, mein Kind sei „komisch“. Lasst euch nicht stressen und vergleicht euer Kind nicht ständig mit anderen. Wenn ihr das Gefühl habt, da ist etwas anders, dann ist da meistens auch etwas anders. Dieses Gefühl täuscht einen nicht.

Versucht, euer Kind zu entlasten. Wenn es zum Beispiel nicht in den Kindergarten gehen möchte, schaut, ob es andere Möglichkeiten gibt oder wie man die Situation für das Kind angenehmer gestalten kann. Gleichzeitig kann es helfen, sich über typische Anzeichen zu informieren, um dann die nächsten Schritte einleiten zu können.

Ich habe damals selbst angefangen zu recherchieren, habe über Facebook Gruppen andere Eltern gesucht, die Ähnliches erleben, und schließlich meinen TikTok-Account gestartet. Mir ist es wichtig, anderen Eltern das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind, dass es jemanden gibt, der sie versteht und weiß, wie sich diese Unsicherheit anfühlt.

"Er lernt eigentlich nicht, aber er kann es trotzdem. Ich sage bewusst ‚noch‘, weil irgendwann der Punkt kommt, an dem er wirklich lernen muss."


Mehr als man denkt: Hochbegabung in Zahlen

Laut statistischen Erhebungen gelten etwa 2 % bis 3 % der Kinder in Deutschland als hochbegabt. Das bedeutet, dass in fast jeder dritten oder vierten Schulklasse ein Kind mit einem IQ über 130 sitzt. Doch viele dieser hochintelligenten Kinder werden nie erkannt, weil sie sich perfekt anpassen oder ihre Unterforderung hinter schlechten Noten und Verhaltensauffälligkeiten verstecken.

Wird dieses Potenzial nicht gefördert, droht das sogenannte Underachievement – die Kinder verlieren die Lust am Lernen, ziehen sich deprimiert zurück oder entwickeln psychische Probleme. Wird die Begabung jedoch erkannt, können diese Kinder lernen, ihre intensiven Gedanken als Stärke zu nutzen.

Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst, nimm dieses Gefühl ernst. Such dir Unterstützung bei schulpsychologischen Beratungsstellen, spezialisierten Psychologen oder Organisationen wie der DGhK (Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind). Der Austausch mit Eltern wie Valeria hilft dabei, die Situation nicht mehr als Last, sondern als besondere Ausstattung zu begreifen. Es dient der Zukunft deines Kindes und deiner eigenen Gelassenheit.


Zuhause am Nil: Warum viele Europäerinnen ihr Glück in Ägypten finden – Buchautorin Aleksandra Helail im Interview

Traumhafte Strände, leckeres Essen, majestätische Pyramiden und eine jahrtausendealte Geschichte. Für Millionen von Menschen ist Ägypten das perfekte Reiseziel. Doch…

Read More..

47 Grad, Taliban & der Gedanke ans Aufgeben – das extreme Abenteuer von Maria und Philipp

Mein Kind im fremden Körper: Ramona spricht über Leihmutterschaft, Verlust und harte Vorwürfe

Biochemikerin erklärt: So beeinflussen Hormone deine Energie & Stimmung

THE WALKING DAD: Schauspieler Manuel Hasni schafft Raum für moderne Väter

Psychologin erklärt: Warum Frauen auf TikTok Hilfe bei psychischen Problemen suchen

Die Therapiecouch hat wohl längst Konkurrenz bekommen. Ob ChatGPT oder TikTok, digitale Räume sind für viele Frauen zur virtuellen Psychotherapie geworden. Dort, wo die Hemmschwelle niedrig ist und Algorithmen das Gefühl von „Du bist nicht allein“ vermitteln, sprechen immer mehr Frauen öffentlich über ihre psychischen Herausforderungen. Beatrice Köck ist eine von ihnen. Als Psychologin gibt sie ihrer Community nicht nur wertvolle Ratschläge, sondern bricht ein fundamentales Tabu ihrer Branche. Sie zeigt sich ohne Schutzschild und spricht offen über ihre eigene Psyche. Warum suchen Frauen heute Hilfe auf dem Bildschirm statt im Sprechzimmer? Und was macht Social Media eigentlich mit unserer Psyche? Das erklärt im Interview Psychologin und Mentorin Beatrice Köck.


Healthy Lady: Beatrice, du arbeitest speziell mit Frauen und Mädchen. Warum ist gerade diese Zielgruppe so wichtig für dich?

Beatrice Köck: Ich habe in der Beschäftigung mit meinen eigenen Problemen und denen meiner Kund:innen gemerkt, dass es bestimmte Themen gibt, die sehr viele Frauen betreffen – das Kollektiv von Frauen. Diese Themen sind oft sehr schmerzhaft, schambehaftet, versteckt und tief verwurzelt. Das betrifft zum Beispiel Sexualität, den Körper, Finanzen und die weibliche Kraft.

Auch wenn es nicht schön ist, aber Missbrauch, Ohnmacht im Bezug auf Finanzen, Hass auf den eigenen Körper, und vieles mehr betreffen den Großteil der Frauen und das in einer anderen Weise als bei Männern. Wir haben tief verwurzelte Ängste, Traumata, falsche Glaubensmuster, die viel Heilung brauchen und in denen ich durch meine eigene Geschichte zum Experten wurde. Ich habe gesehen wie meine Mutter abgerutscht ist – sozial, finanziell, beruflich, gesellschaftlich, gesundheitlich und daran zerbrochen ist. Während mein Vater aufgestiegen ist und sich ein tolles Leben aufgebaut hat.

„Mein Postfach ist ein starkes Indiz dafür, wie viele Menschen innerlich leiden – ehrlich gesagt ist etwa jede zweite Nachricht darin erschütternd.“


Healthy Lady: Viele Frauen ziehen sich bei Überforderung völlig zurück. Wie schafft Social Media es, diese Isolation zu durchbrechen?

Beatrice Köck: Social Media, insbesondere Plattformen wie TikTok, stellen für die Menschen heute eine wichtige Brücke dar. Viele Frauen, die zu mir finden, haben sich aufgrund von Angst, Erschöpfung oder innerer Überforderung stark aus dem sozialen Leben zurückgezogen und nehmen oft auch keine klassische psychologische Hilfe mehr in Anspruch. Über Social Media erleben sie erstmals wieder einen niederschwelligen Zugang zu Kontakt, neuen Lösungsansätzen und sogar zu Gemeinschaft, z.B. durch Live-Formate. Ich erlebe, dass viele Menschen dadurch Wissen, Impulse und Möglichkeiten erhalten, die sie sonst nie gefunden hätten. Das kann positive Veränderung anstoßen, ihnen Hoffnung zurückgeben und den negativen Kreislauf von Rückzug und Isolation durchbrechen.

Psychologin und Mentorin Beatrice Köck betreibt ein TikTok-Kanal.
(Foto: Beatrice Köck)

Healthy Lady: Wenn man in dein Postfach blickt, was spiegelt dir deine Community dort über den echten Zustand unserer Gesellschaft?

Beatrice Köck: Ich bekomme sehr viele Nachrichten und ehrlich gesagt ist etwa jede zweite davon erschütternd. Das meine ich nicht dramatisierend, sondern nüchtern beobachtend. Mein Nachrichten-Postfach auf TikTok ist für mich ein starkes Indiz dafür, wie viele Menschen innerlich leiden, sich alleine fühlen oder keinen Ausweg mehr sehen. Es zeigt sehr deutlich, dass wir es hier nicht mit Einzelfällen zu tun haben, sondern mit einem tiefgehenden gesellschaftlichen Thema.


Healthy Lady: Welche emotionalen Muster begegnen dir dabei am häufigsten?

Beatrice Köck: Was ich sehr stark wahrnehme, ist das Feststecken in Symptomen und inneren Kreisläufen: Ängste, Panikattacken, Selbstzweifel, Süchte oder sehr intensive Emotionen. Viele leben in einem dauerhaften Gefühl von „nicht genug“. Nicht genug Gesundheit, nicht genug Geld, nicht genug Liebe oder Sicherheit. Obwohl sie bereits sehr viel versucht haben, wie Therapien, Selbsthilfe, Medikamente. Sie sind müde vom Kämpfen, ohne wirklich voranzukommen.

„Social Media ist für viele Frauen eine wichtige Brücke, um den negativen Kreislauf von Rückzug und Isolation endlich zu durchbrechen.“


Healthy Lady: Du bist auch auf TikTok unterwegs. Warum hast du dich entschieden, als Psychologin auf Social Media sichtbar zu sein, nicht nur als Expertin, sondern als diejenige, die ihre eigenen psychischen Herausforderungen anspricht?

Beatrice Köck: Ich war schon immer jemand, der gerne spricht, sich zeigt und für Herzensangelegenheiten einsetzt. Social Media bietet mir die Möglichkeit, genau das zu tun. Mich einzubringen, Erfahrungen zu teilen und gleichzeitig etwas Positives zu bewirken. Im Laufe meines Lebens und auf meinem Heilungsweg habe ich viel erlebt und erkannt, dass es mir davor niemand sagen konnte. Deshalb fühle ich mich auf eine Weise auch dazu verpflichtet, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, um anderen Menschen ähnliche schmerzhafte Erfahrungen zu ersparen.


Healthy Lady: Hattest du kenie Angst, dass man dich als Psychologin dann nicht mehr ernst nimmt?

Beatrice Köck: Ja, definitiv. Wir leben in einer Zeit, in der oft ein perfektes Bild erwartet wird. Ich habe mir früher oft die Frage gestellt, ob man mich als Psychologin/Energetikerin noch ernst nimmt oder ob es Kundinnen abschreckt. Aber das Feedback war meistens sehr positiv. Als würde ich einen „Nerv“ treffen und Dinge aussprechen, die viele beschäftigen, aber die sie nicht in Worte fassen können. Diese Ehrlichkeit ist der einzige Weg, der sich für mich stimmig anfühlt.

„Ehrlichkeit ist der einzige Weg, der sich für mich stimmig anfühlt – auch wenn ich mich als Psychologin damit sichtbar und angreifbar mache.“


Wo Social Media endet und echte Hilfe beginnt

Digitale Räume sind für viele Frauen zur virtuellen Anlaufstelle geworden, wenn der Druck im Alltag zu groß wird. Der Grund dafür ist so simpel wie schmerzhaft. In einem System aus monatelangen Wartelisten und oft sterilen Praxisräumen suchen viele verzweifelt nach einem Ort, der ihre Sprache spricht.

Es ist die Sehnsucht nach einem Raum, an dem man sich von der eigenen Couch aus verstanden fühlt, ohne sofort die schwere Hürde der Scham und des „Patienten-Seins“ überwinden zu müssen. In den Kommentaren auf TikTok finden Frauen eine Resonanz, die ihnen das Gefühl gibt: „Ich bin nicht allein.“

Doch bei aller Offenheit im Netz bleibt eine wichtige Grenze. Social Media kann ein wertvoller Impulsgeber sein, eine Brücke aus der Isolation schlagen und den Mut für den ersten Schritt geben. Aber sie kann und darf eine professionelle Therapie oder psychologische Beratung nicht ersetzen. Ein Algorithmus erkennt keine Krisen in ihrer vollen Tiefe, und ein Video kann kein persönliches Gespräch ersetzen. Social Media kann hilfreich sein, um Tabus zu brechen, doch die echte, nachhaltige Heilung findet oft dort statt, wo das Handy ausgeschaltet ist.

Wenn du merkst, dass es dir nicht gut geht oder du dich dauerhaft überfordert fühlst, bleib damit nicht allein. In akuten Krisen wende dich bitte an einen Notruf oder eine Krisenstelle in deiner Region.


Auch Psychologinnen brauchen Hilfe – Beatrice Köck spricht offen über ihre eigenen Krisen

Beatrice Köck kennt beide Seiten, als Psychologin und als Frau, die selbst durch Krisen gegangen ist. Die gebürtige Österreicherin hat einen Master in Psychologie und mehrere Ausbildungen im Bereich ganzheitlicher und energetischer Arbeit absolviert. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie es sich anfühlt, wenn man keinen Ausweg mehr sieht. Heute begleitet sie als Psychologin und Mentorin Frauen und Mädchen durch schwierige Phasen. Doch wenn die Tür ihrer Praxis schließt, bleibt sie kein unantastbarer Profi, sondern ein Mensch mit eigener Geschichte.

Wir wollen Ärzte, die vor Vitalität strotzen. Vermögensverwalter, die Wohlstand ausstrahlen. Und Psychologinnen, die ihre eigene Psyche im Griff haben. Doch was, wenn genau dieses Ideal das Problem ist? Was passiert, wenn die Maske der Stärke selbst zur Barriere wird? Brauchen wir Menschen, die uns Panikattacken aus Lehrbüchern erklären oder solche, die wirklich wissen, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper zittert?

Beatrice Köck gehört zu denen, die dieses Spiel nicht mehr mitspielen. Auf TikTok erreicht die Österreicherin Tausende, weil sie etwas tut, das lange ein Tabu war. Sie spricht offen über ihre eigenen Krisen. Nicht als Strategie, sondern, weil sie weiß, wie es sich anfühlt.


Der Bruch mit dem Tabu

Healthy Lady: Beatrice, du begleitest als Psychologin Menschen durch ihre dunkelsten Phasen. Was passiert eigentlich, wenn du selbst an einen Punkt kommst, an dem du nicht mehr weiterweißt? Wie fühlt es sich an, wenn sich die Rollen plötzlich tauschen und du selbst zur Klientin wirst?

Beatrice Köck: Für mich ist das kein Widerspruch, sondern gelebte Menschlichkeit. Ich bin quasi von der Klientenrolle zur Expertin geworden. Meine eigene Leidensgeschichte hat mich zu dem gebracht, was ich heute tue. Ich werde nie aufhören, mir selbst Unterstützung zu holen, wenn ich alleine nicht weiterkomme. Das macht mich zu einer guten Psychologin und nicht zu einer schlechten. Auch wenn in helfenden Berufen oft das Tabu herrscht, nicht über eigene Probleme sprechen zu dürfen.


„Ein Coach/Therapeut/Begleiter muss immer nur einen Schritt weiter sein, als der Klient.“

Healthy Lady: Ich kann mir vorstellen, dass sowas ziemlich schwer sein muss, anderen Halt zu geben, während man selbst innerlich wankt. Wie gehst du damit um?

Beatrice Köck: Das war früher manchmal schwierig, weil ich mir nicht sicher war, ob ich meinen Kund:innen genug helfen kann, weil ich selbst noch nicht ganz stabil war. Aber deren Feedback hat mich bestärkt weiter zu machen. Sie berichteten mir von Erfolgen dank meiner Begleitung und zeigten sich dankbar.

Ich habe am Anfang meiner Arbeit mal gehört, dass ein Coach/Therapeut/Begleiter immer nur einen Schritt weiter sein muss, als der Klient. Und genau so habe ich es erlebt. Zu mir haben immer Menschen gefunden, denen ich helfen konnte, obwohl ich noch nicht perfekt war. Die mit mir den nächsten Schritt gehen konnten, den ich selbst schon gegangen war.


Psychologin Beatrice Köck spricht offen über eigene psychische Krisen auf TikTok. (Foto: B. Köck)

Healthy Lady: Du hörst täglich Geschichten von Angst, Schmerz und Verlust. Was passiert mit all dem, wenn die Stunde vorbei ist? Wohin geht der Schmerz der anderen?

Beatrice Köck: Ich denke, ich kann damit ganz gut umgehen. Nach der Stunde begleiten mich die Themen meiner Kund:innen kaum. Manchmal denke ich darüber nach, bekomme damit intuitive Einsichten über Hintergründe, Zusammenhänge, verstehe plötzlich Teile meiner Geschichte oder Verhalten meiner Familie besser. Für mich ist es unheimlich spannend zu verstehen, zu lernen auch über die Abgründe, die dunklen Seiten der menschlichen Psyche.

Was mir immer hilft ist Sport und Natur. Ich mache jeden Tag Sport und ich bewege mich jeden Tag in der Natur. Das hilft mir immer, zu mir zurückzufinden, mich zu erden und auch den Sinn hinter meinem Weg und meinem Wirken wieder zu spüren.

Natürlich gibt es Tage oder Kund:innen, wo es schwerer ist, in meinem Wohlbefinden zu bleiben, aber in der Regel geht das. Ein Freund hat mal zu mir gesagt: „Du bist wie eine Blume, aber eine die nicht zur Sonne hin wächst, sondern zur Dunkelheit. Und dort bestens gedeiht“.


„Ich sehe meine Stärke in meiner Verletzlichkeit

Healthy Lady: Wie geht eine Psychologin mit eigener Verletzlichkeit um?

Beatrice Köck: Ich gehe damit mittlerweile ziemlich offen und ehrlich um. Mir ist das sehr wichtig und ich würde mir wünschen, das es in der Welt normal ist. Aber ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die sehr viel Scham und Schuld erlebt hat, weil sie psychische Probleme hatte und dadurch bin ich natürlich auch geprägt worden. Ich hab mich sehr lange Zeit wie die „arme Kleine“, die zu sensibel ist, gefühlt und das war sehr unangenehm. Heute habe ich sehr viel an Selbstvertrauen gewonnen und sehe meine Stärke in meiner Verletzlichkeit.


Healthy Lady: Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Ich brauche Hilfe, ich kann das nicht mehr allein?

Beatrice Köck: Durch meine traumatische Geschichte habe ich schon sehr früh, mit etwa 12 Jahren, mit Therapie begonnen und auch viele Jahre gemacht. Für mich war es ganz normal sich therapeutische Hilfe zu holen und ich war mein ganzes Leben immer wieder bei Therapeut:innen, Ärzten, Coaches, Energetiker:innen und das wird sich auch nicht ändern.


Das perfekte Image

Healthy Lady: Warum fällt es selbst Fachleuten oft so schwer, offen über eigene Krisen zu sprechen?

Beatrice Köck: Es herrscht der gesellschaftliche Anspruch, funktionieren zu müssen. Und dann ist es natürlich für Menschen, die auf einem Gebiet Experten sein sollen, nochmal schambehafteter und auch existenzbedrohender. Wer hat denn Lust zu einem Arzt zu gehen, von dem man weiß, er hat selbst eine schwere Krankheit? Genauso wenig, wie man Lust hat, sich von einem Menschen im Heilberuf helfen zu lassen, von dem man weiß, „er kriegt seine eigenen Krisen nicht in den Griff“. Oder? Es ist ein Imagethema und damit für viele leider auch eine existenzielle Frage. Wir haben Angst, nicht mehr ernst genommen zu werden, wenn wir unsere Risse zeigen.


Healthy Lady: Viele Psychologinnen lernen, Distanz zu wahren, aber was, wenn man sich in einem Thema plötzlich selbst erkennt? Hattest du schon einmal eine Klientin, die etwas in dir ausgelöst hat, das du nicht erwartet hast?

Beatrice Köck: Ich denke, das ist eher die Regel als die Ausnahme. Als Psycholog:innen werden wir sehr oft mit Themen konfrontiert, die wir selbst kennen oder zumindest in ähnlicher Form erlebt haben. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie wir damit umgehen. Im Idealfall ist es keine offene, unverarbeitete Wunde mehr, sondern ein Thema, mit dem wir uns bewusst auseinandergesetzt haben, für das wir Wege, Perspektiven und Strategien entwickelt haben.

Genau darin liegt auch eine große Ressource für Klient:innen. Es ist völlig normal, berührt oder auch einmal getriggert zu sein. Wichtig ist, diese Prozesse zu reflektieren – während der Stunde und danach.

Ich erlebe es oft so, dass Klientinnen mir Themen bewusst machen, die bei mir selbst noch Entwicklungspotenzial haben. Dafür bin ich im Nachhinein sogar dankbar. Wer glaubt, nichts von seinen Klient:innen zu lernen, ist meiner Meinung nach nicht ganz ehrlich, weder mit sich selbst noch mit dem Beruf.

„Wir tragen als Frauen tief verwurzelte Ängste und Traumata in uns, die viel Heilung brauchen“


Die Brücke ins Netz: Warum Sichtbarkeit heilsam ist

Healthy Lady: Warum hast du dich entschieden, als Psychologin auf Social Media so offen über deine eigenen Krisen zu sprechen?

Beatrice Köck: Ich war schon immer jemand, der gerne spricht, sich zeigt und für Herzensangelegenheiten einsetzt. Social Media bietet mir die Möglichkeit, genau das zu tun. Mich einzubringen, Erfahrungen zu teilen und gleichzeitig etwas Positives zu bewirken. Im Laufe meines Lebens und auf meinem Heilungsweg habe ich viel erlebt und erkannt, dass es mir davor niemand sagen konnte. Deshalb fühle ich mich auf eine Weise auch dazu verpflichtet, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben, um anderen Menschen ähnliche schmerzhafte Erfahrungen zu ersparen.


Healthy Lady: Gab es anfangs Zweifel oder Angst, dich mit diesen Themen öffentlich zu zeigen?

Beatrice Köck: Ja, definitiv. Wir leben in einer Zeit, in der oft ein perfektes Bild von sich selbst erwartet wird und in der Menschen schnell beurteilen oder verurteilen. Mit meiner Offenheit mache ich mich sichtbar und damit auch angreifbar. Das kann Kritik bedeuten oder sogar den Verlust von Kundinnen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass genau diese Ehrlichkeit der einzige Weg ist, der sich für mich stimmig anfühlt.


Frauen brauchen mehr Unterstützung

Healthy Lady: Du arbeitest speziell mit Frauen und Mädchen. Warum ist dir gerade diese Zielgruppe so wichtig?

Beatrice Köck: Ich habe in der Beschäftigung mit meinen eigenen Problemen und denen meiner Kund:innen gemerkt, dass es bestimmte Themen gibt, die sehr viele Frauen betreffen. Ich würde sogar sagen: das Kollektiv von Frauen. Und diese Themen sind oft sehr schmerzhaft, schambehaftet, versteckt und tief verwurzelt. Das betrifft z.B. Sexualität, den Körper, Finanzen und die weibliche Kraft/Gaben.

Auch wenn es nicht schön ist, aber Missbrauch, Ohnmacht im Bezug auf Finanzen, Hass auf den eigenen Körper, und vieles mehr betreffen den Großteil der Frauen und das in einer anderen Weise als bei Männern. Wir haben tief verwurzelte Ängste, Traumata, falsche Glaubensmuster, die viel Heilung brauchen und in denen ich durch meine eigene Geschichte zum Experten wurde. Ich habe gesehen wie meine Mutter abgerutscht ist – sozial, finanziell, beruflich, gesellschaftlich, gesundheitlich – und daran zerbrochen ist. Während mein Vater aufgestiegen ist und sich ein tolles Leben aufgebaut hat.

„Wer glaubt, nichts von seinen Klient:innen zu lernen, ist meiner Meinung nach nicht ganz ehrlich.“


Heilung ist kein Alleingang

Healthy Lady: Kann man sich als Psychologin selbst heilen oder braucht es dafür manchmal jemanden von außen?

Beatrice Köck: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir einerseits angeborene Selbstheilungskräfte haben und vieles selbst heilen können. Aber andererseits brauchen wir oft Menschen, um zu heilen. Einerseits weil Verletzung in Beziehung auch durch neue Erfahrungen in Beziehungen geheilt werden kann/muss. Und andererseits wie wir nicht alle Aspekte an uns und unserer Lebenswelt wirklich sehen können (sowas wie ein „blinder Fleck“).

Also ja, ich denke, es braucht manchmal jemanden von außen. Das muss aber nicht zwangsläufig ein Therapeut/Psychologe/oder ähnliches sein, aber ein Mensch, der uns hilft, blinde Flecken aufzudecken, der uns spiegelt, der uns hält in unserem Schmerz.


Healthy Lady: Du hast das Programm „Diamond Way“ entwickelt – ein Konzept, das Frauen und Mädchen auf ihrem Heilungsweg begleiten soll. Was genau passiert dort?

Beatrice Köck: Mein Projekt „Diamond Way“ ist noch in Entstehung. Es wird ein ganzheitliches, alltagstaugliches Angebot, bei dem es um die Kombination aus körperbezogenen Interventionen (Sport, Ernährung, Entspannung), psychologischem Wissen und seelischen Themen (Berufung, eigene Energie, Energiearbeit) geht. Ziel ist es, den Weg in ein glücklicheres Leben auf eine gesunde, liebevolle, moderne und wirksame Weise zu gehen und vor allem nicht mehr allein. Den ersten Durchlauf möchte ich Mitte des Jahres starten.


Healthy Lady: Was möchtest du Frauen mitgeben, die gerade selbst kämpfen, die vielleicht jeden Tag stark sein müssen, obwohl sie innerlich längst müde sind?

Beatrice Köck: Das ist schwer zu beantworten, denn ich habe selbst so viel erlebt und mit so vielen Menschen gearbeitet, dass ich weiß, dass keine Phrase für alle passt. Für die eine Person ist etwas ermutigend, für die andere Person ist das selbe zerschmetternd. Ich kann nur sagen: Es liegt nicht an dir. Bitte gib nicht auf. Such dir Hilfe, wenn auch von ChatGPT. Oder komm mal in ein Live von mir.


Ein neuer Blick

Das Gespräch mit Beatrice Köck macht eines deutlich: Wir brauchen ein neues Bild von mentaler Gesundheit. Eines, in dem Fachwissen und menschliche Verletzlichkeit keine Gegenspieler sind, sondern sich gegenseitig stärken. Wer tiefer eintauchen möchte, findet Beatrice Köck auf TikTok unter @beatrice_dw. Dort spricht sie weiter über das, worüber viele noch schweigen.


„Ich wurde stundenlang im Kühlschrank eingesperrt“ – Missbraucht von der eigenen Mutter

In diesem Beitrag geht es um schweren körperlichen und sexuellen Kindesmissbrauch.
Wenn dich solche Themen emotional stark belasten, lies bitte an dieser Stelle nicht weiter. Zum Schutz der Privatsphäre werden keine persönlichen Fotos der Interviewpartnerin veröffentlicht. Das Titelbild ist symbolisch.


Diese Augen haben zu viel gesehen

Es war spät am Abend. Mein Sohn schlief bereits, das Haus war still.
Ich scrollte gedankenlos durch die sozialen Medien auf der Suche nach einer interessanten Persönlichkeit für das nächste Interview. Und dann blieb ich plötzlich wie erstarrt.

Eine junge Frau. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Ein Blick, so tief, dass er mich mitten ins Herz traf.
Ich weiß in diesem Moment: Diese Augen haben zu viel gesehen. Ich klickte auf ihr Video. Sie begann zu sprechen. Ein Video, dann das nächste. Florina (31) – so nennt sie sich, erzählt in ihren Beiträgen von einer Kindheit, die niemand hätte ertragen dürfen. Von Hunger, Schmerz, Angst und Verrat von Menschen, die sie hätten beschützen müssen und es nicht taten. 

„Meine leibliche Mutter hat mir, als ich noch ein Kleinkind war, das Essen und Trinken verweigert. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen.
Ich erinnere mich an einen Moment – der Durst war so schlimm, dass ich mich ganz leise aus meinem Zimmer geschlichen habe.
Ich bin ins Badezimmer gegangen – ich war zu klein, um das Waschbecken zu erreichen.
Also habe ich einen Schwamm genommen, ihn in die Toilette getaucht und das Wasser daraus gesaugt. Ich hatte so großen Durst…“

Mit jedem Satz öffnet sie ein Stück mehr die Tür zu einer Welt, die niemand sehen möchte.
Ich spüre, wie mein Herz anfängt zu rasen.

„Ich durfte nicht auf die Toilette gehen“, sagt sie leise.
„Ich habe versucht, in Flaschen zu pinkeln. Als meine Mutter es entdeckt hat, hat sie mich so schlimm geschlagen, dass ich dachte, ich überlebe es nicht.“

Ein Zittern lag in ihrer Stimme, aber kein Hass. Nur Leere. Als spräche jemand, der gelernt hat, Gefühle auszuschalten, um zu überleben. Dann erzählt sie weiter:

„Ich bin als Kind für mehrere Stunden in den eiskalten Kühlschrank eingesperrt worden. Ich hatte nur meine Unterwäsche und mein Unterhemd an.
Ich habe laut geschrien und geweint. Ich dachte, ich werde es nicht überleben.
Während ich dort drinnen Todesangst hatte, saßen meine Mutter und ihr Lebensgefährte draußen, hämmerten gegen den Kühlschrank, lachten sich tot.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich rausgelassen haben, war meine Fußsohle eingefroren. So fuhren sie mit mir ins Krankenhaus.
Das Jugendamt wurde informiert, aber es geschah nichts. Niemand hat etwas unternommen.“

Das, was ihr hier gerade lest, sind die harmlosesten Zitate aus Florinas Videos, die sie mit der Öffentlichkeit teilt.
Jede einzelne Erzählung dieser jungen Frau ließ mich tiefer hineinsinken in eine Welt, die so grausam war, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich fühle noch heute, wie mir die Tränen über die Wangen laufen.
Ich legte das Handy weg, ging in das Zimmer meines Sohnes und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte.

Wie viele Kinder allein hier in Deutschland müssen täglich Ähnliches durchleben, ohne dass jemand hinschaut? Mein Mutterherz bricht bei diesem Gedanken. Am nächsten Morgen kontaktierte ich sie.
Ich musste. Ich konnte sie nicht vergessen.
Und dann lernte ich sie kennen: eine junge Frau voller Herzlichkeit, Offenheit und Mut.
Man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unglaublich stark sie ist.

Florina – mein heutiger Gast – erhebt ihre Stimme.
Für sich. Und für all die anderen Opfer von schwerem Kindesmissbrauch, die zu lange geschwiegen haben.
Sie zeigt sich. Sie teilt ihre Narben, ihre dunkelsten Erinnerungen. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um aufzurütteln.
Damit Menschen wie du und ich genauer hinschauen.
Damit wir Kinder sehen, die sonst niemand sieht.
Damit wir endlich verstehen, dass Missbrauch kein fernes Thema ist, sondern mitten unter uns geschieht.


Der Beginn einer Hölle

Healthy Lady: Florina, wenn du an deine Kindheit denkst – was siehst du?
Ich weiß, dass es schmerzhaft ist, aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was du erlebt hast.
Wie hat alles begonnen?

Florina:
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich zuerst kein konkretes Bild, sondern ein Gefühl – eine Mischung aus Unsicherheit und dem ständigen Versuch, stark zu sein. Viele Momente verschwimmen, aber manche sind bis heute sehr klar. Angefangen hat alles damit, dass ich sehr früh gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Die Erwachsenen um mich herum waren oft mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, und ich hatte das Gefühl, keinen richtigen Platz zu haben. Als Kind versteht man nicht, warum Dinge passieren – man spürt nur, dass etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl hat mich lange begleitet.

Die schlimmsten Momente waren nicht unbedingt die lauten, offensichtlichen. Es waren die stillen. Die Abende, an denen ich gehofft habe, dass jemand da ist, der mich sieht, aber niemand kam. Dieses Gefühl, nicht wichtig zu sein, nicht gehört zu werden. Diese unsichtbaren Wunden haben mich viel stärker geprägt als alles, was man von außen hätte erkennen können.

Was mich bis heute begleitet und für mich besonders schlimm war: Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen. Er trug eine schwarze Strumpfhose über dem Kopf, hatte ein Kissen unter dem Oberteil und ein Messer in der Hand. Manchmal musste ich selbst ein Messer aus der Küche holen. Er drohte mir, dass ich gleich in seinem Bauch landen würde, dass er schon viele Kinder gegessen habe, und fuhr mit dem Messer an meinen Armen und Beinen entlang. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich je erlebt habe.

Ein anderes Mal wurde ich für mehrere Stunden in einen Kühlschrank eingesperrt. Ich musste mich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Diese Zeit war extrem traumatisch – ich dachte wirklich, ich würde sterben. Ich könnte stundenlang über meine Kindheit schreiben. Und trotzdem: Es gab auch kleine Lichtblicke. Menschen, die mir später gezeigt haben, dass Vertrauen möglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum ich heute darüber sprechen kann. Nicht, um die Vergangenheit neu zu durchleben – sondern damit andere verstehen, wie sich solche Erfahrungen anfühlen. Und dass man Wege findet, daraus herauszuwachsen.

„Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist.“


Healthy Lady: Du warst noch so klein, als all das geschah.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gespürt hast, dass das, was passiert, nicht normal ist?

Florina:
Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist. Wir lebten in einer Gegend, in der auch Nachbarn ihre Kinder misshandelten. Für mich war das einfach „so“. Dann habe ich mich mit einer Freundin verabredet und dort war plötzlich alles anders. Ihre Mutter war liebevoll, es gab Mittagessen nach der Schule, eine Wärme, die ich nicht kannte. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen. Und genau da habe ich verstanden: Das, was bei uns passiert, ist nicht normal.


Healthy Lady: Du wurdest häufig verletzt. Wie kann es sein, dass niemand eingegriffen hat – Schule, Freunde, Familie, Jugendamt?
Gab es Menschen, die dich sahen – und trotzdem schwiegen?

Florina:
Uns wurde immer wieder klargemacht, dass wir niemals darüber sprechen dürfen, was zu Hause passiert. Meine Mutter machte mir deutlich, dass sie es herausfinden würde, wenn ich rede, und drohte mir mit Dingen, die mir große Angst machten. Sie wusste genau, wie sie mich zum Schweigen bringt. Aber zum Glück haben nicht alle geschwiegen. Geschwister von mir haben sich in der Schule und in der Kita anvertraut. Über Jahre hinweg wurde dort immer wieder gemeldet, was bei uns passiert. Auch meine Oma hat mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Und trotzdem gab es Menschen, die vieles gesehen oder geahnt haben – und geschwiegen haben.


Healthy Lady: Du hast erzählt, dass du irgendwann befreit wurdest – dass endlich jemand hingesehen hat.
Weißt du noch, wie dieser Moment war? War es Erleichterung – oder Angst, dass alles wieder beginnt?

Florina:
Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden und wollte so schnell wie möglich zurück nach „Hause“. Ich hatte große Angst vor meiner Mutter und dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Erst mit der Zeit – als ich andere Menschen und eine andere Art zu leben kennenlernte – begann ich zu begreifen, wie viel in meiner Familie falsch gelaufen war. Ich war sehr in mich gekehrt, schwer erreichbar, und es war kaum möglich, mit mir zu kommunizieren. Aber langsam habe ich mich geöffnet. Ich begann, mich sicherer zu fühlen. Und irgendwann auch: ein kleines bisschen frei.


Die Täter – das Gesicht des Schmerzes

Healthy Lady:
Du hast gesagt, dass du dir trotz allem Nähe zu deiner Mutter gewünscht hast.
Gab es irgendwann etwas Schönes zwischen euch – oder war alles von Angst geprägt?

Florina:
Ich habe ihre Nähe gesucht, weil ich mir dieses Band zwischen Mutter und Tochter so sehr gewünscht habe – so, wie man es aus Filmen und Serien kennt. Im Heim oder in der Pflegefamilie schenkte sie mir dann Aufmerksamkeit, und das habe ich sehr genossen. Aber je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie mir alles angetan hat. Es gab in meiner Kindheit nur sehr wenige schöne Momente mit ihr.

„Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen?“


Healthy Lady:
Wenn du heute zurückblickst – glaubst du, dass deine Mutter krank war?
Oder war es Eifersucht, Macht, Hass?

Florina:
Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass sie selbst Dinge erlebt hat, die sie traumatisiert haben. Meine Tante ist sehr früh gestorben, sie war, glaube ich, zehn oder elf Jahre alt. Auch meine Mutter wurde später Opfer von Gewalt durch Männer, an die sie geraten ist. Aber aufgrund meiner eigenen Kindheit könnte ich meinen Kindern niemals so etwas antun, wie sie es mir angetan hat. Sie hat sich damals bewusst dafür entschieden. Ich denke, dass es zum Schluss viel mit Macht, Ergötzung und Befriedigung zu tun hatte, etwas das sie gebraucht hat.


Healthy Lady:
In einem deiner Videos beschreibst du eine Nacht, die dich bis heute begleitet.
Du musstest dich vor einer Kamera zeigen – vor fremden Menschen.
Kannst du heute begreifen, warum dir das angetan wurde?
Glaubst du, dass die Täter damit Geld verdient haben?

Florina:
Ich weiß leider nicht genau, warum sie das getan hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie damit Geld verdient hat. Sie war auf vielen Plattformen unterwegs.


Healthy Lady:
Du hast berichtet, dass auch der damalige Lebensgefährte deiner Mutter dir Leid zugefügt hat.
Was war das für ein Mensch?
Glaubst du, er hat auch anderen Kindern geschadet?
Und wie war es mit deinen Geschwistern – waren sie ebenfalls betroffen?

Florina:
Mein damaliger Stiefvater war ein sehr aggressiver Mensch. Er war viel mit seinem LKW unterwegs, und ich habe es genossen, wenn er weg war. Er hat mir viele schlimme Dinge angetan, von denen ich heute einen Teil nur noch verschwommen erinnere. Auch er hat diese Macht und Befriedigung genossen.
Und ja, er hat auch meinen Geschwistern Leid zugefügt.


Healthy Lady:
Hast du heute noch Kontakt zu deiner Mutter?
Hat sie sich jemals bei dir entschuldigt?
Und wie geht sie damit um, dass du heute öffentlich über deine Geschichte sprichst?

Florina:
Nein, ich habe seit knapp drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat sich entschuldigt, aber es war nur ein:
„Es tut mir leid, ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“ Als ich meinen zweiten Sohn geboren habe, konnte ich ihre Nähe nicht mehr ertragen. Je älter mein großer Sohn wurde, desto mehr habe ich gesehen, was ich in seinem Alter bereits durchlebt hatte und welche Verantwortung ich damals schon tragen musste. Ab diesem Punkt konnte ich es nicht mehr aushalten, sie zu sehen. Sie weiß von meinen Videos und ist dabei, ihre „Zeugen“ zusammenzutrommeln. Einige ihrer Leute haben sich bereits bei mir gemeldet und mir gedroht. Ich bekomme fast täglich Nachrichten von Fake-Profilen, in denen mir weiter gedroht wird. Aber ich gebe nicht auf.

„Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen.“


Kampf, Gerechtigkeit & Systemversagen

Healthy Lady: Das Jugendamt wusste, dass etwas nicht stimmt.
Erzieher, Lehrer und deine Oma meldeten sich – und doch geschah nichts.
Wenn du heute daran denkst: Was fühlst du? Wut? Enttäuschung? Oder das Gefühl, dass man dich aufgegeben hat?

Florina:
Ich bin heute sehr wütend und enttäuscht vom Jugendamt. Sie hatten schon damals diverse Beweise auf dem Tisch liegen. Erzieher, Lehrer und meine Oma haben sich dort gemeldet – und trotzdem geschah nichts. Bis heute verstehe ich nicht, warum nicht gehandelt wurde.


Healthy Lady: Du hast Einsicht in deine Akten beantragt – und erfahren, dass du nur die Hälfte davon lesen darfst, weil die Täter zustimmen müssen.
Wie erklärst du dir das? Wie kann so etwas sein?

Florina:
Dass ich nur die Hälfte meiner Akte sehen darf, verstehe ich bis heute nicht. Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen? Das war einer der Gründe, warum ich es öffentlich gemacht habe und meine schreckliche Kindheit teile. Denn das, was mir passiert ist, passiert nicht nur mir, sondern so vielen anderen. Das System hat so viele Fehler. Und das muss gehört und gesehen werden.


Healthy Lady: Deine Täter sind nie verurteilt worden.
Sie leben frei – während du mit den Folgen leben musst.
Gibt es Momente, in denen du dir wünschst, sie würden fühlen, was sie dir angetan haben?

Florina:
Ja, es gibt Momente, in denen mich diese Ungerechtigkeit sehr trifft. Sie leben ihr Leben weiter, während ich bis heute mit den Folgen kämpfen muss. Das fühlt sich manchmal einfach unfair an. Aber zu wissen, dass sie meine Videos sehen, Angst bekommen und mit aller Kraft versuchen, mich mundtot zu machen, zeigt mir, dass sie keine Macht mehr über mich haben. Und das gibt mir sehr viel zurück. Ich möchte, dass sie für immer weggesperrt werden. In meinen Augen haben sie hier nichts mehr verloren.


Leben mit den Folgen – Trauma, Mutterschaft & Heilung

Healthy Lady: Du bist heute selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn du sie ansiehst – ihre Liebe, ihr Vertrauen – wie fühlt sich das für dich an?
Was für eine Mutter bist du heute?
Und kannst du das Verhalten deiner Mutter in irgendeiner Form nachvollziehen?

Florina:
Wenn ich meine Kinder ansehe, spüre ich vor allem Verantwortung. Diese kleinen Menschen vertrauen mir bedingungslos. Sie sind offen, ehrlich, verletzlich, genau so wie ich es damals auch war. Ich weiß, was Kinder brauchen. Nähe, Sicherheit, Schutz. Und genau deshalb kann ich das Verhalten meiner Mutter nicht nachvollziehen. Egal, was sie selbst erlebt hat, ich könnte meinen Kindern niemals das antun, was sie mir angetan hat. Ich bin heute eine Mutter, die hinschaut. Die fragt. Die zuhört. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.


Healthy Lady: Viele Mütter, die selbst Schlimmes erlebt haben, sagen,
dass die Liebe zu ihren Kindern zugleich Heilung und Schmerz bedeutet.
Geht es dir auch so?

Florina:
Ja. Absolut.
Meine Kinder heilen etwas in mir und gleichzeitig zeigen sie mir jeden Tag, was mir damals gefehlt hat. Manchmal sehe ich meinen Sohn und denke: In diesem Alter habe ich schon Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte. Das tut weh. Aber es gibt mir auch Kraft. Denn ich kann heute einen anderen Weg gehen.

„Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.“


Healthy Lady: Du hast einmal gesagt, dass du noch immer unter den Folgen deines Traumas und unter Depressionen leidest.
Wie fühlt es sich an, als Mama mit Depressionen zu leben?
Wie geht deine Familie damit um? Unterstützen sie dich?

Florina:
Es ist schwer. Es gibt Tage, an denen alles zu viel ist. An denen ich funktioniere, aber innerlich leer bin. Als Mutter trägt man Verantwortung auch dann, wenn man selbst kaum Kraft hat. Meine Familie weiß das. Sie unterstützt mich. Sie wissen, dass es Phasen gibt, in denen ich mehr Rückzug brauche. Ich versuche offen damit umzugehen, auch vor meinen Kindern – altersgerecht. Sie sollen lernen, dass Gefühle da sein dürfen. Auch die schweren.


Healthy Lady: In einem deiner Videos erklärst du Eltern, wie wichtig es ist, Kinder zu sensibilisieren –
dass es falsch ist, wenn ein Erwachsener ein „Geheimnis“ mit ihnen teilt oder sie berührt.
Wie sprichst du darüber mit deinen eigenen Kindern?

Florina:
Ich spreche sehr offen mit ihnen. Natürlich kindgerecht.
Ich erkläre ihnen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht wollen. Und dass es Geheimnisse gibt, die man immer erzählen darf, besonders dann, wenn sie sich komisch oder beängstigend anfühlen. Ich möchte, dass sie wissen: Mama hört zu. Mama glaubt euch. Und Mama schützt euch.


Wenn du helfen willst – oder selbst Hilfe brauchst

Florinas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Weckruf. Für Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freund:innen, für uns alle. Kinderschutz beginnt nicht bei Gesetzen, sondern bei Achtsamkeit, Vertrauen und Mut. Wenn du heute Florinas Worte gelesen hast, dann geh nicht einfach zur Tagesordnung über. Sieh hin. Hör hin. Frag nach.

Wenn du das Gefühl hast, dass ein Kind in Gefahr ist oder du selbst betroffen bist – schweige nicht. Hier bekommst du sofort, kostenlos und anonym Hilfe: Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ – 0800 22 55 530
Nummer gegen Kummer – Kindertelefon: 116 111 / Elterntelefon: 0800 111 0 550
Weißer Ring e.V. – 116 006
Polizei / Jugendamt – bei akuter Gefahr: 110


Entdecke weitere Einblicke


„Sie sagten, wir seien verrückt.“ – Warum ein Paar sein sicheres Leben für 365 Inseln in der Karibik aufgab

Das Leben in der Karibik an Bord einer Yacht, begleitet vom Wind, der Sonne und dem sanften Rhythmus der Wellen, die gegen den Rumpf des Bootes schlagen. Für viele ist das nur ein ferner Traum. Für Aga und Paweł, das eingespielte Team von Sailing La Vision, ist es längst Realität. Während sie als gute Seele an Bord mit viel Herz und Intuition dafür sorgt, dass aus Fremden Freunde werden, lenkt er die Yacht als besonnener Kapitän mit ruhiger Hand und einer tiefen Leidenschaft für Abenteuer durch das kristallklare Wasser. Gemeinsam verkörpern sie eine inspirierende Botschaft. Freiheit fällt nicht einfach vom Himmel. Sie ist die Belohnung für all jene, die den Mut haben, ihren eigenen Kurs zu setzen.

Wo der feste Boden endet, beginnt die Vision

Heute begeben wir uns an Bord ihrer Yacht auf eine Reise zu den San-Blas-Inseln, einem tropischen Archipel aus rund 365 winzigen Eilanden, die wie Perlen im türkisfarbenen Meer vor der Küste Panamas verstreut liegen. Es ist ein Ort, der selbst erfahrenen Weltenbummlern den Atem raubt. Wer hier ankommt, merkt schnell, dass die Zivilisation weit entfernt ist. Hotels, Straßen und der Lärm der Stadt sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Natur in ihrer ursprünglichsten Form, fast so, als wäre sie noch immer so erhalten, wie Gott sie schuf. Wer glaubt, das wahre Paradies liege auf den Malediven oder den Seychellen, wird hier eines Besseren belehrt. Wahre Schönheit braucht keine fünf Sterne und kein Blitzlichtgewitter.

Die Entscheidung, das sichere Land gegen den unberechenbaren Ozean einzutauschen, wirkt für viele wie Wahnsinn. Vielleicht ist sie das auch ein wenig. Doch genau dort, wo man den festen Boden unter den Füßen verliert, beginnt oft das eigentliche Leben. Die beiden Polen fanden den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vor drei Jahren ließen sie ihr Stadtleben in Frankreich hinter sich, kündigten ihre sicheren Jobs, verkauften ihr Hab und Gut und tauschten die tägliche Routine gegen das Abenteuer des offenen Ozeans.

In Kolumbien, unter der heißen Sonne Südamerikas, fanden sie schließlich ihr Boot. Eine Yacht mit Geschichte, der sie mit viel harter Arbeit neues Leben einhauchten. Heute ist die Vision mehr als nur ihr Zuhause. Sie ist das Symbol für ihren Traum von Freiheit und einer selbstgeschriebenen Lebensgeschichte.

Vor der Küste Panamas, im autonomen Guna-Gebiet San Blas, ankert die Yacht von Aga und Paweł. (Foto: Aga & Pawel)

10 auf der Beaufortskala

Wer an Bord kommt, merkt schnell, dass dies kein gewöhnlicher Urlaub ist, sondern eine Erfahrung, die lange in Erinnerung bleibt. Schon der erste Morgen barfuß an Deck, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und dem Blick auf das endlose Blau, bringt eine Ruhe, die im Alltag oft fehlt. Mit ihrer Yacht bieten Aga und Paweł Segelreisen für kleine Gruppen aus aller Welt an. Die Tage verlaufen entspannt zwischen Segeln, Gesprächen unter freiem Himmel und Landgängen auf einsamen Inseln. Man taucht an Korallenriffen, erkundet den Dschungel oder besucht die Dörfer der Guna, die seit Generationen im Einklang mit der Natur leben.

Doch selbst über dem Paradies liegen manchmal Schatten, und sie werden von der wahren Herrscherin bestimmt, dem Wetter. An einem Tag schenkt sie Windstille und spiegelglattes Wasser, am nächsten erinnert sie kraftvoll daran, wer hier wirklich das Sagen hat. Wer ihre Zeichen ignoriert, merkt schnell, wie klein der Mensch gegenüber den Kräften des Ozeans ist.


Kampf gegen die Urgewalt

Healthy Lady: Ihr lebt inmitten einer wilden Natur, die euch nicht nur paradiesische Ausblicke schenkt, sondern auch gewaltige Kräfte entfesselt. Gab es Momente, in denen „10 Beaufort“ nicht mehr nur eine Zahl im Wetterbericht war, sondern purer Überlebenskampf?

Aga: Eigentlich ist die goldene Regel: Vermeide solche Situationen um jeden Preis, indem du die Wetterkarten im Auge behältst. Aber Theorie und Praxis sind zwei Paar Schuhe. Wir sind schon mitten auf dem Meer in schwere Unwetter geraten. Wenn ich ehrlich bin, war das unsere eigene Schuld. Wir hatten den perfekten Moment für die Überfahrt nach Mexiko schlichtweg verpasst und sind erst losgekommen, als die Hurrikan-Saison eigentlich schon begonnen hatte.

Unser Ziel war noch 2000 Seemeilen weit weg und wir hatten keine Wahl: Wir mussten segeln, denn die einzige Alternative zu den nächtlichen Gewittern wären echte Hurrikans gewesen. Fast jede Nacht zogen diese Gewitterfronten auf. Ohne das Radar hätten wir keine Chance gehabt, ihnen irgendwie auszuweichen.

An einem Abend passierte es dann, wir saßen in der Falle. Von der Küste kam eine schwere Gewitterzelle herunter und vom offenen Meer schoben sich pechschwarze Wolkenwände auf uns zu. Es gab keinen Ausweg mehr. Wir waren zu dritt, drei polnische Yachten im Verbund, ganz dicht beieinander, um uns über Funk noch irgendwie hören zu können.

Und dann ging es los. Überall um uns herum schlugen die Blitze ein. Wir haben unsere Freunde völlig aus den Augen verloren und komplett die Orientierung verloren, weil plötzlich die gesamte Navigation ausgefallen ist. Ich konnte die Augen gar nicht mehr aufmachen, so sehr hat das gleißende Licht der Blitze geblendet, die direkt neben dem Boot ins Wasser krachten. In diesem Moment war ich mir sicher: Entweder trifft uns ein Blitz oder wir kollidieren bei dieser Sicht mit einer der anderen Yachten. Bis heute habe ich keine Ahnung, durch welches Wunder uns nichts passiert ist.

Gewitterfront vor der Küste Mexikos: Tropische Stürme entstehen oft innerhalb kurzer Zeit. Radar und aktuelle Wetterdaten helfen Seglern, gefährliche Zellen frühzeitig zu erkennen. (Foto Aga & Pawel)

Healthy Lady: Ihr habt mit der Vision fünf Länder Lateinamerikas durchquert – das klingt nach einem einzigen großen Abenteuer. Welches Erlebnis war für euch das schönste, welches das außergewöhnlichste und welches das schlimmste? Gibt es ein Land oder einen Ort, den ihr besonders ins Herz geschlossen habt oder der euch im Gegenteil eher abgeschreckt hat?

Paweł: Ein Abenteuer war es definitiv. Vor allem, weil wir vorher nie Kontakt zur Kultur Mittelamerikas oder Mexikos hatten. Als wir aufbrachen, sprachen wir nicht einmal Spanisch. Es ist eine einmalige Erfahrung, am eigenen Leib zu spüren, wie das Leben der indigenen Bevölkerung Amerikas wirklich aussieht.

Doch was uns immer am tiefsten in Erinnerung bleibt, ist die Natur. Das wohl schönste Phänomen, das wir je gesehen haben, ist die Biolumineszenz. Wir haben viel Zeit auf dem Pazifik verbracht, wo sie uns ständig begleitete. Auf unseren Nachtfahrten, erst in Richtung Mexiko und später nach Panama, hatten wir praktisch jede Nacht eine Logenplatz-Garantie für dieses Spektakel.

Nicht nur das Wasser, das am Bug der Yacht aufspritzte, leuchtete – auch alles, was die Meerestiere unter der Oberfläche bewegten. Wir werden niemals den Anblick der Delfine vergessen, deren Umrisse durch das Leuchten so klar erkennbar waren, als wären sie mit Licht gemalt. Reine Magie. Das Schlimmste hingegen sind die Gewitter, von denen wir schon erzählt haben. Die Natur ist unberechenbar und sie hat uns schon einige Male ordentlich zugesetzt.

Aga: Wir werden niemanden überraschen, wenn wir sagen, dass San Blas unser absoluter Lieblingsort ist. Aber fast genauso weit oben in unserem persönlichen Ranking steht der Golf von Kalifornien in Mexiko. Das ist die absolute Einöde – eine einzige, riesige Wüste voller Kakteen. Jeden Winter kommen Wale aus Alaska in das Mar de Cortés, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dazu kommen Walhaie, ganze Schwärme von Rochen und Seelöwen. Nirgendwo sonst haben wir eine so unglaubliche Vielfalt an Wildtieren erlebt.

Einen weiten Bogen machen wir hingegen um typische Touristenorte, die klassischen Resorts. Wir haben uns die Yacht schließlich nicht gekauft, um unsere Zeit in Menschenmassen zu verbringen.


Healthy Lady: Habt ihr eigentlich keine Angst vor wilden Tieren oder Tropenkrankheiten? Gab es mal eine Begegnung, die euch so richtig in den Knochen steckt?

Aga: Natürlich haben wir Respekt, aber wir lassen uns die Weltreise nicht von der Angst diktieren. Wir sind gegen alles geimpft, was geht, sprühen uns fleißig mit Insektenschutz ein und halten zu gefährlichen Tieren lieber Sicherheitsabstand. In den Dschungel gehen wir zum Beispiel nur mit einheimischen Guides – die sehen eine Schlange schon meilenweit gegen den Wind, während wir noch ahnungslos durchs Gebüsch stolpern.

Aber manchmal halten die wilden Tiere eben keinen Abstand, sondern kommen direkt zu uns an Bord. Als wir gerade von Kolumbien nach Panama rübergekommen waren und in einer gottverlassenen Bucht vor Anker lagen, hatten wir plötzlich einen blinden Passagier auf der Vision. In einem kleinen Staufach ganz vorne am Bug hockte ein Wesen, das aussah wie eine Kreuzung aus Katze, Lemur und Affe. Wir hatten keine Ahnung, was das war.

Wir waren auch ehrlich gesagt nicht mutig genug, das Vieh einfach anzupacken und an Land zu bringen. Also sind wir mit dem Dinghy zu zwei Pfahlhütten rübergerudert, wo ein paar Guna-Indianer lebten, und haben sie um Hilfe gebeten. Die verstanden zwar kaum ein Wort, aber für ein paar Kekse und eine Cola waren sie dabei.

Doch stell dir meine Augen vor, als die Indianer plötzlich völlig panisch vom Staufach zurückwichen und laut „Diablo!“ schrien. Unser flauschiger Gast dachte nämlich gar nicht daran, das Schiff kampflos zu räumen. Er schoss aus seinem Versteck, fauchte uns an und fuhr die Krallen aus. Er baute sich auf den Hinterbeinen an der Reling auf und machte sich so groß er konnte – ein richtiges kleines Monster.

Ich weiß nicht, was wir gemacht hätten, wenn er uns angegriffen hätte. Aber zum Glück hat er seine Siegchancen wohl nicht so hoch eingeschätzt und ist mit einem Satz über Bord gesprungen. Wir haben dann noch eine halbe Stunde lang mit weichen Knien beobachtet, wie seine Augen im Dunkeln im Wasser leuchteten, bis er endlich im Gebüsch verschwand.

Das Beste kommt aber noch: Hinterher haben wir herausgefunden, dass unser „gefährliches Biest“ ein Wickelbär war. Ein kleiner Verwandter des Waschbären, der sich fast nur von Honig und Obst ernährt. Aber ich sag dir: In dieser Nacht sah er alles andere als süß aus!

Ein Wickelbär (Kinkajou), ein nachtaktiver Bewohner der mittelamerikanischen Regenwälder. Mit einer bis zu 20 Zentimeter langen Zunge und einem kräftigen Greifschwanz bewegt er sich lautlos durch die Baumkronen und ernährt sich vor allem von Früchten, Nektar und Honig. Für Menschen ist er in der Regel nicht gefährlich, doch fühlt er sich bedroht, kann er mit scharfen Krallen und kräftigen Bissen überraschend wehrhaft reagieren.

Alles auf eine Karte

Healthy Lady: Wie kam es zu der Idee, ein so ungewöhnliches Leben zu führen und das sichere Leben an Land gegen ein Leben auf dem Meer einzutauschen? Was habt ihr in Europa außer euren Familien zurückgelassen?

Paweł: Die Idee kam ganz unerwartet bei einem Firmenevent. Ich war für ein Wochenende auf den Masuren segeln und mir wurde wieder bewusst, wie viel Freude das Segeln macht. Ich begann mich zu fragen, ob wir uns vielleicht ein eigenes Boot leisten könnten. Auf der Suche nach Antworten stieß ich auf YouTube-Kanäle von Menschen, die dauerhaft auf ihren Booten leben und ihr Leben auf See dokumentieren. Das war ein echter Wendepunkt.
Bis dahin wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass man auf einem Segelboot auch wirklich dauerhaft wohnen kann. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich alles über das Segeln und die Reparatur von Yachten lernen musste. Und natürlich musste ich Aga davon überzeugen, unser ganzes Leben umzukrempeln. Irgendwie war ich mir sicher, dass das funktionieren würde.

Die nächsten Jahre verbrachten wir damit, unseren Plan immer weiter auszuarbeiten. Im Mai 2022 fanden wir schließlich die Vision. Eigentlich hatten wir nie vor, ein Boot außerhalb Europas zu kaufen, schon gar nicht in Kolumbien. Aber manchmal entscheidet das Leben selbst über den Kurs. Die Idee, schrittweise auf ein Boot zu ziehen und gleichzeitig weiter zu arbeiten, war damit vom Tisch. Wir setzten alles auf eine Karte. Wir kündigten unsere Jobs, verkauften unser Auto, packten unser Leben in vier Koffer und flogen im November nach Südamerika, ohne Rückflugticket. Ein kleiner Vorteil war, dass wir schon einige Jahre zuvor Polen verlassen hatten und inzwischen in Frankreich lebten. Die Distanz zu Familie und Freunden kannten wir also bereits. Wir führten dort ein komfortables Leben und arbeiteten beide in Managementpositionen. Gerade deshalb war die Entscheidung, alles hinter uns zu lassen, für unser Umfeld wohl der größte Schock.


Healthy Lady: Wie plant man überhaupt eine solche Auswanderung? Wo fängt man an, wenn man sein bisheriges Leben hinter sich lassen möchte?

Paweł: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht mit Geld beginnt. Segeln und um die Welt reisen klingt natürlich sehr romantisch, aber ohne die nötigen finanziellen Mittel wäre das alles nicht möglich. Einen Segelboot zu besitzen und zu betreiben ist teuer. Wir scherzen oft mit Freunden darüber, dass es völlig egal ist, wie viel Geld man für ein Boot einplant. Am Ende gibt man sowieso alles aus, was man hat.

Unsere Vorbereitung begann mit viel Recherche. Wir wollten genau wissen, wie viel das Leben in den Ländern kostet, die wir besuchen wollten, und welche Ausgaben beim Unterhalt eines Segelboots auf uns zukommen würden. Dann haben wir das auf unsere Arbeitszeit umgerechnet und festgestellt, dass wir in zwei bis drei Jahren genug Geld sparen könnten, um etwa zwei Jahre auf Reisen zu leben. Danach mussten wir unseren Plan nur noch konsequent umsetzen. In dieser Zeit nahmen wir an mehreren Segeltörns in warmen Gewässern teil und machten unseren Segelschein in Kroatien. Als wir schließlich das Gefühl hatten, zumindest ein bisschen Erfahrung gesammelt zu haben, kauften wir die Vision. Unser erster Törn allein brachte uns allerdings schnell wieder auf den Boden der Tatsachen. Wir mussten ihn abbrechen und in den Hafen zurückkehren. Da wurde uns klar, dass uns noch eine Menge Erfahrung fehlte.


Healthy Lady: Wie sah der Tag aus, an dem ihr Europa endgültig verlassen habt? Gab es Menschen, die versucht haben, euch von diesem Schritt abzuhalten? Wie haben eure Familien auf diesen „verrückten“ Plan reagiert, auf einem Boot in Südamerika zu leben?

Aga: Paweł hat seiner Familie von Anfang an von dieser Idee erzählt. Natürlich waren sie zunächst skeptisch, aber wir wussten immer, dass wir auf ihre Unterstützung zählen können. Ich selbst habe meinen Eltern von unserem verrückten Plan erst einen Tag vor unserem Flug erzählt, als wir nach Kolumbien reisen wollten, um uns eine Yacht anzusehen. Erst wenn sie dieses Interview lesen, werden sie erfahren, dass unsere ganze Geschichte eigentlich schon zwei Jahre früher begonnen hat. Zu meiner großen Überraschung hat jedoch niemand versucht, uns von unserer Entscheidung abzubringen. Natürlich hielten uns alle ein bisschen für verrückt, aber gleichzeitig haben sie uns sehr dabei unterstützt, diesen Traum zu verwirklichen.

Der Tag unserer Abreise verlief allerdings ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Eigentlich sollte mein Vater mit uns nach Kolumbien fliegen, um uns sowohl technisch als auch moralisch zu unterstützen. Doch drei Wochen vor dem Abflug erlitt er einen Schlaganfall und musste ins Krankenhaus. Eine Körperseite war gelähmt. Von einem Tag auf den anderen bat ich meinen Chef um die Möglichkeit, vorübergehend aus Polen zu arbeiten. Die letzten Wochen in Europa verbrachte ich daher bei meinem Vater auf der neurologischen Station. Währenddessen regelte Paweł noch die letzten Dinge in Frankreich und packte all unser Hab und Gut in unseren Opel. Als wir schließlich in Polen ankamen, blieb kaum Zeit. Wir packten nur noch unsere Sachen um und verabschiedeten uns von der Familie. Bis zum letzten Moment wusste ich nicht, ob ich wirklich fliegen oder den Flug verschieben sollte. Es war keine leichte Entscheidung, und ich habe noch lange danach mit ihr gerungen.

In Frankreich kündigten die beiden Polen ihre Managerkarrieren und tauschten Büro, Termine und Großstadt gegen ein selbstbestimmtes Leben auf See. (Foto: Aga & Pawel)

Ein Zuhause, das man sich selbst bauen musste

Healthy Lady: Wie habt ihr eure Yacht gefunden? War es Liebe auf den ersten Blick? Was habt ihr gedacht, als ihr sie zum ersten Mal gesehen habt? Wusstet ihr sofort, dass sie einmal euer Zuhause sein würde?

Aga: Unter Seglern gibt es ein bekanntes Sprichwort. Ein Bootseigner lächelt nur zweimal. Das erste Mal, wenn er das Boot kauft, und das zweite Mal, wenn er es verkauft. Wir hörten diesen Satz zum ersten Mal von anderen Seglern, denen wir voller Begeisterung erzählten, dass wir eine wirklich tolle Yacht gefunden hatten, die angeblich nicht viel Arbeit brauchen würde. Schon nach den ersten Tagen in der Werft verstanden wir, was sie damit meinten. Am Anfang waren wir aber einfach voller Begeisterung.

Die Vision entdeckten wir schließlich in einer Facebook-Gruppe. Zuerst waren wir eher zurückhaltend, vor allem wegen der großen Entfernung. Am Ende überzeugte uns jedoch, dass die Yacht viele Punkte auf unserer Wunschliste erfüllte und der Besitzer bereit war, über den Preis zu verhandeln. Relativ spontan entschieden wir uns, nach Kolumbien zu fliegen, um sie uns anzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass genau diese Yacht unser neues Zuhause werden könnte. Wie wichtig mir das war, wurde mir erst richtig bewusst, als bei der technischen Inspektion in der Werft plötzlich mehrere Mängel auftauchten, von denen wir vorher nichts gewusst hatten. Plötzlich stand der Kauf der Vision wieder auf der Kippe.


Healthy Lady: Ihr habt die Vision selbst renoviert und wieder instand gesetzt. Was war dabei am schwierigsten? Wann hattet ihr das Gefühl, dass sie wirklich euer Zuhause geworden ist?

Paweł: Wir hatten erwartet, dass es mit einem Boot ähnlich ist wie mit einem Auto oder einer Hausrenovierung. Man findet überall Fachleute, die die Arbeit übernehmen. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. In diesem Teil der Welt ist die Arbeitskultur kaum mit der in Europa zu vergleichen. Niemand hat es eilig und nur selten fühlt sich jemand wirklich verantwortlich. Das war für uns schwer zu akzeptieren, vor allem weil es um unser gesamtes Hab und Gut ging. Schritt für Schritt begann ich deshalb, jedes System an Bord selbst zu verstehen. Ich reparierte jede Störung selbst und plante gleichzeitig weitere Verbesserungen. Am einfachsten waren für mich die Arbeiten an der Elektrik, weil ich in diesem Bereich studiert habe. Am schwierigsten bleiben bis heute Reparaturen am Dieselmotor.

Zum Glück haben wir auf unserem Weg viele großartige Menschen kennengelernt, die ihr Wissen mit uns geteilt und uns immer wieder geholfen haben. Auch dank dieser anderen Segler fühlten wir irgendwann, dass dies nun unser Platz auf der Welt ist. Ein Leben in einer so engen Gemeinschaft hatten wir zuvor noch nie erlebt. Wenn jemand ein Problem hat, lassen hier alle anderen alles stehen und liegen und helfen. So ist mit der Zeit unsere große Cruisers Familie entstanden.

Paweł bei Wartungsarbeiten am Rumpf der „Vision“. Auf Langfahrt gibt es keinen Pannendienst. Reparaturen und technische Instandhaltung müssen selbst übernommen werden, oft fernab jeder Infrastruktur. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Gab es Momente des Zweifelns? Zeiten, in denen ihr eure Entscheidung bereut habt?

Aga: Natürlich. Am Anfang gab es kaum eine Woche, in der ich mich nicht gefragt habe, was uns eigentlich geritten hat. Ständige Reparaturen, immer neue Baustellen, wechselndes Wetter und Probleme mit Behörden. So hatten wir uns unsere Reise nicht vorgestellt. Nach ein paar Monaten wurde es langsam besser. Trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem die Vision sogar auf einer Verkaufsplattform landete. Heute wissen wir, dass fast alle Cruiser diese Phase erleben. Ganz egal, wie gut sie sich auf dieses Leben vorbereitet haben.


San Blas – dort, wo die Zeit stehen geblieben ist

Healthy Lady: Warum gerade San Blas? Was ist an diesem Ort so besonders? Wie sind die Menschen, die dort leben? Wie sieht das Leben unter den indigenen Bewohnern, den Guna-Indianern, aus?

Paweł: Wir sind eigentlich eher zufällig hier gelandet. Wie die meisten Europäer hatten wir zuvor noch nie von diesem Archipel gehört. Ursprünglich wollten wir zu den Bahamas und weiter in die östliche Karibik segeln. Als wir jedoch bereit waren, Kolumbien zu verlassen, war es bereits zu spät, um noch in diese Richtung aufzubrechen.

In der Gegend um Cartagena beginnen im Winter starke Winde zu wehen, die das Segeln sehr schwierig machen. Andere Segler rieten uns deshalb, die Richtung zu ändern und mit den Wellen nach Panama zu segeln. Zuerst landeten wir in einer Bucht an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama. Das Festland ist von dichtem Dschungel bedeckt, durch den sich Migranten ihren Weg bahnen, die versuchen, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Die meisten Inseln sind unbewohnt. Nur auf einigen wenigen haben die indigenen Bewohner ihre Dörfer gebaut. In den drei Wochen, die wir dort verbrachten, sahen wir nur eine einzige Yacht. Kein Wunder also, dass wir überall, wo wir auftauchten, großes Interesse bei den Einheimischen auslösten.

Ganz ungeplant nahmen wir in einem der größten traditionellen Dörfer an den Feierlichkeiten zum 98. Jahrestag der Revolution in Guna Yala teil. Wir sahen eine Nachstellung der Kämpfe mit der panamaischen Polizei, hörten Musik auf Instrumenten, die an Panflöten erinnerten, und beobachteten Frauen der Guna, die im Rhythmus dieser Musik tanzten. Als das Programm schließlich den Punkt erreichte, an dem überall selbst gebrannter Alkohol ausgeschenkt wurde, beschlossen wir, dass es Zeit war, zu unserer Vision zurückzukehren. Danach segelten wir weiter nach Westen entlang der Küste und erreichten schließlich die Bucht von San Blas, also den bekanntesten Teil von Guna Yala. Vor uns lag kristallklares Wasser, weite Korallenriffe und noch mehr unbewohnte Inseln. Wieder einmal hatte das Schicksal unseren Kurs bestimmt. Dieses Mal waren wir ihm dafür jedoch sehr dankbar. Es ist ein einzigartiger Ort und wir empfinden es als großes Privileg, ihn noch erleben zu dürfen, bevor er eines Tages vielleicht im Meer verschwindet.

Frauen der Guna-Gemeinschaft in Guna Yala (Panama) mit handgefertigten Molas – kunstvolle Stoffapplikationen, die Teil ihrer traditionellen Tracht und zugleich eine wichtige Einkommensquelle sind. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Wie würdet ihr die Natur dort beschreiben? Die Tiere, das Meer und den Rhythmus des Lebens? Und worin unterscheidet sich das Leben in Südamerika von dem in Europa?

Aga: Im Alltag begegnen wir vor allem der Meeresfauna. An fast jedem Korallenriff sieht man bunte Fische, schlafende Haie und Langusten, die sich unter Steinen verstecken. Im flachen Wasser rund um die Inseln liegen oft orangefarbene Seesterne und verschiedene Arten von Rochen. Bei ihnen muss man besonders vorsichtig sein, damit man nicht versehentlich auf einen tritt. Das kann sehr schmerzhaft enden. Manchmal begleiten uns auch Delfine, die auf der Bugwelle des Bootes surfen, und Meeresschildkröten, die auf den Unterwasserwiesen grasen. Im Dschungel kann man mit etwas Glück Vögel, Affen, Faultiere und sogar Krokodile entdecken.

Vor allem wegen dieser Natur unterscheidet sich das Leben in Mittelamerika stark von dem in Europa. Hier hängt vieles vom Wetter und von den Jahreszeiten ab. Wenn die Regenzeit beginnt, weiß man zum Beispiel, dass viele Straßen unpassierbar werden können. Viele Menschen leben unter einfachen Bedingungen und haben nur wenige Perspektiven auf Veränderung. Trotzdem sind sie sehr offen und hilfsbereit. In den kleineren Orten kennt man sich meist untereinander und begegnet sich mit großer Herzlichkeit.


Healthy Lady: Und wie schmeckt das Paradies? Was isst man auf den Inseln und was sollte man unbedingt probieren?

Paweł: Auf den Tellern in San Blas steht ganz klar die Languste im Mittelpunkt. Das ist ein großer Krebs, der dem Hummer ähnelt. Außerdem werden viele verschiedene Fische, Krabben und Meeresschnecken gegessen. Eine Beilage, die man unbedingt probieren sollte, sind Patacones, also frittierte Kochbananen, sowie Kokosreis.

Wir empfehlen jedem auch frisches Kokoswasser direkt aus der Nuss zu trinken und das weiche Fruchtfleisch zu essen. Wusstest du, dass eine einzige Kokosnuss mehr als tausend Kalorien haben kann. Sie kann problemlos eine ganze Mahlzeit ersetzen. Etwas, das wir selbst noch nicht probiert haben, ist Krokodilfleisch. Wir wissen, dass einige ältere Mitglieder der Guna es noch zubereiten, doch heute gehört es nicht mehr zum alltäglichen Essen.


Healthy Lady: Lateinamerika gilt oft als gefährlich. Wie erlebt ihr das selbst? Fühlt ihr euch dort sicher? Gibt es Orte, die man besser meiden sollte?

Aga: Während unserer Reise waren wir in Ländern, die häufig als besonders gefährlich gelten. Dazu gehören El Salvador, Panama, Mexiko und Kolumbien. Wir kennen zwar keine genauen Statistiken zur Kriminalität, aber in den drei Jahren unserer Reise haben wir keine einzige unangenehme Situation erlebt.

Natürlich sollte man immer gesunden Menschenverstand handeln und zum Beispiel Orte meiden, an denen mit illegalen Substanzen gehandelt wird. Die meisten Einheimischen wissen auch sehr gut, dass es ihrer Gemeinde finanziell schaden würde, wenn Touristen Probleme bekommen. Deshalb werden Besucher in der Regel respektvoll behandelt.


Healthy Lady: Viele Menschen glauben, Piraten gäbe es nur noch in Geschichten. Wie sieht die Realität heute aus? Seid ihr auf euren Reisen schon einmal auf Piraterie gestoßen?

Paweł: Leider ja. Es gibt sogar Onlinekarten, auf denen verschiedene Zwischenfälle auf See eingetragen werden. In unserer Region muss man besonders an der Karibikküste von Nicaragua vorsichtig sein. Wir haben Geschichten über Fischerboote gehört, die dort Segelboote verfolgen. Die beste Möglichkeit, sich davor zu schützen, ist außerhalb ihrer Reichweite zu segeln. Diese Boote haben keine Segel und können sich nur so weit vom Ufer entfernen, wie ihr Treibstoff reicht. Überraschend viele Zwischenfälle werden übrigens auch aus Thailand gemeldet. Man muss allerdings bedenken, dass als Piraterie jede unerlaubte Annäherung oder jedes Eindringen in ein Boot gilt. Dazu gehören auch Diebstähle von Booten, die in Marinas liegen.

Wir selbst gerieten vor etwa zwei Jahren in eine merkwürdige Situation in der Nähe von Nicaragua, allerdings auf der Pazifikseite. Ein großes Fischerboot näherte sich nachts gefährlich dicht dem Boot eines Freundes, blendete ihn mit starken Lichtern und reagierte nicht auf Funkrufe. Als wir etwas Abstand gewinnen konnten, schalteten wir alle Lichter aus und änderten unseren Kurs, damit sie uns in der Dunkelheit nicht mehr finden konnten. Bis heute wissen wir nicht, was ihre Absicht war, aber sie verfolgten uns fast eine Stunde lang.


Eine Einladung ins Paradies

An Bord der „Vision“ kocht Aga für ihre Gäste selbst. Auf den Tisch kommen frische, gesunde Gerichte mit tropischen Früchten aus San Blas und Fisch aus dem karibischen Meer. (Foto: Pawel)

Healthy Lady: Wann kam euch die Idee, euren Traum mit anderen zu teilen und Segelreisen für Gäste anzubieten?

Aga: Der Gedanke war eigentlich von Anfang an irgendwo im Hinterkopf. Trotzdem wollten wir zuerst selbst entdecken, was diese Region alles zu bieten hat, bevor wir die ersten Gäste einladen. Irgendwann standen wir vor einer Entscheidung. Segeln wir mit unseren Freunden weiter nach Französisch-Polynesien, bleiben wir in Mexiko oder kehren wir nach Panama zurück. Wir hatten nicht das Gefühl, dass der richtige Moment für die Überquerung des Ozeans schon gekommen war. Nach mehr als einem Jahr im Land der Tacos brauchten wir außerdem eine Veränderung. Also beschlossen wir, an einen der schönsten Orte der Welt zurückzukehren, nach San Blas, und dieses Abenteuer mit anderen Menschen zu teilen.


Healthy Lady: Was erwartet die Gäste während eines solchen Segeltörns?

Aga: San Blas besteht aus 365 palmengesäumten Inseln, von denen nur etwa vierzig bewohnt sind. Unsere Gäste erwarten dort weiße Sandstrände, kristallklares Wasser, Korallenriffe, frische Kokosnüsse, dichter Dschungel und die Kultur der indigenen Bewohner dieser Region, des Volkes der Guna. Wir sind überzeugt, dass es keine bessere Art gibt, diesen Ort zu erleben, als auf einer Yacht. In Guna Yala gibt es keine Hotels, keine Straßen und keinen Massentourismus. Unter Segeln können wir Inseln erreichen, die von Tagesausflügen aus Panama City gar nicht angesteuert werden. Obwohl dies einer der letzten unberührten Orte der Welt ist, lässt sich San Blas relativ leicht erreichen. Transportunternehmen holen Besucher morgens direkt von ihrem Hotel in Panama City ab. Anschließend geht es mit einem Schnellboot direkt zu unserer Yacht.

Mit unseren Gästen stehen wir bereits einige Wochen vor Beginn des Törns in Kontakt, um bei den Vorbereitungen zu helfen und Fragen zu beantworten. Am einfachsten erreicht man uns über unsere sozialen Netzwerke auf Instagram und Facebook, über WhatsApp oder über unsere Website sanblas.pl.

Gäste der „Vision“ erleben San Blas vom Wasser aus – mit Stopps in abgelegenen Buchten, Zeit zum Schwimmen und Schnorcheln sowie unmittelbarer Nähe zur Natur. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Wie viel kostet eine Reise mit Sailing La Vision und was ist im Preis enthalten?

Aga: In dieser Saison hängt der Preis für einen Aufenthalt auf der Vision von der gewählten Kabine ab. Ein Platz in der kleineren Kabine mit Etagenbett kostet 1050 US Dollar pro Person. Die größere Kabine mit Doppelbett kostet 1350 US Dollar pro Person. Für Paare, die mehr Ruhe und Privatsphäre wünschen, bieten wir auch private Törns für 1750 US Dollar pro Person an. Im Preis enthalten sind zehn Übernachtungen in der gewählten Kabine mit Zugang zu einem privaten Bad, Frühstück, die Betreuung durch den Kapitän, eine Einführung ins Segeln sowie der Service einer Stewardess. Dazu gehören die Versorgung der Yacht mit Lebensmitteln, Kochen und Reinigung.

Außerdem bieten wir auch andere Yachten an, darunter einen geräumigen Katamaran mit glutenfreier Verpflegung. Das ist eine ideale Option für Menschen mit Zöliakie. Alle Törns werden von Personen geführt, die dieses Revier sehr gut kennen. So fühlen sich unsere Gäste sicher und können sicher sein, mit uns die schönsten Orte des karibischen Archipels San Blas zu entdecken. Wir laden alle herzlich ein, noch in dieser Saison mit uns zu segeln. Die Saison dauert bis Mai.


Der Ozean lehrt Demut

Healthy Lady: Was hat euch das Leben auf dem Meer über euch selbst und über die Welt gelehrt?

Paweł: Vor allem Respekt vor den Naturgewalten. Es spielt keine Rolle, wie gut dein Boot ist oder wie erfahren du als Segler bist. Meer und Wind können jederzeit zeigen, wer stärker ist. Wir mussten akzeptieren, dass unser Leben stark vom Wetter abhängt. Das ist eine große Lektion in Demut. Außerdem haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen in ärmeren Teilen der Welt leben. Dadurch haben wir noch mehr verstanden, wie privilegiert wir allein durch die Tatsache sind, in Europa geboren zu sein.

Aga: Und wir haben gelernt, uns wirklich aufeinander zu verlassen. Auf einer Yacht sind wir ein Team, in dem jeder seine Aufgaben hat. Wir müssen beide unseren Teil erfüllen, denn davon hängen unsere Sicherheit und unser gemeinsames Leben an Bord ab.


Healthy Lady: Wie definiert ihr heute Glück nach so vielen Jahren auf dem Ozean? Wie beeinflusst das gemeinsame Leben auf dem Wasser eure Beziehung?

Paweł: Glück bedeutet für mich ein Boot, das in einer schönen, ruhigen Bucht vor Anker liegt, und ein kaltes Bier beim Sonnenuntergang. Dazu kommen unsere Freunde von den anderen Booten, mit denen wir Zeit verbringen können. Nach ein paar Jahren auf dem Meer freuen wir uns vor allem über die kleinen Dinge. Manchmal reicht schon der Gedanke, dass auf dem Boot gerade nichts kaputtgegangen ist.

Das Projekt Yacht ist auch ein großer Test für eine Beziehung. Alles, was auf einem Boot passieren kann, wird früher oder später auch passieren. Darauf waren wir am Anfang nicht vorbereitet. Die vielen Reparaturen, Pannen und Planänderungen haben uns oft überfordert. Es gab niemanden um uns herum, der uns helfen konnte. Meist waren nur wir beide da, und manchmal kam dabei auch viel Frust zum Vorschein. Nach drei Jahren können wir aber sagen, dass wir diese Prüfung bestanden haben. Schließlich sind wir immer noch zusammen.

San Blas vor der Küste Panamas umfasst rund 365 Koralleninseln, von denen nur etwa 40 bewohnt sind. Viele ragen nur wenige Meter über den Meeresspiegel hinaus – ein fragiles Ökosystem im Herzen der Karibik. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Viele Menschen sprechen von einer besonderen Energie an bestimmten Orten der Welt, zum Beispiel in Mexiko oder Thailand. Spürt ihr so etwas auch auf dem Meer in San Blas? Wenn ja, wie würdet ihr diese Energie beschreiben?

Aga: Menschen, die schon einmal weit draußen auf dem Meer gesegelt sind, werden verstehen, was ich meine. Alle anderen können es sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen. Im Ozean liegt etwas Magisches. In den Sonnenuntergängen, im offenen Wasser und darin, dass am Horizont kein Land zu sehen ist.

Ich selbst bin eigentlich weder besonders romantisch noch eine leidenschaftliche Seglerin. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich manchmal sogar das Segeln weit draußen auf dem offenen Meer vermisse. Früher konnte ich nicht verstehen, wie Menschen mehrere Tage ohne Pause unterwegs sein können, ohne sich zu langweilen. Mit der Zeit habe ich selbst erlebt, dass man stundenlang auf das Meer schauen kann, ohne dass es langweilig wird. Die Zeit vergeht dort einfach ganz anders.


Healthy Lady: Wohin möchtet ihr mit eurer Vision noch segeln?

Paweł: Oh, wir haben noch viele Pläne und Träume. Auf jeden Fall möchten wir irgendwann die Bahamas und den östlichen Teil der Karibik nachholen, den wir bisher auslassen mussten. Aga träumt davon, die Vision einmal unter der Freiheitsstatue in New York vor Anker zu legen. Und ich würde gerne argentinischen Wein dort trinken, wo er hergestellt wird. Zu unseren größeren Fernzielen gehören außerdem Patagonien, Französisch-Polynesien und irgendwann auch wieder Europa. Wie man sieht, liegen all diese Orte in völlig unterschiedlichen Richtungen, deshalb müssen wir wohl irgendwann Prioritäten setzen. Im Moment haben wir es aber nicht eilig und genießen einfach unser Leben in San Blas.


Healthy Lady: Wenn ihr heute zurückblickt, was würdet ihr eurem früheren Ich sagen, bevor ihr euch auf diese Reise gewagt habt?

Aga: Es wird ganz anders sein, als ihr es euch vorgestellt habt, aber es wird sich trotzdem lohnen. Es wartet viel Arbeit auf euch und auch viele Momente des Zweifelns, doch gemeinsam werdet ihr alles schaffen. Die Welt ist wunderschön. Man muss nur lernen, die eigenen Pläne manchmal loszulassen und sich auf das einzulassen, was das Leben bringt.

Zwischen Ankerplatz und Horizont: Aga und Paweł haben ein Leben gefunden, das nicht auf Karriere, sondern auf Freiheit baut. (Foto: Aga & Pawel)

Zuhause am Nil: Warum viele Europäerinnen ihr Glück in Ägypten finden – Buchautorin Aleksandra Helail im Interview

Traumhafte Strände, leckeres Essen, majestätische Pyramiden und eine jahrtausendealte Geschichte. Für Millionen von Menschen ist Ägypten das perfekte Reiseziel. Doch…

Read More..

47 Grad, Taliban & der Gedanke ans Aufgeben – das extreme Abenteuer von Maria und Philipp

Mein Kind im fremden Körper: Ramona spricht über Leihmutterschaft, Verlust und harte Vorwürfe

Biochemikerin erklärt: So beeinflussen Hormone deine Energie & Stimmung

THE WALKING DAD: Schauspieler Manuel Hasni schafft Raum für moderne Väter


„Meine größte Angst war zu sterben. Dann starben meine Liebsten.“ – Wenn Angst das Leben bestimmt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das, worüber wir heute sprechen, geht tief. Es berührt Themen wie Verlust, Suizid und Angst. Dinge, über die man selten spricht, die aber so viele von uns betreffen. Darum möchte ich euch, die gerade selbst durch Trauer gehen oder mit ähnlichen Gedanken ringen, bitten, diesen Artikel vielleicht ein andermal zu lesen. Allen anderen möchte ich heute eine junge Frau vorstellen, deren Geschichte mich tief berührt.


Wenn Angst den Alltag übernimmt

Es gibt Ängste, über die man spricht und Ängste, die man still mit sich trägt, weil sie so tief in einem wohnen, dass Worte kaum reichen. Janet lebt mit einer solchen Angst. Hypochondrie – so heißt ihre Diagnose. Ein Wort, das viele noch immer falsch verstehen.

Denn Hypochondrie bedeutet nicht, dass man sich „einbildet, krank zu sein“. Es bedeutet, dass die Angst vor Krankheit so real ist, dass sie den Alltag beherrscht. Janet lebt in einem ständigen Alarmzustand.

Wenn andere bei Kopfschmerzen nach einer Tablette greifen, denkt Janet an einen Hirntumor. Wenn ihr Herz kurz stolpert, sieht sie sich schon im Krankenhaus. Und wenn sie im Internet Symptome googelt, was sie oft tut, landet sie nach wenigen Minuten in einem Strudel aus Diagnosen, Bildern und Geschichten, die ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Und obwohl Ärzte immer wieder sagen, sie sei körperlich gesund, bleibt die Angst. Weil sie nicht im Körper sitzt – sondern in der Seele.


Der Mut, hinzusehen

Was mich an Janet am meisten bewegt, ist ihre Offenheit. Sie läuft ihrer Angst nicht davon, sie schaut ihr ins Gesicht. Sie spricht über Dinge, über die viele schweigen würden.

Die dreißigjährige Pflegefachkraft zeigt, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der das Internet jede Unsicherheit verstärkt. In der ein einziger Klick auf Google genügt, um aus einem leisen Zweifel eine Panikwelle werden zu lassen. In dieser ständigen Alarmbereitschaft aufzuwachsen, formt ein ganzes Leben. Und doch steht sie jeden Tag auf. Als alleinerziehende Mutter einer Tochter kämpft sie nicht nur gegen ihre große Angst, sondern vor allem für ein leichteres, freieres Leben ihrer kleinen Familie.

Wir sprechen heute über das Weitermachen, wenn das Leben einem alles nimmt, was Halt gibt.
Durch Janets Hypochondrie war der Tod für sie stets präsent als fürchterliche Angst vor dem eigenen Ende. Doch dann geschah das Unerwartete: Nicht ihr eigenes Leben endete, sondern das der Menschen, die sie am meisten liebte – derer, die ihr Halt gaben und auf einmal fehlten.

In der schlimmsten Phase wurde jedes körperliche Gefühl zur Bedrohung. Stundenlanges Googeln von Symptomen hielt Janet in einem Teufelskreis aus Angst und Selbstzweifel gefangen. (Foto: Janet)

Irgendetwas stimmt doch nicht

Healthy Lady: Ich habe dich in einem YouTube-Interview entdeckt und war sehr beeindruckt davon, wie offen du über deine Hypochondrie gesprochen hast. Ich fragte ich mich nur, ob die Zuschauer wirklich begreifen können, was du durchmachst. Doch dann las ich die Kommentare. Hunderte von Menschen schrieben: „Ich verstehe sie.“ „Mir geht es genauso.“ Laut Studien leidet etwa ein Prozent der Deutschen an Hypochondrie. Wenn man diese Stimmen liest, scheint die Dunkelziffer deutlich höher zu sein. Viele wissen nicht einmal, dass ihre Angst einen Namen hat.

Wie war das bei dir? Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, was mit dir los ist? Hattest du zuvor schon einmal von Hypochondrie gehört?

Janet: Bevor ich meine Diagnose „Hypochondrische Störung“ bekommen habe, hatte ich noch nie etwas von Hypochondrie gehört oder gelesen. Ich wusste aber, dass es Erkrankungen gibt, die sich durch krankhafte Ängste vor Krankheiten auszeichnen. Erst als meine Mutter, Ärzte oder Freunde immer wieder zu mir sagten, dass ich krankhafte Ängste vor Erkrankungen habe, die ich gar nicht habe, fing ich an, mich intensiver damit zu beschäftigen und tauschte mich in Foren mit anderen Betroffenen aus.
Als ich immer wieder die Bestätigung von Ärzten bekam, dass ich nicht an der Krankheit erkrankt bin, von der ich überzeugt war, merkte ich irgendwann, dass etwas an dem dran ist, was mir Ärzte und Angehörige erklärten.

„Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann – ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.“


Veränderung durch die Diagnose

Healthy Lady: Hat die Diagnose etwas in deinem Leben verändert? Hat es dir geholfen zu wissen, dass du körperlich gesund bist? Oder hat das die Angst vielleicht sogar noch verstärkt?

Janet: Die Diagnose hat mir langsam dabei geholfen, mit meinen Ängsten in Bezug auf Krankheiten besser umzugehen.
Trotzdem ging es nicht von heute auf morgen. Es war ein langer Weg.
Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: „Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“ Ich hatte aber immer wieder die Diagnose „Hypochondrie“ im Kopf und versuchte, mich zu beruhigen. Ich erinnerte mich an all meine „Krankheiten“, die sich nie bestätigt hatten.

Ihr größter Halt und der Grund, jeden Tag aufs Neue zu kämpfen: Für ihre kleine Tochter überwindet Janet täglich ihre Grenzen – denn Liebe ist stärker als jede Panikattacke. (Foto: Janet)

Der Auslöser

Healthy Lady: Kannst du dich an den Moment erinnern, als alles begann? Gab es eine Situation, einen Auslöser, der die Krankheit in Gang setzte?

Janet: Ich weiß, dass ich schon immer ein Mensch war, der dazu neigte, schnell vom Schlimmsten auszugehen.
Seit 2012 arbeite ich im Gesundheitsbereich, dort sieht man sehr viel. Vieles, das einen prägt und mitnimmt.
Als eine Bekannte in meinem Alter mit Mitte 20 an Krebs starb, den man bei ihr lange nicht erkannt hatte, wurden meine Ängste immer schlimmer. Jahrelang lebte ich damit und schaffte es, das „Kartenhaus“ nicht zusammenfallen zu lassen.

Dann nahm sich im März 2022 mein Vater das Leben und für mich ging es psychisch steil bergab.
Meine Ängste und Sorgen waren kaum noch tragbar. Ich hatte panische Angst, todkrank zu sein und nicht mehr für meine Tochter da sein zu können. Ich hatte jeden Tag neue Symptome, die mir mein Körper „vorspielte“.
Ich wusste, ich brauchte Hilfe, ich schaffte es nicht mehr, die Ängste allein zu bewältigen.

„Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: ‚Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“


Umgang mit dem Verlust

Healthy Lady: Der Verlust eines Elternteils ist immer schmerzhaft – doch wenn ein Elternteil durch Suizid geht, hinterlässt das oft viele offene Fragen. Wie bist du mit diesem Verlust umgegangen?

Janet: Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann, ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.
Ich bekam Angst vor dem Tod, Angst vor dem plötzlichen Sterben. Ich wollte bei jedem Symptom auf Nummer sicher gehen. Der Verlust war schwer, ich hatte viele offene Fragen. Fragen, die ich nie mehr beantwortet bekommen werde.


Schlimmste Phase der Krankheit

Healthy Lady: Wie hat sich dein Leben in der schlimmsten Phase der Hypochondrie angefühlt?

Janet: Die schlimmste Phase der Hypochondrie war einfach nur schrecklich. Ich hatte jeden Tag neue Symptome – und war überzeugt, dass ich bald sterben müsste. Ich dachte, dass mich niemand ernst nimmt, und war sicher, dass die Ärzte etwas übersehen haben. Ich war fast täglich bei Ärzten und hatte unzählige Untersuchungen.

Die Liste meiner Symptome war lang. Das Schlimmste waren Taubheitsgefühle, Kribbeln in Armen und Beinen, Stiche im Kopf und im Herzbereich. Ich hatte Zuckungen im Gesicht und konnte an manchen Tagen vor Schwindel kaum aufstehen. Zeitweise hatte ich eine Fußhebeschwäche und konnte kaum gehen. Es war eine schlimme Zeit.


Rolle des Internets

Healthy Lady: Welche Rolle hat das Internet in dieser Zeit gespielt?

Janet: Das Internet oder wie man sagt, „Dr. Google“ war Fluch und Segen zugleich.
Auf der einen Seite hat es meine Ängste verstärkt, weil bei jedem Symptom, das ich eingab, gleich eine schwere Krankheit angezeigt wurde. Auf der anderen Seite bin ich auf Foren gestoßen, in denen ich auf Gleichgesinnte traf. Das hat mich oft sehr beruhigt.


Therapie & Hilfen

Healthy Lady: Wie kämpft man gegen Hypochondrie? Was hat dir geholfen, mit deiner Angst umzugehen?

Janet: Gegen Hypochondrie zu kämpfen oder einzusehen, dass dies die eigentliche Krankheit ist, war ein schwerer Prozess. Es hat lange gedauert. Am meisten geholfen haben mir der Austausch mit anderen Betroffenen, das Kennenlernen der Krankheit, Gesprächstherapie und eine medikamentöse Behandlung.

„Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, meine Tochter zu verlieren. Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.“


Umfeld & Verständnis

Healthy Lady: Gab es in deinem Leben Momente, in denen du dich nicht verstanden gefühlt hast?

Janet: Vor allem am Anfang habe ich mich von allen falsch verstanden und nicht ernst genommen gefühlt.
Menschen, die solche Ängste nicht kennen, wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Nur wenige Personen in meinem Umfeld haben mich ernst genommen oder mir geglaubt.
Einige Ärzte, vor allem mein Psychiater und Psychologe haben das Ausmaß erkannt.
Das meiste Verständnis bekam ich von Menschen, die dasselbe erleben. Diese habe ich in einer Klinik kennengelernt. Das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben.


Verlust der Mutter & Rückfall

Healthy Lady: Du hast im vergangenen Jahr erneut einen schweren Verlust erlebt – deine Mutter ist gestorben. Wie ging es dir in dieser Zeit?

Janet: Im April 2024 passierte etwas Schreckliches: Als ich mich gerade wieder etwas stabilisiert hatte, starb meine Mutter. Nur einen Tag nach der Diagnose akute Leukämie. Es war eine sehr seltene Form, „APL“ genannt. Einen Tag nach einer Krebsdiagnose. So etwas hatte ich in all meinen Jahren im Krankenhaus nie erlebt.
Nach kurzer Zeit verschlechterte sich mein psychischer Zustand rapide. Aber ich musste stark bleiben. Ich bin alleinerziehende Mama einer vierjährigen Tochter. Meine Mutter, mein größter Halt, war plötzlich nicht mehr da. Mein ganzes Leben veränderte sich in nur 24 Stunden. Ihr Tod war für mich unfassbar. Gerade weil es so eine seltene Erkrankung war, konnte ich es nicht fassen. Das hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist und meine Ängste und Sorgen wieder stark verschlimmert. Medikamente waren unumgänglich, um nicht völlig abzustürzen.

„Manchmal habe ich sogar Angst, meine Tochter in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.“


Mama sein mit Angst

Janet (30), Pflegefachkraft und alleinerziehende Mutter – dank therapeutischer Unterstützung hat sie heute gelernt, mit ihrer Angst zu leben und ihr Leben Stück für Stück zurückzuerobern. (Foto: Janet)

Healthy Lady: Du bist Mama einer kleinen Tochter. Wie gehst du mit deiner Angst um, wenn es um sie geht?

Janet: Meine Ängste und Sorgen sind, besonders wenn es um meine Tochter geht sehr stark. Jedes Symptom bei ihr, und wenn es nur Husten oder Schnupfen ist, löst in mir große Sorge aus. Ich recherchiere sofort oder gehe direkt zum Arzt, wenn ich beunruhigt bin. Wenn sie krank ist, bin ich sehr angespannt. Manchmal Tag und Nacht.
Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, sie zu verlieren.

Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.
Manchmal habe ich sogar Angst, sie in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.
Natürlich denke ich auch oft daran, was wäre, wenn ich schwer krank wäre, wer dann für sie da wäre.
Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag. Mal mehr, mal weniger.


Die Botschaft

Healthy Lady: Wenn du heute zurückblickst – was hat dir geholfen, nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Janet: Rückblickend kann ich sagen: Meine Tochter ist mein größter Halt und meine Kraft, weiterzumachen und jeden Tag aufzustehen. Allen Betroffenen kann ich nur sagen: Holt euch Hilfe. Hypochondrie ist keine Spinnerei, es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen, denn wir sind viele.

Der Austausch mit anderen Betroffenen war für mich heilsam. Mir helfen außerdem Entspannungsübungen, Spaziergänge und bewusste Pausen ohne Handy. Ich habe mein Umfeld verändert und nur noch Menschen in mein Leben gelassen, die mir guttun, mich ernst nehmen und mir zuhören. Stück für Stück habe ich Lebensfreude zurückgewonnen mit Therapien, Hobbys und kleinen Momenten für mich selbst.
Es geht nicht von heute auf morgen. Es ist Arbeit, ein Prozess, ein Auf und Ab. Jeder in seinem Tempo.

Rückschläge annehmen und das Beste daraus machen. Tag für Tag.
Wer diese Krankheit annehmen kann und sie versteht, kann lernen, mit ihr zu leben.

Hypochondrie ist keine Spinnerei – es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen.“


Hilfe und Unterstützung

Wenn du selbst unter starken Ängsten leidest, dich oft krank fühlst, obwohl Ärzte nichts finden, oder jemanden verloren hast und nicht mehr weiterweißt – du bist nicht allein.
Sprich mit deinem Hausarzt, einer Psychotherapeutin oder wende dich an eine der folgenden Anlaufstellen.

  • Telefonseelsorge (kostenfrei, anonym, rund um die Uhr): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
  • Nummer gegen Kummer (für Kinder, Jugendliche & Eltern): 116 111
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117 (auch bei psychischen Krisen)
  • In akuten Notfällen: Wähle die 112 oder geh in die nächste Notaufnahme.

Auch Online-Angebote können helfen: