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„Ich hatte Entzugserscheinungen, weil ich nichts kaufen durfte“ – Zişans Leben mit Kaufsucht

Man möchte eigentlich nur kurz in die Drogerie, wirklich nur für das Nötigste. Doch dann passiert es. Plötzlich liegen mehrere Lippenstifte im Körbchen, jeder in einem leicht anderen Ton, der „irgendwie doch ganz anders“ aussieht. Dazu kommen ein paar Nagellacke und vielleicht noch ein Duft, der einfach zu gut riecht, um ihn stehen zu lassen. Alles irgendwie völlig harmlos … oder?

Doch Vorsicht, denn genau so kann ein ernsthaftes Problem beginnen. Ein Problem, das leise kommt, sich unbemerkt einnistet und irgendwann ein ganzes Leben bestimmt. Es geht um Kaufsucht, um eine Abhängigkeit, von der in Deutschland Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen betroffen oder gefährdet sind. Ein Zustand, über den oft gelächelt wird, obwohl er genauso zerstörerisch sein kann wie jede andere Form der Abhängigkeit. Ein Verhaltensmuster, das sich tarnt als Belohnung, als Trost, als kurzer Moment des Glanzes. Bis sie Besitz ergreift. Von Beziehungen. Vom Konto. Vom Selbstwert.

Mein heutiger Gast ist Zişan und sie ist eine dieser Betroffenen. Auf TikTok führt sie ein Kaufsucht-Tagebuch und lässt ihre Zuschauer tief in ihre dunkelsten Ecken blicken. Zişan macht sich sichtbar für all die stillen Stimmen da draußen, die glauben, sie seien allein. Für all die Menschen, die denken: „Es ist normal, was ich mache.“ Und irgendwann merken: Es ist doch eine Krankheit. Sie klärt auf, bricht Tabus und zeigt, dass man eine Abhängigkeit benennen muss, um sie zu besiegen. In unserem Gespräch erzählt sie, wie alles begann, wie es ihr heute ergeht – und vor allem, warum es so wichtig ist, darüber zu sprechen.


Die Suche nach dem Ich jenseits der Sucht

Die 35-jährige Sachbearbeiterin lebt seit über zehn Jahren mit ihrer Kaufsucht. (Foto: Zisan)

Healthy Lady:
Zişan, bevor wir über die Kaufsucht sprechen – wer bist du? Wie würdest du dich selbst als Mensch vorstellen, abseits der Abhängigkeit?

Zişan:
Ich bin eigentlich ein sehr lebensfroher, humorvoller und aktiver Mensch. Viele denken, ich sei immer stark und offen, dabei trage ich in mir eine Geschichte, die mich schon sehr früh geprägt hat.

Als Kind hatte ich Krebs. Die Ärzte gaben mir damals nur sechs Monate zu leben. Wenn man als kleines Mädchen hört, dass es keinen Morgen geben könnte, verändert das alles. Ich habe schon früh gelernt, dass jeder Tag der letzte sein könnte. Diese Erfahrung hat mich zu jemandem gemacht, der jeden Moment aufsaugt, der sich nach Leben sehnt, nach Glück, aber auch nach Sicherheit.

Ich wollte als Kind Moderatorin werden, weil ich es geliebt habe, vor der Kamera Geschichten zu erzählen. Heute bin ich tatsächlich jeden Tag vor einer Kamera – aber ich moderiere keine Show. Ich moderiere meine eigene Realität, meine Heilung und meine Sucht. Abseits der Abhängigkeit bin ich jemand, der liebt, lacht, kämpft und nie aufgibt. Vielleicht auch, weil ich schon einmal um mein Leben kämpfen musste.

Kaufsucht hat nichts mit Luxus zu tun. Es geht um Schmerz.


Der Moment, der alles veränderte

Healthy Lady:
Wie kam es dazu, dass du dein Kaufsucht-Tagebuch auf TikTok begonnen hast? Was war der Auslöser, so offen damit rauszugehen?

Zişan:
Der Moment, der alles ins Rollen gebracht hat, war ehrlich gesagt ziemlich surreal. Ich kam aus einem Urlaub in Barcelona zurück, müde, aber gut gelaunt und vor meiner Haustür stapelten sich Pakete. Zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Stück. Einige davon waren so fremd, dass ich nicht einmal mehr wusste, was ich bestellt hatte oder warum. Ich stand davor und dachte: „Zişan, das ist nicht mehr normal.“ Ich war wütend auf mich, aber auch verzweifelt. Und dann kam mir die Idee: Was wäre, wenn ich öffentlich dokumentiere, wie ich 30 Tage lang nichts kaufe? Ein Versuch, mir selbst etwas zu beweisen. Eine Challenge, aber auch eine Art Hilferuf.

Die ersten Tage waren noch lustig. Ich habe gelacht, gejoked, dachte mir: „Ach, easy.“
Doch spätestens am vierten Tag kippte alles, und ich merkte: Das ist nicht einfach nur ein schlechtes Kaufverhalten. Es ist eine Sucht.


Healthy Lady:
Kannst du uns mitnehmen zu dem Moment, in dem dir klar wurde: „Ich habe ein Problem“?

Zişan:
Ganz klar: am vierten Tag meiner Challenge. Ich bin morgens aufgewacht und hatte das Gefühl, mein Körper funktioniert nicht. Meine Hände waren schweißnass, mein Herz raste wie verrückt. Ich bekam kaum Luft, als würde etwas auf meiner Brust sitzen. Ich dachte wirklich: „Ich sterbe gleich.“ Und diese Angst kannte ich nur aus meiner Kindheit, aus dieser Zeit, in der Ärzte mir erklärten, ich hätte vielleicht nicht mehr lange. Dass ich diese körperliche Panik wieder spürte, nur weil ich nichts kaufen durfte, hat mich schockiert.


Wenn Trost zur Strategie wird

Healthy Lady:
Gab es in deiner Kindheit oder Jugend erste Anzeichen, die du heute als Warnsignale deuten würdest?

Zişan:
Ja. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich es ganz klar. Die Diagnose Krebs hat in mir eine permanente Angst ausgelöst: Angst, etwas zu verpassen. Angst, nicht genug erlebt zu haben. Angst, nicht genug zu fühlen. Schon als Teenager habe ich begonnen, Käufe als eine Art Trost zu benutzen. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich traurig war oder mich unsicher fühlte – und anstatt darüber zu sprechen, bin ich ins Einkaufszentrum gefahren. Ein neues Oberteil, ein kleines Accessoire, irgendetwas, das mir einen kurzen Kick gab.

Dieser Moment, in dem man etwas Neues besitzt, fühlte sich an wie: „Ich lebe noch. Ich kann wenigstens das kontrollieren.“. Es war mein kleiner Fluchtweg vor dem Schmerz.

Ich stand vor 20 Paketen und wusste nicht einmal mehr, was ich bestellt hatte.


Healthy Lady:
Wie hat sich die Kaufsucht schleichend aufgebaut – war es ein plötzlicher Kontrollverlust oder ein langsamer Prozess?

Zişan:
Die Sucht ist nicht über Nacht gekommen. Sie ist gewachsen – leise, schleichend, fast unbemerkt. In meinen Zwanzigern begann der Kontrollverlust. Damals hatte ich schon starke Probleme: Ich habe impulsiv gekauft, oft heimlich, oft ohne Plan. Es wurde jedes Jahr mehr. Pakete kamen täglich, manchmal zweimal am Tag. Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich alles besitze. Ich habe mich mit jedem Klick für einen Moment lebendig gefühlt.
Aber gleichzeitig war ich innerlich vollkommen leer.


Das Innenleben einer Kaufsucht

Kontrollverlust sichtbar: Zeitweise stapelten sich bis zu 20 Pakete vor Zişans Tür. In dieser Phase häufte sie rund 12.000 Euro Schulden an. (Foto: Zişan)

Healthy Lady:
Wie fühlt sich ein typischer „Kaufdrang“ an? Was passiert emotional und körperlich in dir?

Zişan:
Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es beginnt wie ein Kitzeln im Kopf, ein Gedanke, der sich festsetzt. Dann wird es körperlich. Ich werde unruhig, mein Puls steigt, ich schwitze, ich habe das Gefühl, etwas extrem Wichtiges zu verpassen. Es ist fast wie ein Zwang: „Du musst jetzt etwas kaufen.“ Während der Challenge war es besonders schlimm. Morgens aufzuwachen und sofort dieses Gefühl zu haben, etwas kaufen zu müssen, aber nicht zu können. Das war Folter. Ohne Challenge würde ich aktuell jeden Tag eskalieren.


In diesem Moment wusste ich: Das ist nicht einfach „lustiges Shopping“. Das ist eine Krankheit.

Healthy Lady:
Welche Rolle spielen Stress, Einsamkeit, Belohnung oder Selbstwert in deiner Sucht?

Zişan:
Stress ist mein größter Trigger. Wenn ich überfordert bin oder sehr viel Druck spüre, suche ich eine schnelle Erleichterung. Und die kam jahrelang über Käufe. Einsamkeit ist bei mir nicht das Hauptthema – es sind meine unverarbeiteten Kindheitserlebnisse. Die Angst vor dem Tod. Die Angst vor dem Verlust. Die Angst, nicht genug Zeit zu haben. All das sitzt tief.


Healthy Lady:
Viele denken bei Kaufsucht an „Shopping aus Spaß“. Kannst du beschreiben, was in Wahrheit dahintersteckt?

Zişan:
Viele denken, es geht um Geld oder Luxus. Aber es geht um Schmerz. Kaufsucht kann ein Leben zerstören und sie wird kaum ernst genommen. Ich hatte als Jugendliche rund 12.000 Euro Schulden.
Heute bin ich schuldenfrei – dank harter Arbeit und stabiler Strukturen. Aber die Sucht ist geblieben. Sie ist nicht einfach weg. Man muss sie verstehen, bearbeiten und akzeptieren, dass sie ein Teil von einem ist.


Schulden, Scham und Unsichtbarkeit

Healthy Lady:
Welche Auswirkungen hatte die Sucht auf deine Finanzen?

Zişan:
Früher war es schlimm: Schulden, Stress, Angst. Heute verdiene ich genug, um meine Käufe „zu finanzieren“.
Aber genau das ist ein gefährlicher Punkt, denn deshalb blieb das Problem lange unsichtbar. Unsere Haushaltskosten laufen über das Ehekonto. Meine Käufe dagegen über mein eigenes Einkommen.
So hat es lange niemand gemerkt. Nicht einmal ich selbst richtig.


Healthy Lady:
Wie hat dein Umfeld reagiert?

Zişan:
Überraschend positiv. Viele sagten mir, dass ihnen mein Kaufverhalten schon aufgefallen sei – aber nicht das Ausmaß. Meine Familie und Freunde unterstützen mich. Aber es ist nicht leicht für sie. Es gab Momente, in denen ich weinend aus einem Laden rausgelaufen bin, weil ich etwas nicht kaufen durfte wegen der Challenge.
Das mit anzusehen, ist für meine Liebsten manchmal genauso schwer wie für mich.


Healthy Lady:
Hast du Beziehungen oder Freundschaften verloren?

Zişan:
Nein, verloren habe ich zum Glück niemanden. Aber mein Umfeld musste lernen, was Kaufsucht wirklich bedeutet und wie sie mir helfen können, ohne mich zu bevormunden.


Healthy Lady:
Was war der schlimmste Moment?

Zişan:
Ganz klar: die Entzugserscheinungen während der Challenge. Dieses Gefühl, nicht atmen zu können.
Dieses Zittern, Panik, Gefühle, die kaum noch Raum haben. Es war der Moment, in dem mir bewusst wurde:
„Zişan, du bist krank. Du brauchst Hilfe.“

Es beginnt wie ein Kitzeln im Kopf und endet in einem Zwang: Du musst jetzt etwas kaufen.


Leben mit der Sucht und der Weg in die Heilung

Healthy Lady:
Was ist bei deiner Challenge am schwierigsten?

Zişan:
Dass ich die Dinge, die ich liebe, nicht kaufen kann, selbst wenn sie günstig sind.
Dass ich ständig das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Dass mein Gehirn mir sagt: „Du brauchst das!“ Obwohl ich heute weiß, dass ich es nicht brauche. Aber mit der Challenge bin ich auch auf einer ganz anderen Ebene gewachsen.


Healthy Lady:
Wie gehst du mit Rückfällen um?

Zişan:
Rückfälle gehören dazu. Kaufsucht ist kein Schalter, den man einfach umlegen kann. Man braucht Struktur, Begleitung und vor allem Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.


Healthy Lady:
Hast du professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Zişan:
Ja. Ich mache Verhaltenstherapie. Es war schwer, mir einzugestehen, dass ich es allein nicht schaffe, aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Meine ersten Therapiestunden bestanden nur daraus, dazusitzen und zu weinen. Ich konnte meine Tränen nicht mehr halten.


Healthy Lady:
Welche Rolle spielt dein TikTok-Tagebuch für deine Heilung?

Zişan:
Eine riesengroße. Es ist mein Ventil, meine Motivation und mein Anker.
Jede Nachricht, jeder Kommentar von Menschen, die sagen, dass sie sich in mir wiedererkennen, gibt mir Kraft. Ich erzähle dort die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Ich motiviere so viele Menschen, und das macht mich unglaublich glücklich.


Warum wir über Kaufsucht sprechen müssen

Healthy Lady:
Warum wird Kaufsucht in unserer Gesellschaft so oft belächelt?

Zişan:
Weil viele denken, es sei ein „Luxusproblem“. Aber Jugendliche verschulden sich. Familien zerbrechen.
Menschen verzweifeln. Ich spreche darüber, um genau das sichtbar zu machen.

Mein Körper hat reagiert, als würde ich sterben – nur weil ich nichts kaufen durfte.


Healthy Lady:
Welche Vorurteile begegnen dir am häufigsten?

Zişan:
„Du hast zu viel Geld.“ „Ich hätte gern dein Leben.“ „Dann kauf halt weniger.“

Diese Sätze tun weh, weil sie meine Geschichte ignorieren.
Niemand sieht, was in mir passiert.


Ausblick & Botschaft

Healthy Lady:
Was sind deine langfristigen Ziele?

Zişan:
Ein gesundes Kaufverhalten. Nicht panisch werden. Nicht dieses Gefühl haben, dass ich ständig etwas Neues brauche. Ich möchte lernen, im Moment zu leben, ohne Käufe als Krücke. Und ich möchte zeigen: Man kann es schaffen.


Healthy Lady:
Was wünschst du dir von Angehörigen?

Zişan:
Zuhören. Ernst nehmen. Unterstützen, ohne zu verurteilen. Begleiten bei Challenges oder Therapie. Und vor allem: Nicht lachen. Nicht kleinreden.


Healthy Lady:
Welche Botschaft möchtest du Menschen mitgeben, die still kämpfen?

Zişan:
Ich möchte dir etwas sagen, das ich mir früher selbst so sehr gewünscht hätte:
Du musst dich nicht schämen. Du musst nichts verstecken. Und du bist nicht zu schwach, weil du kämpfst. Im Gegenteil. Dieser Kampf zeigt, wie stark du bist. Viele denken, Kaufsucht sei ein oberflächliches Problem. Doch in Wahrheit geht es um Schmerz, um alte Wunden und um Gefühle, die man oft lange mit sich herumträgt. Wenn du gerade kämpfst, dann sollst du wissen: Du bist nicht allein. Du hast das Recht auf Hilfe, auf Verständnis und darauf, dich selbst nicht aufzugeben.

Du musst dich nicht schämen. Du bist nicht allein.


Hilfe bei Kaufsucht – du bist nicht allein

Wenn du merkst, dass Kaufen dein Leben bestimmt, dich belastet oder dich finanziell und emotional unter Druck setzt, bist du damit nicht allein. Unterstützung und erste Hilfe findest du hier:

Erste Anlaufstelle: Hausarzt oder Hausärztin
Sie können einschätzen, wie stark die Belastung ist und an passende Fachstellen überweisen.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Übersicht über Beratungsstellen in ganz Deutschland:
 www.dhs.de

Telefonische Beratung bei psychischer Belastung
Telefonseelsorge rund um die Uhr, anonym und kostenfrei:
Tel.: 0800 111 0 111
Tel.: 0800 111 0 222

Online-Hilfe speziell bei Kaufsucht Beratung und Selbsthilfeangebote: www.kaufsucht.de



Jugendamt vor der Tür? Warum die Angst oft unbegründet ist

Wenn es an der Tür klingelt und das Jugendamt davorsteht, bleibt für viele Familien die Welt schlagartig stehen. Es ist ein Moment, in dem die Luft im Flur schwer wird vor Anspannung und das Herz schneller schlägt. In kaum einem anderen Bereich prallen große Unsicherheit und staatliche Verantwortung so unmittelbar aufeinander.

Stefanie Schlösser kennt beide Seiten dieses Moments. Viele Jahre lang war das Jugendamt ihre berufliche Heimat. Als Jugendamtsleiterin traf sie Entscheidungen, die über den Schutz eines Kindes und damit über das Leben ganzer Familien bestimmten. Es waren Situationen, die weit mehr verlangten als nur Fachwissen. Sie erforderten Mut, Erfahrung und ein hohes Maß an Menschlichkeit. Sie hat erlebt, wie Eltern die Tür nur einen Spalt breit öffnen, weil das Vertrauen fehlt und die Angst überwiegt.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews begleitete sie als Sozialpädagogin Familien, die sich im Kontakt mit Behörden unsicher oder überfordert fühlten. Mit ihrer Erfahrung konnte sie helfen, Abläufe verständlich zu machen und Gespräche besser vorzubereiten. Heute ist sie wieder im Bereich Jugendhilfe tätig. Ihre Perspektive ist geblieben. Sie kennt die Herausforderungen auf beiden Seiten und weiß, wie wichtig es ist, Vertrauen aufzubauen und Missverständnisse zu vermeiden.

Stefanie Schlösser
Stefanie Schlösser: Expertin für Jugendhilfe und ehemalige Amtsleiterin. Mit über 20 Jahren Erfahrung kennt sie die Strukturen der Behörden aus erster Hand. (Foto: S. Schlösser)

Jugendamt hinter den Kulissen: Was wirklich passiert

Healthy Lady: Liebe Stefanie, kommen wir gleich zum Kern der Sache, der oft die größte Verunsicherung auslöst: Was macht das Jugendamt eigentlich wirklich und was gehört ausdrücklich nicht zu seinen Aufgaben?

Stefanie Schlösser: Die Aufgaben des Jugendamtes sind im Gesetz (SGB VIII) festgeschrieben. Das Ganze ist so komplex, dass eine vollständige Liste den Rahmen sprengen würde, aber ein Punkt ist mir besonders wichtig: Das Jugendamt ist nicht automatisch gleichzusetzen mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Der ASD ist nur ein Teilbereich, wenn auch der, der am meisten im Fokus steht.

„Der ASD ist nur ein kleiner Teil – das Jugendamt besteht überwiegend aus Unterstützung, Beratung und Hilfsangeboten.“

Zum Jugendamt gehört in Wahrheit viel mehr: Es steuert Kindertagesstätten, organisiert die Jugendförderung wie Ferienfreizeiten und Jugendzentren und umfasst Angebote wie die Frühen Hilfen, Erziehungsberatung oder die Jugendhilfe im Strafverfahren. All das ist „Jugendamt“, auch wenn in der Öffentlichkeit meist nur der Bereich wahrgenommen wird, der in Krisen agiert.

Wenn wir uns den Allgemeinen Sozialen Dienst (in manchen Regionen auch Bezirkssozialdienst genannt) genauer ansehen, lassen sich drei zentrale Aufgaben unterscheiden:

  • Das Wächteramt: Das ist der hoheitliche Auftrag. Ähnlich wie Polizei oder Feuerwehr hat das Jugendamt hier eine „Garantenstellung“. Nur das Amt darf Gefährdungseinschätzungen vornehmen oder Kinder in Obhut nehmen. Das kann kein anderer Dienst.
  • Die Bewilligungsbehörde: Hier geht es um die Verwaltung. Der ASD prüft Anträge auf Erziehungshilfen, entscheidet über deren Umfang und kontrolliert die Umsetzung, vor allem auch die Eingliederungshilfe für Kinder mit seelischen Einschränkungen.
  • Die Beratungsfunktion: Ein ganz entscheidender Punkt! Das Jugendamt berät bei Fragen zum Sorge- und Umgangsrecht. Doch hier herrscht oft ein großer Irrtum: Das Jugendamt trifft hier keine Entscheidungen. Es kann nur begleiten und beraten. Verbindliche Regelungen kann ausschließlich ein Familiengericht treffen. In der Praxis führt das oft zu Enttäuschungen, wenn Eltern vom Amt eine klare Vorgabe erwarten, die es rechtlich gar nicht geben darf.

Image eines Kinderräubers

Healthy Lady: In den Medien und den sozialen Netzwerken begegnet uns oft ein düsteres Narrativ. Das Jugendamt wird dort als Instanz dargestellt, die willkürlich Familien zerstört und Kinder ihren Eltern wegnimmt. Warum ist dieses Bild so tief in unseren Köpfen verankert und was ist die Realität hinter diesen Schlagzeilen?

Stefanie Schlösser: Das Bild in den sozialen Medien ist stark von Emotionen geprägt und zwar vor allem von Frust und Wut. In der Regel lieben Eltern ihre Kinder und möchten sie bei sich behalten. Wenn das Jugendamt entgegen ihrem Willen handelt und ein Gericht diese Entscheidung auch noch bestätigt, ist das ein massiver Eingriff. Das Kind wird vorübergebend aus der Familie genommen und zum Schutz bei Pflegeeltern, in einer Einrichtung oder an einem anderen sicheren Ort untergebracht. Das löst Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer aus und diese Gefühle sind erst einmal nachvollziehbar.

Solche starken Emotionen führen dazu, dass Eltern ihre Geschichte öffentlich emotional stark geprägt erzählen, manches Mal auch indem sie gewichtige Punkte auslassen oder verfälschen, in der Hoffnung auf Verständnis, Unterstützung und Solidarität. Diese bekommen sie in den sozialen Netzwerken in großem Umfang. Was aber kaum sichtbar ist, ist die viel größere Zahl an Fällen, in denen Eltern und Kinder Unterstützung vom Jugendamt erhalten, die sie als hilfreich erleben und gerade deshalb keinen Anlass sehen, dies öffentlich zu thematisieren.

„Das Jugendamt darf öffentliche Vorwürfe oft nicht richtigstellen – genau dadurch entsteht eine einseitige Erzählung.“

Dazu kommt, dass das Jugendamt öffentliche Vorwürfe aus Datenschutz- und Kinderschutzgründen nicht einfach richtigstellen darf. Wenn Eltern in die Kamera sagen, dass ihre Kinder ihnen grundlos weggenommen wurden, kann das Jugendamt nicht öffentlich antworten, dass es dafür konkrete Gründe gab. Damit würde es sowohl die Rechte der Eltern als auch die Rechte des Kindes verletzen. Die Folge ist eine einseitige öffentliche Erzählung, in der die Perspektive des Jugendamtes und des Kindes weitgehend fehlt. Genau daraus entsteht das Bild vom bösen Jugendamt. Es gibt Fehlentscheidungen wie in jedem komplexen System, aber der überwiegende Teil der Arbeit des Jugendamtes besteht aus Unterstützung, Beratung und Hilfen. Diese Geschichten tauchen in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht auf.


Der Albtraum von der grundlosen Inobhutnahme

Healthy Lady: Stefanie, wenn man über das Jugendamt spricht, stolpert man sofort über eine ganze Reihe von Vorurteilen. Welche Klischees begegnen dir in deiner täglichen Arbeit am häufigsten und was davon stimmt bei genauerem Hinsehen einfach nicht?

Stefanie Schlösser: Das mit Abstand häufigste Klischee lautet, dass Kinder grundlos weggenommen werden. Dieses Bild hält sich zwar hartnäckig, entspricht aber absolut nicht der Realität. Um eine Inobhutnahme tatsächlich durchzuführen, müssen sehr viele Schritte eingehalten und zahlreiche Personen sowie Stellen einbezogen werden. Zuvor müssen alle anderen Mittel ausgeschöpft sein oder als nicht anwendbar eingestuft werden. Zudem geht das Jugendamt nicht wahllos in Familien, sondern wird nur tätig, wenn es einen konkreten Anlass gibt. Das kann eine Meldung von der Schule, der Kita, von Nachbarn, der Polizei oder sogar vom Kind selbst sein. Allein daraus ergibt sich schon, dass ein Eingriff nie völlig anlasslos erfolgt.

Das Wort „grundlos“ bedeutet in vielen Erzählungen eher, dass die Eltern oder das Umfeld den Grund nicht verstehen oder ihn nicht als ausreichend akzeptieren. Ich erlebe dagegen häufig, dass Kinder gerade rückblickend sehr genau einordnen können, warum eine Herausnahme notwendig war. Es gibt viele junge Erwachsene, die sagen, dass die Inobhutnahme das Beste war, was ihnen passieren konnte, während die Eltern bis heute überzeugt sind, es habe keinen Grund gegeben. Ein Beispiel dafür sind stark parentifizierte Kinder, die schon früh Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen müssten. Das reicht von der Versorgung der Geschwister bis hin zur emotionalen Stabilisierung der Eltern.

„In meiner gesamten Laufbahn habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Kind völlig grundlos in Obhut genommen wurde.“

Diese Kinder empfinden diese enorme Verantwortung oft zunächst nicht als Belastung, sondern als normal oder sogar als Bestätigung. Beide Seiten hätten in so einer Situation damals wohl gesagt, dass da nichts Schlimmes war und das Amt grundlos gehandelt hat. Aus fachlicher Sicht liegt aber eine massive Überforderung vor, die langfristig schädlich ist. Mir ist in meiner gesamten Laufbahn kein einziger Fall begegnet, in dem eine Inobhutnahme völlig ohne nachvollziehbaren Anlass erfolgt ist. In Fällen, in denen Eltern mir ihre Geschichte als grundlos geschildert haben, war bei genauer Betrachtung immer erkennbar, auf welcher Grundlage gehandelt wurde. Auch wenn dieser Grund für die Eltern emotional natürlich nur schwer akzeptierbar war.


Das Machtgefälle und die Angst vor dem Kontrollverlust

Healthy Lady: Es ist fast greifbar, wie viel Furcht dieses Wort „Jugendamt“ auslöst. Warum ist das Misstrauen bei so vielen Eltern so tief verwurzelt? Was sind die eigentlichen Quellen dieser Angst?

Stefanie Schlösser: Das Misstrauen speist sich aus mehreren Quellen. Zum einen liegt es an der sehr einseitigen öffentlichen Wahrnehmung. In den Medien und insbesondere in den sozialen Netzwerken tauchen vor allem die dramatischen und konflikthaften Fälle auf, also genau die Situationen, in denen es zu massiven Eingriffen kommt. Die Millionen Fälle, in denen das Jugendamt unterstützt, berät oder Hilfen organisiert und damit Familien entlastet, bleiben in der Regel unsichtbar. Ich nutze da gerne den Vergleich mit der Fliegerei. Wir alle wissen, dass nur sehr wenige Flugzeuge abstürzen und gleichzeitig unglaublich viele Maschinen täglich sicher unterwegs sind. Berichtet wird aber fast ausschließlich über die Unfälle.

Zum anderen spielt die hoheitliche Stellung des Jugendamtes eine große Rolle. Genau wie die Polizei oder das Ordnungsamt hat das Jugendamt in bestimmten Bereichen eine besondere Handlungsmacht. Es kann im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben auch gegen den Willen der Eltern tätig werden. Dieses mögliche Machtgefälle löst bei vielen Menschen eine tiefe Verunsicherung aus. Das ist auch nicht völlig irrational, denn die meisten Menschen sind auch nervös, wenn sie von der Polizei angehalten werden, obwohl sie gar nichts getan haben.

„Die Angst entsteht vor allem durch die sichtbaren Krisen – nicht durch die vielen stillen Hilfen im Alltag.“

Entscheidend ist aber, dass in der überwältigenden Mehrheit der Fälle die Kontakte mit dem Jugendamt sachlich und kooperativ verlaufen. Es geht um Unterstützung, Beratung und Hilfen und nicht darum, Familien zu zerschlagen. Diese Normalität ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast nicht präsent. Stattdessen bleibt bei vielen das Bild im Kopf, dass das Kind weg ist, sobald das Jugendamt kommt. Und genau dieses Bild schürt die Angst und das Misstrauen.


Empathie trifft Entscheidungskraft: Der schmale Grat der Professionalität

Healthy Lady: Wie schafft man es eigentlich, in einer Behörde wie dem Jugendamt menschlich zu bleiben, wenn man gleichzeitig Entscheidungen treffen muss, die eine so enorme und oft lebensverändernde Verantwortung mit sich bringen?

Stefanie Schlösser: Ein wichtiger Punkt ist, dass Menschlichkeit von außen oft anders verstanden wird, als es professionell notwendig ist. Viele Menschen wünschen sich sichtbare Emotionen, viel Nähe und persönliche Anteilnahme. In hochbelasteten Situationen kann das aber unprofessionell oder sogar kontraindiziert sein. Fachkräfte im Jugendamt tragen eine hohe Verantwortung und müssen auch in extremen Krisenlagen entscheidungsfähig bleiben. Dazu gehört es, die eigenen Emotionen zu regulieren, einen klaren Kopf zu behalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Das hat nichts mit mangelnder Empathie zu tun, sondern mit Professionalität. Die innere Betroffenheit ist oft da, sie wird nur nicht ungefiltert nach außen gezeigt.

„Professionalität bedeutet nicht Gefühllosigkeit – sondern Empathie mit klarem Kopf.“

Menschlichkeit zeigt sich aus meiner Sicht vor allem in drei Dingen. Erstens in echter Empathie, also im ernsthaften Bemühen zu verstehen, wie sich eine Situation für Eltern und Kinder anfühlt. Zweitens in Transparenz, indem Entscheidungen erklärt und Abläufe sowie rechtliche Hintergründe so weit wie möglich verständlich gemacht werden. Und drittens im Respekt. Auch in schwierigen Situationen dürfen Eltern nicht abgewertet werden, sondern müssen als Verantwortliche für ihr Kind angesprochen werden.

Ich halte es für zentral, dass Fachkräfte klar kommunizieren können, dass sie die Belastung der Situation für die Eltern verstehen, aber gleichzeitig rechtlich verpflichtet sind, einen bestimmten Schritt zu gehen. Diese Kombination aus Empathie und Klarheit ist für viele Eltern zwar schwer auszuhalten, schafft aber langfristig eher Vertrauen als eine emotional aufgeladene und wenig strukturierte Haltung. Mit der Berufserfahrung kommt hinzu, dass man viele Situationen leider mehrfach erlebt. Das führt nicht dazu, dass sie einen kalt lassen, aber sie reißen einen nicht mehr jedes Mal so aus der Bahn wie ganz am Anfang.


Wenn Schicksal auf Mitgefühl trifft. Erlebnisse die unter die Haut gehen

Healthy Lady: Aber gibt es dennoch Momente in diesem Beruf, die du bis heute nicht vergessen kannst? Eine Begegnung, die dich als Mensch und Fachkraft nachhaltig geprägt hat?

Stefanie Schlösser: Ja, die gibt es. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich einen Fall aus meinen Berufsanfängen nennen, der mich bis heute begleitet. Es ging um eine Geschwisterkonstellation. Die Kinder gerieten über eine Lappalie in einen Streit, der körperlich wurde. In diesem Gerangel kam es zu einem Unfall, in dessen Folge eines der Geschwister verletzt wurde und verstarb. Für das andere Kind und die ganze Familie war das ein nicht vorstellbarer Schock.

„Mich hat tief beeindruckt, wie eine Familie entschied, ein Kind trotz unfassbarer Tragödie nicht auch noch zu verlieren.“

Was mich daran besonders geprägt hat, war der Umgang der Familie mit dem überlebenden Kind. Anstatt es zu stigmatisieren oder dauerhaft mit Schuldzuweisungen zu leben, hat die Familie sehr bewusst entschieden, dieses Kind nicht auch noch zu verlieren. Sie haben alles darangesetzt, es in seiner Trauer zu unterstützen, ihm Halt zu geben und ihm zu signalisieren, dass es weiterhin Teil dieser Familie ist. Dass Menschen in einer solchen Extremsituation diese Haltung einnehmen, fand ich zutiefst beeindruckend.

Daneben gibt es viele Fälle, die mich eher durch meine eigene Hilflosigkeit beschäftigt haben. Zum Beispiel Kinder, die objektiv gesehen liebevolle Eltern haben, aber trotzdem stark leiden, etwa weil sie keinerlei Freunde finden und sozial ausgeschlossen sind. Man kann Angebote machen oder Therapien unterstützen, aber man kann andere Kinder nicht dazu zwingen, Freundschaften einzugehen. Oder zu sehen, wie sich Kinder an ihren Eltern abkämpfen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, aber ein ums andere Mal vor eine Wand rennen. Solche Momente der Ohnmacht gehören leider auch zu diesem Beruf.


Der unangekündigte Hausbesuch – Souverän reagieren wenn es an der Tür klingelt

Healthy Lady: Das absolute Horrorszenario für viele Eltern ist der Moment, in dem die Mitarbeiter des Jugendamtes plötzlich und unangekündigt vor der Tür stehen. Wie läuft so ein Einsatz in der Realität ab und wie verhält man sich in diesem Moment am besten?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Auch eine Visitenkarte ist hilfreich. Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür immer einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

„Kooperationsbereitschaft ist in dieser Situation fast immer der beste Weg.“

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte natürlich nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist, aber es kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf. 

Außerdem zu dem standardisierten Ablauf gehört, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage, ob sie sich das Kinderzimmer ansehen dürfen, ist zwar höflich formuliert, gehört aber zwingend zum fachlichen Vorgehen.

Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt. Es geht um ganz andere Dinge. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie steht es um Hygiene und Sicherheit? Steht da seit Wochen schmutziges Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum oder gibt es ein hohes Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin gesund entwickeln kann? Wenn sich im Gespräch und bei der Besichtigung zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn jedoch ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


Vorbereitung ist alles – Wie Eltern im Gespräch mit Jugendamt die Kontrolle behalten

Healthy Lady: Wenn der Kontakt zum Jugendamt erst einmal hergestellt ist, fühlen sich viele Eltern dem System ausgeliefert. Wie können sie sich ganz praktisch vorbereiten, um in diesen Gesprächen sicher und souverän aufzutreten?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet konsequent dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden und was zugesichert wurde, all das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit und kurzem Inhalt festgehalten werden. Aussagen wie man habe irgendwann im November telefoniert helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sehr sinnvoll sein, sich dafür eine eigene Jugendamtsakte anzulegen, die chronologisch sortiert ist.

„Wer mit dem Jugendamt zu tun hat, sollte jedes Gespräch genau dokumentieren – das schafft Sicherheit.“

Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Dynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung, ob man jemanden braucht, der einen emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt, oder ob man in diesem Gespräch allein handlungsfähiger ist. Man sollte sich auch fragen, ob eine weitere Person die Situation vielleicht sogar zusätzlich auflädt. Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.

Hilfreich ist zudem, sich vorab klarzumachen, in welchem Modus das Jugendamt gerade arbeitet. Geht es um eine reine Beratung zum Sorge und Umgangsrecht, geht es um eine bereits bewilligte Hilfe zur Erziehung oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich.

Ganz entscheidend ist auch der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind absolut verständlich, im Gespräch selbst aber oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um im Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, etwa bei Freunden, in der Therapie oder in einer Beratung. Das Gespräch mit dem Dienst des Jugendamtes ist jedoch ziel und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Warum sich das Jugendamt oft nicht wehren kann

Healthy Lady: Es fällt auf, dass das Jugendamt in der Kritik oft sehr schutzlos wirkt. Wenn du eine Sache im System oder in der gesellschaftlichen Haltung ändern könntest, damit sich dieses einseitige Bild wandelt, was wäre das?

„Die fehlende Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter schafft ein Vakuum, das von einseitigen Darstellungen gefüllt wird.“

Stefanie Schlösser: Systemisch würde ich mir wünschen, dass die Arbeit der Jugendämter deutlich stärker transparent gemacht werden darf. In vielen Kommunen ist es Mitarbeitenden faktisch untersagt, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen. Es gibt kaum offizielle Öffentlichkeitsarbeit, obwohl andere Behörden, sogar Polizei, Feuerwehr oder Ministerien, längst eigene Kommunikationskanäle nutzen. Dadurch entsteht ein Vakuum, das von einseitigen oder falschen Darstellungen gefüllt wird. Eine kontrollierte, professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter könnte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und realistischere Einblicke zu geben.

Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, dass Eltern sich der Tragweite ihrer Entscheidung für ein Kind bewusster werden. Elternschaft ist wunderschön, aber auch belastend, emotional, organisatorisch, finanziell und körperlich. In der öffentlichen Darstellung überwiegt oft die romantische Seite. Ein Beispiel dafür war eine Diskussion, die ich in sozialen Medien mit einem jungen Mann führte, der keine Kinder hatte und sehr überzeugt davon war, dass Eltern natürlich genügend Schlaf bekämen. Die Eltern würden sich dann den Schlaf eben woanders und zu anderen Zeitpunkten am Tag holen. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass Menschen über Monate oder Jahre hinweg massiv übermüdet sein können und trotzdem funktionieren müssen. Ich glaube, da muss ich jetzt nicht sehr viel zu sagen, jeder, der Kinder hat oder sie erlebt, weiß, wie schlimm dieser Schlafmangel sein kann. Ich glaube, eine ehrlichere, weniger verklärte Auseinandersetzung mit Elternschaft würde helfen, sowohl den Kindern als auch den Eltern.


„Eltern sollen wissen: In diesem System sind sie nicht allein und es gibt Wege, ihre Stimme wiederzufinden.“

Healthy Lady: Das ist ein sehr wichtiger Gedanke zum Abschluss. Die Romantik beiseite zu lassen und stattdessen auf echte Unterstützung und ehrliche Kommunikation zu setzen, würde sicher viele Fronten aufweichen. Stefanie, danke für diese tiefen Einblicke in ein System, das so oft missverstanden wird.

Stefanie Schlösser: Sehr gerne. Mir ist wichtig, dass Eltern wissen, dass sie in diesem System nicht allein sind und dass es Wege gibt, die eigene Stimme wiederzufinden.



„Mir ging ordentlich die Düse“ – Kenans Sprung ins eiskalte Meer voller Orcas

Minus zwei Grad, Schneefall, dunkles Wasser. Als Kenan in den Fjorden Nordnorwegens ins Meer springt, schwimmen unter ihm bereits mehrere Orcas. Für den 34-jährigen Münchner, der sich regelmäßig ungewöhnlichen Challenges stellt, wird in diesem Moment ein Kindheitstraum Realität.

Über seine Social-Media-Community erhält er immer wieder Aufgaben, vom Bungeesprung aus 200 Metern Höhe bis zu einer symbolischen Selbsthochzeit in Las Vegas. Seine jüngste Challenge führte ihn nun in den hohen Norden Norwegens. Dort sollte er mit Orcas schnorcheln, ein Selfie mit einem Killerwal machen und die Grabstätte von „Free Willy“ besuchen. Kenan meisterte diese Herausforderung. Neben eindrucksvollen Erlebnissen bringt er auch konkrete Tipps mit, wie und wo sich dieses außergewöhnliche Abenteuer selbst planen lässt.

Jeden Winter folgen mehrere Hundert Orcas den Heringsschwärmen in die Fjorde Nordnorwegens. Mit ihnen kommt auch der Tourismus und damit die Frage, wie nah Menschen wilden Tieren eigentlich kommen sollten. In Orten wie Skjervøy hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Branche entwickelt, nämlich Schnorcheltouren mit wilden Walen für Besucher aus aller Welt.

Nicht alle sehen diese Entwicklung unkritisch. Meeresbiologen warnen, dass Wildtier-Tourismus Stress für die Tiere bedeuten kann. Ein Hinweis darauf, dass Faszination für wilde Natur immer auch Verantwortung einschließt. In Norwegen gelten deshalb strenge Regeln. Boote müssen Abstand halten und dürfen die Tiere weder verfolgen noch ihre Bewegungsrichtung blockieren. Auch Schnorchler dürfen sie nicht berühren. Kenan wusste das, bevor er ins Wasser sprang. Respekt stehe für ihn immer an erster Stelle, sagt er.

Orcas gehören zu den regelmäßigsten Walarten vor der Küste Nordnorwegens. Besonders im Winter folgen mehrere Hundert Tiere den großen Heringsschwärmen in die Fjorde. (Foto: Kenan)

Ein Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Healthy Lady:
Wie war das für dich, als du erfahren hast, was du in dieser Challenge tun musst?

Kenan:
Es war zunächst ein Schock, aber im Nachhinein dachte ich mir: Besser geht’s eigentlich gar nicht! Ich bin mit Free Willy aufgewachsen und habe den Film gefühlt hundertmal gesehen. Orcas in freier Wildbahn zu erleben, war schon immer ein absoluter Kindheitstraum von mir. Ich wäre auf jeden Fall irgendwann mal nach Norwegen geflogen, aber ich wäre niemals darauf gekommen, dass man dort auch mit Orcas schnorcheln kann. Deshalb habe ich mich auch so extrem über den Top-Kommentar gefreut.

Die Grabstätte von Keiko in Taknes, Norwegen. Der Orca aus ‚Free Willy‘ starb 2003 nach seiner Auswilderung. Kenan brachte als Andenken eine kleine Orca-Figur mit. (Foto: Kenan)

Wenn die Community entscheidet

Einige Eindrücke seiner Orca-Tour sowie weitere Challenges dokumentiert Kenan in Video-Tagebüchern auf seinem TikTok-Kanal unter dem Namen @kenankayb.

Healthy Lady:
Warum machst du überhaupt bei diesen Challenges mit? Woher kam diese verrückte Idee?

Kenan:
Die Idee dahinter ist, dass ich die Leute auf Social Media dazu animiere, mir Aufgaben zu stellen, sogenannte TOP-Kommentare. Das bedeutet: Der Kommentar unter dem letzten Video, der die meisten Likes bekommt, muss von mir umgesetzt werden. Tatsächlich gibt es jemanden, der dieses Prinzip bereits macht. Man könnte also denken, ich würde ihn kopieren. Das stimmt so aber nicht. Ja, es ist richtig, dass ich seine drei größten TOP-Kommentare nachgemacht habe, allerdings mit einer klaren Absicht: Ich wollte ihm und allen anderen auf TikTok, Instagram & Co. – zeigen, dass es neben ihm noch jemanden gibt, der genauso verrückt ist und sich solche Dinge ebenfalls traut. Indirekt habe ich ihn damit herausgefordert. Und er hat das auch mitbekommen: Beim zweiten TOP-Kommentar-Video, dem Flugzeugsprung aus Tokio, hat er sogar kommentiert. In Thailand folgt nun meine dritte und letzte Challenge von ihm – der Muay-Thai-Kampf. Danach hoffe ich, dass wir uns 2026 endlich persönlich treffen werden.

Und um wieder zu mir zurückzukommen: Natürlich werde ich danach mit meinen eigenen TOP-Kommentaren weitermachen. Free Willy und die Hochzeit in Vegas haben zum Beispiel nichts mit el Deno zu tun.


Healthy Lady:
Welche Challenges hast du bisher gemeistert und welche war dein Favorit?

Kenan:
Also bis jetzt habe ich alle geschafft! Mein Favorit war ganz ehrlich das Schnorcheln mit Orcas. Diese Erfahrung ist unbeschreiblich. Auch wenn der Bungee- oder der Flugzeugsprung noch so voller Adrenalin war, das mit Orcas ist etwas ganz Besonderes. Das kann man nicht erklären.


Wie man ein Orca-Abenteuer organisiert

Healthy Lady:
Wie hast du die Reise geplant? Wo muss ich hin, wenn ich selbst mit Orcas schnorcheln möchte?

Kenan:
Ich habe es schon immer gern gehabt, meine Reisen bis ins Detail selbst zu planen. Wer mit Orcas schnorcheln möchte, reist in der Regel nach Skjervøy, einer kleinen Fjordinsel im hohen Norden Norwegens. Die nächstgrößere Stadt ist Tromsø, die sich gut mit dem Flugzeug erreichen lässt. Von dort geht es per Bus oder Schiff in etwa vier Stunden weiter nach Skjervøy. Die entsprechenden Tickets sollte man möglichst im Voraus buchen.


Healthy Lady:
Wo bucht man so ein Abenteuer – und was kostet es?

Kenan:
Die Wal-Tour beziehungsweise das Schnorcheln mit Orcas kann man über verschiedene Agenturen und Anbieter buchen. Ich habe mich für Whale2Sea entschieden, da sie preislich wirklich fair waren. Ich habe für die einmalige Tour etwa 250 € bezahlt. Es gibt allerdings auch größere, mehrtägige Touren, die schnell bis zu 5.000 € kosten können.


Ankommen am Rand der Welt

Healthy Lady:
Du landest also in Norwegen, triffst dort andere mutige Menschen und dann?

Kenan:
Bevor es losging, gab es am Treffpunkt zunächst ein ausführliches Briefing über das Norwegische Meer, die Meeresbewohner und das Wasser – kurz gesagt über alles, was wichtig ist. Zusätzlich gab es eine Einführung in die Handhabung des Trockenanzugs, damit man weiß, wie alles funktioniert und wie man sich richtig verhält. Die komplette Ausrüstung wird vom Anbieter gestellt, und man bekommt auch Hilfe beim Anziehen, denn das war gar nicht so einfach. Soweit ich weiß, kann man an so einer Tour in der Regel erst ab 16 Jahren teilnehmen. Es gibt jedoch auch Anbieter, die unter bestimmten Voraussetzungen bereits Teilnahmen ab 14 Jahren ermöglichen. Eine Voraussetzung ist in jedem Fall, dass man schwimmen kann. Vor dem Start muss man außerdem ein medizinisches Einverständnis unterschreiben, in dem man bestätigt, dass man gesund und fit ist, schwimmen kann und eine Notfallkontaktperson angibt.

Ein spezieller Trockenanzug schützt vor den kalten Wassertemperaturen. Im Winter können diese bis knapp unter null Grad fallen, ohne dass das salzhaltige Meerwasser gefriert. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Wie viele Orca-begeisterte Menschen gab es an dem Tag? Und wie viele haben sich tatsächlich getraut, ins Wasser mit den Killerwalen zu gehen?

Kenan:
Wir waren an diesem Tag etwa zehn Personen. Die anderen Anbieter sind ebenfalls mit acht bis zehn Teilnehmern hinausgefahren, allerdings immer an unterschiedlichen Orten, sodass man sich gegenseitig nicht gestört hat.

Und tatsächlich gab es auch Leute, die zu großen Respekt oder schlicht Angst hatten. Es war ungefähr ein 50/50-Verhältnis: Fünf Personen sind ins Wasser gegangen, die anderen fünf sind auf dem Boot geblieben.


Was beim Schnorcheln mit Orcas gilt

Healthy Lady:
Wie sieht es mit der Sicherheit aus? Es sind ja immer noch wilde Tiere, auch wenn sie als friedlich gelten.

Kenan:
Es gibt immer ein gewisses Risiko, das wurde auch im Briefing ausdrücklich betont. Wenn man jedoch aufmerksam ist und sich genau an die Anweisungen hält, kann man sich fast sicher sein, dass nichts passiert. Das hat zwei einfache Gründe: Zum einen stehen wir Menschen nicht auf der Speisekarte von Orcas. Zum anderen gibt es in der gesamten Menschheitsgeschichte keine dokumentierten Fälle, in denen ein Orca einen Menschen angegriffen oder getötet hat. Außerdem war jederzeit ein Tourguide mit im Wasser, falls irgendetwas nicht stimmen sollte – was jedoch zu keinem Zeitpunkt der Fall war.


Der Sprung ins eiskalte Abenteuer

Bei Orca-Touren in Norwegen gelten strenge Schutzregeln. Boote müssen Abstand halten und dürfen die Tiere weder verfolgen noch ihre Bewegungsrichtung blockieren. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Du sitzt also auf dem Boot, fährst hinaus, siehst die ersten Orcas …
Was ist dein erster Gedanke? Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Shit – was mache ich hier eigentlich?“

Kenan (lacht):
Nein, ganz im Gegenteil. Als wir nach etwa 45 Minuten endlich die erste Gruppe von Orcas gesehen haben, waren wir alle extrem glücklich. Das war ein purer Glücksmoment. Natürlich musste ich sofort an den Film Free Willy denken – an diese Szenen mit der ikonischen Titelmusik!


Healthy Lady:
Und dann – der Sprung ins eiskalte Wasser. Wie war das Gefühl in diesem Moment? Friert man da nicht einfach ein?

Kenan:
Kurz bevor ich ins Wasser sprang, ging mir schon ordentlich die Düse, denn in diesem Moment war mir klar, gleich könnten Orcas direkt unter meinen Füßen vorbeischwimmen. An die Kälte habe ich dabei überhaupt nicht mehr gedacht. Als ich dann im Wasser war und gleich zu Beginn die ersten Wale gesehen habe, war das Thema Kälte sofort erledigt. Ich stand so sehr unter Adrenalin, dass ich sie kaum noch wahrgenommen habe. In manchen Momenten fühlte sich das Wasser komischerweise sogar „warm“ an – obwohl es minus zwei Grad hatte. Nur an den Wangen hat man das eiskalte Wasser gespürt, aber selbst das war in diesem Moment völlig egal.

Schnorcheln mit Orcas ist nur unter strengen Regeln erlaubt. Teilnehmer müssen Abstand halten und dürfen die Tiere weder berühren noch verfolgen. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Abgesehen von den Orcas ist ja auch das Meer selbst eine Herausforderung. Viele haben Respekt vor den Wellen oder davor, im offenen Wasser die Kontrolle zu verlieren. Wie sicher fühlt man sich dabei und welche Rolle spielt die Ausrüstung?

Kenan:
Das Wetter war anfangs so schlecht, dass wir beinahe gar nicht rausgefahren wären. Zum Glück wurde es dann etwas besser und der Schneefall hörte auf, doch die Wellen waren für ein kleines RIB-Boot allerdings trotzdem ordentlich. Im Wasser selbst war es dann völlig harmlos, weil wir einen sehr ruhigen Spot gefunden hatten. Dank des Trockenanzugs kann man außerdem nicht untergehen, da er am Rücken eine Art Luftpolster hat. Und richtig untertauchen war ohnehin auch gar nicht nötig, denn die Orcas waren so neugierig, dass sie extrem nah an uns herangekommen sind, das sieht man ja auch in den Videos.


Magische Begegnung unter der Oberfläche

Healthy Lady:
Die erste Begegnung mit den Orcas – ich kann mir vorstellen, dass das überwältigend war.
Wie hoch war dein Adrenalinspiegel? Gab es auch einen Moment der Angst?

Kenan:
Als wir endlich ins Wasser springen durften, war ich ehrlich gesagt extrem aufgeregt, aber auf eine gute Art, als reiner Adrenalinkick. Die Angst war zwar da, aber nur für die ersten zwei Sekunden. Als dann der erste Orca direkt an mir vorbeigeschwommen ist, wusste ich sofort: Ich bin safe. Die tun mir nichts. Ab diesem Moment konnte ich das Erlebnis vollständig genießen – und filmen, was das Zeug hält.


Healthy Lady:
Es war bereits etwas dunkel und es hat geschneit, als du ins Wasser gesprungen bist. Konntest du die Orcas überhaupt gut sehen? Wie ist es, ihnen beim Schnorcheln so nah zu sein?

Kenan:
Als wir am Spot angekommen waren, hatten wir wieder Glück mit dem Wetter, und die Wolken zogen etwas auf. Die Wasseroberfläche wirkte zwar fast schwarz, unter Wasser zeigte sich durch das wenige Sonnenlicht jedoch eine faszinierende Mischung aus Grün und Blau, fast surreal schön. Wir haben etwa sieben bis zehn Orcas gesehen. Besonders das Jungtier war sehr verspielt und ist immer wieder dicht an uns vorbeigeschwommen, das sieht man auch im Video am deutlichsten. Die anderen Orcas waren deutlich größer. Insgesamt fühlte sich das Erlebnis wie eine Mischung aus Realität und etwas völlig Unwirklichem an.


Healthy Lady:
Wie muss man sich verhalten? Gibt es No-Gos?

Kenan:
Das größte No-Go ist ganz klar: Man darf die Orcas nicht berühren. Das haben die Guides mehrfach betont und daran hat sich wirklich jeder gehalten, auch ich. Zum einen wissen wir, wie groß und stark Orcas sind, und zum anderen geht es um Respekt, darum sie in ihrem eigenen „Wohnzimmer“ nicht zu stören.


Healthy Lady:
Wenn man einem Orca in die Augen sieht – was spürt man da?

Kenan:
Boah, das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich habe dem Jungtier mehrmals in die Augen geschaut, aber in diesem Moment denkt man erstaunlicherweise gar nicht bewusst darüber nach. Man ist einfach überwältigend glücklich und freut sich darüber, mit welcher Neugier die Orcas an einem vorbeischwimmen und darüber, dass sie einen zum Glück nicht fressen wollen. Aber um deine Frage trotzdem klar zu beantworten: Es ist pures Glück. Man fühlt sich in diesem Moment einfach nur glücklich.

Ein seltener Moment mit Orcas in freier Wildbahn, den Kenan während seines Schnorchelabenteuers in Norwegen festhielt. (Foto: Kenan)

Zwischen Faszination und Verantwortung

Healthy Lady:
Dein Erlebnis hat viele Menschen online bewegt – aber es gibt auch Kommentare, die sagen, man sollte wilden Orcas nicht so nah kommen. Wie gehst du mit dieser Kritik um?

Kenan:
Ja, unter meinem Video gab es auch einige kritische Kommentare und einen Teil davon kann ich durchaus nachvollziehen. Orcas gehören zu den intelligentesten Tieren der Welt und zeigen sehr deutlich, wenn ihnen etwas zu viel wird. Wenn sie sich gestört fühlen, ziehen sie sich zurück und schwimmen weg. Dafür ist das Meer groß genug. Gerade in den Fjorden im Norden Norwegens gibt es zudem große Heringsschwärme, an denen sich die Orcas orientieren. Natürlich ist mir bewusst, dass der Tourismus in den letzten Jahren zugenommen hat. Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass diese Orca-Hotspots stark von den Heringsrouten abhängen und sich mit der Zeit wieder verlagern. Auch die Anbieter vor Ort wissen, wie sensibel das Thema ist. Deshalb gibt es nur begrenzte Plätze, klare Regeln und keinen Massentourismus.


Healthy Lady:
Wo liegt für dich die Grenze zwischen Abenteuer und Respekt gegenüber der Natur?

Kenan:
Ich versuche immer abzuwägen, in welchem Verhältnis Abenteuer und Verantwortung zueinanderstehen. Wenn ich weiß, dass etwas möglich ist, ohne Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu stören, ist das für mich in Ordnung. Ein klares Gegenbeispiel wären Orca-Shows in Aquarien. Dorthin würde ich niemals gehen. Solche Formen der Tierhaltung haben für mich nichts mit Respekt gegenüber der Natur zu tun.


Healthy Lady:
Hast du das Gefühl, dass solche Erlebnisse dein Verhältnis zur Natur verändert haben?

Kenan:
Das Erlebnis an sich auf jeden Fall. Meine grundsätzliche Einstellung zur Natur hat sich dadurch aber nicht verändert. Ich war schon immer ein großer Tierliebhaber. Ich schaue mir auch sehr gerne Tierdokumentationen an, um besser zu verstehen, wie Tiere leben und wie sie sich verhalten. Das finde ich unglaublich spannend.


Healthy Lady:
Denkst du, dass solche Begegnungen helfen können, mehr Bewusstsein für den Schutz der Meere zu schaffen?

Kenan:
Definitiv. Sobald man so etwas selbst erlebt, entsteht automatisch eine ganz andere Verbindung. Bei mir war es so, dass ich danach noch stärker das Bedürfnis hatte, etwas zurückzugeben egal, ob es um Orcas, andere Wale oder Meerestiere im Allgemeinen geht. Natürlich funktioniert das nicht bei jedem Menschen gleich. Aber ich glaube, dass direkte Begegnungen bei vielen ein Bewusstsein dafür schaffen können, wie schützenswert diese Tiere und ihre Lebensräume sind.


Ein letzter Mutmacher

Healthy Lady:
Was würdest du Menschen sagen, die von so einem Erlebnis träumen, sich aber nicht trauen?

Kenan:
Machen. Einfach machen. Ich weiß, dass es eine Überwindung ist vor allem für Menschen, die Respekt vor der Tiefe des Meeres haben oder Angst davor, was dort unten sein könnte. Genau deshalb würde ich raten: Informiert euch. Und zwar so gut wie möglich. Wir leben im Internetzeitalter, man kann heute alles recherchieren und sich vorbereiten. Einige haben mir nach meinem Video geschrieben, dass sie diese Tour bereits gebucht haben, weil sie das Erlebnis so gefeiert haben. Das hat mich natürlich besonders gefreut, weil ich das Gefühl hatte, ein kleiner Teil davon zu sein, dass sie sich nun selbst diesen Traum erfüllen.

Zum Abschied noch ein Tipp: Denkt nicht an die Angst oder daran, wie kalt das Wasser ist. Sobald man reinspringt, verschwinden beide Gedanken ganz von allein und man ist einfach nur voller Energie und Glück.

Weltweit gibt es rund 90 Wal- und Delfinarten, von denen viele saisonal durch norwegische Gewässer ziehen. Zahlreiche Arten stehen heute unter Schutz, nachdem ihre Bestände durch jahrzehntelangen Walfang stark zurückgegangen waren. (Foto:Kenan)

Was man über Wal-Touren in freier Wildbahn wissen sollte

Was Kenan erlebt hat, zeigt, wie eindrücklich Begegnungen mit Wildtieren sein können und wie viel Verantwortung, Respekt und Vorbereitung damit verbunden sind. Orcas lassen sich in Nordnorwegen meist im Rahmen geführter Schnorcheltouren beobachten, vor allem im Winter, wenn sie den Heringsschwärmen in die Fjorde folgen.

Wer von einer solchen Tour träumt, sollte sich bewusst sein, dass es sich um ein Naturerlebnis ohne Garantie handelt. Wetter, Sichtverhältnisse, Wellengang, Wassertemperaturen und das Verhalten der Tiere können herausfordernd sein und den Ablauf jederzeit verändern oder sogar dazu führen, dass eine Tour kurzfristig abgesagt wird. Neben sicheren Schwimmkenntnissen braucht es auch eine gewisse körperliche und mentale Vorbereitung.

Entscheidend ist außerdem die Wahl des Anbieters. Seriöse Veranstalter arbeiten mit klaren Regeln zum Schutz der Tiere, begrenzen die Gruppengröße und verzichten strikt auf Berühren, Füttern, aktives Annähern oder Verfolgen der Orcas. Gute Anbieter erklären vorab transparent, welche Abstände eingehalten werden, wie lange Begegnungen maximal dauern und wann abgebrochen wird. Verantwortungsvoller Wildtier-Tourismus bedeutet daher, sich vorab zu informieren, Grenzen zu akzeptieren und das Wohl der Tiere konsequent über das eigene Erlebnis zu stellen.



Zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet? Was Eltern wissen müssen

Es beginnt oft unscheinbar. Ein Streit über den Gartenzaun, eine laute Auseinandersetzung im Treppenhaus oder verletzte Gefühle nach einer Trennung. Manchmal reicht ein einziger Anruf und plötzlich steht das Jugendamt vor der Tür. Ein fremder Mensch stellt Fragen zur Erziehung und blickt prüfend in die Kinderzimmer. Für viele Eltern ist dieser Moment ein Schock. Die Angst, das eigene Kind zu verlieren, lässt kaum Raum für klare Gedanken.

Doch was geschieht eigentlich, wenn eine Meldung beim Jugendamt eingeht? Wie prüfen Behörden solche Hinweise und wie sollten Eltern reagieren, wenn sich die Vorwürfe als unbegründet erweisen?

Darüber sprechen wir heute mit Stefanie Schlösser. Sie war viele Jahre Jugendamtsleiterin in Nordrhein-Westfalen und kennt die Abläufe aus erster Hand. Sie weiß, wie Meldungen bewertet werden und warum gerade das erste Gespräch mit dem Amt entscheidend sein kann.

In diesem Interview erklärt sie, welche Rechte Familien haben, wie man mit falschen Anschuldigungen umgeht und warum Wissen in solchen Momenten der wichtigste Schutz sein kann.


Wenn plötzlich das Jugendamt eingeschaltet wird

Healthy Lady: Gerade unbegründete Meldungen sorgen bei vielen Eltern für große Verunsicherung. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie solche Situationen eingeordnet werden. Was passiert, wenn man völlig zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet wird, etwa durch den bösen Nachbarn oder den verärgerten Ex-Partner? Wie prüfen Fachkräfte solche Anschuldigungen?

Stefanie Schlösser: Die Sorge, zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet zu werden, ist weit verbreitet. Viele haben das Bild im Kopf, dass man dauerhaft kontrolliert wird, sobald man einmal in der Akte ist. Doch so funktioniert die Arbeit nicht. Ja, jede Meldung muss geprüft werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber die meisten Fachkräfte sind ehrlich gesagt froh, wenn sich eine Meldung als unbegründet herausstellt, denn dann ist kein Kind gefährdet und es muss kein weiterer Fall dauerhaft bearbeitet werden. Die Jugendämter sind ohnehin stark ausgelastet.

Wie geprüft wird, hängt vom Inhalt der Meldung ab. Geht es um die Wohn- und Lebenssituation des Kindes, wird meist ein Hausbesuch als Mittel gewählt. Je nach Gefährdungseinschätzung wird dieser angekündigt oder unangekündigt durchgeführt. Bei hygienischen oder versorgungsbezogenen Sorgen ist eine Ankündigung oft wenig sinnvoll, weil sich der Eindruck dann kurzfristig herausputzen lässt. Geht es um Sachverhalte, die man ohnehin vermutlich nicht live erleben würde, würde man sich eher ankündigen. Geht es um Themen, die man im Gespräch klären kann, kann auch eine Einladung ins Jugendamt erfolgen. Eine freundlich formulierte Einladung ist in der behördlichen Sprache nicht automatisch eine unverbindliche Option. Oft handelt es sich um eine höflich formulierte Aufforderung. Deshalb rate ich dringend, solche Schreiben ernst zu nehmen, darauf zu reagieren und lieber einmal nachzufragen, wenn man unsicher ist.

Im Rahmen der Prüfung schauen Fachkräfte auf das Gesamtbild. Wie wirkt das Kind? Wie wirken die Eltern? Passen die Schilderungen zur Meldung oder ergeben sich andere Eindrücke? Es erfolgt eine sozialpädagogische Diagnostik, die zuerst Informationen sammelt, dann analysiert und auswertet, anschließend bewertet und auf Grundlage dieser Hypothesen und Analysen eine fundierte Entscheidung trifft. Am Ende steht eine fachliche Einschätzung. In einem großen Teil der Fälle wird die Meldung als unbegründet bewertet und beendet. In anderen Fällen wird sensibilisiert und gegebenenfalls eine freiwillige Hilfe empfohlen. Nur in einem sehr kleinen Teil der Fälle führt eine Meldung tatsächlich zu einer Inobhutnahme. Der Regelfall ist das ausdrücklich nicht.

Stefanie Schlösser kennt die Arbeit der Jugendämter aus erster Hand. Als ehemalige Jugendamtsleiterin bringt sie langjährige Erfahrung und fundiertes Wissen über Abläufe und Entscheidungsprozesse mit. (Bild: Stefanie Schlösser)

Wie Meldungen beim Jugendamt geprüft werden

Healthy Lady: Wenn Mitarbeiterinnen unangekündigt vor der Tür stehen, wie läuft so ein Einsatz ab?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Eine Visitenkarte ist ebenfalls hilfreich.

Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte jedoch nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist. Das kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf.

Zum standardisierten Ablauf gehört außerdem, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage „Dürfen wir uns das Kinderzimmer ansehen?“ ist höflich formuliert, gehört aber zum fachlichen Vorgehen.

Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt, sondern für Dinge wie folgende. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie sind Hygiene und Sicherheit? Steht seit Wochen Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum, gibt es offenes Feuer oder ein Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin entwickeln kann?

Wenn sich im Gespräch und bei der Inaugenscheinnahme zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


So können sich Eltern auf den Kontakt mit dem Jugendamt vorbereiten

Healthy Lady: Wie können sich Eltern am besten vorbereiten, wenn das Jugendamt eingeschaltet wird?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet, konsequent zu dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden, was zugesichert wurde und was nicht. All das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit sowie kurzem Inhalt und Ablauf festgehalten werden. Aussagen wie „Wir haben irgendwann im November telefoniert“ helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sinnvoll sein, sich dafür eine eigene „Jugendamtsakte“ anzulegen, chronologisch sortiert.

Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Gesprächsdynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung. Brauche ich jemanden, der mich emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt? Oder bin ich in diesem Gespräch allein handlungsfähiger? Lädt eventuell eine weitere Person die Situation sogar zusätzlich auf? Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.

Hilfreich ist auch, sich vorab klarzumachen, in welchem „Modus“ das Jugendamt gerade mit mir arbeitet. Geht es um Beratung, etwa zu Sorge oder Umgangsrecht? Geht es um eine Hilfe zur Erziehung, also eine bewilligte Leistung? Oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Rolle, Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich und damit auch die Ansprachen.

Und ganz wichtig ist der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen, in denen das Jugendamt eingeschaltet ist, sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind verständlich, im Gespräch jedoch oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig, nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um in dem Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, bei Freundinnen, in Therapie oder Beratung. Das Gespräch mit dem ASD ist zielorientiert und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Diese Fehler sollten Eltern im Umgang mit dem Jugendamt vermeiden

Healthy Lady: Welche typischen Fehler machen Eltern im Umgang mit dem Jugendamt und wie kann man sie vermeiden?

Stefanie Schlösser: Ein häufiger Fehler ist, die gesamte, oft verständliche Emotionalität ungefiltert in die Gespräche hineinzutragen. Das ist menschlich, aber fachlich selten hilfreich. Fachkräfte müssen beurteilen, ob Eltern in der Lage sind, in belasteten Situationen handlungsfähig zu bleiben. Wer im Gespräch permanent eskaliert, vermittelt ungewollt das Gegenteil. Außerdem hat man in diesen Gesprächen nur einen begrenzten zeitlichen Rahmen. Wenn alle Parteien nun ausführlich ihre Emotionen besprechen und man darauf eingehen müsste, säße man schnell mehrere Stunden am Tisch.

Ein zweiter typischer Fehler ist die Erwartung, das Jugendamt solle Konflikte zwischen Erwachsenen stellvertretend lösen. Formulierungen wie „Sagen Sie meinem Ex Mann bitte, dass er das und das zu tun hat“ oder „Können Sie meiner Ex Frau erklären, was besser fürs Kind ist?“ begegnen uns sehr häufig. Der Auftrag des Jugendamtes ist aber nicht, Partei zu ergreifen und einem Elternteil Recht zu geben, sondern die Situation des Kindes zu betrachten. Wenn Eltern grundlegende Entscheidungen nicht mehr miteinander treffen können, stellt sich eher die Frage, wie tragfähig ihre gemeinsame elterliche Verantwortung ist, was am Ende dazu führen könnte, dass ein Beratungssetting in eine Bewertung der Erziehungsfähigkeit übergeht.

Ein dritter Fehler besteht darin, das Jugendamt als Gegner zu betrachten und sich grundsätzlich gegen alles zu sperren, häufig beeinflusst durch Internetforen oder Gruppen, die pauschal raten, nicht zu kooperieren. Aus meiner Erfahrung wurde ein solches Verhalten nie zugunsten der Eltern oder des Kindes bewertet. Im Gegenteil. Es verstärkt den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll oder dass Eltern nicht bereit sind, Verantwortung, auch und vor allem für das eigene Handeln, zu übernehmen.

Was hilft, ist eine innere Haltungsänderung. Weg von der Frage „Wie bekomme ich das, was ich für Recht halte?“ hin zu „Was braucht mein Kind und was kann ich dazu beitragen?“ Wenn Eltern bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und Veränderungen zumindest zu prüfen, öffnet das oft Türen. Veränderungen, die von außen angeregt werden, erzeugen zunächst Widerstand. Das ist normal. Aber wenn man gerade in einer familiären Situation ist, in der man nicht weiterkommt oder sogar eine Schädigung im Raum steht, wird eine Partei ihr Verhalten anpassen müssen, und in den allermeisten Fällen sind das die Eltern.


Was Familien in einer Krise mit dem Jugendamt helfen kann

Healthy Lady: Liebe Stefanie, was möchtest du Familien sagen, die selbst gerade eine Krise mit dem Jugendamt durchmachen und kaum noch Hoffnung sehen?

Stefanie Schlösser: Zunächst. Die Gefühle, die in solchen Situationen auftauchen, etwa Angst, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, sind nachvollziehbar. Es geht um das eigene Kind. Nichts ist emotional existenzieller. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, den Blick konsequent auf das Kind zu richten. Nicht auf die eigene Kränkung, sondern auf die Frage: Wie geht es meinem Kind? Was braucht es jetzt? Und was müsste sich verändern, damit es meinem Kind besser geht oder langfristig besser gehen kann?

In vielen Fällen beobachte ich, dass sich die Dynamik deutlich entspannt, sobald Eltern bei aller Verletzung bereit sind, einen Schritt auf das Jugendamt zuzugehen und eigene Anteile anzuschauen. Wenn Fachkräfte merken, dass Einsicht und Veränderungsbereitschaft vorhanden sind, eröffnet das oft neue Wege. Man arbeitet nicht mehr gegeneinander, sondern zumindest teilweise miteinander. Wichtig ist auch zu verstehen. Das Jugendamt hat kein Interesse daran, dauerhaft Hilfen aufrechtzuerhalten, die keinen Sinn haben. Jede Hilfe kostet Ressourcen: Geld, Zeit und Personal. Wo es fachlich vertretbar ist, sind Jugendämter froh, Hilfen zu beenden. Wenn eine Hilfe also läuft oder immer wieder neue Maßnahmen ins Spiel kommen, ist das ein Hinweis darauf, dass aus fachlicher Sicht weiterhin ein Bedarf gesehen wird.

Für Eltern kann es hilfreich sein, sich zusätzlich eine unabhängige Instanz an die Seite zu holen, zum Beispiel eine Ombudsstelle. Dort arbeiten Menschen, die das System kennen, aber nicht Teil des jeweiligen Jugendamtes sind. Es gibt auch private Beratungsangebote, unter anderem von Fachleuten mit Jugendamts oder Leitungserfahrung. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass diese Personen die Strukturen der Jugendhilfe verstehen und nicht nur aus einem rein elterlichen Blick argumentieren.

Mein zentraler Appell an Familien in Krisen mit dem Jugendamt wäre: Versuchen Sie, bei aller Verletzung die Perspektive Ihres Kindes mitzudenken. Nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Richtschnur. Dort, wo die Liebe zum Kind im Mittelpunkt steht und nicht das eigene Ego, gibt es fast immer Ansatzpunkte, etwas zu verändern.


„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ – warum Familien heute mehr Gemeinschaft brauchen

Es ist Dienstagmorgen. Eine junge Mutter sitzt auf einer Parkbank. Ihr Kind spielt allein im Sandkasten. Ringsum unterhalten sich andere Eltern, lachen und tauschen sich aus, doch sie bleibt still. Sie ist erst vor wenigen Monaten in die Stadt gezogen, kennt niemanden und hat keine Familie in der Nähe. Ihr Kind schaut immer wieder zu den anderen Kindern hinüber, unsicher, ob es sich trauen soll, mitzumachen. Und die Mutter fragt sich leise, wie soll mein Kind Freunde finden, wenn wir niemanden haben. Viele Eltern kennen genau dieses Gefühl. Immer mehr entscheiden sich bewusst gegen eine frühe Betreuung in Krippe oder Kindergarten und wünschen sich trotzdem, dass ihre Kinder soziale Kontakte knüpfen und Gemeinschaft erleben. Doch wie gelingt das, wenn das eigene Umfeld fehlt?

Eine Lösung, die viele Familien noch nicht kennen, ist die Familienbildung. Hier können Eltern aus einem vielfältigen Angebot wählen, von Eltern-Kind-Turnen über kreative Nachmittage bis hin zu musikalischen Reisen, Kunst und Bastelkursen und vielem mehr. Diese Angebote sind nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern zugleich eine wertvolle Vorbereitung auf die Kita. Die Eltern dürfen dabei bleiben und ihre Kinder in einem sicheren, vertrauten Rahmen begleiten. Mehrmals wöchentlich gibt es zudem kostenlose offene Spielangebote, bei denen Kinder aus unterschiedlichen Familien zusammenkommen, spielen, lachen und Freundschaften schließen, ganz ohne Leistungsdruck, aber mit viel Herz und Nähe.

Über die Bedeutung dieser Arbeit und die vielseitigen Angebote der Familienbildung spricht Christine Krebühl von der Familienbildung Hamburg-Blankenese im Interview. Sie erzählt, wie Eltern hier Unterstützung, Gemeinschaft und wertvolle Impulse für den Familienalltag finden können.


Das Herzstück der Familienbildung

Healthy Lady: Frau Krebühl, was ist für Sie das Herzstück der Familienbildung? Was treibt Sie persönlich an, Familien in Ihrer Einrichtung zu begleiten und zu unterstützen?

Christine Krebühl:
Familien in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen zu unterstützen sowie Bindung, Bildung und Begleitung zu ermöglichen, ist uns und mir eine Herzensangelegenheit. Wir setzen uns mit unserem vielfältigen Kursangebot von Babykursen bis hin zu Ferienkursen für Schulkinder dafür ein, dass Kinder und Erwachsene in den Elbvororten ihr volles Potenzial entfalten können. Wir tragen damit aktiv dazu bei, starke Gemeinschaften aufzubauen und die aktuellen Bedürfnisse der Familien in unserer Region zu stärken. Zu erleben, wie die Eltern-Kind-Bindung gefördert wird, motiviert mich jeden einzelnen Tag.

„Jede Investition in Familienbildung ist eine Investition in ein starkes Miteinander und in unsere Gesellschaft.“


Healthy Lady: Viele Eltern wissen gar nicht, was Familienbildung eigentlich ist. Wie würden Sie erklären, worin der besondere Wert dieser Angebote liegt – gerade für Familien ohne großes soziales Umfeld?

Christine Krebühl:
Wir stärken dich und deine Familie. Familien gibt es heute in vielen Formen und Konstellationen. Entscheidend ist, dass Menschen füreinander Verantwortung und Fürsorge übernehmen. Diesen Lebenszusammenhang zu stärken, ist unser gemeinsames Ziel. Wenn Eltern noch kein Umfeld mit anderen Familien haben, bieten wir genau dafür einen sicheren Raum. Hier darf man ankommen, gemeinsam wachsen, auf spielerische Weise lernen und sich austauschen. Wir freuen uns, die Familien auf diesem Weg zu begleiten.

Christine Krebühl ist Leiterin der Evangelischen Familienbildung Blankenese. Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitet daran, Bildungs- und Unterstützungsangebote für Familien in den Elbvororten weiter auszubauen. (Foto: Ch.Krebühl/Familienbildung Blankenese)

Angebote für Eltern und Kind

Healthy Lady: In Ihrer Einrichtung gibt es neben Kursen auch kostenlose offene Spielangebote. Warum sind diese niedrigschwelligen Angebote so wichtig, und was erleben Sie dort besonders häufig? Außerdem: Wie sehen die Kurse aus – und für wen sind sie geeignet?

Christine Krebühl:
Unsere offenen Spielangebote schaffen einen niedrigschwelligen Zugang, damit Familien ohne große Hürden teilnehmen können. Trotzdem liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit auf geschlossenen Kursformaten, die Babys, Kindern und Eltern eine feste Gruppe geben und Gemeinschaftsgefühl ermöglichen. Während die Kinder spielen, singen und entdecken, knüpfen Eltern parallel Kontakte und nehmen Impulse für den Familienalltag mit. Insgesamt liegt unser Fokus auf jungen Familien. Von DELFI®- und PEKiP®-Kursen über Eltern-Kind-Turnen, Kreativ- und Musikkurse bis hin zu Koch- und Plätzchenbackkursen sowie naturpädagogischen Formaten haben wir ein buntes Angebotsrepertoire.

„Einfach vorbeikommen. Es braucht keine Vorbereitung und keine Perfektion. Ihr dürft sein, wie ihr seid.“


Healthy Lady: Familienbildung ist ja weit mehr als Basteln und Turnen. Welche weiteren Unterstützungsformen bieten Sie an – etwa Beratung, Elterncafés oder Austauschgruppen?

Christine Krebühl:
In all unseren Kursen stärken wir präventiv die Eltern-Kind-Beziehung und leisten einen wesentlichen Beitrag zur frühzeitigen Vermeidung familiärer Spannungen und Konflikte, um die Familien langfristig zu stärken und zu stabilisieren. Durch unsere Angebote ermöglichen wir es Familien, Herausforderungen bereits im Anfangsstadium zu erkennen und gezielt anzugehen, bevor sie sich zu größeren Problemen oder Überlastung führen. Dieser präventive Ansatz trägt dazu bei, Krisen zu vermeiden, Strategien zur Bewältigung zu kennen und so für eine stabile, gesunde Familienstruktur zu sorgen. Ergänzend bieten wir Beratungen zu Erziehungsthemen sowie Trennungs- und Paarberatung an, um frühzeitig Lösungen zu erarbeiten und den Eltern Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zudem laden wir regelmäßig Expert*innen ein, um den Eltern verlässliche Informationen aus erster Hand zu bieten und sie in schwierigen Situationen sowohl fachlich als auch emotional kompetent zu begleiten.


Healthy Lady: Welche Rolle spielt Gemeinschaft – also das Miteinander von Eltern, Kindern und Kursleitungen – in Ihrer Arbeit?

Christine Krebühl:
Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Dieses Dorf wollen wir für Familien erfahrbar machen. Niemand ist allein verantwortlich. Wir schaffen gemeinsam eine tragende Gemeinschaft, in der Eltern, Kinder und Kursleitungen einander stärken und voneinander lernen. Dieses Miteinander ist das Fundament unserer Arbeit.


Healthy Lady: Kontakte entstehen ja nicht nur zwischen Kindern: Wie erleben Sie, dass auch Eltern beim Kaffee-Schnack neue Freundschaften und Netzwerke knüpfen?

Christine Krebühl:
Austausch passiert bei uns überall – bei einem Kaffee, beim gemeinsamen Aufräumen, während der Kursdauer oder in kleinen Gesprächspausen. Viele Eltern finden hier ihr soziales Netzwerk. Aus kurzen Gesprächen entstehen oft Spielverabredungen, Freundschaften und gegenseitige Unterstützung, die weit über unsere Einrichtung hinausreichen.


Günstige Kurse für Klein und Groß

Healthy Lady: Was kosten die Kurse im Durchschnitt und gibt es Möglichkeiten für Familien mit kleinem Budget, trotzdem teilzunehmen?

Christine Krebühl:
Kurse kosten im Durchschnitt etwa 8 Euro pro Termin. Über das Bildungs- und Teilhabepaket in Hamburg können Familien Unterstützung für bestimmte Kurse erhalten. Geflüchteten ermöglichen wir aktuell eine kostenfreie Teilnahme. Außerdem sind wir mit den Ferienkursen Teil des Hamburger Ferienpasses, über den es ebenfalls Ermäßigungen gibt. Familienbildung wird nur zu einem sehr geringen Teil gefördert, daher finanzieren wir uns größtenteils selbst. Umso dankbarer sind wir für die Unterstützung des Kirchenkreises, denn so bleibt unsere Arbeit für möglichst viele Familien zugänglich.


Die Familiäre Atmosphäre

Healthy Lady: Viele Familien sagen, sie fühlen sich bei Ihnen verstanden und gestärkt. Was macht Ihrer Meinung nach die besondere Atmosphäre der Familienbildung aus?

Christine Krebühl:
Herzlichkeit und Nächstenliebe prägen unsere Familienbildung. Eltern erleben bei uns Offenheit und Verständnis. Kinder haben Raum, sich frei und selbstbewusst zu entwickeln. Diese liebevolle Atmosphäre schafft Vertrauen und stärkt Familien nachhaltig. Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte Begegnung.

„Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte Begegnung.“


Healthy Lady: Gibt es eine Geschichte oder Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist – etwas, das zeigt, wie viel Familienbildung bewirken kann?

Christine Krebühl:
Es gibt viele berührende Momente. Besonders schön ist es, wenn Eltern erzählen, dass ihr Kind hier das erste Mal Anschluss gefunden hat oder sie selbst nach herausfordernden Zeiten wieder Leichtigkeit spüren. Genau dann zeigt sich die Wirkung unserer Arbeit: Familien finden neue Kraft, Vertrauen und Gemeinschaft.


Veränderungen & Zukunft

Healthy Lady: Die Lebensrealität von Familien verändert sich: weniger Unterstützung durch Großeltern, mehr Stress im Alltag. Wie reagiert die Familienbildung auf diese neuen Herausforderungen?

Christine Krebühl:
Die Lebensrealität vieler Familien wird heute stark von Social Media beeinflusst. Oft verunsichern die Inhalte mehr, als dass sie Orientierung geben. Klassische Großfamilienstrukturen gibt es kaum noch, Großeltern wohnen häufig weit entfernt und können nicht so unterstützen, wie sie es vielleicht gern würden. Eltern stehen stärker allein da. In unseren Kursen wird erfahrbar, dass man nicht allein in der Situation ist, sondern viele Eltern ähnliche Erfahrungen machen. So wird den Eltern Halt gegeben und sie werden entlastet.


Healthy Lady: Was sollte die Gesellschaft über Familienbildung unbedingt wissen oder anders gefragt: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Arbeit?

Christine Krebühl:
Familienbildung ist ein wichtiges Fundament unserer Gesellschaft. Sie stärkt die Eltern-Kind-Bindung, die Erziehungskompetenzen und unterstützt bei der Alltagsbewältigung. Damit wird die Lebensqualität der Familien verbessert, sodass sie präventiv auf Herausforderungen reagieren können. Mein Wunsch ist, dass diese Arbeit als essenziell wahrgenommen und entsprechend finanziell unterstützt wird. Jede Investition in Familienbildung ist eine Investition in ein starkes Miteinander und in unsere Gesellschaft.


Healthy Lady: Zum Schluss: Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben, die noch zögern, einen Kurs oder ein Angebot zu besuchen?

Christine Krebühl:
Einfach vorbeikommen. Es braucht keine Vorbereitung und keine Perfektion. Ihr dürft sein, wie ihr seid. Wer einmal erlebt hat, wie wertvoll ein Kursangebot in der Familienbildung ist, kommt gern wieder. Wir freuen uns auf euch.

„Niemand ist allein verantwortlich. Wir schaffen gemeinsam eine tragende Gemeinschaft, in der Eltern, Kinder und Kursleitungen einander stärken.“


Ein Ort, an dem Familien ankommen dürfen

Das Team von Familienbildung Hamburg-Blankenese (Foto: Familienbildung Hamburg- Blankenese)

In vielen Städten und Gemeinden gibt es heute Angebote der Familienbildung. Träger sind häufig Familienbildungsstätten, kirchliche Einrichtungen, Volkshochschulen oder lokale Vereine. Auch online lassen sich Kurse, Workshops und offene Spielgruppen leicht finden, etwa über die Websites der Städte, Familienzentren oder durch einfache Suche nach Eltern Kind Angeboten in der eigenen Region.

Für Eltern kann Familienbildung eine einfache Möglichkeit sein, Kontakte zu knüpfen und gleichzeitig bewusst Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen. Gerade für Kinder ohne Kitaerfahrung bieten die Kurse eine sanfte Vorbereitung auf das Zusammensein in Gruppen. Sie lernen erste soziale Regeln, gewinnen Sicherheit im Umgang mit anderen Kindern und sammeln neue Eindrücke in geschützter Atmosphäre.

Für viele Familien geht es dabei nicht nur um Beschäftigung, sondern um gemeinsame Erlebnisse im Alltag. Zusammen singen, spielen, basteln oder sich austauschen schafft Nähe, stärkt Bindung und gibt Eltern gleichzeitig neue Impulse für den Familienalltag.

Ein herzliches Dankeschön an Christine Krebühl und das gesamte Team der Familienbildung Hamburg Blankenese für ihre wichtige Arbeit und ihren Einsatz für Familien.



Normale Erziehung oder Kindeswohlgefährdung? – Wo liegt die Grenze wirklich?

Die Küche steht Kopf, die Hausaufgaben sind noch immer nicht gemacht und das Kleinkind protestiert lautstark, weil die Nudeln die falsche Form haben. Momente wie diese bringen viele Eltern an ihre Grenzen. Sie fragen sich, mache ich das eigentlich gut? So anstrengend dieser Alltag auch ist, er gehört zum normalen Familienleben. Doch genau hier beginnt eine Frage, die viele verunsichert. Wo verläuft die Grenze zwischen elterlicher Freiheit und staatlicher Pflicht?

Es ist eine unsichtbare Linie zwischen Überforderung und Gefährdung. Zwischen einem schlechten Tag und einer Situation, die für ein Kind ernsthaft problematisch werden kann. Wann ist eine Wohnung nur unordentlich und wann verwahrlost? Wann ist ein Streit laut und wann belastet er ein Kind dauerhaft?

Stefanie Schlösser kennt diese Fragen aus ihrer langjährigen Arbeit im Jugendamt. In leitender Funktion hat sie viele Situationen bewertet, in denen genau diese Grenze im Mittelpunkt stand. Sie weiß, dass das Jugendamt nicht wegen eines chaotischen Abends tätig wird, aber auch, wie sich Probleme schrittweise entwickeln können. In diesem Interview erklärt sie, woran Eltern selbst erkennen können, wann eine Situation kritisch wird und wo genau der Punkt liegt, an dem aus Erziehung eine Gefährdung wird.


Fakten statt Bauchgefühl – Wie Gefährdung fachlich gemessen wird

Healthy Lady: Stefanie, das klingt in der Theorie oft sehr eindeutig, aber in der Praxis ist es für viele Eltern ein grauer Bereich. Wo genau liegt die Grenze zwischen einer Erziehung, die vielleicht nur etwas chaotisch ist, und einer echten Kindeswohlgefährdung?

Stefanie Schlösser: Eine Kindeswohlgefährdung liegt immer dann vor, wenn durch das Verhalten der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Schaden für das Kind entsteht oder entstehen kann. Das betrifft die körperliche, seelische, geistige oder soziale Entwicklung. Das kann durch eine einzelne schwere Handlung passieren oder durch eine dauerhafte, sich wiederholende Belastung.

„Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn durch das Verhalten der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Schaden für das Kind entsteht.“

Das klingt zunächst abstrakt, ist in der Praxis aber durch klare Kriterien und Merkmalskataloge hinterlegt. Fachkräfte schauen nicht einfach ins Blaue hinein, sondern prüfen systematisch verschiedene Bereiche. Wie wird das Kind versorgt? Wie sind die hygienischen Bedingungen? Gibt es eine medizinische Unterversorgung? Wird das Kind altersangemessen gefördert oder ist es Gewalt ausgesetzt? Vielleicht machen einige Beispiele aus dem Alltag das greifbarer:

  • Kleidung und Versorgung: Ein Kind hat im tiefen Winter nur Sandalen und eine dünne Jacke, aber keine angemessene Winterkleidung. Oder es trägt dauerhaft Kleidung, die viel zu groß oder viel zu klein ist.
  • Hygiene: Das Kind riecht dauerhaft stark, weil es etwa nur einmal pro Woche baden oder duschen darf oder kann. Zähneputzen findet kaum statt oder die Wohnsituation ist massiv verwahrlost. Die Kleidung ist wiederholt oder dauerhaft ungewaschen und verdreckt.
  • Ernährung: Es gibt Fälle, in denen Kinder zu Hause kaum oder gar nicht essen, weil Eltern sagen, dass sie ja bereits für das Essen in der Kita oder Schule bezahlen und das Kind sich dort satt essen könne. Das ist eine klare Unterlassung der elterlichen Versorgungsverantwortung.
  • Medizinische Versorgung: Eine entzündete Wunde wird nicht behandelt, obwohl sie sich sichtbar verschlechtert. Oder eine chronische Erkrankung wird nicht adäquat ärztlich begleitet, weil Eltern ausschließlich auf ungeeignete alternative Methoden setzen.

Für sich genommen muss ein einzelner Aspekt noch nicht zwingend eine massive Gefährdung darstellen. Entscheidend ist immer das Gesamtbild. Wir fragen uns: Wie viele Risiko- und wie viele Schutzfaktoren gibt es? Wie lange besteht die Situation schon und wie sehr gefährdet sie die Entwicklung? Genau diese fachliche Abwägung macht die Arbeit im Jugendamt so anspruchsvoll.


Als erfahrene Sozialpädagogin und ehemalige Jugendamtsleiterin bringt Stefanie Schlösser ihre tiefgreifende Expertise heute weiterhin in die tägliche Arbeit des Jugendamts ein. (Foto: Stefanie Schlösser)

„Meine Erziehung, meine Regeln“? Warum das Elternrecht kein Freifahrtschein ist

Healthy Lady: Viele Eltern pochen auf ihr Recht, Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen großzuziehen. Doch wo genau hört dieses „meine Erziehung, meine Regeln“ eigentlich auf? Gibt es eine rechtliche Grenze für den Erziehungsstil?

Stefanie Schlösser: Rechtlich ist relativ klar geregelt, in welchem Rahmen sich elterliche Erziehung bewegen darf. Im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Sozialgesetzbuch ist festgehalten, dass Eltern die Pflicht und das Recht haben, ihr Kind zu einer selbstständigen, eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu erziehen, die in der Gemeinschaft bestehen kann und zwar unter Ausschluss von Gewalt.

„Eltern haben einen großen Gestaltungsspielraum, ob sie eher streng oder eher locker erziehen – dieser Spielraum endet dort, wo Gewalt ins Spiel kommt.“

Das bedeutet, Eltern haben einen großen Gestaltungsspielraum in der Frage, wie sie erziehen. Ob sie eher streng oder eher locker sind, eher strukturorientiert oder bedürfnisorientiert vorgehen, ist ihre Entscheidung. Dieser Spielraum endet jedoch genau dort, wo Gewalt ins Spiel kommt. Dazu zählen körperliche Gewalt, seelische oder psychische Gewalt, massive Demütigungen und auch die Androhung von Gewalt. Hier gibt es keinen Ermessensspielraum mehr. Gewalt ist keine Erziehungsmethode, sondern eine Grenzverletzung, bei der das staatliche Wächteramt eingreifen muss.


Lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig handeln

Healthy Lady: Wenn man in seinem Umfeld bemerkt, dass es einem Kind offensichtlich nicht gut geht, wann und wie sollte man das Jugendamt kontaktieren?

Stefanie Schlösser: Mein Grundsatz lautet: lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig handeln. Niemand kann von außen alles sehen, was in einer Familie passiert. Man kann sich irren, das ist menschlich. Aber wenn ein Verdacht berechtigt ist und niemand reagiert, kann das für ein Kind schwerwiegende Folgen haben.

Eine Meldung beim Jugendamt kann grundsätzlich anonym erfolgen. Wenn zum Beispiel Nachbarn oder entfernte Bezugspersonen eine Sorge haben, können sie auf der Website ihrer Stadt oder ihres Landkreises nach einem Kontaktformular suchen und dort einen Hinweis auch ohne echten Namen abgeben. Entscheidend ist nicht, wer die Meldung macht, sondern was konkret beobachtet wurde. Das Jugendamt ist verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen.

„Wenn ein Verdacht berechtigt ist und niemand reagiert, kann das für ein Kind schwerwiegende Folgen haben.“

Anders ist die Situation, wenn man beruflich mit dem Kind arbeitet, etwa als Erzieherin, Lehrkraft oder Schulsozialarbeiterin. In solchen Fällen ist echte Anonymität meist nicht möglich und teilweise auch rechtlich nicht vorgesehen. Man kann jedoch darum bitten, dass die eigenen Kontaktdaten gegenüber den Eltern nicht aktiv weitergegeben werden. Dennoch ist es realistisch, dass Eltern oft schnell vermuten, aus welchem Umfeld eine Meldung stammen könnte.

Gerade in Einrichtungen wie Kitas oder Schulen empfehle ich dringend, das Gespräch mit der Leitung oder dem Träger zu suchen, bevor eine Meldung erfolgt. Es ist wichtig, fachliche und persönliche Rückendeckung zu haben. Die Verantwortung sollte nicht allein auf den Schultern einer einzelnen Person liegen.


Zwischen Mitgefühl und Grenze: Wie Fachkräfte seelisch gesund bleiben

Healthy Lady: Fälle von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch – wie geht man damit um? Kann man so etwas nach Feierabend wirklich abschütteln?

Stefanie Schlösser: Der Umgang mit solchen Fällen ist sehr individuell. Ich persönlich kann mich gut abgrenzen. Das ist keine Technik, die ich mir bewusst antrainiert habe, sondern eher eine Fähigkeit, die ich früh bei mir bemerkt habe: Ich kann mich während der Arbeit intensiv auf einen Fall einlassen und danach innerlich wieder Abstand nehmen, als würde ich die Tür hinter mir schließen.

Trotzdem bleiben einzelne Fälle natürlich im Kopf. Besonders jene, bei denen man spürt, wie viel Potenzial in einem Kind steckt und gleichzeitig erlebt, dass die Eltern kaum Einsicht zeigen oder nicht bereit sind, mitzuwirken. Oder Situationen, in denen man gern mehr tun würde, aber rechtliche oder praktische Grenzen erreicht.

„Wer versucht, jeden einzelnen Fall emotional mit nach Hause zu nehmen, wird auf Dauer daran zerbrechen.“

Ein entscheidender Punkt ist für mich die Unterscheidung zwischen persönlicher Haltung und gesetzlichem Auftrag. Das Jugendamt hat nicht die Aufgabe, jedem Kind die bestmögliche Entwicklung zu garantieren. In erster Linie tragen Eltern diese Verantwortung. Eingreifen darf die Jugendhilfe gegen den Willen der Eltern nur dann, wenn eine konkrete Gefährdung vorliegt, nicht, wenn Eltern „nur“ unvollkommen sind. Diese Grenze auszuhalten, ist emotional oft herausfordernd.

Ich merke außerdem, dass Fälle, die eigene biografische Themen berühren, besonders nachhallen. Deshalb ist Selbstreflexion für mich unerlässlich: Wie viel meiner eigenen Geschichte schwingt gerade mit? Wo brauche ich mehr fachliche Distanz oder sollte ich einen Fall vielleicht sogar abgeben? Supervision ist dabei ein sehr wichtiges Instrument.


Hinschauen. Handeln. Helfen.

Hinsehen erfordert Mut, aber es ist der wichtigste Dienst, den wir unseren Kindern und unserer Gesellschaft erweisen können. Es geht nicht darum, Eltern zu verurteilen, sondern darum, rechtzeitig Brücken zu bauen, bevor eine Situation unüberwindbar scheint. Denn jedes Kind verdient ein Zuhause, das ein sicherer Hafen ist und jede überforderte Familie verdient die Chance auf Unterstützung.

Wenn du dir Sorgen um ein Kind in deinem Umfeld machst oder merkst, dass dir selbst alles über den Kopf wächst, zögere nicht. Diese Stellen beraten anonym, kostenlos und wertfrei:

  • Nummer gegen Kummer (Elterntelefon): Unter 0800 111 0550 erhältst du professionelle Beratung bei Erziehungsfragen oder akuten Überlastungen.
  • Kinderschutzbund: Der Kinderschutzbund bietet deutschlandweit Anlaufstellen für Eltern und Zeugen von Gewalt oder Vernachlässigung.
  • Dein örtliches Jugendamt: Du findest die zuständige Stelle meist über die Website deiner Stadt oder deines Landkreises. Ein Anruf zur Beratung verpflichtet dich noch zu nichts – oft gibt es dort präventive Hilfsangebote wie Familienhebammen oder Erziehungshilfen.
  • Polizei / Notruf 110: In akuten Gefahrensituationen, wenn ein Kind unmittelbar bedroht ist, ist die Polizei der richtige Ansprechpartner.