Symbolbild: Gustavo Fring/Pexels

Nuklearmedizinerin erklärt: Was Frauen über die Schilddrüse, Kinderwunsch und Radioaktivität wissen sollten

Warst du schon einmal bei einer Nuklearmedizinerin? Viele Frauen würden diese Frage verneinen und könnten vermutlich nicht genau erklären, was dort eigentlich untersucht wird.

Allein das Wort „nuklear“ weckt eher Gedanken an Atomkraft und Radioaktivität als an Schilddrüse, Hashimoto oder unerfüllten Kinderwunsch. Dabei kann die Nuklearmedizin gerade bei Beschwerden, die viele Frauen betreffen, eine wichtige Rolle spielen. Sie zeigt nicht nur, wie ein Organ aussieht, sondern macht sichtbar, wie es arbeitet.

Im Interview erklärt Fachärztin Dr. Lilit Schweiger, was eine Nuklearmedizinerin genau macht, wann ihre Diagnostik weiterhelfen kann und was Patientinnen über den Einsatz radioaktiver Substanzen wissen sollten.


Das Unbekannte im Hintergrund: Was macht eine Nuklearmedizinerin?

Healthy Lady: Dr. Schweiger, wenn Sie auf einer Party erzählen, dass Sie Nuklearmedizinerin sind, wie reagieren die Menschen meistens auf diesen Beruf?

Dr. Lilit Schweiger: Die meisten Menschen fragen zunächst, was eine Nuklearmedizinerin überhaupt macht. Viele verbinden ‚Nuklear‘ mit Atomkraft, dabei untersuchen wir die Funktion von Organen und behandeln bestimmte Erkrankungen mit hochspezialisierten Verfahren.

„Viele verbinden ‚Nuklear‘ mit Atomkraft, dabei untersuchen wir die Funktion von Organen und behandeln bestimmte Erkrankungen mit hochspezialisierten Verfahren.“


Healthy Lady: In der Medizin heißt es oft, Radiologen machten Bilder vom Körper, während Sie dem Körper bei der Arbeit zuschauen. Was kann die Nuklearmedizin zeigen, das auf einer Röntgenaufnahme oder im MRT nicht sichtbar wird?

Dr. Lilit Schweiger: Radiologische Verfahren zeigen häufig besonders detailliert die Anatomie und strukturelle Veränderungen. Die Nuklearmedizin macht dagegen vor allem Organfunktionen und Stoffwechselprozesse sichtbar. Dadurch können wir Erkrankungen häufig funktionell erkennen, bevor strukturelle Veränderungen sichtbar sind.

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Healthy Lady: Warum haben Sie sich damals für dieses Fachgebiet entschieden und was fasziniert Sie bis heute an Ihrer täglichen Arbeit?

Dr. Lilit Schweiger: Mich hat von Anfang an fasziniert, dass die Nuklearmedizin nicht nur zeigt, wie ein Organ aussieht, sondern vor allem, wie es funktioniert. Genau diese funktionelle Sichtweise macht unser Fach einzigartig. Besonders begeistert mich die Verbindung aus modernster Technologie, Physiologie und direktem klinischen Nutzen. Jede Untersuchung beantwortet eine konkrete medizinische Fragestellung und hilft dabei, für Patientinnen und Patienten die richtige Therapieentscheidung zu treffen.

Außerdem ist die Nuklearmedizin ein ausgesprochen innovatives Fachgebiet. Neue Radiopharmaka, moderne PET/CT- und PET/MRT-Verfahren sowie gezielte Therapien entwickeln sich rasant weiter. Gerade diese Dynamik und der wissenschaftliche Aspekt machen meinen Beruf bis heute unglaublich spannend.

„Die Nuklearmedizin zeigt, wie Organe arbeiten und wie Stoffwechselprozesse funktionieren. Dadurch können wir Erkrankungen häufig funktionell erkennen, bevor strukturelle Veränderungen sichtbar sind.“


Das unbekannte Fach, das Frauen Antworten geben kann

Healthy Lady: Warum wissen ausgerechnet so wenige Frauen, dass es diese medizinische Richtung überhaupt gibt und dass sie dort wichtige Hilfe finden können?

Dr. Lilit Schweiger: Die Nuklearmedizin arbeitet oft im Hintergrund. Viele Patientinnen und Patienten profitieren von unseren Untersuchungen und Therapien, ohne überhaupt zu wissen, dass diese aus der Nuklearmedizin stammen.

Ich wünsche mir deshalb, dass unser Fach sichtbarer wird. Viele Frauen würden dadurch deutlich früher die passende Diagnostik erhalten, wenn sie wüssten, welche Möglichkeiten die Nuklearmedizin heute bietet.


Healthy Lady: Mit welchen zunächst unspezifischen Beschwerden werden Frauen besonders häufig zur weiteren Abklärung an Sie überwiesen?

Dr. Lilit Schweiger: Viele denken vor allem an Schilddrüsenerkrankungen – tatsächlich ist unser Fachgebiet aber wesentlich breiter. Wir betreuen Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen und arbeiten eng mit vielen anderen medizinischen Fachrichtungen zusammen.

Gerade bei Schilddrüsenerkrankungen sehen wir häufig Frauen mit Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Herzrasen, Gewichtszunahme oder unerfülltem Kinderwunsch. Gleichzeitig spielt die Nuklearmedizin aber auch eine zentrale Rolle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose sowie in der Diagnostik und Therapie zahlreicher Tumorerkrankungen.

Durch moderne Verfahren wie PET/CT können wir Stoffwechselprozesse sichtbar machen und dadurch Erkrankungen häufig früher oder präziser beurteilen, als dies allein mit anatomischen Bildgebungen möglich wäre.

Darüber hinaus unterstützen wir auch bei Fragestellungen wie unklarem Fieber, chronischen Entzündungen oder bei ausgewählten Aspekten der Demenzdiagnostik.

„Viele Frauen würden deutlich früher die passende Diagnostik erhalten, wenn sie wüssten, welche Möglichkeiten die Nuklearmedizin heute bietet.“


Schlüsselorgan Schilddrüse: Kinderwunsch, Erschöpfung und die Psyche

Healthy Lady: Welche Bedeutung hat die Schilddrüse bei unerfülltem Kinderwunsch und während einer Schwangerschaft?

Dr. Lilit Schweiger: Die Schilddrüse beeinflusst nahezu alle Stoffwechselprozesse des Körpers und spielt auch bei Kinderwunsch und Schwangerschaft eine wichtige Rolle. Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können den weiblichen Zyklus, den Eisprung und damit die Fruchtbarkeit beeinflussen.

Deshalb sollte die Schilddrüsenfunktion im Rahmen der Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches mitberücksichtigt und bei entsprechender Indikation überprüft werden. Eine gut eingestellte Schilddrüsenfunktion ist außerdem für eine gesunde Schwangerschaft von großer Bedeutung.

Fachärztin für Nuklearmedizin
Dr. Lilit Schweiger


Healthy Lady: Warum ist es so schwierig, Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung oder Gewichtszunahme eindeutig der Schilddrüse zuzuordnen?

Dr. Lilit Schweiger: Viele dieser Beschwerden sind unspezifisch und können zahlreiche Ursachen haben. Genau deshalb ist eine sorgfältige medizinische Abklärung wichtig. Nicht jede Müdigkeit oder Gewichtszunahme ist auf die Schilddrüse zurückzuführen – manchmal steckt beispielsweise auch ein Eisenmangel, ein Vitaminmangel oder eine andere internistische Erkrankung dahinter.

„Sowohl eine Unterfunktion als auch eine Überfunktion der Schilddrüse können den weiblichen Zyklus, den Eisprung und damit die Fruchtbarkeit beeinflussen.“


Healthy Lady: Schilddrüsenfunktionsstörungen können sich auch auf Stimmung, Antrieb und innere Ruhe auswirken. Wie lässt sich verhindern, dass körperliche und psychische Ursachen gegeneinander ausgespielt oder wichtige Zusammenhänge übersehen werden?

Dr. Lilit Schweiger: Ich wünsche mir vor allem mehr Aufklärung. Viele Frauen leiden über Monate oder sogar Jahre unter Beschwerden, ohne zu wissen, dass auch eine Schilddrüsenerkrankung dahinterstecken könnte. Gleichzeitig ist es wichtig, nicht jede Erschöpfung oder depressive Verstimmung vorschnell der Schilddrüse zuzuschreiben. Gute Medizin bedeutet, sorgfältig zu differenzieren und jede Patientin individuell zu betrachten. Genau dabei kann die Nuklearmedizin einen wichtigen Beitrag leisten.


Radioaktivität in der Medizin und was du darüber wissen solltest

Healthy Lady: Das Wort „nuklear“ oder „radioaktiv“ löst bei vielen Menschen sofort Unbehagen aus. Was sollten Patientinnen über die Sicherheit und Strahlenbelastung einer Untersuchung wissen?

Dr. Lilit Schweiger: Tatsächlich arbeiten wir mit sehr geringen Mengen radioaktiver Substanzen. Sie werden ausschließlich dann eingesetzt, wenn die Untersuchung medizinisch gerechtfertigt ist und der erwartete Nutzen das mit der Strahlenexposition verbundene Risiko überwiegt.

Die Verfahren sind gut etabliert und die Strahlenexposition wird auf das für die jeweilige Fragestellung notwendige Maß begrenzt.

Besondere Situationen wie Schwangerschaft oder Stillzeit werden selbstverständlich individuell berücksichtigt. Falls erforderlich, erhalten Patientinnen und Patienten anschließend entsprechende Verhaltensempfehlungen

„Gute Medizin bedeutet, sorgfältig zu differenzieren und jede Patientin individuell zu betrachten.“


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