Interviews

Zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet? Was Eltern wissen müssen

Es beginnt oft unscheinbar. Ein Streit über den Gartenzaun, eine laute Auseinandersetzung im Treppenhaus oder verletzte Gefühle nach einer Trennung. Manchmal reicht ein einziger Anruf und plötzlich steht das Jugendamt vor der Tür. Ein fremder Mensch stellt Fragen zur Erziehung und blickt prüfend in die Kinderzimmer. Für viele Eltern ist dieser Moment ein Schock. Die Angst, das eigene Kind zu verlieren, lässt kaum Raum für klare Gedanken.

Doch was geschieht eigentlich, wenn eine Meldung beim Jugendamt eingeht? Wie prüfen Behörden solche Hinweise und wie sollten Eltern reagieren, wenn sich die Vorwürfe als unbegründet erweisen?

Darüber sprechen wir heute mit Stefanie Schlösser. Sie war viele Jahre Jugendamtsleiterin in Nordrhein-Westfalen und kennt die Abläufe aus erster Hand. Sie weiß, wie Meldungen bewertet werden und warum gerade das erste Gespräch mit dem Amt entscheidend sein kann.

In diesem Interview erklärt sie, welche Rechte Familien haben, wie man mit falschen Anschuldigungen umgeht und warum Wissen in solchen Momenten der wichtigste Schutz sein kann.


Wenn plötzlich das Jugendamt eingeschaltet wird

Healthy Lady: Gerade unbegründete Meldungen sorgen bei vielen Eltern für große Verunsicherung. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie solche Situationen eingeordnet werden. Was passiert, wenn man völlig zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet wird, etwa durch den bösen Nachbarn oder den verärgerten Ex-Partner? Wie prüfen Fachkräfte solche Anschuldigungen?

Stefanie Schlösser: Die Sorge, zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet zu werden, ist weit verbreitet. Viele haben das Bild im Kopf, dass man dauerhaft kontrolliert wird, sobald man einmal in der Akte ist. Doch so funktioniert die Arbeit nicht. Ja, jede Meldung muss geprüft werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber die meisten Fachkräfte sind ehrlich gesagt froh, wenn sich eine Meldung als unbegründet herausstellt, denn dann ist kein Kind gefährdet und es muss kein weiterer Fall dauerhaft bearbeitet werden. Die Jugendämter sind ohnehin stark ausgelastet.

Wie geprüft wird, hängt vom Inhalt der Meldung ab. Geht es um die Wohn- und Lebenssituation des Kindes, wird meist ein Hausbesuch als Mittel gewählt. Je nach Gefährdungseinschätzung wird dieser angekündigt oder unangekündigt durchgeführt. Bei hygienischen oder versorgungsbezogenen Sorgen ist eine Ankündigung oft wenig sinnvoll, weil sich der Eindruck dann kurzfristig herausputzen lässt. Geht es um Sachverhalte, die man ohnehin vermutlich nicht live erleben würde, würde man sich eher ankündigen. Geht es um Themen, die man im Gespräch klären kann, kann auch eine Einladung ins Jugendamt erfolgen. Eine freundlich formulierte Einladung ist in der behördlichen Sprache nicht automatisch eine unverbindliche Option. Oft handelt es sich um eine höflich formulierte Aufforderung. Deshalb rate ich dringend, solche Schreiben ernst zu nehmen, darauf zu reagieren und lieber einmal nachzufragen, wenn man unsicher ist.

Im Rahmen der Prüfung schauen Fachkräfte auf das Gesamtbild. Wie wirkt das Kind? Wie wirken die Eltern? Passen die Schilderungen zur Meldung oder ergeben sich andere Eindrücke? Es erfolgt eine sozialpädagogische Diagnostik, die zuerst Informationen sammelt, dann analysiert und auswertet, anschließend bewertet und auf Grundlage dieser Hypothesen und Analysen eine fundierte Entscheidung trifft. Am Ende steht eine fachliche Einschätzung. In einem großen Teil der Fälle wird die Meldung als unbegründet bewertet und beendet. In anderen Fällen wird sensibilisiert und gegebenenfalls eine freiwillige Hilfe empfohlen. Nur in einem sehr kleinen Teil der Fälle führt eine Meldung tatsächlich zu einer Inobhutnahme. Der Regelfall ist das ausdrücklich nicht.

Stefanie Schlösser kennt die Arbeit der Jugendämter aus erster Hand. Als ehemalige Jugendamtsleiterin bringt sie langjährige Erfahrung und fundiertes Wissen über Abläufe und Entscheidungsprozesse mit. (Bild: Stefanie Schlösser)

Wie Meldungen beim Jugendamt geprüft werden

Healthy Lady: Wenn Mitarbeiterinnen unangekündigt vor der Tür stehen, wie läuft so ein Einsatz ab?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Eine Visitenkarte ist ebenfalls hilfreich.

Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte jedoch nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist. Das kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf.

Zum standardisierten Ablauf gehört außerdem, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage „Dürfen wir uns das Kinderzimmer ansehen?“ ist höflich formuliert, gehört aber zum fachlichen Vorgehen.

Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt, sondern für Dinge wie folgende. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie sind Hygiene und Sicherheit? Steht seit Wochen Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum, gibt es offenes Feuer oder ein Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin entwickeln kann?

Wenn sich im Gespräch und bei der Inaugenscheinnahme zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


So können sich Eltern auf den Kontakt mit dem Jugendamt vorbereiten

Healthy Lady: Wie können sich Eltern am besten vorbereiten, wenn das Jugendamt eingeschaltet wird?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet, konsequent zu dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden, was zugesichert wurde und was nicht. All das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit sowie kurzem Inhalt und Ablauf festgehalten werden. Aussagen wie „Wir haben irgendwann im November telefoniert“ helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sinnvoll sein, sich dafür eine eigene „Jugendamtsakte“ anzulegen, chronologisch sortiert.

Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Gesprächsdynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung. Brauche ich jemanden, der mich emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt? Oder bin ich in diesem Gespräch allein handlungsfähiger? Lädt eventuell eine weitere Person die Situation sogar zusätzlich auf? Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.

Hilfreich ist auch, sich vorab klarzumachen, in welchem „Modus“ das Jugendamt gerade mit mir arbeitet. Geht es um Beratung, etwa zu Sorge oder Umgangsrecht? Geht es um eine Hilfe zur Erziehung, also eine bewilligte Leistung? Oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Rolle, Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich und damit auch die Ansprachen.

Und ganz wichtig ist der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen, in denen das Jugendamt eingeschaltet ist, sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind verständlich, im Gespräch jedoch oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig, nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um in dem Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, bei Freundinnen, in Therapie oder Beratung. Das Gespräch mit dem ASD ist zielorientiert und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Diese Fehler sollten Eltern im Umgang mit dem Jugendamt vermeiden

Healthy Lady: Welche typischen Fehler machen Eltern im Umgang mit dem Jugendamt und wie kann man sie vermeiden?

Stefanie Schlösser: Ein häufiger Fehler ist, die gesamte, oft verständliche Emotionalität ungefiltert in die Gespräche hineinzutragen. Das ist menschlich, aber fachlich selten hilfreich. Fachkräfte müssen beurteilen, ob Eltern in der Lage sind, in belasteten Situationen handlungsfähig zu bleiben. Wer im Gespräch permanent eskaliert, vermittelt ungewollt das Gegenteil. Außerdem hat man in diesen Gesprächen nur einen begrenzten zeitlichen Rahmen. Wenn alle Parteien nun ausführlich ihre Emotionen besprechen und man darauf eingehen müsste, säße man schnell mehrere Stunden am Tisch.

Ein zweiter typischer Fehler ist die Erwartung, das Jugendamt solle Konflikte zwischen Erwachsenen stellvertretend lösen. Formulierungen wie „Sagen Sie meinem Ex Mann bitte, dass er das und das zu tun hat“ oder „Können Sie meiner Ex Frau erklären, was besser fürs Kind ist?“ begegnen uns sehr häufig. Der Auftrag des Jugendamtes ist aber nicht, Partei zu ergreifen und einem Elternteil Recht zu geben, sondern die Situation des Kindes zu betrachten. Wenn Eltern grundlegende Entscheidungen nicht mehr miteinander treffen können, stellt sich eher die Frage, wie tragfähig ihre gemeinsame elterliche Verantwortung ist, was am Ende dazu führen könnte, dass ein Beratungssetting in eine Bewertung der Erziehungsfähigkeit übergeht.

Ein dritter Fehler besteht darin, das Jugendamt als Gegner zu betrachten und sich grundsätzlich gegen alles zu sperren, häufig beeinflusst durch Internetforen oder Gruppen, die pauschal raten, nicht zu kooperieren. Aus meiner Erfahrung wurde ein solches Verhalten nie zugunsten der Eltern oder des Kindes bewertet. Im Gegenteil. Es verstärkt den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll oder dass Eltern nicht bereit sind, Verantwortung, auch und vor allem für das eigene Handeln, zu übernehmen.

Was hilft, ist eine innere Haltungsänderung. Weg von der Frage „Wie bekomme ich das, was ich für Recht halte?“ hin zu „Was braucht mein Kind und was kann ich dazu beitragen?“ Wenn Eltern bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und Veränderungen zumindest zu prüfen, öffnet das oft Türen. Veränderungen, die von außen angeregt werden, erzeugen zunächst Widerstand. Das ist normal. Aber wenn man gerade in einer familiären Situation ist, in der man nicht weiterkommt oder sogar eine Schädigung im Raum steht, wird eine Partei ihr Verhalten anpassen müssen, und in den allermeisten Fällen sind das die Eltern.


Was Familien in einer Krise mit dem Jugendamt helfen kann

Healthy Lady: Liebe Stefanie, was möchtest du Familien sagen, die selbst gerade eine Krise mit dem Jugendamt durchmachen und kaum noch Hoffnung sehen?

Stefanie Schlösser: Zunächst. Die Gefühle, die in solchen Situationen auftauchen, etwa Angst, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, sind nachvollziehbar. Es geht um das eigene Kind. Nichts ist emotional existenzieller. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, den Blick konsequent auf das Kind zu richten. Nicht auf die eigene Kränkung, sondern auf die Frage: Wie geht es meinem Kind? Was braucht es jetzt? Und was müsste sich verändern, damit es meinem Kind besser geht oder langfristig besser gehen kann?

In vielen Fällen beobachte ich, dass sich die Dynamik deutlich entspannt, sobald Eltern bei aller Verletzung bereit sind, einen Schritt auf das Jugendamt zuzugehen und eigene Anteile anzuschauen. Wenn Fachkräfte merken, dass Einsicht und Veränderungsbereitschaft vorhanden sind, eröffnet das oft neue Wege. Man arbeitet nicht mehr gegeneinander, sondern zumindest teilweise miteinander. Wichtig ist auch zu verstehen. Das Jugendamt hat kein Interesse daran, dauerhaft Hilfen aufrechtzuerhalten, die keinen Sinn haben. Jede Hilfe kostet Ressourcen: Geld, Zeit und Personal. Wo es fachlich vertretbar ist, sind Jugendämter froh, Hilfen zu beenden. Wenn eine Hilfe also läuft oder immer wieder neue Maßnahmen ins Spiel kommen, ist das ein Hinweis darauf, dass aus fachlicher Sicht weiterhin ein Bedarf gesehen wird.

Für Eltern kann es hilfreich sein, sich zusätzlich eine unabhängige Instanz an die Seite zu holen, zum Beispiel eine Ombudsstelle. Dort arbeiten Menschen, die das System kennen, aber nicht Teil des jeweiligen Jugendamtes sind. Es gibt auch private Beratungsangebote, unter anderem von Fachleuten mit Jugendamts oder Leitungserfahrung. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass diese Personen die Strukturen der Jugendhilfe verstehen und nicht nur aus einem rein elterlichen Blick argumentieren.

Mein zentraler Appell an Familien in Krisen mit dem Jugendamt wäre: Versuchen Sie, bei aller Verletzung die Perspektive Ihres Kindes mitzudenken. Nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Richtschnur. Dort, wo die Liebe zum Kind im Mittelpunkt steht und nicht das eigene Ego, gibt es fast immer Ansatzpunkte, etwas zu verändern.


„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ – warum Familien heute mehr Gemeinschaft brauchen

Es ist Dienstagmorgen. Eine junge Mutter sitzt auf einer Parkbank. Ihr Kind spielt allein im Sandkasten. Ringsum unterhalten sich andere Eltern, lachen und tauschen sich aus, doch sie bleibt still. Sie ist erst vor wenigen Monaten in die Stadt gezogen, kennt niemanden und hat keine Familie in der Nähe. Ihr Kind schaut immer wieder zu den anderen Kindern hinüber, unsicher, ob es sich trauen soll, mitzumachen. Und die Mutter fragt sich leise, wie soll mein Kind Freunde finden, wenn wir niemanden haben. Viele Eltern kennen genau dieses Gefühl. Immer mehr entscheiden sich bewusst gegen eine frühe Betreuung in Krippe oder Kindergarten und wünschen sich trotzdem, dass ihre Kinder soziale Kontakte knüpfen und Gemeinschaft erleben. Doch wie gelingt das, wenn das eigene Umfeld fehlt?

Eine Lösung, die viele Familien noch nicht kennen, ist die Familienbildung. Hier können Eltern aus einem vielfältigen Angebot wählen, von Eltern-Kind-Turnen über kreative Nachmittage bis hin zu musikalischen Reisen, Kunst und Bastelkursen und vielem mehr. Diese Angebote sind nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern zugleich eine wertvolle Vorbereitung auf die Kita. Die Eltern dürfen dabei bleiben und ihre Kinder in einem sicheren, vertrauten Rahmen begleiten. Mehrmals wöchentlich gibt es zudem kostenlose offene Spielangebote, bei denen Kinder aus unterschiedlichen Familien zusammenkommen, spielen, lachen und Freundschaften schließen, ganz ohne Leistungsdruck, aber mit viel Herz und Nähe.

Über die Bedeutung dieser Arbeit und die vielseitigen Angebote der Familienbildung spricht Christine Krebühl von der Familienbildung Hamburg-Blankenese im Interview. Sie erzählt, wie Eltern hier Unterstützung, Gemeinschaft und wertvolle Impulse für den Familienalltag finden können.


Das Herzstück der Familienbildung

Healthy Lady: Frau Krebühl, was ist für Sie das Herzstück der Familienbildung? Was treibt Sie persönlich an, Familien in Ihrer Einrichtung zu begleiten und zu unterstützen?

Christine Krebühl:
Familien in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen zu unterstützen sowie Bindung, Bildung und Begleitung zu ermöglichen, ist uns und mir eine Herzensangelegenheit. Wir setzen uns mit unserem vielfältigen Kursangebot von Babykursen bis hin zu Ferienkursen für Schulkinder dafür ein, dass Kinder und Erwachsene in den Elbvororten ihr volles Potenzial entfalten können. Wir tragen damit aktiv dazu bei, starke Gemeinschaften aufzubauen und die aktuellen Bedürfnisse der Familien in unserer Region zu stärken. Zu erleben, wie die Eltern-Kind-Bindung gefördert wird, motiviert mich jeden einzelnen Tag.

„Jede Investition in Familienbildung ist eine Investition in ein starkes Miteinander und in unsere Gesellschaft.“


Healthy Lady: Viele Eltern wissen gar nicht, was Familienbildung eigentlich ist. Wie würden Sie erklären, worin der besondere Wert dieser Angebote liegt – gerade für Familien ohne großes soziales Umfeld?

Christine Krebühl:
Wir stärken dich und deine Familie. Familien gibt es heute in vielen Formen und Konstellationen. Entscheidend ist, dass Menschen füreinander Verantwortung und Fürsorge übernehmen. Diesen Lebenszusammenhang zu stärken, ist unser gemeinsames Ziel. Wenn Eltern noch kein Umfeld mit anderen Familien haben, bieten wir genau dafür einen sicheren Raum. Hier darf man ankommen, gemeinsam wachsen, auf spielerische Weise lernen und sich austauschen. Wir freuen uns, die Familien auf diesem Weg zu begleiten.

Christine Krebühl ist Leiterin der Evangelischen Familienbildung Blankenese. Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitet daran, Bildungs- und Unterstützungsangebote für Familien in den Elbvororten weiter auszubauen. (Foto: Ch.Krebühl/Familienbildung Blankenese)

Angebote für Eltern und Kind

Healthy Lady: In Ihrer Einrichtung gibt es neben Kursen auch kostenlose offene Spielangebote. Warum sind diese niedrigschwelligen Angebote so wichtig, und was erleben Sie dort besonders häufig? Außerdem: Wie sehen die Kurse aus – und für wen sind sie geeignet?

Christine Krebühl:
Unsere offenen Spielangebote schaffen einen niedrigschwelligen Zugang, damit Familien ohne große Hürden teilnehmen können. Trotzdem liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit auf geschlossenen Kursformaten, die Babys, Kindern und Eltern eine feste Gruppe geben und Gemeinschaftsgefühl ermöglichen. Während die Kinder spielen, singen und entdecken, knüpfen Eltern parallel Kontakte und nehmen Impulse für den Familienalltag mit. Insgesamt liegt unser Fokus auf jungen Familien. Von DELFI®- und PEKiP®-Kursen über Eltern-Kind-Turnen, Kreativ- und Musikkurse bis hin zu Koch- und Plätzchenbackkursen sowie naturpädagogischen Formaten haben wir ein buntes Angebotsrepertoire.

„Einfach vorbeikommen. Es braucht keine Vorbereitung und keine Perfektion. Ihr dürft sein, wie ihr seid.“


Healthy Lady: Familienbildung ist ja weit mehr als Basteln und Turnen. Welche weiteren Unterstützungsformen bieten Sie an – etwa Beratung, Elterncafés oder Austauschgruppen?

Christine Krebühl:
In all unseren Kursen stärken wir präventiv die Eltern-Kind-Beziehung und leisten einen wesentlichen Beitrag zur frühzeitigen Vermeidung familiärer Spannungen und Konflikte, um die Familien langfristig zu stärken und zu stabilisieren. Durch unsere Angebote ermöglichen wir es Familien, Herausforderungen bereits im Anfangsstadium zu erkennen und gezielt anzugehen, bevor sie sich zu größeren Problemen oder Überlastung führen. Dieser präventive Ansatz trägt dazu bei, Krisen zu vermeiden, Strategien zur Bewältigung zu kennen und so für eine stabile, gesunde Familienstruktur zu sorgen. Ergänzend bieten wir Beratungen zu Erziehungsthemen sowie Trennungs- und Paarberatung an, um frühzeitig Lösungen zu erarbeiten und den Eltern Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zudem laden wir regelmäßig Expert*innen ein, um den Eltern verlässliche Informationen aus erster Hand zu bieten und sie in schwierigen Situationen sowohl fachlich als auch emotional kompetent zu begleiten.


Healthy Lady: Welche Rolle spielt Gemeinschaft – also das Miteinander von Eltern, Kindern und Kursleitungen – in Ihrer Arbeit?

Christine Krebühl:
Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Dieses Dorf wollen wir für Familien erfahrbar machen. Niemand ist allein verantwortlich. Wir schaffen gemeinsam eine tragende Gemeinschaft, in der Eltern, Kinder und Kursleitungen einander stärken und voneinander lernen. Dieses Miteinander ist das Fundament unserer Arbeit.


Healthy Lady: Kontakte entstehen ja nicht nur zwischen Kindern: Wie erleben Sie, dass auch Eltern beim Kaffee-Schnack neue Freundschaften und Netzwerke knüpfen?

Christine Krebühl:
Austausch passiert bei uns überall – bei einem Kaffee, beim gemeinsamen Aufräumen, während der Kursdauer oder in kleinen Gesprächspausen. Viele Eltern finden hier ihr soziales Netzwerk. Aus kurzen Gesprächen entstehen oft Spielverabredungen, Freundschaften und gegenseitige Unterstützung, die weit über unsere Einrichtung hinausreichen.


Günstige Kurse für Klein und Groß

Healthy Lady: Was kosten die Kurse im Durchschnitt und gibt es Möglichkeiten für Familien mit kleinem Budget, trotzdem teilzunehmen?

Christine Krebühl:
Kurse kosten im Durchschnitt etwa 8 Euro pro Termin. Über das Bildungs- und Teilhabepaket in Hamburg können Familien Unterstützung für bestimmte Kurse erhalten. Geflüchteten ermöglichen wir aktuell eine kostenfreie Teilnahme. Außerdem sind wir mit den Ferienkursen Teil des Hamburger Ferienpasses, über den es ebenfalls Ermäßigungen gibt. Familienbildung wird nur zu einem sehr geringen Teil gefördert, daher finanzieren wir uns größtenteils selbst. Umso dankbarer sind wir für die Unterstützung des Kirchenkreises, denn so bleibt unsere Arbeit für möglichst viele Familien zugänglich.


Die Familiäre Atmosphäre

Healthy Lady: Viele Familien sagen, sie fühlen sich bei Ihnen verstanden und gestärkt. Was macht Ihrer Meinung nach die besondere Atmosphäre der Familienbildung aus?

Christine Krebühl:
Herzlichkeit und Nächstenliebe prägen unsere Familienbildung. Eltern erleben bei uns Offenheit und Verständnis. Kinder haben Raum, sich frei und selbstbewusst zu entwickeln. Diese liebevolle Atmosphäre schafft Vertrauen und stärkt Familien nachhaltig. Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte Begegnung.

„Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte Begegnung.“


Healthy Lady: Gibt es eine Geschichte oder Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist – etwas, das zeigt, wie viel Familienbildung bewirken kann?

Christine Krebühl:
Es gibt viele berührende Momente. Besonders schön ist es, wenn Eltern erzählen, dass ihr Kind hier das erste Mal Anschluss gefunden hat oder sie selbst nach herausfordernden Zeiten wieder Leichtigkeit spüren. Genau dann zeigt sich die Wirkung unserer Arbeit: Familien finden neue Kraft, Vertrauen und Gemeinschaft.


Veränderungen & Zukunft

Healthy Lady: Die Lebensrealität von Familien verändert sich: weniger Unterstützung durch Großeltern, mehr Stress im Alltag. Wie reagiert die Familienbildung auf diese neuen Herausforderungen?

Christine Krebühl:
Die Lebensrealität vieler Familien wird heute stark von Social Media beeinflusst. Oft verunsichern die Inhalte mehr, als dass sie Orientierung geben. Klassische Großfamilienstrukturen gibt es kaum noch, Großeltern wohnen häufig weit entfernt und können nicht so unterstützen, wie sie es vielleicht gern würden. Eltern stehen stärker allein da. In unseren Kursen wird erfahrbar, dass man nicht allein in der Situation ist, sondern viele Eltern ähnliche Erfahrungen machen. So wird den Eltern Halt gegeben und sie werden entlastet.


Healthy Lady: Was sollte die Gesellschaft über Familienbildung unbedingt wissen oder anders gefragt: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Arbeit?

Christine Krebühl:
Familienbildung ist ein wichtiges Fundament unserer Gesellschaft. Sie stärkt die Eltern-Kind-Bindung, die Erziehungskompetenzen und unterstützt bei der Alltagsbewältigung. Damit wird die Lebensqualität der Familien verbessert, sodass sie präventiv auf Herausforderungen reagieren können. Mein Wunsch ist, dass diese Arbeit als essenziell wahrgenommen und entsprechend finanziell unterstützt wird. Jede Investition in Familienbildung ist eine Investition in ein starkes Miteinander und in unsere Gesellschaft.


Healthy Lady: Zum Schluss: Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben, die noch zögern, einen Kurs oder ein Angebot zu besuchen?

Christine Krebühl:
Einfach vorbeikommen. Es braucht keine Vorbereitung und keine Perfektion. Ihr dürft sein, wie ihr seid. Wer einmal erlebt hat, wie wertvoll ein Kursangebot in der Familienbildung ist, kommt gern wieder. Wir freuen uns auf euch.

„Niemand ist allein verantwortlich. Wir schaffen gemeinsam eine tragende Gemeinschaft, in der Eltern, Kinder und Kursleitungen einander stärken.“


Ein Ort, an dem Familien ankommen dürfen

Das Team von Familienbildung Hamburg-Blankenese (Foto: Familienbildung Hamburg- Blankenese)

In vielen Städten und Gemeinden gibt es heute Angebote der Familienbildung. Träger sind häufig Familienbildungsstätten, kirchliche Einrichtungen, Volkshochschulen oder lokale Vereine. Auch online lassen sich Kurse, Workshops und offene Spielgruppen leicht finden, etwa über die Websites der Städte, Familienzentren oder durch einfache Suche nach Eltern Kind Angeboten in der eigenen Region.

Für Eltern kann Familienbildung eine einfache Möglichkeit sein, Kontakte zu knüpfen und gleichzeitig bewusst Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen. Gerade für Kinder ohne Kitaerfahrung bieten die Kurse eine sanfte Vorbereitung auf das Zusammensein in Gruppen. Sie lernen erste soziale Regeln, gewinnen Sicherheit im Umgang mit anderen Kindern und sammeln neue Eindrücke in geschützter Atmosphäre.

Für viele Familien geht es dabei nicht nur um Beschäftigung, sondern um gemeinsame Erlebnisse im Alltag. Zusammen singen, spielen, basteln oder sich austauschen schafft Nähe, stärkt Bindung und gibt Eltern gleichzeitig neue Impulse für den Familienalltag.

Ein herzliches Dankeschön an Christine Krebühl und das gesamte Team der Familienbildung Hamburg Blankenese für ihre wichtige Arbeit und ihren Einsatz für Familien.



Normale Erziehung oder Kindeswohlgefährdung? – Wo liegt die Grenze wirklich?

Die Küche steht Kopf, die Hausaufgaben sind noch immer nicht gemacht und das Kleinkind protestiert lautstark, weil die Nudeln die falsche Form haben. Momente wie diese bringen viele Eltern an ihre Grenzen. Sie fragen sich, mache ich das eigentlich gut? So anstrengend dieser Alltag auch ist, er gehört zum normalen Familienleben. Doch genau hier beginnt eine Frage, die viele verunsichert. Wo verläuft die Grenze zwischen elterlicher Freiheit und staatlicher Pflicht?

Es ist eine unsichtbare Linie zwischen Überforderung und Gefährdung. Zwischen einem schlechten Tag und einer Situation, die für ein Kind ernsthaft problematisch werden kann. Wann ist eine Wohnung nur unordentlich und wann verwahrlost? Wann ist ein Streit laut und wann belastet er ein Kind dauerhaft?

Stefanie Schlösser kennt diese Fragen aus ihrer langjährigen Arbeit im Jugendamt. In leitender Funktion hat sie viele Situationen bewertet, in denen genau diese Grenze im Mittelpunkt stand. Sie weiß, dass das Jugendamt nicht wegen eines chaotischen Abends tätig wird, aber auch, wie sich Probleme schrittweise entwickeln können. In diesem Interview erklärt sie, woran Eltern selbst erkennen können, wann eine Situation kritisch wird und wo genau der Punkt liegt, an dem aus Erziehung eine Gefährdung wird.


Fakten statt Bauchgefühl – Wie Gefährdung fachlich gemessen wird

Healthy Lady: Stefanie, das klingt in der Theorie oft sehr eindeutig, aber in der Praxis ist es für viele Eltern ein grauer Bereich. Wo genau liegt die Grenze zwischen einer Erziehung, die vielleicht nur etwas chaotisch ist, und einer echten Kindeswohlgefährdung?

Stefanie Schlösser: Eine Kindeswohlgefährdung liegt immer dann vor, wenn durch das Verhalten der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Schaden für das Kind entsteht oder entstehen kann. Das betrifft die körperliche, seelische, geistige oder soziale Entwicklung. Das kann durch eine einzelne schwere Handlung passieren oder durch eine dauerhafte, sich wiederholende Belastung.

„Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn durch das Verhalten der Eltern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein erheblicher Schaden für das Kind entsteht.“

Das klingt zunächst abstrakt, ist in der Praxis aber durch klare Kriterien und Merkmalskataloge hinterlegt. Fachkräfte schauen nicht einfach ins Blaue hinein, sondern prüfen systematisch verschiedene Bereiche. Wie wird das Kind versorgt? Wie sind die hygienischen Bedingungen? Gibt es eine medizinische Unterversorgung? Wird das Kind altersangemessen gefördert oder ist es Gewalt ausgesetzt? Vielleicht machen einige Beispiele aus dem Alltag das greifbarer:

  • Kleidung und Versorgung: Ein Kind hat im tiefen Winter nur Sandalen und eine dünne Jacke, aber keine angemessene Winterkleidung. Oder es trägt dauerhaft Kleidung, die viel zu groß oder viel zu klein ist.
  • Hygiene: Das Kind riecht dauerhaft stark, weil es etwa nur einmal pro Woche baden oder duschen darf oder kann. Zähneputzen findet kaum statt oder die Wohnsituation ist massiv verwahrlost. Die Kleidung ist wiederholt oder dauerhaft ungewaschen und verdreckt.
  • Ernährung: Es gibt Fälle, in denen Kinder zu Hause kaum oder gar nicht essen, weil Eltern sagen, dass sie ja bereits für das Essen in der Kita oder Schule bezahlen und das Kind sich dort satt essen könne. Das ist eine klare Unterlassung der elterlichen Versorgungsverantwortung.
  • Medizinische Versorgung: Eine entzündete Wunde wird nicht behandelt, obwohl sie sich sichtbar verschlechtert. Oder eine chronische Erkrankung wird nicht adäquat ärztlich begleitet, weil Eltern ausschließlich auf ungeeignete alternative Methoden setzen.

Für sich genommen muss ein einzelner Aspekt noch nicht zwingend eine massive Gefährdung darstellen. Entscheidend ist immer das Gesamtbild. Wir fragen uns: Wie viele Risiko- und wie viele Schutzfaktoren gibt es? Wie lange besteht die Situation schon und wie sehr gefährdet sie die Entwicklung? Genau diese fachliche Abwägung macht die Arbeit im Jugendamt so anspruchsvoll.


Als erfahrene Sozialpädagogin und ehemalige Jugendamtsleiterin bringt Stefanie Schlösser ihre tiefgreifende Expertise heute weiterhin in die tägliche Arbeit des Jugendamts ein. (Foto: Stefanie Schlösser)

„Meine Erziehung, meine Regeln“? Warum das Elternrecht kein Freifahrtschein ist

Healthy Lady: Viele Eltern pochen auf ihr Recht, Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen großzuziehen. Doch wo genau hört dieses „meine Erziehung, meine Regeln“ eigentlich auf? Gibt es eine rechtliche Grenze für den Erziehungsstil?

Stefanie Schlösser: Rechtlich ist relativ klar geregelt, in welchem Rahmen sich elterliche Erziehung bewegen darf. Im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Sozialgesetzbuch ist festgehalten, dass Eltern die Pflicht und das Recht haben, ihr Kind zu einer selbstständigen, eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu erziehen, die in der Gemeinschaft bestehen kann und zwar unter Ausschluss von Gewalt.

„Eltern haben einen großen Gestaltungsspielraum, ob sie eher streng oder eher locker erziehen – dieser Spielraum endet dort, wo Gewalt ins Spiel kommt.“

Das bedeutet, Eltern haben einen großen Gestaltungsspielraum in der Frage, wie sie erziehen. Ob sie eher streng oder eher locker sind, eher strukturorientiert oder bedürfnisorientiert vorgehen, ist ihre Entscheidung. Dieser Spielraum endet jedoch genau dort, wo Gewalt ins Spiel kommt. Dazu zählen körperliche Gewalt, seelische oder psychische Gewalt, massive Demütigungen und auch die Androhung von Gewalt. Hier gibt es keinen Ermessensspielraum mehr. Gewalt ist keine Erziehungsmethode, sondern eine Grenzverletzung, bei der das staatliche Wächteramt eingreifen muss.


Lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig handeln

Healthy Lady: Wenn man in seinem Umfeld bemerkt, dass es einem Kind offensichtlich nicht gut geht, wann und wie sollte man das Jugendamt kontaktieren?

Stefanie Schlösser: Mein Grundsatz lautet: lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig handeln. Niemand kann von außen alles sehen, was in einer Familie passiert. Man kann sich irren, das ist menschlich. Aber wenn ein Verdacht berechtigt ist und niemand reagiert, kann das für ein Kind schwerwiegende Folgen haben.

Eine Meldung beim Jugendamt kann grundsätzlich anonym erfolgen. Wenn zum Beispiel Nachbarn oder entfernte Bezugspersonen eine Sorge haben, können sie auf der Website ihrer Stadt oder ihres Landkreises nach einem Kontaktformular suchen und dort einen Hinweis auch ohne echten Namen abgeben. Entscheidend ist nicht, wer die Meldung macht, sondern was konkret beobachtet wurde. Das Jugendamt ist verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen.

„Wenn ein Verdacht berechtigt ist und niemand reagiert, kann das für ein Kind schwerwiegende Folgen haben.“

Anders ist die Situation, wenn man beruflich mit dem Kind arbeitet, etwa als Erzieherin, Lehrkraft oder Schulsozialarbeiterin. In solchen Fällen ist echte Anonymität meist nicht möglich und teilweise auch rechtlich nicht vorgesehen. Man kann jedoch darum bitten, dass die eigenen Kontaktdaten gegenüber den Eltern nicht aktiv weitergegeben werden. Dennoch ist es realistisch, dass Eltern oft schnell vermuten, aus welchem Umfeld eine Meldung stammen könnte.

Gerade in Einrichtungen wie Kitas oder Schulen empfehle ich dringend, das Gespräch mit der Leitung oder dem Träger zu suchen, bevor eine Meldung erfolgt. Es ist wichtig, fachliche und persönliche Rückendeckung zu haben. Die Verantwortung sollte nicht allein auf den Schultern einer einzelnen Person liegen.


Zwischen Mitgefühl und Grenze: Wie Fachkräfte seelisch gesund bleiben

Healthy Lady: Fälle von Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch – wie geht man damit um? Kann man so etwas nach Feierabend wirklich abschütteln?

Stefanie Schlösser: Der Umgang mit solchen Fällen ist sehr individuell. Ich persönlich kann mich gut abgrenzen. Das ist keine Technik, die ich mir bewusst antrainiert habe, sondern eher eine Fähigkeit, die ich früh bei mir bemerkt habe: Ich kann mich während der Arbeit intensiv auf einen Fall einlassen und danach innerlich wieder Abstand nehmen, als würde ich die Tür hinter mir schließen.

Trotzdem bleiben einzelne Fälle natürlich im Kopf. Besonders jene, bei denen man spürt, wie viel Potenzial in einem Kind steckt und gleichzeitig erlebt, dass die Eltern kaum Einsicht zeigen oder nicht bereit sind, mitzuwirken. Oder Situationen, in denen man gern mehr tun würde, aber rechtliche oder praktische Grenzen erreicht.

„Wer versucht, jeden einzelnen Fall emotional mit nach Hause zu nehmen, wird auf Dauer daran zerbrechen.“

Ein entscheidender Punkt ist für mich die Unterscheidung zwischen persönlicher Haltung und gesetzlichem Auftrag. Das Jugendamt hat nicht die Aufgabe, jedem Kind die bestmögliche Entwicklung zu garantieren. In erster Linie tragen Eltern diese Verantwortung. Eingreifen darf die Jugendhilfe gegen den Willen der Eltern nur dann, wenn eine konkrete Gefährdung vorliegt, nicht, wenn Eltern „nur“ unvollkommen sind. Diese Grenze auszuhalten, ist emotional oft herausfordernd.

Ich merke außerdem, dass Fälle, die eigene biografische Themen berühren, besonders nachhallen. Deshalb ist Selbstreflexion für mich unerlässlich: Wie viel meiner eigenen Geschichte schwingt gerade mit? Wo brauche ich mehr fachliche Distanz oder sollte ich einen Fall vielleicht sogar abgeben? Supervision ist dabei ein sehr wichtiges Instrument.


Hinschauen. Handeln. Helfen.

Hinsehen erfordert Mut, aber es ist der wichtigste Dienst, den wir unseren Kindern und unserer Gesellschaft erweisen können. Es geht nicht darum, Eltern zu verurteilen, sondern darum, rechtzeitig Brücken zu bauen, bevor eine Situation unüberwindbar scheint. Denn jedes Kind verdient ein Zuhause, das ein sicherer Hafen ist und jede überforderte Familie verdient die Chance auf Unterstützung.

Wenn du dir Sorgen um ein Kind in deinem Umfeld machst oder merkst, dass dir selbst alles über den Kopf wächst, zögere nicht. Diese Stellen beraten anonym, kostenlos und wertfrei:

  • Nummer gegen Kummer (Elterntelefon): Unter 0800 111 0550 erhältst du professionelle Beratung bei Erziehungsfragen oder akuten Überlastungen.
  • Kinderschutzbund: Der Kinderschutzbund bietet deutschlandweit Anlaufstellen für Eltern und Zeugen von Gewalt oder Vernachlässigung.
  • Dein örtliches Jugendamt: Du findest die zuständige Stelle meist über die Website deiner Stadt oder deines Landkreises. Ein Anruf zur Beratung verpflichtet dich noch zu nichts – oft gibt es dort präventive Hilfsangebote wie Familienhebammen oder Erziehungshilfen.
  • Polizei / Notruf 110: In akuten Gefahrensituationen, wenn ein Kind unmittelbar bedroht ist, ist die Polizei der richtige Ansprechpartner.