Interviews

„Ich wurde stundenlang im Kühlschrank eingesperrt“ – Missbraucht von der eigenen Mutter

In diesem Beitrag geht es um schweren körperlichen und sexuellen Kindesmissbrauch.
Wenn dich solche Themen emotional stark belasten, lies bitte an dieser Stelle nicht weiter. Zum Schutz der Privatsphäre werden keine persönlichen Fotos der Interviewpartnerin veröffentlicht. Das Titelbild ist symbolisch.


Diese Augen haben zu viel gesehen

Es war spät am Abend. Mein Sohn schlief bereits, das Haus war still.
Ich scrollte gedankenlos durch die sozialen Medien auf der Suche nach einer interessanten Persönlichkeit für das nächste Interview. Und dann blieb ich plötzlich wie erstarrt.

Eine junge Frau. Dunkle Haare. Dunkle Augen. Ein Blick, so tief, dass er mich mitten ins Herz traf.
Ich weiß in diesem Moment: Diese Augen haben zu viel gesehen. Ich klickte auf ihr Video. Sie begann zu sprechen. Ein Video, dann das nächste. Florina (31) – so nennt sie sich, erzählt in ihren Beiträgen von einer Kindheit, die niemand hätte ertragen dürfen. Von Hunger, Schmerz, Angst und Verrat von Menschen, die sie hätten beschützen müssen und es nicht taten. 

„Meine leibliche Mutter hat mir, als ich noch ein Kleinkind war, das Essen und Trinken verweigert. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen.
Ich erinnere mich an einen Moment – der Durst war so schlimm, dass ich mich ganz leise aus meinem Zimmer geschlichen habe.
Ich bin ins Badezimmer gegangen – ich war zu klein, um das Waschbecken zu erreichen.
Also habe ich einen Schwamm genommen, ihn in die Toilette getaucht und das Wasser daraus gesaugt. Ich hatte so großen Durst…“

Mit jedem Satz öffnet sie ein Stück mehr die Tür zu einer Welt, die niemand sehen möchte.
Ich spüre, wie mein Herz anfängt zu rasen.

„Ich durfte nicht auf die Toilette gehen“, sagt sie leise.
„Ich habe versucht, in Flaschen zu pinkeln. Als meine Mutter es entdeckt hat, hat sie mich so schlimm geschlagen, dass ich dachte, ich überlebe es nicht.“

Ein Zittern lag in ihrer Stimme, aber kein Hass. Nur Leere. Als spräche jemand, der gelernt hat, Gefühle auszuschalten, um zu überleben. Dann erzählt sie weiter:

„Ich bin als Kind für mehrere Stunden in den eiskalten Kühlschrank eingesperrt worden. Ich hatte nur meine Unterwäsche und mein Unterhemd an.
Ich habe laut geschrien und geweint. Ich dachte, ich werde es nicht überleben.
Während ich dort drinnen Todesangst hatte, saßen meine Mutter und ihr Lebensgefährte draußen, hämmerten gegen den Kühlschrank, lachten sich tot.
Als sie mich nach mehreren Stunden endlich rausgelassen haben, war meine Fußsohle eingefroren. So fuhren sie mit mir ins Krankenhaus.
Das Jugendamt wurde informiert, aber es geschah nichts. Niemand hat etwas unternommen.“

Das, was ihr hier gerade lest, sind die harmlosesten Zitate aus Florinas Videos, die sie mit der Öffentlichkeit teilt.
Jede einzelne Erzählung dieser jungen Frau ließ mich tiefer hineinsinken in eine Welt, die so grausam war, dass ich sie kaum ertragen konnte.
Ich fühle noch heute, wie mir die Tränen über die Wangen laufen.
Ich legte das Handy weg, ging in das Zimmer meines Sohnes und umarmte ihn so fest, wie ich nur konnte.

Wie viele Kinder allein hier in Deutschland müssen täglich Ähnliches durchleben, ohne dass jemand hinschaut? Mein Mutterherz bricht bei diesem Gedanken. Am nächsten Morgen kontaktierte ich sie.
Ich musste. Ich konnte sie nicht vergessen.
Und dann lernte ich sie kennen: eine junge Frau voller Herzlichkeit, Offenheit und Mut.
Man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, wie unglaublich stark sie ist.

Florina – mein heutiger Gast – erhebt ihre Stimme.
Für sich. Und für all die anderen Opfer von schwerem Kindesmissbrauch, die zu lange geschwiegen haben.
Sie zeigt sich. Sie teilt ihre Narben, ihre dunkelsten Erinnerungen. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um aufzurütteln.
Damit Menschen wie du und ich genauer hinschauen.
Damit wir Kinder sehen, die sonst niemand sieht.
Damit wir endlich verstehen, dass Missbrauch kein fernes Thema ist, sondern mitten unter uns geschieht.


Der Beginn einer Hölle

Healthy Lady: Florina, wenn du an deine Kindheit denkst – was siehst du?
Ich weiß, dass es schmerzhaft ist, aber ich möchte, dass die Menschen verstehen, was du erlebt hast.
Wie hat alles begonnen?

Florina:
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich zuerst kein konkretes Bild, sondern ein Gefühl – eine Mischung aus Unsicherheit und dem ständigen Versuch, stark zu sein. Viele Momente verschwimmen, aber manche sind bis heute sehr klar. Angefangen hat alles damit, dass ich sehr früh gelernt habe, auf mich selbst aufzupassen. Die Erwachsenen um mich herum waren oft mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, und ich hatte das Gefühl, keinen richtigen Platz zu haben. Als Kind versteht man nicht, warum Dinge passieren – man spürt nur, dass etwas nicht stimmt. Dieses Gefühl hat mich lange begleitet.

Die schlimmsten Momente waren nicht unbedingt die lauten, offensichtlichen. Es waren die stillen. Die Abende, an denen ich gehofft habe, dass jemand da ist, der mich sieht, aber niemand kam. Dieses Gefühl, nicht wichtig zu sein, nicht gehört zu werden. Diese unsichtbaren Wunden haben mich viel stärker geprägt als alles, was man von außen hätte erkennen können.

Was mich bis heute begleitet und für mich besonders schlimm war: Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen. Er trug eine schwarze Strumpfhose über dem Kopf, hatte ein Kissen unter dem Oberteil und ein Messer in der Hand. Manchmal musste ich selbst ein Messer aus der Küche holen. Er drohte mir, dass ich gleich in seinem Bauch landen würde, dass er schon viele Kinder gegessen habe, und fuhr mit dem Messer an meinen Armen und Beinen entlang. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich je erlebt habe.

Ein anderes Mal wurde ich für mehrere Stunden in einen Kühlschrank eingesperrt. Ich musste mich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Diese Zeit war extrem traumatisch – ich dachte wirklich, ich würde sterben. Ich könnte stundenlang über meine Kindheit schreiben. Und trotzdem: Es gab auch kleine Lichtblicke. Menschen, die mir später gezeigt haben, dass Vertrauen möglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum ich heute darüber sprechen kann. Nicht, um die Vergangenheit neu zu durchleben – sondern damit andere verstehen, wie sich solche Erfahrungen anfühlen. Und dass man Wege findet, daraus herauszuwachsen.

„Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist.“


Healthy Lady: Du warst noch so klein, als all das geschah.
Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gespürt hast, dass das, was passiert, nicht normal ist?

Florina:
Als Kind habe ich wirklich geglaubt, dass das alles normal ist. Wir lebten in einer Gegend, in der auch Nachbarn ihre Kinder misshandelten. Für mich war das einfach „so“. Dann habe ich mich mit einer Freundin verabredet und dort war plötzlich alles anders. Ihre Mutter war liebevoll, es gab Mittagessen nach der Schule, eine Wärme, die ich nicht kannte. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen. Und genau da habe ich verstanden: Das, was bei uns passiert, ist nicht normal.


Healthy Lady: Du wurdest häufig verletzt. Wie kann es sein, dass niemand eingegriffen hat – Schule, Freunde, Familie, Jugendamt?
Gab es Menschen, die dich sahen – und trotzdem schwiegen?

Florina:
Uns wurde immer wieder klargemacht, dass wir niemals darüber sprechen dürfen, was zu Hause passiert. Meine Mutter machte mir deutlich, dass sie es herausfinden würde, wenn ich rede, und drohte mir mit Dingen, die mir große Angst machten. Sie wusste genau, wie sie mich zum Schweigen bringt. Aber zum Glück haben nicht alle geschwiegen. Geschwister von mir haben sich in der Schule und in der Kita anvertraut. Über Jahre hinweg wurde dort immer wieder gemeldet, was bei uns passiert. Auch meine Oma hat mit dem Jugendamt zusammengearbeitet. Und trotzdem gab es Menschen, die vieles gesehen oder geahnt haben – und geschwiegen haben.


Healthy Lady: Du hast erzählt, dass du irgendwann befreit wurdest – dass endlich jemand hingesehen hat.
Weißt du noch, wie dieser Moment war? War es Erleichterung – oder Angst, dass alles wieder beginnt?

Florina:
Am Anfang habe ich die Welt nicht verstanden und wollte so schnell wie möglich zurück nach „Hause“. Ich hatte große Angst vor meiner Mutter und dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Erst mit der Zeit – als ich andere Menschen und eine andere Art zu leben kennenlernte – begann ich zu begreifen, wie viel in meiner Familie falsch gelaufen war. Ich war sehr in mich gekehrt, schwer erreichbar, und es war kaum möglich, mit mir zu kommunizieren. Aber langsam habe ich mich geöffnet. Ich begann, mich sicherer zu fühlen. Und irgendwann auch: ein kleines bisschen frei.


Die Täter – das Gesicht des Schmerzes

Healthy Lady:
Du hast gesagt, dass du dir trotz allem Nähe zu deiner Mutter gewünscht hast.
Gab es irgendwann etwas Schönes zwischen euch – oder war alles von Angst geprägt?

Florina:
Ich habe ihre Nähe gesucht, weil ich mir dieses Band zwischen Mutter und Tochter so sehr gewünscht habe – so, wie man es aus Filmen und Serien kennt. Im Heim oder in der Pflegefamilie schenkte sie mir dann Aufmerksamkeit, und das habe ich sehr genossen. Aber je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, was sie mir alles angetan hat. Es gab in meiner Kindheit nur sehr wenige schöne Momente mit ihr.

„Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen?“


Healthy Lady:
Wenn du heute zurückblickst – glaubst du, dass deine Mutter krank war?
Oder war es Eifersucht, Macht, Hass?

Florina:
Wenn ich zurückdenke, glaube ich, dass sie selbst Dinge erlebt hat, die sie traumatisiert haben. Meine Tante ist sehr früh gestorben, sie war, glaube ich, zehn oder elf Jahre alt. Auch meine Mutter wurde später Opfer von Gewalt durch Männer, an die sie geraten ist. Aber aufgrund meiner eigenen Kindheit könnte ich meinen Kindern niemals so etwas antun, wie sie es mir angetan hat. Sie hat sich damals bewusst dafür entschieden. Ich denke, dass es zum Schluss viel mit Macht, Ergötzung und Befriedigung zu tun hatte, etwas das sie gebraucht hat.


Healthy Lady:
In einem deiner Videos beschreibst du eine Nacht, die dich bis heute begleitet.
Du musstest dich vor einer Kamera zeigen – vor fremden Menschen.
Kannst du heute begreifen, warum dir das angetan wurde?
Glaubst du, dass die Täter damit Geld verdient haben?

Florina:
Ich weiß leider nicht genau, warum sie das getan hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass sie damit Geld verdient hat. Sie war auf vielen Plattformen unterwegs.


Healthy Lady:
Du hast berichtet, dass auch der damalige Lebensgefährte deiner Mutter dir Leid zugefügt hat.
Was war das für ein Mensch?
Glaubst du, er hat auch anderen Kindern geschadet?
Und wie war es mit deinen Geschwistern – waren sie ebenfalls betroffen?

Florina:
Mein damaliger Stiefvater war ein sehr aggressiver Mensch. Er war viel mit seinem LKW unterwegs, und ich habe es genossen, wenn er weg war. Er hat mir viele schlimme Dinge angetan, von denen ich heute einen Teil nur noch verschwommen erinnere. Auch er hat diese Macht und Befriedigung genossen.
Und ja, er hat auch meinen Geschwistern Leid zugefügt.


Healthy Lady:
Hast du heute noch Kontakt zu deiner Mutter?
Hat sie sich jemals bei dir entschuldigt?
Und wie geht sie damit um, dass du heute öffentlich über deine Geschichte sprichst?

Florina:
Nein, ich habe seit knapp drei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Sie hat sich entschuldigt, aber es war nur ein:
„Es tut mir leid, ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“ Als ich meinen zweiten Sohn geboren habe, konnte ich ihre Nähe nicht mehr ertragen. Je älter mein großer Sohn wurde, desto mehr habe ich gesehen, was ich in seinem Alter bereits durchlebt hatte und welche Verantwortung ich damals schon tragen musste. Ab diesem Punkt konnte ich es nicht mehr aushalten, sie zu sehen. Sie weiß von meinen Videos und ist dabei, ihre „Zeugen“ zusammenzutrommeln. Einige ihrer Leute haben sich bereits bei mir gemeldet und mir gedroht. Ich bekomme fast täglich Nachrichten von Fake-Profilen, in denen mir weiter gedroht wird. Aber ich gebe nicht auf.

„Mein Stiefvater verkleidete sich als Monster, und ich musste mich – ohne zu wissen, dass er es ist – auf seinen Schoß setzen.“


Kampf, Gerechtigkeit & Systemversagen

Healthy Lady: Das Jugendamt wusste, dass etwas nicht stimmt.
Erzieher, Lehrer und deine Oma meldeten sich – und doch geschah nichts.
Wenn du heute daran denkst: Was fühlst du? Wut? Enttäuschung? Oder das Gefühl, dass man dich aufgegeben hat?

Florina:
Ich bin heute sehr wütend und enttäuscht vom Jugendamt. Sie hatten schon damals diverse Beweise auf dem Tisch liegen. Erzieher, Lehrer und meine Oma haben sich dort gemeldet – und trotzdem geschah nichts. Bis heute verstehe ich nicht, warum nicht gehandelt wurde.


Healthy Lady: Du hast Einsicht in deine Akten beantragt – und erfahren, dass du nur die Hälfte davon lesen darfst, weil die Täter zustimmen müssen.
Wie erklärst du dir das? Wie kann so etwas sein?

Florina:
Dass ich nur die Hälfte meiner Akte sehen darf, verstehe ich bis heute nicht. Warum muss ich meine Täter um Erlaubnis fragen, um meine eigene Geschichte lesen zu dürfen? Das war einer der Gründe, warum ich es öffentlich gemacht habe und meine schreckliche Kindheit teile. Denn das, was mir passiert ist, passiert nicht nur mir, sondern so vielen anderen. Das System hat so viele Fehler. Und das muss gehört und gesehen werden.


Healthy Lady: Deine Täter sind nie verurteilt worden.
Sie leben frei – während du mit den Folgen leben musst.
Gibt es Momente, in denen du dir wünschst, sie würden fühlen, was sie dir angetan haben?

Florina:
Ja, es gibt Momente, in denen mich diese Ungerechtigkeit sehr trifft. Sie leben ihr Leben weiter, während ich bis heute mit den Folgen kämpfen muss. Das fühlt sich manchmal einfach unfair an. Aber zu wissen, dass sie meine Videos sehen, Angst bekommen und mit aller Kraft versuchen, mich mundtot zu machen, zeigt mir, dass sie keine Macht mehr über mich haben. Und das gibt mir sehr viel zurück. Ich möchte, dass sie für immer weggesperrt werden. In meinen Augen haben sie hier nichts mehr verloren.


Leben mit den Folgen – Trauma, Mutterschaft & Heilung

Healthy Lady: Du bist heute selbst Mutter von zwei Kindern.
Wenn du sie ansiehst – ihre Liebe, ihr Vertrauen – wie fühlt sich das für dich an?
Was für eine Mutter bist du heute?
Und kannst du das Verhalten deiner Mutter in irgendeiner Form nachvollziehen?

Florina:
Wenn ich meine Kinder ansehe, spüre ich vor allem Verantwortung. Diese kleinen Menschen vertrauen mir bedingungslos. Sie sind offen, ehrlich, verletzlich, genau so wie ich es damals auch war. Ich weiß, was Kinder brauchen. Nähe, Sicherheit, Schutz. Und genau deshalb kann ich das Verhalten meiner Mutter nicht nachvollziehen. Egal, was sie selbst erlebt hat, ich könnte meinen Kindern niemals das antun, was sie mir angetan hat. Ich bin heute eine Mutter, die hinschaut. Die fragt. Die zuhört. Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.


Healthy Lady: Viele Mütter, die selbst Schlimmes erlebt haben, sagen,
dass die Liebe zu ihren Kindern zugleich Heilung und Schmerz bedeutet.
Geht es dir auch so?

Florina:
Ja. Absolut.
Meine Kinder heilen etwas in mir und gleichzeitig zeigen sie mir jeden Tag, was mir damals gefehlt hat. Manchmal sehe ich meinen Sohn und denke: In diesem Alter habe ich schon Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte. Das tut weh. Aber es gibt mir auch Kraft. Denn ich kann heute einen anderen Weg gehen.

„Ich will, dass meine Kinder wissen, dass sie mit allem zu mir kommen dürfen. Dass es keine Geheimnisse geben muss, die Angst machen.“


Healthy Lady: Du hast einmal gesagt, dass du noch immer unter den Folgen deines Traumas und unter Depressionen leidest.
Wie fühlt es sich an, als Mama mit Depressionen zu leben?
Wie geht deine Familie damit um? Unterstützen sie dich?

Florina:
Es ist schwer. Es gibt Tage, an denen alles zu viel ist. An denen ich funktioniere, aber innerlich leer bin. Als Mutter trägt man Verantwortung auch dann, wenn man selbst kaum Kraft hat. Meine Familie weiß das. Sie unterstützt mich. Sie wissen, dass es Phasen gibt, in denen ich mehr Rückzug brauche. Ich versuche offen damit umzugehen, auch vor meinen Kindern – altersgerecht. Sie sollen lernen, dass Gefühle da sein dürfen. Auch die schweren.


Healthy Lady: In einem deiner Videos erklärst du Eltern, wie wichtig es ist, Kinder zu sensibilisieren –
dass es falsch ist, wenn ein Erwachsener ein „Geheimnis“ mit ihnen teilt oder sie berührt.
Wie sprichst du darüber mit deinen eigenen Kindern?

Florina:
Ich spreche sehr offen mit ihnen. Natürlich kindgerecht.
Ich erkläre ihnen, dass ihr Körper ihnen gehört. Dass niemand sie anfassen darf, wenn sie das nicht wollen. Und dass es Geheimnisse gibt, die man immer erzählen darf, besonders dann, wenn sie sich komisch oder beängstigend anfühlen. Ich möchte, dass sie wissen: Mama hört zu. Mama glaubt euch. Und Mama schützt euch.


Wenn du helfen willst – oder selbst Hilfe brauchst

Florinas Geschichte ist kein Einzelfall. Sie ist ein Weckruf. Für Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freund:innen, für uns alle. Kinderschutz beginnt nicht bei Gesetzen, sondern bei Achtsamkeit, Vertrauen und Mut. Wenn du heute Florinas Worte gelesen hast, dann geh nicht einfach zur Tagesordnung über. Sieh hin. Hör hin. Frag nach.

Wenn du das Gefühl hast, dass ein Kind in Gefahr ist oder du selbst betroffen bist – schweige nicht. Hier bekommst du sofort, kostenlos und anonym Hilfe: Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ – 0800 22 55 530
Nummer gegen Kummer – Kindertelefon: 116 111 / Elterntelefon: 0800 111 0 550
Weißer Ring e.V. – 116 006
Polizei / Jugendamt – bei akuter Gefahr: 110


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„Sie sagten, wir seien verrückt.“ – Warum ein Paar sein sicheres Leben für 365 Inseln in der Karibik aufgab

Das Leben in der Karibik an Bord einer Yacht, begleitet vom Wind, der Sonne und dem sanften Rhythmus der Wellen, die gegen den Rumpf des Bootes schlagen. Für viele ist das nur ein ferner Traum. Für Aga und Paweł, das eingespielte Team von Sailing La Vision, ist es längst Realität. Während sie als gute Seele an Bord mit viel Herz und Intuition dafür sorgt, dass aus Fremden Freunde werden, lenkt er die Yacht als besonnener Kapitän mit ruhiger Hand und einer tiefen Leidenschaft für Abenteuer durch das kristallklare Wasser. Gemeinsam verkörpern sie eine inspirierende Botschaft. Freiheit fällt nicht einfach vom Himmel. Sie ist die Belohnung für all jene, die den Mut haben, ihren eigenen Kurs zu setzen.

Wo der feste Boden endet, beginnt die Vision

Heute begeben wir uns an Bord ihrer Yacht auf eine Reise zu den San-Blas-Inseln, einem tropischen Archipel aus rund 365 winzigen Eilanden, die wie Perlen im türkisfarbenen Meer vor der Küste Panamas verstreut liegen. Es ist ein Ort, der selbst erfahrenen Weltenbummlern den Atem raubt. Wer hier ankommt, merkt schnell, dass die Zivilisation weit entfernt ist. Hotels, Straßen und der Lärm der Stadt sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Natur in ihrer ursprünglichsten Form, fast so, als wäre sie noch immer so erhalten, wie Gott sie schuf. Wer glaubt, das wahre Paradies liege auf den Malediven oder den Seychellen, wird hier eines Besseren belehrt. Wahre Schönheit braucht keine fünf Sterne und kein Blitzlichtgewitter.

Die Entscheidung, das sichere Land gegen den unberechenbaren Ozean einzutauschen, wirkt für viele wie Wahnsinn. Vielleicht ist sie das auch ein wenig. Doch genau dort, wo man den festen Boden unter den Füßen verliert, beginnt oft das eigentliche Leben. Die beiden Polen fanden den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vor drei Jahren ließen sie ihr Stadtleben in Frankreich hinter sich, kündigten ihre sicheren Jobs, verkauften ihr Hab und Gut und tauschten die tägliche Routine gegen das Abenteuer des offenen Ozeans.

In Kolumbien, unter der heißen Sonne Südamerikas, fanden sie schließlich ihr Boot. Eine Yacht mit Geschichte, der sie mit viel harter Arbeit neues Leben einhauchten. Heute ist die Vision mehr als nur ihr Zuhause. Sie ist das Symbol für ihren Traum von Freiheit und einer selbstgeschriebenen Lebensgeschichte.

Vor der Küste Panamas, im autonomen Guna-Gebiet San Blas, ankert die Yacht von Aga und Paweł. (Foto: Aga & Pawel)

10 auf der Beaufortskala

Wer an Bord kommt, merkt schnell, dass dies kein gewöhnlicher Urlaub ist, sondern eine Erfahrung, die lange in Erinnerung bleibt. Schon der erste Morgen barfuß an Deck, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und dem Blick auf das endlose Blau, bringt eine Ruhe, die im Alltag oft fehlt. Mit ihrer Yacht bieten Aga und Paweł Segelreisen für kleine Gruppen aus aller Welt an. Die Tage verlaufen entspannt zwischen Segeln, Gesprächen unter freiem Himmel und Landgängen auf einsamen Inseln. Man taucht an Korallenriffen, erkundet den Dschungel oder besucht die Dörfer der Guna, die seit Generationen im Einklang mit der Natur leben.

Doch selbst über dem Paradies liegen manchmal Schatten, und sie werden von der wahren Herrscherin bestimmt, dem Wetter. An einem Tag schenkt sie Windstille und spiegelglattes Wasser, am nächsten erinnert sie kraftvoll daran, wer hier wirklich das Sagen hat. Wer ihre Zeichen ignoriert, merkt schnell, wie klein der Mensch gegenüber den Kräften des Ozeans ist.


Kampf gegen die Urgewalt

Healthy Lady: Ihr lebt inmitten einer wilden Natur, die euch nicht nur paradiesische Ausblicke schenkt, sondern auch gewaltige Kräfte entfesselt. Gab es Momente, in denen „10 Beaufort“ nicht mehr nur eine Zahl im Wetterbericht war, sondern purer Überlebenskampf?

Aga: Eigentlich ist die goldene Regel: Vermeide solche Situationen um jeden Preis, indem du die Wetterkarten im Auge behältst. Aber Theorie und Praxis sind zwei Paar Schuhe. Wir sind schon mitten auf dem Meer in schwere Unwetter geraten. Wenn ich ehrlich bin, war das unsere eigene Schuld. Wir hatten den perfekten Moment für die Überfahrt nach Mexiko schlichtweg verpasst und sind erst losgekommen, als die Hurrikan-Saison eigentlich schon begonnen hatte.

Unser Ziel war noch 2000 Seemeilen weit weg und wir hatten keine Wahl: Wir mussten segeln, denn die einzige Alternative zu den nächtlichen Gewittern wären echte Hurrikans gewesen. Fast jede Nacht zogen diese Gewitterfronten auf. Ohne das Radar hätten wir keine Chance gehabt, ihnen irgendwie auszuweichen.

An einem Abend passierte es dann, wir saßen in der Falle. Von der Küste kam eine schwere Gewitterzelle herunter und vom offenen Meer schoben sich pechschwarze Wolkenwände auf uns zu. Es gab keinen Ausweg mehr. Wir waren zu dritt, drei polnische Yachten im Verbund, ganz dicht beieinander, um uns über Funk noch irgendwie hören zu können.

Und dann ging es los. Überall um uns herum schlugen die Blitze ein. Wir haben unsere Freunde völlig aus den Augen verloren und komplett die Orientierung verloren, weil plötzlich die gesamte Navigation ausgefallen ist. Ich konnte die Augen gar nicht mehr aufmachen, so sehr hat das gleißende Licht der Blitze geblendet, die direkt neben dem Boot ins Wasser krachten. In diesem Moment war ich mir sicher: Entweder trifft uns ein Blitz oder wir kollidieren bei dieser Sicht mit einer der anderen Yachten. Bis heute habe ich keine Ahnung, durch welches Wunder uns nichts passiert ist.

Gewitterfront vor der Küste Mexikos: Tropische Stürme entstehen oft innerhalb kurzer Zeit. Radar und aktuelle Wetterdaten helfen Seglern, gefährliche Zellen frühzeitig zu erkennen. (Foto Aga & Pawel)

Healthy Lady: Ihr habt mit der Vision fünf Länder Lateinamerikas durchquert – das klingt nach einem einzigen großen Abenteuer. Welches Erlebnis war für euch das schönste, welches das außergewöhnlichste und welches das schlimmste? Gibt es ein Land oder einen Ort, den ihr besonders ins Herz geschlossen habt oder der euch im Gegenteil eher abgeschreckt hat?

Paweł: Ein Abenteuer war es definitiv. Vor allem, weil wir vorher nie Kontakt zur Kultur Mittelamerikas oder Mexikos hatten. Als wir aufbrachen, sprachen wir nicht einmal Spanisch. Es ist eine einmalige Erfahrung, am eigenen Leib zu spüren, wie das Leben der indigenen Bevölkerung Amerikas wirklich aussieht.

Doch was uns immer am tiefsten in Erinnerung bleibt, ist die Natur. Das wohl schönste Phänomen, das wir je gesehen haben, ist die Biolumineszenz. Wir haben viel Zeit auf dem Pazifik verbracht, wo sie uns ständig begleitete. Auf unseren Nachtfahrten, erst in Richtung Mexiko und später nach Panama, hatten wir praktisch jede Nacht eine Logenplatz-Garantie für dieses Spektakel.

Nicht nur das Wasser, das am Bug der Yacht aufspritzte, leuchtete – auch alles, was die Meerestiere unter der Oberfläche bewegten. Wir werden niemals den Anblick der Delfine vergessen, deren Umrisse durch das Leuchten so klar erkennbar waren, als wären sie mit Licht gemalt. Reine Magie. Das Schlimmste hingegen sind die Gewitter, von denen wir schon erzählt haben. Die Natur ist unberechenbar und sie hat uns schon einige Male ordentlich zugesetzt.

Aga: Wir werden niemanden überraschen, wenn wir sagen, dass San Blas unser absoluter Lieblingsort ist. Aber fast genauso weit oben in unserem persönlichen Ranking steht der Golf von Kalifornien in Mexiko. Das ist die absolute Einöde – eine einzige, riesige Wüste voller Kakteen. Jeden Winter kommen Wale aus Alaska in das Mar de Cortés, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dazu kommen Walhaie, ganze Schwärme von Rochen und Seelöwen. Nirgendwo sonst haben wir eine so unglaubliche Vielfalt an Wildtieren erlebt.

Einen weiten Bogen machen wir hingegen um typische Touristenorte, die klassischen Resorts. Wir haben uns die Yacht schließlich nicht gekauft, um unsere Zeit in Menschenmassen zu verbringen.


Healthy Lady: Habt ihr eigentlich keine Angst vor wilden Tieren oder Tropenkrankheiten? Gab es mal eine Begegnung, die euch so richtig in den Knochen steckt?

Aga: Natürlich haben wir Respekt, aber wir lassen uns die Weltreise nicht von der Angst diktieren. Wir sind gegen alles geimpft, was geht, sprühen uns fleißig mit Insektenschutz ein und halten zu gefährlichen Tieren lieber Sicherheitsabstand. In den Dschungel gehen wir zum Beispiel nur mit einheimischen Guides – die sehen eine Schlange schon meilenweit gegen den Wind, während wir noch ahnungslos durchs Gebüsch stolpern.

Aber manchmal halten die wilden Tiere eben keinen Abstand, sondern kommen direkt zu uns an Bord. Als wir gerade von Kolumbien nach Panama rübergekommen waren und in einer gottverlassenen Bucht vor Anker lagen, hatten wir plötzlich einen blinden Passagier auf der Vision. In einem kleinen Staufach ganz vorne am Bug hockte ein Wesen, das aussah wie eine Kreuzung aus Katze, Lemur und Affe. Wir hatten keine Ahnung, was das war.

Wir waren auch ehrlich gesagt nicht mutig genug, das Vieh einfach anzupacken und an Land zu bringen. Also sind wir mit dem Dinghy zu zwei Pfahlhütten rübergerudert, wo ein paar Guna-Indianer lebten, und haben sie um Hilfe gebeten. Die verstanden zwar kaum ein Wort, aber für ein paar Kekse und eine Cola waren sie dabei.

Doch stell dir meine Augen vor, als die Indianer plötzlich völlig panisch vom Staufach zurückwichen und laut „Diablo!“ schrien. Unser flauschiger Gast dachte nämlich gar nicht daran, das Schiff kampflos zu räumen. Er schoss aus seinem Versteck, fauchte uns an und fuhr die Krallen aus. Er baute sich auf den Hinterbeinen an der Reling auf und machte sich so groß er konnte – ein richtiges kleines Monster.

Ich weiß nicht, was wir gemacht hätten, wenn er uns angegriffen hätte. Aber zum Glück hat er seine Siegchancen wohl nicht so hoch eingeschätzt und ist mit einem Satz über Bord gesprungen. Wir haben dann noch eine halbe Stunde lang mit weichen Knien beobachtet, wie seine Augen im Dunkeln im Wasser leuchteten, bis er endlich im Gebüsch verschwand.

Das Beste kommt aber noch: Hinterher haben wir herausgefunden, dass unser „gefährliches Biest“ ein Wickelbär war. Ein kleiner Verwandter des Waschbären, der sich fast nur von Honig und Obst ernährt. Aber ich sag dir: In dieser Nacht sah er alles andere als süß aus!

Ein Wickelbär (Kinkajou), ein nachtaktiver Bewohner der mittelamerikanischen Regenwälder. Mit einer bis zu 20 Zentimeter langen Zunge und einem kräftigen Greifschwanz bewegt er sich lautlos durch die Baumkronen und ernährt sich vor allem von Früchten, Nektar und Honig. Für Menschen ist er in der Regel nicht gefährlich, doch fühlt er sich bedroht, kann er mit scharfen Krallen und kräftigen Bissen überraschend wehrhaft reagieren.

Alles auf eine Karte

Healthy Lady: Wie kam es zu der Idee, ein so ungewöhnliches Leben zu führen und das sichere Leben an Land gegen ein Leben auf dem Meer einzutauschen? Was habt ihr in Europa außer euren Familien zurückgelassen?

Paweł: Die Idee kam ganz unerwartet bei einem Firmenevent. Ich war für ein Wochenende auf den Masuren segeln und mir wurde wieder bewusst, wie viel Freude das Segeln macht. Ich begann mich zu fragen, ob wir uns vielleicht ein eigenes Boot leisten könnten. Auf der Suche nach Antworten stieß ich auf YouTube-Kanäle von Menschen, die dauerhaft auf ihren Booten leben und ihr Leben auf See dokumentieren. Das war ein echter Wendepunkt.
Bis dahin wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass man auf einem Segelboot auch wirklich dauerhaft wohnen kann. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich alles über das Segeln und die Reparatur von Yachten lernen musste. Und natürlich musste ich Aga davon überzeugen, unser ganzes Leben umzukrempeln. Irgendwie war ich mir sicher, dass das funktionieren würde.

Die nächsten Jahre verbrachten wir damit, unseren Plan immer weiter auszuarbeiten. Im Mai 2022 fanden wir schließlich die Vision. Eigentlich hatten wir nie vor, ein Boot außerhalb Europas zu kaufen, schon gar nicht in Kolumbien. Aber manchmal entscheidet das Leben selbst über den Kurs. Die Idee, schrittweise auf ein Boot zu ziehen und gleichzeitig weiter zu arbeiten, war damit vom Tisch. Wir setzten alles auf eine Karte. Wir kündigten unsere Jobs, verkauften unser Auto, packten unser Leben in vier Koffer und flogen im November nach Südamerika, ohne Rückflugticket. Ein kleiner Vorteil war, dass wir schon einige Jahre zuvor Polen verlassen hatten und inzwischen in Frankreich lebten. Die Distanz zu Familie und Freunden kannten wir also bereits. Wir führten dort ein komfortables Leben und arbeiteten beide in Managementpositionen. Gerade deshalb war die Entscheidung, alles hinter uns zu lassen, für unser Umfeld wohl der größte Schock.


Healthy Lady: Wie plant man überhaupt eine solche Auswanderung? Wo fängt man an, wenn man sein bisheriges Leben hinter sich lassen möchte?

Paweł: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht mit Geld beginnt. Segeln und um die Welt reisen klingt natürlich sehr romantisch, aber ohne die nötigen finanziellen Mittel wäre das alles nicht möglich. Einen Segelboot zu besitzen und zu betreiben ist teuer. Wir scherzen oft mit Freunden darüber, dass es völlig egal ist, wie viel Geld man für ein Boot einplant. Am Ende gibt man sowieso alles aus, was man hat.

Unsere Vorbereitung begann mit viel Recherche. Wir wollten genau wissen, wie viel das Leben in den Ländern kostet, die wir besuchen wollten, und welche Ausgaben beim Unterhalt eines Segelboots auf uns zukommen würden. Dann haben wir das auf unsere Arbeitszeit umgerechnet und festgestellt, dass wir in zwei bis drei Jahren genug Geld sparen könnten, um etwa zwei Jahre auf Reisen zu leben. Danach mussten wir unseren Plan nur noch konsequent umsetzen. In dieser Zeit nahmen wir an mehreren Segeltörns in warmen Gewässern teil und machten unseren Segelschein in Kroatien. Als wir schließlich das Gefühl hatten, zumindest ein bisschen Erfahrung gesammelt zu haben, kauften wir die Vision. Unser erster Törn allein brachte uns allerdings schnell wieder auf den Boden der Tatsachen. Wir mussten ihn abbrechen und in den Hafen zurückkehren. Da wurde uns klar, dass uns noch eine Menge Erfahrung fehlte.


Healthy Lady: Wie sah der Tag aus, an dem ihr Europa endgültig verlassen habt? Gab es Menschen, die versucht haben, euch von diesem Schritt abzuhalten? Wie haben eure Familien auf diesen „verrückten“ Plan reagiert, auf einem Boot in Südamerika zu leben?

Aga: Paweł hat seiner Familie von Anfang an von dieser Idee erzählt. Natürlich waren sie zunächst skeptisch, aber wir wussten immer, dass wir auf ihre Unterstützung zählen können. Ich selbst habe meinen Eltern von unserem verrückten Plan erst einen Tag vor unserem Flug erzählt, als wir nach Kolumbien reisen wollten, um uns eine Yacht anzusehen. Erst wenn sie dieses Interview lesen, werden sie erfahren, dass unsere ganze Geschichte eigentlich schon zwei Jahre früher begonnen hat. Zu meiner großen Überraschung hat jedoch niemand versucht, uns von unserer Entscheidung abzubringen. Natürlich hielten uns alle ein bisschen für verrückt, aber gleichzeitig haben sie uns sehr dabei unterstützt, diesen Traum zu verwirklichen.

Der Tag unserer Abreise verlief allerdings ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Eigentlich sollte mein Vater mit uns nach Kolumbien fliegen, um uns sowohl technisch als auch moralisch zu unterstützen. Doch drei Wochen vor dem Abflug erlitt er einen Schlaganfall und musste ins Krankenhaus. Eine Körperseite war gelähmt. Von einem Tag auf den anderen bat ich meinen Chef um die Möglichkeit, vorübergehend aus Polen zu arbeiten. Die letzten Wochen in Europa verbrachte ich daher bei meinem Vater auf der neurologischen Station. Währenddessen regelte Paweł noch die letzten Dinge in Frankreich und packte all unser Hab und Gut in unseren Opel. Als wir schließlich in Polen ankamen, blieb kaum Zeit. Wir packten nur noch unsere Sachen um und verabschiedeten uns von der Familie. Bis zum letzten Moment wusste ich nicht, ob ich wirklich fliegen oder den Flug verschieben sollte. Es war keine leichte Entscheidung, und ich habe noch lange danach mit ihr gerungen.

In Frankreich kündigten die beiden Polen ihre Managerkarrieren und tauschten Büro, Termine und Großstadt gegen ein selbstbestimmtes Leben auf See. (Foto: Aga & Pawel)

Ein Zuhause, das man sich selbst bauen musste

Healthy Lady: Wie habt ihr eure Yacht gefunden? War es Liebe auf den ersten Blick? Was habt ihr gedacht, als ihr sie zum ersten Mal gesehen habt? Wusstet ihr sofort, dass sie einmal euer Zuhause sein würde?

Aga: Unter Seglern gibt es ein bekanntes Sprichwort. Ein Bootseigner lächelt nur zweimal. Das erste Mal, wenn er das Boot kauft, und das zweite Mal, wenn er es verkauft. Wir hörten diesen Satz zum ersten Mal von anderen Seglern, denen wir voller Begeisterung erzählten, dass wir eine wirklich tolle Yacht gefunden hatten, die angeblich nicht viel Arbeit brauchen würde. Schon nach den ersten Tagen in der Werft verstanden wir, was sie damit meinten. Am Anfang waren wir aber einfach voller Begeisterung.

Die Vision entdeckten wir schließlich in einer Facebook-Gruppe. Zuerst waren wir eher zurückhaltend, vor allem wegen der großen Entfernung. Am Ende überzeugte uns jedoch, dass die Yacht viele Punkte auf unserer Wunschliste erfüllte und der Besitzer bereit war, über den Preis zu verhandeln. Relativ spontan entschieden wir uns, nach Kolumbien zu fliegen, um sie uns anzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass genau diese Yacht unser neues Zuhause werden könnte. Wie wichtig mir das war, wurde mir erst richtig bewusst, als bei der technischen Inspektion in der Werft plötzlich mehrere Mängel auftauchten, von denen wir vorher nichts gewusst hatten. Plötzlich stand der Kauf der Vision wieder auf der Kippe.


Healthy Lady: Ihr habt die Vision selbst renoviert und wieder instand gesetzt. Was war dabei am schwierigsten? Wann hattet ihr das Gefühl, dass sie wirklich euer Zuhause geworden ist?

Paweł: Wir hatten erwartet, dass es mit einem Boot ähnlich ist wie mit einem Auto oder einer Hausrenovierung. Man findet überall Fachleute, die die Arbeit übernehmen. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. In diesem Teil der Welt ist die Arbeitskultur kaum mit der in Europa zu vergleichen. Niemand hat es eilig und nur selten fühlt sich jemand wirklich verantwortlich. Das war für uns schwer zu akzeptieren, vor allem weil es um unser gesamtes Hab und Gut ging. Schritt für Schritt begann ich deshalb, jedes System an Bord selbst zu verstehen. Ich reparierte jede Störung selbst und plante gleichzeitig weitere Verbesserungen. Am einfachsten waren für mich die Arbeiten an der Elektrik, weil ich in diesem Bereich studiert habe. Am schwierigsten bleiben bis heute Reparaturen am Dieselmotor.

Zum Glück haben wir auf unserem Weg viele großartige Menschen kennengelernt, die ihr Wissen mit uns geteilt und uns immer wieder geholfen haben. Auch dank dieser anderen Segler fühlten wir irgendwann, dass dies nun unser Platz auf der Welt ist. Ein Leben in einer so engen Gemeinschaft hatten wir zuvor noch nie erlebt. Wenn jemand ein Problem hat, lassen hier alle anderen alles stehen und liegen und helfen. So ist mit der Zeit unsere große Cruisers Familie entstanden.

Paweł bei Wartungsarbeiten am Rumpf der „Vision“. Auf Langfahrt gibt es keinen Pannendienst. Reparaturen und technische Instandhaltung müssen selbst übernommen werden, oft fernab jeder Infrastruktur. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Gab es Momente des Zweifelns? Zeiten, in denen ihr eure Entscheidung bereut habt?

Aga: Natürlich. Am Anfang gab es kaum eine Woche, in der ich mich nicht gefragt habe, was uns eigentlich geritten hat. Ständige Reparaturen, immer neue Baustellen, wechselndes Wetter und Probleme mit Behörden. So hatten wir uns unsere Reise nicht vorgestellt. Nach ein paar Monaten wurde es langsam besser. Trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem die Vision sogar auf einer Verkaufsplattform landete. Heute wissen wir, dass fast alle Cruiser diese Phase erleben. Ganz egal, wie gut sie sich auf dieses Leben vorbereitet haben.


San Blas – dort, wo die Zeit stehen geblieben ist

Healthy Lady: Warum gerade San Blas? Was ist an diesem Ort so besonders? Wie sind die Menschen, die dort leben? Wie sieht das Leben unter den indigenen Bewohnern, den Guna-Indianern, aus?

Paweł: Wir sind eigentlich eher zufällig hier gelandet. Wie die meisten Europäer hatten wir zuvor noch nie von diesem Archipel gehört. Ursprünglich wollten wir zu den Bahamas und weiter in die östliche Karibik segeln. Als wir jedoch bereit waren, Kolumbien zu verlassen, war es bereits zu spät, um noch in diese Richtung aufzubrechen.

In der Gegend um Cartagena beginnen im Winter starke Winde zu wehen, die das Segeln sehr schwierig machen. Andere Segler rieten uns deshalb, die Richtung zu ändern und mit den Wellen nach Panama zu segeln. Zuerst landeten wir in einer Bucht an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama. Das Festland ist von dichtem Dschungel bedeckt, durch den sich Migranten ihren Weg bahnen, die versuchen, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Die meisten Inseln sind unbewohnt. Nur auf einigen wenigen haben die indigenen Bewohner ihre Dörfer gebaut. In den drei Wochen, die wir dort verbrachten, sahen wir nur eine einzige Yacht. Kein Wunder also, dass wir überall, wo wir auftauchten, großes Interesse bei den Einheimischen auslösten.

Ganz ungeplant nahmen wir in einem der größten traditionellen Dörfer an den Feierlichkeiten zum 98. Jahrestag der Revolution in Guna Yala teil. Wir sahen eine Nachstellung der Kämpfe mit der panamaischen Polizei, hörten Musik auf Instrumenten, die an Panflöten erinnerten, und beobachteten Frauen der Guna, die im Rhythmus dieser Musik tanzten. Als das Programm schließlich den Punkt erreichte, an dem überall selbst gebrannter Alkohol ausgeschenkt wurde, beschlossen wir, dass es Zeit war, zu unserer Vision zurückzukehren. Danach segelten wir weiter nach Westen entlang der Küste und erreichten schließlich die Bucht von San Blas, also den bekanntesten Teil von Guna Yala. Vor uns lag kristallklares Wasser, weite Korallenriffe und noch mehr unbewohnte Inseln. Wieder einmal hatte das Schicksal unseren Kurs bestimmt. Dieses Mal waren wir ihm dafür jedoch sehr dankbar. Es ist ein einzigartiger Ort und wir empfinden es als großes Privileg, ihn noch erleben zu dürfen, bevor er eines Tages vielleicht im Meer verschwindet.

Frauen der Guna-Gemeinschaft in Guna Yala (Panama) mit handgefertigten Molas – kunstvolle Stoffapplikationen, die Teil ihrer traditionellen Tracht und zugleich eine wichtige Einkommensquelle sind. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Wie würdet ihr die Natur dort beschreiben? Die Tiere, das Meer und den Rhythmus des Lebens? Und worin unterscheidet sich das Leben in Südamerika von dem in Europa?

Aga: Im Alltag begegnen wir vor allem der Meeresfauna. An fast jedem Korallenriff sieht man bunte Fische, schlafende Haie und Langusten, die sich unter Steinen verstecken. Im flachen Wasser rund um die Inseln liegen oft orangefarbene Seesterne und verschiedene Arten von Rochen. Bei ihnen muss man besonders vorsichtig sein, damit man nicht versehentlich auf einen tritt. Das kann sehr schmerzhaft enden. Manchmal begleiten uns auch Delfine, die auf der Bugwelle des Bootes surfen, und Meeresschildkröten, die auf den Unterwasserwiesen grasen. Im Dschungel kann man mit etwas Glück Vögel, Affen, Faultiere und sogar Krokodile entdecken.

Vor allem wegen dieser Natur unterscheidet sich das Leben in Mittelamerika stark von dem in Europa. Hier hängt vieles vom Wetter und von den Jahreszeiten ab. Wenn die Regenzeit beginnt, weiß man zum Beispiel, dass viele Straßen unpassierbar werden können. Viele Menschen leben unter einfachen Bedingungen und haben nur wenige Perspektiven auf Veränderung. Trotzdem sind sie sehr offen und hilfsbereit. In den kleineren Orten kennt man sich meist untereinander und begegnet sich mit großer Herzlichkeit.


Healthy Lady: Und wie schmeckt das Paradies? Was isst man auf den Inseln und was sollte man unbedingt probieren?

Paweł: Auf den Tellern in San Blas steht ganz klar die Languste im Mittelpunkt. Das ist ein großer Krebs, der dem Hummer ähnelt. Außerdem werden viele verschiedene Fische, Krabben und Meeresschnecken gegessen. Eine Beilage, die man unbedingt probieren sollte, sind Patacones, also frittierte Kochbananen, sowie Kokosreis.

Wir empfehlen jedem auch frisches Kokoswasser direkt aus der Nuss zu trinken und das weiche Fruchtfleisch zu essen. Wusstest du, dass eine einzige Kokosnuss mehr als tausend Kalorien haben kann. Sie kann problemlos eine ganze Mahlzeit ersetzen. Etwas, das wir selbst noch nicht probiert haben, ist Krokodilfleisch. Wir wissen, dass einige ältere Mitglieder der Guna es noch zubereiten, doch heute gehört es nicht mehr zum alltäglichen Essen.


Healthy Lady: Lateinamerika gilt oft als gefährlich. Wie erlebt ihr das selbst? Fühlt ihr euch dort sicher? Gibt es Orte, die man besser meiden sollte?

Aga: Während unserer Reise waren wir in Ländern, die häufig als besonders gefährlich gelten. Dazu gehören El Salvador, Panama, Mexiko und Kolumbien. Wir kennen zwar keine genauen Statistiken zur Kriminalität, aber in den drei Jahren unserer Reise haben wir keine einzige unangenehme Situation erlebt.

Natürlich sollte man immer gesunden Menschenverstand handeln und zum Beispiel Orte meiden, an denen mit illegalen Substanzen gehandelt wird. Die meisten Einheimischen wissen auch sehr gut, dass es ihrer Gemeinde finanziell schaden würde, wenn Touristen Probleme bekommen. Deshalb werden Besucher in der Regel respektvoll behandelt.


Healthy Lady: Viele Menschen glauben, Piraten gäbe es nur noch in Geschichten. Wie sieht die Realität heute aus? Seid ihr auf euren Reisen schon einmal auf Piraterie gestoßen?

Paweł: Leider ja. Es gibt sogar Onlinekarten, auf denen verschiedene Zwischenfälle auf See eingetragen werden. In unserer Region muss man besonders an der Karibikküste von Nicaragua vorsichtig sein. Wir haben Geschichten über Fischerboote gehört, die dort Segelboote verfolgen. Die beste Möglichkeit, sich davor zu schützen, ist außerhalb ihrer Reichweite zu segeln. Diese Boote haben keine Segel und können sich nur so weit vom Ufer entfernen, wie ihr Treibstoff reicht. Überraschend viele Zwischenfälle werden übrigens auch aus Thailand gemeldet. Man muss allerdings bedenken, dass als Piraterie jede unerlaubte Annäherung oder jedes Eindringen in ein Boot gilt. Dazu gehören auch Diebstähle von Booten, die in Marinas liegen.

Wir selbst gerieten vor etwa zwei Jahren in eine merkwürdige Situation in der Nähe von Nicaragua, allerdings auf der Pazifikseite. Ein großes Fischerboot näherte sich nachts gefährlich dicht dem Boot eines Freundes, blendete ihn mit starken Lichtern und reagierte nicht auf Funkrufe. Als wir etwas Abstand gewinnen konnten, schalteten wir alle Lichter aus und änderten unseren Kurs, damit sie uns in der Dunkelheit nicht mehr finden konnten. Bis heute wissen wir nicht, was ihre Absicht war, aber sie verfolgten uns fast eine Stunde lang.


Eine Einladung ins Paradies

An Bord der „Vision“ kocht Aga für ihre Gäste selbst. Auf den Tisch kommen frische, gesunde Gerichte mit tropischen Früchten aus San Blas und Fisch aus dem karibischen Meer. (Foto: Pawel)

Healthy Lady: Wann kam euch die Idee, euren Traum mit anderen zu teilen und Segelreisen für Gäste anzubieten?

Aga: Der Gedanke war eigentlich von Anfang an irgendwo im Hinterkopf. Trotzdem wollten wir zuerst selbst entdecken, was diese Region alles zu bieten hat, bevor wir die ersten Gäste einladen. Irgendwann standen wir vor einer Entscheidung. Segeln wir mit unseren Freunden weiter nach Französisch-Polynesien, bleiben wir in Mexiko oder kehren wir nach Panama zurück. Wir hatten nicht das Gefühl, dass der richtige Moment für die Überquerung des Ozeans schon gekommen war. Nach mehr als einem Jahr im Land der Tacos brauchten wir außerdem eine Veränderung. Also beschlossen wir, an einen der schönsten Orte der Welt zurückzukehren, nach San Blas, und dieses Abenteuer mit anderen Menschen zu teilen.


Healthy Lady: Was erwartet die Gäste während eines solchen Segeltörns?

Aga: San Blas besteht aus 365 palmengesäumten Inseln, von denen nur etwa vierzig bewohnt sind. Unsere Gäste erwarten dort weiße Sandstrände, kristallklares Wasser, Korallenriffe, frische Kokosnüsse, dichter Dschungel und die Kultur der indigenen Bewohner dieser Region, des Volkes der Guna. Wir sind überzeugt, dass es keine bessere Art gibt, diesen Ort zu erleben, als auf einer Yacht. In Guna Yala gibt es keine Hotels, keine Straßen und keinen Massentourismus. Unter Segeln können wir Inseln erreichen, die von Tagesausflügen aus Panama City gar nicht angesteuert werden. Obwohl dies einer der letzten unberührten Orte der Welt ist, lässt sich San Blas relativ leicht erreichen. Transportunternehmen holen Besucher morgens direkt von ihrem Hotel in Panama City ab. Anschließend geht es mit einem Schnellboot direkt zu unserer Yacht.

Mit unseren Gästen stehen wir bereits einige Wochen vor Beginn des Törns in Kontakt, um bei den Vorbereitungen zu helfen und Fragen zu beantworten. Am einfachsten erreicht man uns über unsere sozialen Netzwerke auf Instagram und Facebook, über WhatsApp oder über unsere Website sanblas.pl.

Gäste der „Vision“ erleben San Blas vom Wasser aus – mit Stopps in abgelegenen Buchten, Zeit zum Schwimmen und Schnorcheln sowie unmittelbarer Nähe zur Natur. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Wie viel kostet eine Reise mit Sailing La Vision und was ist im Preis enthalten?

Aga: In dieser Saison hängt der Preis für einen Aufenthalt auf der Vision von der gewählten Kabine ab. Ein Platz in der kleineren Kabine mit Etagenbett kostet 1050 US Dollar pro Person. Die größere Kabine mit Doppelbett kostet 1350 US Dollar pro Person. Für Paare, die mehr Ruhe und Privatsphäre wünschen, bieten wir auch private Törns für 1750 US Dollar pro Person an. Im Preis enthalten sind zehn Übernachtungen in der gewählten Kabine mit Zugang zu einem privaten Bad, Frühstück, die Betreuung durch den Kapitän, eine Einführung ins Segeln sowie der Service einer Stewardess. Dazu gehören die Versorgung der Yacht mit Lebensmitteln, Kochen und Reinigung.

Außerdem bieten wir auch andere Yachten an, darunter einen geräumigen Katamaran mit glutenfreier Verpflegung. Das ist eine ideale Option für Menschen mit Zöliakie. Alle Törns werden von Personen geführt, die dieses Revier sehr gut kennen. So fühlen sich unsere Gäste sicher und können sicher sein, mit uns die schönsten Orte des karibischen Archipels San Blas zu entdecken. Wir laden alle herzlich ein, noch in dieser Saison mit uns zu segeln. Die Saison dauert bis Mai.


Der Ozean lehrt Demut

Healthy Lady: Was hat euch das Leben auf dem Meer über euch selbst und über die Welt gelehrt?

Paweł: Vor allem Respekt vor den Naturgewalten. Es spielt keine Rolle, wie gut dein Boot ist oder wie erfahren du als Segler bist. Meer und Wind können jederzeit zeigen, wer stärker ist. Wir mussten akzeptieren, dass unser Leben stark vom Wetter abhängt. Das ist eine große Lektion in Demut. Außerdem haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen in ärmeren Teilen der Welt leben. Dadurch haben wir noch mehr verstanden, wie privilegiert wir allein durch die Tatsache sind, in Europa geboren zu sein.

Aga: Und wir haben gelernt, uns wirklich aufeinander zu verlassen. Auf einer Yacht sind wir ein Team, in dem jeder seine Aufgaben hat. Wir müssen beide unseren Teil erfüllen, denn davon hängen unsere Sicherheit und unser gemeinsames Leben an Bord ab.


Healthy Lady: Wie definiert ihr heute Glück nach so vielen Jahren auf dem Ozean? Wie beeinflusst das gemeinsame Leben auf dem Wasser eure Beziehung?

Paweł: Glück bedeutet für mich ein Boot, das in einer schönen, ruhigen Bucht vor Anker liegt, und ein kaltes Bier beim Sonnenuntergang. Dazu kommen unsere Freunde von den anderen Booten, mit denen wir Zeit verbringen können. Nach ein paar Jahren auf dem Meer freuen wir uns vor allem über die kleinen Dinge. Manchmal reicht schon der Gedanke, dass auf dem Boot gerade nichts kaputtgegangen ist.

Das Projekt Yacht ist auch ein großer Test für eine Beziehung. Alles, was auf einem Boot passieren kann, wird früher oder später auch passieren. Darauf waren wir am Anfang nicht vorbereitet. Die vielen Reparaturen, Pannen und Planänderungen haben uns oft überfordert. Es gab niemanden um uns herum, der uns helfen konnte. Meist waren nur wir beide da, und manchmal kam dabei auch viel Frust zum Vorschein. Nach drei Jahren können wir aber sagen, dass wir diese Prüfung bestanden haben. Schließlich sind wir immer noch zusammen.

San Blas vor der Küste Panamas umfasst rund 365 Koralleninseln, von denen nur etwa 40 bewohnt sind. Viele ragen nur wenige Meter über den Meeresspiegel hinaus – ein fragiles Ökosystem im Herzen der Karibik. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Viele Menschen sprechen von einer besonderen Energie an bestimmten Orten der Welt, zum Beispiel in Mexiko oder Thailand. Spürt ihr so etwas auch auf dem Meer in San Blas? Wenn ja, wie würdet ihr diese Energie beschreiben?

Aga: Menschen, die schon einmal weit draußen auf dem Meer gesegelt sind, werden verstehen, was ich meine. Alle anderen können es sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen. Im Ozean liegt etwas Magisches. In den Sonnenuntergängen, im offenen Wasser und darin, dass am Horizont kein Land zu sehen ist.

Ich selbst bin eigentlich weder besonders romantisch noch eine leidenschaftliche Seglerin. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich manchmal sogar das Segeln weit draußen auf dem offenen Meer vermisse. Früher konnte ich nicht verstehen, wie Menschen mehrere Tage ohne Pause unterwegs sein können, ohne sich zu langweilen. Mit der Zeit habe ich selbst erlebt, dass man stundenlang auf das Meer schauen kann, ohne dass es langweilig wird. Die Zeit vergeht dort einfach ganz anders.


Healthy Lady: Wohin möchtet ihr mit eurer Vision noch segeln?

Paweł: Oh, wir haben noch viele Pläne und Träume. Auf jeden Fall möchten wir irgendwann die Bahamas und den östlichen Teil der Karibik nachholen, den wir bisher auslassen mussten. Aga träumt davon, die Vision einmal unter der Freiheitsstatue in New York vor Anker zu legen. Und ich würde gerne argentinischen Wein dort trinken, wo er hergestellt wird. Zu unseren größeren Fernzielen gehören außerdem Patagonien, Französisch-Polynesien und irgendwann auch wieder Europa. Wie man sieht, liegen all diese Orte in völlig unterschiedlichen Richtungen, deshalb müssen wir wohl irgendwann Prioritäten setzen. Im Moment haben wir es aber nicht eilig und genießen einfach unser Leben in San Blas.


Healthy Lady: Wenn ihr heute zurückblickt, was würdet ihr eurem früheren Ich sagen, bevor ihr euch auf diese Reise gewagt habt?

Aga: Es wird ganz anders sein, als ihr es euch vorgestellt habt, aber es wird sich trotzdem lohnen. Es wartet viel Arbeit auf euch und auch viele Momente des Zweifelns, doch gemeinsam werdet ihr alles schaffen. Die Welt ist wunderschön. Man muss nur lernen, die eigenen Pläne manchmal loszulassen und sich auf das einzulassen, was das Leben bringt.

Zwischen Ankerplatz und Horizont: Aga und Paweł haben ein Leben gefunden, das nicht auf Karriere, sondern auf Freiheit baut. (Foto: Aga & Pawel)

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„Meine größte Angst war zu sterben. Dann starben meine Liebsten.“ – Wenn Angst das Leben bestimmt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das, worüber wir heute sprechen, geht tief. Es berührt Themen wie Verlust, Suizid und Angst. Dinge, über die man selten spricht, die aber so viele von uns betreffen. Darum möchte ich euch, die gerade selbst durch Trauer gehen oder mit ähnlichen Gedanken ringen, bitten, diesen Artikel vielleicht ein andermal zu lesen. Allen anderen möchte ich heute eine junge Frau vorstellen, deren Geschichte mich tief berührt.


Wenn Angst den Alltag übernimmt

Es gibt Ängste, über die man spricht und Ängste, die man still mit sich trägt, weil sie so tief in einem wohnen, dass Worte kaum reichen. Janet lebt mit einer solchen Angst. Hypochondrie – so heißt ihre Diagnose. Ein Wort, das viele noch immer falsch verstehen.

Denn Hypochondrie bedeutet nicht, dass man sich „einbildet, krank zu sein“. Es bedeutet, dass die Angst vor Krankheit so real ist, dass sie den Alltag beherrscht. Janet lebt in einem ständigen Alarmzustand.

Wenn andere bei Kopfschmerzen nach einer Tablette greifen, denkt Janet an einen Hirntumor. Wenn ihr Herz kurz stolpert, sieht sie sich schon im Krankenhaus. Und wenn sie im Internet Symptome googelt, was sie oft tut, landet sie nach wenigen Minuten in einem Strudel aus Diagnosen, Bildern und Geschichten, die ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Und obwohl Ärzte immer wieder sagen, sie sei körperlich gesund, bleibt die Angst. Weil sie nicht im Körper sitzt – sondern in der Seele.


Der Mut, hinzusehen

Was mich an Janet am meisten bewegt, ist ihre Offenheit. Sie läuft ihrer Angst nicht davon, sie schaut ihr ins Gesicht. Sie spricht über Dinge, über die viele schweigen würden.

Die dreißigjährige Pflegefachkraft zeigt, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der das Internet jede Unsicherheit verstärkt. In der ein einziger Klick auf Google genügt, um aus einem leisen Zweifel eine Panikwelle werden zu lassen. In dieser ständigen Alarmbereitschaft aufzuwachsen, formt ein ganzes Leben. Und doch steht sie jeden Tag auf. Als alleinerziehende Mutter einer Tochter kämpft sie nicht nur gegen ihre große Angst, sondern vor allem für ein leichteres, freieres Leben ihrer kleinen Familie.

Wir sprechen heute über das Weitermachen, wenn das Leben einem alles nimmt, was Halt gibt.
Durch Janets Hypochondrie war der Tod für sie stets präsent als fürchterliche Angst vor dem eigenen Ende. Doch dann geschah das Unerwartete: Nicht ihr eigenes Leben endete, sondern das der Menschen, die sie am meisten liebte – derer, die ihr Halt gaben und auf einmal fehlten.

In der schlimmsten Phase wurde jedes körperliche Gefühl zur Bedrohung. Stundenlanges Googeln von Symptomen hielt Janet in einem Teufelskreis aus Angst und Selbstzweifel gefangen. (Foto: Janet)

Irgendetwas stimmt doch nicht

Healthy Lady: Ich habe dich in einem YouTube-Interview entdeckt und war sehr beeindruckt davon, wie offen du über deine Hypochondrie gesprochen hast. Ich fragte ich mich nur, ob die Zuschauer wirklich begreifen können, was du durchmachst. Doch dann las ich die Kommentare. Hunderte von Menschen schrieben: „Ich verstehe sie.“ „Mir geht es genauso.“ Laut Studien leidet etwa ein Prozent der Deutschen an Hypochondrie. Wenn man diese Stimmen liest, scheint die Dunkelziffer deutlich höher zu sein. Viele wissen nicht einmal, dass ihre Angst einen Namen hat.

Wie war das bei dir? Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, was mit dir los ist? Hattest du zuvor schon einmal von Hypochondrie gehört?

Janet: Bevor ich meine Diagnose „Hypochondrische Störung“ bekommen habe, hatte ich noch nie etwas von Hypochondrie gehört oder gelesen. Ich wusste aber, dass es Erkrankungen gibt, die sich durch krankhafte Ängste vor Krankheiten auszeichnen. Erst als meine Mutter, Ärzte oder Freunde immer wieder zu mir sagten, dass ich krankhafte Ängste vor Erkrankungen habe, die ich gar nicht habe, fing ich an, mich intensiver damit zu beschäftigen und tauschte mich in Foren mit anderen Betroffenen aus.
Als ich immer wieder die Bestätigung von Ärzten bekam, dass ich nicht an der Krankheit erkrankt bin, von der ich überzeugt war, merkte ich irgendwann, dass etwas an dem dran ist, was mir Ärzte und Angehörige erklärten.

„Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann – ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.“


Veränderung durch die Diagnose

Healthy Lady: Hat die Diagnose etwas in deinem Leben verändert? Hat es dir geholfen zu wissen, dass du körperlich gesund bist? Oder hat das die Angst vielleicht sogar noch verstärkt?

Janet: Die Diagnose hat mir langsam dabei geholfen, mit meinen Ängsten in Bezug auf Krankheiten besser umzugehen.
Trotzdem ging es nicht von heute auf morgen. Es war ein langer Weg.
Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: „Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“ Ich hatte aber immer wieder die Diagnose „Hypochondrie“ im Kopf und versuchte, mich zu beruhigen. Ich erinnerte mich an all meine „Krankheiten“, die sich nie bestätigt hatten.

Ihr größter Halt und der Grund, jeden Tag aufs Neue zu kämpfen: Für ihre kleine Tochter überwindet Janet täglich ihre Grenzen – denn Liebe ist stärker als jede Panikattacke. (Foto: Janet)

Der Auslöser

Healthy Lady: Kannst du dich an den Moment erinnern, als alles begann? Gab es eine Situation, einen Auslöser, der die Krankheit in Gang setzte?

Janet: Ich weiß, dass ich schon immer ein Mensch war, der dazu neigte, schnell vom Schlimmsten auszugehen.
Seit 2012 arbeite ich im Gesundheitsbereich, dort sieht man sehr viel. Vieles, das einen prägt und mitnimmt.
Als eine Bekannte in meinem Alter mit Mitte 20 an Krebs starb, den man bei ihr lange nicht erkannt hatte, wurden meine Ängste immer schlimmer. Jahrelang lebte ich damit und schaffte es, das „Kartenhaus“ nicht zusammenfallen zu lassen.

Dann nahm sich im März 2022 mein Vater das Leben und für mich ging es psychisch steil bergab.
Meine Ängste und Sorgen waren kaum noch tragbar. Ich hatte panische Angst, todkrank zu sein und nicht mehr für meine Tochter da sein zu können. Ich hatte jeden Tag neue Symptome, die mir mein Körper „vorspielte“.
Ich wusste, ich brauchte Hilfe, ich schaffte es nicht mehr, die Ängste allein zu bewältigen.

„Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: ‚Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“


Umgang mit dem Verlust

Healthy Lady: Der Verlust eines Elternteils ist immer schmerzhaft – doch wenn ein Elternteil durch Suizid geht, hinterlässt das oft viele offene Fragen. Wie bist du mit diesem Verlust umgegangen?

Janet: Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann, ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.
Ich bekam Angst vor dem Tod, Angst vor dem plötzlichen Sterben. Ich wollte bei jedem Symptom auf Nummer sicher gehen. Der Verlust war schwer, ich hatte viele offene Fragen. Fragen, die ich nie mehr beantwortet bekommen werde.


Schlimmste Phase der Krankheit

Healthy Lady: Wie hat sich dein Leben in der schlimmsten Phase der Hypochondrie angefühlt?

Janet: Die schlimmste Phase der Hypochondrie war einfach nur schrecklich. Ich hatte jeden Tag neue Symptome – und war überzeugt, dass ich bald sterben müsste. Ich dachte, dass mich niemand ernst nimmt, und war sicher, dass die Ärzte etwas übersehen haben. Ich war fast täglich bei Ärzten und hatte unzählige Untersuchungen.

Die Liste meiner Symptome war lang. Das Schlimmste waren Taubheitsgefühle, Kribbeln in Armen und Beinen, Stiche im Kopf und im Herzbereich. Ich hatte Zuckungen im Gesicht und konnte an manchen Tagen vor Schwindel kaum aufstehen. Zeitweise hatte ich eine Fußhebeschwäche und konnte kaum gehen. Es war eine schlimme Zeit.


Rolle des Internets

Healthy Lady: Welche Rolle hat das Internet in dieser Zeit gespielt?

Janet: Das Internet oder wie man sagt, „Dr. Google“ war Fluch und Segen zugleich.
Auf der einen Seite hat es meine Ängste verstärkt, weil bei jedem Symptom, das ich eingab, gleich eine schwere Krankheit angezeigt wurde. Auf der anderen Seite bin ich auf Foren gestoßen, in denen ich auf Gleichgesinnte traf. Das hat mich oft sehr beruhigt.


Therapie & Hilfen

Healthy Lady: Wie kämpft man gegen Hypochondrie? Was hat dir geholfen, mit deiner Angst umzugehen?

Janet: Gegen Hypochondrie zu kämpfen oder einzusehen, dass dies die eigentliche Krankheit ist, war ein schwerer Prozess. Es hat lange gedauert. Am meisten geholfen haben mir der Austausch mit anderen Betroffenen, das Kennenlernen der Krankheit, Gesprächstherapie und eine medikamentöse Behandlung.

„Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, meine Tochter zu verlieren. Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.“


Umfeld & Verständnis

Healthy Lady: Gab es in deinem Leben Momente, in denen du dich nicht verstanden gefühlt hast?

Janet: Vor allem am Anfang habe ich mich von allen falsch verstanden und nicht ernst genommen gefühlt.
Menschen, die solche Ängste nicht kennen, wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Nur wenige Personen in meinem Umfeld haben mich ernst genommen oder mir geglaubt.
Einige Ärzte, vor allem mein Psychiater und Psychologe haben das Ausmaß erkannt.
Das meiste Verständnis bekam ich von Menschen, die dasselbe erleben. Diese habe ich in einer Klinik kennengelernt. Das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben.


Verlust der Mutter & Rückfall

Healthy Lady: Du hast im vergangenen Jahr erneut einen schweren Verlust erlebt – deine Mutter ist gestorben. Wie ging es dir in dieser Zeit?

Janet: Im April 2024 passierte etwas Schreckliches: Als ich mich gerade wieder etwas stabilisiert hatte, starb meine Mutter. Nur einen Tag nach der Diagnose akute Leukämie. Es war eine sehr seltene Form, „APL“ genannt. Einen Tag nach einer Krebsdiagnose. So etwas hatte ich in all meinen Jahren im Krankenhaus nie erlebt.
Nach kurzer Zeit verschlechterte sich mein psychischer Zustand rapide. Aber ich musste stark bleiben. Ich bin alleinerziehende Mama einer vierjährigen Tochter. Meine Mutter, mein größter Halt, war plötzlich nicht mehr da. Mein ganzes Leben veränderte sich in nur 24 Stunden. Ihr Tod war für mich unfassbar. Gerade weil es so eine seltene Erkrankung war, konnte ich es nicht fassen. Das hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist und meine Ängste und Sorgen wieder stark verschlimmert. Medikamente waren unumgänglich, um nicht völlig abzustürzen.

„Manchmal habe ich sogar Angst, meine Tochter in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.“


Mama sein mit Angst

Janet (30), Pflegefachkraft und alleinerziehende Mutter – dank therapeutischer Unterstützung hat sie heute gelernt, mit ihrer Angst zu leben und ihr Leben Stück für Stück zurückzuerobern. (Foto: Janet)

Healthy Lady: Du bist Mama einer kleinen Tochter. Wie gehst du mit deiner Angst um, wenn es um sie geht?

Janet: Meine Ängste und Sorgen sind, besonders wenn es um meine Tochter geht sehr stark. Jedes Symptom bei ihr, und wenn es nur Husten oder Schnupfen ist, löst in mir große Sorge aus. Ich recherchiere sofort oder gehe direkt zum Arzt, wenn ich beunruhigt bin. Wenn sie krank ist, bin ich sehr angespannt. Manchmal Tag und Nacht.
Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, sie zu verlieren.

Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.
Manchmal habe ich sogar Angst, sie in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.
Natürlich denke ich auch oft daran, was wäre, wenn ich schwer krank wäre, wer dann für sie da wäre.
Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag. Mal mehr, mal weniger.


Die Botschaft

Healthy Lady: Wenn du heute zurückblickst – was hat dir geholfen, nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Janet: Rückblickend kann ich sagen: Meine Tochter ist mein größter Halt und meine Kraft, weiterzumachen und jeden Tag aufzustehen. Allen Betroffenen kann ich nur sagen: Holt euch Hilfe. Hypochondrie ist keine Spinnerei, es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen, denn wir sind viele.

Der Austausch mit anderen Betroffenen war für mich heilsam. Mir helfen außerdem Entspannungsübungen, Spaziergänge und bewusste Pausen ohne Handy. Ich habe mein Umfeld verändert und nur noch Menschen in mein Leben gelassen, die mir guttun, mich ernst nehmen und mir zuhören. Stück für Stück habe ich Lebensfreude zurückgewonnen mit Therapien, Hobbys und kleinen Momenten für mich selbst.
Es geht nicht von heute auf morgen. Es ist Arbeit, ein Prozess, ein Auf und Ab. Jeder in seinem Tempo.

Rückschläge annehmen und das Beste daraus machen. Tag für Tag.
Wer diese Krankheit annehmen kann und sie versteht, kann lernen, mit ihr zu leben.

Hypochondrie ist keine Spinnerei – es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen.“


Hilfe und Unterstützung

Wenn du selbst unter starken Ängsten leidest, dich oft krank fühlst, obwohl Ärzte nichts finden, oder jemanden verloren hast und nicht mehr weiterweißt – du bist nicht allein.
Sprich mit deinem Hausarzt, einer Psychotherapeutin oder wende dich an eine der folgenden Anlaufstellen.

  • Telefonseelsorge (kostenfrei, anonym, rund um die Uhr): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
  • Nummer gegen Kummer (für Kinder, Jugendliche & Eltern): 116 111
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117 (auch bei psychischen Krisen)
  • In akuten Notfällen: Wähle die 112 oder geh in die nächste Notaufnahme.

Auch Online-Angebote können helfen:



„Zu gut für den Job – und trotzdem will mich niemand“ – Der Bewerbungsdschungel am Limit

Viele Bewerberinnen und Bewerber kennen dieses Gefühl. Man investiert Zeit, Mühe und Hoffnung in jede einzelne Bewerbung und erhält trotzdem Absage um Absage. Mit der Zeit beginnen viele, an sich selbst zu zweifeln. Dabei liegt das Problem oft nicht an fehlender Qualifikation, sondern an einem Arbeitsmarkt, der immer komplexer und unübersichtlicher geworden ist.

Ein Blick in soziale Netzwerke zeigt, wie verbreitet diese Erfahrung inzwischen ist. Auf Plattformen wie TikTok berichten tausende Menschen davon, trotz guter Ausbildung und Motivation immer wieder übersehen zu werden. Schnell wird deutlich, das Scheitern bei der Jobsuche ist längst kein individuelles Problem mehr, sondern häufig ein strukturelles.

Genau hier setzt die Recruiting-Expertin und Karriere-Coach Rebecca Santos Costa an. Unter dem Namen „KarriereTok“ begleitet sie auf TikTok und Instagram täglich Menschen auf ihrem Weg zu neuen beruflichen Chancen. Von Berufseinsteiger:innen bis hin zu erfahrenen Fachkräften, die im Bewerbungsprozess nicht mehr wissen, wie sie sichtbar werden können.

Mit ihrem Gespür für moderne Lebensläufe und ihrer praxisnahen, authentischen Art zeigt sie, wie Bewerberinnen und Bewerber ihre Stärken klar positionieren, sich im Bewerbungsprozess besser präsentieren und wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen.


Warum der Arbeitsmarkt heute so gnadenlos ist

Healthy Lady:
Warum ist es heutzutage so schwer, einen guten Job zu bekommen? Woran liegt es, dass selbst sehr kompetente Menschen immer wieder Absagen erhalten?

Rebecca Santos Costa:
Ich glaube, viele unterschätzen, wie komplex der Bewerbungsprozess heute geworden ist. Es reicht nicht mehr, „nur“ qualifiziert zu sein. Der Markt ist übersättigt, die Anforderungen steigen, und gleichzeitig fehlt oft Transparenz: Bewerber:innen wissen gar nicht genau, was Unternehmen wirklich suchen und Unternehmen wissen manchmal selbst nicht, wie sie die passenden Menschen finden. Dazu kommt, dass viele Prozesse automatisiert sind. Eine Bewerbung landet im ersten Schritt oft gar nicht auf einem echten Tisch, sondern wird durch Software vorsortiert. Das heißt: Auch richtig gute Bewerbungen können durchrutschen, wenn sie nicht die „richtigen“ Schlagworte enthalten oder nicht formal exakt zum Prozess passen.

Und dann ist da noch das Thema Mut und Selbstvermarktung. Ich sehe viele Menschen, die unglaublich viel können, aber sich in ihren Unterlagen einfach nicht trauen, es sichtbar zu machen. Sie bleiben zu allgemein, zu vorsichtig, zu „angepasst“. Dabei suchen Unternehmen nicht die perfekte Schablone, sondern jemanden, der wirklich passt. Nur trauen sich viele nicht, wirklich sichtbar zu werden.

„Es gibt den Fall, dass Stellenanzeigen eher ‚strategisch‘ geschaltet werden. Zum Beispiel, um Investoren Aktivität zu zeigen (…).  Sie sind von Anfang an gar nicht ernst gemeint.“


Healthy Lady:
Was erwarten Recruiter wirklich von uns? Es fühlt sich manchmal so an, als würden sie nach dem Gelben vom Ei suchen. Viele Stellenanzeigen bleiben über Jahre online, immer wieder dieselbe Position, immer wieder dieselben Bewerbungen und trotzdem bekommt niemand den Job. Das wirft Fragen auf. Suchen die Unternehmen wirklich? Oder sind manche Anzeigen eher Scheinplätze, um Kandidatenlisten aufzubauen oder die Zahlen gut aussehen zu lassen?

Rebecca Santos Costa:
Ja, das ist eine sehr berechtigte Frage und ehrlich gesagt: Beides kommt vor. Es gibt viele Unternehmen, die ernsthaft und dringend suchen, aber trotzdem keine geeigneten Bewerbungen bekommen, weil entweder die Darstellung in der Stellenanzeige nicht attraktiv oder der interne Auswahlprozess nicht gut aufgesetzt ist. Manche Unternehmen wissen auch gar nicht, wie sie Talente ansprechen sollen oder haben intern nicht die Strukturen, um schnell Entscheidungen zu treffen. Dann hängen Stellen monatelang online, ohne dass etwas passiert.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch den Fall, dass Stellenanzeigen eher „strategisch“ geschaltet werden. Zum Beispiel, um ein Bewerber:innen-Portfolio aufzubauen, um Investoren Aktivität zu zeigen oder weil man grundsätzlich offen für Talente sein möchte auch wenn akut gar kein Bedarf da ist. Das ist für Bewerber:innen extrem frustrierend, weil sie dann Zeit und Energie in etwas stecken, das von Anfang an gar nicht ernst gemeint war. Recruiter wünschen sich im Kern keine „perfekten“ Menschen, sondern Bewerber:innen, die eine konkrete Lösung für ein Problem im Unternehmen sind – also jemanden, der fachlich, menschlich und vom Mindset her zu dem passt, was das Unternehmen gerade wirklich braucht. Je klarer man das als Bewerber:in zeigen kann, desto besser.

Rebecca Santos Costa, bekannt als „KarriereTok“, erreicht mit ihren Inhalten hunderttausende Menschen auf TikTok und unterstützt sie auf dem Weg zu neuen beruflichen Chancen. (Foto: Rebecca Santos Costa)

Der Lebenslauf 2026

Healthy Lady: Wie sieht für dich ein moderner Lebenslauf im Jahr 2026 aus? Worauf sollte man unbedingt achten, wenn man herausstechen möchte?

Rebecca Santos Costa: Ein moderner Lebenslauf 2026 ist klar, übersichtlich und auf den Punkt. Das Wichtigste: Er muss innerhalb von wenigen Sekunden erfassbar sein. Recruiter*innen scannen Lebensläufe oft in unter einer Minute, da bleibt keine Zeit für langatmige Texte oder kreative Spielereien. Was zählt, ist Struktur, Klarheit und Relevanz. Das heißt: Aktuelle Berufserfahrung und Aufgabenbereiche gehören ganz nach oben, nicht irgendwo unter den Schulabschluss von 2007. Besonders wichtig sind konkrete Erfolge, messbare Ergebnisse oder Verantwortlichkeiten, also nicht nur „Vertrieb“, sondern z. B. „Umsatzsteigerung von 20 % durch Neukundenakquise im B2B-Bereich“.

Außerdem sollte der Lebenslauf zum Job passen: Wer sich im Marketing bewirbt, darf gestalterisch mutiger sein bei einer Position im Controlling zählt eher Seriosität und Struktur. Und: Soft Skills gehören nicht einfach als Liste unter „Stärken“, sondern sollten sich aus den Stationen und Aufgaben ergeben. Und ganz klar: Lücken sind nicht automatisch ein Problem – solange man sie ehrlich und strategisch einordnet. Lieber ein kurzer Satz zur beruflichen Orientierung, Familienzeit oder Krankheit als eine „Lücke“, die Fragen offenlässt. Transparenz und Haltung kommen besser an als Versteckspiel.

„Eine Bewerbung landet im ersten Schritt oft gar nicht auf einem echten Tisch, sondern wird durch Software vorsortiert. Das heißt: Auch richtig gute Bewerbungen können durchrutschen, wenn sie nicht die ‚richtigen‘ Schlagworte enthalten.“


Healthy Lady: Viele Bewerberinnen und Bewerber fühlen sich unsicher, wie viel von der eigenen Persönlichkeit sie im Lebenslauf oder in der Bewerbung zeigen sollten. Auf deinem Profil habe ich Kommentare gelesen, in denen empfohlen wird, bei jungen Frauen das Geburtsdatum oder das Bild wegzulassen. Warum ist das sinnvoll und was würdest du raten?

Rebecca Santos Costa: Wir leben leider nicht in einer völlig diskriminierungsfreien Arbeitswelt. Auch wenn es offiziell nicht erlaubt ist, spielen Alter, Geschlecht, Herkunft oder Aussehen in manchen Auswahlprozessen immer noch eine Rolle. Bewusst oder unbewusst. Genau deshalb empfehle ich manchmal: Lass das Bewerbungsfoto weg, ebenso das Geburtsdatum. Vor allem, wenn du sehr jung oder sehr erfahren bist und genau das zu Vorurteilen führen könnte. Das ist kein Verstecken, sondern eine strategische Entscheidung: Ich gebe nur so viel von mir preis, wie nötig ist und setze den Fokus ganz bewusst auf meine Qualifikation. Denn am Ende zählen nicht Haarfarbe oder Jahrgang, sondern Kompetenz und Persönlichkeit.

Wer dennoch ein Foto einfügen möchte, sollte es professionell halten und selbstbewusst auftreten – kein Passbild, sondern ein sympathisches Porträt, das zur angestrebten Position passt. Wichtig ist: Du entscheidest, was du zeigen willst – nicht die Konventionen von früher.


Healthy Lady: Gibt es Unterschiede in männlichen und weiblichen Bewerbungen?

Rebecca Santos Costa: Ja, die gibt es tatsächlich – sowohl in der Art, wie Bewerbungen geschrieben werden, als auch in der Wirkung auf Personaler. Frauen neigen oft dazu, sich zurückhaltender zu präsentieren. Sie formulieren vorsichtiger, betonen Teamfähigkeit und Lernbereitschaft, während Männer tendenziell selbstbewusster auftreten und ihre Erfolge klarer herausstellen. Das ist natürlich nicht bei allen so – aber diese Tendenzen sehe ich immer wieder. Ein weiterer Unterschied liegt in der Selbsteinschätzung: Männer bewerben sich oft schon, wenn sie etwa 60 % der Anforderungen erfüllen. Viele Frauen hingegen glauben, sie müssten 100 % abdecken, bevor sie sich überhaupt trauen, sich zu bewerben. Dadurch verpassen sie Chancen, obwohl sie inhaltlich locker mithalten könnten.

Mein Tipp: Unabhängig vom Geschlecht – trau dich, deine Stärken klar zu benennen. Nimm Raum ein, sei konkret und zeig, was du kannst. Der Lebenslauf ist kein Ort für falsche Bescheidenheit – sondern dein persönlicher Pitch.

„Männer bewerben sich oft schon, wenn sie etwa 60 % der Anforderungen erfüllen. Viele Frauen hingegen glauben, sie müssten 100 % abdecken, bevor sie sich überhaupt trauen.“


Mit Rückschlägen umgehen und sich nicht verlieren

Healthy Lady: Wenn jemand viele Absagen erhalten hat – wie gewinnt man neuen Mut? Wie kann man mit Rückschlägen umgehen, ohne das Selbstvertrauen zu verlieren?

Rebecca Santos Costa: Absagen fühlen sich immer persönlich an – gerade, wenn man sich viel Mühe gibt. Doch in den meisten Fällen sagen Absagen nichts über den eigenen Wert aus. Sie entstehen durch interne Umstrukturierungen, Budgetfragen, zu viele Bewerbungen oder unklare Prozesse – das hat oft wenig mit deiner Qualifikation zu tun.

Was hilft: Abstand gewinnen und den Fokus neu ausrichten. Statt nur zu fragen „Warum habe ich den Job nicht bekommen?“, lohnt sich die Frage: „Was will ich wirklich – und wie will ich wirken?“ Es kann hilfreich sein, sich Feedback zu holen, den Lebenslauf noch einmal kritisch zu prüfen oder sich auf Stellen zu konzentrieren, die wirklich zur eigenen Persönlichkeit passen. Ich sage immer: Eine Absage ist kein Stopp – sie ist ein Hinweis. Und manchmal ist sie sogar ein Schutz davor, in einem Job zu landen, der gar nicht zu dir passt.

Was Mut macht: Erfolgsgeschichten von anderen. Deshalb teile ich auf meinen Kanälen auch echte Erfahrungen und positive Wendepunkte – damit man sieht: Es geht. Und du bist nicht allein.


Sichtbar oder privat? Die Rolle von Social Media

Healthy Lady: Social Media ist heute ein Teil der Außendarstellung. Sollte man seine Profile aktiv nutzen, um sich positiv zu präsentieren, oder ist es besser, alles privat zu halten?

Rebecca Santos Costa: Das kommt ganz darauf an, wohin du beruflich willst. Wer im kreativen Bereich, im Marketing, Vertrieb oder Personalwesen arbeitet, kann Social Media gezielt nutzen, um seine Kompetenzen sichtbar zu machen – zum Beispiel durch geteilte Inhalte auf LinkedIn, ein gepflegtes Profil oder Beiträge zu eigenen Themen.

Gleichzeitig gilt: Du musst nicht überall sichtbar sein. Viele Menschen fühlen sich wohler, wenn sie ihre Privatsphäre wahren – und das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass man keine Spuren hinterlässt, die einem später schaden. Ein kurzer Selbst-Check mit dem Satz „Würde ich das auch posten, wenn mein zukünftiger Chef es sieht?“ kann hier helfen.

Wer also Lust hat, sich zu zeigen: go for it. Aber immer mit Strategie und Authentizität – und nie mit dem Gefühl, sich verbiegen zu müssen.

Wir leben leider nicht in einer völlig diskriminierungsfreien Arbeitswelt. (…) Genau deshalb empfehle ich manchmal: Lass das Bewerbungsfoto weg, ebenso das Geburtsdatum. Vor allem, wenn du sehr jung oder sehr erfahren bist.


Healthy Lady: Du sprichst oft von Authentizität: Wie kann man im Lebenslauf und im Anschreiben authentisch bleiben und gleichzeitig professionell wirken?

Rebecca Santos Costa: Authentizität heißt für mich: Klarheit, Ehrlichkeit und Fokus. Es geht nicht darum, jeden Aspekt seiner Persönlichkeit auszubreiten – sondern darum, die eigenen Stärken verständlich und glaubwürdig zu vermitteln. Wer zum Beispiel schreibt „Ich übernehme gerne Verantwortung“, sollte auch kurz erklären, wo und wie das konkret passiert ist. So wirkt es ehrlich – nicht auswendig gelernt.

Im Lebenslauf bedeutet Authentizität, nichts zu verstecken, aber auch nichts unnötig aufzublasen. Lücken oder Umwege gehören zum Leben – sie werden dann zum Problem, wenn man versucht, sie zu vertuschen. Im Anschreiben geht es darum, in einem klaren, auf den Punkt gebrachten Stil zu zeigen: „Das bin ich – und das kann ich beitragen.“

Mein Tipp: Lies dein Anschreiben laut vor. Wenn es sich nach dir anhört – aber eben nach einer souveränen Version von dir – dann passt es.


Die häufigsten Fehler – und wie man sie vermeidet

Healthy Lady: Welche Fehler beobachtest du bei Bewerbungen am häufigsten?

Rebecca Santos Costa: Die häufigsten Fehler sind oft gar keine inhaltlichen, sondern formale und strategische. Ganz oben auf der Liste steht: Einheitsbewerbungen. Viele verschicken dieselbe Bewerbung an zig Stellen ohne echten Bezug zur Anzeige. Das merkt man sofort. Ein weiterer häufiger Fehler: Lebensläufe ohne klare Struktur. Wenn ich als Leserin überlegen muss, was du aktuell machst oder wie dein Weg verlaufen ist, verliere ich schnell das Interesse. Auch überholte Formulierungen wie „Hiermit bewerbe ich mich…“ oder „Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen…“ wirken heute blass und unpersönlich. Man sollte lieber direkt einsteigen und zeigen, was man konkret bietet.

Fehler Nummer vier ist, zu sehr in die Vergangenheit zu gehen – Bewerbungen sollten immer zukunftsgerichtet sein: Was kann ich im neuen Job beitragen? Und zu guter Letzt: Keine Gehaltsvorstellungen nennen, wenn es verlangt wird. Viele trauen sich da nicht ran, aber wenn man sich nicht positioniert, wirkt das schnell unsicher.

„Es reicht nicht mehr, ‚nur‘ qualifiziert zu sein.“


Von Katzenvideos zu KarriereTok

Healthy Lady: Rebecca, wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, anderen bei Lebensläufen zu helfen? Gab es ein Schlüsselerlebnis? Wie funktioniert dein Job?

Rebecca Santos Costa: Ich habe viele Jahre im Personalbereich gearbeitet – von der operativen Personalarbeit über Recruiting, Training bis hin zur Führung von Teams. Irgendwann hat mein Sohn sich TikTok heruntergeladen, einfach nur zum Gucken, was da so los ist. Wir haben dann aus Spaß zusammen Katzenvideos gemacht – das war witzig, aber irgendwann dachte ich: Eigentlich könnte man da auch mal was Sinnvolles draus machen.

Also habe ich angefangen, typische Szenen aus dem Berufsleben nachzuspielen – Bewerbungsgespräche, Personaleralltag, witzige Recruiting-Erlebnisse. Und plötzlich kamen die ersten Fragen: „Bietest du eigentlich Coaching an?“ – so ist das Ganze dann ins Rollen gekommen. Zuerst habe ich angefangen, Stellenanzeigen zu analysieren – das kam total gut an, weil sich viele Bewerber:innen überhaupt nicht auskannten, was da wirklich zwischen den Zeilen steht. Später kam dann der Fokus auf Lebensläufe. Und inzwischen gebe ich täglich Bewerbungsfeedback, bewerte Lebensläufe, analysiere Stellenausschreibungen und gebe Tipps, wie man sich authentisch und gleichzeitig professionell präsentiert.

Ich habe über TikTok so viele Rückmeldungen bekommen von Menschen, die durch meine Tipps endlich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden oder ihren Traumjob bekommen haben. Diese Energie und das Vertrauen, das mir da entgegengebracht wird, motivieren mich jeden Tag aufs Neue. Das Format ist einfach ehrlich, direkt und alltagstauglich – genau das, was viele da draußen brauchen.


Healthy Lady: Dein Format „KarriereTok“ erreicht viele junge Menschen. Hattest du am Anfang Zweifel, ob Bewerbungs-Content dort überhaupt funktioniert?

Rebecca Santos Costa: Total! TikTok war für mich am Anfang einfach eine Plattform für Katzenvideos, Tänze und lustige Clips – nichts, wo man ernsthaft dachte: „Hier bring ich jetzt mal Bewerbungstipps unter.“ Ich habe mir anfangs selbst nicht vorstellen können, dass das jemanden interessiert. Aber je mehr ich einfach aus dem echten Leben erzählt habe – also Dinge, die ich aus dem Personalalltag kenne oder Situationen aus Bewerbungsgesprächen –, desto mehr Resonanz kam.

Viele haben sich in meinen Videos wiedergefunden: Bewerber:innen, die mit typischen Fehlern kämpfen, die einfach nicht wissen, wie sie sich gut präsentieren können. Und genau da setzt mein Format an – es soll nahbar sein, aber gleichzeitig Klartext reden. Ich glaube, gerade weil es eben nicht trocken ist, sondern real und manchmal auch mit einem Augenzwinkern, funktioniert es so gut. Ich hätte nie gedacht, dass Bewerbungstipps auf TikTok viral gehen – aber offensichtlich gibt es da einen riesigen Bedarf. Und es zeigt auch: Bildung, Aufklärung und Empowerment haben definitiv ihren Platz auf Social Media.

„In den meisten Fällen sagen Absagen nichts über den eigenen Wert aus. Sie entstehen durch interne Umstrukturierungen oder Budgetfragen – das hat oft wenig mit deiner Qualifikation zu tun.“


Warum sich all das lohnt

Healthy Lady: Wenn man sich deinen TikTok-Kanal anschaut, merkt man sofort, dass dein Account lebt. Was sagen dir deine Follower und Klienten am meisten? Gibt es einen Moment, auf den du besonders stolz bist?

Rebecca Santos Costa: Ja, absolut – der Bedarf ist riesig. Ich bekomme täglich Nachrichten wie: „Dank dir hatte ich heute mein erstes Vorstellungsgespräch“ oder „Ich hätte nie gedacht, dass mein Lebenslauf so viel ausmacht.“ Viele schreiben mir auch, dass sie sich zum ersten Mal ernst genommen fühlen – dass sie durch meine Videos den Mut bekommen haben, sich überhaupt zu bewerben oder sich beruflich neu zu orientieren.

Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war eine junge Frau, die schon lange in einer belastenden Arbeitssituation festhing. Sie hatte sich dutzende Male beworben, immer wieder Absagen. Nach meiner Beratung hat sie ihren Lebenslauf komplett überarbeitet – und plötzlich hagelte es Einladungen. Als sie mir dann schrieb, dass sie einen Job gefunden hat, in dem sie sich endlich wertgeschätzt fühlt, war das Gänsehaut pur. Solche Nachrichten sind für mich der Grund, warum ich das mache.

Und ja – ich finde auch, das Thema Bewerbung und Berufsorientierung müsste viel früher, zum Beispiel schon in der Schule, mitgedacht werden. Die meisten stolpern da völlig unvorbereitet rein. Und genau deshalb sehe ich meine Aufgabe nicht nur im Bewerbungscoaching, sondern auch in der Aufklärung.


Ein Blick nach vorn

Healthy Lady: Und eine letzte persönliche Frage: Was wäre dein absoluter Traumjob, wenn du nicht schon deinen gefunden hättest?

Rebecca Santos Costa: Ich glaube, ich habe meinen Traumjob tatsächlich selbst erschaffen. Aber wenn ich träumen dürfte, ganz ohne Einschränkungen, dann wäre es ein Beruf, in dem ich jeden Tag Menschen motivieren, inspirieren und ganz praktisch unterstützen kann. Am liebsten in einem Mix aus Bühne, Beratung und Community.

Vielleicht eine eigene Show oder ein Format, in dem echte Lebensgeschichten und Karrieren gezeigt werden – nicht die Hochglanz-Erfolge, sondern die echten Brüche, die Rückschläge und das Aufstehen danach. Ich liebe es, wenn ich Menschen helfen kann, sich neu zu entdecken und zu sehen: „Da steckt so viel mehr in mir, als ich selbst geglaubt habe.“

Ich habe mittlerweile auch eine eigene Recruiting-Plattform: Foundl.de. Dort können Menschen ein berufliches Profil erstellen, ihren Lebenslauf hochladen und sich von Unternehmen finden lassen. Und wenn ich das irgendwann noch größer denken darf – mit einem eigenen Team, mit noch mehr Reichweite – dann ist das für mich kein Traum mehr, sondern eine Vision. Und daran arbeite ich jeden Tag.



„Ich hatte Entzugserscheinungen, weil ich nichts kaufen durfte“ – Zişans Leben mit Kaufsucht

Man möchte eigentlich nur kurz in die Drogerie, wirklich nur für das Nötigste. Doch dann passiert es. Plötzlich liegen mehrere Lippenstifte im Körbchen, jeder in einem leicht anderen Ton, der „irgendwie doch ganz anders“ aussieht. Dazu kommen ein paar Nagellacke und vielleicht noch ein Duft, der einfach zu gut riecht, um ihn stehen zu lassen. Alles irgendwie völlig harmlos … oder?

Doch Vorsicht, denn genau so kann ein ernsthaftes Problem beginnen. Ein Problem, das leise kommt, sich unbemerkt einnistet und irgendwann ein ganzes Leben bestimmt. Es geht um Kaufsucht, um eine Abhängigkeit, von der in Deutschland Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen betroffen oder gefährdet sind. Ein Zustand, über den oft gelächelt wird, obwohl er genauso zerstörerisch sein kann wie jede andere Form der Abhängigkeit. Ein Verhaltensmuster, das sich tarnt als Belohnung, als Trost, als kurzer Moment des Glanzes. Bis sie Besitz ergreift. Von Beziehungen. Vom Konto. Vom Selbstwert.

Mein heutiger Gast ist Zişan und sie ist eine dieser Betroffenen. Auf TikTok führt sie ein Kaufsucht-Tagebuch und lässt ihre Zuschauer tief in ihre dunkelsten Ecken blicken. Zişan macht sich sichtbar für all die stillen Stimmen da draußen, die glauben, sie seien allein. Für all die Menschen, die denken: „Es ist normal, was ich mache.“ Und irgendwann merken: Es ist doch eine Krankheit. Sie klärt auf, bricht Tabus und zeigt, dass man eine Abhängigkeit benennen muss, um sie zu besiegen. In unserem Gespräch erzählt sie, wie alles begann, wie es ihr heute ergeht – und vor allem, warum es so wichtig ist, darüber zu sprechen.


Die Suche nach dem Ich jenseits der Sucht

Die 35-jährige Sachbearbeiterin lebt seit über zehn Jahren mit ihrer Kaufsucht. (Foto: Zisan)

Healthy Lady:
Zişan, bevor wir über die Kaufsucht sprechen – wer bist du? Wie würdest du dich selbst als Mensch vorstellen, abseits der Abhängigkeit?

Zişan:
Ich bin eigentlich ein sehr lebensfroher, humorvoller und aktiver Mensch. Viele denken, ich sei immer stark und offen, dabei trage ich in mir eine Geschichte, die mich schon sehr früh geprägt hat.

Als Kind hatte ich Krebs. Die Ärzte gaben mir damals nur sechs Monate zu leben. Wenn man als kleines Mädchen hört, dass es keinen Morgen geben könnte, verändert das alles. Ich habe schon früh gelernt, dass jeder Tag der letzte sein könnte. Diese Erfahrung hat mich zu jemandem gemacht, der jeden Moment aufsaugt, der sich nach Leben sehnt, nach Glück, aber auch nach Sicherheit.

Ich wollte als Kind Moderatorin werden, weil ich es geliebt habe, vor der Kamera Geschichten zu erzählen. Heute bin ich tatsächlich jeden Tag vor einer Kamera – aber ich moderiere keine Show. Ich moderiere meine eigene Realität, meine Heilung und meine Sucht. Abseits der Abhängigkeit bin ich jemand, der liebt, lacht, kämpft und nie aufgibt. Vielleicht auch, weil ich schon einmal um mein Leben kämpfen musste.

Kaufsucht hat nichts mit Luxus zu tun. Es geht um Schmerz.


Der Moment, der alles veränderte

Healthy Lady:
Wie kam es dazu, dass du dein Kaufsucht-Tagebuch auf TikTok begonnen hast? Was war der Auslöser, so offen damit rauszugehen?

Zişan:
Der Moment, der alles ins Rollen gebracht hat, war ehrlich gesagt ziemlich surreal. Ich kam aus einem Urlaub in Barcelona zurück, müde, aber gut gelaunt und vor meiner Haustür stapelten sich Pakete. Zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Stück. Einige davon waren so fremd, dass ich nicht einmal mehr wusste, was ich bestellt hatte oder warum. Ich stand davor und dachte: „Zişan, das ist nicht mehr normal.“ Ich war wütend auf mich, aber auch verzweifelt. Und dann kam mir die Idee: Was wäre, wenn ich öffentlich dokumentiere, wie ich 30 Tage lang nichts kaufe? Ein Versuch, mir selbst etwas zu beweisen. Eine Challenge, aber auch eine Art Hilferuf.

Die ersten Tage waren noch lustig. Ich habe gelacht, gejoked, dachte mir: „Ach, easy.“
Doch spätestens am vierten Tag kippte alles, und ich merkte: Das ist nicht einfach nur ein schlechtes Kaufverhalten. Es ist eine Sucht.


Healthy Lady:
Kannst du uns mitnehmen zu dem Moment, in dem dir klar wurde: „Ich habe ein Problem“?

Zişan:
Ganz klar: am vierten Tag meiner Challenge. Ich bin morgens aufgewacht und hatte das Gefühl, mein Körper funktioniert nicht. Meine Hände waren schweißnass, mein Herz raste wie verrückt. Ich bekam kaum Luft, als würde etwas auf meiner Brust sitzen. Ich dachte wirklich: „Ich sterbe gleich.“ Und diese Angst kannte ich nur aus meiner Kindheit, aus dieser Zeit, in der Ärzte mir erklärten, ich hätte vielleicht nicht mehr lange. Dass ich diese körperliche Panik wieder spürte, nur weil ich nichts kaufen durfte, hat mich schockiert.


Wenn Trost zur Strategie wird

Healthy Lady:
Gab es in deiner Kindheit oder Jugend erste Anzeichen, die du heute als Warnsignale deuten würdest?

Zişan:
Ja. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich es ganz klar. Die Diagnose Krebs hat in mir eine permanente Angst ausgelöst: Angst, etwas zu verpassen. Angst, nicht genug erlebt zu haben. Angst, nicht genug zu fühlen. Schon als Teenager habe ich begonnen, Käufe als eine Art Trost zu benutzen. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich traurig war oder mich unsicher fühlte – und anstatt darüber zu sprechen, bin ich ins Einkaufszentrum gefahren. Ein neues Oberteil, ein kleines Accessoire, irgendetwas, das mir einen kurzen Kick gab.

Dieser Moment, in dem man etwas Neues besitzt, fühlte sich an wie: „Ich lebe noch. Ich kann wenigstens das kontrollieren.“. Es war mein kleiner Fluchtweg vor dem Schmerz.

Ich stand vor 20 Paketen und wusste nicht einmal mehr, was ich bestellt hatte.


Healthy Lady:
Wie hat sich die Kaufsucht schleichend aufgebaut – war es ein plötzlicher Kontrollverlust oder ein langsamer Prozess?

Zişan:
Die Sucht ist nicht über Nacht gekommen. Sie ist gewachsen – leise, schleichend, fast unbemerkt. In meinen Zwanzigern begann der Kontrollverlust. Damals hatte ich schon starke Probleme: Ich habe impulsiv gekauft, oft heimlich, oft ohne Plan. Es wurde jedes Jahr mehr. Pakete kamen täglich, manchmal zweimal am Tag. Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich alles besitze. Ich habe mich mit jedem Klick für einen Moment lebendig gefühlt.
Aber gleichzeitig war ich innerlich vollkommen leer.


Das Innenleben einer Kaufsucht

Kontrollverlust sichtbar: Zeitweise stapelten sich bis zu 20 Pakete vor Zişans Tür. In dieser Phase häufte sie rund 12.000 Euro Schulden an. (Foto: Zişan)

Healthy Lady:
Wie fühlt sich ein typischer „Kaufdrang“ an? Was passiert emotional und körperlich in dir?

Zişan:
Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es beginnt wie ein Kitzeln im Kopf, ein Gedanke, der sich festsetzt. Dann wird es körperlich. Ich werde unruhig, mein Puls steigt, ich schwitze, ich habe das Gefühl, etwas extrem Wichtiges zu verpassen. Es ist fast wie ein Zwang: „Du musst jetzt etwas kaufen.“ Während der Challenge war es besonders schlimm. Morgens aufzuwachen und sofort dieses Gefühl zu haben, etwas kaufen zu müssen, aber nicht zu können. Das war Folter. Ohne Challenge würde ich aktuell jeden Tag eskalieren.


In diesem Moment wusste ich: Das ist nicht einfach „lustiges Shopping“. Das ist eine Krankheit.

Healthy Lady:
Welche Rolle spielen Stress, Einsamkeit, Belohnung oder Selbstwert in deiner Sucht?

Zişan:
Stress ist mein größter Trigger. Wenn ich überfordert bin oder sehr viel Druck spüre, suche ich eine schnelle Erleichterung. Und die kam jahrelang über Käufe. Einsamkeit ist bei mir nicht das Hauptthema – es sind meine unverarbeiteten Kindheitserlebnisse. Die Angst vor dem Tod. Die Angst vor dem Verlust. Die Angst, nicht genug Zeit zu haben. All das sitzt tief.


Healthy Lady:
Viele denken bei Kaufsucht an „Shopping aus Spaß“. Kannst du beschreiben, was in Wahrheit dahintersteckt?

Zişan:
Viele denken, es geht um Geld oder Luxus. Aber es geht um Schmerz. Kaufsucht kann ein Leben zerstören und sie wird kaum ernst genommen. Ich hatte als Jugendliche rund 12.000 Euro Schulden.
Heute bin ich schuldenfrei – dank harter Arbeit und stabiler Strukturen. Aber die Sucht ist geblieben. Sie ist nicht einfach weg. Man muss sie verstehen, bearbeiten und akzeptieren, dass sie ein Teil von einem ist.


Schulden, Scham und Unsichtbarkeit

Healthy Lady:
Welche Auswirkungen hatte die Sucht auf deine Finanzen?

Zişan:
Früher war es schlimm: Schulden, Stress, Angst. Heute verdiene ich genug, um meine Käufe „zu finanzieren“.
Aber genau das ist ein gefährlicher Punkt, denn deshalb blieb das Problem lange unsichtbar. Unsere Haushaltskosten laufen über das Ehekonto. Meine Käufe dagegen über mein eigenes Einkommen.
So hat es lange niemand gemerkt. Nicht einmal ich selbst richtig.


Healthy Lady:
Wie hat dein Umfeld reagiert?

Zişan:
Überraschend positiv. Viele sagten mir, dass ihnen mein Kaufverhalten schon aufgefallen sei – aber nicht das Ausmaß. Meine Familie und Freunde unterstützen mich. Aber es ist nicht leicht für sie. Es gab Momente, in denen ich weinend aus einem Laden rausgelaufen bin, weil ich etwas nicht kaufen durfte wegen der Challenge.
Das mit anzusehen, ist für meine Liebsten manchmal genauso schwer wie für mich.


Healthy Lady:
Hast du Beziehungen oder Freundschaften verloren?

Zişan:
Nein, verloren habe ich zum Glück niemanden. Aber mein Umfeld musste lernen, was Kaufsucht wirklich bedeutet und wie sie mir helfen können, ohne mich zu bevormunden.


Healthy Lady:
Was war der schlimmste Moment?

Zişan:
Ganz klar: die Entzugserscheinungen während der Challenge. Dieses Gefühl, nicht atmen zu können.
Dieses Zittern, Panik, Gefühle, die kaum noch Raum haben. Es war der Moment, in dem mir bewusst wurde:
„Zişan, du bist krank. Du brauchst Hilfe.“

Es beginnt wie ein Kitzeln im Kopf und endet in einem Zwang: Du musst jetzt etwas kaufen.


Leben mit der Sucht und der Weg in die Heilung

Healthy Lady:
Was ist bei deiner Challenge am schwierigsten?

Zişan:
Dass ich die Dinge, die ich liebe, nicht kaufen kann, selbst wenn sie günstig sind.
Dass ich ständig das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Dass mein Gehirn mir sagt: „Du brauchst das!“ Obwohl ich heute weiß, dass ich es nicht brauche. Aber mit der Challenge bin ich auch auf einer ganz anderen Ebene gewachsen.


Healthy Lady:
Wie gehst du mit Rückfällen um?

Zişan:
Rückfälle gehören dazu. Kaufsucht ist kein Schalter, den man einfach umlegen kann. Man braucht Struktur, Begleitung und vor allem Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.


Healthy Lady:
Hast du professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Zişan:
Ja. Ich mache Verhaltenstherapie. Es war schwer, mir einzugestehen, dass ich es allein nicht schaffe, aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Meine ersten Therapiestunden bestanden nur daraus, dazusitzen und zu weinen. Ich konnte meine Tränen nicht mehr halten.


Healthy Lady:
Welche Rolle spielt dein TikTok-Tagebuch für deine Heilung?

Zişan:
Eine riesengroße. Es ist mein Ventil, meine Motivation und mein Anker.
Jede Nachricht, jeder Kommentar von Menschen, die sagen, dass sie sich in mir wiedererkennen, gibt mir Kraft. Ich erzähle dort die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Ich motiviere so viele Menschen, und das macht mich unglaublich glücklich.


Warum wir über Kaufsucht sprechen müssen

Healthy Lady:
Warum wird Kaufsucht in unserer Gesellschaft so oft belächelt?

Zişan:
Weil viele denken, es sei ein „Luxusproblem“. Aber Jugendliche verschulden sich. Familien zerbrechen.
Menschen verzweifeln. Ich spreche darüber, um genau das sichtbar zu machen.

Mein Körper hat reagiert, als würde ich sterben – nur weil ich nichts kaufen durfte.


Healthy Lady:
Welche Vorurteile begegnen dir am häufigsten?

Zişan:
„Du hast zu viel Geld.“ „Ich hätte gern dein Leben.“ „Dann kauf halt weniger.“

Diese Sätze tun weh, weil sie meine Geschichte ignorieren.
Niemand sieht, was in mir passiert.


Ausblick & Botschaft

Healthy Lady:
Was sind deine langfristigen Ziele?

Zişan:
Ein gesundes Kaufverhalten. Nicht panisch werden. Nicht dieses Gefühl haben, dass ich ständig etwas Neues brauche. Ich möchte lernen, im Moment zu leben, ohne Käufe als Krücke. Und ich möchte zeigen: Man kann es schaffen.


Healthy Lady:
Was wünschst du dir von Angehörigen?

Zişan:
Zuhören. Ernst nehmen. Unterstützen, ohne zu verurteilen. Begleiten bei Challenges oder Therapie. Und vor allem: Nicht lachen. Nicht kleinreden.


Healthy Lady:
Welche Botschaft möchtest du Menschen mitgeben, die still kämpfen?

Zişan:
Ich möchte dir etwas sagen, das ich mir früher selbst so sehr gewünscht hätte:
Du musst dich nicht schämen. Du musst nichts verstecken. Und du bist nicht zu schwach, weil du kämpfst. Im Gegenteil. Dieser Kampf zeigt, wie stark du bist. Viele denken, Kaufsucht sei ein oberflächliches Problem. Doch in Wahrheit geht es um Schmerz, um alte Wunden und um Gefühle, die man oft lange mit sich herumträgt. Wenn du gerade kämpfst, dann sollst du wissen: Du bist nicht allein. Du hast das Recht auf Hilfe, auf Verständnis und darauf, dich selbst nicht aufzugeben.

Du musst dich nicht schämen. Du bist nicht allein.


Hilfe bei Kaufsucht – du bist nicht allein

Wenn du merkst, dass Kaufen dein Leben bestimmt, dich belastet oder dich finanziell und emotional unter Druck setzt, bist du damit nicht allein. Unterstützung und erste Hilfe findest du hier:

Erste Anlaufstelle: Hausarzt oder Hausärztin
Sie können einschätzen, wie stark die Belastung ist und an passende Fachstellen überweisen.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Übersicht über Beratungsstellen in ganz Deutschland:
 www.dhs.de

Telefonische Beratung bei psychischer Belastung
Telefonseelsorge rund um die Uhr, anonym und kostenfrei:
Tel.: 0800 111 0 111
Tel.: 0800 111 0 222

Online-Hilfe speziell bei Kaufsucht Beratung und Selbsthilfeangebote: www.kaufsucht.de



Jugendamt vor der Tür? Warum die Angst oft unbegründet ist

Wenn es an der Tür klingelt und das Jugendamt davorsteht, bleibt für viele Familien die Welt schlagartig stehen. Es ist ein Moment, in dem die Luft im Flur schwer wird vor Anspannung und das Herz schneller schlägt. In kaum einem anderen Bereich prallen große Unsicherheit und staatliche Verantwortung so unmittelbar aufeinander.

Stefanie Schlösser kennt beide Seiten dieses Moments. Viele Jahre lang war das Jugendamt ihre berufliche Heimat. Als Jugendamtsleiterin traf sie Entscheidungen, die über den Schutz eines Kindes und damit über das Leben ganzer Familien bestimmten. Es waren Situationen, die weit mehr verlangten als nur Fachwissen. Sie erforderten Mut, Erfahrung und ein hohes Maß an Menschlichkeit. Sie hat erlebt, wie Eltern die Tür nur einen Spalt breit öffnen, weil das Vertrauen fehlt und die Angst überwiegt.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews begleitete sie als Sozialpädagogin Familien, die sich im Kontakt mit Behörden unsicher oder überfordert fühlten. Mit ihrer Erfahrung konnte sie helfen, Abläufe verständlich zu machen und Gespräche besser vorzubereiten. Heute ist sie wieder im Bereich Jugendhilfe tätig. Ihre Perspektive ist geblieben. Sie kennt die Herausforderungen auf beiden Seiten und weiß, wie wichtig es ist, Vertrauen aufzubauen und Missverständnisse zu vermeiden.

Stefanie Schlösser
Stefanie Schlösser: Expertin für Jugendhilfe und ehemalige Amtsleiterin. Mit über 20 Jahren Erfahrung kennt sie die Strukturen der Behörden aus erster Hand. (Foto: S. Schlösser)

Jugendamt hinter den Kulissen: Was wirklich passiert

Healthy Lady: Liebe Stefanie, kommen wir gleich zum Kern der Sache, der oft die größte Verunsicherung auslöst: Was macht das Jugendamt eigentlich wirklich und was gehört ausdrücklich nicht zu seinen Aufgaben?

Stefanie Schlösser: Die Aufgaben des Jugendamtes sind im Gesetz (SGB VIII) festgeschrieben. Das Ganze ist so komplex, dass eine vollständige Liste den Rahmen sprengen würde, aber ein Punkt ist mir besonders wichtig: Das Jugendamt ist nicht automatisch gleichzusetzen mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Der ASD ist nur ein Teilbereich, wenn auch der, der am meisten im Fokus steht.

„Der ASD ist nur ein kleiner Teil – das Jugendamt besteht überwiegend aus Unterstützung, Beratung und Hilfsangeboten.“

Zum Jugendamt gehört in Wahrheit viel mehr: Es steuert Kindertagesstätten, organisiert die Jugendförderung wie Ferienfreizeiten und Jugendzentren und umfasst Angebote wie die Frühen Hilfen, Erziehungsberatung oder die Jugendhilfe im Strafverfahren. All das ist „Jugendamt“, auch wenn in der Öffentlichkeit meist nur der Bereich wahrgenommen wird, der in Krisen agiert.

Wenn wir uns den Allgemeinen Sozialen Dienst (in manchen Regionen auch Bezirkssozialdienst genannt) genauer ansehen, lassen sich drei zentrale Aufgaben unterscheiden:

  • Das Wächteramt: Das ist der hoheitliche Auftrag. Ähnlich wie Polizei oder Feuerwehr hat das Jugendamt hier eine „Garantenstellung“. Nur das Amt darf Gefährdungseinschätzungen vornehmen oder Kinder in Obhut nehmen. Das kann kein anderer Dienst.
  • Die Bewilligungsbehörde: Hier geht es um die Verwaltung. Der ASD prüft Anträge auf Erziehungshilfen, entscheidet über deren Umfang und kontrolliert die Umsetzung, vor allem auch die Eingliederungshilfe für Kinder mit seelischen Einschränkungen.
  • Die Beratungsfunktion: Ein ganz entscheidender Punkt! Das Jugendamt berät bei Fragen zum Sorge- und Umgangsrecht. Doch hier herrscht oft ein großer Irrtum: Das Jugendamt trifft hier keine Entscheidungen. Es kann nur begleiten und beraten. Verbindliche Regelungen kann ausschließlich ein Familiengericht treffen. In der Praxis führt das oft zu Enttäuschungen, wenn Eltern vom Amt eine klare Vorgabe erwarten, die es rechtlich gar nicht geben darf.

Image eines Kinderräubers

Healthy Lady: In den Medien und den sozialen Netzwerken begegnet uns oft ein düsteres Narrativ. Das Jugendamt wird dort als Instanz dargestellt, die willkürlich Familien zerstört und Kinder ihren Eltern wegnimmt. Warum ist dieses Bild so tief in unseren Köpfen verankert und was ist die Realität hinter diesen Schlagzeilen?

Stefanie Schlösser: Das Bild in den sozialen Medien ist stark von Emotionen geprägt und zwar vor allem von Frust und Wut. In der Regel lieben Eltern ihre Kinder und möchten sie bei sich behalten. Wenn das Jugendamt entgegen ihrem Willen handelt und ein Gericht diese Entscheidung auch noch bestätigt, ist das ein massiver Eingriff. Das Kind wird vorübergebend aus der Familie genommen und zum Schutz bei Pflegeeltern, in einer Einrichtung oder an einem anderen sicheren Ort untergebracht. Das löst Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer aus und diese Gefühle sind erst einmal nachvollziehbar.

Solche starken Emotionen führen dazu, dass Eltern ihre Geschichte öffentlich emotional stark geprägt erzählen, manches Mal auch indem sie gewichtige Punkte auslassen oder verfälschen, in der Hoffnung auf Verständnis, Unterstützung und Solidarität. Diese bekommen sie in den sozialen Netzwerken in großem Umfang. Was aber kaum sichtbar ist, ist die viel größere Zahl an Fällen, in denen Eltern und Kinder Unterstützung vom Jugendamt erhalten, die sie als hilfreich erleben und gerade deshalb keinen Anlass sehen, dies öffentlich zu thematisieren.

„Das Jugendamt darf öffentliche Vorwürfe oft nicht richtigstellen – genau dadurch entsteht eine einseitige Erzählung.“

Dazu kommt, dass das Jugendamt öffentliche Vorwürfe aus Datenschutz- und Kinderschutzgründen nicht einfach richtigstellen darf. Wenn Eltern in die Kamera sagen, dass ihre Kinder ihnen grundlos weggenommen wurden, kann das Jugendamt nicht öffentlich antworten, dass es dafür konkrete Gründe gab. Damit würde es sowohl die Rechte der Eltern als auch die Rechte des Kindes verletzen. Die Folge ist eine einseitige öffentliche Erzählung, in der die Perspektive des Jugendamtes und des Kindes weitgehend fehlt. Genau daraus entsteht das Bild vom bösen Jugendamt. Es gibt Fehlentscheidungen wie in jedem komplexen System, aber der überwiegende Teil der Arbeit des Jugendamtes besteht aus Unterstützung, Beratung und Hilfen. Diese Geschichten tauchen in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht auf.


Der Albtraum von der grundlosen Inobhutnahme

Healthy Lady: Stefanie, wenn man über das Jugendamt spricht, stolpert man sofort über eine ganze Reihe von Vorurteilen. Welche Klischees begegnen dir in deiner täglichen Arbeit am häufigsten und was davon stimmt bei genauerem Hinsehen einfach nicht?

Stefanie Schlösser: Das mit Abstand häufigste Klischee lautet, dass Kinder grundlos weggenommen werden. Dieses Bild hält sich zwar hartnäckig, entspricht aber absolut nicht der Realität. Um eine Inobhutnahme tatsächlich durchzuführen, müssen sehr viele Schritte eingehalten und zahlreiche Personen sowie Stellen einbezogen werden. Zuvor müssen alle anderen Mittel ausgeschöpft sein oder als nicht anwendbar eingestuft werden. Zudem geht das Jugendamt nicht wahllos in Familien, sondern wird nur tätig, wenn es einen konkreten Anlass gibt. Das kann eine Meldung von der Schule, der Kita, von Nachbarn, der Polizei oder sogar vom Kind selbst sein. Allein daraus ergibt sich schon, dass ein Eingriff nie völlig anlasslos erfolgt.

Das Wort „grundlos“ bedeutet in vielen Erzählungen eher, dass die Eltern oder das Umfeld den Grund nicht verstehen oder ihn nicht als ausreichend akzeptieren. Ich erlebe dagegen häufig, dass Kinder gerade rückblickend sehr genau einordnen können, warum eine Herausnahme notwendig war. Es gibt viele junge Erwachsene, die sagen, dass die Inobhutnahme das Beste war, was ihnen passieren konnte, während die Eltern bis heute überzeugt sind, es habe keinen Grund gegeben. Ein Beispiel dafür sind stark parentifizierte Kinder, die schon früh Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen müssten. Das reicht von der Versorgung der Geschwister bis hin zur emotionalen Stabilisierung der Eltern.

„In meiner gesamten Laufbahn habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Kind völlig grundlos in Obhut genommen wurde.“

Diese Kinder empfinden diese enorme Verantwortung oft zunächst nicht als Belastung, sondern als normal oder sogar als Bestätigung. Beide Seiten hätten in so einer Situation damals wohl gesagt, dass da nichts Schlimmes war und das Amt grundlos gehandelt hat. Aus fachlicher Sicht liegt aber eine massive Überforderung vor, die langfristig schädlich ist. Mir ist in meiner gesamten Laufbahn kein einziger Fall begegnet, in dem eine Inobhutnahme völlig ohne nachvollziehbaren Anlass erfolgt ist. In Fällen, in denen Eltern mir ihre Geschichte als grundlos geschildert haben, war bei genauer Betrachtung immer erkennbar, auf welcher Grundlage gehandelt wurde. Auch wenn dieser Grund für die Eltern emotional natürlich nur schwer akzeptierbar war.


Das Machtgefälle und die Angst vor dem Kontrollverlust

Healthy Lady: Es ist fast greifbar, wie viel Furcht dieses Wort „Jugendamt“ auslöst. Warum ist das Misstrauen bei so vielen Eltern so tief verwurzelt? Was sind die eigentlichen Quellen dieser Angst?

Stefanie Schlösser: Das Misstrauen speist sich aus mehreren Quellen. Zum einen liegt es an der sehr einseitigen öffentlichen Wahrnehmung. In den Medien und insbesondere in den sozialen Netzwerken tauchen vor allem die dramatischen und konflikthaften Fälle auf, also genau die Situationen, in denen es zu massiven Eingriffen kommt. Die Millionen Fälle, in denen das Jugendamt unterstützt, berät oder Hilfen organisiert und damit Familien entlastet, bleiben in der Regel unsichtbar. Ich nutze da gerne den Vergleich mit der Fliegerei. Wir alle wissen, dass nur sehr wenige Flugzeuge abstürzen und gleichzeitig unglaublich viele Maschinen täglich sicher unterwegs sind. Berichtet wird aber fast ausschließlich über die Unfälle.

Zum anderen spielt die hoheitliche Stellung des Jugendamtes eine große Rolle. Genau wie die Polizei oder das Ordnungsamt hat das Jugendamt in bestimmten Bereichen eine besondere Handlungsmacht. Es kann im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben auch gegen den Willen der Eltern tätig werden. Dieses mögliche Machtgefälle löst bei vielen Menschen eine tiefe Verunsicherung aus. Das ist auch nicht völlig irrational, denn die meisten Menschen sind auch nervös, wenn sie von der Polizei angehalten werden, obwohl sie gar nichts getan haben.

„Die Angst entsteht vor allem durch die sichtbaren Krisen – nicht durch die vielen stillen Hilfen im Alltag.“

Entscheidend ist aber, dass in der überwältigenden Mehrheit der Fälle die Kontakte mit dem Jugendamt sachlich und kooperativ verlaufen. Es geht um Unterstützung, Beratung und Hilfen und nicht darum, Familien zu zerschlagen. Diese Normalität ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast nicht präsent. Stattdessen bleibt bei vielen das Bild im Kopf, dass das Kind weg ist, sobald das Jugendamt kommt. Und genau dieses Bild schürt die Angst und das Misstrauen.


Empathie trifft Entscheidungskraft: Der schmale Grat der Professionalität

Healthy Lady: Wie schafft man es eigentlich, in einer Behörde wie dem Jugendamt menschlich zu bleiben, wenn man gleichzeitig Entscheidungen treffen muss, die eine so enorme und oft lebensverändernde Verantwortung mit sich bringen?

Stefanie Schlösser: Ein wichtiger Punkt ist, dass Menschlichkeit von außen oft anders verstanden wird, als es professionell notwendig ist. Viele Menschen wünschen sich sichtbare Emotionen, viel Nähe und persönliche Anteilnahme. In hochbelasteten Situationen kann das aber unprofessionell oder sogar kontraindiziert sein. Fachkräfte im Jugendamt tragen eine hohe Verantwortung und müssen auch in extremen Krisenlagen entscheidungsfähig bleiben. Dazu gehört es, die eigenen Emotionen zu regulieren, einen klaren Kopf zu behalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Das hat nichts mit mangelnder Empathie zu tun, sondern mit Professionalität. Die innere Betroffenheit ist oft da, sie wird nur nicht ungefiltert nach außen gezeigt.

„Professionalität bedeutet nicht Gefühllosigkeit – sondern Empathie mit klarem Kopf.“

Menschlichkeit zeigt sich aus meiner Sicht vor allem in drei Dingen. Erstens in echter Empathie, also im ernsthaften Bemühen zu verstehen, wie sich eine Situation für Eltern und Kinder anfühlt. Zweitens in Transparenz, indem Entscheidungen erklärt und Abläufe sowie rechtliche Hintergründe so weit wie möglich verständlich gemacht werden. Und drittens im Respekt. Auch in schwierigen Situationen dürfen Eltern nicht abgewertet werden, sondern müssen als Verantwortliche für ihr Kind angesprochen werden.

Ich halte es für zentral, dass Fachkräfte klar kommunizieren können, dass sie die Belastung der Situation für die Eltern verstehen, aber gleichzeitig rechtlich verpflichtet sind, einen bestimmten Schritt zu gehen. Diese Kombination aus Empathie und Klarheit ist für viele Eltern zwar schwer auszuhalten, schafft aber langfristig eher Vertrauen als eine emotional aufgeladene und wenig strukturierte Haltung. Mit der Berufserfahrung kommt hinzu, dass man viele Situationen leider mehrfach erlebt. Das führt nicht dazu, dass sie einen kalt lassen, aber sie reißen einen nicht mehr jedes Mal so aus der Bahn wie ganz am Anfang.


Wenn Schicksal auf Mitgefühl trifft. Erlebnisse die unter die Haut gehen

Healthy Lady: Aber gibt es dennoch Momente in diesem Beruf, die du bis heute nicht vergessen kannst? Eine Begegnung, die dich als Mensch und Fachkraft nachhaltig geprägt hat?

Stefanie Schlösser: Ja, die gibt es. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich einen Fall aus meinen Berufsanfängen nennen, der mich bis heute begleitet. Es ging um eine Geschwisterkonstellation. Die Kinder gerieten über eine Lappalie in einen Streit, der körperlich wurde. In diesem Gerangel kam es zu einem Unfall, in dessen Folge eines der Geschwister verletzt wurde und verstarb. Für das andere Kind und die ganze Familie war das ein nicht vorstellbarer Schock.

„Mich hat tief beeindruckt, wie eine Familie entschied, ein Kind trotz unfassbarer Tragödie nicht auch noch zu verlieren.“

Was mich daran besonders geprägt hat, war der Umgang der Familie mit dem überlebenden Kind. Anstatt es zu stigmatisieren oder dauerhaft mit Schuldzuweisungen zu leben, hat die Familie sehr bewusst entschieden, dieses Kind nicht auch noch zu verlieren. Sie haben alles darangesetzt, es in seiner Trauer zu unterstützen, ihm Halt zu geben und ihm zu signalisieren, dass es weiterhin Teil dieser Familie ist. Dass Menschen in einer solchen Extremsituation diese Haltung einnehmen, fand ich zutiefst beeindruckend.

Daneben gibt es viele Fälle, die mich eher durch meine eigene Hilflosigkeit beschäftigt haben. Zum Beispiel Kinder, die objektiv gesehen liebevolle Eltern haben, aber trotzdem stark leiden, etwa weil sie keinerlei Freunde finden und sozial ausgeschlossen sind. Man kann Angebote machen oder Therapien unterstützen, aber man kann andere Kinder nicht dazu zwingen, Freundschaften einzugehen. Oder zu sehen, wie sich Kinder an ihren Eltern abkämpfen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, aber ein ums andere Mal vor eine Wand rennen. Solche Momente der Ohnmacht gehören leider auch zu diesem Beruf.


Der unangekündigte Hausbesuch – Souverän reagieren wenn es an der Tür klingelt

Healthy Lady: Das absolute Horrorszenario für viele Eltern ist der Moment, in dem die Mitarbeiter des Jugendamtes plötzlich und unangekündigt vor der Tür stehen. Wie läuft so ein Einsatz in der Realität ab und wie verhält man sich in diesem Moment am besten?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Auch eine Visitenkarte ist hilfreich. Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür immer einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

„Kooperationsbereitschaft ist in dieser Situation fast immer der beste Weg.“

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte natürlich nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist, aber es kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf. 

Außerdem zu dem standardisierten Ablauf gehört, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage, ob sie sich das Kinderzimmer ansehen dürfen, ist zwar höflich formuliert, gehört aber zwingend zum fachlichen Vorgehen.

Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt. Es geht um ganz andere Dinge. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie steht es um Hygiene und Sicherheit? Steht da seit Wochen schmutziges Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum oder gibt es ein hohes Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin gesund entwickeln kann? Wenn sich im Gespräch und bei der Besichtigung zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn jedoch ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


Vorbereitung ist alles – Wie Eltern im Gespräch mit Jugendamt die Kontrolle behalten

Healthy Lady: Wenn der Kontakt zum Jugendamt erst einmal hergestellt ist, fühlen sich viele Eltern dem System ausgeliefert. Wie können sie sich ganz praktisch vorbereiten, um in diesen Gesprächen sicher und souverän aufzutreten?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet konsequent dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden und was zugesichert wurde, all das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit und kurzem Inhalt festgehalten werden. Aussagen wie man habe irgendwann im November telefoniert helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sehr sinnvoll sein, sich dafür eine eigene Jugendamtsakte anzulegen, die chronologisch sortiert ist.

„Wer mit dem Jugendamt zu tun hat, sollte jedes Gespräch genau dokumentieren – das schafft Sicherheit.“

Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Dynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung, ob man jemanden braucht, der einen emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt, oder ob man in diesem Gespräch allein handlungsfähiger ist. Man sollte sich auch fragen, ob eine weitere Person die Situation vielleicht sogar zusätzlich auflädt. Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.

Hilfreich ist zudem, sich vorab klarzumachen, in welchem Modus das Jugendamt gerade arbeitet. Geht es um eine reine Beratung zum Sorge und Umgangsrecht, geht es um eine bereits bewilligte Hilfe zur Erziehung oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich.

Ganz entscheidend ist auch der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind absolut verständlich, im Gespräch selbst aber oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um im Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, etwa bei Freunden, in der Therapie oder in einer Beratung. Das Gespräch mit dem Dienst des Jugendamtes ist jedoch ziel und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Warum sich das Jugendamt oft nicht wehren kann

Healthy Lady: Es fällt auf, dass das Jugendamt in der Kritik oft sehr schutzlos wirkt. Wenn du eine Sache im System oder in der gesellschaftlichen Haltung ändern könntest, damit sich dieses einseitige Bild wandelt, was wäre das?

„Die fehlende Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter schafft ein Vakuum, das von einseitigen Darstellungen gefüllt wird.“

Stefanie Schlösser: Systemisch würde ich mir wünschen, dass die Arbeit der Jugendämter deutlich stärker transparent gemacht werden darf. In vielen Kommunen ist es Mitarbeitenden faktisch untersagt, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen. Es gibt kaum offizielle Öffentlichkeitsarbeit, obwohl andere Behörden, sogar Polizei, Feuerwehr oder Ministerien, längst eigene Kommunikationskanäle nutzen. Dadurch entsteht ein Vakuum, das von einseitigen oder falschen Darstellungen gefüllt wird. Eine kontrollierte, professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter könnte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und realistischere Einblicke zu geben.

Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, dass Eltern sich der Tragweite ihrer Entscheidung für ein Kind bewusster werden. Elternschaft ist wunderschön, aber auch belastend, emotional, organisatorisch, finanziell und körperlich. In der öffentlichen Darstellung überwiegt oft die romantische Seite. Ein Beispiel dafür war eine Diskussion, die ich in sozialen Medien mit einem jungen Mann führte, der keine Kinder hatte und sehr überzeugt davon war, dass Eltern natürlich genügend Schlaf bekämen. Die Eltern würden sich dann den Schlaf eben woanders und zu anderen Zeitpunkten am Tag holen. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass Menschen über Monate oder Jahre hinweg massiv übermüdet sein können und trotzdem funktionieren müssen. Ich glaube, da muss ich jetzt nicht sehr viel zu sagen, jeder, der Kinder hat oder sie erlebt, weiß, wie schlimm dieser Schlafmangel sein kann. Ich glaube, eine ehrlichere, weniger verklärte Auseinandersetzung mit Elternschaft würde helfen, sowohl den Kindern als auch den Eltern.


„Eltern sollen wissen: In diesem System sind sie nicht allein und es gibt Wege, ihre Stimme wiederzufinden.“

Healthy Lady: Das ist ein sehr wichtiger Gedanke zum Abschluss. Die Romantik beiseite zu lassen und stattdessen auf echte Unterstützung und ehrliche Kommunikation zu setzen, würde sicher viele Fronten aufweichen. Stefanie, danke für diese tiefen Einblicke in ein System, das so oft missverstanden wird.

Stefanie Schlösser: Sehr gerne. Mir ist wichtig, dass Eltern wissen, dass sie in diesem System nicht allein sind und dass es Wege gibt, die eigene Stimme wiederzufinden.