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Jugendamt vor der Tür? Warum die Angst oft unbegründet ist

Wenn es an der Tür klingelt und das Jugendamt davorsteht, bleibt für viele Familien die Welt schlagartig stehen. Es ist ein Moment, in dem die Luft im Flur schwer wird vor Anspannung und das Herz schneller schlägt. In kaum einem anderen Bereich prallen große Unsicherheit und staatliche Verantwortung so unmittelbar aufeinander.

Stefanie Schlösser kennt beide Seiten dieses Moments. Viele Jahre lang war das Jugendamt ihre berufliche Heimat. Als Jugendamtsleiterin traf sie Entscheidungen, die über den Schutz eines Kindes und damit über das Leben ganzer Familien bestimmten. Es waren Situationen, die weit mehr verlangten als nur Fachwissen. Sie erforderten Mut, Erfahrung und ein hohes Maß an Menschlichkeit. Sie hat erlebt, wie Eltern die Tür nur einen Spalt breit öffnen, weil das Vertrauen fehlt und die Angst überwiegt.

Zum Zeitpunkt unseres Interviews begleitete sie als Sozialpädagogin Familien, die sich im Kontakt mit Behörden unsicher oder überfordert fühlten. Mit ihrer Erfahrung konnte sie helfen, Abläufe verständlich zu machen und Gespräche besser vorzubereiten. Heute ist sie wieder im Bereich Jugendhilfe tätig. Ihre Perspektive ist geblieben. Sie kennt die Herausforderungen auf beiden Seiten und weiß, wie wichtig es ist, Vertrauen aufzubauen und Missverständnisse zu vermeiden.

Stefanie Schlösser
Stefanie Schlösser: Expertin für Jugendhilfe und ehemalige Amtsleiterin. Mit über 20 Jahren Erfahrung kennt sie die Strukturen der Behörden aus erster Hand. (Foto: S. Schlösser)

Jugendamt hinter den Kulissen: Was wirklich passiert

Healthy Lady: Liebe Stefanie, kommen wir gleich zum Kern der Sache, der oft die größte Verunsicherung auslöst: Was macht das Jugendamt eigentlich wirklich und was gehört ausdrücklich nicht zu seinen Aufgaben?

Stefanie Schlösser: Die Aufgaben des Jugendamtes sind im Gesetz (SGB VIII) festgeschrieben. Das Ganze ist so komplex, dass eine vollständige Liste den Rahmen sprengen würde, aber ein Punkt ist mir besonders wichtig: Das Jugendamt ist nicht automatisch gleichzusetzen mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Der ASD ist nur ein Teilbereich, wenn auch der, der am meisten im Fokus steht.

„Der ASD ist nur ein kleiner Teil – das Jugendamt besteht überwiegend aus Unterstützung, Beratung und Hilfsangeboten.“

Zum Jugendamt gehört in Wahrheit viel mehr: Es steuert Kindertagesstätten, organisiert die Jugendförderung wie Ferienfreizeiten und Jugendzentren und umfasst Angebote wie die Frühen Hilfen, Erziehungsberatung oder die Jugendhilfe im Strafverfahren. All das ist „Jugendamt“, auch wenn in der Öffentlichkeit meist nur der Bereich wahrgenommen wird, der in Krisen agiert.

Wenn wir uns den Allgemeinen Sozialen Dienst (in manchen Regionen auch Bezirkssozialdienst genannt) genauer ansehen, lassen sich drei zentrale Aufgaben unterscheiden:

  • Das Wächteramt: Das ist der hoheitliche Auftrag. Ähnlich wie Polizei oder Feuerwehr hat das Jugendamt hier eine „Garantenstellung“. Nur das Amt darf Gefährdungseinschätzungen vornehmen oder Kinder in Obhut nehmen. Das kann kein anderer Dienst.
  • Die Bewilligungsbehörde: Hier geht es um die Verwaltung. Der ASD prüft Anträge auf Erziehungshilfen, entscheidet über deren Umfang und kontrolliert die Umsetzung, vor allem auch die Eingliederungshilfe für Kinder mit seelischen Einschränkungen.
  • Die Beratungsfunktion: Ein ganz entscheidender Punkt! Das Jugendamt berät bei Fragen zum Sorge- und Umgangsrecht. Doch hier herrscht oft ein großer Irrtum: Das Jugendamt trifft hier keine Entscheidungen. Es kann nur begleiten und beraten. Verbindliche Regelungen kann ausschließlich ein Familiengericht treffen. In der Praxis führt das oft zu Enttäuschungen, wenn Eltern vom Amt eine klare Vorgabe erwarten, die es rechtlich gar nicht geben darf.

Image eines Kinderräubers

Healthy Lady: In den Medien und den sozialen Netzwerken begegnet uns oft ein düsteres Narrativ. Das Jugendamt wird dort als Instanz dargestellt, die willkürlich Familien zerstört und Kinder ihren Eltern wegnimmt. Warum ist dieses Bild so tief in unseren Köpfen verankert und was ist die Realität hinter diesen Schlagzeilen?

Stefanie Schlösser: Das Bild in den sozialen Medien ist stark von Emotionen geprägt und zwar vor allem von Frust und Wut. In der Regel lieben Eltern ihre Kinder und möchten sie bei sich behalten. Wenn das Jugendamt entgegen ihrem Willen handelt und ein Gericht diese Entscheidung auch noch bestätigt, ist das ein massiver Eingriff. Das Kind wird vorübergebend aus der Familie genommen und zum Schutz bei Pflegeeltern, in einer Einrichtung oder an einem anderen sicheren Ort untergebracht. Das löst Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer aus und diese Gefühle sind erst einmal nachvollziehbar.

Solche starken Emotionen führen dazu, dass Eltern ihre Geschichte öffentlich emotional stark geprägt erzählen, manches Mal auch indem sie gewichtige Punkte auslassen oder verfälschen, in der Hoffnung auf Verständnis, Unterstützung und Solidarität. Diese bekommen sie in den sozialen Netzwerken in großem Umfang. Was aber kaum sichtbar ist, ist die viel größere Zahl an Fällen, in denen Eltern und Kinder Unterstützung vom Jugendamt erhalten, die sie als hilfreich erleben und gerade deshalb keinen Anlass sehen, dies öffentlich zu thematisieren.

„Das Jugendamt darf öffentliche Vorwürfe oft nicht richtigstellen – genau dadurch entsteht eine einseitige Erzählung.“

Dazu kommt, dass das Jugendamt öffentliche Vorwürfe aus Datenschutz- und Kinderschutzgründen nicht einfach richtigstellen darf. Wenn Eltern in die Kamera sagen, dass ihre Kinder ihnen grundlos weggenommen wurden, kann das Jugendamt nicht öffentlich antworten, dass es dafür konkrete Gründe gab. Damit würde es sowohl die Rechte der Eltern als auch die Rechte des Kindes verletzen. Die Folge ist eine einseitige öffentliche Erzählung, in der die Perspektive des Jugendamtes und des Kindes weitgehend fehlt. Genau daraus entsteht das Bild vom bösen Jugendamt. Es gibt Fehlentscheidungen wie in jedem komplexen System, aber der überwiegende Teil der Arbeit des Jugendamtes besteht aus Unterstützung, Beratung und Hilfen. Diese Geschichten tauchen in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht auf.


Der Albtraum von der grundlosen Inobhutnahme

Healthy Lady: Stefanie, wenn man über das Jugendamt spricht, stolpert man sofort über eine ganze Reihe von Vorurteilen. Welche Klischees begegnen dir in deiner täglichen Arbeit am häufigsten und was davon stimmt bei genauerem Hinsehen einfach nicht?

Stefanie Schlösser: Das mit Abstand häufigste Klischee lautet, dass Kinder grundlos weggenommen werden. Dieses Bild hält sich zwar hartnäckig, entspricht aber absolut nicht der Realität. Um eine Inobhutnahme tatsächlich durchzuführen, müssen sehr viele Schritte eingehalten und zahlreiche Personen sowie Stellen einbezogen werden. Zuvor müssen alle anderen Mittel ausgeschöpft sein oder als nicht anwendbar eingestuft werden. Zudem geht das Jugendamt nicht wahllos in Familien, sondern wird nur tätig, wenn es einen konkreten Anlass gibt. Das kann eine Meldung von der Schule, der Kita, von Nachbarn, der Polizei oder sogar vom Kind selbst sein. Allein daraus ergibt sich schon, dass ein Eingriff nie völlig anlasslos erfolgt.

Das Wort „grundlos“ bedeutet in vielen Erzählungen eher, dass die Eltern oder das Umfeld den Grund nicht verstehen oder ihn nicht als ausreichend akzeptieren. Ich erlebe dagegen häufig, dass Kinder gerade rückblickend sehr genau einordnen können, warum eine Herausnahme notwendig war. Es gibt viele junge Erwachsene, die sagen, dass die Inobhutnahme das Beste war, was ihnen passieren konnte, während die Eltern bis heute überzeugt sind, es habe keinen Grund gegeben. Ein Beispiel dafür sind stark parentifizierte Kinder, die schon früh Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen müssten. Das reicht von der Versorgung der Geschwister bis hin zur emotionalen Stabilisierung der Eltern.

„In meiner gesamten Laufbahn habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Kind völlig grundlos in Obhut genommen wurde.“

Diese Kinder empfinden diese enorme Verantwortung oft zunächst nicht als Belastung, sondern als normal oder sogar als Bestätigung. Beide Seiten hätten in so einer Situation damals wohl gesagt, dass da nichts Schlimmes war und das Amt grundlos gehandelt hat. Aus fachlicher Sicht liegt aber eine massive Überforderung vor, die langfristig schädlich ist. Mir ist in meiner gesamten Laufbahn kein einziger Fall begegnet, in dem eine Inobhutnahme völlig ohne nachvollziehbaren Anlass erfolgt ist. In Fällen, in denen Eltern mir ihre Geschichte als grundlos geschildert haben, war bei genauer Betrachtung immer erkennbar, auf welcher Grundlage gehandelt wurde. Auch wenn dieser Grund für die Eltern emotional natürlich nur schwer akzeptierbar war.


Das Machtgefälle und die Angst vor dem Kontrollverlust

Healthy Lady: Es ist fast greifbar, wie viel Furcht dieses Wort „Jugendamt“ auslöst. Warum ist das Misstrauen bei so vielen Eltern so tief verwurzelt? Was sind die eigentlichen Quellen dieser Angst?

Stefanie Schlösser: Das Misstrauen speist sich aus mehreren Quellen. Zum einen liegt es an der sehr einseitigen öffentlichen Wahrnehmung. In den Medien und insbesondere in den sozialen Netzwerken tauchen vor allem die dramatischen und konflikthaften Fälle auf, also genau die Situationen, in denen es zu massiven Eingriffen kommt. Die Millionen Fälle, in denen das Jugendamt unterstützt, berät oder Hilfen organisiert und damit Familien entlastet, bleiben in der Regel unsichtbar. Ich nutze da gerne den Vergleich mit der Fliegerei. Wir alle wissen, dass nur sehr wenige Flugzeuge abstürzen und gleichzeitig unglaublich viele Maschinen täglich sicher unterwegs sind. Berichtet wird aber fast ausschließlich über die Unfälle.

Zum anderen spielt die hoheitliche Stellung des Jugendamtes eine große Rolle. Genau wie die Polizei oder das Ordnungsamt hat das Jugendamt in bestimmten Bereichen eine besondere Handlungsmacht. Es kann im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben auch gegen den Willen der Eltern tätig werden. Dieses mögliche Machtgefälle löst bei vielen Menschen eine tiefe Verunsicherung aus. Das ist auch nicht völlig irrational, denn die meisten Menschen sind auch nervös, wenn sie von der Polizei angehalten werden, obwohl sie gar nichts getan haben.

„Die Angst entsteht vor allem durch die sichtbaren Krisen – nicht durch die vielen stillen Hilfen im Alltag.“

Entscheidend ist aber, dass in der überwältigenden Mehrheit der Fälle die Kontakte mit dem Jugendamt sachlich und kooperativ verlaufen. Es geht um Unterstützung, Beratung und Hilfen und nicht darum, Familien zu zerschlagen. Diese Normalität ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast nicht präsent. Stattdessen bleibt bei vielen das Bild im Kopf, dass das Kind weg ist, sobald das Jugendamt kommt. Und genau dieses Bild schürt die Angst und das Misstrauen.


Empathie trifft Entscheidungskraft: Der schmale Grat der Professionalität

Healthy Lady: Wie schafft man es eigentlich, in einer Behörde wie dem Jugendamt menschlich zu bleiben, wenn man gleichzeitig Entscheidungen treffen muss, die eine so enorme und oft lebensverändernde Verantwortung mit sich bringen?

Stefanie Schlösser: Ein wichtiger Punkt ist, dass Menschlichkeit von außen oft anders verstanden wird, als es professionell notwendig ist. Viele Menschen wünschen sich sichtbare Emotionen, viel Nähe und persönliche Anteilnahme. In hochbelasteten Situationen kann das aber unprofessionell oder sogar kontraindiziert sein. Fachkräfte im Jugendamt tragen eine hohe Verantwortung und müssen auch in extremen Krisenlagen entscheidungsfähig bleiben. Dazu gehört es, die eigenen Emotionen zu regulieren, einen klaren Kopf zu behalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Das hat nichts mit mangelnder Empathie zu tun, sondern mit Professionalität. Die innere Betroffenheit ist oft da, sie wird nur nicht ungefiltert nach außen gezeigt.

„Professionalität bedeutet nicht Gefühllosigkeit – sondern Empathie mit klarem Kopf.“

Menschlichkeit zeigt sich aus meiner Sicht vor allem in drei Dingen. Erstens in echter Empathie, also im ernsthaften Bemühen zu verstehen, wie sich eine Situation für Eltern und Kinder anfühlt. Zweitens in Transparenz, indem Entscheidungen erklärt und Abläufe sowie rechtliche Hintergründe so weit wie möglich verständlich gemacht werden. Und drittens im Respekt. Auch in schwierigen Situationen dürfen Eltern nicht abgewertet werden, sondern müssen als Verantwortliche für ihr Kind angesprochen werden.

Ich halte es für zentral, dass Fachkräfte klar kommunizieren können, dass sie die Belastung der Situation für die Eltern verstehen, aber gleichzeitig rechtlich verpflichtet sind, einen bestimmten Schritt zu gehen. Diese Kombination aus Empathie und Klarheit ist für viele Eltern zwar schwer auszuhalten, schafft aber langfristig eher Vertrauen als eine emotional aufgeladene und wenig strukturierte Haltung. Mit der Berufserfahrung kommt hinzu, dass man viele Situationen leider mehrfach erlebt. Das führt nicht dazu, dass sie einen kalt lassen, aber sie reißen einen nicht mehr jedes Mal so aus der Bahn wie ganz am Anfang.


Wenn Schicksal auf Mitgefühl trifft. Erlebnisse die unter die Haut gehen

Healthy Lady: Aber gibt es dennoch Momente in diesem Beruf, die du bis heute nicht vergessen kannst? Eine Begegnung, die dich als Mensch und Fachkraft nachhaltig geprägt hat?

Stefanie Schlösser: Ja, die gibt es. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich einen Fall aus meinen Berufsanfängen nennen, der mich bis heute begleitet. Es ging um eine Geschwisterkonstellation. Die Kinder gerieten über eine Lappalie in einen Streit, der körperlich wurde. In diesem Gerangel kam es zu einem Unfall, in dessen Folge eines der Geschwister verletzt wurde und verstarb. Für das andere Kind und die ganze Familie war das ein nicht vorstellbarer Schock.

„Mich hat tief beeindruckt, wie eine Familie entschied, ein Kind trotz unfassbarer Tragödie nicht auch noch zu verlieren.“

Was mich daran besonders geprägt hat, war der Umgang der Familie mit dem überlebenden Kind. Anstatt es zu stigmatisieren oder dauerhaft mit Schuldzuweisungen zu leben, hat die Familie sehr bewusst entschieden, dieses Kind nicht auch noch zu verlieren. Sie haben alles darangesetzt, es in seiner Trauer zu unterstützen, ihm Halt zu geben und ihm zu signalisieren, dass es weiterhin Teil dieser Familie ist. Dass Menschen in einer solchen Extremsituation diese Haltung einnehmen, fand ich zutiefst beeindruckend.

Daneben gibt es viele Fälle, die mich eher durch meine eigene Hilflosigkeit beschäftigt haben. Zum Beispiel Kinder, die objektiv gesehen liebevolle Eltern haben, aber trotzdem stark leiden, etwa weil sie keinerlei Freunde finden und sozial ausgeschlossen sind. Man kann Angebote machen oder Therapien unterstützen, aber man kann andere Kinder nicht dazu zwingen, Freundschaften einzugehen. Oder zu sehen, wie sich Kinder an ihren Eltern abkämpfen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, aber ein ums andere Mal vor eine Wand rennen. Solche Momente der Ohnmacht gehören leider auch zu diesem Beruf.


Der unangekündigte Hausbesuch – Souverän reagieren wenn es an der Tür klingelt

Healthy Lady: Das absolute Horrorszenario für viele Eltern ist der Moment, in dem die Mitarbeiter des Jugendamtes plötzlich und unangekündigt vor der Tür stehen. Wie läuft so ein Einsatz in der Realität ab und wie verhält man sich in diesem Moment am besten?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Auch eine Visitenkarte ist hilfreich. Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür immer einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

„Kooperationsbereitschaft ist in dieser Situation fast immer der beste Weg.“

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte natürlich nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist, aber es kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf. 

Außerdem zu dem standardisierten Ablauf gehört, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage, ob sie sich das Kinderzimmer ansehen dürfen, ist zwar höflich formuliert, gehört aber zwingend zum fachlichen Vorgehen.

Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt. Es geht um ganz andere Dinge. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie steht es um Hygiene und Sicherheit? Steht da seit Wochen schmutziges Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum oder gibt es ein hohes Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin gesund entwickeln kann? Wenn sich im Gespräch und bei der Besichtigung zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn jedoch ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


Vorbereitung ist alles – Wie Eltern im Gespräch mit Jugendamt die Kontrolle behalten

Healthy Lady: Wenn der Kontakt zum Jugendamt erst einmal hergestellt ist, fühlen sich viele Eltern dem System ausgeliefert. Wie können sie sich ganz praktisch vorbereiten, um in diesen Gesprächen sicher und souverän aufzutreten?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet konsequent dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden und was zugesichert wurde, all das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit und kurzem Inhalt festgehalten werden. Aussagen wie man habe irgendwann im November telefoniert helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sehr sinnvoll sein, sich dafür eine eigene Jugendamtsakte anzulegen, die chronologisch sortiert ist.

„Wer mit dem Jugendamt zu tun hat, sollte jedes Gespräch genau dokumentieren – das schafft Sicherheit.“

Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Dynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung, ob man jemanden braucht, der einen emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt, oder ob man in diesem Gespräch allein handlungsfähiger ist. Man sollte sich auch fragen, ob eine weitere Person die Situation vielleicht sogar zusätzlich auflädt. Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.

Hilfreich ist zudem, sich vorab klarzumachen, in welchem Modus das Jugendamt gerade arbeitet. Geht es um eine reine Beratung zum Sorge und Umgangsrecht, geht es um eine bereits bewilligte Hilfe zur Erziehung oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich.

Ganz entscheidend ist auch der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind absolut verständlich, im Gespräch selbst aber oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um im Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, etwa bei Freunden, in der Therapie oder in einer Beratung. Das Gespräch mit dem Dienst des Jugendamtes ist jedoch ziel und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Warum sich das Jugendamt oft nicht wehren kann

Healthy Lady: Es fällt auf, dass das Jugendamt in der Kritik oft sehr schutzlos wirkt. Wenn du eine Sache im System oder in der gesellschaftlichen Haltung ändern könntest, damit sich dieses einseitige Bild wandelt, was wäre das?

„Die fehlende Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter schafft ein Vakuum, das von einseitigen Darstellungen gefüllt wird.“

Stefanie Schlösser: Systemisch würde ich mir wünschen, dass die Arbeit der Jugendämter deutlich stärker transparent gemacht werden darf. In vielen Kommunen ist es Mitarbeitenden faktisch untersagt, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen. Es gibt kaum offizielle Öffentlichkeitsarbeit, obwohl andere Behörden, sogar Polizei, Feuerwehr oder Ministerien, längst eigene Kommunikationskanäle nutzen. Dadurch entsteht ein Vakuum, das von einseitigen oder falschen Darstellungen gefüllt wird. Eine kontrollierte, professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter könnte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und realistischere Einblicke zu geben.

Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, dass Eltern sich der Tragweite ihrer Entscheidung für ein Kind bewusster werden. Elternschaft ist wunderschön, aber auch belastend, emotional, organisatorisch, finanziell und körperlich. In der öffentlichen Darstellung überwiegt oft die romantische Seite. Ein Beispiel dafür war eine Diskussion, die ich in sozialen Medien mit einem jungen Mann führte, der keine Kinder hatte und sehr überzeugt davon war, dass Eltern natürlich genügend Schlaf bekämen. Die Eltern würden sich dann den Schlaf eben woanders und zu anderen Zeitpunkten am Tag holen. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass Menschen über Monate oder Jahre hinweg massiv übermüdet sein können und trotzdem funktionieren müssen. Ich glaube, da muss ich jetzt nicht sehr viel zu sagen, jeder, der Kinder hat oder sie erlebt, weiß, wie schlimm dieser Schlafmangel sein kann. Ich glaube, eine ehrlichere, weniger verklärte Auseinandersetzung mit Elternschaft würde helfen, sowohl den Kindern als auch den Eltern.


„Eltern sollen wissen: In diesem System sind sie nicht allein und es gibt Wege, ihre Stimme wiederzufinden.“

Healthy Lady: Das ist ein sehr wichtiger Gedanke zum Abschluss. Die Romantik beiseite zu lassen und stattdessen auf echte Unterstützung und ehrliche Kommunikation zu setzen, würde sicher viele Fronten aufweichen. Stefanie, danke für diese tiefen Einblicke in ein System, das so oft missverstanden wird.

Stefanie Schlösser: Sehr gerne. Mir ist wichtig, dass Eltern wissen, dass sie in diesem System nicht allein sind und dass es Wege gibt, die eigene Stimme wiederzufinden.



„Mir ging ordentlich die Düse“ – Kenans Sprung ins eiskalte Meer voller Orcas

Minus zwei Grad, Schneefall, dunkles Wasser. Als Kenan in den Fjorden Nordnorwegens ins Meer springt, schwimmen unter ihm bereits mehrere Orcas. Für den 34-jährigen Münchner, der sich regelmäßig ungewöhnlichen Challenges stellt, wird in diesem Moment ein Kindheitstraum Realität.

Über seine Social-Media-Community erhält er immer wieder Aufgaben, vom Bungeesprung aus 200 Metern Höhe bis zu einer symbolischen Selbsthochzeit in Las Vegas. Seine jüngste Challenge führte ihn nun in den hohen Norden Norwegens. Dort sollte er mit Orcas schnorcheln, ein Selfie mit einem Killerwal machen und die Grabstätte von „Free Willy“ besuchen. Kenan meisterte diese Herausforderung. Neben eindrucksvollen Erlebnissen bringt er auch konkrete Tipps mit, wie und wo sich dieses außergewöhnliche Abenteuer selbst planen lässt.

Jeden Winter folgen mehrere Hundert Orcas den Heringsschwärmen in die Fjorde Nordnorwegens. Mit ihnen kommt auch der Tourismus und damit die Frage, wie nah Menschen wilden Tieren eigentlich kommen sollten. In Orten wie Skjervøy hat sich in den vergangenen Jahren eine neue Branche entwickelt, nämlich Schnorcheltouren mit wilden Walen für Besucher aus aller Welt.

Nicht alle sehen diese Entwicklung unkritisch. Meeresbiologen warnen, dass Wildtier-Tourismus Stress für die Tiere bedeuten kann. Ein Hinweis darauf, dass Faszination für wilde Natur immer auch Verantwortung einschließt. In Norwegen gelten deshalb strenge Regeln. Boote müssen Abstand halten und dürfen die Tiere weder verfolgen noch ihre Bewegungsrichtung blockieren. Auch Schnorchler dürfen sie nicht berühren. Kenan wusste das, bevor er ins Wasser sprang. Respekt stehe für ihn immer an erster Stelle, sagt er.

Orcas gehören zu den regelmäßigsten Walarten vor der Küste Nordnorwegens. Besonders im Winter folgen mehrere Hundert Tiere den großen Heringsschwärmen in die Fjorde. (Foto: Kenan)

Ein Kindheitstraum wird Wirklichkeit

Healthy Lady:
Wie war das für dich, als du erfahren hast, was du in dieser Challenge tun musst?

Kenan:
Es war zunächst ein Schock, aber im Nachhinein dachte ich mir: Besser geht’s eigentlich gar nicht! Ich bin mit Free Willy aufgewachsen und habe den Film gefühlt hundertmal gesehen. Orcas in freier Wildbahn zu erleben, war schon immer ein absoluter Kindheitstraum von mir. Ich wäre auf jeden Fall irgendwann mal nach Norwegen geflogen, aber ich wäre niemals darauf gekommen, dass man dort auch mit Orcas schnorcheln kann. Deshalb habe ich mich auch so extrem über den Top-Kommentar gefreut.

Die Grabstätte von Keiko in Taknes, Norwegen. Der Orca aus ‚Free Willy‘ starb 2003 nach seiner Auswilderung. Kenan brachte als Andenken eine kleine Orca-Figur mit. (Foto: Kenan)

Wenn die Community entscheidet

Einige Eindrücke seiner Orca-Tour sowie weitere Challenges dokumentiert Kenan in Video-Tagebüchern auf seinem TikTok-Kanal unter dem Namen @kenankayb.

Healthy Lady:
Warum machst du überhaupt bei diesen Challenges mit? Woher kam diese verrückte Idee?

Kenan:
Die Idee dahinter ist, dass ich die Leute auf Social Media dazu animiere, mir Aufgaben zu stellen, sogenannte TOP-Kommentare. Das bedeutet: Der Kommentar unter dem letzten Video, der die meisten Likes bekommt, muss von mir umgesetzt werden. Tatsächlich gibt es jemanden, der dieses Prinzip bereits macht. Man könnte also denken, ich würde ihn kopieren. Das stimmt so aber nicht. Ja, es ist richtig, dass ich seine drei größten TOP-Kommentare nachgemacht habe, allerdings mit einer klaren Absicht: Ich wollte ihm und allen anderen auf TikTok, Instagram & Co. – zeigen, dass es neben ihm noch jemanden gibt, der genauso verrückt ist und sich solche Dinge ebenfalls traut. Indirekt habe ich ihn damit herausgefordert. Und er hat das auch mitbekommen: Beim zweiten TOP-Kommentar-Video, dem Flugzeugsprung aus Tokio, hat er sogar kommentiert. In Thailand folgt nun meine dritte und letzte Challenge von ihm – der Muay-Thai-Kampf. Danach hoffe ich, dass wir uns 2026 endlich persönlich treffen werden.

Und um wieder zu mir zurückzukommen: Natürlich werde ich danach mit meinen eigenen TOP-Kommentaren weitermachen. Free Willy und die Hochzeit in Vegas haben zum Beispiel nichts mit el Deno zu tun.


Healthy Lady:
Welche Challenges hast du bisher gemeistert und welche war dein Favorit?

Kenan:
Also bis jetzt habe ich alle geschafft! Mein Favorit war ganz ehrlich das Schnorcheln mit Orcas. Diese Erfahrung ist unbeschreiblich. Auch wenn der Bungee- oder der Flugzeugsprung noch so voller Adrenalin war, das mit Orcas ist etwas ganz Besonderes. Das kann man nicht erklären.


Wie man ein Orca-Abenteuer organisiert

Healthy Lady:
Wie hast du die Reise geplant? Wo muss ich hin, wenn ich selbst mit Orcas schnorcheln möchte?

Kenan:
Ich habe es schon immer gern gehabt, meine Reisen bis ins Detail selbst zu planen. Wer mit Orcas schnorcheln möchte, reist in der Regel nach Skjervøy, einer kleinen Fjordinsel im hohen Norden Norwegens. Die nächstgrößere Stadt ist Tromsø, die sich gut mit dem Flugzeug erreichen lässt. Von dort geht es per Bus oder Schiff in etwa vier Stunden weiter nach Skjervøy. Die entsprechenden Tickets sollte man möglichst im Voraus buchen.


Healthy Lady:
Wo bucht man so ein Abenteuer – und was kostet es?

Kenan:
Die Wal-Tour beziehungsweise das Schnorcheln mit Orcas kann man über verschiedene Agenturen und Anbieter buchen. Ich habe mich für Whale2Sea entschieden, da sie preislich wirklich fair waren. Ich habe für die einmalige Tour etwa 250 € bezahlt. Es gibt allerdings auch größere, mehrtägige Touren, die schnell bis zu 5.000 € kosten können.


Ankommen am Rand der Welt

Healthy Lady:
Du landest also in Norwegen, triffst dort andere mutige Menschen und dann?

Kenan:
Bevor es losging, gab es am Treffpunkt zunächst ein ausführliches Briefing über das Norwegische Meer, die Meeresbewohner und das Wasser – kurz gesagt über alles, was wichtig ist. Zusätzlich gab es eine Einführung in die Handhabung des Trockenanzugs, damit man weiß, wie alles funktioniert und wie man sich richtig verhält. Die komplette Ausrüstung wird vom Anbieter gestellt, und man bekommt auch Hilfe beim Anziehen, denn das war gar nicht so einfach. Soweit ich weiß, kann man an so einer Tour in der Regel erst ab 16 Jahren teilnehmen. Es gibt jedoch auch Anbieter, die unter bestimmten Voraussetzungen bereits Teilnahmen ab 14 Jahren ermöglichen. Eine Voraussetzung ist in jedem Fall, dass man schwimmen kann. Vor dem Start muss man außerdem ein medizinisches Einverständnis unterschreiben, in dem man bestätigt, dass man gesund und fit ist, schwimmen kann und eine Notfallkontaktperson angibt.

Ein spezieller Trockenanzug schützt vor den kalten Wassertemperaturen. Im Winter können diese bis knapp unter null Grad fallen, ohne dass das salzhaltige Meerwasser gefriert. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Wie viele Orca-begeisterte Menschen gab es an dem Tag? Und wie viele haben sich tatsächlich getraut, ins Wasser mit den Killerwalen zu gehen?

Kenan:
Wir waren an diesem Tag etwa zehn Personen. Die anderen Anbieter sind ebenfalls mit acht bis zehn Teilnehmern hinausgefahren, allerdings immer an unterschiedlichen Orten, sodass man sich gegenseitig nicht gestört hat.

Und tatsächlich gab es auch Leute, die zu großen Respekt oder schlicht Angst hatten. Es war ungefähr ein 50/50-Verhältnis: Fünf Personen sind ins Wasser gegangen, die anderen fünf sind auf dem Boot geblieben.


Was beim Schnorcheln mit Orcas gilt

Healthy Lady:
Wie sieht es mit der Sicherheit aus? Es sind ja immer noch wilde Tiere, auch wenn sie als friedlich gelten.

Kenan:
Es gibt immer ein gewisses Risiko, das wurde auch im Briefing ausdrücklich betont. Wenn man jedoch aufmerksam ist und sich genau an die Anweisungen hält, kann man sich fast sicher sein, dass nichts passiert. Das hat zwei einfache Gründe: Zum einen stehen wir Menschen nicht auf der Speisekarte von Orcas. Zum anderen gibt es in der gesamten Menschheitsgeschichte keine dokumentierten Fälle, in denen ein Orca einen Menschen angegriffen oder getötet hat. Außerdem war jederzeit ein Tourguide mit im Wasser, falls irgendetwas nicht stimmen sollte – was jedoch zu keinem Zeitpunkt der Fall war.


Der Sprung ins eiskalte Abenteuer

Bei Orca-Touren in Norwegen gelten strenge Schutzregeln. Boote müssen Abstand halten und dürfen die Tiere weder verfolgen noch ihre Bewegungsrichtung blockieren. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Du sitzt also auf dem Boot, fährst hinaus, siehst die ersten Orcas …
Was ist dein erster Gedanke? Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Shit – was mache ich hier eigentlich?“

Kenan (lacht):
Nein, ganz im Gegenteil. Als wir nach etwa 45 Minuten endlich die erste Gruppe von Orcas gesehen haben, waren wir alle extrem glücklich. Das war ein purer Glücksmoment. Natürlich musste ich sofort an den Film Free Willy denken – an diese Szenen mit der ikonischen Titelmusik!


Healthy Lady:
Und dann – der Sprung ins eiskalte Wasser. Wie war das Gefühl in diesem Moment? Friert man da nicht einfach ein?

Kenan:
Kurz bevor ich ins Wasser sprang, ging mir schon ordentlich die Düse, denn in diesem Moment war mir klar, gleich könnten Orcas direkt unter meinen Füßen vorbeischwimmen. An die Kälte habe ich dabei überhaupt nicht mehr gedacht. Als ich dann im Wasser war und gleich zu Beginn die ersten Wale gesehen habe, war das Thema Kälte sofort erledigt. Ich stand so sehr unter Adrenalin, dass ich sie kaum noch wahrgenommen habe. In manchen Momenten fühlte sich das Wasser komischerweise sogar „warm“ an – obwohl es minus zwei Grad hatte. Nur an den Wangen hat man das eiskalte Wasser gespürt, aber selbst das war in diesem Moment völlig egal.

Schnorcheln mit Orcas ist nur unter strengen Regeln erlaubt. Teilnehmer müssen Abstand halten und dürfen die Tiere weder berühren noch verfolgen. (Foto: Kenan)

Healthy Lady:
Abgesehen von den Orcas ist ja auch das Meer selbst eine Herausforderung. Viele haben Respekt vor den Wellen oder davor, im offenen Wasser die Kontrolle zu verlieren. Wie sicher fühlt man sich dabei und welche Rolle spielt die Ausrüstung?

Kenan:
Das Wetter war anfangs so schlecht, dass wir beinahe gar nicht rausgefahren wären. Zum Glück wurde es dann etwas besser und der Schneefall hörte auf, doch die Wellen waren für ein kleines RIB-Boot allerdings trotzdem ordentlich. Im Wasser selbst war es dann völlig harmlos, weil wir einen sehr ruhigen Spot gefunden hatten. Dank des Trockenanzugs kann man außerdem nicht untergehen, da er am Rücken eine Art Luftpolster hat. Und richtig untertauchen war ohnehin auch gar nicht nötig, denn die Orcas waren so neugierig, dass sie extrem nah an uns herangekommen sind, das sieht man ja auch in den Videos.


Magische Begegnung unter der Oberfläche

Healthy Lady:
Die erste Begegnung mit den Orcas – ich kann mir vorstellen, dass das überwältigend war.
Wie hoch war dein Adrenalinspiegel? Gab es auch einen Moment der Angst?

Kenan:
Als wir endlich ins Wasser springen durften, war ich ehrlich gesagt extrem aufgeregt, aber auf eine gute Art, als reiner Adrenalinkick. Die Angst war zwar da, aber nur für die ersten zwei Sekunden. Als dann der erste Orca direkt an mir vorbeigeschwommen ist, wusste ich sofort: Ich bin safe. Die tun mir nichts. Ab diesem Moment konnte ich das Erlebnis vollständig genießen – und filmen, was das Zeug hält.


Healthy Lady:
Es war bereits etwas dunkel und es hat geschneit, als du ins Wasser gesprungen bist. Konntest du die Orcas überhaupt gut sehen? Wie ist es, ihnen beim Schnorcheln so nah zu sein?

Kenan:
Als wir am Spot angekommen waren, hatten wir wieder Glück mit dem Wetter, und die Wolken zogen etwas auf. Die Wasseroberfläche wirkte zwar fast schwarz, unter Wasser zeigte sich durch das wenige Sonnenlicht jedoch eine faszinierende Mischung aus Grün und Blau, fast surreal schön. Wir haben etwa sieben bis zehn Orcas gesehen. Besonders das Jungtier war sehr verspielt und ist immer wieder dicht an uns vorbeigeschwommen, das sieht man auch im Video am deutlichsten. Die anderen Orcas waren deutlich größer. Insgesamt fühlte sich das Erlebnis wie eine Mischung aus Realität und etwas völlig Unwirklichem an.


Healthy Lady:
Wie muss man sich verhalten? Gibt es No-Gos?

Kenan:
Das größte No-Go ist ganz klar: Man darf die Orcas nicht berühren. Das haben die Guides mehrfach betont und daran hat sich wirklich jeder gehalten, auch ich. Zum einen wissen wir, wie groß und stark Orcas sind, und zum anderen geht es um Respekt, darum sie in ihrem eigenen „Wohnzimmer“ nicht zu stören.


Healthy Lady:
Wenn man einem Orca in die Augen sieht – was spürt man da?

Kenan:
Boah, das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich habe dem Jungtier mehrmals in die Augen geschaut, aber in diesem Moment denkt man erstaunlicherweise gar nicht bewusst darüber nach. Man ist einfach überwältigend glücklich und freut sich darüber, mit welcher Neugier die Orcas an einem vorbeischwimmen und darüber, dass sie einen zum Glück nicht fressen wollen. Aber um deine Frage trotzdem klar zu beantworten: Es ist pures Glück. Man fühlt sich in diesem Moment einfach nur glücklich.

Ein seltener Moment mit Orcas in freier Wildbahn, den Kenan während seines Schnorchelabenteuers in Norwegen festhielt. (Foto: Kenan)

Zwischen Faszination und Verantwortung

Healthy Lady:
Dein Erlebnis hat viele Menschen online bewegt – aber es gibt auch Kommentare, die sagen, man sollte wilden Orcas nicht so nah kommen. Wie gehst du mit dieser Kritik um?

Kenan:
Ja, unter meinem Video gab es auch einige kritische Kommentare und einen Teil davon kann ich durchaus nachvollziehen. Orcas gehören zu den intelligentesten Tieren der Welt und zeigen sehr deutlich, wenn ihnen etwas zu viel wird. Wenn sie sich gestört fühlen, ziehen sie sich zurück und schwimmen weg. Dafür ist das Meer groß genug. Gerade in den Fjorden im Norden Norwegens gibt es zudem große Heringsschwärme, an denen sich die Orcas orientieren. Natürlich ist mir bewusst, dass der Tourismus in den letzten Jahren zugenommen hat. Gleichzeitig wird davon ausgegangen, dass diese Orca-Hotspots stark von den Heringsrouten abhängen und sich mit der Zeit wieder verlagern. Auch die Anbieter vor Ort wissen, wie sensibel das Thema ist. Deshalb gibt es nur begrenzte Plätze, klare Regeln und keinen Massentourismus.


Healthy Lady:
Wo liegt für dich die Grenze zwischen Abenteuer und Respekt gegenüber der Natur?

Kenan:
Ich versuche immer abzuwägen, in welchem Verhältnis Abenteuer und Verantwortung zueinanderstehen. Wenn ich weiß, dass etwas möglich ist, ohne Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu stören, ist das für mich in Ordnung. Ein klares Gegenbeispiel wären Orca-Shows in Aquarien. Dorthin würde ich niemals gehen. Solche Formen der Tierhaltung haben für mich nichts mit Respekt gegenüber der Natur zu tun.


Healthy Lady:
Hast du das Gefühl, dass solche Erlebnisse dein Verhältnis zur Natur verändert haben?

Kenan:
Das Erlebnis an sich auf jeden Fall. Meine grundsätzliche Einstellung zur Natur hat sich dadurch aber nicht verändert. Ich war schon immer ein großer Tierliebhaber. Ich schaue mir auch sehr gerne Tierdokumentationen an, um besser zu verstehen, wie Tiere leben und wie sie sich verhalten. Das finde ich unglaublich spannend.


Healthy Lady:
Denkst du, dass solche Begegnungen helfen können, mehr Bewusstsein für den Schutz der Meere zu schaffen?

Kenan:
Definitiv. Sobald man so etwas selbst erlebt, entsteht automatisch eine ganz andere Verbindung. Bei mir war es so, dass ich danach noch stärker das Bedürfnis hatte, etwas zurückzugeben egal, ob es um Orcas, andere Wale oder Meerestiere im Allgemeinen geht. Natürlich funktioniert das nicht bei jedem Menschen gleich. Aber ich glaube, dass direkte Begegnungen bei vielen ein Bewusstsein dafür schaffen können, wie schützenswert diese Tiere und ihre Lebensräume sind.


Ein letzter Mutmacher

Healthy Lady:
Was würdest du Menschen sagen, die von so einem Erlebnis träumen, sich aber nicht trauen?

Kenan:
Machen. Einfach machen. Ich weiß, dass es eine Überwindung ist vor allem für Menschen, die Respekt vor der Tiefe des Meeres haben oder Angst davor, was dort unten sein könnte. Genau deshalb würde ich raten: Informiert euch. Und zwar so gut wie möglich. Wir leben im Internetzeitalter, man kann heute alles recherchieren und sich vorbereiten. Einige haben mir nach meinem Video geschrieben, dass sie diese Tour bereits gebucht haben, weil sie das Erlebnis so gefeiert haben. Das hat mich natürlich besonders gefreut, weil ich das Gefühl hatte, ein kleiner Teil davon zu sein, dass sie sich nun selbst diesen Traum erfüllen.

Zum Abschied noch ein Tipp: Denkt nicht an die Angst oder daran, wie kalt das Wasser ist. Sobald man reinspringt, verschwinden beide Gedanken ganz von allein und man ist einfach nur voller Energie und Glück.

Weltweit gibt es rund 90 Wal- und Delfinarten, von denen viele saisonal durch norwegische Gewässer ziehen. Zahlreiche Arten stehen heute unter Schutz, nachdem ihre Bestände durch jahrzehntelangen Walfang stark zurückgegangen waren. (Foto:Kenan)

Was man über Wal-Touren in freier Wildbahn wissen sollte

Was Kenan erlebt hat, zeigt, wie eindrücklich Begegnungen mit Wildtieren sein können und wie viel Verantwortung, Respekt und Vorbereitung damit verbunden sind. Orcas lassen sich in Nordnorwegen meist im Rahmen geführter Schnorcheltouren beobachten, vor allem im Winter, wenn sie den Heringsschwärmen in die Fjorde folgen.

Wer von einer solchen Tour träumt, sollte sich bewusst sein, dass es sich um ein Naturerlebnis ohne Garantie handelt. Wetter, Sichtverhältnisse, Wellengang, Wassertemperaturen und das Verhalten der Tiere können herausfordernd sein und den Ablauf jederzeit verändern oder sogar dazu führen, dass eine Tour kurzfristig abgesagt wird. Neben sicheren Schwimmkenntnissen braucht es auch eine gewisse körperliche und mentale Vorbereitung.

Entscheidend ist außerdem die Wahl des Anbieters. Seriöse Veranstalter arbeiten mit klaren Regeln zum Schutz der Tiere, begrenzen die Gruppengröße und verzichten strikt auf Berühren, Füttern, aktives Annähern oder Verfolgen der Orcas. Gute Anbieter erklären vorab transparent, welche Abstände eingehalten werden, wie lange Begegnungen maximal dauern und wann abgebrochen wird. Verantwortungsvoller Wildtier-Tourismus bedeutet daher, sich vorab zu informieren, Grenzen zu akzeptieren und das Wohl der Tiere konsequent über das eigene Erlebnis zu stellen.



Neurodermitis – sichtbar auf der Haut, spürbar im Herzen, getragen von Mut

Neurodermitis, medizinisch auch atopische Dermatitis genannt, ist eine chronische, entzündliche Hauterkrankung, die in Schüben verläuft. Sie äußert sich durch trockene, gerötete, juckende und oft rissige Haut. Für viele Betroffene ist sie weit mehr als ein medizinisches Problem – sie ist eine tägliche emotionale Belastung. Besonders Frauen empfinden Neurodermitis häufig als beschämend, weil sie sichtbar ist und das äußere Erscheinungsbild beeinflusst. Rötungen im Gesicht, Ekzeme an Händen, Hals oder Beinen lassen sich nicht immer verbergen. Kleidung wird zur Tarnung, Make-up zur Maske, und spontane Begegnungen werden zu inneren Prüfungen.

Es wäre so schön, wenn wir uns selbst – und einander – einfach so annehmen könnten, wie wir sind. Ohne Bewertung. Ohne Scham. Ohne das ständige Gefühl, erklären oder rechtfertigen zu müssen, warum unser Körper anders aussieht. Gerade sichtbare Hautkrankheiten sind schwer zu ertragen, weil sie nicht verborgen bleiben. Sie begleiten jede Begegnung, jeden Blick und jeden Spiegelmoment. Sie kratzen nicht nur an der Haut, sondern tief am Selbstwert. Sie flüstern Sätze wie: Du bist nicht richtig. Du bist zu viel. Du bist anders.

Viele Frauen berichten, dass sie sich „ungepflegt“, „krank“ oder „anders“ fühlen. Die Angst vor Blicken, Fragen oder gut gemeinten, aber verletzenden Kommentaren begleitet sie im Alltag. Doch all das macht dich nicht weniger wertvoll. Deine Haut erzählt von Sensibilität, von Reaktion, von einem Körper, der fühlt. Und genau darin liegt auch deine Stärke. Du darfst sichtbar sein. Du darfst dich zeigen. Du darfst existieren, ohne dich zu entschuldigen. Neurodermitis nimmt dir nicht deine Schönheit – sie fordert dich nur heraus, sie neu zu definieren.


Welche Rolle spielen Psyche und Ernährung?

Die Haut ist ein Spiegel der Seele – bei Neurodermitis zeigt sich das besonders deutlich. Stress, emotionale Belastungen, Angst und innere Anspannung können Schübe auslösen oder verstärken. Viele Betroffene erleben einen Kreislauf: Die Haut verschlechtert sich, das Selbstwertgefühl leidet, Stress entsteht – und genau dieser Stress verschlimmert wiederum die Symptome. Gerade Frauen, die häufig hohe Ansprüche an sich selbst stellen, Verantwortung tragen und wenig Raum für Erholung haben, sind hiervon stark betroffen.

Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle, allerdings nicht im Sinne einfacher Schuldzuweisungen. Neurodermitis entsteht nicht durch „falsches Essen“, doch bestimmte Nahrungsmittel können bei empfindlichen Menschen Entzündungen fördern oder Reaktionen verstärken. Häufige Trigger sind stark verarbeitete Lebensmittel, Zucker, Alkohol oder individuelle Unverträglichkeiten. Gleichzeitig kann eine ausgewogene, entzündungsarme Ernährung den Körper unterstützen, das Immunsystem stabilisieren und die Hautbarriere stärken.

Wichtig ist, nicht in radikale Diäten zu verfallen. Viele Frauen geraten in einen gefährlichen Kreislauf aus Verzicht, Schuldgefühlen und Kontrolle. Besser ist ein achtsamer Umgang: beobachten, was dem eigenen Körper guttut, und gemeinsam mit Ärzt:innen oder Ernährungsberater:innen individuelle Zusammenhänge erkennen. Psyche und Ernährung sind keine „Ursache“, aber sie sind mächtige Verstärker – im Positiven wie im Negativen.


Wie sind die Anzeichen?

Neurodermitis zeigt sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, doch es gibt typische Merkmale. Die Haut ist oft extrem trocken, spannt, schuppt und neigt zu Rissen. Hinzu kommen Rötungen, Entzündungen und vor allem: intensiver Juckreiz. Dieser Juckreiz kann quälend sein, den Schlaf rauben und den Alltag dominieren. Viele Betroffene wachen nachts auf, kratzen sich unbewusst und finden am Morgen blutige Stellen vor.

Die betroffenen Körperregionen variieren je nach Alter und Verlauf. Häufig sind Gesicht, Hals, Hände, Armbeugen, Kniekehlen und Dekolleté betroffen – also genau die Stellen, die sichtbar sind. Die Haut wirkt gereizt, manchmal nässend, manchmal verdickt durch chronische Entzündung. In ruhigeren Phasen bleibt sie dennoch empfindlich und reagiert schnell auf Reize wie Kälte, Hitze, Schweiß oder bestimmte Stoffe.

Ein frühes Warnzeichen ist oft anhaltende Trockenheit, verbunden mit Brennen oder Jucken, auch ohne sichtbare Entzündung. Viele ignorieren diese Signale lange, bis sich ein ausgeprägter Schub entwickelt. Gerade hier wäre frühes ärztliches Handeln entscheidend. Neurodermitis ist nicht nur „trockene Haut“ – sie ist eine komplexe Erkrankung, die ernst genommen werden muss, bevor sie sich festsetzt.


Was kann man gegen Neurodermitis tun?

Neurodermitis ist nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Ziel ist es, die Hautbarriere zu stärken, Entzündungen zu kontrollieren und Schübe zu reduzieren. Der wichtigste Schritt ist eine dermatologische Begleitung. Selbstexperimente mit Hausmitteln oder aggressiven Produkten verschlimmern die Erkrankung oft.

Die Basis jeder Therapie ist eine konsequente, medizinisch abgestimmte Pflege. Rückfettende Cremes, die frei von Duftstoffen und Reizstoffen sind, helfen, die Hautbarriere aufzubauen. In akuten Phasen kommen entzündungshemmende Medikamente zum Einsatz, etwa kortisonhaltige Cremes oder moderne, nicht-steroidale Wirkstoffe. Bei schweren Verläufen können auch systemische Therapien notwendig sein.

Darüber hinaus spielen Trigger-Management und Lebensstil eine große Rolle: Stressreduktion, ausreichend Schlaf, sanfte Kleidung, milde Reinigung und ein bewusster Umgang mit Reizen. Viele Frauen profitieren zusätzlich von psychologischer Unterstützung, um den inneren Druck zu reduzieren. Neurodermitis erfordert keine Perfektion – sondern Kontinuität und Selbstfürsorge. Jede kleine Stabilisierung ist ein Erfolg.


Wie sollte man mit dieser Krankheit umgehen?

Der vielleicht schwerste Teil im Umgang mit Neurodermitis ist nicht die Pflege, sondern die innere Haltung. Viele Frauen kämpfen nicht nur gegen ihre Symptome, sondern auch gegen sich selbst. Sie schämen sich, vergleichen sich, fühlen sich „defekt“. Doch Neurodermitis ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein Teil des Körpers, der Aufmerksamkeit braucht – nicht Verurteilung.

Ein gesunder Umgang bedeutet, die Krankheit als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren, ohne sich von ihr definieren zu lassen. Das heißt nicht, aufzugeben. Es heißt, realistische Erwartungen zu entwickeln, Rückschläge nicht als Niederlage zu sehen und sich Pausen zu erlauben. Offenheit kann entlasten: Wer sich traut, über seine Haut zu sprechen, nimmt ihr ein Stück Macht.

Wichtig ist auch, Grenzen zu setzen – gegenüber neugierigen Blicken, gut gemeinten Ratschlägen und inneren Perfektionsansprüchen. Die Haut ist nicht dein Wert. Du bist mehr als dein Erscheinungsbild. Ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist Teil der Therapie.


Neurodermitis und Weiblichkeit

Neurodermitis berührt ein sensibles Thema: das Gefühl von Weiblichkeit. Viele Frauen erleben ihre Haut als Teil ihrer Identität. Wenn sie sich verändert, gerät auch das innere Bild ins Wanken. Nähe, Berührung, Intimität können plötzlich angstbesetzt sein. „Bin ich noch attraktiv?“ – diese Frage begleitet viele Betroffene.

Partnerschaften, Dating, Sexualität – all das wird von Unsicherheit überlagert. Manche ziehen sich zurück, aus Angst vor Ablehnung. Dabei wünschen sie sich Nähe vielleicht mehr denn je. Hier ist es entscheidend, sich selbst nicht zu verlassen. Offenheit gegenüber dem Partner kann Brücken bauen. Wer erklärt, was im eigenen Körper passiert, schafft Verständnis und Verbundenheit.

Weiblichkeit ist nicht makellos. Sie ist lebendig, verletzlich, echt. Neurodermitis nimmt dir nicht deine Anziehungskraft – sie fordert dich nur heraus, dich neu zu definieren. Nicht über perfekte Haut, sondern über Präsenz, Wärme und Authentizität.


Muttersein, Verantwortung und Sensibilisieren

Viele Frauen mit Neurodermitis sind Mütter – oder tragen Verantwortung für andere. Der eigene Körper steht dabei oft hinten an. Schübe werden ignoriert, Pflege wird zur Nebensache, weil „keine Zeit“ da ist. Gleichzeitig kann genau diese Überforderung die Symptome verstärken. Besonders belastend ist die Sorge, die Erkrankung an die eigenen Kinder weiterzugeben oder ihnen durch das eigene Hautbild Angst zu machen. Manche Mütter fühlen sich schuldig, obwohl sie nichts verursacht haben. Hier braucht es Aufklärung und Entlastung: Neurodermitis ist keine Schuldfrage.

Ein wichtiger Punkt, der im Alltag oft vergessen wird: Neurodermitis ist nicht ansteckend. Weder durch Berührung noch durch Nähe. Trotzdem erleben viele Betroffene – auch Kinder – Ausgrenzung, weil andere unsicher sind oder falsch informiert. Gerade hier tragen wir als Mütter eine besondere Verantwortung. Wir können eine Welt mitgestalten, in der Hautkrankheiten kein Tabu sind, nicht zu leisem Geflüster oder Hänseleien führen, sondern zu Offenheit und Verständnis. Wir können unsere Kinder dafür sensibilisieren, dass sichtbare Hautveränderungen nichts „Gefährliches“ sind und dass man Menschen nicht auf ihr Äußeres reduziert. Ein einfacher, aber kraftvoller Schritt ist, mit Kindern offen über Krankheiten zu sprechen und ihnen beizubringen, dass man niemanden laut auf sein Aussehen anspricht. Ein Satz wie: „Manche Menschen haben empfindliche Haut, das ist nichts Schlimmes und nichts, wofür man sich schämen muss“ kann schon viel bewirken.

Für dich als Mama mit Neurodermitis bedeutet das: Du darfst deine Kinder in deine Welt mitnehmen, ohne sie zu belasten. Erkläre ihnen altersgerecht, was mit deiner Haut passiert. So lernen sie, dass Körper unterschiedlich sind – und dass Mitgefühl wichtiger ist als Neugier. Gleichzeitig stärkst du ihr Selbstbild, falls sie selbst einmal betroffen sein sollten. Du schenkst ihnen etwas, das weit über Haut hinausgeht: die Fähigkeit, achtsam und respektvoll mit anderen umzugehen.

Ein weiterer, ebenso wichtiger Tipp: Achte darauf, dass dein Zuhause ein Ort ist, an dem weder deine Haut noch deine Gefühle bewertet werden. Kinder spüren sehr genau, wie ihre Mutter über sich selbst denkt. Wenn du lernst, liebevoll mit dir umzugehen, vermittelst du ihnen etwas Kostbares: Dass man sich nicht verstecken muss, um liebenswert zu sein.

Auch wenn du keine Kinder hast, trägst du diese Haltung weiter – in deinem Blick, in deinen Worten, in deiner Art, anderen zu begegnen. Jedes Mal, wenn du dich selbst nicht verurteilst, wenn du jemandem mit Offenheit statt mit Scheu begegnest, veränderst du ein kleines Stück dieser Welt. Du zeigst, dass Anderssein nichts ist, wofür man sich verstecken muss.


Allergisch gegen den Winter? – Das solltest du über Kälteurtikaria wissen

Neben der bekannten Wasserallergie gibt es eine weitere, fast unglaubliche Form der Überempfindlichkeit, von der viele Menschen noch nie gehört haben, die sogenannte Kälteallergie – medizinisch Kälteurtikaria genannt. Für Betroffene ist sie alles andere als eine harmlose Hautreaktion. Sie kann den Alltag stark einschränken und in seltenen Fällen sogar ernsthafte gesundheitliche Folgen haben.

Stell dir vor, du gehst im Winter ohne Handschuhe nach draußen, berührst kaltes Metall, steigst in einen kühlen See oder hältst ein Eis in der Hand. Plötzlich beginnt deine Haut zu brennen, zu jucken und anzuschwellen. Rote Quaddeln breiten sich aus, als hätte dich eine ganze Armee von Mücken gestochen. Manchmal bleibt es nicht bei der Haut. Es können Schwindel, Atemnot, Herzrasen oder Kreislaufprobleme folgen.

Für Menschen mit Kälteurtikaria ist die Welt voller unsichtbarer Auslöser. Ein kalter Windstoß, ein ungeheizter Raum oder selbst das kalte Wasser aus dem Hahn können eine Reaktion hervorrufen. Besonders tückisch ist, dass viele Betroffene lange nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Sie halten ihre Symptome für empfindliche Haut, für Stress oder für harmlose Reizungen.

Umgangssprachlich wird von einer „Allergie“ gesprochen, doch streng genommen ist Kälteurtikaria keine klassische Allergie. Bei einer echten Allergie reagiert der Körper auf einen bestimmten Stoff wie Pollen oder Nahrungsmittel. Hier ist es anders. Der Auslöser ist die Kälte selbst. Ein physikalischer Reiz genügt, um im Körper eine Reaktion auszulösen. Die Hautzellen setzen Histamin frei, genau wie bei einer Allergie und der Körper verhält sich so, als wäre Kälte ein gefährlicher Eindringling. Die Symptome sind gleich, der Mechanismus dahinter ist ein anderer. Es ist, als würde der Körper auf etwas Unsichtbares in Alarmbereitschaft gehen. Diese Erkrankung ist selten, aber real. Sie verdient Aufmerksamkeit, weil sie das Leben der Betroffenen tief beeinflussen kann. Wer versteht, was im eigenen Körper geschieht, kann lernen, sich zu schützen und wieder mehr Sicherheit im eigenen Alltag finden.


Was ist Kälteurtikaria und wie entsteht sie?

Kälteurtikaria gehört zur Gruppe der Nesselsucht-Erkrankungen. Sie entsteht, wenn das Immunsystem auf Kältereize übermäßig reagiert. Dabei wird Histamin freigesetzt, ein Botenstoff, der für Juckreiz, Schwellungen und Rötungen verantwortlich ist und auch bei klassischen Allergien eine zentrale Rolle spielt.

Der Auslöser ist kein Stoff, sondern die Temperatur. Kalte Luft, kaltes Wasser, Wind oder ein gekühlter Gegenstand reichen aus. Sobald die Haut mit Kälte in Berührung kommt und sich danach wieder erwärmt, beginnt bei Betroffenen eine Kettenreaktion. Blutgefäße erweitern sich, Flüssigkeit tritt ins Gewebe, es entstehen Quaddeln, Rötungen und Schwellungen.

Warum manche Menschen diese Reaktion entwickeln, ist noch nicht vollständig geklärt. In vielen Fällen tritt sie plötzlich auf, manchmal nach Infekten, hormonellen Veränderungen oder in Phasen starken Stresses. Bei einigen verschwindet sie nach Jahren wieder, bei anderen bleibt sie dauerhaft bestehen. Am häufigsten ist die erworbene Form, die meist im Jugend- oder Erwachsenenalter beginnt. Sehr selten gibt es genetische Varianten, bei denen bereits Kinder betroffen sind.

Viele Betroffene zweifeln lange an sich selbst und fragen sich, ob sie einfach zu empfindlich sind. Doch Kälteurtikaria ist keine Einbildung. Sie ist medizinisch anerkannt und in schweren Fällen kann sie sogar zu einer gefährlichen Kreislaufreaktion führen, etwa wenn jemand in kaltes Wasser springt und der ganze Körper reagiert. Genau deshalb ist Wissen hier nicht nur hilfreich, sondern manchmal lebenswichtig.


Erste Anzeichen und typische Symptome

Die Symptome zeigen sich meist dort, wo die Haut mit Kälte in Berührung kommt. Innerhalb weniger Minuten entstehen rote, juckende Quaddeln, die an Mückenstiche oder Brennnesselreaktionen erinnern und stark anschwellen können. Oft geht dem ein plötzliches Brennen oder Kribbeln voraus. Hände, Gesicht und Beine sind besonders häufig betroffen. Auch Lippen, Augenlider oder Finger können deutlich anschwellen.

Viele Menschen bemerken die Reaktion zum ersten Mal im Winter oder beim Kontakt mit kaltem Wasser. Selbst kalte Getränke können Schwellungen im Mund- und Rachenraum auslösen. In ausgeprägteren Fällen bleibt es nicht bei der Haut. Dann können Schwindel, Kreislaufprobleme, Kopfschmerzen, Atemnot, Herzrasen oder Übelkeit auftreten. Gefährlich wird es vor allem, wenn große Hautflächen gleichzeitig gekühlt werden, etwa beim Schwimmen im kalten See. Dann kann der Blutdruck stark abfallen, das Bewusstsein getrübt werden und in seltenen Fällen droht ein anaphylaktischer Schock.

Wer wiederholt auf Kälte mit Quaddeln oder Schwellungen reagiert, sollte diese Zeichen ernst nehmen und medizinisch abklären lassen. Ein einfacher Kältetest beim Hautarzt kann bereits Klarheit schaffen. Allein zu wissen, was hinter den Symptomen steckt, bringt vielen Betroffenen eine große Erleichterung. Die gute Nachricht ist, dass man lernen kann, mit dieser Erkrankung umzugehen.


Was kann man dagegen tun?

Kälteurtikaria lässt sich nicht einfach „wegtherapieren“, doch sie lässt sich gut kontrollieren. Der erste Schritt ist das Verstehen. Wer weiß, dass der eigene Körper auf Kälte reagiert, kann bewusst vorbeugen und viele Auslöser vermeiden. Ärztlich werden meist Antihistaminika eingesetzt, also Medikamente, die die Wirkung von Histamin im Körper dämpfen. Viele Betroffene nehmen sie in der kalten Jahreszeit regelmäßig oder vor geplanten Kältereizen ein. In schweren Fällen können höhere Dosierungen oder spezielle Therapieformen notwendig sein.

Auch im Alltag lässt sich viel tun. Konsequenter Schutz vor Kälte ist dabei keine Kleinigkeit, sondern echte Vorsorge. Handschuhe, Schals, Mützen und winddichte Kleidung helfen, die Haut vor Reizen zu bewahren. Kalte Bäder und ungeschützter Kontakt mit eiskaltem Wasser sollten vermieden werden. Sehr kalte Getränke können ebenfalls problematisch sein. Ebenso wichtig ist es, sich langsam wieder aufzuwärmen, denn abrupte Temperaturwechsel können die Reaktion verstärken.

Hausmittel können die Erkrankung nicht heilen, aber sie können unterstützen. Viele Betroffene berichten, dass regelmäßige Hautpflege die natürliche Schutzbarriere stärkt, milde Wechselduschen die Haut allmählich robuster machen, eine entzündungsarme Ernährung das Hautbild verbessert und bewusste Stressreduktion die Häufigkeit der Schübe senkt. Auffällig ist, dass Kälteurtikaria bei manchen Menschen in belastenden Lebensphasen stärker wird. Der Körper steht dann ohnehin unter innerem Alarm. Entspannung, Schlaf und innere Ruhe können die Reizschwelle erhöhen und helfen, den Körper wieder zu beruhigen. Menschen mit schweren Verläufen tragen oft ein Notfallset bei sich, ähnlich wie andere Allergiker. Dieses Wissen gibt Sicherheit und im Ernstfall Schutz.

Kälteurtikaria bedeutet nicht, dass dein Leben kleiner werden muss.
Sie bedeutet nur, dass du lernst, deinen Körper besser zu lesen.


Wenn die Lust verschwindet: Warum du nicht schuld bist – und was wirklich dahintersteckt

Du sitzt mit deinen Freundinnen beim Mädelsabend. Alle reden offen über ihr Sexleben, erzählen von Leidenschaft, von Lust, von aufregenden Momenten. Es wird gelacht, gescherzt. Und du sitzt da, lächelst höflich, aber innerlich zieht sich etwas zusammen. Du fühlst dich unsicher. Du fängst an, dich zu schämen.
Denn während die anderen beschreiben, wie sehr sie ihr Sexualleben genießen, denkst du nur: „Warum fühle ich das nicht? Was stimmt nicht mit mir?“ Du fragst dich, ob du „anders“ bist. Ob du unnormal bist. Ob deine Beziehung kaputt ist. Und du hoffst einfach, dass dich niemand direkt anspricht. Doch was du in diesem Moment nicht weißt: Du bist alles andere als allein. Und es ist kein persönliches Versagen.

Lustlosigkeit ist kein Charakterfehler. Es ist oft ein körperliches Zeichen, ein hormonelles Ungleichgewicht, Stress, Stillzeit, Zyklusphase, Medikamente oder Veränderungen im Körper, über die kaum jemand spricht. Denn vergiss nicht, Menschen reden lieber über das, was gut läuft, als über das, was gerade schwerfällt.

Dieser Artikel ist für dich. Er soll dir zeigen, dass du dich nicht schämen musst.
Dass es Gründe für deine Lustlosigkeit gibt und zum Glück auch Wege, sie zu verändern.


Lustlosigkeit bei Frauen ist selten „Kopfsache“ – und fast nie deine Schuld

Frauen wird in solchen Situationen erstaunlich oft erklärt, sie müssten sich „einfach nur entspannen“, sie hätten „zu viel im Kopf“ oder sie würden „halt nicht mehr wollen“. Doch solche Sätze sind nicht nur falsch, sie sind auch unfair. Sie schieben die Verantwortung auf die Frau, obwohl die Ursachen für Lustlosigkeit in den meisten Fällen körperlich sind und nichts mit mangelndem Wollen, falscher Einstellung oder fehlender Liebe zu tun haben.

„Wenn die Lust fehlt, ist das selten eine Frage des Wollens – sondern der Hormone.“

Unser Körper steuert Sexualität über Hormone, Nervensystem, Stresslevel und Blutfluss.
Wenn dort etwas aus dem Gleichgewicht gerät, verschwindet die Lust, selbst wenn der Kopf „ja“ sagt.


Die 5 häufigsten körperlichen Gründe für Lustlosigkeit

1. Zyklus – Lust kommt und geht natürlich

Der weibliche Zyklus hat einen viel größeren Einfluss auf die Libido, als viele Frauen ahnen. Im Laufe eines Monats verändert sich das Zusammenspiel der Hormone ständig und damit auch das sexuelle Verlangen. Rund um den Eisprung, wenn der Körper biologisch gesehen am fruchtbarsten ist, steigt bei vielen Frauen ganz automatisch die Lust. Alles fühlt sich lebendiger, intensiver und empfindsamer an. Doch sobald die zweite Zyklushälfte beginnt, fällt der Testosteronspiegel wieder ab und mit ihm oft auch das Verlangen. Viele Frauen denken dann, sie seien „weniger sexuell“ oder „komisch“, dabei ist es einfach ein natürlicher, hormoneller Rhythmus. Lust ist nicht jeden Tag gleich stark, und das muss sie auch nicht sein. Wenn man diese Schwankungen versteht, kann man viel entspannter mit ihnen umgehen und vor allem aufhören, sich selbst dafür zu verurteilen.

„Das ist Biologie, kein Problem.“


2. Die Pille – kleine Tablette, große Wirkung

Die Mehrheit der Damen unterschätzen, wie stark die Pille den Körper beeinflussen kann, besonders die Libido. Einige Pillensorten senken den Testosteronspiegel so deutlich, dass das Lustzentrum im Gehirn regelrecht heruntergefahren wird. Viele spüren dann weniger Verlangen, weniger Feuchtigkeit und manchmal auch deutlich weniger Empfindsamkeit. Auch Orgasmen können schwächer werden oder ganz ausbleiben, ohne dass man sofort den Zusammenhang erkennt. Häufig bemerken Frauen erst nach dem Absetzen, wie sehr die Pille ihre Lust beeinflusst hat, weil der Körper dann zum ersten Mal wieder „aufatmen“ kann und die Libido zurückkehrt. Das alles bedeutet nicht, dass die Pille schlecht ist, aber es ist wichtig, dass Frauen wissen, wie intensiv sie die eigene Sexualität verändern kann.

„Viele Frauen stellen erst nach dem Absetzen fest, wie sehr die Pille ihre Libido beeinflusst hat.“


3. Stress & Cortisol – der unterschätzte Lustkiller

Stress ist einer der häufigsten Gründe für Lustlosigkeit. Wenn wir gestresst sind, schüttet der Körper vermehrt Cortisol aus, ein Hormon, das den Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Und in diesem Zustand hat unser System nur ein Ziel: funktionieren, überstehen, weitermachen. Lust und Sexualität rutschen dann automatisch an das Ende der Prioritätenliste. Der Körper entscheidet ganz simpel: „Überleben ist wichtiger als Lust.“ Das hat nichts mit fehlender Liebe oder mangelnder Nähe zu tun. Es ist eine natürliche Reaktion, die viele Frauen unterschätzen. Schlafmangel, Dauerbelastung, Mental Load, beruflicher Druck oder Sorgen können die Libido regelrecht „runter drehen“, ohne dass wir es bewusst merken. Sobald der Stress weniger wird, kann auch die Lust wieder zurückkehren, oft schneller, als man denkt.


4. Stillzeit – Prolaktin bremst die Lust aus

Nach der Geburt verändert sich der Körper einer Frau enorm, und während der Stillzeit steht ein Hormon besonders im Mittelpunkt: Prolaktin. Es sorgt dafür, dass die Milchproduktion läuft und gleichzeitig dämpft es ganz automatisch die Libido. Viele frischgebackene Mamas fühlen sich schuldig, weil sie keine Lust verspüren, obwohl sie ihren Partner lieben. Doch genau das ist völlig normal. Der Körper richtet in dieser Phase seine gesamte Energie auf das Baby aus: auf Versorgung, Schutz und Regeneration. Sexualität rückt dabei oft in den Hintergrund, ohne dass es ein Zeichen für Beziehungsprobleme ist. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun, sondern ist eine biologische Prioritätensetzung. Sobald das Stillen weniger wird oder endet, pendelt sich auch die Lust bei vielen Frauen wieder ein, manchmal ganz plötzlich, manchmal Schritt für Schritt. Wichtig ist: Niemand muss sich dafür schämen, denn der Körper macht in dieser Zeit einfach einen unglaublichen Job.


5. Wechseljahre – ein hormoneller Neustart

In den Wechseljahren verändert sich der Körper einer Frau tiefgreifend und das betrifft auch die Sexualität. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, wird das Gewebe im Intimbereich oft trockener und empfindlicher, die Schleimhäute verlieren Feuchtigkeit und die Durchblutung nimmt ab. Dadurch fühlt sich Sexualität manchmal anders an als früher: weniger intensiv, weniger spürbar oder sogar unangenehm. Viele Frauen erschrecken darüber und denken sofort, mit ihnen stimme etwas nicht. Doch diese Veränderungen sind ein völlig natürlicher Teil des körperlichen Übergangs. Sie bedeuten nicht, dass die Lust verschwunden ist oder dass sie nie zurückkommt. Der Körper braucht einfach neue Bedingungen, neue Pflege, manchmal medizinische Unterstützung und manchmal nur ein bisschen Geduld. Die Wechseljahre sind kein Ende der Sexualität, sondern ein neuer Abschnitt, in dem sich viele Dinge verändern dürfen.

„Lust ist wie ein hormonelles Orchester und manchmal spielt ein Instrument leiser.“


Und ja, auch der Beckenboden spielt mit

Der Beckenboden hat viel mehr mit Lust und Sexualität zu tun, als viele Frauen wissen. Wenn er zu schwach ist, kann Sex weniger intensiv sein, weil die Durchblutung und das Körpergefühl im Intimbereich nachlassen. Manche Frauen spüren beim Sex dann einfach weniger, selbst wenn sie eigentlich Lust hätten. Ein schwacher Beckenboden kann sogar dazu führen, dass es sich anfühlt, als wäre „alles zu locker“ oder als würde man beim Sex nicht richtig anspannen können und das kann das Lustempfinden deutlich beeinflussen.

Aber auch das Gegenteil kann passieren: Ein verspannter oder „zu fester“ Beckenboden kann ebenso Probleme machen. Viele Frauen wissen nicht einmal, dass sie dauerhaft anspannen, oft aus Stress, Schmerzen oder einfach aus unbewusster Gewohnheit. In solchen Fällen kann Sex unangenehm oder sogar schmerzhaft werden, weil die Muskulatur nicht loslassen kann. Das hat nichts mit mangelnder Lust zu tun, sondern damit, dass der Körper nicht entspannen kann, obwohl der Kopf vielleicht möchte.

Der Beckenboden ist also ein stiller Mitspieler, der oft unterschätzt wird. Er beeinflusst, wie intensiv wir Sex spüren, wie gut wir entspannen können und wie frei unser Körper überhaupt reagieren kann. Deshalb lohnt es sich, ihn kennenzulernen und zu stärken oder zu entspannen, je nachdem, was der eigene Körper gerade braucht.

„Viele Frauen kennen ihren Beckenboden nicht – dabei könnte Training hier viel verbessern.“


Was kannst du tun? – Die ersten Schritte

Ein erster wichtiger Schritt ist es, den eigenen Zyklus bewusst zu beobachten. Viele Frauen stellen fest, dass ihre Lust nicht konstant ist, sondern sich im Verlauf des Monats verändert. Zu verstehen, wann sie stärker oder schwächer wird, kann enorm helfen.

Auch Stress spielt eine entscheidende Rolle. So banal es klingt: Weniger Stress bedeutet oft mehr Zugang zum eigenen Körper. Kleine Dinge wie ausreichend Schlaf, bewusste Pausen, Bewegung oder Atemübungen können hier bereits viel verändern.

Wenn Unsicherheit besteht, kann ein Hormoncheck beim Arzt sinnvoll sein. Ein einfacher Bluttest gibt oft Klarheit darüber, ob hormonelle Faktoren eine Rolle spielen.

Ebenso lohnt sich ein Blick auf Medikamente. Die Pille, Antidepressiva oder andere Präparate können die Libido beeinflussen, oft ohne dass es bewusst wahrgenommen wird.

Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist der Beckenboden. Gezieltes Training verbessert die Durchblutung, steigert die Sensibilität und stärkt das eigene Körpergefühl.

Genauso wichtig ist die Kommunikation in der Partnerschaft. Offen darüber zu sprechen, ohne Schuldzuweisungen, nimmt Druck aus der Situation. Lustlosigkeit bedeutet nicht automatisch fehlende Liebe.

Und schließlich darf auch ganz praktisch gedacht werden: Gleitgel zu verwenden ist kein Zeichen von „Problemen“, sondern ein völlig normales Hilfsmittel. Gerade bei hormonell bedingter Trockenheit kann es helfen, wieder mehr Leichtigkeit und Freude zu erleben.


Wann sollte ich zum Arzt – und warum es kein Grund für Scham ist

Du solltest mit deiner Frauenärztin sprechen, sobald du das Gefühl hast, dass sich deine Lust deutlich verändert hat und es dich belastet. Viele Frauen warten viel zu lange, weil sie glauben, es sei peinlich oder „nicht wichtig genug“. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Lustlosigkeit kann ein Hinweis darauf sein, dass dein Körper Unterstützung braucht. Sei es hormonell, körperlich oder emotional.

Wenn Sex weh tut, wenn du plötzlich sehr trocken bist, wenn du kaum noch Verlangen spürst oder wenn du das Gefühl hast, dass dein Körper nicht mehr so reagiert wie früher, ist das keine Schwäche und kein persönliches Versagen. Es ist ein Zeichen, das du ernst nehmen darfst. Auch eine starke Veränderung nach dem Absetzen der Pille, während der Stillzeit oder in den Wechseljahren ist ein guter Grund, mit deiner Ärztin darüber zu sprechen.

Niemand muss sich dafür schämen. Frauenärztinnen hören solche Themen täglich – für sie ist es genauso normal wie ein Gespräch über den Zyklus oder Verhütung. Und je früher du darüber sprichst, desto schneller kannst du herausfinden, was wirklich los ist und was dir helfen könnte. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, kein Grund, den Kopf zu senken. Denn am Ende gilt: Du musst diese Veränderungen nicht alleine mit dir herumtragen. Es ist vollkommen okay, Fragen zu stellen und es ist mutig, sich Hilfe zu holen.



Zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet? Was Eltern wissen müssen

Es beginnt oft unscheinbar. Ein Streit über den Gartenzaun, eine laute Auseinandersetzung im Treppenhaus oder verletzte Gefühle nach einer Trennung. Manchmal reicht ein einziger Anruf und plötzlich steht das Jugendamt vor der Tür. Ein fremder Mensch stellt Fragen zur Erziehung und blickt prüfend in die Kinderzimmer. Für viele Eltern ist dieser Moment ein Schock. Die Angst, das eigene Kind zu verlieren, lässt kaum Raum für klare Gedanken.

Doch was geschieht eigentlich, wenn eine Meldung beim Jugendamt eingeht? Wie prüfen Behörden solche Hinweise und wie sollten Eltern reagieren, wenn sich die Vorwürfe als unbegründet erweisen?

Darüber sprechen wir heute mit Stefanie Schlösser. Sie war viele Jahre Jugendamtsleiterin in Nordrhein-Westfalen und kennt die Abläufe aus erster Hand. Sie weiß, wie Meldungen bewertet werden und warum gerade das erste Gespräch mit dem Amt entscheidend sein kann.

In diesem Interview erklärt sie, welche Rechte Familien haben, wie man mit falschen Anschuldigungen umgeht und warum Wissen in solchen Momenten der wichtigste Schutz sein kann.


Wenn plötzlich das Jugendamt eingeschaltet wird

Healthy Lady: Gerade unbegründete Meldungen sorgen bei vielen Eltern für große Verunsicherung. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie solche Situationen eingeordnet werden. Was passiert, wenn man völlig zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet wird, etwa durch den bösen Nachbarn oder den verärgerten Ex-Partner? Wie prüfen Fachkräfte solche Anschuldigungen?

Stefanie Schlösser: Die Sorge, zu Unrecht beim Jugendamt gemeldet zu werden, ist weit verbreitet. Viele haben das Bild im Kopf, dass man dauerhaft kontrolliert wird, sobald man einmal in der Akte ist. Doch so funktioniert die Arbeit nicht. Ja, jede Meldung muss geprüft werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Aber die meisten Fachkräfte sind ehrlich gesagt froh, wenn sich eine Meldung als unbegründet herausstellt, denn dann ist kein Kind gefährdet und es muss kein weiterer Fall dauerhaft bearbeitet werden. Die Jugendämter sind ohnehin stark ausgelastet.

Wie geprüft wird, hängt vom Inhalt der Meldung ab. Geht es um die Wohn- und Lebenssituation des Kindes, wird meist ein Hausbesuch als Mittel gewählt. Je nach Gefährdungseinschätzung wird dieser angekündigt oder unangekündigt durchgeführt. Bei hygienischen oder versorgungsbezogenen Sorgen ist eine Ankündigung oft wenig sinnvoll, weil sich der Eindruck dann kurzfristig herausputzen lässt. Geht es um Sachverhalte, die man ohnehin vermutlich nicht live erleben würde, würde man sich eher ankündigen. Geht es um Themen, die man im Gespräch klären kann, kann auch eine Einladung ins Jugendamt erfolgen. Eine freundlich formulierte Einladung ist in der behördlichen Sprache nicht automatisch eine unverbindliche Option. Oft handelt es sich um eine höflich formulierte Aufforderung. Deshalb rate ich dringend, solche Schreiben ernst zu nehmen, darauf zu reagieren und lieber einmal nachzufragen, wenn man unsicher ist.

Im Rahmen der Prüfung schauen Fachkräfte auf das Gesamtbild. Wie wirkt das Kind? Wie wirken die Eltern? Passen die Schilderungen zur Meldung oder ergeben sich andere Eindrücke? Es erfolgt eine sozialpädagogische Diagnostik, die zuerst Informationen sammelt, dann analysiert und auswertet, anschließend bewertet und auf Grundlage dieser Hypothesen und Analysen eine fundierte Entscheidung trifft. Am Ende steht eine fachliche Einschätzung. In einem großen Teil der Fälle wird die Meldung als unbegründet bewertet und beendet. In anderen Fällen wird sensibilisiert und gegebenenfalls eine freiwillige Hilfe empfohlen. Nur in einem sehr kleinen Teil der Fälle führt eine Meldung tatsächlich zu einer Inobhutnahme. Der Regelfall ist das ausdrücklich nicht.

Stefanie Schlösser kennt die Arbeit der Jugendämter aus erster Hand. Als ehemalige Jugendamtsleiterin bringt sie langjährige Erfahrung und fundiertes Wissen über Abläufe und Entscheidungsprozesse mit. (Bild: Stefanie Schlösser)

Wie Meldungen beim Jugendamt geprüft werden

Healthy Lady: Wenn Mitarbeiterinnen unangekündigt vor der Tür stehen, wie läuft so ein Einsatz ab?

Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Eine Visitenkarte ist ebenfalls hilfreich.

Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.

Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte jedoch nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist. Das kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf.

Zum standardisierten Ablauf gehört außerdem, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage „Dürfen wir uns das Kinderzimmer ansehen?“ ist höflich formuliert, gehört aber zum fachlichen Vorgehen.

Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt, sondern für Dinge wie folgende. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie sind Hygiene und Sicherheit? Steht seit Wochen Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum, gibt es offenes Feuer oder ein Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin entwickeln kann?

Wenn sich im Gespräch und bei der Inaugenscheinnahme zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.


So können sich Eltern auf den Kontakt mit dem Jugendamt vorbereiten

Healthy Lady: Wie können sich Eltern am besten vorbereiten, wenn das Jugendamt eingeschaltet wird?

Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet, konsequent zu dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden, was zugesichert wurde und was nicht. All das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit sowie kurzem Inhalt und Ablauf festgehalten werden. Aussagen wie „Wir haben irgendwann im November telefoniert“ helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sinnvoll sein, sich dafür eine eigene „Jugendamtsakte“ anzulegen, chronologisch sortiert.

Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Gesprächsdynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung. Brauche ich jemanden, der mich emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt? Oder bin ich in diesem Gespräch allein handlungsfähiger? Lädt eventuell eine weitere Person die Situation sogar zusätzlich auf? Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.

Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.

Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.

Hilfreich ist auch, sich vorab klarzumachen, in welchem „Modus“ das Jugendamt gerade mit mir arbeitet. Geht es um Beratung, etwa zu Sorge oder Umgangsrecht? Geht es um eine Hilfe zur Erziehung, also eine bewilligte Leistung? Oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Rolle, Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich und damit auch die Ansprachen.

Und ganz wichtig ist der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen, in denen das Jugendamt eingeschaltet ist, sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind verständlich, im Gespräch jedoch oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig, nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um in dem Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, bei Freundinnen, in Therapie oder Beratung. Das Gespräch mit dem ASD ist zielorientiert und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.


Diese Fehler sollten Eltern im Umgang mit dem Jugendamt vermeiden

Healthy Lady: Welche typischen Fehler machen Eltern im Umgang mit dem Jugendamt und wie kann man sie vermeiden?

Stefanie Schlösser: Ein häufiger Fehler ist, die gesamte, oft verständliche Emotionalität ungefiltert in die Gespräche hineinzutragen. Das ist menschlich, aber fachlich selten hilfreich. Fachkräfte müssen beurteilen, ob Eltern in der Lage sind, in belasteten Situationen handlungsfähig zu bleiben. Wer im Gespräch permanent eskaliert, vermittelt ungewollt das Gegenteil. Außerdem hat man in diesen Gesprächen nur einen begrenzten zeitlichen Rahmen. Wenn alle Parteien nun ausführlich ihre Emotionen besprechen und man darauf eingehen müsste, säße man schnell mehrere Stunden am Tisch.

Ein zweiter typischer Fehler ist die Erwartung, das Jugendamt solle Konflikte zwischen Erwachsenen stellvertretend lösen. Formulierungen wie „Sagen Sie meinem Ex Mann bitte, dass er das und das zu tun hat“ oder „Können Sie meiner Ex Frau erklären, was besser fürs Kind ist?“ begegnen uns sehr häufig. Der Auftrag des Jugendamtes ist aber nicht, Partei zu ergreifen und einem Elternteil Recht zu geben, sondern die Situation des Kindes zu betrachten. Wenn Eltern grundlegende Entscheidungen nicht mehr miteinander treffen können, stellt sich eher die Frage, wie tragfähig ihre gemeinsame elterliche Verantwortung ist, was am Ende dazu führen könnte, dass ein Beratungssetting in eine Bewertung der Erziehungsfähigkeit übergeht.

Ein dritter Fehler besteht darin, das Jugendamt als Gegner zu betrachten und sich grundsätzlich gegen alles zu sperren, häufig beeinflusst durch Internetforen oder Gruppen, die pauschal raten, nicht zu kooperieren. Aus meiner Erfahrung wurde ein solches Verhalten nie zugunsten der Eltern oder des Kindes bewertet. Im Gegenteil. Es verstärkt den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll oder dass Eltern nicht bereit sind, Verantwortung, auch und vor allem für das eigene Handeln, zu übernehmen.

Was hilft, ist eine innere Haltungsänderung. Weg von der Frage „Wie bekomme ich das, was ich für Recht halte?“ hin zu „Was braucht mein Kind und was kann ich dazu beitragen?“ Wenn Eltern bereit sind, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und Veränderungen zumindest zu prüfen, öffnet das oft Türen. Veränderungen, die von außen angeregt werden, erzeugen zunächst Widerstand. Das ist normal. Aber wenn man gerade in einer familiären Situation ist, in der man nicht weiterkommt oder sogar eine Schädigung im Raum steht, wird eine Partei ihr Verhalten anpassen müssen, und in den allermeisten Fällen sind das die Eltern.


Was Familien in einer Krise mit dem Jugendamt helfen kann

Healthy Lady: Liebe Stefanie, was möchtest du Familien sagen, die selbst gerade eine Krise mit dem Jugendamt durchmachen und kaum noch Hoffnung sehen?

Stefanie Schlösser: Zunächst. Die Gefühle, die in solchen Situationen auftauchen, etwa Angst, Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, sind nachvollziehbar. Es geht um das eigene Kind. Nichts ist emotional existenzieller. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, den Blick konsequent auf das Kind zu richten. Nicht auf die eigene Kränkung, sondern auf die Frage: Wie geht es meinem Kind? Was braucht es jetzt? Und was müsste sich verändern, damit es meinem Kind besser geht oder langfristig besser gehen kann?

In vielen Fällen beobachte ich, dass sich die Dynamik deutlich entspannt, sobald Eltern bei aller Verletzung bereit sind, einen Schritt auf das Jugendamt zuzugehen und eigene Anteile anzuschauen. Wenn Fachkräfte merken, dass Einsicht und Veränderungsbereitschaft vorhanden sind, eröffnet das oft neue Wege. Man arbeitet nicht mehr gegeneinander, sondern zumindest teilweise miteinander. Wichtig ist auch zu verstehen. Das Jugendamt hat kein Interesse daran, dauerhaft Hilfen aufrechtzuerhalten, die keinen Sinn haben. Jede Hilfe kostet Ressourcen: Geld, Zeit und Personal. Wo es fachlich vertretbar ist, sind Jugendämter froh, Hilfen zu beenden. Wenn eine Hilfe also läuft oder immer wieder neue Maßnahmen ins Spiel kommen, ist das ein Hinweis darauf, dass aus fachlicher Sicht weiterhin ein Bedarf gesehen wird.

Für Eltern kann es hilfreich sein, sich zusätzlich eine unabhängige Instanz an die Seite zu holen, zum Beispiel eine Ombudsstelle. Dort arbeiten Menschen, die das System kennen, aber nicht Teil des jeweiligen Jugendamtes sind. Es gibt auch private Beratungsangebote, unter anderem von Fachleuten mit Jugendamts oder Leitungserfahrung. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass diese Personen die Strukturen der Jugendhilfe verstehen und nicht nur aus einem rein elterlichen Blick argumentieren.

Mein zentraler Appell an Familien in Krisen mit dem Jugendamt wäre: Versuchen Sie, bei aller Verletzung die Perspektive Ihres Kindes mitzudenken. Nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Richtschnur. Dort, wo die Liebe zum Kind im Mittelpunkt steht und nicht das eigene Ego, gibt es fast immer Ansatzpunkte, etwas zu verändern.