Allgemein

Was jede Frau wissen sollte: Der Beckenboden und seine lebenswichtige Rolle

Viele Frauen hören das Wort „Beckenboden“ zum ersten Mal, wenn sie im Rückbildungskurs sitzen. Davor haben die meisten nie darüber nachgedacht, was sich dort unten im Körper eigentlich befindet, welche Aufgaben dieser Bereich übernimmt oder welche Folgen es haben kann, wenn er nicht richtig arbeitet.

Dabei ist der Beckenboden viel mehr als ein Thema für frischgebackene Mütter. Er begleitet uns durch jede Lebensphase, ganz unabhängig davon, ob wir ein Kind bekommen haben oder nicht. Und ja, auch Männer haben einen Beckenboden. Nur wissen selbst sie oft nicht, wie wichtig dieses Muskelnetz für ihre Haltung, ihre Kontinenz und ihre Sexualität ist.

„Der Beckenboden ist kein Frauenproblem. Er ist ein Körperthema.“


Was ist der Beckenboden überhaupt?

Der Beckenboden ist eine Gruppe kräftiger Muskeln und Bindegewebe, die wie ein flexibler Boden den unteren Teil des Beckens abschließt. Er hält Blase, Gebärmutter und Darm dort, wo sie hingehören, und ermöglicht, dass wir Kontrolle über Wasserlassen und Stuhlgang haben. Gleichzeitig stabilisiert er unseren ganzen Rumpf, wie eine Art inneres Fundament. Wenn der Beckenboden gut funktioniert, merkt man ihn kaum. Wenn er schwach wird, merkt man ihn umso deutlicher.


Warum der Beckenboden in der Schwangerschaft so belastet wird

Während der Schwangerschaft trägt der Beckenboden monatelang das gesamte Gewicht des Babys. Mit jedem Monat steigt der Druck, der auf dieser Muskelplatte lastet. Bei der Geburt wird der Beckenboden zusätzlich stark gedehnt – egal, ob es eine vaginale Geburt oder ein Kaiserschnitt ist. Nach der Geburt ist diese Muskulatur deshalb häufig überdehnt und geschwächt. Sie braucht Zeit, um sich zu erholen, und danach gezieltes Training.

„Nach der Geburt muss der Beckenboden heilen – genauso wie jeder andere Muskel, der Höchstleistung erbracht hat.“


Aber: Ein schwacher Beckenboden betrifft nicht nur Mütter

Viele Frauen glauben, dass nur Schwangerschaft und Geburt den Beckenboden schwächen. Aber das stimmt nicht. Ein instabiler Beckenboden kann in jedem Alter auftreten, auch bei Frauen ohne Kinder. Hormonveränderungen (z. B. in den Wechseljahren), Übergewicht, sehr viel Sitzen, falsches Krafttraining, genetisch schwaches Bindegewebe oder Operationen im Bauch-/Beckenbereich können ebenfalls dafür sorgen, dass diese Muskulatur an Kraft verliert. Männer haben ebenfalls einen Beckenboden. Bei ihnen spielt er u. a. bei Kontinenz, Erektionsfähigkeit und Rumpfstabilität eine Rolle. Frauen sind jedoch deutlich häufiger betroffen, weil ihre Anatomie und hormonellen Lebensphasen den Beckenboden stärker beanspruchen.


Was passiert, wenn der Beckenboden schwach wird?

Ein geschwächter Beckenboden macht sich bemerkbar, oft früher, als viele erwarten. Typische Anzeichen sind:

  • Urinverlust beim Lachen, Springen, Husten oder Niesen
  • ein Druck- oder Schweregefühl im Becken
  • das Gefühl „da unten stimmt etwas nicht“
  • Schmerzen beim Sex
  • Rückenschmerzen, weil dem Körper die Stabilität fehlt
  • Verdauungsbeschwerden
  • Absenkung von Blase, Gebärmutter oder Darm

„Inkontinenz ist kein Tabuthema. Es ist ein Signal deines Körpers.“


Warum Beckenbodentraining so wichtig ist

Ein trainierter Beckenboden verbessert fast jede Alltagssituation: Haltung, Stabilität, Sexualität, Wohlbefinden. Er verhindert Senkungen, unterstützt die Organe und sorgt dafür, dass wir uns sicher fühlen – beim Sport, beim Lachen und im Alltag.

Ein starker Beckenboden kann sogar Rückenschmerzen reduzieren, weil er mit der Bauch- und Rückenmuskulatur zusammenarbeitet.

„Ein starker Beckenboden ist keine Nebensache – er ist die Basis für ein gutes Körpergefühl.“


Wie man den Beckenboden trainieren kann

Beckenbodentraining ist nicht kompliziert, aber man muss wissen, wie es geht. Viele Frauen spannen im Alltag die falschen Muskeln an, zum Beispiel den Po oder die Bauchmuskeln. Ein guter Start ist eine einfache Grundübung:

Beim Einatmen entspannen.
Beim Ausatmen den Beckenboden sanft nach innen/oben ziehen.
Kurz halten, wieder lösen.

Das kann man im Sitzen, Liegen oder Stehen machen. Zusätzlich helfen:

  • Rückbildungskurse
  • Beckenboden-Workshops
  • Physiotherapie
  • Mama-/Postnatal-Workouts
  • gezielte Fitnesskurse

Es gibt auch einen sogenannten Beckenbodenstuhl – ein spezieller Hocker, der die richtige Haltung fördert, sodass Frauen die Muskulatur besser spüren und gezielt ansteuern können.

„Viele Frauen spüren ihren Beckenboden erst, wenn sie lernen, ihn richtig anzusteuern.“


Drei einfache Übungsillustrationen

Übung 1: Die Grundspannung („sanfter Lift“)

  • Setz dich aufrecht hin oder leg dich entspannt auf den Rücken.
  • Atme ein – der Beckenboden bleibt locker.
  • Atme aus – stell dir vor, du ziehst den Beckenboden sanft nach innen/oben.
  • Halte 3–5 Sekunden, dann lösen.

So fühlt es sich an: Wie ein kleiner „Lift“ im Inneren, ohne Bauch oder Po anzuspannen.


Übung 2: Der Stuhl-Test

  • Setz dich auf einen harten Stuhl, sodass du die Sitzbeinhöcker spürst.
  • Stell dir vor, du möchtest diese beiden Knochen sanft zueinander ziehen.
  • Halten – atmen – lösen.

So wirkt die Übung: Du lernst, den Beckenboden gezielt anzusteuern, ohne andere Muskeln zu benutzen.


Übung 3: Die Alltagseinheit („Zähneputz-Training“)

  • Beim Zähneputzen aufrecht stehen.
  • Alle 10 Sekunden sanft anspannen – loslassen – anspannen – loslassen.

Warum diese Übung gut ist: Sie baut Training in deinen Alltag ein, ohne zusätzliche Zeit einzuplanen.

„Der Beckenboden trägt dich durchs Leben – gib ihm die Aufmerksamkeit, die er verdient.“


Ein starkes Fundament – ein besseres Leben

„Ein funktionierender Beckenboden ist der stille Unterstützer des Körpers. Viele Frauen merken erst, wie wichtig er ist, wenn er schwach wird. Dabei kann man ihn in jedem Alter stärken. Er stabilisiert nicht nur die Körpermitte, sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von Blase und Darm. Je früher man ihn versteht, desto besser kann man Beschwerden vorbeugen. Schon kleine, regelmäßige Übungen im Alltag können helfen, ihn langfristig zu kräftigen und Beschwerden wie Inkontinenz oder Rückenschmerzen vorzubeugen.“



Bevor ihr Eltern werdet: Wichtige Gespräche, die ihr miteinander führen solltet

Viele Paare sprechen stundenlang darüber, wie das Kinderzimmer aussehen soll, welche Namen schön klingen oder wie niedlich das Baby sein wird. Was dabei oft fehlt, sind die Gespräche über das, was danach kommt. Über die Realität. Über Erschöpfung. Über Ungleichgewicht. Über Angst. Und Verantwortung.

Eine Schwangerschaft verändert nicht nur den Körper, sie verändert eine Beziehung. Und zwar radikaler, als es sich die meisten vorstellen können. Plötzlich ist da ein Mensch, der rund um die Uhr Bedürfnisse hat. Der nicht warten kann. Der alles verschiebt: Schlaf, Arbeit, Nähe, Freiheit, Identität. Viele Konflikte, die junge Eltern später erleben, entstehen nicht, weil sie sich nicht lieben, sondern weil sie nie darüber gesprochen haben, wie sie dieses neue Leben eigentlich gemeinsam tragen wollen.

Wer steht nachts auf? Wer verzichtet beruflich? Was passiert, wenn einer von uns nicht mehr kann?
Wie gehen wir mit Geld um, wenn sich alles verändert? Was, wenn ich mich nicht sofort als „perfekte Mutter“ oder „perfekter Vater“ fühle?

Diese Fragen sind unbequem, aber notwendig. Denn ein Kind braucht nicht nur Liebe, es braucht ein Team. Zwei Menschen, die wissen, wofür sie stehen. Die nicht alles vorher wissen müssen, aber bereit sind, ehrlich hinzuschauen. Dieser Artikel ist keine Anleitung. Er ist eine Einladung. Zu Gesprächen, die man nicht führen muss, aber die man führen sollte, bevor aus einem Paar eine Familie wird.


Wer steht nachts auf?

Diese Frage klingt banal und ist doch eine der zentralsten überhaupt. Denn sie steht stellvertretend für etwas viel Größeres: für Verantwortung, Fairness und die reale Verteilung von Belastung. Viele Paare sagen vor der Schwangerschaft: „Das machen wir dann einfach gemeinsam.“ Doch wenn die Nächte kommen, wenn Schlaf fehlt, wenn einer morgens arbeiten muss und der andere „zu Hause“ ist, wird aus diesem Satz schnell ein Ungleichgewicht.

Wer steht wirklich auf, wenn das Baby weint? Ist es automatisch die Mutter, weil sie stillt? Gibt es Ausgleich am Wochenende, am Morgen, tagsüber? Wie wird damit umgegangen, wenn einer völlig erschöpft ist?

Diese Gespräche sind nicht romantisch, aber sie schützen vor Frust. Denn nichts belastet eine Beziehung so sehr wie das Gefühl, allein zu sein mit der Verantwortung. Es geht nicht darum, einen starren Plan zu erstellen. Es geht darum, sich bewusst zu machen: Schlafentzug ist kein kleiner Preis, er verändert Menschen. Und er braucht ein gemeinsames Verständnis. Wer hier vorab ehrlich spricht, schafft nicht nur Klarheit, sondern auch Mitgefühl.
Denn manchmal ist es nicht die Müdigkeit, die weh tut, sondern das Gefühl, sie alleine zu tragen.


Was passiert, wenn einer von uns überfordert ist?

Kaum etwas wird so unterschätzt wie die emotionale Überforderung nach der Geburt. Schlafmangel, Hormone, Verantwortung, all das trifft gleichzeitig. Die Frage ist nicht, ob einer von euch irgendwann an seine Grenze kommt, sondern was dann passiert. Dürfen Tränen sein, ohne dass der andere sie „reparieren“ muss?
Darf jemand sagen: „Ich kann gerade nicht mehr“, ohne Schuldgefühl? Wird Überforderung als Schwäche gesehen oder als menschliche Reaktion? Dieses Gespräch schafft einen inneren Vertrag: Wir dürfen ehrlich sein, auch wenn es nicht schön klingt.


Wie sieht unser Alltag aus, wenn Schlaf und Energie fehlen?

Romantische Vorstellungen enden oft in der dritten schlaflosen Nacht. Dann zeigt sich, wie tragfähig eure Absprachen wirklich sind.

Wer steht nachts auf? Wer kümmert sich tagsüber um Haushalt, Termine, Organisation? Wer verlässt morgens das Haus zur Arbeit und wer bleibt zurück? Gibt es Ausgleich für die Person, die zu Hause bleibt?

Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Realismus. Ein Baby braucht Struktur und Eltern, die nicht dauerhaft über ihre Grenzen gehen.


Wollen wir Eltern sein – oder wollen wir ein Kind haben?

Diese Frage ist leise, aber tief. Ein Kind zu haben klingt nach Wunsch, nach Bild, nach Vorstellung.
Eltern zu sein bedeutet: Verantwortung übernehmen, jeden Tag. Auch dann, wenn es schwer ist.

Wollen wir den Alltag mittragen, nicht nur die schönen Momente? Sind wir bereit, uns selbst neu zu definieren?
Oder sehnen wir uns vor allem nach dem Gefühl von Familie?

Beides ist menschlich. Aber ehrlich darüber zu sprechen, verhindert spätere Enttäuschung.


Wie teilen wir Care-Arbeit wirklich – nicht nur in Worten?

Viele Paare gehen mit dem festen Vorsatz in die Elternschaft, alles „fair“ aufzuteilen. Doch Care-Arbeit ist tückisch, weil sie oft unsichtbar ist. Sie besteht nicht nur aus Windeln wechseln oder Fläschchen geben. Sie besteht aus dem Mitdenken. Aus dem Vorausplanen. Aus dem inneren Notizbuch, das ständig läuft: Wann ist der nächste Arzttermin? Haben wir noch Feuchttücher? Passt die Kleidung noch? Wann muss die Kita angerufen werden? Wer denkt an das Geschenk für den Kindergeburtstag?

Diese mentale Last liegt in vielen Familien fast automatisch bei einer Person, meist bei der Mutter. Nicht, weil der andere nicht helfen will, sondern weil niemand darüber gesprochen hat, dass „Helfen“ nicht dasselbe ist wie „Verantwortung tragen“. Eine ehrliche Frage lautet deshalb:
Wer ist für was wirklich zuständig und nicht nur unterstützend dabei?
Wer denkt mit, ohne gefragt zu werden?
Wer ist die Person, die nachts im Kopf durchgeht, ob morgen alles organisiert ist?

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass beide alles gleich machen. Sie bedeutet, dass sich niemand allein verantwortlich fühlt. Dass Aufgaben nicht delegiert werden müssen. Dass einer nicht ständig bitten, erinnern oder erklären muss. Dieses Gespräch ist unbequem, weil es Rollenbilder berührt. Aber es ist entscheidend. Denn nichts erschöpft so sehr wie das Gefühl, immer diejenige zu sein, die „den Überblick“ behalten muss, während der andere glaubt, alles laufe doch ganz gut.

Care-Arbeit ist kein Nebenprodukt von Liebe.
Sie ist Arbeit. Und sie verdient Sichtbarkeit, Anerkennung und eine faire Verteilung.


Wie gehen wir mit Geld um, wenn sich alles verändert?

Mit einem Kind verändert sich nicht nur der Alltag, sondern auch das Verhältnis zu Geld. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Wünsche, sondern um Sicherheit. Um Rücklagen. Um Verantwortung für ein weiteres Leben.

Vielleicht verdient einer von euch bald weniger. Vielleicht pausiert eine Karriere. Vielleicht verschieben sich Machtverhältnisse, ohne dass es jemand ausspricht. Genau hier entstehen leise Spannungen: Wer entscheidet über größere Ausgaben? Wer fühlt sich abhängig? Wer trägt die Sorge, ob es „reichen“ wird?

Was ist mein Geld – und was ist unser Geld?
Wie stellen wir sicher, dass niemand das Gefühl hat, weniger wert zu sein, nur weil er gerade weniger verdient?
Wie gehen wir mit Erspartem um als gemeinsames Sicherheitsnetz oder als individuelles Polster?
Und was wollen wir unserem Kind später vorleben? Angst vor Mangel oder Vertrauen in Stabilität?

Geld ist emotionaler, als wir oft zugeben. Es steht für Freiheit, Sicherheit, Selbstwert. Wenn diese Themen unausgesprochen bleiben, entstehen Ungleichgewichte, die sich tief in eine Beziehung einschreiben können.


Was geben wir unseren Kind weiter – und was nicht?

Jeder von uns trägt seine eigene Kindheit in sich. Mit ihren Licht- und Schattenseiten. Mit Sätzen, die geblieben sind. Mit Momenten, die uns geprägt haben, im Guten wie im Schweren. Ein Kind bringt all das wieder an die Oberfläche.

Was war schön in meiner Familie? Was hat mir Sicherheit gegeben?
Und was möchte ich meinem eigenen Kind nicht weitergeben?

Vielleicht war da viel Liebe, aber wenig Zeit. Oder Nähe, aber kaum Grenzen.
Vielleicht gab es Leistungsdruck, Schweigen, Angst oder das Gefühl, nie ganz gesehen worden zu sein.

Diese Fragen sind tief, weil sie uns zwingen, unsere eigene Geschichte anzuschauen. Und sie betreffen nicht nur euch als Einzelne, sondern euch als Paar. Denn ihr bringt unterschiedliche Prägungen mit. Unterschiedliche Vorstellungen davon, was „normal“ ist. Was ein gutes Zuhause ausmacht. Was Strenge bedeutet und was Geborgenheit. Diese Gespräche helfen, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln. Nicht gegen eure Herkunft – sondern bewusst für euer eigenes Modell von Familie. Denn Elternschaft bedeutet nicht, alles zu wiederholen.
Sie bedeutet, zu entscheiden, was bleiben darf – und was sich verändern soll.


Wo endet Unterstützung – und wo beginnt Einmischung?

Mit einem Kind rücken nicht nur zwei Menschen enger zusammen, oft rückt auch die Herkunftsfamilie näher. Eltern, Schwiegereltern, Verwandte meinen es gut. Sie bringen Erfahrungen mit, Erinnerungen, Überzeugungen. Und manchmal auch Erwartungen. Plötzlich gibt es viele Stimmen:
So haben wir das früher gemacht.
Das Kind ist zu warm angezogen.
Du verwöhnst es.
Lass es nicht so oft weinen.

Was als Hilfe gemeint ist, kann sich schnell wie Kontrolle anfühlen. Hier lohnt es sich, früh als Paar Haltung zu entwickeln. Wie viel Nähe tut uns gut? Welche Ratschläge wollen wir annehmen und welche nicht?
Wer spricht Grenzen aus, wenn sie überschritten werden? Stehen wir füreinander ein, auch wenn es unbequem wird? Ein gemeinsames Verständnis darüber zu entwickeln, schützt nicht nur eure Beziehung, sondern auch den Raum, in dem euer Kind aufwachsen darf.


Was, wenn ich mich nicht sofort verliebe?

Über dieses Thema wird kaum gesprochen und genau deshalb trifft es so viele unvorbereitet. In unserer Vorstellung ist sie da, diese überwältigende Liebe, sobald wir unser Kind zum ersten Mal sehen. Dieses Bild ist tief verankert. Und wenn es nicht sofort eintritt, entsteht oft Scham. Doch Bindung ist kein Schalter. Sie ist ein Prozess.

Manche Eltern spüren diese Nähe sofort, andere erst nach Tagen, Wochen oder Monaten. Das ist kein Zeichen von Versagen. Es ist menschlich. Der Körper ist erschöpft, die Hormone sind im Umbruch, das Leben hat sich innerhalb weniger Stunden radikal verändert. Warum ist es so wichtig, darüber vorher zu sprechen? Weil Erwartungen stillen Druck erzeugen. Und weil Unwissenheit Einsamkeit schafft. Wenn wir wissen, dass auch Leere, Distanz oder Unsicherheit zu diesem Anfang gehören können, sind wir vorbereitet. Wir fühlen uns nicht falsch, müssen nicht schweigen und dürfen sagen: „Ich brauche Zeit.“


Wie bleiben wir ein Paar?

Was vorher selbstverständlich war, wird plötzlich selten: Gespräche ohne Unterbrechung, Berührungen ohne Zweck, gemeinsames Lachen ohne Müdigkeit. Genau deshalb ist es so wichtig, schon vorher darüber zu sprechen, wie wir Paar bleiben wollen.

Brauchen wir feste Dates, auch wenn sie nur aus einem Spaziergang mit Kaffee bestehen? Wollen wir bewusst kleine Inseln der gemeinsamen Quality Time schaffen – zehn Minuten am Abend, ein Film auf dem Sofa, ein Gespräch ohne Handy? Und wie gehen wir mit dem Thema Sex um, wenn Körper, Hormone und Erschöpfung sich verändern?

Nähe darf sich wandeln. Sie darf weniger werden, aber sie sollte nicht komplett verschwinden. Wenn wir vorher darüber sprechen, schaffen wir Verständnis für später: dafür, dass Lust Zeit braucht, dass Berührung manchmal wichtiger ist als Begehren und dass Intimität viele Formen hat. Diese Gespräche sind keine Romantik – sie sind Beziehungspflege. Denn Liebe geht nicht plötzlich verloren. Sie zieht sich zurück, wenn niemand mehr auf sie achtet.


Wie gehen wir mit Krisen um?

Was passiert, wenn einer von uns krank wird? Wenn das Kind uns an unsere Grenzen bringt? Wenn wir streiten, zweifeln, müde sind und nichts mehr leicht fällt? Wer trägt dann? Wer hält aus? Wer darf zusammenbrechen, ohne sich schuldig zu fühlen? Haben wir Worte für das Schwierige oder schweigen wir, bis es knallt?

Diese Fragen zwingen uns, über Schwäche zu sprechen, über Überforderung, über Momente, in denen Liebe nicht warm ist, sondern schwer. Doch genau darin liegt ihre Kraft. Denn wer vorher darüber spricht, muss später nicht erst erklären, dass es gerade zu viel ist. Dann darf gesagt werden:
„Ich kann gerade nicht mehr.“, „Bitte übernimm du.“, „Ich bin müde“

Diese Gespräche verhindern keine Krisen. Aber sie geben ihnen einen Rahmen und euch eine gemeinsame Sprache. Denn Elternschaft beginnt nicht mit einem positiven Test. Sie beginnt mit der Bereitschaft, ehrlich hinzusehen.



„Sie sagten, wir seien verrückt.“ – Warum ein Paar sein sicheres Leben für 365 Inseln in der Karibik aufgab

Das Leben in der Karibik an Bord einer Yacht, begleitet vom Wind, der Sonne und dem sanften Rhythmus der Wellen, die gegen den Rumpf des Bootes schlagen. Für viele ist das nur ein ferner Traum. Für Aga und Paweł, das eingespielte Team von Sailing La Vision, ist es längst Realität. Während sie als gute Seele an Bord mit viel Herz und Intuition dafür sorgt, dass aus Fremden Freunde werden, lenkt er die Yacht als besonnener Kapitän mit ruhiger Hand und einer tiefen Leidenschaft für Abenteuer durch das kristallklare Wasser. Gemeinsam verkörpern sie eine inspirierende Botschaft. Freiheit fällt nicht einfach vom Himmel. Sie ist die Belohnung für all jene, die den Mut haben, ihren eigenen Kurs zu setzen.

Wo der feste Boden endet, beginnt die Vision

Heute begeben wir uns an Bord ihrer Yacht auf eine Reise zu den San-Blas-Inseln, einem tropischen Archipel aus rund 365 winzigen Eilanden, die wie Perlen im türkisfarbenen Meer vor der Küste Panamas verstreut liegen. Es ist ein Ort, der selbst erfahrenen Weltenbummlern den Atem raubt. Wer hier ankommt, merkt schnell, dass die Zivilisation weit entfernt ist. Hotels, Straßen und der Lärm der Stadt sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Natur in ihrer ursprünglichsten Form, fast so, als wäre sie noch immer so erhalten, wie Gott sie schuf. Wer glaubt, das wahre Paradies liege auf den Malediven oder den Seychellen, wird hier eines Besseren belehrt. Wahre Schönheit braucht keine fünf Sterne und kein Blitzlichtgewitter.

Die Entscheidung, das sichere Land gegen den unberechenbaren Ozean einzutauschen, wirkt für viele wie Wahnsinn. Vielleicht ist sie das auch ein wenig. Doch genau dort, wo man den festen Boden unter den Füßen verliert, beginnt oft das eigentliche Leben. Die beiden Polen fanden den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vor drei Jahren ließen sie ihr Stadtleben in Frankreich hinter sich, kündigten ihre sicheren Jobs, verkauften ihr Hab und Gut und tauschten die tägliche Routine gegen das Abenteuer des offenen Ozeans.

In Kolumbien, unter der heißen Sonne Südamerikas, fanden sie schließlich ihr Boot. Eine Yacht mit Geschichte, der sie mit viel harter Arbeit neues Leben einhauchten. Heute ist die Vision mehr als nur ihr Zuhause. Sie ist das Symbol für ihren Traum von Freiheit und einer selbstgeschriebenen Lebensgeschichte.

Vor der Küste Panamas, im autonomen Guna-Gebiet San Blas, ankert die Yacht von Aga und Paweł. (Foto: Aga & Pawel)

10 auf der Beaufortskala

Wer an Bord kommt, merkt schnell, dass dies kein gewöhnlicher Urlaub ist, sondern eine Erfahrung, die lange in Erinnerung bleibt. Schon der erste Morgen barfuß an Deck, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und dem Blick auf das endlose Blau, bringt eine Ruhe, die im Alltag oft fehlt. Mit ihrer Yacht bieten Aga und Paweł Segelreisen für kleine Gruppen aus aller Welt an. Die Tage verlaufen entspannt zwischen Segeln, Gesprächen unter freiem Himmel und Landgängen auf einsamen Inseln. Man taucht an Korallenriffen, erkundet den Dschungel oder besucht die Dörfer der Guna, die seit Generationen im Einklang mit der Natur leben.

Doch selbst über dem Paradies liegen manchmal Schatten, und sie werden von der wahren Herrscherin bestimmt, dem Wetter. An einem Tag schenkt sie Windstille und spiegelglattes Wasser, am nächsten erinnert sie kraftvoll daran, wer hier wirklich das Sagen hat. Wer ihre Zeichen ignoriert, merkt schnell, wie klein der Mensch gegenüber den Kräften des Ozeans ist.


Kampf gegen die Urgewalt

Healthy Lady: Ihr lebt inmitten einer wilden Natur, die euch nicht nur paradiesische Ausblicke schenkt, sondern auch gewaltige Kräfte entfesselt. Gab es Momente, in denen „10 Beaufort“ nicht mehr nur eine Zahl im Wetterbericht war, sondern purer Überlebenskampf?

Aga: Eigentlich ist die goldene Regel: Vermeide solche Situationen um jeden Preis, indem du die Wetterkarten im Auge behältst. Aber Theorie und Praxis sind zwei Paar Schuhe. Wir sind schon mitten auf dem Meer in schwere Unwetter geraten. Wenn ich ehrlich bin, war das unsere eigene Schuld. Wir hatten den perfekten Moment für die Überfahrt nach Mexiko schlichtweg verpasst und sind erst losgekommen, als die Hurrikan-Saison eigentlich schon begonnen hatte.

Unser Ziel war noch 2000 Seemeilen weit weg und wir hatten keine Wahl: Wir mussten segeln, denn die einzige Alternative zu den nächtlichen Gewittern wären echte Hurrikans gewesen. Fast jede Nacht zogen diese Gewitterfronten auf. Ohne das Radar hätten wir keine Chance gehabt, ihnen irgendwie auszuweichen.

An einem Abend passierte es dann, wir saßen in der Falle. Von der Küste kam eine schwere Gewitterzelle herunter und vom offenen Meer schoben sich pechschwarze Wolkenwände auf uns zu. Es gab keinen Ausweg mehr. Wir waren zu dritt, drei polnische Yachten im Verbund, ganz dicht beieinander, um uns über Funk noch irgendwie hören zu können.

Und dann ging es los. Überall um uns herum schlugen die Blitze ein. Wir haben unsere Freunde völlig aus den Augen verloren und komplett die Orientierung verloren, weil plötzlich die gesamte Navigation ausgefallen ist. Ich konnte die Augen gar nicht mehr aufmachen, so sehr hat das gleißende Licht der Blitze geblendet, die direkt neben dem Boot ins Wasser krachten. In diesem Moment war ich mir sicher: Entweder trifft uns ein Blitz oder wir kollidieren bei dieser Sicht mit einer der anderen Yachten. Bis heute habe ich keine Ahnung, durch welches Wunder uns nichts passiert ist.

Gewitterfront vor der Küste Mexikos: Tropische Stürme entstehen oft innerhalb kurzer Zeit. Radar und aktuelle Wetterdaten helfen Seglern, gefährliche Zellen frühzeitig zu erkennen. (Foto Aga & Pawel)

Healthy Lady: Ihr habt mit der Vision fünf Länder Lateinamerikas durchquert – das klingt nach einem einzigen großen Abenteuer. Welches Erlebnis war für euch das schönste, welches das außergewöhnlichste und welches das schlimmste? Gibt es ein Land oder einen Ort, den ihr besonders ins Herz geschlossen habt oder der euch im Gegenteil eher abgeschreckt hat?

Paweł: Ein Abenteuer war es definitiv. Vor allem, weil wir vorher nie Kontakt zur Kultur Mittelamerikas oder Mexikos hatten. Als wir aufbrachen, sprachen wir nicht einmal Spanisch. Es ist eine einmalige Erfahrung, am eigenen Leib zu spüren, wie das Leben der indigenen Bevölkerung Amerikas wirklich aussieht.

Doch was uns immer am tiefsten in Erinnerung bleibt, ist die Natur. Das wohl schönste Phänomen, das wir je gesehen haben, ist die Biolumineszenz. Wir haben viel Zeit auf dem Pazifik verbracht, wo sie uns ständig begleitete. Auf unseren Nachtfahrten, erst in Richtung Mexiko und später nach Panama, hatten wir praktisch jede Nacht eine Logenplatz-Garantie für dieses Spektakel.

Nicht nur das Wasser, das am Bug der Yacht aufspritzte, leuchtete – auch alles, was die Meerestiere unter der Oberfläche bewegten. Wir werden niemals den Anblick der Delfine vergessen, deren Umrisse durch das Leuchten so klar erkennbar waren, als wären sie mit Licht gemalt. Reine Magie. Das Schlimmste hingegen sind die Gewitter, von denen wir schon erzählt haben. Die Natur ist unberechenbar und sie hat uns schon einige Male ordentlich zugesetzt.

Aga: Wir werden niemanden überraschen, wenn wir sagen, dass San Blas unser absoluter Lieblingsort ist. Aber fast genauso weit oben in unserem persönlichen Ranking steht der Golf von Kalifornien in Mexiko. Das ist die absolute Einöde – eine einzige, riesige Wüste voller Kakteen. Jeden Winter kommen Wale aus Alaska in das Mar de Cortés, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dazu kommen Walhaie, ganze Schwärme von Rochen und Seelöwen. Nirgendwo sonst haben wir eine so unglaubliche Vielfalt an Wildtieren erlebt.

Einen weiten Bogen machen wir hingegen um typische Touristenorte, die klassischen Resorts. Wir haben uns die Yacht schließlich nicht gekauft, um unsere Zeit in Menschenmassen zu verbringen.


Healthy Lady: Habt ihr eigentlich keine Angst vor wilden Tieren oder Tropenkrankheiten? Gab es mal eine Begegnung, die euch so richtig in den Knochen steckt?

Aga: Natürlich haben wir Respekt, aber wir lassen uns die Weltreise nicht von der Angst diktieren. Wir sind gegen alles geimpft, was geht, sprühen uns fleißig mit Insektenschutz ein und halten zu gefährlichen Tieren lieber Sicherheitsabstand. In den Dschungel gehen wir zum Beispiel nur mit einheimischen Guides – die sehen eine Schlange schon meilenweit gegen den Wind, während wir noch ahnungslos durchs Gebüsch stolpern.

Aber manchmal halten die wilden Tiere eben keinen Abstand, sondern kommen direkt zu uns an Bord. Als wir gerade von Kolumbien nach Panama rübergekommen waren und in einer gottverlassenen Bucht vor Anker lagen, hatten wir plötzlich einen blinden Passagier auf der Vision. In einem kleinen Staufach ganz vorne am Bug hockte ein Wesen, das aussah wie eine Kreuzung aus Katze, Lemur und Affe. Wir hatten keine Ahnung, was das war.

Wir waren auch ehrlich gesagt nicht mutig genug, das Vieh einfach anzupacken und an Land zu bringen. Also sind wir mit dem Dinghy zu zwei Pfahlhütten rübergerudert, wo ein paar Guna-Indianer lebten, und haben sie um Hilfe gebeten. Die verstanden zwar kaum ein Wort, aber für ein paar Kekse und eine Cola waren sie dabei.

Doch stell dir meine Augen vor, als die Indianer plötzlich völlig panisch vom Staufach zurückwichen und laut „Diablo!“ schrien. Unser flauschiger Gast dachte nämlich gar nicht daran, das Schiff kampflos zu räumen. Er schoss aus seinem Versteck, fauchte uns an und fuhr die Krallen aus. Er baute sich auf den Hinterbeinen an der Reling auf und machte sich so groß er konnte – ein richtiges kleines Monster.

Ich weiß nicht, was wir gemacht hätten, wenn er uns angegriffen hätte. Aber zum Glück hat er seine Siegchancen wohl nicht so hoch eingeschätzt und ist mit einem Satz über Bord gesprungen. Wir haben dann noch eine halbe Stunde lang mit weichen Knien beobachtet, wie seine Augen im Dunkeln im Wasser leuchteten, bis er endlich im Gebüsch verschwand.

Das Beste kommt aber noch: Hinterher haben wir herausgefunden, dass unser „gefährliches Biest“ ein Wickelbär war. Ein kleiner Verwandter des Waschbären, der sich fast nur von Honig und Obst ernährt. Aber ich sag dir: In dieser Nacht sah er alles andere als süß aus!

Ein Wickelbär (Kinkajou), ein nachtaktiver Bewohner der mittelamerikanischen Regenwälder. Mit einer bis zu 20 Zentimeter langen Zunge und einem kräftigen Greifschwanz bewegt er sich lautlos durch die Baumkronen und ernährt sich vor allem von Früchten, Nektar und Honig. Für Menschen ist er in der Regel nicht gefährlich, doch fühlt er sich bedroht, kann er mit scharfen Krallen und kräftigen Bissen überraschend wehrhaft reagieren.

Alles auf eine Karte

Healthy Lady: Wie kam es zu der Idee, ein so ungewöhnliches Leben zu führen und das sichere Leben an Land gegen ein Leben auf dem Meer einzutauschen? Was habt ihr in Europa außer euren Familien zurückgelassen?

Paweł: Die Idee kam ganz unerwartet bei einem Firmenevent. Ich war für ein Wochenende auf den Masuren segeln und mir wurde wieder bewusst, wie viel Freude das Segeln macht. Ich begann mich zu fragen, ob wir uns vielleicht ein eigenes Boot leisten könnten. Auf der Suche nach Antworten stieß ich auf YouTube-Kanäle von Menschen, die dauerhaft auf ihren Booten leben und ihr Leben auf See dokumentieren. Das war ein echter Wendepunkt.
Bis dahin wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass man auf einem Segelboot auch wirklich dauerhaft wohnen kann. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich alles über das Segeln und die Reparatur von Yachten lernen musste. Und natürlich musste ich Aga davon überzeugen, unser ganzes Leben umzukrempeln. Irgendwie war ich mir sicher, dass das funktionieren würde.

Die nächsten Jahre verbrachten wir damit, unseren Plan immer weiter auszuarbeiten. Im Mai 2022 fanden wir schließlich die Vision. Eigentlich hatten wir nie vor, ein Boot außerhalb Europas zu kaufen, schon gar nicht in Kolumbien. Aber manchmal entscheidet das Leben selbst über den Kurs. Die Idee, schrittweise auf ein Boot zu ziehen und gleichzeitig weiter zu arbeiten, war damit vom Tisch. Wir setzten alles auf eine Karte. Wir kündigten unsere Jobs, verkauften unser Auto, packten unser Leben in vier Koffer und flogen im November nach Südamerika, ohne Rückflugticket. Ein kleiner Vorteil war, dass wir schon einige Jahre zuvor Polen verlassen hatten und inzwischen in Frankreich lebten. Die Distanz zu Familie und Freunden kannten wir also bereits. Wir führten dort ein komfortables Leben und arbeiteten beide in Managementpositionen. Gerade deshalb war die Entscheidung, alles hinter uns zu lassen, für unser Umfeld wohl der größte Schock.


Healthy Lady: Wie plant man überhaupt eine solche Auswanderung? Wo fängt man an, wenn man sein bisheriges Leben hinter sich lassen möchte?

Paweł: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht mit Geld beginnt. Segeln und um die Welt reisen klingt natürlich sehr romantisch, aber ohne die nötigen finanziellen Mittel wäre das alles nicht möglich. Einen Segelboot zu besitzen und zu betreiben ist teuer. Wir scherzen oft mit Freunden darüber, dass es völlig egal ist, wie viel Geld man für ein Boot einplant. Am Ende gibt man sowieso alles aus, was man hat.

Unsere Vorbereitung begann mit viel Recherche. Wir wollten genau wissen, wie viel das Leben in den Ländern kostet, die wir besuchen wollten, und welche Ausgaben beim Unterhalt eines Segelboots auf uns zukommen würden. Dann haben wir das auf unsere Arbeitszeit umgerechnet und festgestellt, dass wir in zwei bis drei Jahren genug Geld sparen könnten, um etwa zwei Jahre auf Reisen zu leben. Danach mussten wir unseren Plan nur noch konsequent umsetzen. In dieser Zeit nahmen wir an mehreren Segeltörns in warmen Gewässern teil und machten unseren Segelschein in Kroatien. Als wir schließlich das Gefühl hatten, zumindest ein bisschen Erfahrung gesammelt zu haben, kauften wir die Vision. Unser erster Törn allein brachte uns allerdings schnell wieder auf den Boden der Tatsachen. Wir mussten ihn abbrechen und in den Hafen zurückkehren. Da wurde uns klar, dass uns noch eine Menge Erfahrung fehlte.


Healthy Lady: Wie sah der Tag aus, an dem ihr Europa endgültig verlassen habt? Gab es Menschen, die versucht haben, euch von diesem Schritt abzuhalten? Wie haben eure Familien auf diesen „verrückten“ Plan reagiert, auf einem Boot in Südamerika zu leben?

Aga: Paweł hat seiner Familie von Anfang an von dieser Idee erzählt. Natürlich waren sie zunächst skeptisch, aber wir wussten immer, dass wir auf ihre Unterstützung zählen können. Ich selbst habe meinen Eltern von unserem verrückten Plan erst einen Tag vor unserem Flug erzählt, als wir nach Kolumbien reisen wollten, um uns eine Yacht anzusehen. Erst wenn sie dieses Interview lesen, werden sie erfahren, dass unsere ganze Geschichte eigentlich schon zwei Jahre früher begonnen hat. Zu meiner großen Überraschung hat jedoch niemand versucht, uns von unserer Entscheidung abzubringen. Natürlich hielten uns alle ein bisschen für verrückt, aber gleichzeitig haben sie uns sehr dabei unterstützt, diesen Traum zu verwirklichen.

Der Tag unserer Abreise verlief allerdings ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Eigentlich sollte mein Vater mit uns nach Kolumbien fliegen, um uns sowohl technisch als auch moralisch zu unterstützen. Doch drei Wochen vor dem Abflug erlitt er einen Schlaganfall und musste ins Krankenhaus. Eine Körperseite war gelähmt. Von einem Tag auf den anderen bat ich meinen Chef um die Möglichkeit, vorübergehend aus Polen zu arbeiten. Die letzten Wochen in Europa verbrachte ich daher bei meinem Vater auf der neurologischen Station. Währenddessen regelte Paweł noch die letzten Dinge in Frankreich und packte all unser Hab und Gut in unseren Opel. Als wir schließlich in Polen ankamen, blieb kaum Zeit. Wir packten nur noch unsere Sachen um und verabschiedeten uns von der Familie. Bis zum letzten Moment wusste ich nicht, ob ich wirklich fliegen oder den Flug verschieben sollte. Es war keine leichte Entscheidung, und ich habe noch lange danach mit ihr gerungen.

In Frankreich kündigten die beiden Polen ihre Managerkarrieren und tauschten Büro, Termine und Großstadt gegen ein selbstbestimmtes Leben auf See. (Foto: Aga & Pawel)

Ein Zuhause, das man sich selbst bauen musste

Healthy Lady: Wie habt ihr eure Yacht gefunden? War es Liebe auf den ersten Blick? Was habt ihr gedacht, als ihr sie zum ersten Mal gesehen habt? Wusstet ihr sofort, dass sie einmal euer Zuhause sein würde?

Aga: Unter Seglern gibt es ein bekanntes Sprichwort. Ein Bootseigner lächelt nur zweimal. Das erste Mal, wenn er das Boot kauft, und das zweite Mal, wenn er es verkauft. Wir hörten diesen Satz zum ersten Mal von anderen Seglern, denen wir voller Begeisterung erzählten, dass wir eine wirklich tolle Yacht gefunden hatten, die angeblich nicht viel Arbeit brauchen würde. Schon nach den ersten Tagen in der Werft verstanden wir, was sie damit meinten. Am Anfang waren wir aber einfach voller Begeisterung.

Die Vision entdeckten wir schließlich in einer Facebook-Gruppe. Zuerst waren wir eher zurückhaltend, vor allem wegen der großen Entfernung. Am Ende überzeugte uns jedoch, dass die Yacht viele Punkte auf unserer Wunschliste erfüllte und der Besitzer bereit war, über den Preis zu verhandeln. Relativ spontan entschieden wir uns, nach Kolumbien zu fliegen, um sie uns anzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass genau diese Yacht unser neues Zuhause werden könnte. Wie wichtig mir das war, wurde mir erst richtig bewusst, als bei der technischen Inspektion in der Werft plötzlich mehrere Mängel auftauchten, von denen wir vorher nichts gewusst hatten. Plötzlich stand der Kauf der Vision wieder auf der Kippe.


Healthy Lady: Ihr habt die Vision selbst renoviert und wieder instand gesetzt. Was war dabei am schwierigsten? Wann hattet ihr das Gefühl, dass sie wirklich euer Zuhause geworden ist?

Paweł: Wir hatten erwartet, dass es mit einem Boot ähnlich ist wie mit einem Auto oder einer Hausrenovierung. Man findet überall Fachleute, die die Arbeit übernehmen. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. In diesem Teil der Welt ist die Arbeitskultur kaum mit der in Europa zu vergleichen. Niemand hat es eilig und nur selten fühlt sich jemand wirklich verantwortlich. Das war für uns schwer zu akzeptieren, vor allem weil es um unser gesamtes Hab und Gut ging. Schritt für Schritt begann ich deshalb, jedes System an Bord selbst zu verstehen. Ich reparierte jede Störung selbst und plante gleichzeitig weitere Verbesserungen. Am einfachsten waren für mich die Arbeiten an der Elektrik, weil ich in diesem Bereich studiert habe. Am schwierigsten bleiben bis heute Reparaturen am Dieselmotor.

Zum Glück haben wir auf unserem Weg viele großartige Menschen kennengelernt, die ihr Wissen mit uns geteilt und uns immer wieder geholfen haben. Auch dank dieser anderen Segler fühlten wir irgendwann, dass dies nun unser Platz auf der Welt ist. Ein Leben in einer so engen Gemeinschaft hatten wir zuvor noch nie erlebt. Wenn jemand ein Problem hat, lassen hier alle anderen alles stehen und liegen und helfen. So ist mit der Zeit unsere große Cruisers Familie entstanden.

Paweł bei Wartungsarbeiten am Rumpf der „Vision“. Auf Langfahrt gibt es keinen Pannendienst. Reparaturen und technische Instandhaltung müssen selbst übernommen werden, oft fernab jeder Infrastruktur. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Gab es Momente des Zweifelns? Zeiten, in denen ihr eure Entscheidung bereut habt?

Aga: Natürlich. Am Anfang gab es kaum eine Woche, in der ich mich nicht gefragt habe, was uns eigentlich geritten hat. Ständige Reparaturen, immer neue Baustellen, wechselndes Wetter und Probleme mit Behörden. So hatten wir uns unsere Reise nicht vorgestellt. Nach ein paar Monaten wurde es langsam besser. Trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem die Vision sogar auf einer Verkaufsplattform landete. Heute wissen wir, dass fast alle Cruiser diese Phase erleben. Ganz egal, wie gut sie sich auf dieses Leben vorbereitet haben.


San Blas – dort, wo die Zeit stehen geblieben ist

Healthy Lady: Warum gerade San Blas? Was ist an diesem Ort so besonders? Wie sind die Menschen, die dort leben? Wie sieht das Leben unter den indigenen Bewohnern, den Guna-Indianern, aus?

Paweł: Wir sind eigentlich eher zufällig hier gelandet. Wie die meisten Europäer hatten wir zuvor noch nie von diesem Archipel gehört. Ursprünglich wollten wir zu den Bahamas und weiter in die östliche Karibik segeln. Als wir jedoch bereit waren, Kolumbien zu verlassen, war es bereits zu spät, um noch in diese Richtung aufzubrechen.

In der Gegend um Cartagena beginnen im Winter starke Winde zu wehen, die das Segeln sehr schwierig machen. Andere Segler rieten uns deshalb, die Richtung zu ändern und mit den Wellen nach Panama zu segeln. Zuerst landeten wir in einer Bucht an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama. Das Festland ist von dichtem Dschungel bedeckt, durch den sich Migranten ihren Weg bahnen, die versuchen, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Die meisten Inseln sind unbewohnt. Nur auf einigen wenigen haben die indigenen Bewohner ihre Dörfer gebaut. In den drei Wochen, die wir dort verbrachten, sahen wir nur eine einzige Yacht. Kein Wunder also, dass wir überall, wo wir auftauchten, großes Interesse bei den Einheimischen auslösten.

Ganz ungeplant nahmen wir in einem der größten traditionellen Dörfer an den Feierlichkeiten zum 98. Jahrestag der Revolution in Guna Yala teil. Wir sahen eine Nachstellung der Kämpfe mit der panamaischen Polizei, hörten Musik auf Instrumenten, die an Panflöten erinnerten, und beobachteten Frauen der Guna, die im Rhythmus dieser Musik tanzten. Als das Programm schließlich den Punkt erreichte, an dem überall selbst gebrannter Alkohol ausgeschenkt wurde, beschlossen wir, dass es Zeit war, zu unserer Vision zurückzukehren. Danach segelten wir weiter nach Westen entlang der Küste und erreichten schließlich die Bucht von San Blas, also den bekanntesten Teil von Guna Yala. Vor uns lag kristallklares Wasser, weite Korallenriffe und noch mehr unbewohnte Inseln. Wieder einmal hatte das Schicksal unseren Kurs bestimmt. Dieses Mal waren wir ihm dafür jedoch sehr dankbar. Es ist ein einzigartiger Ort und wir empfinden es als großes Privileg, ihn noch erleben zu dürfen, bevor er eines Tages vielleicht im Meer verschwindet.

Frauen der Guna-Gemeinschaft in Guna Yala (Panama) mit handgefertigten Molas – kunstvolle Stoffapplikationen, die Teil ihrer traditionellen Tracht und zugleich eine wichtige Einkommensquelle sind. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Wie würdet ihr die Natur dort beschreiben? Die Tiere, das Meer und den Rhythmus des Lebens? Und worin unterscheidet sich das Leben in Südamerika von dem in Europa?

Aga: Im Alltag begegnen wir vor allem der Meeresfauna. An fast jedem Korallenriff sieht man bunte Fische, schlafende Haie und Langusten, die sich unter Steinen verstecken. Im flachen Wasser rund um die Inseln liegen oft orangefarbene Seesterne und verschiedene Arten von Rochen. Bei ihnen muss man besonders vorsichtig sein, damit man nicht versehentlich auf einen tritt. Das kann sehr schmerzhaft enden. Manchmal begleiten uns auch Delfine, die auf der Bugwelle des Bootes surfen, und Meeresschildkröten, die auf den Unterwasserwiesen grasen. Im Dschungel kann man mit etwas Glück Vögel, Affen, Faultiere und sogar Krokodile entdecken.

Vor allem wegen dieser Natur unterscheidet sich das Leben in Mittelamerika stark von dem in Europa. Hier hängt vieles vom Wetter und von den Jahreszeiten ab. Wenn die Regenzeit beginnt, weiß man zum Beispiel, dass viele Straßen unpassierbar werden können. Viele Menschen leben unter einfachen Bedingungen und haben nur wenige Perspektiven auf Veränderung. Trotzdem sind sie sehr offen und hilfsbereit. In den kleineren Orten kennt man sich meist untereinander und begegnet sich mit großer Herzlichkeit.


Healthy Lady: Und wie schmeckt das Paradies? Was isst man auf den Inseln und was sollte man unbedingt probieren?

Paweł: Auf den Tellern in San Blas steht ganz klar die Languste im Mittelpunkt. Das ist ein großer Krebs, der dem Hummer ähnelt. Außerdem werden viele verschiedene Fische, Krabben und Meeresschnecken gegessen. Eine Beilage, die man unbedingt probieren sollte, sind Patacones, also frittierte Kochbananen, sowie Kokosreis.

Wir empfehlen jedem auch frisches Kokoswasser direkt aus der Nuss zu trinken und das weiche Fruchtfleisch zu essen. Wusstest du, dass eine einzige Kokosnuss mehr als tausend Kalorien haben kann. Sie kann problemlos eine ganze Mahlzeit ersetzen. Etwas, das wir selbst noch nicht probiert haben, ist Krokodilfleisch. Wir wissen, dass einige ältere Mitglieder der Guna es noch zubereiten, doch heute gehört es nicht mehr zum alltäglichen Essen.


Healthy Lady: Lateinamerika gilt oft als gefährlich. Wie erlebt ihr das selbst? Fühlt ihr euch dort sicher? Gibt es Orte, die man besser meiden sollte?

Aga: Während unserer Reise waren wir in Ländern, die häufig als besonders gefährlich gelten. Dazu gehören El Salvador, Panama, Mexiko und Kolumbien. Wir kennen zwar keine genauen Statistiken zur Kriminalität, aber in den drei Jahren unserer Reise haben wir keine einzige unangenehme Situation erlebt.

Natürlich sollte man immer gesunden Menschenverstand handeln und zum Beispiel Orte meiden, an denen mit illegalen Substanzen gehandelt wird. Die meisten Einheimischen wissen auch sehr gut, dass es ihrer Gemeinde finanziell schaden würde, wenn Touristen Probleme bekommen. Deshalb werden Besucher in der Regel respektvoll behandelt.


Healthy Lady: Viele Menschen glauben, Piraten gäbe es nur noch in Geschichten. Wie sieht die Realität heute aus? Seid ihr auf euren Reisen schon einmal auf Piraterie gestoßen?

Paweł: Leider ja. Es gibt sogar Onlinekarten, auf denen verschiedene Zwischenfälle auf See eingetragen werden. In unserer Region muss man besonders an der Karibikküste von Nicaragua vorsichtig sein. Wir haben Geschichten über Fischerboote gehört, die dort Segelboote verfolgen. Die beste Möglichkeit, sich davor zu schützen, ist außerhalb ihrer Reichweite zu segeln. Diese Boote haben keine Segel und können sich nur so weit vom Ufer entfernen, wie ihr Treibstoff reicht. Überraschend viele Zwischenfälle werden übrigens auch aus Thailand gemeldet. Man muss allerdings bedenken, dass als Piraterie jede unerlaubte Annäherung oder jedes Eindringen in ein Boot gilt. Dazu gehören auch Diebstähle von Booten, die in Marinas liegen.

Wir selbst gerieten vor etwa zwei Jahren in eine merkwürdige Situation in der Nähe von Nicaragua, allerdings auf der Pazifikseite. Ein großes Fischerboot näherte sich nachts gefährlich dicht dem Boot eines Freundes, blendete ihn mit starken Lichtern und reagierte nicht auf Funkrufe. Als wir etwas Abstand gewinnen konnten, schalteten wir alle Lichter aus und änderten unseren Kurs, damit sie uns in der Dunkelheit nicht mehr finden konnten. Bis heute wissen wir nicht, was ihre Absicht war, aber sie verfolgten uns fast eine Stunde lang.


Eine Einladung ins Paradies

An Bord der „Vision“ kocht Aga für ihre Gäste selbst. Auf den Tisch kommen frische, gesunde Gerichte mit tropischen Früchten aus San Blas und Fisch aus dem karibischen Meer. (Foto: Pawel)

Healthy Lady: Wann kam euch die Idee, euren Traum mit anderen zu teilen und Segelreisen für Gäste anzubieten?

Aga: Der Gedanke war eigentlich von Anfang an irgendwo im Hinterkopf. Trotzdem wollten wir zuerst selbst entdecken, was diese Region alles zu bieten hat, bevor wir die ersten Gäste einladen. Irgendwann standen wir vor einer Entscheidung. Segeln wir mit unseren Freunden weiter nach Französisch-Polynesien, bleiben wir in Mexiko oder kehren wir nach Panama zurück. Wir hatten nicht das Gefühl, dass der richtige Moment für die Überquerung des Ozeans schon gekommen war. Nach mehr als einem Jahr im Land der Tacos brauchten wir außerdem eine Veränderung. Also beschlossen wir, an einen der schönsten Orte der Welt zurückzukehren, nach San Blas, und dieses Abenteuer mit anderen Menschen zu teilen.


Healthy Lady: Was erwartet die Gäste während eines solchen Segeltörns?

Aga: San Blas besteht aus 365 palmengesäumten Inseln, von denen nur etwa vierzig bewohnt sind. Unsere Gäste erwarten dort weiße Sandstrände, kristallklares Wasser, Korallenriffe, frische Kokosnüsse, dichter Dschungel und die Kultur der indigenen Bewohner dieser Region, des Volkes der Guna. Wir sind überzeugt, dass es keine bessere Art gibt, diesen Ort zu erleben, als auf einer Yacht. In Guna Yala gibt es keine Hotels, keine Straßen und keinen Massentourismus. Unter Segeln können wir Inseln erreichen, die von Tagesausflügen aus Panama City gar nicht angesteuert werden. Obwohl dies einer der letzten unberührten Orte der Welt ist, lässt sich San Blas relativ leicht erreichen. Transportunternehmen holen Besucher morgens direkt von ihrem Hotel in Panama City ab. Anschließend geht es mit einem Schnellboot direkt zu unserer Yacht.

Mit unseren Gästen stehen wir bereits einige Wochen vor Beginn des Törns in Kontakt, um bei den Vorbereitungen zu helfen und Fragen zu beantworten. Am einfachsten erreicht man uns über unsere sozialen Netzwerke auf Instagram und Facebook, über WhatsApp oder über unsere Website sanblas.pl.

Gäste der „Vision“ erleben San Blas vom Wasser aus – mit Stopps in abgelegenen Buchten, Zeit zum Schwimmen und Schnorcheln sowie unmittelbarer Nähe zur Natur. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Wie viel kostet eine Reise mit Sailing La Vision und was ist im Preis enthalten?

Aga: In dieser Saison hängt der Preis für einen Aufenthalt auf der Vision von der gewählten Kabine ab. Ein Platz in der kleineren Kabine mit Etagenbett kostet 1050 US Dollar pro Person. Die größere Kabine mit Doppelbett kostet 1350 US Dollar pro Person. Für Paare, die mehr Ruhe und Privatsphäre wünschen, bieten wir auch private Törns für 1750 US Dollar pro Person an. Im Preis enthalten sind zehn Übernachtungen in der gewählten Kabine mit Zugang zu einem privaten Bad, Frühstück, die Betreuung durch den Kapitän, eine Einführung ins Segeln sowie der Service einer Stewardess. Dazu gehören die Versorgung der Yacht mit Lebensmitteln, Kochen und Reinigung.

Außerdem bieten wir auch andere Yachten an, darunter einen geräumigen Katamaran mit glutenfreier Verpflegung. Das ist eine ideale Option für Menschen mit Zöliakie. Alle Törns werden von Personen geführt, die dieses Revier sehr gut kennen. So fühlen sich unsere Gäste sicher und können sicher sein, mit uns die schönsten Orte des karibischen Archipels San Blas zu entdecken. Wir laden alle herzlich ein, noch in dieser Saison mit uns zu segeln. Die Saison dauert bis Mai.


Der Ozean lehrt Demut

Healthy Lady: Was hat euch das Leben auf dem Meer über euch selbst und über die Welt gelehrt?

Paweł: Vor allem Respekt vor den Naturgewalten. Es spielt keine Rolle, wie gut dein Boot ist oder wie erfahren du als Segler bist. Meer und Wind können jederzeit zeigen, wer stärker ist. Wir mussten akzeptieren, dass unser Leben stark vom Wetter abhängt. Das ist eine große Lektion in Demut. Außerdem haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen in ärmeren Teilen der Welt leben. Dadurch haben wir noch mehr verstanden, wie privilegiert wir allein durch die Tatsache sind, in Europa geboren zu sein.

Aga: Und wir haben gelernt, uns wirklich aufeinander zu verlassen. Auf einer Yacht sind wir ein Team, in dem jeder seine Aufgaben hat. Wir müssen beide unseren Teil erfüllen, denn davon hängen unsere Sicherheit und unser gemeinsames Leben an Bord ab.


Healthy Lady: Wie definiert ihr heute Glück nach so vielen Jahren auf dem Ozean? Wie beeinflusst das gemeinsame Leben auf dem Wasser eure Beziehung?

Paweł: Glück bedeutet für mich ein Boot, das in einer schönen, ruhigen Bucht vor Anker liegt, und ein kaltes Bier beim Sonnenuntergang. Dazu kommen unsere Freunde von den anderen Booten, mit denen wir Zeit verbringen können. Nach ein paar Jahren auf dem Meer freuen wir uns vor allem über die kleinen Dinge. Manchmal reicht schon der Gedanke, dass auf dem Boot gerade nichts kaputtgegangen ist.

Das Projekt Yacht ist auch ein großer Test für eine Beziehung. Alles, was auf einem Boot passieren kann, wird früher oder später auch passieren. Darauf waren wir am Anfang nicht vorbereitet. Die vielen Reparaturen, Pannen und Planänderungen haben uns oft überfordert. Es gab niemanden um uns herum, der uns helfen konnte. Meist waren nur wir beide da, und manchmal kam dabei auch viel Frust zum Vorschein. Nach drei Jahren können wir aber sagen, dass wir diese Prüfung bestanden haben. Schließlich sind wir immer noch zusammen.

San Blas vor der Küste Panamas umfasst rund 365 Koralleninseln, von denen nur etwa 40 bewohnt sind. Viele ragen nur wenige Meter über den Meeresspiegel hinaus – ein fragiles Ökosystem im Herzen der Karibik. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Viele Menschen sprechen von einer besonderen Energie an bestimmten Orten der Welt, zum Beispiel in Mexiko oder Thailand. Spürt ihr so etwas auch auf dem Meer in San Blas? Wenn ja, wie würdet ihr diese Energie beschreiben?

Aga: Menschen, die schon einmal weit draußen auf dem Meer gesegelt sind, werden verstehen, was ich meine. Alle anderen können es sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen. Im Ozean liegt etwas Magisches. In den Sonnenuntergängen, im offenen Wasser und darin, dass am Horizont kein Land zu sehen ist.

Ich selbst bin eigentlich weder besonders romantisch noch eine leidenschaftliche Seglerin. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich manchmal sogar das Segeln weit draußen auf dem offenen Meer vermisse. Früher konnte ich nicht verstehen, wie Menschen mehrere Tage ohne Pause unterwegs sein können, ohne sich zu langweilen. Mit der Zeit habe ich selbst erlebt, dass man stundenlang auf das Meer schauen kann, ohne dass es langweilig wird. Die Zeit vergeht dort einfach ganz anders.


Healthy Lady: Wohin möchtet ihr mit eurer Vision noch segeln?

Paweł: Oh, wir haben noch viele Pläne und Träume. Auf jeden Fall möchten wir irgendwann die Bahamas und den östlichen Teil der Karibik nachholen, den wir bisher auslassen mussten. Aga träumt davon, die Vision einmal unter der Freiheitsstatue in New York vor Anker zu legen. Und ich würde gerne argentinischen Wein dort trinken, wo er hergestellt wird. Zu unseren größeren Fernzielen gehören außerdem Patagonien, Französisch-Polynesien und irgendwann auch wieder Europa. Wie man sieht, liegen all diese Orte in völlig unterschiedlichen Richtungen, deshalb müssen wir wohl irgendwann Prioritäten setzen. Im Moment haben wir es aber nicht eilig und genießen einfach unser Leben in San Blas.


Healthy Lady: Wenn ihr heute zurückblickt, was würdet ihr eurem früheren Ich sagen, bevor ihr euch auf diese Reise gewagt habt?

Aga: Es wird ganz anders sein, als ihr es euch vorgestellt habt, aber es wird sich trotzdem lohnen. Es wartet viel Arbeit auf euch und auch viele Momente des Zweifelns, doch gemeinsam werdet ihr alles schaffen. Die Welt ist wunderschön. Man muss nur lernen, die eigenen Pläne manchmal loszulassen und sich auf das einzulassen, was das Leben bringt.

Zwischen Ankerplatz und Horizont: Aga und Paweł haben ein Leben gefunden, das nicht auf Karriere, sondern auf Freiheit baut. (Foto: Aga & Pawel)

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Waldbaden – mehr als nur ein Spaziergang: Wie du mit allen Sinnen in die Natur eintauchst

Hast du dieses Gefühl schon einmal erlebt? Du trittst in den Wald, und plötzlich ist alles anders. Die Bäume um dich herum wirken wie eine schützende Mauer. Die Luft wird kühler, sie riecht nach Erde, nach Moos, nach Nadelbäumen. Vögel singen, irgendwo knackt ein Ast, Blätter rascheln im Wind. Auf einmal hörst du, dass der Wald lebt. Dein Atem wird tiefer. Der Kopf wird ruhiger. Deine Anspannung verschwindet, wie durch ein Zauber. Viele Menschen kennen genau diesen Moment, ohne zu wissen, dass er einen Namen trägt.

Waldbaden ist in den letzten Jahren zu einem festen Begriff geworden. Auf Social Media berichten unzählige Menschen von tiefer Ruhe, innerer Klarheit und einem Gefühl, „endlich wieder bei sich anzukommen“, nachdem sie Zeit im Wald verbracht haben. Doch was steckt wirklich dahinter? Ist Waldbaden einfach ein schöner Spaziergang oder passiert dabei etwas Tieferes in unserem Körper und unserer Psyche?


Was im Körper geschieht, wenn wir in den Wald eintreten

Schon wenige Minuten im Wald verändern messbar unsere Körperreaktionen. Der Puls sinkt, der Blutdruck reguliert sich, die Atmung wird tiefer. Das Stresshormon Cortisol nimmt ab. Unser Nervensystem schaltet vom Dauer-Alarmmodus in den Ruhemodus.

Besonders bekannt sind die Arbeiten des japanischen Immunologen Prof. Dr. Qing Li. In seiner Studie „Forest Bathing Enhances Human Natural Killer Activity and Expression of Anti-Cancer Proteins“ konnte er zeigen, dass ein mehrstündiger Aufenthalt im Wald die Aktivität unserer natürlichen Killerzellen deutlich steigert – jener Immunzellen, die für die Abwehr von Viren und entarteten Zellen zuständig sind. Dieser Effekt hielt in seinen Untersuchungen sogar mehrere Tage an.

Ein Grund dafür liegt in den sogenannten Terpenen. Bäume sondern diese ätherischen Duftstoffe ab, um sich selbst zu schützen. Wir atmen sie unbewusst ein. Terpene wirken nachweislich entzündungshemmend, stressreduzierend und immunstärkend. Sie sind eine Art stille Medizin des Waldes, unsichtbar, aber wirksam. Hinzu kommt der hohe Sauerstoffgehalt, die gefilterte Luft, das gedämpfte Licht, die Geräusche von Blättern, Wind und Vögeln. All das wirkt auf unsere Sinne wie eine Rückkehr in einen natürlichen Rhythmus, den unser Körper seit Jahrtausenden kennt.


Was Waldbaden von einem Spaziergang unterscheidet

Ein Spaziergang hat meist ein Ziel: frische Luft, Bewegung, vielleicht eine Runde um den See. Man geht, denkt nach, hört Musik, telefoniert, ist „unterwegs“. Waldbaden dagegen kennt kein Tempo und kein Ankommen. Es geht nicht darum, Strecke zu machen, sondern präsent zu sein. Beim Waldbaden verlässt du den Modus des Funktionierens. Du gehst langsamer, manchmal bleibst du minutenlang stehen. Dein Blick schweift nicht nach vorn, sondern in die Tiefe: in Rinden, Blätter, Lichtspiele. Du bist nicht auf dem Weg, du bist da. Der Wald ist nicht Kulisse, sondern Begegnung.

Während ein Spaziergang oft im Kopf stattfindet, bringt Waldbaden dich in den Körper. Es ist eine Einladung, den inneren Lärm leiser werden zu lassen und die Außenwelt wieder wirklich wahrzunehmen. Nicht als Hintergrund, sondern als Erlebnis.


Symbolbild (Foto:Pixabay)

Wie du Waldbaden wirklich erlebst – und dich wie neugeboren fühlst

Beim Waldbaden wird das Tempo radikal verlangsamt. Man geht langsam, bleibt stehen, setzt sich, atmet, hört, riecht, fühlt. Die Aufmerksamkeit wird auf den Moment gelenkt. Auf das Knacken eines Astes. Auf die Struktur der Rinde. Auf das Licht zwischen den Blättern. Auf den eigenen Atem.

Du betrittst den Wald nicht wie einen Park, sondern wie einen Raum, der dich aufnimmt. Atme bewusst ein und aus, spüre den Boden unter deinen Füßen. Geh ein paar Schritte und bleib stehen. Lausche. Nicht nur auf Vögel, sondern auf das, was zwischen den Geräuschen liegt.

Streiche mit der Hand über Baumrinde, über Moos, über feuchte Erde. Spüre die Temperatur, die Struktur, das Leben darin. Beuge dich zu Blättern hinab und rieche an ihnen. Zerreibe eine Nadel zwischen den Fingern und atme den Duft ein. Lass deine Augen über Formen wandern: die Adern eines Blattes, das Spiel von Licht im Geäst, das Grün in all seinen Nuancen.

Setz dich auf einen Baumstumpf oder direkt auf den Boden. Lege die Hand auf deinen Bauch und atme so, dass sich dein Atem dort sammelt. Stell dir vor, dein Körper synchronisiert sich mit dem Rhythmus des Waldes – ruhig, gleichmäßig, ohne Eile. Du kannst barfuß ein paar Schritte gehen, um den Kontakt zur Erde zu spüren. Oder du schließt für einen Moment die Augen und lässt den Wald zu dir kommen.

Beim Waldbaden geht es nicht um Technik, sondern um Hingabe. Du musst nichts „leisten“. Du darfst wahrnehmen, fühlen, still sein. Genau darin liegt die Wirkung: Dein Nervensystem schaltet um. Dein Körper versteht, dass keine Gefahr droht. Dein Geist darf loslassen. Und irgendwann geschieht etwas Tiefes: Du bist nicht mehr Besucher im Wald. Du bist Teil davon.


Warum es nur im Wald funktioniert

Oft wird gefragt, ob man nicht genauso gut am Strand, auf einer Wiese oder im Park „waldbaden“ könne. Natürlich wirkt jede Natur beruhigend. Doch der Wald hat eine besondere Qualität.

Er ist ein geschlossenes Ökosystem. Die Luft ist dichter, feuchter, gefilterter. Die Geräusche sind gedämpft. Die visuelle Reizüberflutung unserer Alltagswelt fällt weg. Unser Blick ruht. Unser Nervensystem bekommt weniger Input und genau das braucht es, um zu regulieren.

Vor allem aber ist es die chemische Umgebung: Die Terpene der Bäume, die wir nur dort in dieser Konzentration einatmen. Studien wie „Physiological Effects of Shinrin-Yoku in a Forest Environment“ zeigen, dass diese Effekte in städtischen Parks oder offenen Landschaften deutlich schwächer sind.


Was Waldbaden mit unserer Psyche macht

Psychologisch wirkt Waldbaden wie ein Reset. Gedanken verlangsamen sich. Grübelschleifen lösen sich. Viele Menschen berichten, dass sie nach einer Waldbaden-Session klarer denken, besser schlafen und emotional stabiler sind. Die Erklärung liegt auch hier im Nervensystem. Im Wald wird der parasympathische Anteil aktiviert, jener Teil, der für Regeneration, Verdauung, Heilung und innere Sicherheit zuständig ist. Der Körper versteht: Es besteht keine Gefahr. Diese Erfahrung ist heute selten. Unser Alltag ist geprägt von Reizen, Terminen, Bildschirmen, Geschwindigkeit. Waldbaden ist das Gegenteil davon. Es ist ein Raum, in dem nichts gefordert wird. Kein Optimieren. Kein Leisten. Nur Sein.


Mehr als ein Trend

Waldbaden ist kein Wellness-Gimmick und kein kurzlebiger Hype. Seine Wurzeln liegen in Japan, wo es seit den 1980er-Jahren als Shinrin Yoku bekannt ist – übersetzt: „Eintauchen in die Waldatmosphäre“. Damals suchte das japanische Gesundheitsministerium nach Wegen, den steigenden Stress- und Burnout-Zahlen in der Bevölkerung zu begegnen. Der Wald wurde dabei nicht romantisiert, sondern als Gesundheitsraum verstanden. Seither wird Waldbaden in Japan wissenschaftlich erforscht, gefördert und sogar ärztlich empfohlen.

Heute ist diese Praxis längst international angekommen. In Südkorea, Skandinavien, den USA und zunehmend auch in Europa gibt es zertifizierte Waldtherapeutinnen und -therapeuten, geführte Waldbaden-Kurse und sogar spezielle „Heilwälder“. In einigen Ländern, etwa in Japan und Südkorea wird Waldbaden bereits in Reha-Programmen eingesetzt, bei Stressfolgestörungen, Bluthochdruck oder Erschöpfung. Auch in Deutschland entstehen immer mehr Kurorte und Waldgebiete, die offiziell als gesundheitsfördernde Räume anerkannt sind.

Die Schulmedizin begegnet dem Thema inzwischen mit wachsendem Interesse. Studien der Nippon Medical School in Tokio unter Leitung von Professor Qing Li zeigen, dass sich nach Aufenthalten im Wald der Stresshormonspiegel senkt, der Blutdruck sinkt und das Immunsystem messbar gestärkt wird. Besonders spannend, die Anzahl und Aktivität der sogenannten natürlichen Killerzellen – wichtige Zellen unserer Immunabwehr, steigt nach Waldbesuchen deutlich an und bleibt teilweise über Wochen erhöht.

Waldbaden wirkt also nicht nur „gefühlt“, sondern messbar. Es verbindet uraltes menschliches Wissen mit moderner Forschung. Unser Körper ist nicht für Beton, Dauerlärm und ständige Reizüberflutung gemacht. Er ist gemacht für Wind, Licht, Gerüche, Erde und lebendige Umgebungen. Der Wald erinnert uns daran.
Und vielleicht liegt genau darin seine größte Kraft. Er verlangt nichts von uns und gibt uns dennoch so viel zurück.



„Meine größte Angst war zu sterben. Dann starben meine Liebsten.“ – Wenn Angst das Leben bestimmt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das, worüber wir heute sprechen, geht tief. Es berührt Themen wie Verlust, Suizid und Angst. Dinge, über die man selten spricht, die aber so viele von uns betreffen. Darum möchte ich euch, die gerade selbst durch Trauer gehen oder mit ähnlichen Gedanken ringen, bitten, diesen Artikel vielleicht ein andermal zu lesen. Allen anderen möchte ich heute eine junge Frau vorstellen, deren Geschichte mich tief berührt.


Wenn Angst den Alltag übernimmt

Es gibt Ängste, über die man spricht und Ängste, die man still mit sich trägt, weil sie so tief in einem wohnen, dass Worte kaum reichen. Janet lebt mit einer solchen Angst. Hypochondrie – so heißt ihre Diagnose. Ein Wort, das viele noch immer falsch verstehen.

Denn Hypochondrie bedeutet nicht, dass man sich „einbildet, krank zu sein“. Es bedeutet, dass die Angst vor Krankheit so real ist, dass sie den Alltag beherrscht. Janet lebt in einem ständigen Alarmzustand.

Wenn andere bei Kopfschmerzen nach einer Tablette greifen, denkt Janet an einen Hirntumor. Wenn ihr Herz kurz stolpert, sieht sie sich schon im Krankenhaus. Und wenn sie im Internet Symptome googelt, was sie oft tut, landet sie nach wenigen Minuten in einem Strudel aus Diagnosen, Bildern und Geschichten, die ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Und obwohl Ärzte immer wieder sagen, sie sei körperlich gesund, bleibt die Angst. Weil sie nicht im Körper sitzt – sondern in der Seele.


Der Mut, hinzusehen

Was mich an Janet am meisten bewegt, ist ihre Offenheit. Sie läuft ihrer Angst nicht davon, sie schaut ihr ins Gesicht. Sie spricht über Dinge, über die viele schweigen würden.

Die dreißigjährige Pflegefachkraft zeigt, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der das Internet jede Unsicherheit verstärkt. In der ein einziger Klick auf Google genügt, um aus einem leisen Zweifel eine Panikwelle werden zu lassen. In dieser ständigen Alarmbereitschaft aufzuwachsen, formt ein ganzes Leben. Und doch steht sie jeden Tag auf. Als alleinerziehende Mutter einer Tochter kämpft sie nicht nur gegen ihre große Angst, sondern vor allem für ein leichteres, freieres Leben ihrer kleinen Familie.

Wir sprechen heute über das Weitermachen, wenn das Leben einem alles nimmt, was Halt gibt.
Durch Janets Hypochondrie war der Tod für sie stets präsent als fürchterliche Angst vor dem eigenen Ende. Doch dann geschah das Unerwartete: Nicht ihr eigenes Leben endete, sondern das der Menschen, die sie am meisten liebte – derer, die ihr Halt gaben und auf einmal fehlten.

In der schlimmsten Phase wurde jedes körperliche Gefühl zur Bedrohung. Stundenlanges Googeln von Symptomen hielt Janet in einem Teufelskreis aus Angst und Selbstzweifel gefangen. (Foto: Janet)

Irgendetwas stimmt doch nicht

Healthy Lady: Ich habe dich in einem YouTube-Interview entdeckt und war sehr beeindruckt davon, wie offen du über deine Hypochondrie gesprochen hast. Ich fragte ich mich nur, ob die Zuschauer wirklich begreifen können, was du durchmachst. Doch dann las ich die Kommentare. Hunderte von Menschen schrieben: „Ich verstehe sie.“ „Mir geht es genauso.“ Laut Studien leidet etwa ein Prozent der Deutschen an Hypochondrie. Wenn man diese Stimmen liest, scheint die Dunkelziffer deutlich höher zu sein. Viele wissen nicht einmal, dass ihre Angst einen Namen hat.

Wie war das bei dir? Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, was mit dir los ist? Hattest du zuvor schon einmal von Hypochondrie gehört?

Janet: Bevor ich meine Diagnose „Hypochondrische Störung“ bekommen habe, hatte ich noch nie etwas von Hypochondrie gehört oder gelesen. Ich wusste aber, dass es Erkrankungen gibt, die sich durch krankhafte Ängste vor Krankheiten auszeichnen. Erst als meine Mutter, Ärzte oder Freunde immer wieder zu mir sagten, dass ich krankhafte Ängste vor Erkrankungen habe, die ich gar nicht habe, fing ich an, mich intensiver damit zu beschäftigen und tauschte mich in Foren mit anderen Betroffenen aus.
Als ich immer wieder die Bestätigung von Ärzten bekam, dass ich nicht an der Krankheit erkrankt bin, von der ich überzeugt war, merkte ich irgendwann, dass etwas an dem dran ist, was mir Ärzte und Angehörige erklärten.

„Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann – ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.“


Veränderung durch die Diagnose

Healthy Lady: Hat die Diagnose etwas in deinem Leben verändert? Hat es dir geholfen zu wissen, dass du körperlich gesund bist? Oder hat das die Angst vielleicht sogar noch verstärkt?

Janet: Die Diagnose hat mir langsam dabei geholfen, mit meinen Ängsten in Bezug auf Krankheiten besser umzugehen.
Trotzdem ging es nicht von heute auf morgen. Es war ein langer Weg.
Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: „Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“ Ich hatte aber immer wieder die Diagnose „Hypochondrie“ im Kopf und versuchte, mich zu beruhigen. Ich erinnerte mich an all meine „Krankheiten“, die sich nie bestätigt hatten.

Ihr größter Halt und der Grund, jeden Tag aufs Neue zu kämpfen: Für ihre kleine Tochter überwindet Janet täglich ihre Grenzen – denn Liebe ist stärker als jede Panikattacke. (Foto: Janet)

Der Auslöser

Healthy Lady: Kannst du dich an den Moment erinnern, als alles begann? Gab es eine Situation, einen Auslöser, der die Krankheit in Gang setzte?

Janet: Ich weiß, dass ich schon immer ein Mensch war, der dazu neigte, schnell vom Schlimmsten auszugehen.
Seit 2012 arbeite ich im Gesundheitsbereich, dort sieht man sehr viel. Vieles, das einen prägt und mitnimmt.
Als eine Bekannte in meinem Alter mit Mitte 20 an Krebs starb, den man bei ihr lange nicht erkannt hatte, wurden meine Ängste immer schlimmer. Jahrelang lebte ich damit und schaffte es, das „Kartenhaus“ nicht zusammenfallen zu lassen.

Dann nahm sich im März 2022 mein Vater das Leben und für mich ging es psychisch steil bergab.
Meine Ängste und Sorgen waren kaum noch tragbar. Ich hatte panische Angst, todkrank zu sein und nicht mehr für meine Tochter da sein zu können. Ich hatte jeden Tag neue Symptome, die mir mein Körper „vorspielte“.
Ich wusste, ich brauchte Hilfe, ich schaffte es nicht mehr, die Ängste allein zu bewältigen.

„Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: ‚Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“


Umgang mit dem Verlust

Healthy Lady: Der Verlust eines Elternteils ist immer schmerzhaft – doch wenn ein Elternteil durch Suizid geht, hinterlässt das oft viele offene Fragen. Wie bist du mit diesem Verlust umgegangen?

Janet: Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann, ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.
Ich bekam Angst vor dem Tod, Angst vor dem plötzlichen Sterben. Ich wollte bei jedem Symptom auf Nummer sicher gehen. Der Verlust war schwer, ich hatte viele offene Fragen. Fragen, die ich nie mehr beantwortet bekommen werde.


Schlimmste Phase der Krankheit

Healthy Lady: Wie hat sich dein Leben in der schlimmsten Phase der Hypochondrie angefühlt?

Janet: Die schlimmste Phase der Hypochondrie war einfach nur schrecklich. Ich hatte jeden Tag neue Symptome – und war überzeugt, dass ich bald sterben müsste. Ich dachte, dass mich niemand ernst nimmt, und war sicher, dass die Ärzte etwas übersehen haben. Ich war fast täglich bei Ärzten und hatte unzählige Untersuchungen.

Die Liste meiner Symptome war lang. Das Schlimmste waren Taubheitsgefühle, Kribbeln in Armen und Beinen, Stiche im Kopf und im Herzbereich. Ich hatte Zuckungen im Gesicht und konnte an manchen Tagen vor Schwindel kaum aufstehen. Zeitweise hatte ich eine Fußhebeschwäche und konnte kaum gehen. Es war eine schlimme Zeit.


Rolle des Internets

Healthy Lady: Welche Rolle hat das Internet in dieser Zeit gespielt?

Janet: Das Internet oder wie man sagt, „Dr. Google“ war Fluch und Segen zugleich.
Auf der einen Seite hat es meine Ängste verstärkt, weil bei jedem Symptom, das ich eingab, gleich eine schwere Krankheit angezeigt wurde. Auf der anderen Seite bin ich auf Foren gestoßen, in denen ich auf Gleichgesinnte traf. Das hat mich oft sehr beruhigt.


Therapie & Hilfen

Healthy Lady: Wie kämpft man gegen Hypochondrie? Was hat dir geholfen, mit deiner Angst umzugehen?

Janet: Gegen Hypochondrie zu kämpfen oder einzusehen, dass dies die eigentliche Krankheit ist, war ein schwerer Prozess. Es hat lange gedauert. Am meisten geholfen haben mir der Austausch mit anderen Betroffenen, das Kennenlernen der Krankheit, Gesprächstherapie und eine medikamentöse Behandlung.

„Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, meine Tochter zu verlieren. Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.“


Umfeld & Verständnis

Healthy Lady: Gab es in deinem Leben Momente, in denen du dich nicht verstanden gefühlt hast?

Janet: Vor allem am Anfang habe ich mich von allen falsch verstanden und nicht ernst genommen gefühlt.
Menschen, die solche Ängste nicht kennen, wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Nur wenige Personen in meinem Umfeld haben mich ernst genommen oder mir geglaubt.
Einige Ärzte, vor allem mein Psychiater und Psychologe haben das Ausmaß erkannt.
Das meiste Verständnis bekam ich von Menschen, die dasselbe erleben. Diese habe ich in einer Klinik kennengelernt. Das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben.


Verlust der Mutter & Rückfall

Healthy Lady: Du hast im vergangenen Jahr erneut einen schweren Verlust erlebt – deine Mutter ist gestorben. Wie ging es dir in dieser Zeit?

Janet: Im April 2024 passierte etwas Schreckliches: Als ich mich gerade wieder etwas stabilisiert hatte, starb meine Mutter. Nur einen Tag nach der Diagnose akute Leukämie. Es war eine sehr seltene Form, „APL“ genannt. Einen Tag nach einer Krebsdiagnose. So etwas hatte ich in all meinen Jahren im Krankenhaus nie erlebt.
Nach kurzer Zeit verschlechterte sich mein psychischer Zustand rapide. Aber ich musste stark bleiben. Ich bin alleinerziehende Mama einer vierjährigen Tochter. Meine Mutter, mein größter Halt, war plötzlich nicht mehr da. Mein ganzes Leben veränderte sich in nur 24 Stunden. Ihr Tod war für mich unfassbar. Gerade weil es so eine seltene Erkrankung war, konnte ich es nicht fassen. Das hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist und meine Ängste und Sorgen wieder stark verschlimmert. Medikamente waren unumgänglich, um nicht völlig abzustürzen.

„Manchmal habe ich sogar Angst, meine Tochter in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.“


Mama sein mit Angst

Janet (30), Pflegefachkraft und alleinerziehende Mutter – dank therapeutischer Unterstützung hat sie heute gelernt, mit ihrer Angst zu leben und ihr Leben Stück für Stück zurückzuerobern. (Foto: Janet)

Healthy Lady: Du bist Mama einer kleinen Tochter. Wie gehst du mit deiner Angst um, wenn es um sie geht?

Janet: Meine Ängste und Sorgen sind, besonders wenn es um meine Tochter geht sehr stark. Jedes Symptom bei ihr, und wenn es nur Husten oder Schnupfen ist, löst in mir große Sorge aus. Ich recherchiere sofort oder gehe direkt zum Arzt, wenn ich beunruhigt bin. Wenn sie krank ist, bin ich sehr angespannt. Manchmal Tag und Nacht.
Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, sie zu verlieren.

Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.
Manchmal habe ich sogar Angst, sie in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.
Natürlich denke ich auch oft daran, was wäre, wenn ich schwer krank wäre, wer dann für sie da wäre.
Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag. Mal mehr, mal weniger.


Die Botschaft

Healthy Lady: Wenn du heute zurückblickst – was hat dir geholfen, nicht völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren?

Janet: Rückblickend kann ich sagen: Meine Tochter ist mein größter Halt und meine Kraft, weiterzumachen und jeden Tag aufzustehen. Allen Betroffenen kann ich nur sagen: Holt euch Hilfe. Hypochondrie ist keine Spinnerei, es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen, denn wir sind viele.

Der Austausch mit anderen Betroffenen war für mich heilsam. Mir helfen außerdem Entspannungsübungen, Spaziergänge und bewusste Pausen ohne Handy. Ich habe mein Umfeld verändert und nur noch Menschen in mein Leben gelassen, die mir guttun, mich ernst nehmen und mir zuhören. Stück für Stück habe ich Lebensfreude zurückgewonnen mit Therapien, Hobbys und kleinen Momenten für mich selbst.
Es geht nicht von heute auf morgen. Es ist Arbeit, ein Prozess, ein Auf und Ab. Jeder in seinem Tempo.

Rückschläge annehmen und das Beste daraus machen. Tag für Tag.
Wer diese Krankheit annehmen kann und sie versteht, kann lernen, mit ihr zu leben.

Hypochondrie ist keine Spinnerei – es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen.“


Hilfe und Unterstützung

Wenn du selbst unter starken Ängsten leidest, dich oft krank fühlst, obwohl Ärzte nichts finden, oder jemanden verloren hast und nicht mehr weiterweißt – du bist nicht allein.
Sprich mit deinem Hausarzt, einer Psychotherapeutin oder wende dich an eine der folgenden Anlaufstellen.

  • Telefonseelsorge (kostenfrei, anonym, rund um die Uhr): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
  • Nummer gegen Kummer (für Kinder, Jugendliche & Eltern): 116 111
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117 (auch bei psychischen Krisen)
  • In akuten Notfällen: Wähle die 112 oder geh in die nächste Notaufnahme.

Auch Online-Angebote können helfen:



„Zu gut für den Job – und trotzdem will mich niemand“ – Der Bewerbungsdschungel am Limit

Viele Bewerberinnen und Bewerber kennen dieses Gefühl. Man investiert Zeit, Mühe und Hoffnung in jede einzelne Bewerbung und erhält trotzdem Absage um Absage. Mit der Zeit beginnen viele, an sich selbst zu zweifeln. Dabei liegt das Problem oft nicht an fehlender Qualifikation, sondern an einem Arbeitsmarkt, der immer komplexer und unübersichtlicher geworden ist.

Ein Blick in soziale Netzwerke zeigt, wie verbreitet diese Erfahrung inzwischen ist. Auf Plattformen wie TikTok berichten tausende Menschen davon, trotz guter Ausbildung und Motivation immer wieder übersehen zu werden. Schnell wird deutlich, das Scheitern bei der Jobsuche ist längst kein individuelles Problem mehr, sondern häufig ein strukturelles.

Genau hier setzt die Recruiting-Expertin und Karriere-Coach Rebecca Santos Costa an. Unter dem Namen „KarriereTok“ begleitet sie auf TikTok und Instagram täglich Menschen auf ihrem Weg zu neuen beruflichen Chancen. Von Berufseinsteiger:innen bis hin zu erfahrenen Fachkräften, die im Bewerbungsprozess nicht mehr wissen, wie sie sichtbar werden können.

Mit ihrem Gespür für moderne Lebensläufe und ihrer praxisnahen, authentischen Art zeigt sie, wie Bewerberinnen und Bewerber ihre Stärken klar positionieren, sich im Bewerbungsprozess besser präsentieren und wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen.


Warum der Arbeitsmarkt heute so gnadenlos ist

Healthy Lady:
Warum ist es heutzutage so schwer, einen guten Job zu bekommen? Woran liegt es, dass selbst sehr kompetente Menschen immer wieder Absagen erhalten?

Rebecca Santos Costa:
Ich glaube, viele unterschätzen, wie komplex der Bewerbungsprozess heute geworden ist. Es reicht nicht mehr, „nur“ qualifiziert zu sein. Der Markt ist übersättigt, die Anforderungen steigen, und gleichzeitig fehlt oft Transparenz: Bewerber:innen wissen gar nicht genau, was Unternehmen wirklich suchen und Unternehmen wissen manchmal selbst nicht, wie sie die passenden Menschen finden. Dazu kommt, dass viele Prozesse automatisiert sind. Eine Bewerbung landet im ersten Schritt oft gar nicht auf einem echten Tisch, sondern wird durch Software vorsortiert. Das heißt: Auch richtig gute Bewerbungen können durchrutschen, wenn sie nicht die „richtigen“ Schlagworte enthalten oder nicht formal exakt zum Prozess passen.

Und dann ist da noch das Thema Mut und Selbstvermarktung. Ich sehe viele Menschen, die unglaublich viel können, aber sich in ihren Unterlagen einfach nicht trauen, es sichtbar zu machen. Sie bleiben zu allgemein, zu vorsichtig, zu „angepasst“. Dabei suchen Unternehmen nicht die perfekte Schablone, sondern jemanden, der wirklich passt. Nur trauen sich viele nicht, wirklich sichtbar zu werden.

„Es gibt den Fall, dass Stellenanzeigen eher ‚strategisch‘ geschaltet werden. Zum Beispiel, um Investoren Aktivität zu zeigen (…).  Sie sind von Anfang an gar nicht ernst gemeint.“


Healthy Lady:
Was erwarten Recruiter wirklich von uns? Es fühlt sich manchmal so an, als würden sie nach dem Gelben vom Ei suchen. Viele Stellenanzeigen bleiben über Jahre online, immer wieder dieselbe Position, immer wieder dieselben Bewerbungen und trotzdem bekommt niemand den Job. Das wirft Fragen auf. Suchen die Unternehmen wirklich? Oder sind manche Anzeigen eher Scheinplätze, um Kandidatenlisten aufzubauen oder die Zahlen gut aussehen zu lassen?

Rebecca Santos Costa:
Ja, das ist eine sehr berechtigte Frage und ehrlich gesagt: Beides kommt vor. Es gibt viele Unternehmen, die ernsthaft und dringend suchen, aber trotzdem keine geeigneten Bewerbungen bekommen, weil entweder die Darstellung in der Stellenanzeige nicht attraktiv oder der interne Auswahlprozess nicht gut aufgesetzt ist. Manche Unternehmen wissen auch gar nicht, wie sie Talente ansprechen sollen oder haben intern nicht die Strukturen, um schnell Entscheidungen zu treffen. Dann hängen Stellen monatelang online, ohne dass etwas passiert.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch den Fall, dass Stellenanzeigen eher „strategisch“ geschaltet werden. Zum Beispiel, um ein Bewerber:innen-Portfolio aufzubauen, um Investoren Aktivität zu zeigen oder weil man grundsätzlich offen für Talente sein möchte auch wenn akut gar kein Bedarf da ist. Das ist für Bewerber:innen extrem frustrierend, weil sie dann Zeit und Energie in etwas stecken, das von Anfang an gar nicht ernst gemeint war. Recruiter wünschen sich im Kern keine „perfekten“ Menschen, sondern Bewerber:innen, die eine konkrete Lösung für ein Problem im Unternehmen sind – also jemanden, der fachlich, menschlich und vom Mindset her zu dem passt, was das Unternehmen gerade wirklich braucht. Je klarer man das als Bewerber:in zeigen kann, desto besser.

Rebecca Santos Costa, bekannt als „KarriereTok“, erreicht mit ihren Inhalten hunderttausende Menschen auf TikTok und unterstützt sie auf dem Weg zu neuen beruflichen Chancen. (Foto: Rebecca Santos Costa)

Der Lebenslauf 2026

Healthy Lady: Wie sieht für dich ein moderner Lebenslauf im Jahr 2026 aus? Worauf sollte man unbedingt achten, wenn man herausstechen möchte?

Rebecca Santos Costa: Ein moderner Lebenslauf 2026 ist klar, übersichtlich und auf den Punkt. Das Wichtigste: Er muss innerhalb von wenigen Sekunden erfassbar sein. Recruiter*innen scannen Lebensläufe oft in unter einer Minute, da bleibt keine Zeit für langatmige Texte oder kreative Spielereien. Was zählt, ist Struktur, Klarheit und Relevanz. Das heißt: Aktuelle Berufserfahrung und Aufgabenbereiche gehören ganz nach oben, nicht irgendwo unter den Schulabschluss von 2007. Besonders wichtig sind konkrete Erfolge, messbare Ergebnisse oder Verantwortlichkeiten, also nicht nur „Vertrieb“, sondern z. B. „Umsatzsteigerung von 20 % durch Neukundenakquise im B2B-Bereich“.

Außerdem sollte der Lebenslauf zum Job passen: Wer sich im Marketing bewirbt, darf gestalterisch mutiger sein bei einer Position im Controlling zählt eher Seriosität und Struktur. Und: Soft Skills gehören nicht einfach als Liste unter „Stärken“, sondern sollten sich aus den Stationen und Aufgaben ergeben. Und ganz klar: Lücken sind nicht automatisch ein Problem – solange man sie ehrlich und strategisch einordnet. Lieber ein kurzer Satz zur beruflichen Orientierung, Familienzeit oder Krankheit als eine „Lücke“, die Fragen offenlässt. Transparenz und Haltung kommen besser an als Versteckspiel.

„Eine Bewerbung landet im ersten Schritt oft gar nicht auf einem echten Tisch, sondern wird durch Software vorsortiert. Das heißt: Auch richtig gute Bewerbungen können durchrutschen, wenn sie nicht die ‚richtigen‘ Schlagworte enthalten.“


Healthy Lady: Viele Bewerberinnen und Bewerber fühlen sich unsicher, wie viel von der eigenen Persönlichkeit sie im Lebenslauf oder in der Bewerbung zeigen sollten. Auf deinem Profil habe ich Kommentare gelesen, in denen empfohlen wird, bei jungen Frauen das Geburtsdatum oder das Bild wegzulassen. Warum ist das sinnvoll und was würdest du raten?

Rebecca Santos Costa: Wir leben leider nicht in einer völlig diskriminierungsfreien Arbeitswelt. Auch wenn es offiziell nicht erlaubt ist, spielen Alter, Geschlecht, Herkunft oder Aussehen in manchen Auswahlprozessen immer noch eine Rolle. Bewusst oder unbewusst. Genau deshalb empfehle ich manchmal: Lass das Bewerbungsfoto weg, ebenso das Geburtsdatum. Vor allem, wenn du sehr jung oder sehr erfahren bist und genau das zu Vorurteilen führen könnte. Das ist kein Verstecken, sondern eine strategische Entscheidung: Ich gebe nur so viel von mir preis, wie nötig ist und setze den Fokus ganz bewusst auf meine Qualifikation. Denn am Ende zählen nicht Haarfarbe oder Jahrgang, sondern Kompetenz und Persönlichkeit.

Wer dennoch ein Foto einfügen möchte, sollte es professionell halten und selbstbewusst auftreten – kein Passbild, sondern ein sympathisches Porträt, das zur angestrebten Position passt. Wichtig ist: Du entscheidest, was du zeigen willst – nicht die Konventionen von früher.


Healthy Lady: Gibt es Unterschiede in männlichen und weiblichen Bewerbungen?

Rebecca Santos Costa: Ja, die gibt es tatsächlich – sowohl in der Art, wie Bewerbungen geschrieben werden, als auch in der Wirkung auf Personaler. Frauen neigen oft dazu, sich zurückhaltender zu präsentieren. Sie formulieren vorsichtiger, betonen Teamfähigkeit und Lernbereitschaft, während Männer tendenziell selbstbewusster auftreten und ihre Erfolge klarer herausstellen. Das ist natürlich nicht bei allen so – aber diese Tendenzen sehe ich immer wieder. Ein weiterer Unterschied liegt in der Selbsteinschätzung: Männer bewerben sich oft schon, wenn sie etwa 60 % der Anforderungen erfüllen. Viele Frauen hingegen glauben, sie müssten 100 % abdecken, bevor sie sich überhaupt trauen, sich zu bewerben. Dadurch verpassen sie Chancen, obwohl sie inhaltlich locker mithalten könnten.

Mein Tipp: Unabhängig vom Geschlecht – trau dich, deine Stärken klar zu benennen. Nimm Raum ein, sei konkret und zeig, was du kannst. Der Lebenslauf ist kein Ort für falsche Bescheidenheit – sondern dein persönlicher Pitch.

„Männer bewerben sich oft schon, wenn sie etwa 60 % der Anforderungen erfüllen. Viele Frauen hingegen glauben, sie müssten 100 % abdecken, bevor sie sich überhaupt trauen.“


Mit Rückschlägen umgehen und sich nicht verlieren

Healthy Lady: Wenn jemand viele Absagen erhalten hat – wie gewinnt man neuen Mut? Wie kann man mit Rückschlägen umgehen, ohne das Selbstvertrauen zu verlieren?

Rebecca Santos Costa: Absagen fühlen sich immer persönlich an – gerade, wenn man sich viel Mühe gibt. Doch in den meisten Fällen sagen Absagen nichts über den eigenen Wert aus. Sie entstehen durch interne Umstrukturierungen, Budgetfragen, zu viele Bewerbungen oder unklare Prozesse – das hat oft wenig mit deiner Qualifikation zu tun.

Was hilft: Abstand gewinnen und den Fokus neu ausrichten. Statt nur zu fragen „Warum habe ich den Job nicht bekommen?“, lohnt sich die Frage: „Was will ich wirklich – und wie will ich wirken?“ Es kann hilfreich sein, sich Feedback zu holen, den Lebenslauf noch einmal kritisch zu prüfen oder sich auf Stellen zu konzentrieren, die wirklich zur eigenen Persönlichkeit passen. Ich sage immer: Eine Absage ist kein Stopp – sie ist ein Hinweis. Und manchmal ist sie sogar ein Schutz davor, in einem Job zu landen, der gar nicht zu dir passt.

Was Mut macht: Erfolgsgeschichten von anderen. Deshalb teile ich auf meinen Kanälen auch echte Erfahrungen und positive Wendepunkte – damit man sieht: Es geht. Und du bist nicht allein.


Sichtbar oder privat? Die Rolle von Social Media

Healthy Lady: Social Media ist heute ein Teil der Außendarstellung. Sollte man seine Profile aktiv nutzen, um sich positiv zu präsentieren, oder ist es besser, alles privat zu halten?

Rebecca Santos Costa: Das kommt ganz darauf an, wohin du beruflich willst. Wer im kreativen Bereich, im Marketing, Vertrieb oder Personalwesen arbeitet, kann Social Media gezielt nutzen, um seine Kompetenzen sichtbar zu machen – zum Beispiel durch geteilte Inhalte auf LinkedIn, ein gepflegtes Profil oder Beiträge zu eigenen Themen.

Gleichzeitig gilt: Du musst nicht überall sichtbar sein. Viele Menschen fühlen sich wohler, wenn sie ihre Privatsphäre wahren – und das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass man keine Spuren hinterlässt, die einem später schaden. Ein kurzer Selbst-Check mit dem Satz „Würde ich das auch posten, wenn mein zukünftiger Chef es sieht?“ kann hier helfen.

Wer also Lust hat, sich zu zeigen: go for it. Aber immer mit Strategie und Authentizität – und nie mit dem Gefühl, sich verbiegen zu müssen.

Wir leben leider nicht in einer völlig diskriminierungsfreien Arbeitswelt. (…) Genau deshalb empfehle ich manchmal: Lass das Bewerbungsfoto weg, ebenso das Geburtsdatum. Vor allem, wenn du sehr jung oder sehr erfahren bist.


Healthy Lady: Du sprichst oft von Authentizität: Wie kann man im Lebenslauf und im Anschreiben authentisch bleiben und gleichzeitig professionell wirken?

Rebecca Santos Costa: Authentizität heißt für mich: Klarheit, Ehrlichkeit und Fokus. Es geht nicht darum, jeden Aspekt seiner Persönlichkeit auszubreiten – sondern darum, die eigenen Stärken verständlich und glaubwürdig zu vermitteln. Wer zum Beispiel schreibt „Ich übernehme gerne Verantwortung“, sollte auch kurz erklären, wo und wie das konkret passiert ist. So wirkt es ehrlich – nicht auswendig gelernt.

Im Lebenslauf bedeutet Authentizität, nichts zu verstecken, aber auch nichts unnötig aufzublasen. Lücken oder Umwege gehören zum Leben – sie werden dann zum Problem, wenn man versucht, sie zu vertuschen. Im Anschreiben geht es darum, in einem klaren, auf den Punkt gebrachten Stil zu zeigen: „Das bin ich – und das kann ich beitragen.“

Mein Tipp: Lies dein Anschreiben laut vor. Wenn es sich nach dir anhört – aber eben nach einer souveränen Version von dir – dann passt es.


Die häufigsten Fehler – und wie man sie vermeidet

Healthy Lady: Welche Fehler beobachtest du bei Bewerbungen am häufigsten?

Rebecca Santos Costa: Die häufigsten Fehler sind oft gar keine inhaltlichen, sondern formale und strategische. Ganz oben auf der Liste steht: Einheitsbewerbungen. Viele verschicken dieselbe Bewerbung an zig Stellen ohne echten Bezug zur Anzeige. Das merkt man sofort. Ein weiterer häufiger Fehler: Lebensläufe ohne klare Struktur. Wenn ich als Leserin überlegen muss, was du aktuell machst oder wie dein Weg verlaufen ist, verliere ich schnell das Interesse. Auch überholte Formulierungen wie „Hiermit bewerbe ich mich…“ oder „Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen…“ wirken heute blass und unpersönlich. Man sollte lieber direkt einsteigen und zeigen, was man konkret bietet.

Fehler Nummer vier ist, zu sehr in die Vergangenheit zu gehen – Bewerbungen sollten immer zukunftsgerichtet sein: Was kann ich im neuen Job beitragen? Und zu guter Letzt: Keine Gehaltsvorstellungen nennen, wenn es verlangt wird. Viele trauen sich da nicht ran, aber wenn man sich nicht positioniert, wirkt das schnell unsicher.

„Es reicht nicht mehr, ‚nur‘ qualifiziert zu sein.“


Von Katzenvideos zu KarriereTok

Healthy Lady: Rebecca, wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, anderen bei Lebensläufen zu helfen? Gab es ein Schlüsselerlebnis? Wie funktioniert dein Job?

Rebecca Santos Costa: Ich habe viele Jahre im Personalbereich gearbeitet – von der operativen Personalarbeit über Recruiting, Training bis hin zur Führung von Teams. Irgendwann hat mein Sohn sich TikTok heruntergeladen, einfach nur zum Gucken, was da so los ist. Wir haben dann aus Spaß zusammen Katzenvideos gemacht – das war witzig, aber irgendwann dachte ich: Eigentlich könnte man da auch mal was Sinnvolles draus machen.

Also habe ich angefangen, typische Szenen aus dem Berufsleben nachzuspielen – Bewerbungsgespräche, Personaleralltag, witzige Recruiting-Erlebnisse. Und plötzlich kamen die ersten Fragen: „Bietest du eigentlich Coaching an?“ – so ist das Ganze dann ins Rollen gekommen. Zuerst habe ich angefangen, Stellenanzeigen zu analysieren – das kam total gut an, weil sich viele Bewerber:innen überhaupt nicht auskannten, was da wirklich zwischen den Zeilen steht. Später kam dann der Fokus auf Lebensläufe. Und inzwischen gebe ich täglich Bewerbungsfeedback, bewerte Lebensläufe, analysiere Stellenausschreibungen und gebe Tipps, wie man sich authentisch und gleichzeitig professionell präsentiert.

Ich habe über TikTok so viele Rückmeldungen bekommen von Menschen, die durch meine Tipps endlich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurden oder ihren Traumjob bekommen haben. Diese Energie und das Vertrauen, das mir da entgegengebracht wird, motivieren mich jeden Tag aufs Neue. Das Format ist einfach ehrlich, direkt und alltagstauglich – genau das, was viele da draußen brauchen.


Healthy Lady: Dein Format „KarriereTok“ erreicht viele junge Menschen. Hattest du am Anfang Zweifel, ob Bewerbungs-Content dort überhaupt funktioniert?

Rebecca Santos Costa: Total! TikTok war für mich am Anfang einfach eine Plattform für Katzenvideos, Tänze und lustige Clips – nichts, wo man ernsthaft dachte: „Hier bring ich jetzt mal Bewerbungstipps unter.“ Ich habe mir anfangs selbst nicht vorstellen können, dass das jemanden interessiert. Aber je mehr ich einfach aus dem echten Leben erzählt habe – also Dinge, die ich aus dem Personalalltag kenne oder Situationen aus Bewerbungsgesprächen –, desto mehr Resonanz kam.

Viele haben sich in meinen Videos wiedergefunden: Bewerber:innen, die mit typischen Fehlern kämpfen, die einfach nicht wissen, wie sie sich gut präsentieren können. Und genau da setzt mein Format an – es soll nahbar sein, aber gleichzeitig Klartext reden. Ich glaube, gerade weil es eben nicht trocken ist, sondern real und manchmal auch mit einem Augenzwinkern, funktioniert es so gut. Ich hätte nie gedacht, dass Bewerbungstipps auf TikTok viral gehen – aber offensichtlich gibt es da einen riesigen Bedarf. Und es zeigt auch: Bildung, Aufklärung und Empowerment haben definitiv ihren Platz auf Social Media.

„In den meisten Fällen sagen Absagen nichts über den eigenen Wert aus. Sie entstehen durch interne Umstrukturierungen oder Budgetfragen – das hat oft wenig mit deiner Qualifikation zu tun.“


Warum sich all das lohnt

Healthy Lady: Wenn man sich deinen TikTok-Kanal anschaut, merkt man sofort, dass dein Account lebt. Was sagen dir deine Follower und Klienten am meisten? Gibt es einen Moment, auf den du besonders stolz bist?

Rebecca Santos Costa: Ja, absolut – der Bedarf ist riesig. Ich bekomme täglich Nachrichten wie: „Dank dir hatte ich heute mein erstes Vorstellungsgespräch“ oder „Ich hätte nie gedacht, dass mein Lebenslauf so viel ausmacht.“ Viele schreiben mir auch, dass sie sich zum ersten Mal ernst genommen fühlen – dass sie durch meine Videos den Mut bekommen haben, sich überhaupt zu bewerben oder sich beruflich neu zu orientieren.

Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war eine junge Frau, die schon lange in einer belastenden Arbeitssituation festhing. Sie hatte sich dutzende Male beworben, immer wieder Absagen. Nach meiner Beratung hat sie ihren Lebenslauf komplett überarbeitet – und plötzlich hagelte es Einladungen. Als sie mir dann schrieb, dass sie einen Job gefunden hat, in dem sie sich endlich wertgeschätzt fühlt, war das Gänsehaut pur. Solche Nachrichten sind für mich der Grund, warum ich das mache.

Und ja – ich finde auch, das Thema Bewerbung und Berufsorientierung müsste viel früher, zum Beispiel schon in der Schule, mitgedacht werden. Die meisten stolpern da völlig unvorbereitet rein. Und genau deshalb sehe ich meine Aufgabe nicht nur im Bewerbungscoaching, sondern auch in der Aufklärung.


Ein Blick nach vorn

Healthy Lady: Und eine letzte persönliche Frage: Was wäre dein absoluter Traumjob, wenn du nicht schon deinen gefunden hättest?

Rebecca Santos Costa: Ich glaube, ich habe meinen Traumjob tatsächlich selbst erschaffen. Aber wenn ich träumen dürfte, ganz ohne Einschränkungen, dann wäre es ein Beruf, in dem ich jeden Tag Menschen motivieren, inspirieren und ganz praktisch unterstützen kann. Am liebsten in einem Mix aus Bühne, Beratung und Community.

Vielleicht eine eigene Show oder ein Format, in dem echte Lebensgeschichten und Karrieren gezeigt werden – nicht die Hochglanz-Erfolge, sondern die echten Brüche, die Rückschläge und das Aufstehen danach. Ich liebe es, wenn ich Menschen helfen kann, sich neu zu entdecken und zu sehen: „Da steckt so viel mehr in mir, als ich selbst geglaubt habe.“

Ich habe mittlerweile auch eine eigene Recruiting-Plattform: Foundl.de. Dort können Menschen ein berufliches Profil erstellen, ihren Lebenslauf hochladen und sich von Unternehmen finden lassen. Und wenn ich das irgendwann noch größer denken darf – mit einem eigenen Team, mit noch mehr Reichweite – dann ist das für mich kein Traum mehr, sondern eine Vision. Und daran arbeite ich jeden Tag.