Liwia Tokoda

Leidenschaftliche Journalistin ✨ Chefredakteurin eines Frauenmagazins 📝 TV-Redakteurin bei Deutschlands Top-Sendern 📺 Überglückliche Mama ❤️

Das beste Sommer-Outfit? Dein SelbstwertgefĂĽhl

Der Sommer steht vor der Tür, und es ist wieder diese Zeit des Jahres. Wir starten panisch damit, unsere Neujahrsvorsätze endlich umzusetzen. Die Reality-Check-Frage lautet: „Ist meine Bikini-Figur jetzt rechtzeitig bereit?“

Und hey, wir wissen alle, die Strand-Figur kommt nicht von allein. Also schnell noch ein paar Runden Joggen, eine Aerobic-Session im Garten einlegen oder vielleicht ein Tennis-Match mit der besten Freundin spielen. Alles, was uns in diesen acht Wochen hilft, noch das Beste aus uns herauszuholen.

Doch hier kommt die bittere Wahrheit. Ist es realistisch, in nur zwei Monaten eine Bikini-Figur zu zaubern? FĂĽr manche vielleicht schon, fĂĽr die Mehrheit von uns eher nicht. Und weiĂźt du was? Das ist absolut okay.


Wenn wir anfangen, uns hinter Kleidung zu verstecken

Denn wir Frauen sind echte Profis, wenn es darum geht, kreative Lösungen zu finden. Wenn Diät und Fitness nicht sofort den gewünschten Effekt bringen, dann improvisieren wir einfach. Die Lösung? Neue Klamotten. Das klingt zunächst nach einem harmlosen Trick. Doch genau hier beginnt oft das eigentliche Problem: Wir fangen an, uns hinter neuen Outfits zu verstecken, weil wir uns selbst nicht so annehmen können, wie wir wirklich sind.


Die Realität, die keiner von uns hören will

Ich lese regelmäßig in einer Facebook-Gruppe. Es ist wie ein digitales Wohnzimmer für über 40.000 Frauen. Hier wird gelacht, gelästert und sich gegenseitig Mut zugesprochen. Doch in den letzten Tagen ist mir etwas aufgefallen, das mich nachdenklich macht.

Während draußen die Welt im gleißenden Sonnenlicht liegt, lesen sich manche Beiträge wie Protokolle einer freiwilligen Gefangenschaft. Da ist die Mutter, die schreibt: „Ich stehe am Beckenrand und schaue meinen Kindern beim Toben zu – im dicken Kapuzenpulli und langer Jeans, während mir der Schweiß im Nacken steht. Ich kann mich einfach nicht zeigen.“ Eine andere gesteht: „Ich habe die Einladung zum Grillen abgesagt. Ich besitze kein einziges Sommerkleid, in dem ich mich nicht wie ein Elefant fühle.“ Und dann sind da die Kommentare, die das Herz schwer machen.

„Lieber schmelze ich in Schichten aus Stoff weg, als dass jemand meine Besenreiser oder meine Dellen sieht.“

„Ich traue mich nur im Dunkeln an den Strand.“, „Ich schäme mich so sehr für meine Oberarme, dass T-Shirts für mich Tabu sind, egal wie heiß es ist.“

Das sind keine vereinzelten Hilferufe. Es wirkt wie eine stille Epidemie der Scham. Wir reden hier von Frauen, die mitten im Leben stehen und trotzdem vor ihrem eigenen Spiegelbild kapitulieren. Der Grund für diese Selbstisolation? Ein gnadenloser Blick auf den eigenen Körper. Aber mal ehrlich: Ist das der Preis, den wir für ein paar vermeintliche „Makel“ zahlen wollen? Dass wir die schönsten Tage des Jahres schwitzend in der Ecke verbringen, während das Leben an uns vorbeizieht?


Der größte Kritiker sitzt oft im eigenen Kopf

Warum sind wir eigentlich so streng mit uns selbst? Ein wichtiger Begriff in der Psychologie ist das sogenannte Körperbild. Damit ist das innere Bild gemeint, das wir von unserem eigenen Körper haben.

„Das Körperbild beschreibt, wie wir unseren Körper wahrnehmen, welche Gedanken und GefĂĽhle wir mit ihm verbinden und wie wir uns ihm gegenĂĽber verhalten“, erklärt Dr. Nicole Behrend, Psychologin an der Universität Potsdam, in einem Interview auf der Website der Universität.

Unser Blick auf uns selbst ist dabei oft nicht objektiv. Viele Menschen nehmen ihren Körper kritischer wahr, als er tatsächlich ist – sie schätzen beispielsweise ihre Hüften breiter oder ihre Nase größer ein, als sie wirklich sind.

Studien zeigen, dass rund 72 Prozent der Bevölkerung schon einmal mit ihrem Körper unzufrieden waren oder es aktuell sind. Ein negatives Körperbild kann sich auch im Verhalten zeigen: Manche Menschen vermeiden das Schwimmbad, verstecken ihren Körper unter weiter Kleidung oder folgen strengen Diätplänen.

Menschen mit einem positiven Körperbild hingegen begegnen ihrem Körper mit mehr Wertschätzung. Sie achten auf seine BedĂĽrfnisse und konzentrieren sich stärker auf das, was ihr Körper leisten kann – statt nur darauf, wie er aussieht.


Gesundheit ist mehr als nur eine Zahl auf der Waage

In unserer Gesellschaft wird ein schlanker Körper häufig automatisch mit Gesundheit gleichgesetzt. Doch diese Vorstellung greift viel zu kurz.

„Gesundheit ist ein sehr komplexer Bereich, bei dem es um mehr geht als nur um Größe und Gewicht“, betont Dr. Nicole Behrend. Als Gesundheitspsychologin beschäftigt sie sich unter anderem damit, wie Menschen ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper entwickeln können.

Ein ausgewogenes Körperbild spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn wenn der Druck zu groß wird, können extreme Diäten, exzessiver Sport oder ständige Selbstkritik langfristig sogar der Gesundheit schaden. Ziel ist es deshalb, Menschen dabei zu unterstützen, ihren Körper achtsam wahrzunehmen – und riskante Verhaltensweisen frühzeitig zu erkennen, bevor sie in ernsthafte Probleme wie Essstörungen führen.


Kleine Schritte zu mehr Selbstakzeptanz

Manchmal reicht schon ein kleiner Perspektivwechsel, um sich im eigenen Körper wohler zu fühlen. Diese einfachen Schritte können helfen:

Bewege dich für dein Wohlbefinden – nicht aus Druck.
Sport sollte kein Strafprogramm sein. Finde eine Bewegung, die dir wirklich SpaĂź macht: Tanzen, Spazierengehen, Schwimmen oder Yoga.

Höre auf, dich ständig zu vergleichen.
Social Media zeigt oft nur perfekt inszenierte Momente. Vergleiche dich lieber mit der Person, die du gestern warst.

Trage Kleidung, die dir Freude macht.
Verstecke dich nicht hinter weiten oder schweren KleidungsstĂĽcken. Zieh das an, worin du dich lebendig fĂĽhlst.

Sprich freundlich mit dir selbst.
Achte darauf, wie du ĂĽber dich denkst. WĂĽrdest du so auch mit einer guten Freundin sprechen?

KĂĽmmere dich um dich selbst.
Ob Hautpflege, gesunde Ernährung oder ein entspannter Abend nur für dich – Selbstfürsorge stärkt das eigene Körpergefühl.


Dein Leben wartet nicht auf die perfekte Figur

Viel zu oft vergleichen wir uns mit Bildern, die wenig mit der Realität zu tun haben, und vergessen dabei, dass die meisten Menschen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um unser Aussehen überhaupt zu beurteilen. Echtes Selbstbewusstsein entsteht nicht über Nacht. Es wächst in dem Moment, in dem du aufhörst, dich ständig mit anderen zu messen, und beginnst, dich selbst mit mehr Verständnis und Wertschätzung zu betrachten. Wenn du etwas verändern möchtest, dann tu es für dich. Nicht aus Druck, sondern aus Fürsorge. Setze dir Ziele, bleibe konsequent und kümmere dich gut um deinen Körper und deine Gedanken.

Warte nicht darauf, irgendwann „perfekt“ zu sein, um deine kostbare Zeit zu genießen. Das Leben passiert jetzt, in diesem Moment. Zieh das Kleid an, das dir gefällt, die Shorts, in denen du dich frei fühlst, oder den Bikini, den du dich vielleicht bisher nicht getraut hast zu tragen. Spüre die Sonne auf deiner Haut, genieße den Sommer und erinnere dich daran, dass dein Körper nicht dafür da ist, bewertet zu werden, sondern dafür, dein Leben zu erleben.


Was jede Frau wissen sollte: Der Beckenboden und seine lebenswichtige Rolle

Viele Frauen hören das Wort „Beckenboden“ zum ersten Mal, wenn sie im Rückbildungskurs sitzen. Davor haben die meisten nie darüber nachgedacht, was sich dort unten im Körper eigentlich befindet, welche Aufgaben dieser Bereich übernimmt oder welche Folgen es haben kann, wenn er nicht richtig arbeitet.

Dabei ist der Beckenboden viel mehr als ein Thema für frischgebackene Mütter. Er begleitet uns durch jede Lebensphase, ganz unabhängig davon, ob wir ein Kind bekommen haben oder nicht. Und ja, auch Männer haben einen Beckenboden. Nur wissen selbst sie oft nicht, wie wichtig dieses Muskelnetz für ihre Haltung, ihre Kontinenz und ihre Sexualität ist.

„Der Beckenboden ist kein Frauenproblem. Er ist ein Körperthema.“


Was ist der Beckenboden ĂĽberhaupt?

Der Beckenboden ist eine Gruppe kräftiger Muskeln und Bindegewebe, die wie ein flexibler Boden den unteren Teil des Beckens abschließt. Er hält Blase, Gebärmutter und Darm dort, wo sie hingehören, und ermöglicht, dass wir Kontrolle über Wasserlassen und Stuhlgang haben. Gleichzeitig stabilisiert er unseren ganzen Rumpf, wie eine Art inneres Fundament. Wenn der Beckenboden gut funktioniert, merkt man ihn kaum. Wenn er schwach wird, merkt man ihn umso deutlicher.


Warum der Beckenboden in der Schwangerschaft so belastet wird

Während der Schwangerschaft trägt der Beckenboden monatelang das gesamte Gewicht des Babys. Mit jedem Monat steigt der Druck, der auf dieser Muskelplatte lastet. Bei der Geburt wird der Beckenboden zusätzlich stark gedehnt – egal, ob es eine vaginale Geburt oder ein Kaiserschnitt ist. Nach der Geburt ist diese Muskulatur deshalb häufig überdehnt und geschwächt. Sie braucht Zeit, um sich zu erholen, und danach gezieltes Training.

„Nach der Geburt muss der Beckenboden heilen – genauso wie jeder andere Muskel, der Höchstleistung erbracht hat.“


Aber: Ein schwacher Beckenboden betrifft nicht nur MĂĽtter

Viele Frauen glauben, dass nur Schwangerschaft und Geburt den Beckenboden schwächen. Aber das stimmt nicht. Ein instabiler Beckenboden kann in jedem Alter auftreten, auch bei Frauen ohne Kinder. Hormonveränderungen (z. B. in den Wechseljahren), Übergewicht, sehr viel Sitzen, falsches Krafttraining, genetisch schwaches Bindegewebe oder Operationen im Bauch-/Beckenbereich können ebenfalls dafür sorgen, dass diese Muskulatur an Kraft verliert. Männer haben ebenfalls einen Beckenboden. Bei ihnen spielt er u. a. bei Kontinenz, Erektionsfähigkeit und Rumpfstabilität eine Rolle. Frauen sind jedoch deutlich häufiger betroffen, weil ihre Anatomie und hormonellen Lebensphasen den Beckenboden stärker beanspruchen.


Was passiert, wenn der Beckenboden schwach wird?

Ein geschwächter Beckenboden macht sich bemerkbar, oft früher, als viele erwarten. Typische Anzeichen sind:

  • Urinverlust beim Lachen, Springen, Husten oder Niesen
  • ein Druck- oder SchweregefĂĽhl im Becken
  • das GefĂĽhl „da unten stimmt etwas nicht“
  • Schmerzen beim Sex
  • RĂĽckenschmerzen, weil dem Körper die Stabilität fehlt
  • Verdauungsbeschwerden
  • Absenkung von Blase, Gebärmutter oder Darm

„Inkontinenz ist kein Tabuthema. Es ist ein Signal deines Körpers.“


Warum Beckenbodentraining so wichtig ist

Ein trainierter Beckenboden verbessert fast jede Alltagssituation: Haltung, Stabilität, Sexualität, Wohlbefinden. Er verhindert Senkungen, unterstützt die Organe und sorgt dafür, dass wir uns sicher fühlen – beim Sport, beim Lachen und im Alltag.

Ein starker Beckenboden kann sogar RĂĽckenschmerzen reduzieren, weil er mit der Bauch- und RĂĽckenmuskulatur zusammenarbeitet.

„Ein starker Beckenboden ist keine Nebensache – er ist die Basis für ein gutes Körpergefühl.“


Wie man den Beckenboden trainieren kann

Beckenbodentraining ist nicht kompliziert, aber man muss wissen, wie es geht. Viele Frauen spannen im Alltag die falschen Muskeln an, zum Beispiel den Po oder die Bauchmuskeln. Ein guter Start ist eine einfache GrundĂĽbung:

Beim Einatmen entspannen.
Beim Ausatmen den Beckenboden sanft nach innen/oben ziehen.
Kurz halten, wieder lösen.

Das kann man im Sitzen, Liegen oder Stehen machen. Zusätzlich helfen:

  • RĂĽckbildungskurse
  • Beckenboden-Workshops
  • Physiotherapie
  • Mama-/Postnatal-Workouts
  • gezielte Fitnesskurse

Es gibt auch einen sogenannten Beckenbodenstuhl â€“ ein spezieller Hocker, der die richtige Haltung fördert, sodass Frauen die Muskulatur besser spĂĽren und gezielt ansteuern können.

„Viele Frauen spüren ihren Beckenboden erst, wenn sie lernen, ihn richtig anzusteuern.“


Drei einfache Ăśbungsillustrationen

Übung 1: Die Grundspannung („sanfter Lift“)

  • Setz dich aufrecht hin oder leg dich entspannt auf den RĂĽcken.
  • Atme ein – der Beckenboden bleibt locker.
  • Atme aus – stell dir vor, du ziehst den Beckenboden sanft nach innen/oben.
  • Halte 3–5 Sekunden, dann lösen.

So fühlt es sich an: Wie ein kleiner „Lift“ im Inneren, ohne Bauch oder Po anzuspannen.


Ăśbung 2: Der Stuhl-Test

  • Setz dich auf einen harten Stuhl, sodass du die Sitzbeinhöcker spĂĽrst.
  • Stell dir vor, du möchtest diese beiden Knochen sanft zueinander ziehen.
  • Halten – atmen – lösen.

So wirkt die Ăśbung: Du lernst, den Beckenboden gezielt anzusteuern, ohne andere Muskeln zu benutzen.


Übung 3: Die Alltagseinheit („Zähneputz-Training“)

  • Beim Zähneputzen aufrecht stehen.
  • Alle 10 Sekunden sanft anspannen – loslassen – anspannen – loslassen.

Warum diese Übung gut ist: Sie baut Training in deinen Alltag ein, ohne zusätzliche Zeit einzuplanen.

„Der Beckenboden trägt dich durchs Leben – gib ihm die Aufmerksamkeit, die er verdient.“


Ein starkes Fundament – ein besseres Leben

„Ein funktionierender Beckenboden ist der stille Unterstützer des Körpers. Viele Frauen merken erst, wie wichtig er ist, wenn er schwach wird. Dabei kann man ihn in jedem Alter stärken. Er stabilisiert nicht nur die Körpermitte, sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von Blase und Darm. Je früher man ihn versteht, desto besser kann man Beschwerden vorbeugen. Schon kleine, regelmäßige Übungen im Alltag können helfen, ihn langfristig zu kräftigen und Beschwerden wie Inkontinenz oder Rückenschmerzen vorzubeugen.“



Bevor ihr Eltern werdet: Wichtige Gespräche, die ihr miteinander führen solltet

Viele Paare sprechen stundenlang darüber, wie das Kinderzimmer aussehen soll, welche Namen schön klingen oder wie niedlich das Baby sein wird. Was dabei oft fehlt, sind die Gespräche über das, was danach kommt. Über die Realität. Über Erschöpfung. Über Ungleichgewicht. Über Angst. Und Verantwortung.

Eine Schwangerschaft verändert nicht nur den Körper, sie verändert eine Beziehung. Und zwar radikaler, als es sich die meisten vorstellen können. Plötzlich ist da ein Mensch, der rund um die Uhr BedĂĽrfnisse hat. Der nicht warten kann. Der alles verschiebt: Schlaf, Arbeit, Nähe, Freiheit, Identität. Viele Konflikte, die junge Eltern später erleben, entstehen nicht, weil sie sich nicht lieben, sondern weil sie nie darĂĽber gesprochen haben, wie sie dieses neue Leben eigentlich gemeinsam tragen wollen.

Wer steht nachts auf? Wer verzichtet beruflich? Was passiert, wenn einer von uns nicht mehr kann?
Wie gehen wir mit Geld um, wenn sich alles verändert? Was, wenn ich mich nicht sofort als „perfekte Mutter“ oder „perfekter Vater“ fühle?

Diese Fragen sind unbequem, aber notwendig. Denn ein Kind braucht nicht nur Liebe, es braucht ein Team. Zwei Menschen, die wissen, wofür sie stehen. Die nicht alles vorher wissen müssen, aber bereit sind, ehrlich hinzuschauen. Dieser Artikel ist keine Anleitung. Er ist eine Einladung. Zu Gesprächen, die man nicht führen muss, aber die man führen sollte, bevor aus einem Paar eine Familie wird.


Wer steht nachts auf?

Diese Frage klingt banal und ist doch eine der zentralsten ĂĽberhaupt. Denn sie steht stellvertretend fĂĽr etwas viel Größeres: fĂĽr Verantwortung, Fairness und die reale Verteilung von Belastung. Viele Paare sagen vor der Schwangerschaft: â€žDas machen wir dann einfach gemeinsam.“ Doch wenn die Nächte kommen, wenn Schlaf fehlt, wenn einer morgens arbeiten muss und der andere „zu Hause“ ist, wird aus diesem Satz schnell ein Ungleichgewicht.

Wer steht wirklich auf, wenn das Baby weint? Ist es automatisch die Mutter, weil sie stillt? Gibt es Ausgleich am Wochenende, am Morgen, tagsüber? Wie wird damit umgegangen, wenn einer völlig erschöpft ist?

Diese Gespräche sind nicht romantisch, aber sie schützen vor Frust. Denn nichts belastet eine Beziehung so sehr wie das Gefühl, allein zu sein mit der Verantwortung. Es geht nicht darum, einen starren Plan zu erstellen. Es geht darum, sich bewusst zu machen: Schlafentzug ist kein kleiner Preis, er verändert Menschen. Und er braucht ein gemeinsames Verständnis. Wer hier vorab ehrlich spricht, schafft nicht nur Klarheit, sondern auch Mitgefühl.
Denn manchmal ist es nicht die MĂĽdigkeit, die weh tut, sondern das GefĂĽhl, sie alleine zu tragen.


Was passiert, wenn einer von uns ĂĽberfordert ist?

Kaum etwas wird so unterschätzt wie die emotionale Überforderung nach der Geburt. Schlafmangel, Hormone, Verantwortung, all das trifft gleichzeitig. Die Frage ist nicht, ob einer von euch irgendwann an seine Grenze kommt, sondern was dann passiert. Dürfen Tränen sein, ohne dass der andere sie „reparieren“ muss?
Darf jemand sagen: „Ich kann gerade nicht mehr“, ohne Schuldgefühl? Wird Überforderung als Schwäche gesehen oder als menschliche Reaktion? Dieses Gespräch schafft einen inneren Vertrag: Wir dürfen ehrlich sein, auch wenn es nicht schön klingt.


Wie sieht unser Alltag aus, wenn Schlaf und Energie fehlen?

Romantische Vorstellungen enden oft in der dritten schlaflosen Nacht. Dann zeigt sich, wie tragfähig eure Absprachen wirklich sind.

Wer steht nachts auf? Wer kümmert sich tagsüber um Haushalt, Termine, Organisation? Wer verlässt morgens das Haus zur Arbeit und wer bleibt zurück? Gibt es Ausgleich für die Person, die zu Hause bleibt?

Hier geht es nicht um Perfektion, sondern um Realismus. Ein Baby braucht Struktur und Eltern, die nicht dauerhaft ĂĽber ihre Grenzen gehen.


Wollen wir Eltern sein â€“ oder wollen wir ein Kind haben?

Diese Frage ist leise, aber tief. Ein Kind zu haben klingt nach Wunsch, nach Bild, nach Vorstellung.
Eltern zu sein bedeutet: Verantwortung ĂĽbernehmen, jeden Tag. Auch dann, wenn es schwer ist.

Wollen wir den Alltag mittragen, nicht nur die schönen Momente? Sind wir bereit, uns selbst neu zu definieren?
Oder sehnen wir uns vor allem nach dem GefĂĽhl von Familie?

Beides ist menschlich. Aber ehrlich darüber zu sprechen, verhindert spätere Enttäuschung.


Wie teilen wir Care-Arbeit wirklich – nicht nur in Worten?

Viele Paare gehen mit dem festen Vorsatz in die Elternschaft, alles „fair“ aufzuteilen. Doch Care-Arbeit ist tückisch, weil sie oft unsichtbar ist. Sie besteht nicht nur aus Windeln wechseln oder Fläschchen geben. Sie besteht aus dem Mitdenken. Aus dem Vorausplanen. Aus dem inneren Notizbuch, das ständig läuft: Wann ist der nächste Arzttermin? Haben wir noch Feuchttücher? Passt die Kleidung noch? Wann muss die Kita angerufen werden? Wer denkt an das Geschenk für den Kindergeburtstag?

Diese mentale Last liegt in vielen Familien fast automatisch bei einer Person, meist bei der Mutter. Nicht, weil der andere nicht helfen will, sondern weil niemand darüber gesprochen hat, dass „Helfen“ nicht dasselbe ist wie „Verantwortung tragen“. Eine ehrliche Frage lautet deshalb:
Wer ist für was wirklich zuständig und nicht nur unterstützend dabei?
Wer denkt mit, ohne gefragt zu werden?
Wer ist die Person, die nachts im Kopf durchgeht, ob morgen alles organisiert ist?

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass beide alles gleich machen. Sie bedeutet, dass sich niemand allein verantwortlich fühlt. Dass Aufgaben nicht delegiert werden müssen. Dass einer nicht ständig bitten, erinnern oder erklären muss. Dieses Gespräch ist unbequem, weil es Rollenbilder berührt. Aber es ist entscheidend. Denn nichts erschöpft so sehr wie das Gefühl, immer diejenige zu sein, die „den Überblick“ behalten muss, während der andere glaubt, alles laufe doch ganz gut.

Care-Arbeit ist kein Nebenprodukt von Liebe.
Sie ist Arbeit. Und sie verdient Sichtbarkeit, Anerkennung und eine faire Verteilung.


Wie gehen wir mit Geld um, wenn sich alles verändert?

Mit einem Kind verändert sich nicht nur der Alltag, sondern auch das Verhältnis zu Geld. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Wünsche, sondern um Sicherheit. Um Rücklagen. Um Verantwortung für ein weiteres Leben.

Vielleicht verdient einer von euch bald weniger. Vielleicht pausiert eine Karriere. Vielleicht verschieben sich Machtverhältnisse, ohne dass es jemand ausspricht. Genau hier entstehen leise Spannungen: Wer entscheidet über größere Ausgaben? Wer fühlt sich abhängig? Wer trägt die Sorge, ob es „reichen“ wird?

Was ist mein Geld – und was ist unser Geld?
Wie stellen wir sicher, dass niemand das GefĂĽhl hat, weniger wert zu sein, nur weil er gerade weniger verdient?
Wie gehen wir mit Erspartem um als gemeinsames Sicherheitsnetz oder als individuelles Polster?
Und was wollen wir unserem Kind später vorleben? Angst vor Mangel oder Vertrauen in Stabilität?

Geld ist emotionaler, als wir oft zugeben. Es steht für Freiheit, Sicherheit, Selbstwert. Wenn diese Themen unausgesprochen bleiben, entstehen Ungleichgewichte, die sich tief in eine Beziehung einschreiben können.


Was geben wir unseren Kind weiter – und was nicht?

Jeder von uns trägt seine eigene Kindheit in sich. Mit ihren Licht- und Schattenseiten. Mit Sätzen, die geblieben sind. Mit Momenten, die uns geprägt haben, im Guten wie im Schweren. Ein Kind bringt all das wieder an die Oberfläche.

Was war schön in meiner Familie? Was hat mir Sicherheit gegeben?
Und was möchte ich meinem eigenen Kind nicht weitergeben?

Vielleicht war da viel Liebe, aber wenig Zeit. Oder Nähe, aber kaum Grenzen.
Vielleicht gab es Leistungsdruck, Schweigen, Angst oder das GefĂĽhl, nie ganz gesehen worden zu sein.

Diese Fragen sind tief, weil sie uns zwingen, unsere eigene Geschichte anzuschauen. Und sie betreffen nicht nur euch als Einzelne, sondern euch als Paar. Denn ihr bringt unterschiedliche Prägungen mit. Unterschiedliche Vorstellungen davon, was „normal“ ist. Was ein gutes Zuhause ausmacht. Was Strenge bedeutet und was Geborgenheit. Diese Gespräche helfen, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln. Nicht gegen eure Herkunft – sondern bewusst fĂĽr euer eigenes Modell von Familie. Denn Elternschaft bedeutet nicht, alles zu wiederholen.
Sie bedeutet, zu entscheiden, was bleiben darf – und was sich verändern soll.


Wo endet Unterstützung – und wo beginnt Einmischung?

Mit einem Kind rücken nicht nur zwei Menschen enger zusammen, oft rückt auch die Herkunftsfamilie näher. Eltern, Schwiegereltern, Verwandte meinen es gut. Sie bringen Erfahrungen mit, Erinnerungen, Überzeugungen. Und manchmal auch Erwartungen. Plötzlich gibt es viele Stimmen:
So haben wir das frĂĽher gemacht.
Das Kind ist zu warm angezogen.
Du verwöhnst es.
Lass es nicht so oft weinen.

Was als Hilfe gemeint ist, kann sich schnell wie Kontrolle anfühlen. Hier lohnt es sich, früh als Paar Haltung zu entwickeln. Wie viel Nähe tut uns gut? Welche Ratschläge wollen wir annehmen und welche nicht?
Wer spricht Grenzen aus, wenn sie überschritten werden? Stehen wir füreinander ein, auch wenn es unbequem wird? Ein gemeinsames Verständnis darüber zu entwickeln, schützt nicht nur eure Beziehung, sondern auch den Raum, in dem euer Kind aufwachsen darf.


Was, wenn ich mich nicht sofort verliebe?

Über dieses Thema wird kaum gesprochen und genau deshalb trifft es so viele unvorbereitet. In unserer Vorstellung ist sie da, diese überwältigende Liebe, sobald wir unser Kind zum ersten Mal sehen. Dieses Bild ist tief verankert. Und wenn es nicht sofort eintritt, entsteht oft Scham. Doch Bindung ist kein Schalter. Sie ist ein Prozess.

Manche Eltern spĂĽren diese Nähe sofort, andere erst nach Tagen, Wochen oder Monaten. Das ist kein Zeichen von Versagen. Es ist menschlich. Der Körper ist erschöpft, die Hormone sind im Umbruch, das Leben hat sich innerhalb weniger Stunden radikal verändert. Warum ist es so wichtig, darĂĽber vorher zu sprechen? Weil Erwartungen stillen Druck erzeugen. Und weil Unwissenheit Einsamkeit schafft. Wenn wir wissen, dass auch Leere, Distanz oder Unsicherheit zu diesem Anfang gehören können, sind wir vorbereitet. Wir fĂĽhlen uns nicht falsch, mĂĽssen nicht schweigen und dĂĽrfen sagen: „Ich brauche Zeit.“


Wie bleiben wir ein Paar?

Was vorher selbstverständlich war, wird plötzlich selten: Gespräche ohne Unterbrechung, BerĂĽhrungen ohne Zweck, gemeinsames Lachen ohne MĂĽdigkeit. Genau deshalb ist es so wichtig, schon vorher darĂĽber zu sprechen, wie wir Paar bleiben wollen.

Brauchen wir feste Dates, auch wenn sie nur aus einem Spaziergang mit Kaffee bestehen? Wollen wir bewusst kleine Inseln der gemeinsamen Quality Time schaffen – zehn Minuten am Abend, ein Film auf dem Sofa, ein Gespräch ohne Handy? Und wie gehen wir mit dem Thema Sex um, wenn Körper, Hormone und Erschöpfung sich verändern?

Nähe darf sich wandeln. Sie darf weniger werden, aber sie sollte nicht komplett verschwinden. Wenn wir vorher darüber sprechen, schaffen wir Verständnis für später: dafür, dass Lust Zeit braucht, dass Berührung manchmal wichtiger ist als Begehren und dass Intimität viele Formen hat. Diese Gespräche sind keine Romantik – sie sind Beziehungspflege. Denn Liebe geht nicht plötzlich verloren. Sie zieht sich zurück, wenn niemand mehr auf sie achtet.


Wie gehen wir mit Krisen um?

Was passiert, wenn einer von uns krank wird? Wenn das Kind uns an unsere Grenzen bringt? Wenn wir streiten, zweifeln, müde sind und nichts mehr leicht fällt? Wer trägt dann? Wer hält aus? Wer darf zusammenbrechen, ohne sich schuldig zu fühlen? Haben wir Worte für das Schwierige oder schweigen wir, bis es knallt?

Diese Fragen zwingen uns, ĂĽber Schwäche zu sprechen, ĂĽber Ăśberforderung, ĂĽber Momente, in denen Liebe nicht warm ist, sondern schwer. Doch genau darin liegt ihre Kraft. Denn wer vorher darĂĽber spricht, muss später nicht erst erklären, dass es gerade zu viel ist. Dann darf gesagt werden:
„Ich kann gerade nicht mehr.“, „Bitte übernimm du.“, „Ich bin müde“

Diese Gespräche verhindern keine Krisen. Aber sie geben ihnen einen Rahmen und euch eine gemeinsame Sprache. Denn Elternschaft beginnt nicht mit einem positiven Test. Sie beginnt mit der Bereitschaft, ehrlich hinzusehen.



„Sie sagten, wir seien verrĂĽckt.“ – Warum ein Paar sein sicheres Leben fĂĽr 365 Inseln in der Karibik aufgab

Das Leben in der Karibik an Bord einer Yacht, begleitet vom Wind, der Sonne und dem sanften Rhythmus der Wellen, die gegen den Rumpf des Bootes schlagen. Für viele ist das nur ein ferner Traum. Für Aga und Paweł, das eingespielte Team von Sailing La Vision, ist es längst Realität. Während sie als gute Seele an Bord mit viel Herz und Intuition dafür sorgt, dass aus Fremden Freunde werden, lenkt er die Yacht als besonnener Kapitän mit ruhiger Hand und einer tiefen Leidenschaft für Abenteuer durch das kristallklare Wasser. Gemeinsam verkörpern sie eine inspirierende Botschaft. Freiheit fällt nicht einfach vom Himmel. Sie ist die Belohnung für all jene, die den Mut haben, ihren eigenen Kurs zu setzen.

Wo der feste Boden endet, beginnt die Vision

Heute begeben wir uns an Bord ihrer Yacht auf eine Reise zu den San-Blas-Inseln, einem tropischen Archipel aus rund 365 winzigen Eilanden, die wie Perlen im türkisfarbenen Meer vor der Küste Panamas verstreut liegen. Es ist ein Ort, der selbst erfahrenen Weltenbummlern den Atem raubt. Wer hier ankommt, merkt schnell, dass die Zivilisation weit entfernt ist. Hotels, Straßen und der Lärm der Stadt sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Natur in ihrer ursprünglichsten Form, fast so, als wäre sie noch immer so erhalten, wie Gott sie schuf. Wer glaubt, das wahre Paradies liege auf den Malediven oder den Seychellen, wird hier eines Besseren belehrt. Wahre Schönheit braucht keine fünf Sterne und kein Blitzlichtgewitter.

Die Entscheidung, das sichere Land gegen den unberechenbaren Ozean einzutauschen, wirkt für viele wie Wahnsinn. Vielleicht ist sie das auch ein wenig. Doch genau dort, wo man den festen Boden unter den Füßen verliert, beginnt oft das eigentliche Leben. Die beiden Polen fanden den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vor drei Jahren ließen sie ihr Stadtleben in Frankreich hinter sich, kündigten ihre sicheren Jobs, verkauften ihr Hab und Gut und tauschten die tägliche Routine gegen das Abenteuer des offenen Ozeans.

In Kolumbien, unter der heiĂźen Sonne SĂĽdamerikas, fanden sie schlieĂźlich ihr Boot. Eine Yacht mit Geschichte, der sie mit viel harter Arbeit neues Leben einhauchten. Heute ist die Vision mehr als nur ihr Zuhause. Sie ist das Symbol fĂĽr ihren Traum von Freiheit und einer selbstgeschriebenen Lebensgeschichte.

Vor der Küste Panamas, im autonomen Guna-Gebiet San Blas, ankert die Yacht von Aga und Paweł. (Foto: Aga & Pawel)

10 auf der Beaufortskala

Wer an Bord kommt, merkt schnell, dass dies kein gewöhnlicher Urlaub ist, sondern eine Erfahrung, die lange in Erinnerung bleibt. Schon der erste Morgen barfuß an Deck, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und dem Blick auf das endlose Blau, bringt eine Ruhe, die im Alltag oft fehlt. Mit ihrer Yacht bieten Aga und Paweł Segelreisen für kleine Gruppen aus aller Welt an. Die Tage verlaufen entspannt zwischen Segeln, Gesprächen unter freiem Himmel und Landgängen auf einsamen Inseln. Man taucht an Korallenriffen, erkundet den Dschungel oder besucht die Dörfer der Guna, die seit Generationen im Einklang mit der Natur leben.

Doch selbst über dem Paradies liegen manchmal Schatten, und sie werden von der wahren Herrscherin bestimmt, dem Wetter. An einem Tag schenkt sie Windstille und spiegelglattes Wasser, am nächsten erinnert sie kraftvoll daran, wer hier wirklich das Sagen hat. Wer ihre Zeichen ignoriert, merkt schnell, wie klein der Mensch gegenüber den Kräften des Ozeans ist.


Kampf gegen die Urgewalt

Healthy Lady: Ihr lebt inmitten einer wilden Natur, die euch nicht nur paradiesische Ausblicke schenkt, sondern auch gewaltige Kräfte entfesselt. Gab es Momente, in denen „10 Beaufort“ nicht mehr nur eine Zahl im Wetterbericht war, sondern purer Ăśberlebenskampf?

Aga: Eigentlich ist die goldene Regel: Vermeide solche Situationen um jeden Preis, indem du die Wetterkarten im Auge behältst. Aber Theorie und Praxis sind zwei Paar Schuhe. Wir sind schon mitten auf dem Meer in schwere Unwetter geraten. Wenn ich ehrlich bin, war das unsere eigene Schuld. Wir hatten den perfekten Moment fĂĽr die Ăśberfahrt nach Mexiko schlichtweg verpasst und sind erst losgekommen, als die Hurrikan-Saison eigentlich schon begonnen hatte.

Unser Ziel war noch 2000 Seemeilen weit weg und wir hatten keine Wahl: Wir mussten segeln, denn die einzige Alternative zu den nächtlichen Gewittern wären echte Hurrikans gewesen. Fast jede Nacht zogen diese Gewitterfronten auf. Ohne das Radar hätten wir keine Chance gehabt, ihnen irgendwie auszuweichen.

An einem Abend passierte es dann, wir saßen in der Falle. Von der Küste kam eine schwere Gewitterzelle herunter und vom offenen Meer schoben sich pechschwarze Wolkenwände auf uns zu. Es gab keinen Ausweg mehr. Wir waren zu dritt, drei polnische Yachten im Verbund, ganz dicht beieinander, um uns über Funk noch irgendwie hören zu können.

Und dann ging es los. Überall um uns herum schlugen die Blitze ein. Wir haben unsere Freunde völlig aus den Augen verloren und komplett die Orientierung verloren, weil plötzlich die gesamte Navigation ausgefallen ist. Ich konnte die Augen gar nicht mehr aufmachen, so sehr hat das gleißende Licht der Blitze geblendet, die direkt neben dem Boot ins Wasser krachten. In diesem Moment war ich mir sicher: Entweder trifft uns ein Blitz oder wir kollidieren bei dieser Sicht mit einer der anderen Yachten. Bis heute habe ich keine Ahnung, durch welches Wunder uns nichts passiert ist.

Gewitterfront vor der Küste Mexikos: Tropische Stürme entstehen oft innerhalb kurzer Zeit. Radar und aktuelle Wetterdaten helfen Seglern, gefährliche Zellen frühzeitig zu erkennen. (Foto Aga & Pawel)

Healthy Lady: Ihr habt mit der Vision fĂĽnf Länder Lateinamerikas durchquert – das klingt nach einem einzigen groĂźen Abenteuer. Welches Erlebnis war fĂĽr euch das schönste, welches das auĂźergewöhnlichste und welches das schlimmste? Gibt es ein Land oder einen Ort, den ihr besonders ins Herz geschlossen habt oder der euch im Gegenteil eher abgeschreckt hat?

PaweĹ‚: Ein Abenteuer war es definitiv. Vor allem, weil wir vorher nie Kontakt zur Kultur Mittelamerikas oder Mexikos hatten. Als wir aufbrachen, sprachen wir nicht einmal Spanisch. Es ist eine einmalige Erfahrung, am eigenen Leib zu spĂĽren, wie das Leben der indigenen Bevölkerung Amerikas wirklich aussieht.

Doch was uns immer am tiefsten in Erinnerung bleibt, ist die Natur. Das wohl schönste Phänomen, das wir je gesehen haben, ist die Biolumineszenz. Wir haben viel Zeit auf dem Pazifik verbracht, wo sie uns ständig begleitete. Auf unseren Nachtfahrten, erst in Richtung Mexiko und später nach Panama, hatten wir praktisch jede Nacht eine Logenplatz-Garantie für dieses Spektakel.

Nicht nur das Wasser, das am Bug der Yacht aufspritzte, leuchtete – auch alles, was die Meerestiere unter der Oberfläche bewegten. Wir werden niemals den Anblick der Delfine vergessen, deren Umrisse durch das Leuchten so klar erkennbar waren, als wären sie mit Licht gemalt. Reine Magie. Das Schlimmste hingegen sind die Gewitter, von denen wir schon erzählt haben. Die Natur ist unberechenbar und sie hat uns schon einige Male ordentlich zugesetzt.

Aga: Wir werden niemanden ĂĽberraschen, wenn wir sagen, dass San Blas unser absoluter Lieblingsort ist. Aber fast genauso weit oben in unserem persönlichen Ranking steht der Golf von Kalifornien in Mexiko. Das ist die absolute Einöde – eine einzige, riesige WĂĽste voller Kakteen. Jeden Winter kommen Wale aus Alaska in das Mar de CortĂ©s, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Dazu kommen Walhaie, ganze Schwärme von Rochen und Seelöwen. Nirgendwo sonst haben wir eine so unglaubliche Vielfalt an Wildtieren erlebt.

Einen weiten Bogen machen wir hingegen um typische Touristenorte, die klassischen Resorts. Wir haben uns die Yacht schlieĂźlich nicht gekauft, um unsere Zeit in Menschenmassen zu verbringen.


Healthy Lady: Habt ihr eigentlich keine Angst vor wilden Tieren oder Tropenkrankheiten? Gab es mal eine Begegnung, die euch so richtig in den Knochen steckt?

Aga: NatĂĽrlich haben wir Respekt, aber wir lassen uns die Weltreise nicht von der Angst diktieren. Wir sind gegen alles geimpft, was geht, sprĂĽhen uns fleiĂźig mit Insektenschutz ein und halten zu gefährlichen Tieren lieber Sicherheitsabstand. In den Dschungel gehen wir zum Beispiel nur mit einheimischen Guides – die sehen eine Schlange schon meilenweit gegen den Wind, während wir noch ahnungslos durchs GebĂĽsch stolpern.

Aber manchmal halten die wilden Tiere eben keinen Abstand, sondern kommen direkt zu uns an Bord. Als wir gerade von Kolumbien nach Panama rĂĽbergekommen waren und in einer gottverlassenen Bucht vor Anker lagen, hatten wir plötzlich einen blinden Passagier auf der Vision. In einem kleinen Staufach ganz vorne am Bug hockte ein Wesen, das aussah wie eine Kreuzung aus Katze, Lemur und Affe. Wir hatten keine Ahnung, was das war.

Wir waren auch ehrlich gesagt nicht mutig genug, das Vieh einfach anzupacken und an Land zu bringen. Also sind wir mit dem Dinghy zu zwei PfahlhĂĽtten rĂĽbergerudert, wo ein paar Guna-Indianer lebten, und haben sie um Hilfe gebeten. Die verstanden zwar kaum ein Wort, aber fĂĽr ein paar Kekse und eine Cola waren sie dabei.

Doch stell dir meine Augen vor, als die Indianer plötzlich völlig panisch vom Staufach zurückwichen und laut „Diablo!“ schrien. Unser flauschiger Gast dachte nämlich gar nicht daran, das Schiff kampflos zu räumen. Er schoss aus seinem Versteck, fauchte uns an und fuhr die Krallen aus. Er baute sich auf den Hinterbeinen an der Reling auf und machte sich so groß er konnte – ein richtiges kleines Monster.

Ich weiß nicht, was wir gemacht hätten, wenn er uns angegriffen hätte. Aber zum Glück hat er seine Siegchancen wohl nicht so hoch eingeschätzt und ist mit einem Satz über Bord gesprungen. Wir haben dann noch eine halbe Stunde lang mit weichen Knien beobachtet, wie seine Augen im Dunkeln im Wasser leuchteten, bis er endlich im Gebüsch verschwand.

Das Beste kommt aber noch: Hinterher haben wir herausgefunden, dass unser „gefährliches Biest“ ein Wickelbär war. Ein kleiner Verwandter des Waschbären, der sich fast nur von Honig und Obst ernährt. Aber ich sag dir: In dieser Nacht sah er alles andere als süß aus!

Ein Wickelbär (Kinkajou), ein nachtaktiver Bewohner der mittelamerikanischen Regenwälder. Mit einer bis zu 20 Zentimeter langen Zunge und einem kräftigen Greifschwanz bewegt er sich lautlos durch die Baumkronen und ernährt sich vor allem von Früchten, Nektar und Honig. Für Menschen ist er in der Regel nicht gefährlich, doch fühlt er sich bedroht, kann er mit scharfen Krallen und kräftigen Bissen überraschend wehrhaft reagieren.

Alles auf eine Karte

Healthy Lady: Wie kam es zu der Idee, ein so ungewöhnliches Leben zu fĂĽhren und das sichere Leben an Land gegen ein Leben auf dem Meer einzutauschen? Was habt ihr in Europa auĂźer euren Familien zurĂĽckgelassen?

PaweĹ‚: Die Idee kam ganz unerwartet bei einem Firmenevent. Ich war fĂĽr ein Wochenende auf den Masuren segeln und mir wurde wieder bewusst, wie viel Freude das Segeln macht. Ich begann mich zu fragen, ob wir uns vielleicht ein eigenes Boot leisten könnten. Auf der Suche nach Antworten stieĂź ich auf YouTube-Kanäle von Menschen, die dauerhaft auf ihren Booten leben und ihr Leben auf See dokumentieren. Das war ein echter Wendepunkt.
Bis dahin wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass man auf einem Segelboot auch wirklich dauerhaft wohnen kann. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich alles über das Segeln und die Reparatur von Yachten lernen musste. Und natürlich musste ich Aga davon überzeugen, unser ganzes Leben umzukrempeln. Irgendwie war ich mir sicher, dass das funktionieren würde.

Die nächsten Jahre verbrachten wir damit, unseren Plan immer weiter auszuarbeiten. Im Mai 2022 fanden wir schließlich die Vision. Eigentlich hatten wir nie vor, ein Boot außerhalb Europas zu kaufen, schon gar nicht in Kolumbien. Aber manchmal entscheidet das Leben selbst über den Kurs. Die Idee, schrittweise auf ein Boot zu ziehen und gleichzeitig weiter zu arbeiten, war damit vom Tisch. Wir setzten alles auf eine Karte. Wir kündigten unsere Jobs, verkauften unser Auto, packten unser Leben in vier Koffer und flogen im November nach Südamerika, ohne Rückflugticket. Ein kleiner Vorteil war, dass wir schon einige Jahre zuvor Polen verlassen hatten und inzwischen in Frankreich lebten. Die Distanz zu Familie und Freunden kannten wir also bereits. Wir führten dort ein komfortables Leben und arbeiteten beide in Managementpositionen. Gerade deshalb war die Entscheidung, alles hinter uns zu lassen, für unser Umfeld wohl der größte Schock.


Healthy Lady: Wie plant man ĂĽberhaupt eine solche Auswanderung? Wo fängt man an, wenn man sein bisheriges Leben hinter sich lassen möchte?

PaweĹ‚: Ich wĂĽrde lĂĽgen, wenn ich sagen wĂĽrde, dass es nicht mit Geld beginnt. Segeln und um die Welt reisen klingt natĂĽrlich sehr romantisch, aber ohne die nötigen finanziellen Mittel wäre das alles nicht möglich. Einen Segelboot zu besitzen und zu betreiben ist teuer. Wir scherzen oft mit Freunden darĂĽber, dass es völlig egal ist, wie viel Geld man fĂĽr ein Boot einplant. Am Ende gibt man sowieso alles aus, was man hat.

Unsere Vorbereitung begann mit viel Recherche. Wir wollten genau wissen, wie viel das Leben in den Ländern kostet, die wir besuchen wollten, und welche Ausgaben beim Unterhalt eines Segelboots auf uns zukommen würden. Dann haben wir das auf unsere Arbeitszeit umgerechnet und festgestellt, dass wir in zwei bis drei Jahren genug Geld sparen könnten, um etwa zwei Jahre auf Reisen zu leben. Danach mussten wir unseren Plan nur noch konsequent umsetzen. In dieser Zeit nahmen wir an mehreren Segeltörns in warmen Gewässern teil und machten unseren Segelschein in Kroatien. Als wir schließlich das Gefühl hatten, zumindest ein bisschen Erfahrung gesammelt zu haben, kauften wir die Vision. Unser erster Törn allein brachte uns allerdings schnell wieder auf den Boden der Tatsachen. Wir mussten ihn abbrechen und in den Hafen zurückkehren. Da wurde uns klar, dass uns noch eine Menge Erfahrung fehlte.


Healthy Lady: Wie sah der Tag aus, an dem ihr Europa endgĂĽltig verlassen habt? Gab es Menschen, die versucht haben, euch von diesem Schritt abzuhalten? Wie haben eure Familien auf diesen „verrĂĽckten“ Plan reagiert, auf einem Boot in SĂĽdamerika zu leben?

Aga: PaweĹ‚ hat seiner Familie von Anfang an von dieser Idee erzählt. NatĂĽrlich waren sie zunächst skeptisch, aber wir wussten immer, dass wir auf ihre UnterstĂĽtzung zählen können. Ich selbst habe meinen Eltern von unserem verrĂĽckten Plan erst einen Tag vor unserem Flug erzählt, als wir nach Kolumbien reisen wollten, um uns eine Yacht anzusehen. Erst wenn sie dieses Interview lesen, werden sie erfahren, dass unsere ganze Geschichte eigentlich schon zwei Jahre frĂĽher begonnen hat. Zu meiner groĂźen Ăśberraschung hat jedoch niemand versucht, uns von unserer Entscheidung abzubringen. NatĂĽrlich hielten uns alle ein bisschen fĂĽr verrĂĽckt, aber gleichzeitig haben sie uns sehr dabei unterstĂĽtzt, diesen Traum zu verwirklichen.

Der Tag unserer Abreise verlief allerdings ganz anders, als wir es uns vorgestellt hatten. Eigentlich sollte mein Vater mit uns nach Kolumbien fliegen, um uns sowohl technisch als auch moralisch zu unterstützen. Doch drei Wochen vor dem Abflug erlitt er einen Schlaganfall und musste ins Krankenhaus. Eine Körperseite war gelähmt. Von einem Tag auf den anderen bat ich meinen Chef um die Möglichkeit, vorübergehend aus Polen zu arbeiten. Die letzten Wochen in Europa verbrachte ich daher bei meinem Vater auf der neurologischen Station. Währenddessen regelte Paweł noch die letzten Dinge in Frankreich und packte all unser Hab und Gut in unseren Opel. Als wir schließlich in Polen ankamen, blieb kaum Zeit. Wir packten nur noch unsere Sachen um und verabschiedeten uns von der Familie. Bis zum letzten Moment wusste ich nicht, ob ich wirklich fliegen oder den Flug verschieben sollte. Es war keine leichte Entscheidung, und ich habe noch lange danach mit ihr gerungen.

In Frankreich kĂĽndigten die beiden Polen ihre Managerkarrieren und tauschten BĂĽro, Termine und GroĂźstadt gegen ein selbstbestimmtes Leben auf See. (Foto: Aga & Pawel)

Ein Zuhause, das man sich selbst bauen musste

Healthy Lady: Wie habt ihr eure Yacht gefunden? War es Liebe auf den ersten Blick? Was habt ihr gedacht, als ihr sie zum ersten Mal gesehen habt? Wusstet ihr sofort, dass sie einmal euer Zuhause sein wĂĽrde?

Aga: Unter Seglern gibt es ein bekanntes Sprichwort. Ein Bootseigner lächelt nur zweimal. Das erste Mal, wenn er das Boot kauft, und das zweite Mal, wenn er es verkauft. Wir hörten diesen Satz zum ersten Mal von anderen Seglern, denen wir voller Begeisterung erzählten, dass wir eine wirklich tolle Yacht gefunden hatten, die angeblich nicht viel Arbeit brauchen wĂĽrde. Schon nach den ersten Tagen in der Werft verstanden wir, was sie damit meinten. Am Anfang waren wir aber einfach voller Begeisterung.

Die Vision entdeckten wir schließlich in einer Facebook-Gruppe. Zuerst waren wir eher zurückhaltend, vor allem wegen der großen Entfernung. Am Ende überzeugte uns jedoch, dass die Yacht viele Punkte auf unserer Wunschliste erfüllte und der Besitzer bereit war, über den Preis zu verhandeln. Relativ spontan entschieden wir uns, nach Kolumbien zu fliegen, um sie uns anzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass genau diese Yacht unser neues Zuhause werden könnte. Wie wichtig mir das war, wurde mir erst richtig bewusst, als bei der technischen Inspektion in der Werft plötzlich mehrere Mängel auftauchten, von denen wir vorher nichts gewusst hatten. Plötzlich stand der Kauf der Vision wieder auf der Kippe.


Healthy Lady: Ihr habt die Vision selbst renoviert und wieder instand gesetzt. Was war dabei am schwierigsten? Wann hattet ihr das GefĂĽhl, dass sie wirklich euer Zuhause geworden ist?

Paweł: Wir hatten erwartet, dass es mit einem Boot ähnlich ist wie mit einem Auto oder einer Hausrenovierung. Man findet überall Fachleute, die die Arbeit übernehmen. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. In diesem Teil der Welt ist die Arbeitskultur kaum mit der in Europa zu vergleichen. Niemand hat es eilig und nur selten fühlt sich jemand wirklich verantwortlich. Das war für uns schwer zu akzeptieren, vor allem weil es um unser gesamtes Hab und Gut ging. Schritt für Schritt begann ich deshalb, jedes System an Bord selbst zu verstehen. Ich reparierte jede Störung selbst und plante gleichzeitig weitere Verbesserungen. Am einfachsten waren für mich die Arbeiten an der Elektrik, weil ich in diesem Bereich studiert habe. Am schwierigsten bleiben bis heute Reparaturen am Dieselmotor.

Zum GlĂĽck haben wir auf unserem Weg viele groĂźartige Menschen kennengelernt, die ihr Wissen mit uns geteilt und uns immer wieder geholfen haben. Auch dank dieser anderen Segler fĂĽhlten wir irgendwann, dass dies nun unser Platz auf der Welt ist. Ein Leben in einer so engen Gemeinschaft hatten wir zuvor noch nie erlebt. Wenn jemand ein Problem hat, lassen hier alle anderen alles stehen und liegen und helfen. So ist mit der Zeit unsere groĂźe Cruisers Familie entstanden.

Paweł bei Wartungsarbeiten am Rumpf der „Vision“. Auf Langfahrt gibt es keinen Pannendienst. Reparaturen und technische Instandhaltung müssen selbst übernommen werden, oft fernab jeder Infrastruktur. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Gab es Momente des Zweifelns? Zeiten, in denen ihr eure Entscheidung bereut habt?

Aga: Natürlich. Am Anfang gab es kaum eine Woche, in der ich mich nicht gefragt habe, was uns eigentlich geritten hat. Ständige Reparaturen, immer neue Baustellen, wechselndes Wetter und Probleme mit Behörden. So hatten wir uns unsere Reise nicht vorgestellt. Nach ein paar Monaten wurde es langsam besser. Trotzdem kam irgendwann der Punkt, an dem die Vision sogar auf einer Verkaufsplattform landete. Heute wissen wir, dass fast alle Cruiser diese Phase erleben. Ganz egal, wie gut sie sich auf dieses Leben vorbereitet haben.


San Blas – dort, wo die Zeit stehen geblieben ist

Healthy Lady: Warum gerade San Blas? Was ist an diesem Ort so besonders? Wie sind die Menschen, die dort leben? Wie sieht das Leben unter den indigenen Bewohnern, den Guna-Indianern, aus?

Paweł: Wir sind eigentlich eher zufällig hier gelandet. Wie die meisten Europäer hatten wir zuvor noch nie von diesem Archipel gehört. Ursprünglich wollten wir zu den Bahamas und weiter in die östliche Karibik segeln. Als wir jedoch bereit waren, Kolumbien zu verlassen, war es bereits zu spät, um noch in diese Richtung aufzubrechen.

In der Gegend um Cartagena beginnen im Winter starke Winde zu wehen, die das Segeln sehr schwierig machen. Andere Segler rieten uns deshalb, die Richtung zu ändern und mit den Wellen nach Panama zu segeln. Zuerst landeten wir in einer Bucht an der Grenze zwischen Kolumbien und Panama. Das Festland ist von dichtem Dschungel bedeckt, durch den sich Migranten ihren Weg bahnen, die versuchen, in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Die meisten Inseln sind unbewohnt. Nur auf einigen wenigen haben die indigenen Bewohner ihre Dörfer gebaut. In den drei Wochen, die wir dort verbrachten, sahen wir nur eine einzige Yacht. Kein Wunder also, dass wir überall, wo wir auftauchten, großes Interesse bei den Einheimischen auslösten.

Ganz ungeplant nahmen wir in einem der größten traditionellen Dörfer an den Feierlichkeiten zum 98. Jahrestag der Revolution in Guna Yala teil. Wir sahen eine Nachstellung der Kämpfe mit der panamaischen Polizei, hörten Musik auf Instrumenten, die an Panflöten erinnerten, und beobachteten Frauen der Guna, die im Rhythmus dieser Musik tanzten. Als das Programm schließlich den Punkt erreichte, an dem überall selbst gebrannter Alkohol ausgeschenkt wurde, beschlossen wir, dass es Zeit war, zu unserer Vision zurückzukehren. Danach segelten wir weiter nach Westen entlang der Küste und erreichten schließlich die Bucht von San Blas, also den bekanntesten Teil von Guna Yala. Vor uns lag kristallklares Wasser, weite Korallenriffe und noch mehr unbewohnte Inseln. Wieder einmal hatte das Schicksal unseren Kurs bestimmt. Dieses Mal waren wir ihm dafür jedoch sehr dankbar. Es ist ein einzigartiger Ort und wir empfinden es als großes Privileg, ihn noch erleben zu dürfen, bevor er eines Tages vielleicht im Meer verschwindet.

Frauen der Guna-Gemeinschaft in Guna Yala (Panama) mit handgefertigten Molas – kunstvolle Stoffapplikationen, die Teil ihrer traditionellen Tracht und zugleich eine wichtige Einkommensquelle sind. (Foto: Aga)

Healthy Lady: Wie wĂĽrdet ihr die Natur dort beschreiben? Die Tiere, das Meer und den Rhythmus des Lebens? Und worin unterscheidet sich das Leben in SĂĽdamerika von dem in Europa?

Aga: Im Alltag begegnen wir vor allem der Meeresfauna. An fast jedem Korallenriff sieht man bunte Fische, schlafende Haie und Langusten, die sich unter Steinen verstecken. Im flachen Wasser rund um die Inseln liegen oft orangefarbene Seesterne und verschiedene Arten von Rochen. Bei ihnen muss man besonders vorsichtig sein, damit man nicht versehentlich auf einen tritt. Das kann sehr schmerzhaft enden. Manchmal begleiten uns auch Delfine, die auf der Bugwelle des Bootes surfen, und Meeresschildkröten, die auf den Unterwasserwiesen grasen. Im Dschungel kann man mit etwas Glück Vögel, Affen, Faultiere und sogar Krokodile entdecken.

Vor allem wegen dieser Natur unterscheidet sich das Leben in Mittelamerika stark von dem in Europa. Hier hängt vieles vom Wetter und von den Jahreszeiten ab. Wenn die Regenzeit beginnt, weiß man zum Beispiel, dass viele Straßen unpassierbar werden können. Viele Menschen leben unter einfachen Bedingungen und haben nur wenige Perspektiven auf Veränderung. Trotzdem sind sie sehr offen und hilfsbereit. In den kleineren Orten kennt man sich meist untereinander und begegnet sich mit großer Herzlichkeit.


Healthy Lady: Und wie schmeckt das Paradies? Was isst man auf den Inseln und was sollte man unbedingt probieren?

Paweł: Auf den Tellern in San Blas steht ganz klar die Languste im Mittelpunkt. Das ist ein großer Krebs, der dem Hummer ähnelt. Außerdem werden viele verschiedene Fische, Krabben und Meeresschnecken gegessen. Eine Beilage, die man unbedingt probieren sollte, sind Patacones, also frittierte Kochbananen, sowie Kokosreis.

Wir empfehlen jedem auch frisches Kokoswasser direkt aus der Nuss zu trinken und das weiche Fruchtfleisch zu essen. Wusstest du, dass eine einzige Kokosnuss mehr als tausend Kalorien haben kann. Sie kann problemlos eine ganze Mahlzeit ersetzen. Etwas, das wir selbst noch nicht probiert haben, ist Krokodilfleisch. Wir wissen, dass einige ältere Mitglieder der Guna es noch zubereiten, doch heute gehört es nicht mehr zum alltäglichen Essen.


Healthy Lady: Lateinamerika gilt oft als gefährlich. Wie erlebt ihr das selbst? Fühlt ihr euch dort sicher? Gibt es Orte, die man besser meiden sollte?

Aga: Während unserer Reise waren wir in Ländern, die häufig als besonders gefährlich gelten. Dazu gehören El Salvador, Panama, Mexiko und Kolumbien. Wir kennen zwar keine genauen Statistiken zur Kriminalität, aber in den drei Jahren unserer Reise haben wir keine einzige unangenehme Situation erlebt.

NatĂĽrlich sollte man immer gesunden Menschenverstand handeln und zum Beispiel Orte meiden, an denen mit illegalen Substanzen gehandelt wird. Die meisten Einheimischen wissen auch sehr gut, dass es ihrer Gemeinde finanziell schaden wĂĽrde, wenn Touristen Probleme bekommen. Deshalb werden Besucher in der Regel respektvoll behandelt.


Healthy Lady: Viele Menschen glauben, Piraten gäbe es nur noch in Geschichten. Wie sieht die Realität heute aus? Seid ihr auf euren Reisen schon einmal auf Piraterie gestoßen?

Paweł: Leider ja. Es gibt sogar Onlinekarten, auf denen verschiedene Zwischenfälle auf See eingetragen werden. In unserer Region muss man besonders an der Karibikküste von Nicaragua vorsichtig sein. Wir haben Geschichten über Fischerboote gehört, die dort Segelboote verfolgen. Die beste Möglichkeit, sich davor zu schützen, ist außerhalb ihrer Reichweite zu segeln. Diese Boote haben keine Segel und können sich nur so weit vom Ufer entfernen, wie ihr Treibstoff reicht. Überraschend viele Zwischenfälle werden übrigens auch aus Thailand gemeldet. Man muss allerdings bedenken, dass als Piraterie jede unerlaubte Annäherung oder jedes Eindringen in ein Boot gilt. Dazu gehören auch Diebstähle von Booten, die in Marinas liegen.

Wir selbst gerieten vor etwa zwei Jahren in eine merkwürdige Situation in der Nähe von Nicaragua, allerdings auf der Pazifikseite. Ein großes Fischerboot näherte sich nachts gefährlich dicht dem Boot eines Freundes, blendete ihn mit starken Lichtern und reagierte nicht auf Funkrufe. Als wir etwas Abstand gewinnen konnten, schalteten wir alle Lichter aus und änderten unseren Kurs, damit sie uns in der Dunkelheit nicht mehr finden konnten. Bis heute wissen wir nicht, was ihre Absicht war, aber sie verfolgten uns fast eine Stunde lang.


Eine Einladung ins Paradies

An Bord der „Vision“ kocht Aga für ihre Gäste selbst. Auf den Tisch kommen frische, gesunde Gerichte mit tropischen Früchten aus San Blas und Fisch aus dem karibischen Meer. (Foto: Pawel)

Healthy Lady: Wann kam euch die Idee, euren Traum mit anderen zu teilen und Segelreisen für Gäste anzubieten?

Aga: Der Gedanke war eigentlich von Anfang an irgendwo im Hinterkopf. Trotzdem wollten wir zuerst selbst entdecken, was diese Region alles zu bieten hat, bevor wir die ersten Gäste einladen. Irgendwann standen wir vor einer Entscheidung. Segeln wir mit unseren Freunden weiter nach Französisch-Polynesien, bleiben wir in Mexiko oder kehren wir nach Panama zurück. Wir hatten nicht das Gefühl, dass der richtige Moment für die Überquerung des Ozeans schon gekommen war. Nach mehr als einem Jahr im Land der Tacos brauchten wir außerdem eine Veränderung. Also beschlossen wir, an einen der schönsten Orte der Welt zurückzukehren, nach San Blas, und dieses Abenteuer mit anderen Menschen zu teilen.


Healthy Lady: Was erwartet die Gäste während eines solchen Segeltörns?

Aga: San Blas besteht aus 365 palmengesäumten Inseln, von denen nur etwa vierzig bewohnt sind. Unsere Gäste erwarten dort weiße Sandstrände, kristallklares Wasser, Korallenriffe, frische Kokosnüsse, dichter Dschungel und die Kultur der indigenen Bewohner dieser Region, des Volkes der Guna. Wir sind überzeugt, dass es keine bessere Art gibt, diesen Ort zu erleben, als auf einer Yacht. In Guna Yala gibt es keine Hotels, keine Straßen und keinen Massentourismus. Unter Segeln können wir Inseln erreichen, die von Tagesausflügen aus Panama City gar nicht angesteuert werden. Obwohl dies einer der letzten unberührten Orte der Welt ist, lässt sich San Blas relativ leicht erreichen. Transportunternehmen holen Besucher morgens direkt von ihrem Hotel in Panama City ab. Anschließend geht es mit einem Schnellboot direkt zu unserer Yacht.

Mit unseren Gästen stehen wir bereits einige Wochen vor Beginn des Törns in Kontakt, um bei den Vorbereitungen zu helfen und Fragen zu beantworten. Am einfachsten erreicht man uns über unsere sozialen Netzwerke auf Instagram und Facebook, über WhatsApp oder über unsere Website sanblas.pl.

Gäste der „Vision“ erleben San Blas vom Wasser aus – mit Stopps in abgelegenen Buchten, Zeit zum Schwimmen und Schnorcheln sowie unmittelbarer Nähe zur Natur. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Wie viel kostet eine Reise mit Sailing La Vision und was ist im Preis enthalten?

Aga: In dieser Saison hängt der Preis für einen Aufenthalt auf der Vision von der gewählten Kabine ab. Ein Platz in der kleineren Kabine mit Etagenbett kostet 1050 US Dollar pro Person. Die größere Kabine mit Doppelbett kostet 1350 US Dollar pro Person. Für Paare, die mehr Ruhe und Privatsphäre wünschen, bieten wir auch private Törns für 1750 US Dollar pro Person an. Im Preis enthalten sind zehn Übernachtungen in der gewählten Kabine mit Zugang zu einem privaten Bad, Frühstück, die Betreuung durch den Kapitän, eine Einführung ins Segeln sowie der Service einer Stewardess. Dazu gehören die Versorgung der Yacht mit Lebensmitteln, Kochen und Reinigung.

Außerdem bieten wir auch andere Yachten an, darunter einen geräumigen Katamaran mit glutenfreier Verpflegung. Das ist eine ideale Option für Menschen mit Zöliakie. Alle Törns werden von Personen geführt, die dieses Revier sehr gut kennen. So fühlen sich unsere Gäste sicher und können sicher sein, mit uns die schönsten Orte des karibischen Archipels San Blas zu entdecken. Wir laden alle herzlich ein, noch in dieser Saison mit uns zu segeln. Die Saison dauert bis Mai.


Der Ozean lehrt Demut

Healthy Lady: Was hat euch das Leben auf dem Meer ĂĽber euch selbst und ĂĽber die Welt gelehrt?

Paweł: Vor allem Respekt vor den Naturgewalten. Es spielt keine Rolle, wie gut dein Boot ist oder wie erfahren du als Segler bist. Meer und Wind können jederzeit zeigen, wer stärker ist. Wir mussten akzeptieren, dass unser Leben stark vom Wetter abhängt. Das ist eine große Lektion in Demut. Außerdem haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen in ärmeren Teilen der Welt leben. Dadurch haben wir noch mehr verstanden, wie privilegiert wir allein durch die Tatsache sind, in Europa geboren zu sein.

Aga: Und wir haben gelernt, uns wirklich aufeinander zu verlassen. Auf einer Yacht sind wir ein Team, in dem jeder seine Aufgaben hat. Wir müssen beide unseren Teil erfüllen, denn davon hängen unsere Sicherheit und unser gemeinsames Leben an Bord ab.


Healthy Lady: Wie definiert ihr heute GlĂĽck nach so vielen Jahren auf dem Ozean? Wie beeinflusst das gemeinsame Leben auf dem Wasser eure Beziehung?

Paweł: Glück bedeutet für mich ein Boot, das in einer schönen, ruhigen Bucht vor Anker liegt, und ein kaltes Bier beim Sonnenuntergang. Dazu kommen unsere Freunde von den anderen Booten, mit denen wir Zeit verbringen können. Nach ein paar Jahren auf dem Meer freuen wir uns vor allem über die kleinen Dinge. Manchmal reicht schon der Gedanke, dass auf dem Boot gerade nichts kaputtgegangen ist.

Das Projekt Yacht ist auch ein großer Test für eine Beziehung. Alles, was auf einem Boot passieren kann, wird früher oder später auch passieren. Darauf waren wir am Anfang nicht vorbereitet. Die vielen Reparaturen, Pannen und Planänderungen haben uns oft überfordert. Es gab niemanden um uns herum, der uns helfen konnte. Meist waren nur wir beide da, und manchmal kam dabei auch viel Frust zum Vorschein. Nach drei Jahren können wir aber sagen, dass wir diese Prüfung bestanden haben. Schließlich sind wir immer noch zusammen.

San Blas vor der KĂĽste Panamas umfasst rund 365 Koralleninseln, von denen nur etwa 40 bewohnt sind. Viele ragen nur wenige Meter ĂĽber den Meeresspiegel hinaus – ein fragiles Ă–kosystem im Herzen der Karibik. (Foto: Aga & Pawel)

Healthy Lady: Viele Menschen sprechen von einer besonderen Energie an bestimmten Orten der Welt, zum Beispiel in Mexiko oder Thailand. SpĂĽrt ihr so etwas auch auf dem Meer in San Blas? Wenn ja, wie wĂĽrdet ihr diese Energie beschreiben?

Aga: Menschen, die schon einmal weit draußen auf dem Meer gesegelt sind, werden verstehen, was ich meine. Alle anderen können es sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen. Im Ozean liegt etwas Magisches. In den Sonnenuntergängen, im offenen Wasser und darin, dass am Horizont kein Land zu sehen ist.

Ich selbst bin eigentlich weder besonders romantisch noch eine leidenschaftliche Seglerin. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich manchmal sogar das Segeln weit draußen auf dem offenen Meer vermisse. Früher konnte ich nicht verstehen, wie Menschen mehrere Tage ohne Pause unterwegs sein können, ohne sich zu langweilen. Mit der Zeit habe ich selbst erlebt, dass man stundenlang auf das Meer schauen kann, ohne dass es langweilig wird. Die Zeit vergeht dort einfach ganz anders.


Healthy Lady: Wohin möchtet ihr mit eurer Vision noch segeln?

Paweł: Oh, wir haben noch viele Pläne und Träume. Auf jeden Fall möchten wir irgendwann die Bahamas und den östlichen Teil der Karibik nachholen, den wir bisher auslassen mussten. Aga träumt davon, die Vision einmal unter der Freiheitsstatue in New York vor Anker zu legen. Und ich würde gerne argentinischen Wein dort trinken, wo er hergestellt wird. Zu unseren größeren Fernzielen gehören außerdem Patagonien, Französisch-Polynesien und irgendwann auch wieder Europa. Wie man sieht, liegen all diese Orte in völlig unterschiedlichen Richtungen, deshalb müssen wir wohl irgendwann Prioritäten setzen. Im Moment haben wir es aber nicht eilig und genießen einfach unser Leben in San Blas.


Healthy Lady: Wenn ihr heute zurĂĽckblickt, was wĂĽrdet ihr eurem frĂĽheren Ich sagen, bevor ihr euch auf diese Reise gewagt habt?

Aga: Es wird ganz anders sein, als ihr es euch vorgestellt habt, aber es wird sich trotzdem lohnen. Es wartet viel Arbeit auf euch und auch viele Momente des Zweifelns, doch gemeinsam werdet ihr alles schaffen. Die Welt ist wunderschön. Man muss nur lernen, die eigenen Pläne manchmal loszulassen und sich auf das einzulassen, was das Leben bringt.

Zwischen Ankerplatz und Horizont: Aga und Paweł haben ein Leben gefunden, das nicht auf Karriere, sondern auf Freiheit baut. (Foto: Aga & Pawel)

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Waldbaden – mehr als nur ein Spaziergang: Wie du mit allen Sinnen in die Natur eintauchst

Hast du dieses Gefühl schon einmal erlebt? Du trittst in den Wald, und plötzlich ist alles anders. Die Bäume um dich herum wirken wie eine schützende Mauer. Die Luft wird kühler, sie riecht nach Erde, nach Moos, nach Nadelbäumen. Vögel singen, irgendwo knackt ein Ast, Blätter rascheln im Wind. Auf einmal hörst du, dass der Wald lebt. Dein Atem wird tiefer. Der Kopf wird ruhiger. Deine Anspannung verschwindet, wie durch ein Zauber. Viele Menschen kennen genau diesen Moment, ohne zu wissen, dass er einen Namen trägt.

Waldbaden ist in den letzten Jahren zu einem festen Begriff geworden. Auf Social Media berichten unzählige Menschen von tiefer Ruhe, innerer Klarheit und einem Gefühl, „endlich wieder bei sich anzukommen“, nachdem sie Zeit im Wald verbracht haben. Doch was steckt wirklich dahinter? Ist Waldbaden einfach ein schöner Spaziergang oder passiert dabei etwas Tieferes in unserem Körper und unserer Psyche?


Was im Körper geschieht, wenn wir in den Wald eintreten

Schon wenige Minuten im Wald verändern messbar unsere Körperreaktionen. Der Puls sinkt, der Blutdruck reguliert sich, die Atmung wird tiefer. Das Stresshormon Cortisol nimmt ab. Unser Nervensystem schaltet vom Dauer-Alarmmodus in den Ruhemodus.

Besonders bekannt sind die Arbeiten des japanischen Immunologen Prof. Dr. Qing Li. In seiner Studie „Forest Bathing Enhances Human Natural Killer Activity and Expression of Anti-Cancer Proteins“ konnte er zeigen, dass ein mehrstündiger Aufenthalt im Wald die Aktivität unserer natürlichen Killerzellen deutlich steigert – jener Immunzellen, die für die Abwehr von Viren und entarteten Zellen zuständig sind. Dieser Effekt hielt in seinen Untersuchungen sogar mehrere Tage an.

Ein Grund dafür liegt in den sogenannten Terpenen. Bäume sondern diese ätherischen Duftstoffe ab, um sich selbst zu schützen. Wir atmen sie unbewusst ein. Terpene wirken nachweislich entzündungshemmend, stressreduzierend und immunstärkend. Sie sind eine Art stille Medizin des Waldes, unsichtbar, aber wirksam. Hinzu kommt der hohe Sauerstoffgehalt, die gefilterte Luft, das gedämpfte Licht, die Geräusche von Blättern, Wind und Vögeln. All das wirkt auf unsere Sinne wie eine Rückkehr in einen natürlichen Rhythmus, den unser Körper seit Jahrtausenden kennt.


Was Waldbaden von einem Spaziergang unterscheidet

Ein Spaziergang hat meist ein Ziel: frische Luft, Bewegung, vielleicht eine Runde um den See. Man geht, denkt nach, hört Musik, telefoniert, ist „unterwegs“. Waldbaden dagegen kennt kein Tempo und kein Ankommen. Es geht nicht darum, Strecke zu machen, sondern präsent zu sein. Beim Waldbaden verlässt du den Modus des Funktionierens. Du gehst langsamer, manchmal bleibst du minutenlang stehen. Dein Blick schweift nicht nach vorn, sondern in die Tiefe: in Rinden, Blätter, Lichtspiele. Du bist nicht auf dem Weg, du bist da. Der Wald ist nicht Kulisse, sondern Begegnung.

Während ein Spaziergang oft im Kopf stattfindet, bringt Waldbaden dich in den Körper. Es ist eine Einladung, den inneren Lärm leiser werden zu lassen und die Außenwelt wieder wirklich wahrzunehmen. Nicht als Hintergrund, sondern als Erlebnis.


Symbolbild (Foto:Pixabay)

Wie du Waldbaden wirklich erlebst – und dich wie neugeboren fühlst

Beim Waldbaden wird das Tempo radikal verlangsamt. Man geht langsam, bleibt stehen, setzt sich, atmet, hört, riecht, fühlt. Die Aufmerksamkeit wird auf den Moment gelenkt. Auf das Knacken eines Astes. Auf die Struktur der Rinde. Auf das Licht zwischen den Blättern. Auf den eigenen Atem.

Du betrittst den Wald nicht wie einen Park, sondern wie einen Raum, der dich aufnimmt. Atme bewusst ein und aus, spüre den Boden unter deinen Füßen. Geh ein paar Schritte und bleib stehen. Lausche. Nicht nur auf Vögel, sondern auf das, was zwischen den Geräuschen liegt.

Streiche mit der Hand über Baumrinde, über Moos, über feuchte Erde. Spüre die Temperatur, die Struktur, das Leben darin. Beuge dich zu Blättern hinab und rieche an ihnen. Zerreibe eine Nadel zwischen den Fingern und atme den Duft ein. Lass deine Augen über Formen wandern: die Adern eines Blattes, das Spiel von Licht im Geäst, das Grün in all seinen Nuancen.

Setz dich auf einen Baumstumpf oder direkt auf den Boden. Lege die Hand auf deinen Bauch und atme so, dass sich dein Atem dort sammelt. Stell dir vor, dein Körper synchronisiert sich mit dem Rhythmus des Waldes – ruhig, gleichmäßig, ohne Eile. Du kannst barfuß ein paar Schritte gehen, um den Kontakt zur Erde zu spüren. Oder du schließt für einen Moment die Augen und lässt den Wald zu dir kommen.

Beim Waldbaden geht es nicht um Technik, sondern um Hingabe. Du musst nichts „leisten“. Du darfst wahrnehmen, fühlen, still sein. Genau darin liegt die Wirkung: Dein Nervensystem schaltet um. Dein Körper versteht, dass keine Gefahr droht. Dein Geist darf loslassen. Und irgendwann geschieht etwas Tiefes: Du bist nicht mehr Besucher im Wald. Du bist Teil davon.


Warum es nur im Wald funktioniert

Oft wird gefragt, ob man nicht genauso gut am Strand, auf einer Wiese oder im Park „waldbaden“ könne. Natürlich wirkt jede Natur beruhigend. Doch der Wald hat eine besondere Qualität.

Er ist ein geschlossenes Ökosystem. Die Luft ist dichter, feuchter, gefilterter. Die Geräusche sind gedämpft. Die visuelle Reizüberflutung unserer Alltagswelt fällt weg. Unser Blick ruht. Unser Nervensystem bekommt weniger Input und genau das braucht es, um zu regulieren.

Vor allem aber ist es die chemische Umgebung: Die Terpene der Bäume, die wir nur dort in dieser Konzentration einatmen. Studien wie „Physiological Effects of Shinrin-Yoku in a Forest Environment“ zeigen, dass diese Effekte in städtischen Parks oder offenen Landschaften deutlich schwächer sind.


Was Waldbaden mit unserer Psyche macht

Psychologisch wirkt Waldbaden wie ein Reset. Gedanken verlangsamen sich. Grübelschleifen lösen sich. Viele Menschen berichten, dass sie nach einer Waldbaden-Session klarer denken, besser schlafen und emotional stabiler sind. Die Erklärung liegt auch hier im Nervensystem. Im Wald wird der parasympathische Anteil aktiviert, jener Teil, der für Regeneration, Verdauung, Heilung und innere Sicherheit zuständig ist. Der Körper versteht: Es besteht keine Gefahr. Diese Erfahrung ist heute selten. Unser Alltag ist geprägt von Reizen, Terminen, Bildschirmen, Geschwindigkeit. Waldbaden ist das Gegenteil davon. Es ist ein Raum, in dem nichts gefordert wird. Kein Optimieren. Kein Leisten. Nur Sein.


Mehr als ein Trend

Waldbaden ist kein Wellness-Gimmick und kein kurzlebiger Hype. Seine Wurzeln liegen in Japan, wo es seit den 1980er-Jahren als Shinrin Yoku bekannt ist – ĂĽbersetzt: „Eintauchen in die Waldatmosphäre“. Damals suchte das japanische Gesundheitsministerium nach Wegen, den steigenden Stress- und Burnout-Zahlen in der Bevölkerung zu begegnen. Der Wald wurde dabei nicht romantisiert, sondern als Gesundheitsraum verstanden. Seither wird Waldbaden in Japan wissenschaftlich erforscht, gefördert und sogar ärztlich empfohlen.

Heute ist diese Praxis längst international angekommen. In Südkorea, Skandinavien, den USA und zunehmend auch in Europa gibt es zertifizierte Waldtherapeutinnen und -therapeuten, geführte Waldbaden-Kurse und sogar spezielle „Heilwälder“. In einigen Ländern, etwa in Japan und Südkorea wird Waldbaden bereits in Reha-Programmen eingesetzt, bei Stressfolgestörungen, Bluthochdruck oder Erschöpfung. Auch in Deutschland entstehen immer mehr Kurorte und Waldgebiete, die offiziell als gesundheitsfördernde Räume anerkannt sind.

Die Schulmedizin begegnet dem Thema inzwischen mit wachsendem Interesse. Studien der Nippon Medical School in Tokio unter Leitung von Professor Qing Li zeigen, dass sich nach Aufenthalten im Wald der Stresshormonspiegel senkt, der Blutdruck sinkt und das Immunsystem messbar gestärkt wird. Besonders spannend, die Anzahl und Aktivität der sogenannten natürlichen Killerzellen – wichtige Zellen unserer Immunabwehr, steigt nach Waldbesuchen deutlich an und bleibt teilweise über Wochen erhöht.

Waldbaden wirkt also nicht nur „gefühlt“, sondern messbar. Es verbindet uraltes menschliches Wissen mit moderner Forschung. Unser Körper ist nicht für Beton, Dauerlärm und ständige Reizüberflutung gemacht. Er ist gemacht für Wind, Licht, Gerüche, Erde und lebendige Umgebungen. Der Wald erinnert uns daran.
Und vielleicht liegt genau darin seine größte Kraft. Er verlangt nichts von uns und gibt uns dennoch so viel zurück.



„Meine größte Angst war zu sterben. Dann starben meine Liebsten.“ – Wenn Angst das Leben bestimmt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Das, worüber wir heute sprechen, geht tief. Es berührt Themen wie Verlust, Suizid und Angst. Dinge, über die man selten spricht, die aber so viele von uns betreffen. Darum möchte ich euch, die gerade selbst durch Trauer gehen oder mit ähnlichen Gedanken ringen, bitten, diesen Artikel vielleicht ein andermal zu lesen. Allen anderen möchte ich heute eine junge Frau vorstellen, deren Geschichte mich tief berührt.


Wenn Angst den Alltag ĂĽbernimmt

Es gibt Ă„ngste, ĂĽber die man spricht und Ă„ngste, die man still mit sich trägt, weil sie so tief in einem wohnen, dass Worte kaum reichen. Janet lebt mit einer solchen Angst. Hypochondrie â€“ so heiĂźt ihre Diagnose. Ein Wort, das viele noch immer falsch verstehen.

Denn Hypochondrie bedeutet nicht, dass man sich „einbildet, krank zu sein“. Es bedeutet, dass die Angst vor Krankheit so real ist, dass sie den Alltag beherrscht. Janet lebt in einem ständigen Alarmzustand.

Wenn andere bei Kopfschmerzen nach einer Tablette greifen, denkt Janet an einen Hirntumor. Wenn ihr Herz kurz stolpert, sieht sie sich schon im Krankenhaus. Und wenn sie im Internet Symptome googelt, was sie oft tut, landet sie nach wenigen Minuten in einem Strudel aus Diagnosen, Bildern und Geschichten, die ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Und obwohl Ärzte immer wieder sagen, sie sei körperlich gesund, bleibt die Angst. Weil sie nicht im Körper sitzt – sondern in der Seele.


Der Mut, hinzusehen

Was mich an Janet am meisten bewegt, ist ihre Offenheit. Sie läuft ihrer Angst nicht davon, sie schaut ihr ins Gesicht. Sie spricht über Dinge, über die viele schweigen würden.

Die dreißigjährige Pflegefachkraft zeigt, wie es ist, in einer Welt zu leben, in der das Internet jede Unsicherheit verstärkt. In der ein einziger Klick auf Google genügt, um aus einem leisen Zweifel eine Panikwelle werden zu lassen. In dieser ständigen Alarmbereitschaft aufzuwachsen, formt ein ganzes Leben. Und doch steht sie jeden Tag auf. Als alleinerziehende Mutter einer Tochter kämpft sie nicht nur gegen ihre große Angst, sondern vor allem für ein leichteres, freieres Leben ihrer kleinen Familie.

Wir sprechen heute ĂĽber das Weitermachen, wenn das Leben einem alles nimmt, was Halt gibt.
Durch Janets Hypochondrie war der Tod für sie stets präsent als fürchterliche Angst vor dem eigenen Ende. Doch dann geschah das Unerwartete: Nicht ihr eigenes Leben endete, sondern das der Menschen, die sie am meisten liebte – derer, die ihr Halt gaben und auf einmal fehlten.

In der schlimmsten Phase wurde jedes körperliche Gefühl zur Bedrohung. Stundenlanges Googeln von Symptomen hielt Janet in einem Teufelskreis aus Angst und Selbstzweifel gefangen. (Foto: Janet)

Irgendetwas stimmt doch nicht

Healthy Lady: Ich habe dich in einem YouTube-Interview entdeckt und war sehr beeindruckt davon, wie offen du ĂĽber deine Hypochondrie gesprochen hast. Ich fragte ich mich nur, ob die Zuschauer wirklich begreifen können, was du durchmachst. Doch dann las ich die Kommentare. Hunderte von Menschen schrieben: „Ich verstehe sie.“ „Mir geht es genauso.“ Laut Studien leidet etwa ein Prozent der Deutschen an Hypochondrie. Wenn man diese Stimmen liest, scheint die Dunkelziffer deutlich höher zu sein. Viele wissen nicht einmal, dass ihre Angst einen Namen hat.

Wie war das bei dir? Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, was mit dir los ist? Hattest du zuvor schon einmal von Hypochondrie gehört?

Janet: Bevor ich meine Diagnose â€žHypochondrische Störung“ bekommen habe, hatte ich noch nie etwas von Hypochondrie gehört oder gelesen. Ich wusste aber, dass es Erkrankungen gibt, die sich durch krankhafte Ă„ngste vor Krankheiten auszeichnen. Erst als meine Mutter, Ă„rzte oder Freunde immer wieder zu mir sagten, dass ich krankhafte Ă„ngste vor Erkrankungen habe, die ich gar nicht habe, fing ich an, mich intensiver damit zu beschäftigen und tauschte mich in Foren mit anderen Betroffenen aus.
Als ich immer wieder die Bestätigung von Ärzten bekam, dass ich nicht an der Krankheit erkrankt bin, von der ich überzeugt war, merkte ich irgendwann, dass etwas an dem dran ist, was mir Ärzte und Angehörige erklärten.

„Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann – ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.“


Veränderung durch die Diagnose

Healthy Lady: Hat die Diagnose etwas in deinem Leben verändert? Hat es dir geholfen zu wissen, dass du körperlich gesund bist? Oder hat das die Angst vielleicht sogar noch verstärkt?

Janet: Die Diagnose hat mir langsam dabei geholfen, mit meinen Ängsten in Bezug auf Krankheiten besser umzugehen.
Trotzdem ging es nicht von heute auf morgen. Es war ein langer Weg.
Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: â€žDiesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“ Ich hatte aber immer wieder die Diagnose â€žHypochondrie“ im Kopf und versuchte, mich zu beruhigen. Ich erinnerte mich an all meine â€žKrankheiten“, die sich nie bestätigt hatten.

Ihr größter Halt und der Grund, jeden Tag aufs Neue zu kämpfen: Für ihre kleine Tochter überwindet Janet täglich ihre Grenzen – denn Liebe ist stärker als jede Panikattacke. (Foto: Janet)

Der Auslöser

Healthy Lady: Kannst du dich an den Moment erinnern, als alles begann? Gab es eine Situation, einen Auslöser, der die Krankheit in Gang setzte?

Janet: Ich weiĂź, dass ich schon immer ein Mensch war, der dazu neigte, schnell vom Schlimmsten auszugehen.
Seit 2012 arbeite ich im Gesundheitsbereich, dort sieht man sehr viel. Vieles, das einen prägt und mitnimmt.
Als eine Bekannte in meinem Alter mit Mitte 20 an Krebs starb, den man bei ihr lange nicht erkannt hatte, wurden meine Ă„ngste immer schlimmer. Jahrelang lebte ich damit und schaffte es, das â€žKartenhaus“ nicht zusammenfallen zu lassen.

Dann nahm sich im März 2022 mein Vater das Leben und für mich ging es psychisch steil bergab.
Meine Ă„ngste und Sorgen waren kaum noch tragbar. Ich hatte panische Angst, todkrank zu sein und nicht mehr fĂĽr meine Tochter da sein zu können. Ich hatte jeden Tag neue Symptome, die mir mein Körper â€žvorspielte“.
Ich wusste, ich brauchte Hilfe, ich schaffte es nicht mehr, die Ängste allein zu bewältigen.

„Bei jedem noch so kleinen Symptom stand ich wieder in Alarmbereitschaft, aus Angst: ‚Diesmal ist es wirklich etwas Schlimmes.“


Umgang mit dem Verlust

Healthy Lady: Der Verlust eines Elternteils ist immer schmerzhaft – doch wenn ein Elternteil durch Suizid geht, hinterlässt das oft viele offene Fragen. Wie bist du mit diesem Verlust umgegangen?

Janet: Der Suizid meines Vaters hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann, ohne ein Tschüss, ohne ein letztes Wort.
Ich bekam Angst vor dem Tod, Angst vor dem plötzlichen Sterben. Ich wollte bei jedem Symptom auf Nummer sicher gehen. Der Verlust war schwer, ich hatte viele offene Fragen. Fragen, die ich nie mehr beantwortet bekommen werde.


Schlimmste Phase der Krankheit

Healthy Lady: Wie hat sich dein Leben in der schlimmsten Phase der Hypochondrie angefĂĽhlt?

Janet: Die schlimmste Phase der Hypochondrie war einfach nur schrecklich. Ich hatte jeden Tag neue Symptome – und war überzeugt, dass ich bald sterben müsste. Ich dachte, dass mich niemand ernst nimmt, und war sicher, dass die Ärzte etwas übersehen haben. Ich war fast täglich bei Ärzten und hatte unzählige Untersuchungen.

Die Liste meiner Symptome war lang. Das Schlimmste waren Taubheitsgefühle, Kribbeln in Armen und Beinen, Stiche im Kopf und im Herzbereich. Ich hatte Zuckungen im Gesicht und konnte an manchen Tagen vor Schwindel kaum aufstehen. Zeitweise hatte ich eine Fußhebeschwäche und konnte kaum gehen. Es war eine schlimme Zeit.


Rolle des Internets

Healthy Lady: Welche Rolle hat das Internet in dieser Zeit gespielt?

Janet: Das Internet oder wie man sagt, â€žDr. Google“ war Fluch und Segen zugleich.
Auf der einen Seite hat es meine Ängste verstärkt, weil bei jedem Symptom, das ich eingab, gleich eine schwere Krankheit angezeigt wurde. Auf der anderen Seite bin ich auf Foren gestoßen, in denen ich auf Gleichgesinnte traf. Das hat mich oft sehr beruhigt.


Therapie & Hilfen

Healthy Lady: Wie kämpft man gegen Hypochondrie? Was hat dir geholfen, mit deiner Angst umzugehen?

Janet: Gegen Hypochondrie zu kämpfen oder einzusehen, dass dies die eigentliche Krankheit ist, war ein schwerer Prozess. Es hat lange gedauert. Am meisten geholfen haben mir der Austausch mit anderen Betroffenen, das Kennenlernen der Krankheit, Gesprächstherapie und eine medikamentöse Behandlung.

„Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, meine Tochter zu verlieren. Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.“


Umfeld & Verständnis

Healthy Lady: Gab es in deinem Leben Momente, in denen du dich nicht verstanden gefĂĽhlt hast?

Janet: Vor allem am Anfang habe ich mich von allen falsch verstanden und nicht ernst genommen gefĂĽhlt.
Menschen, die solche Ängste nicht kennen, wissen oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Nur wenige Personen in meinem Umfeld haben mich ernst genommen oder mir geglaubt.
Einige Ärzte, vor allem mein Psychiater und Psychologe haben das Ausmaß erkannt.
Das meiste Verständnis bekam ich von Menschen, die dasselbe erleben. Diese habe ich in einer Klinik kennengelernt. Das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben.


Verlust der Mutter & RĂĽckfall

Healthy Lady: Du hast im vergangenen Jahr erneut einen schweren Verlust erlebt – deine Mutter ist gestorben. Wie ging es dir in dieser Zeit?

Janet: Im April 2024 passierte etwas Schreckliches: Als ich mich gerade wieder etwas stabilisiert hatte, starb meine Mutter. Nur einen Tag nach der Diagnose akute Leukämie. Es war eine sehr seltene Form, â€žAPL“ genannt. Einen Tag nach einer Krebsdiagnose. So etwas hatte ich in all meinen Jahren im Krankenhaus nie erlebt.
Nach kurzer Zeit verschlechterte sich mein psychischer Zustand rapide. Aber ich musste stark bleiben. Ich bin alleinerziehende Mama einer vierjährigen Tochter. Meine Mutter, mein größter Halt, war plötzlich nicht mehr da. Mein ganzes Leben veränderte sich in nur 24 Stunden. Ihr Tod war für mich unfassbar. Gerade weil es so eine seltene Erkrankung war, konnte ich es nicht fassen. Das hat mir gezeigt, dass nichts unmöglich ist und meine Ängste und Sorgen wieder stark verschlimmert. Medikamente waren unumgänglich, um nicht völlig abzustürzen.

„Manchmal habe ich sogar Angst, meine Tochter in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.“


Mama sein mit Angst

Janet (30), Pflegefachkraft und alleinerziehende Mutter – dank therapeutischer Unterstützung hat sie heute gelernt, mit ihrer Angst zu leben und ihr Leben Stück für Stück zurückzuerobern. (Foto: Janet)

Healthy Lady: Du bist Mama einer kleinen Tochter. Wie gehst du mit deiner Angst um, wenn es um sie geht?

Janet: Meine Ängste und Sorgen sind, besonders wenn es um meine Tochter geht sehr stark. Jedes Symptom bei ihr, und wenn es nur Husten oder Schnupfen ist, löst in mir große Sorge aus. Ich recherchiere sofort oder gehe direkt zum Arzt, wenn ich beunruhigt bin. Wenn sie krank ist, bin ich sehr angespannt. Manchmal Tag und Nacht.
Ich bekomme oft Panikattacken aus Angst, sie zu verlieren.

Durch meine Verluste habe ich eine starke Verlustangst entwickelt.
Manchmal habe ich sogar Angst, sie in den Kindergarten zu bringen, weil etwas passieren könnte.
Natürlich denke ich auch oft daran, was wäre, wenn ich schwer krank wäre, wer dann für sie da wäre.
Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag. Mal mehr, mal weniger.


Die Botschaft

Healthy Lady: Wenn du heute zurĂĽckblickst – was hat dir geholfen, nicht völlig den Boden unter den FĂĽĂźen zu verlieren?

Janet: RĂĽckblickend kann ich sagen: Meine Tochter ist mein größter Halt und meine Kraft, weiterzumachen und jeden Tag aufzustehen. Allen Betroffenen kann ich nur sagen: Holt euch Hilfe. Hypochondrie ist keine Spinnerei, es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fĂĽhlen, denn wir sind viele.

Der Austausch mit anderen Betroffenen war für mich heilsam. Mir helfen außerdem Entspannungsübungen, Spaziergänge und bewusste Pausen ohne Handy. Ich habe mein Umfeld verändert und nur noch Menschen in mein Leben gelassen, die mir guttun, mich ernst nehmen und mir zuhören. Stück für Stück habe ich Lebensfreude zurückgewonnen mit Therapien, Hobbys und kleinen Momenten für mich selbst.
Es geht nicht von heute auf morgen. Es ist Arbeit, ein Prozess, ein Auf und Ab. Jeder in seinem Tempo.

Rückschläge annehmen und das Beste daraus machen. Tag für Tag.
Wer diese Krankheit annehmen kann und sie versteht, kann lernen, mit ihr zu leben.

„Hypochondrie ist keine Spinnerei – es ist eine Erkrankung. Niemand sollte sich damit allein fühlen.“


Hilfe und UnterstĂĽtzung

Wenn du selbst unter starken Ängsten leidest, dich oft krank fühlst, obwohl Ärzte nichts finden, oder jemanden verloren hast und nicht mehr weiterweißt – du bist nicht allein.
Sprich mit deinem Hausarzt, einer Psychotherapeutin oder wende dich an eine der folgenden Anlaufstellen.

  • Telefonseelsorge (kostenfrei, anonym, rund um die Uhr): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
  • Nummer gegen Kummer (fĂĽr Kinder, Jugendliche & Eltern): 116 111
  • Ă„rztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117 (auch bei psychischen Krisen)
  • In akuten Notfällen: Wähle die 112 oder geh in die nächste Notaufnahme.

Auch Online-Angebote können helfen: