Ein Kribbeln, das einfach nicht verschwinden will. Plötzlich sieht ein Auge verschwommen oder der eigene Körper fühlt sich ungewöhnlich kraftlos an. Solche Beschwerden können viele verschiedene Ursachen haben und bedeuten keineswegs automatisch Multiple Sklerose. Wenn neurologische Symptome jedoch neu auftreten oder anhalten, solltest du sie ärztlich abklären lassen.
Denn Multiple Sklerose, kurz MS, kann sich sehr unterschiedlich bemerkbar machen. Während eine Frau zunächst Sehstörungen entwickelt, beginnt die Erkrankung bei einer anderen vielleicht mit Taubheitsgefühlen oder Problemen beim Gehen. Nicht ohne Grund wird MS deshalb auch als „Krankheit mit den 1.000 Gesichtern“ bezeichnet.
Was passiert bei Multipler Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dazu gehören dein Gehirn und dein Rückenmark.
Bei MS spielen fehlgeleitete Immunreaktionen eine zentrale Rolle. Entzündliche Prozesse können unter anderem die Myelinscheiden schädigen, die Nervenfasern umgeben und für eine störungsfreie Weiterleitung von Signalen wichtig sind. Je nachdem, welche Bereiche des zentralen Nervensystems betroffen sind, können ganz unterschiedliche Beschwerden entstehen. Genau das macht MS so individuell. Es gibt nicht den einen Verlauf, den jede Betroffene durchläuft.
GUT ZU WISSEN
Multiple Sklerose ist nicht ansteckend und bedeutet auch nicht automatisch, irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein. Solche Vorstellungen gehören zu den hartnäckigen Vorurteilen rund um die Erkrankung.
Welche Symptome können bei MS auftreten?
Zu den möglichen Beschwerden gehören unter anderem Sehstörungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle, Muskelschwäche, Probleme mit Gleichgewicht und Koordination, Schmerzen, Schwindel und Blasenstörungen.
Auch weniger sichtbare Symptome können eine große Rolle spielen. Dazu gehören beispielsweise Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme sowie Fatigue, eine krankheitsbedingte, ungewöhnlich starke Erschöpfbarkeit.
Vielleicht erkennst du einzelne dieser Beschwerden von dir selbst. Das bedeutet jedoch nicht, dass du MS hast. Gerade Symptome wie Schwindel, Müdigkeit oder Kribbeln können zahlreiche Ursachen haben.
Deshalb ist Googeln an dieser Stelle selten die beste Idee. Wenn etwas neu, ungewöhnlich oder anhaltend ist, lass es medizinisch einordnen.
Warum betrifft MS besonders viele Frauen?
MS beginnt häufig im jungen Erwachsenenalter. Nach Angaben der DMSG treten bei ungefähr zwei Dritteln der Erkrankten die ersten Symptome zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Angaben zum genauen Verhältnis unterscheiden sich je nach Datengrundlage, die DMSG beschreibt jedoch eindeutig eine höhere Erkrankungshäufigkeit bei Frauen.
Warum ein Mensch MS entwickelt und ein anderer nicht, lässt sich bislang nicht mit einer einzelnen Ursache erklären. Nach heutigem Wissen entsteht die Erkrankung durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Genetische Veranlagung und Umweltfaktoren werden ebenso untersucht wie Infektionen. Besonders gut belegt ist ein Zusammenhang mit dem Epstein-Barr-Virus. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine EBV-Infektion automatisch zu MS führt.
Wie wird MS diagnostiziert?
Einen einzelnen Bluttest, der dir eindeutig sagt „Du hast MS“, gibt es nicht.
Stattdessen setzt sich die Diagnose aus verschiedenen Informationen und Untersuchungen zusammen. Dazu gehören die Krankengeschichte und neurologische Untersuchung sowie insbesondere die Magnetresonanztomografie von Gehirn und gegebenenfalls Rückenmark. Je nach Situation können weitere Untersuchungen hinzukommen, beispielsweise eine Analyse des Nervenwassers durch eine Lumbalpunktion oder Untersuchungen sogenannter evozierter Potenziale. Gleichzeitig müssen andere mögliche Ursachen der Beschwerden berücksichtigt werden.
Die aktuellen diagnostischen Kriterien wurden zuletzt überarbeitet. Die deutsche DGN-Living-Guideline von 2026 berücksichtigt bereits die 2025 veröffentlichten revidierten McDonald-Kriterien.
DEIN TIPP FÜR DEN ARZTTERMIN
Wenn du wegen neurologischer Beschwerden einen Termin hast, notiere dir vorher, wann die Symptome begonnen haben, wie lange sie anhalten, welche Körperregion betroffen ist und ob sie schon einmal aufgetreten sind. So musst du dich im Gespräch nicht auf dein Gedächtnis verlassen.
Was bedeutet eine MS-Diagnose heute?
Eine Diagnose kann verständlicherweise Angst machen. Gerade weil sich MS so unterschiedlich entwickeln kann, solltest du jedoch nicht versuchen, aus der Geschichte einer anderen Betroffenen deine eigene Zukunft abzulesen.
MS ist derzeit nicht heilbar. Es stehen aber verschiedene verlaufsmodifizierende Therapien zur Verfügung, mit denen die Krankheitsaktivität beeinflusst werden kann. Darüber hinaus können einzelne Symptome gezielt behandelt werden. Welche Therapie geeignet ist, hängt unter anderem von Krankheitsaktivität, Verlauf und der individuellen Situation der Patientin ab.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Information, die du aus diesem Artikel mitnehmen solltest: MS hat viele Gesichter. Eine Diagnose allein erzählt noch nicht, wie dein persönliches Leben mit der Erkrankung aussehen wird.
Wenn du gerade auf Untersuchungen wartest oder eine Diagnose bekommen hast, schreib dir deine Fragen auf und nimm sie mit zum nächsten Gespräch in der Neurologie. Du musst nicht an einem einzigen Termin alles verstehen und entscheiden.
Quellen
Die wichtigsten medizinischen Grundlagen dieses Artikels stammen aus der S2k-Living-Guideline „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Version 2026, sowie den aktuellen Fachinformationen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft.
DGN Living Guideline Multiple Sklerose 2026
DMSG: Was ist Multiple Sklerose?
DMSG: Symptome der Multiplen Sklerose
DMSG: MS verstehen und Diagnostik
Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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