Biochemie

Biochemikerin erklärt: So beeinflussen Hormone deine Energie & Stimmung

Plötzliche Erschöpfung, Heißhunger-Attacken oder emotionale Achterbahnfahrten kurz vor der Periode – viele Frauen kennen diese Symptome, ohne zu wissen, was wirklich dahintersteckt. Dabei liegt die Ursache oft tief im hormonellen Gleichgewicht. Mehr als 50 verschiedene Hormone wirken im Körper als Botenstoffe und beeinflussen täglich unsere Energie, unseren Schlaf oder unseren Stoffwechsel.

Von der Symptombehandlung zur Biochemie

Viele Beschwerden wie Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen werden oft erst dann medizinisch abgeklärt, wenn sie den Alltag bereits spürbar belasten. Die Biochemie setzt deutlich früher an. Sie beschäftigt sich mit den Prozessen im Körper, die solche Symptome oft schon lange vorher beeinflussen. Im Gespräch mit Healthy Lady erklärt Biochemikerin Fatme Bolhos, wie Hormone, Blutzucker und Stress unser körperliches und emotionales Gleichgewicht steuern.

Wissenschaft nahbar erklärt

Die Berlinerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die komplexen Abläufe im Körper verständlich zu machen. Über soziale Medien teilt sie ihr Wissen mit einer jungen Generation und erklärt, was bei Themen wie Ernährung, Krankheiten oder Zyklusschwankungen auf zellulärer Ebene passiert.

Dieses Wissen dient vielen Frauen als entscheidender Schlüssel, um die eigenen Signale endlich besser einzuordnen. Wer versteht, was im Inneren abläuft, nimmt Veränderungen im Zyklus bewusster wahr und kann dadurch lernen, den eigenen Körper besser zu verstehen.


Der Zyklus als biochemischer Prozess

Healthy Lady: Von Energie über Stimmung bis hin zu Fruchtbarkeit beeinflussen Hormone nahezu jeden Bereich unseres Alltags. Gibt es dabei ein Hormon, das im Körper eine Art Schlüsselrolle übernimmt, oder arbeiten all diese Prozesse komplexer zusammen?

Fatme Bolhos: Ein einzelnes zentrales Hormon gibt es eigentlich nicht. Das Hormonsystem funktioniert eher wie ein Netzwerk, in dem viele Hormone zusammenarbeiten. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei das Gehirn, vor allem der Hypothalamus, eine Art übergeordnetes Regulationszentrum, und die Hypophyse, auch Hirnanhangsdrüse genannt. Gemeinsam steuern sie viele andere Hormondrüsen im Körper.


Healthy Lady: Wenn wir den weiblichen Zyklus biochemisch betrachten, was passiert in den einzelnen Phasen im Körper?

Fatme Bolhos: Der Zyklus wird durch verschiedene Hormone gesteuert. Zu Beginn des Zyklus startet die Reifung einer Eizelle im Eierstock. Dabei steigt vor allem das Hormon Östrogen an, das unter anderem den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut unterstützt. Etwa in der Mitte des Zyklus kommt es zum Eisprung, bei dem die reife Eizelle freigesetzt wird. Danach produziert der Körper vermehrt Progesteron, um sich auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten. Wenn keine Befruchtung stattfindet, sinken die Hormonspiegel wieder ab, und die Menstruation beginnt.

„Chronischer Stress kann das Hormonsystem deutlich beeinflussen, weil der Körper dabei dauerhaft Stresshormone wie Cortisol ausschüttet.“

Healthy Lady: Wie beeinflussen Östrogen und Progesteron unsere Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin und damit Stimmung, Energie und Motivation?

Fatme Bolhos: Östrogen wird eher mit unterstützenden Effekten auf Serotonin- und Dopaminsysteme verbunden, die für Stimmung und Motivation wichtig sind. Progesteron wirkt bei vielen eher beruhigend, vor allem über Signalwege des Gamma-Aminobuttersäure-Systems, einem körpereigenen Botenstoff, der beruhigend auf das Nervensystem wirkt. Deshalb können beide Hormone die Stimmung auf unterschiedliche Weise beeinflussen.

Biochemikerin Fatme Bolhos veröffentlicht unter dem Namen @diebiochemikerin auf Social Media Aufklärung rund um Biochemie, Gesundheit und hormonelle Prozesse. (Bild: Fatme Bolhos)

Alltag verstehen statt nur optimieren

Healthy Lady: Blutzucker wird oft im Zusammenhang mit Diabetes diskutiert. Welche Rolle spielt er auch für das hormonelle Gleichgewicht?

Fatme Bolhos: Der Blutzucker spielt auch für das hormonelle Gleichgewicht eine wichtige Rolle, weil er eng mit dem Hormon Insulin verbunden ist. Wenn der Blutzucker stark schwankt, muss der Körper häufiger Insulin ausschütten. Langfristig können solche Schwankungen auch andere Hormonsysteme beeinflussen, zum Beispiel Stresshormone, Hungerhormone oder den weiblichen Zyklus. Ein stabiler Blutzucker unterstützt daher oft auch mehr Energie und ein ausgeglicheneres Wohlbefinden.


Healthy Lady: Was passiert eigentlich im Körper, wenn unser Blutzucker ständig hoch und runter geht?

Fatme Bolhos: Wenn der Blutzuckerspiegel stark schwankt, müssen die Zellen sich ständig anpassen. Steigt der Blutzucker stark an, wird Insulin ausgeschüttet, damit Glukose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann. Fällt der Blutzucker schnell ab, kann dem Körper kurzfristig Energie fehlen, worauf Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol reagieren. Häufige starke Schwankungen können Zellen belasten und langfristig Stoffwechselprozesse ungünstig beeinflussen.

„Östrogen wird eher mit unterstützenden Effekten auf Serotonin und Dopaminsysteme verbunden, die für Stimmung und Motivation wichtig sind.“

Healthy Lady: Rund um den Zyklus verändert sich auch unsere Haut. Was passiert dabei hormonell im Körper?

Fatme Bolhos: Das Hautbild wird nicht nur durch Pflegeprodukte beeinflusst, sondern auch stark durch innere Prozesse. Besonders Hormone spielen eine wichtige Rolle, weil sie Talgproduktion, Feuchtigkeit, Entzündungsneigung und Hauterneuerung beeinflussen können. Rund um den Eisprung ist der Östrogenspiegel oft höher, was bei vielen mit einer besser durchfeuchteten, klareren oder strahlenderen Haut verbunden wird. In anderen Zyklusphasen können hormonelle Veränderungen eher Unreinheiten oder empfindlichere Haut begünstigen.


Healthy Lady: Viele von uns merken erst spät, wie stark dauerhafter Stress den eigenen Körper beeinflussen kann, sei es durch Schlafprobleme, Erschöpfung, Heißhunger oder Veränderungen im Zyklus. Was passiert, wenn Stress über längere Zeit anhält?

Fatme Bolhos: Chronischer Stress kann das Hormonsystem deutlich beeinflussen, weil der Körper dabei dauerhaft Stresshormone wie Cortisol ausschüttet. Kurzfristig ist das sinnvoll, um leistungsfähig zu bleiben. Wenn Stress jedoch über längere Zeit anhält, kann das andere Hormonsysteme stören, zum Beispiel Schlafhormone, Hungerregulation, Schilddrüsenfunktion oder den weiblichen Zyklus. Viele merken das dann durch Erschöpfung, Schlafprobleme oder Zyklusveränderungen.


Prävention und Alltag

Healthy Lady: Wenn Frauen ihren Zyklus besser verstehen oder regulieren möchten, wo würdest du aus biochemischer Sicht ansetzen?

Fatme Bolhos: Aus biochemischer Sicht würde ich zuerst bei den Grundlagen ansetzen. Schlaf, Ernährung, Stressmanagement und regelmäßige Bewegung beeinflussen viele Hormonsysteme direkt. Auch ein stabiler Blutzucker, ausreichend Energiezufuhr und Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle. Wenn Beschwerden stärker sind, sollte man zusätzlich medizinisch abklären, ob zum Beispiel die Schilddrüse, der Eisenstatus oder andere hormonelle Störungen beteiligt sind.

„Wenn Stress jedoch über längere Zeit anhält, kann das andere Hormonsysteme stören.“

Healthy Lady: Wenn es um Hormone geht, denken viele zuerst an Eierstöcke, Schilddrüse oder den Zyklus. Kaum jemand aber an die Leber. Welche Rolle spielt sie im Hormonstoffwechsel?

Fatme Bolhos: Die Leber spielt eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel und wird dabei oft unterschätzt. Sie hilft, Hormone umzubauen, zu aktivieren oder abzubauen, damit sie in einem gesunden Gleichgewicht bleiben. Außerdem produziert sie wichtige Transportproteine, an die Hormone im Blut gebunden werden. Wenn die Leberfunktion beeinträchtigt ist, kann sich das daher auch auf den Hormonhaushalt auswirken.


Healthy Lady: Wenn es um Hormone geht, kursieren viele Ernährungs-Empfehlungen. Welche Nährstoffe braucht der Körper tatsächlich, um hormonell im Gleichgewicht zu bleiben?

Fatme Bolhos: Ja, bestimmte Nährstoffe spielen für den Hormonhaushalt eine wichtige Rolle, weil Hormone nur dann optimal gebildet und reguliert werden können, wenn der Körper ausreichend versorgt ist. Besonders relevant sind Eiweiß, gesunde Fette, Magnesium, Zink, Eisen, Vitamin D und B-Vitamine. Auch ausreichend Energiezufuhr insgesamt ist wichtig, denn bei dauerhaftem Mangel kann der Körper hormonelle Prozesse herunterregulieren.


Hormone und Psyche

Healthy Lady: Viele Frauen erleben in der zweiten Zyklushälfte stärkere emotionale Schwankungen. Welche Rolle spielen dabei Progesteron und das Nervensystem?

Fatme Bolhos: In der zweiten Zyklushälfte steigt zunächst Progesteron an. Dieses Hormon wirkt im Gehirn unter anderem auf Systeme, die mit Ruhe, Stressverarbeitung und Stimmung zusammenhängen. Kurz vor der Periode fallen Progesteron und später auch Östrogen wieder ab. Auf diese Schwankungen reagiert das Nervensystem bei manchen sensibler, dadurch können Reizbarkeit, Traurigkeit oder innere Unruhe entstehen.

„Insulin wirkt nicht nur auf Zucker, sondern auch auf die Eierstöcke.“

Healthy Lady: Warum können hormonelle Veränderungen, z.B. beim Absetzen der Pille oder in der Perimenopause so starke Auswirkungen auf die Stimmung haben?

Fatme Bolhos: Hormone beeinflussen im Gehirn Systeme wie Serotonin, Dopamin und GABA, einen körpereigenen Botenstoff, der unter anderem beruhigend auf das Nervensystem wirkt. Diese Systeme sind wichtig für Stimmung, Motivation und emotionale Stabilität. Wenn sich Hormonspiegel plötzlich verändern, muss sich das Nervensystem erst anpassen. Deshalb können in Übergangsphasen Stimmungsschwankungen, Nervosität oder Erschöpfung auftreten.


Blutzucker und Heißhunger

Healthy Lady: Insulin wird meist mit Blutzucker oder Diabetes in Verbindung gebracht. Dass dieses Hormon aber auch Einfluss auf den weiblichen Zyklus haben kann, ist deutlich weniger bekannt. Welche Auswirkungen kann ein dauerhaft erhöhter Insulinspiegel langfristig auf den Körper haben?

Fatme Bolhos: Insulin wirkt nicht nur auf Zucker, sondern auch auf die Eierstöcke. Bei dauerhaft erhöhtem Insulin, etwa bei Insulinresistenz, kann die Produktion männlicher Hormone steigen und der Eisprung gestört werden. Das sieht man zum Beispiel häufig beim Polyzystischen Ovarialsyndrom (PCOS). Für Betroffene kann sich das unter anderem durch unregelmäßige Zyklen, ausbleibende Eisprünge, Hautveränderungen oder Schwierigkeiten beim Schwangerwerden bemerkbar machen. Deshalb spielt ein stabiler Blutzucker nicht nur für den Stoffwechsel, sondern auch für die hormonelle Gesundheit eine wichtige Rolle.

„Die Leber spielt eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel und wird dabei oft unterschätzt.“

Healthy Lady: Kurz vor der Periode scheint der Körper plötzlich nach Schokolade, Snacks oder mehr Energie zu verlangen. Welche hormonellen Veränderungen stecken dahinter und warum reagiert der Körper in dieser Phase oft anders?

Fatme Bolhos: Vor der Periode verändern sich Östrogen und Progesteron. Gleichzeitig steigt bei manchen der Energiebedarf leicht an, und das Belohnungssystem reagiert sensibler auf Zucker oder Fett. Dazu kommen Stimmungsschwankungen oder Müdigkeit. Dadurch entsteht oft stärkerer Appetit oder Heißhunger.


Wann es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen

Hormonelle Veränderungen gehören für viele Frauen zum Leben dazu. Beschwerden wie Erschöpfung, starke Stimmungsschwankungen, Zyklusveränderungen oder anhaltender Heißhunger sollten jedoch nicht dauerhaft ignoriert werden. Wer über längere Zeit Veränderungen bemerkt oder sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt, kann diese Symptome medizinisch abklären lassen. Erste Anlaufstellen sind meist die gynäkologische Praxis, je nach Beschwerden aber auch hausärztliche oder endokrinologische Fachpraxen. Dort können abhängig von Zyklusphase und Symptomen unter anderem Hormonwerte, Schilddrüse, Eisenstatus oder Stoffwechselmarker genauer untersucht werden. Denn je besser wir verstehen, was im Körper passiert, desto bewusster können wir mit den Signalen unseres Körpers umgehen.