Wenn es an der Tür klingelt und das Jugendamt davorsteht, bleibt für viele Familien die Welt schlagartig stehen. Es ist ein Moment, in dem die Luft im Flur schwer wird vor Anspannung und das Herz schneller schlägt. In kaum einem anderen Bereich prallen große Unsicherheit und staatliche Verantwortung so unmittelbar aufeinander.
Stefanie Schlösser kennt beide Seiten dieses Moments. Viele Jahre lang war das Jugendamt ihre berufliche Heimat. Als Jugendamtsleiterin traf sie Entscheidungen, die über den Schutz eines Kindes und damit über das Leben ganzer Familien bestimmten. Es waren Situationen, die weit mehr verlangten als nur Fachwissen. Sie erforderten Mut, Erfahrung und ein hohes Maß an Menschlichkeit. Sie hat erlebt, wie Eltern die Tür nur einen Spalt breit öffnen, weil das Vertrauen fehlt und die Angst überwiegt.
Zum Zeitpunkt unseres Interviews begleitete sie als Sozialpädagogin Familien, die sich im Kontakt mit Behörden unsicher oder überfordert fühlten. Mit ihrer Erfahrung konnte sie helfen, Abläufe verständlich zu machen und Gespräche besser vorzubereiten. Heute ist sie wieder im Bereich Jugendhilfe tätig. Ihre Perspektive ist geblieben. Sie kennt die Herausforderungen auf beiden Seiten und weiß, wie wichtig es ist, Vertrauen aufzubauen und Missverständnisse zu vermeiden.

Jugendamt hinter den Kulissen: Was wirklich passiert
Healthy Lady: Liebe Stefanie, kommen wir gleich zum Kern der Sache, der oft die größte Verunsicherung auslöst: Was macht das Jugendamt eigentlich wirklich und was gehört ausdrücklich nicht zu seinen Aufgaben?
Stefanie Schlösser: Die Aufgaben des Jugendamtes sind im Gesetz (SGB VIII) festgeschrieben. Das Ganze ist so komplex, dass eine vollständige Liste den Rahmen sprengen würde, aber ein Punkt ist mir besonders wichtig: Das Jugendamt ist nicht automatisch gleichzusetzen mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Der ASD ist nur ein Teilbereich, wenn auch der, der am meisten im Fokus steht.
„Der ASD ist nur ein kleiner Teil – das Jugendamt besteht überwiegend aus Unterstützung, Beratung und Hilfsangeboten.“
Zum Jugendamt gehört in Wahrheit viel mehr: Es steuert Kindertagesstätten, organisiert die Jugendförderung wie Ferienfreizeiten und Jugendzentren und umfasst Angebote wie die Frühen Hilfen, Erziehungsberatung oder die Jugendhilfe im Strafverfahren. All das ist „Jugendamt“, auch wenn in der Öffentlichkeit meist nur der Bereich wahrgenommen wird, der in Krisen agiert.
Wenn wir uns den Allgemeinen Sozialen Dienst (in manchen Regionen auch Bezirkssozialdienst genannt) genauer ansehen, lassen sich drei zentrale Aufgaben unterscheiden:
- Das Wächteramt: Das ist der hoheitliche Auftrag. Ähnlich wie Polizei oder Feuerwehr hat das Jugendamt hier eine „Garantenstellung“. Nur das Amt darf Gefährdungseinschätzungen vornehmen oder Kinder in Obhut nehmen. Das kann kein anderer Dienst.
- Die Bewilligungsbehörde: Hier geht es um die Verwaltung. Der ASD prüft Anträge auf Erziehungshilfen, entscheidet über deren Umfang und kontrolliert die Umsetzung, vor allem auch die Eingliederungshilfe für Kinder mit seelischen Einschränkungen.
- Die Beratungsfunktion: Ein ganz entscheidender Punkt! Das Jugendamt berät bei Fragen zum Sorge- und Umgangsrecht. Doch hier herrscht oft ein großer Irrtum: Das Jugendamt trifft hier keine Entscheidungen. Es kann nur begleiten und beraten. Verbindliche Regelungen kann ausschließlich ein Familiengericht treffen. In der Praxis führt das oft zu Enttäuschungen, wenn Eltern vom Amt eine klare Vorgabe erwarten, die es rechtlich gar nicht geben darf.
Image eines Kinderräubers
Healthy Lady: In den Medien und den sozialen Netzwerken begegnet uns oft ein düsteres Narrativ. Das Jugendamt wird dort als Instanz dargestellt, die willkürlich Familien zerstört und Kinder ihren Eltern wegnimmt. Warum ist dieses Bild so tief in unseren Köpfen verankert und was ist die Realität hinter diesen Schlagzeilen?
Stefanie Schlösser: Das Bild in den sozialen Medien ist stark von Emotionen geprägt und zwar vor allem von Frust und Wut. In der Regel lieben Eltern ihre Kinder und möchten sie bei sich behalten. Wenn das Jugendamt entgegen ihrem Willen handelt und ein Gericht diese Entscheidung auch noch bestätigt, ist das ein massiver Eingriff. Das Kind wird vorübergebend aus der Familie genommen und zum Schutz bei Pflegeeltern, in einer Einrichtung oder an einem anderen sicheren Ort untergebracht. Das löst Hilflosigkeit, Verzweiflung, Wut und Trauer aus und diese Gefühle sind erst einmal nachvollziehbar.
Solche starken Emotionen führen dazu, dass Eltern ihre Geschichte öffentlich emotional stark geprägt erzählen, manches Mal auch indem sie gewichtige Punkte auslassen oder verfälschen, in der Hoffnung auf Verständnis, Unterstützung und Solidarität. Diese bekommen sie in den sozialen Netzwerken in großem Umfang. Was aber kaum sichtbar ist, ist die viel größere Zahl an Fällen, in denen Eltern und Kinder Unterstützung vom Jugendamt erhalten, die sie als hilfreich erleben und gerade deshalb keinen Anlass sehen, dies öffentlich zu thematisieren.
„Das Jugendamt darf öffentliche Vorwürfe oft nicht richtigstellen – genau dadurch entsteht eine einseitige Erzählung.“
Dazu kommt, dass das Jugendamt öffentliche Vorwürfe aus Datenschutz- und Kinderschutzgründen nicht einfach richtigstellen darf. Wenn Eltern in die Kamera sagen, dass ihre Kinder ihnen grundlos weggenommen wurden, kann das Jugendamt nicht öffentlich antworten, dass es dafür konkrete Gründe gab. Damit würde es sowohl die Rechte der Eltern als auch die Rechte des Kindes verletzen. Die Folge ist eine einseitige öffentliche Erzählung, in der die Perspektive des Jugendamtes und des Kindes weitgehend fehlt. Genau daraus entsteht das Bild vom bösen Jugendamt. Es gibt Fehlentscheidungen wie in jedem komplexen System, aber der überwiegende Teil der Arbeit des Jugendamtes besteht aus Unterstützung, Beratung und Hilfen. Diese Geschichten tauchen in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht auf.
Der Albtraum von der grundlosen Inobhutnahme
Healthy Lady: Stefanie, wenn man über das Jugendamt spricht, stolpert man sofort über eine ganze Reihe von Vorurteilen. Welche Klischees begegnen dir in deiner täglichen Arbeit am häufigsten und was davon stimmt bei genauerem Hinsehen einfach nicht?
Stefanie Schlösser: Das mit Abstand häufigste Klischee lautet, dass Kinder grundlos weggenommen werden. Dieses Bild hält sich zwar hartnäckig, entspricht aber absolut nicht der Realität. Um eine Inobhutnahme tatsächlich durchzuführen, müssen sehr viele Schritte eingehalten und zahlreiche Personen sowie Stellen einbezogen werden. Zuvor müssen alle anderen Mittel ausgeschöpft sein oder als nicht anwendbar eingestuft werden. Zudem geht das Jugendamt nicht wahllos in Familien, sondern wird nur tätig, wenn es einen konkreten Anlass gibt. Das kann eine Meldung von der Schule, der Kita, von Nachbarn, der Polizei oder sogar vom Kind selbst sein. Allein daraus ergibt sich schon, dass ein Eingriff nie völlig anlasslos erfolgt.
Das Wort „grundlos“ bedeutet in vielen Erzählungen eher, dass die Eltern oder das Umfeld den Grund nicht verstehen oder ihn nicht als ausreichend akzeptieren. Ich erlebe dagegen häufig, dass Kinder gerade rückblickend sehr genau einordnen können, warum eine Herausnahme notwendig war. Es gibt viele junge Erwachsene, die sagen, dass die Inobhutnahme das Beste war, was ihnen passieren konnte, während die Eltern bis heute überzeugt sind, es habe keinen Grund gegeben. Ein Beispiel dafür sind stark parentifizierte Kinder, die schon früh Aufgaben übernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen müssten. Das reicht von der Versorgung der Geschwister bis hin zur emotionalen Stabilisierung der Eltern.
„In meiner gesamten Laufbahn habe ich keinen einzigen Fall erlebt, in dem ein Kind völlig grundlos in Obhut genommen wurde.“
Diese Kinder empfinden diese enorme Verantwortung oft zunächst nicht als Belastung, sondern als normal oder sogar als Bestätigung. Beide Seiten hätten in so einer Situation damals wohl gesagt, dass da nichts Schlimmes war und das Amt grundlos gehandelt hat. Aus fachlicher Sicht liegt aber eine massive Überforderung vor, die langfristig schädlich ist. Mir ist in meiner gesamten Laufbahn kein einziger Fall begegnet, in dem eine Inobhutnahme völlig ohne nachvollziehbaren Anlass erfolgt ist. In Fällen, in denen Eltern mir ihre Geschichte als grundlos geschildert haben, war bei genauer Betrachtung immer erkennbar, auf welcher Grundlage gehandelt wurde. Auch wenn dieser Grund für die Eltern emotional natürlich nur schwer akzeptierbar war.
Das Machtgefälle und die Angst vor dem Kontrollverlust
Healthy Lady: Es ist fast greifbar, wie viel Furcht dieses Wort „Jugendamt“ auslöst. Warum ist das Misstrauen bei so vielen Eltern so tief verwurzelt? Was sind die eigentlichen Quellen dieser Angst?
Stefanie Schlösser: Das Misstrauen speist sich aus mehreren Quellen. Zum einen liegt es an der sehr einseitigen öffentlichen Wahrnehmung. In den Medien und insbesondere in den sozialen Netzwerken tauchen vor allem die dramatischen und konflikthaften Fälle auf, also genau die Situationen, in denen es zu massiven Eingriffen kommt. Die Millionen Fälle, in denen das Jugendamt unterstützt, berät oder Hilfen organisiert und damit Familien entlastet, bleiben in der Regel unsichtbar. Ich nutze da gerne den Vergleich mit der Fliegerei. Wir alle wissen, dass nur sehr wenige Flugzeuge abstürzen und gleichzeitig unglaublich viele Maschinen täglich sicher unterwegs sind. Berichtet wird aber fast ausschließlich über die Unfälle.
Zum anderen spielt die hoheitliche Stellung des Jugendamtes eine große Rolle. Genau wie die Polizei oder das Ordnungsamt hat das Jugendamt in bestimmten Bereichen eine besondere Handlungsmacht. Es kann im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben auch gegen den Willen der Eltern tätig werden. Dieses mögliche Machtgefälle löst bei vielen Menschen eine tiefe Verunsicherung aus. Das ist auch nicht völlig irrational, denn die meisten Menschen sind auch nervös, wenn sie von der Polizei angehalten werden, obwohl sie gar nichts getan haben.
„Die Angst entsteht vor allem durch die sichtbaren Krisen – nicht durch die vielen stillen Hilfen im Alltag.“
Entscheidend ist aber, dass in der überwältigenden Mehrheit der Fälle die Kontakte mit dem Jugendamt sachlich und kooperativ verlaufen. Es geht um Unterstützung, Beratung und Hilfen und nicht darum, Familien zu zerschlagen. Diese Normalität ist in der öffentlichen Wahrnehmung fast nicht präsent. Stattdessen bleibt bei vielen das Bild im Kopf, dass das Kind weg ist, sobald das Jugendamt kommt. Und genau dieses Bild schürt die Angst und das Misstrauen.
Empathie trifft Entscheidungskraft: Der schmale Grat der Professionalität
Healthy Lady: Wie schafft man es eigentlich, in einer Behörde wie dem Jugendamt menschlich zu bleiben, wenn man gleichzeitig Entscheidungen treffen muss, die eine so enorme und oft lebensverändernde Verantwortung mit sich bringen?
Stefanie Schlösser: Ein wichtiger Punkt ist, dass Menschlichkeit von außen oft anders verstanden wird, als es professionell notwendig ist. Viele Menschen wünschen sich sichtbare Emotionen, viel Nähe und persönliche Anteilnahme. In hochbelasteten Situationen kann das aber unprofessionell oder sogar kontraindiziert sein. Fachkräfte im Jugendamt tragen eine hohe Verantwortung und müssen auch in extremen Krisenlagen entscheidungsfähig bleiben. Dazu gehört es, die eigenen Emotionen zu regulieren, einen klaren Kopf zu behalten und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Das hat nichts mit mangelnder Empathie zu tun, sondern mit Professionalität. Die innere Betroffenheit ist oft da, sie wird nur nicht ungefiltert nach außen gezeigt.
„Professionalität bedeutet nicht Gefühllosigkeit – sondern Empathie mit klarem Kopf.“
Menschlichkeit zeigt sich aus meiner Sicht vor allem in drei Dingen. Erstens in echter Empathie, also im ernsthaften Bemühen zu verstehen, wie sich eine Situation für Eltern und Kinder anfühlt. Zweitens in Transparenz, indem Entscheidungen erklärt und Abläufe sowie rechtliche Hintergründe so weit wie möglich verständlich gemacht werden. Und drittens im Respekt. Auch in schwierigen Situationen dürfen Eltern nicht abgewertet werden, sondern müssen als Verantwortliche für ihr Kind angesprochen werden.
Ich halte es für zentral, dass Fachkräfte klar kommunizieren können, dass sie die Belastung der Situation für die Eltern verstehen, aber gleichzeitig rechtlich verpflichtet sind, einen bestimmten Schritt zu gehen. Diese Kombination aus Empathie und Klarheit ist für viele Eltern zwar schwer auszuhalten, schafft aber langfristig eher Vertrauen als eine emotional aufgeladene und wenig strukturierte Haltung. Mit der Berufserfahrung kommt hinzu, dass man viele Situationen leider mehrfach erlebt. Das führt nicht dazu, dass sie einen kalt lassen, aber sie reißen einen nicht mehr jedes Mal so aus der Bahn wie ganz am Anfang.
Wenn Schicksal auf Mitgefühl trifft. Erlebnisse die unter die Haut gehen
Healthy Lady: Aber gibt es dennoch Momente in diesem Beruf, die du bis heute nicht vergessen kannst? Eine Begegnung, die dich als Mensch und Fachkraft nachhaltig geprägt hat?
Stefanie Schlösser: Ja, die gibt es. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich einen Fall aus meinen Berufsanfängen nennen, der mich bis heute begleitet. Es ging um eine Geschwisterkonstellation. Die Kinder gerieten über eine Lappalie in einen Streit, der körperlich wurde. In diesem Gerangel kam es zu einem Unfall, in dessen Folge eines der Geschwister verletzt wurde und verstarb. Für das andere Kind und die ganze Familie war das ein nicht vorstellbarer Schock.
„Mich hat tief beeindruckt, wie eine Familie entschied, ein Kind trotz unfassbarer Tragödie nicht auch noch zu verlieren.“
Was mich daran besonders geprägt hat, war der Umgang der Familie mit dem überlebenden Kind. Anstatt es zu stigmatisieren oder dauerhaft mit Schuldzuweisungen zu leben, hat die Familie sehr bewusst entschieden, dieses Kind nicht auch noch zu verlieren. Sie haben alles darangesetzt, es in seiner Trauer zu unterstützen, ihm Halt zu geben und ihm zu signalisieren, dass es weiterhin Teil dieser Familie ist. Dass Menschen in einer solchen Extremsituation diese Haltung einnehmen, fand ich zutiefst beeindruckend.
Daneben gibt es viele Fälle, die mich eher durch meine eigene Hilflosigkeit beschäftigt haben. Zum Beispiel Kinder, die objektiv gesehen liebevolle Eltern haben, aber trotzdem stark leiden, etwa weil sie keinerlei Freunde finden und sozial ausgeschlossen sind. Man kann Angebote machen oder Therapien unterstützen, aber man kann andere Kinder nicht dazu zwingen, Freundschaften einzugehen. Oder zu sehen, wie sich Kinder an ihren Eltern abkämpfen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, aber ein ums andere Mal vor eine Wand rennen. Solche Momente der Ohnmacht gehören leider auch zu diesem Beruf.
Der unangekündigte Hausbesuch – Souverän reagieren wenn es an der Tür klingelt
Healthy Lady: Das absolute Horrorszenario für viele Eltern ist der Moment, in dem die Mitarbeiter des Jugendamtes plötzlich und unangekündigt vor der Tür stehen. Wie läuft so ein Einsatz in der Realität ab und wie verhält man sich in diesem Moment am besten?
Stefanie Schlösser: Besuche dieser Art werden aus Sicherheits und Qualitätsgründen in der Regel mindestens zu zweit durchgeführt, je nach Familiensystem manchmal auch zu dritt. Wer sich unsicher ist, ob die Personen wirklich vom Jugendamt sind, sollte sich in jedem Fall den Dienstausweis zeigen lassen und sich Namen und Dienststelle notieren. Auch eine Visitenkarte ist hilfreich. Wenn Fachkräfte unangekündigt kommen, gibt es dafür immer einen Grund. Wer in dieser Situation die Tür nicht öffnet, massiv blockiert oder die Zusammenarbeit verweigert, vermittelt zwangsläufig den Eindruck, dass etwas verheimlicht werden soll. In der Folge kann es dazu kommen, dass das Jugendamt die Polizei hinzuzieht oder gerichtliche Schritte einleitet. Kooperationsbereitschaft ist deshalb in aller Regel der bessere Weg.
„Kooperationsbereitschaft ist in dieser Situation fast immer der beste Weg.“
Es ist völlig legitim, sich kurzfristig eine Vertrauensperson dazu zu holen, etwa einen Nachbarn, ein Familienmitglied oder eine Freundin, die in der Nähe wohnt und schnell dazukommen kann. Das sollte natürlich nicht noch eine Stunde dauern, bis die Person vor Ort ist, aber es kann Sicherheit geben und die Situation entzerren. Aber: es ist wichtig, dass diese Person die Situation nicht eskaliert oder eine neue Dynamik hinzufügt, es geht nur darum, dass die Eltern jemanden als Unterstützung haben, nicht darum, dass diese Person dann das Gespräch leitet. Darüber hinaus kann das Jugendamt für das weitere Vorgehen oder für Teile des Gespräches die Person dann ausschließen, wenn Rechte Dritter verletzt werden würden, man zB. über eine weitere Person sprechen muss, die aber ihr Einverständnis nicht gegeben hat, dass über sie auch mit der Vertrauensperson gesprochen werden darf.
Außerdem zu dem standardisierten Ablauf gehört, dass sich die Fachkräfte einen Eindruck von den Lebensverhältnissen des Kindes verschaffen. Dazu gehört in der Regel ein Blick in das Kinderzimmer und die zentralen Räume der Wohnung. Die Frage, ob sie sich das Kinderzimmer ansehen dürfen, ist zwar höflich formuliert, gehört aber zwingend zum fachlichen Vorgehen.
Fachkräfte interessieren sich dabei nicht für einen perfekten und staubfreien Haushalt. Es geht um ganz andere Dinge. Hat das Kind einen Schlafplatz? Gibt es einen altersangemessenen Rückzugsort? Wie steht es um Hygiene und Sicherheit? Steht da seit Wochen schmutziges Geschirr in der Spüle, sieht man Schimmel oder Ungeziefer? Liegen gefährliche Gegenstände herum oder gibt es ein hohes Verletzungsrisiko? Sind die Räume so gestaltet, dass sich ein Kind darin gesund entwickeln kann? Wenn sich im Gespräch und bei der Besichtigung zeigt, dass die Meldung unbegründet war, endet der Einsatz in der Regel an dieser Stelle. Wenn jedoch ein Unterstützungsbedarf deutlich wird, werden mit den Eltern weitere Schritte besprochen und gegebenenfalls Hilfen vorgeschlagen.
Vorbereitung ist alles – Wie Eltern im Gespräch mit Jugendamt die Kontrolle behalten
Healthy Lady: Wenn der Kontakt zum Jugendamt erst einmal hergestellt ist, fühlen sich viele Eltern dem System ausgeliefert. Wie können sie sich ganz praktisch vorbereiten, um in diesen Gesprächen sicher und souverän aufzutreten?
Stefanie Schlösser: Ein ganz praktischer Tipp, den ich Eltern immer wieder gebe, lautet konsequent dokumentieren. Und zwar sehr exakt. Wer wann mit wem worüber gesprochen hat, welche Absprachen getroffen wurden und was zugesichert wurde, all das sollte möglichst zeitnah mit Datum, Uhrzeit und kurzem Inhalt festgehalten werden. Aussagen wie man habe irgendwann im November telefoniert helfen in Konfliktsituationen wenig. Es kann sehr sinnvoll sein, sich dafür eine eigene Jugendamtsakte anzulegen, die chronologisch sortiert ist.
„Wer mit dem Jugendamt zu tun hat, sollte jedes Gespräch genau dokumentieren – das schafft Sicherheit.“
Grundsätzlich ist es erlaubt, eine Vertrauensperson zu Gesprächen mitzunehmen. Das kann sehr hilfreich sein, vor allem wenn man weiß, dass man in Belastungssituationen emotional reagiert. Gleichzeitig verändert jede zusätzliche Person die Dynamik. Deshalb lohnt sich eine bewusste Entscheidung, ob man jemanden braucht, der einen emotional stabilisiert, mitdenkt oder übersetzt, oder ob man in diesem Gespräch allein handlungsfähiger ist. Man sollte sich auch fragen, ob eine weitere Person die Situation vielleicht sogar zusätzlich auflädt. Grundsätzlich gilt: Sobald in einem Gespräch über andere Personen gesprochen wird oder persönliche Informationen weitergegeben werden, müssen alle Beteiligten damit einverstanden sein.
Ein Beispiel macht das greifbarer: Die Eltern sind getrennt und die Mutter möchte ihre Schwester zu einem Gespräch mitbringen. Dann darf im Gespräch ausschlieẞlich nur das thematisiert werden, was die Mutter selbst betrifft. Alles, was den Vater oder das Kind angeht, wäre tabu, solange diese nicht zugestimmt haben. Das wird schnell problematisch. Denn in solchen Gesprächen geht es oft genau darum, gemeinsam Lösungen für die Familie zu finden.
Stell dir vor, ein Träger bringt einen Bericht ein und äußert die Einschätzung, dass der Vater mehr Unterstützung braucht oder psychisch belastet ist. Das sind sehr sensible Informationen. Der Vater möchte möglicherweise nicht, dass eine außenstehende Person wie die Schwester der Mutter davon erfährt. Deshalb ist es wichtig, dass alle Beteiligten zustimmen, bevor weitere Personen an solchen Gesprächen teilnehmen. Nur so kann sichergestellt werden, dass persönliche Daten geschützt bleiben und niemand sich übergangen fühlt.
Hilfreich ist zudem, sich vorab klarzumachen, in welchem Modus das Jugendamt gerade arbeitet. Geht es um eine reine Beratung zum Sorge und Umgangsrecht, geht es um eine bereits bewilligte Hilfe zur Erziehung oder ist der Anlass eine mögliche Kindeswohlgefährdung? Je nach Kontext unterscheiden sich Auftrag und Handlungsmöglichkeiten der Fachkräfte deutlich.
Ganz entscheidend ist auch der Umgang mit den eigenen Emotionen. Die Situationen sind häufig hochbelastend. Wut, Angst und Verzweiflung sind absolut verständlich, im Gespräch selbst aber oft hinderlich. Aus fachlicher Sicht ist es wichtig nachvollziehen zu können, ob Eltern in der Lage sind, in Krisensituationen rational zu erfassen und im Sinne des Kindes zu handeln. Deshalb rate ich dazu, sich vorzubereiten. Welche Themen könnten angesprochen werden? Welche Knöpfe drückt das bei mir? Was brauche ich, um im Gespräch möglichst ruhig und klar zu bleiben? Die Emotionen dürfen und sollen später Raum bekommen, etwa bei Freunden, in der Therapie oder in einer Beratung. Das Gespräch mit dem Dienst des Jugendamtes ist jedoch ziel und lösungsorientiert. Es ist kein therapeutisches Setting.
Warum sich das Jugendamt oft nicht wehren kann
Healthy Lady: Es fällt auf, dass das Jugendamt in der Kritik oft sehr schutzlos wirkt. Wenn du eine Sache im System oder in der gesellschaftlichen Haltung ändern könntest, damit sich dieses einseitige Bild wandelt, was wäre das?
„Die fehlende Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter schafft ein Vakuum, das von einseitigen Darstellungen gefüllt wird.“
Stefanie Schlösser: Systemisch würde ich mir wünschen, dass die Arbeit der Jugendämter deutlich stärker transparent gemacht werden darf. In vielen Kommunen ist es Mitarbeitenden faktisch untersagt, öffentlich über ihre Arbeit zu sprechen. Es gibt kaum offizielle Öffentlichkeitsarbeit, obwohl andere Behörden, sogar Polizei, Feuerwehr oder Ministerien, längst eigene Kommunikationskanäle nutzen. Dadurch entsteht ein Vakuum, das von einseitigen oder falschen Darstellungen gefüllt wird. Eine kontrollierte, professionelle Öffentlichkeitsarbeit der Jugendämter könnte dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und realistischere Einblicke zu geben.
Gesellschaftlich würde ich mir wünschen, dass Eltern sich der Tragweite ihrer Entscheidung für ein Kind bewusster werden. Elternschaft ist wunderschön, aber auch belastend, emotional, organisatorisch, finanziell und körperlich. In der öffentlichen Darstellung überwiegt oft die romantische Seite. Ein Beispiel dafür war eine Diskussion, die ich in sozialen Medien mit einem jungen Mann führte, der keine Kinder hatte und sehr überzeugt davon war, dass Eltern natürlich genügend Schlaf bekämen. Die Eltern würden sich dann den Schlaf eben woanders und zu anderen Zeitpunkten am Tag holen. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass Menschen über Monate oder Jahre hinweg massiv übermüdet sein können und trotzdem funktionieren müssen. Ich glaube, da muss ich jetzt nicht sehr viel zu sagen, jeder, der Kinder hat oder sie erlebt, weiß, wie schlimm dieser Schlafmangel sein kann. Ich glaube, eine ehrlichere, weniger verklärte Auseinandersetzung mit Elternschaft würde helfen, sowohl den Kindern als auch den Eltern.
„Eltern sollen wissen: In diesem System sind sie nicht allein und es gibt Wege, ihre Stimme wiederzufinden.“
Healthy Lady: Das ist ein sehr wichtiger Gedanke zum Abschluss. Die Romantik beiseite zu lassen und stattdessen auf echte Unterstützung und ehrliche Kommunikation zu setzen, würde sicher viele Fronten aufweichen. Stefanie, danke für diese tiefen Einblicke in ein System, das so oft missverstanden wird.
Stefanie Schlösser: Sehr gerne. Mir ist wichtig, dass Eltern wissen, dass sie in diesem System nicht allein sind und dass es Wege gibt, die eigene Stimme wiederzufinden.
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