„Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“ – warum Familien heute mehr Gemeinschaft brauchen
Es ist Dienstagmorgen. Eine junge Mutter sitzt auf einer Parkbank. Ihr Kind spielt allein im Sandkasten. Ringsum unterhalten sich andere Eltern, lachen und tauschen sich aus, doch sie bleibt still. Sie ist erst vor wenigen Monaten in die Stadt gezogen, kennt niemanden und hat keine Familie in der Nähe. Ihr Kind schaut immer wieder zu den anderen Kindern hinüber, unsicher, ob es sich trauen soll, mitzumachen. Und die Mutter fragt sich leise, wie soll mein Kind Freunde finden, wenn wir niemanden haben. Viele Eltern kennen genau dieses Gefühl. Immer mehr entscheiden sich bewusst gegen eine frühe Betreuung in Krippe oder Kindergarten und wünschen sich trotzdem, dass ihre Kinder soziale Kontakte knüpfen und Gemeinschaft erleben. Doch wie gelingt das, wenn das eigene Umfeld fehlt?
Eine Lösung, die viele Familien noch nicht kennen, ist die Familienbildung. Hier können Eltern aus einem vielfältigen Angebot wählen, von Eltern-Kind-Turnen über kreative Nachmittage bis hin zu musikalischen Reisen, Kunst und Bastelkursen und vielem mehr. Diese Angebote sind nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern zugleich eine wertvolle Vorbereitung auf die Kita. Die Eltern dürfen dabei bleiben und ihre Kinder in einem sicheren, vertrauten Rahmen begleiten. Mehrmals wöchentlich gibt es zudem kostenlose offene Spielangebote, bei denen Kinder aus unterschiedlichen Familien zusammenkommen, spielen, lachen und Freundschaften schließen, ganz ohne Leistungsdruck, aber mit viel Herz und Nähe.
Über die Bedeutung dieser Arbeit und die vielseitigen Angebote der Familienbildung spricht Christine Krebühl von der Familienbildung Hamburg-Blankenese im Interview. Sie erzählt, wie Eltern hier Unterstützung, Gemeinschaft und wertvolle Impulse für den Familienalltag finden können.
Das Herzstück der Familienbildung
Healthy Lady: Frau Krebühl, was ist für Sie das Herzstück der Familienbildung? Was treibt Sie persönlich an, Familien in Ihrer Einrichtung zu begleiten und zu unterstützen?
Christine Krebühl:
Familien in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen zu unterstützen sowie Bindung, Bildung und Begleitung zu ermöglichen, ist uns und mir eine Herzensangelegenheit. Wir setzen uns mit unserem vielfältigen Kursangebot von Babykursen bis hin zu Ferienkursen für Schulkinder dafür ein, dass Kinder und Erwachsene in den Elbvororten ihr volles Potenzial entfalten können. Wir tragen damit aktiv dazu bei, starke Gemeinschaften aufzubauen und die aktuellen Bedürfnisse der Familien in unserer Region zu stärken. Zu erleben, wie die Eltern-Kind-Bindung gefördert wird, motiviert mich jeden einzelnen Tag.
„Jede Investition in Familienbildung ist eine Investition in ein starkes Miteinander und in unsere Gesellschaft.“
Healthy Lady: Viele Eltern wissen gar nicht, was Familienbildung eigentlich ist. Wie würden Sie erklären, worin der besondere Wert dieser Angebote liegt – gerade für Familien ohne großes soziales Umfeld?
Christine Krebühl:
Wir stärken dich und deine Familie. Familien gibt es heute in vielen Formen und Konstellationen. Entscheidend ist, dass Menschen füreinander Verantwortung und Fürsorge übernehmen. Diesen Lebenszusammenhang zu stärken, ist unser gemeinsames Ziel. Wenn Eltern noch kein Umfeld mit anderen Familien haben, bieten wir genau dafür einen sicheren Raum. Hier darf man ankommen, gemeinsam wachsen, auf spielerische Weise lernen und sich austauschen. Wir freuen uns, die Familien auf diesem Weg zu begleiten.

Angebote für Eltern und Kind
Healthy Lady: In Ihrer Einrichtung gibt es neben Kursen auch kostenlose offene Spielangebote. Warum sind diese niedrigschwelligen Angebote so wichtig, und was erleben Sie dort besonders häufig? Außerdem: Wie sehen die Kurse aus – und für wen sind sie geeignet?
Christine Krebühl:
Unsere offenen Spielangebote schaffen einen niedrigschwelligen Zugang, damit Familien ohne große Hürden teilnehmen können. Trotzdem liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit auf geschlossenen Kursformaten, die Babys, Kindern und Eltern eine feste Gruppe geben und Gemeinschaftsgefühl ermöglichen. Während die Kinder spielen, singen und entdecken, knüpfen Eltern parallel Kontakte und nehmen Impulse für den Familienalltag mit. Insgesamt liegt unser Fokus auf jungen Familien. Von DELFI®- und PEKiP®-Kursen über Eltern-Kind-Turnen, Kreativ- und Musikkurse bis hin zu Koch- und Plätzchenbackkursen sowie naturpädagogischen Formaten haben wir ein buntes Angebotsrepertoire.
„Einfach vorbeikommen. Es braucht keine Vorbereitung und keine Perfektion. Ihr dürft sein, wie ihr seid.“
Healthy Lady: Familienbildung ist ja weit mehr als Basteln und Turnen. Welche weiteren Unterstützungsformen bieten Sie an – etwa Beratung, Elterncafés oder Austauschgruppen?
Christine Krebühl:
In all unseren Kursen stärken wir präventiv die Eltern-Kind-Beziehung und leisten einen wesentlichen Beitrag zur frühzeitigen Vermeidung familiärer Spannungen und Konflikte, um die Familien langfristig zu stärken und zu stabilisieren. Durch unsere Angebote ermöglichen wir es Familien, Herausforderungen bereits im Anfangsstadium zu erkennen und gezielt anzugehen, bevor sie sich zu größeren Problemen oder Überlastung führen. Dieser präventive Ansatz trägt dazu bei, Krisen zu vermeiden, Strategien zur Bewältigung zu kennen und so für eine stabile, gesunde Familienstruktur zu sorgen. Ergänzend bieten wir Beratungen zu Erziehungsthemen sowie Trennungs- und Paarberatung an, um frühzeitig Lösungen zu erarbeiten und den Eltern Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Zudem laden wir regelmäßig Expert*innen ein, um den Eltern verlässliche Informationen aus erster Hand zu bieten und sie in schwierigen Situationen sowohl fachlich als auch emotional kompetent zu begleiten.
Healthy Lady: Welche Rolle spielt Gemeinschaft – also das Miteinander von Eltern, Kindern und Kursleitungen – in Ihrer Arbeit?
Christine Krebühl:
Es gibt ein afrikanisches Sprichwort: Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Dieses Dorf wollen wir für Familien erfahrbar machen. Niemand ist allein verantwortlich. Wir schaffen gemeinsam eine tragende Gemeinschaft, in der Eltern, Kinder und Kursleitungen einander stärken und voneinander lernen. Dieses Miteinander ist das Fundament unserer Arbeit.
Healthy Lady: Kontakte entstehen ja nicht nur zwischen Kindern: Wie erleben Sie, dass auch Eltern beim Kaffee-Schnack neue Freundschaften und Netzwerke knüpfen?
Christine Krebühl:
Austausch passiert bei uns überall – bei einem Kaffee, beim gemeinsamen Aufräumen, während der Kursdauer oder in kleinen Gesprächspausen. Viele Eltern finden hier ihr soziales Netzwerk. Aus kurzen Gesprächen entstehen oft Spielverabredungen, Freundschaften und gegenseitige Unterstützung, die weit über unsere Einrichtung hinausreichen.
Günstige Kurse für Klein und Groß
Healthy Lady: Was kosten die Kurse im Durchschnitt und gibt es Möglichkeiten für Familien mit kleinem Budget, trotzdem teilzunehmen?
Christine Krebühl:
Kurse kosten im Durchschnitt etwa 8 Euro pro Termin. Über das Bildungs- und Teilhabepaket in Hamburg können Familien Unterstützung für bestimmte Kurse erhalten. Geflüchteten ermöglichen wir aktuell eine kostenfreie Teilnahme. Außerdem sind wir mit den Ferienkursen Teil des Hamburger Ferienpasses, über den es ebenfalls Ermäßigungen gibt. Familienbildung wird nur zu einem sehr geringen Teil gefördert, daher finanzieren wir uns größtenteils selbst. Umso dankbarer sind wir für die Unterstützung des Kirchenkreises, denn so bleibt unsere Arbeit für möglichst viele Familien zugänglich.
Die Familiäre Atmosphäre
Healthy Lady: Viele Familien sagen, sie fühlen sich bei Ihnen verstanden und gestärkt. Was macht Ihrer Meinung nach die besondere Atmosphäre der Familienbildung aus?
Christine Krebühl:
Herzlichkeit und Nächstenliebe prägen unsere Familienbildung. Eltern erleben bei uns Offenheit und Verständnis. Kinder haben Raum, sich frei und selbstbewusst zu entwickeln. Diese liebevolle Atmosphäre schafft Vertrauen und stärkt Familien nachhaltig. Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte Begegnung.
„Es geht nicht um Perfektion, sondern um echte Begegnung.“
Healthy Lady: Gibt es eine Geschichte oder Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist – etwas, das zeigt, wie viel Familienbildung bewirken kann?
Christine Krebühl:
Es gibt viele berührende Momente. Besonders schön ist es, wenn Eltern erzählen, dass ihr Kind hier das erste Mal Anschluss gefunden hat oder sie selbst nach herausfordernden Zeiten wieder Leichtigkeit spüren. Genau dann zeigt sich die Wirkung unserer Arbeit: Familien finden neue Kraft, Vertrauen und Gemeinschaft.
Veränderungen & Zukunft
Healthy Lady: Die Lebensrealität von Familien verändert sich: weniger Unterstützung durch Großeltern, mehr Stress im Alltag. Wie reagiert die Familienbildung auf diese neuen Herausforderungen?
Christine Krebühl:
Die Lebensrealität vieler Familien wird heute stark von Social Media beeinflusst. Oft verunsichern die Inhalte mehr, als dass sie Orientierung geben. Klassische Großfamilienstrukturen gibt es kaum noch, Großeltern wohnen häufig weit entfernt und können nicht so unterstützen, wie sie es vielleicht gern würden. Eltern stehen stärker allein da. In unseren Kursen wird erfahrbar, dass man nicht allein in der Situation ist, sondern viele Eltern ähnliche Erfahrungen machen. So wird den Eltern Halt gegeben und sie werden entlastet.
Healthy Lady: Was sollte die Gesellschaft über Familienbildung unbedingt wissen oder anders gefragt: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Arbeit?
Christine Krebühl:
Familienbildung ist ein wichtiges Fundament unserer Gesellschaft. Sie stärkt die Eltern-Kind-Bindung, die Erziehungskompetenzen und unterstützt bei der Alltagsbewältigung. Damit wird die Lebensqualität der Familien verbessert, sodass sie präventiv auf Herausforderungen reagieren können. Mein Wunsch ist, dass diese Arbeit als essenziell wahrgenommen und entsprechend finanziell unterstützt wird. Jede Investition in Familienbildung ist eine Investition in ein starkes Miteinander und in unsere Gesellschaft.
Healthy Lady: Zum Schluss: Was möchten Sie Eltern mit auf den Weg geben, die noch zögern, einen Kurs oder ein Angebot zu besuchen?
Christine Krebühl:
Einfach vorbeikommen. Es braucht keine Vorbereitung und keine Perfektion. Ihr dürft sein, wie ihr seid. Wer einmal erlebt hat, wie wertvoll ein Kursangebot in der Familienbildung ist, kommt gern wieder. Wir freuen uns auf euch.
„Niemand ist allein verantwortlich. Wir schaffen gemeinsam eine tragende Gemeinschaft, in der Eltern, Kinder und Kursleitungen einander stärken.“
Ein Ort, an dem Familien ankommen dürfen

In vielen Städten und Gemeinden gibt es heute Angebote der Familienbildung. Träger sind häufig Familienbildungsstätten, kirchliche Einrichtungen, Volkshochschulen oder lokale Vereine. Auch online lassen sich Kurse, Workshops und offene Spielgruppen leicht finden, etwa über die Websites der Städte, Familienzentren oder durch einfache Suche nach Eltern Kind Angeboten in der eigenen Region.
Für Eltern kann Familienbildung eine einfache Möglichkeit sein, Kontakte zu knüpfen und gleichzeitig bewusst Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen. Gerade für Kinder ohne Kitaerfahrung bieten die Kurse eine sanfte Vorbereitung auf das Zusammensein in Gruppen. Sie lernen erste soziale Regeln, gewinnen Sicherheit im Umgang mit anderen Kindern und sammeln neue Eindrücke in geschützter Atmosphäre.
Für viele Familien geht es dabei nicht nur um Beschäftigung, sondern um gemeinsame Erlebnisse im Alltag. Zusammen singen, spielen, basteln oder sich austauschen schafft Nähe, stärkt Bindung und gibt Eltern gleichzeitig neue Impulse für den Familienalltag.
Ein herzliches Dankeschön an Christine Krebühl und das gesamte Team der Familienbildung Hamburg Blankenese für ihre wichtige Arbeit und ihren Einsatz für Familien.










