Kaufsucht

„Volle Schränke, leeres Konto: Wenn Shopping zur Sucht wird“

Das Paket lag vor ihrer Tür und Annika wusste eigentlich schon in dem Moment, dass sie den Inhalt nicht brauchte. Nicht das dritte Paar Schuhe. Nicht das Make-up, das sie wahrscheinlich nie benutzen würde. Und trotzdem raste ihr Herz. „Sobald ich die Versandbestätigung bekommen habe, war da dieses Gefühl von Erleichterung“, erinnert sie sich. „Fast wie Glück.“ Doch das Gefühl hielt nie lange.

Wenige Stunden später kamen die Schuldgefühle. Der Blick aufs Konto voller Angst vor offenen Rechnungen, versetzte sie in Panik. Trotzdem griff Annika Tage später wieder zum Handy. Wieder ein Kauf und wieder dieser kurze Moment, in dem alles leichter schien. „Irgendwann habe ich gemerkt, ich kaufe nicht, weil ich etwas brauche. Ich kaufe, weil ich etwas nicht fühlen will.“ Was für Außenstehende wie ein harmloser Shopping-Faible aussah, war in Wahrheit der Beginn einer Sucht.

Laut den deutschen Konsumforscher:innen Prof. Dr. Lucia A. Reisch und Prof. Dr. Gerhard Raab gelten zwischen 5 und 7 Prozent der Erwachsenen in Deutschland als stark kaufsuchtgefährdet. Das betrifft potenziell mehrere Millionen Menschen.

Kaufsucht wird oft belächelt, weil sie gesellschaftlich harmlos wirkt. Doch hinter vollen Einkaufstaschen können dieselben Mechanismen stecken wie bei Alkohol-, Glücksspiel- oder anderen Verhaltenssüchten.


Der kurze Kick, die lange Leere

Kaufsucht (oder fachsprachlich Pathologisches Kaufen) ist ein wiederkehrendes, schwer kontrollierbares Kaufverhalten. Betroffene kaufen Dinge, die sie oft weder brauchen noch finanziell tragen können und erleben trotzdem einen starken inneren Drang weiterzumachen. Es geht dabei fast nie um das Produkt selbst, sondern um den Moment, in dem man auf „Bestellen“ klickt. In diesem kurzen Augenblick verschwinden Stress, Einsamkeit oder Selbstzweifel wie auf Knopfdruck und machen Platz für ein extremes Hochgefühl.

Doch dieses Glück ist eine Illusion und verfliegt sofort, sobald das Paket da ist. Was bleibt, ist eine noch größere Leere, Scham und oft ein Berg voller Schulden. Es ist ein Teufelskreis, bei dem das Shoppen zur Sucht wird. Häufige Auslöser sind emotionaler Stress, Einsamkeit, geringes Selbstwertgefühl, ungelöste Konflikte, depressive Phasen, Angst oder innere Leere.

Online-Shopping macht impulsives Kaufen leichter als je zuvor. Ein Klick genügt und der kurzfristige Glücksmoment ist da. Ohne Wartezeit, ohne sichtbare Konsequenzen und oft ohne sich mit den Gefühlen auseinanderzusetzen, die den Kauf überhaupt ausgelöst haben. Zusätzliche Bezahldienste wie PayPalKlarna und ähnliche Anbieter senken diese Hemmschwelle weiter. Wer nicht sofort spürt, dass Geld das Konto verlässt, verliert schneller den Bezug zu den tatsächlichen Ausgaben. Es ist ein Mechanismus, der problematisches Kaufverhalten zusätzlich verstärken kann.


Wer besonders schnell in die Spirale gerät

Besonders gefährdet sind diejenigen, die sehr sensibel auf Stress reagieren oder dazu neigen, ihre Gefühle über äußere Reize zu regulieren, statt sich direkt mit ihnen auseinanderzusetzen. Wer oft Bestätigung im Außen sucht oder sich ständig mit dem vermeintlich perfekten Leben anderer vergleicht, rutscht schneller in das Gefühl, „noch etwas zu brauchen“, um dazuzugehören oder sich wertvoll zu fühlen.

Auch eine gewisse Impulsivität spielt oft eine Rolle, also der Drang, einem Bedürfnis sofort nachgeben zu müssen, ohne kurz innezuhalten. Social Media wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger. Der ständige Druck durch Influencer-Lifestyles und perfekt platzierte Werbung triggert unbewusst unsere tiefsten Unsicherheiten. Man kauft dann nicht nur ein Produkt, sondern das Versprechen auf ein besseres Ich, nur um kurz darauf festzustellen, dass die innere Leere durch keine Bestellung der Welt gefüllt werden kann.

Lange Zeit dachte man, Kaufsucht sei ein weibliches Problem. Studien zeigen aber, dass Männer fast genauso häufig betroffen sind. Der Unterschied liegt meist nur im Was: Frauen kaufen öfter Kleidung und Kosmetik, Männer eher Technik, Autozubehör oder Sammlerstücke.

Besonders Menschen zwischen 18 und 30 Jahren zeigen ein höheres Risiko. Das liegt vor allem an der ständigen Verfügbarkeit durch Online-Shopping und der starken Präsenz von Konsumvorbildern in den sozialen Medien.


Kaufst du das Produkt oder das Gefühl dahinter?

Emotionales Kaufen beginnt oft mit einer einfachen, aber ehrlichen Frage: Brauche ich dieses Produkt wirklich oder versuche ich gerade nur, ein unangenehmes Gefühl zu betäuben? Häufig entstehen solche Käufe nicht aus echtem Bedarf, sondern in emotionalen Momenten nach einem schlechten Tag, nach Streit, in Phasen von Einsamkeit oder Überforderung oder auch als vermeintliche Belohnung. Das Problem dabei ist, dass das gute Gefühl meist nur für kurze Zeit anhält.

Symbolbild: Healthy Lady

Wie du die Kontrolle zurückgewinnst

Bezahldienste und Shopping-Apps löschen
Dienste wie PayPal oder Klarna machen Kaufen extrem einfach. Je weniger Klicks zwischen Impuls und Kauf liegen, desto eher handeln wir emotional statt bewusst. Wenn gespeicherte Zahlungsdaten oder Shopping-Apps verschwinden, entsteht wieder eine kleine Hürde – und genau diese Sekunden können helfen, eine impulsive Entscheidung zu stoppen.

Nicht sofort kaufen – 24-Stunden-Regel
Wenn du etwas unbedingt haben willst, warte bewusst 24 Stunden. Viele Impulskäufe verlieren nach kurzer Zeit ihren Reiz. Was morgen immer noch wichtig wirkt, ist oft eher ein echter Bedarf als ein emotionaler Reflex.

Nur mit Liste einkaufen
Ob online oder im Laden: Wer ohne Plan einkauft, kauft häufiger aus Stimmung heraus. Eine feste Einkaufsliste hilft, den Fokus auf das zu legen, was wirklich gebraucht wird.

Newsletter, Rabattcodes und Shopping-Benachrichtigungen ausschalten
Ständige Rabatte, „Nur heute“-Aktionen oder Push-Nachrichten erzeugen künstlichen Druck. Weniger Reize bedeuten oft weniger Kaufimpulse.

Auslöser erkennen
Viele kaufen nicht wegen des Produkts, sondern wegen eines Gefühls – Stress, Einsamkeit, Frust oder Langeweile. Wer seine Trigger kennt, kann früher gegensteuern.

Alternative Belohnungen finden
Das Gehirn sucht nach schnellen Glücksgefühlen. Ein Spaziergang, Sport, Musik, Schreiben oder ein Gespräch mit vertrauten Menschen können helfen, ohne danach Schuldgefühle oder finanzielle Sorgen auszulösen.

Konto und Ausgaben sichtbar machen
Viele verdrängen ihre Käufe. Ein ehrlicher Blick auf Kontostand, offene Rechnungen und Ausgaben kann schmerzhaft sein – aber genau dort beginnt oft echte Veränderung.


Wo Betroffene echte Hilfe finden

Wenn der Kontrollverlust schon da ist, kann professionelle Hilfe der schnellere Weg sein als noch mehr Selbstdisziplin. Das ist keine Frage von Willenskraft allein. Eine erste Orientierung kann das Gespräch in der Hausarztpraxis oder bei einer psychologischen Beratungsstelle bieten, während eine Psychotherapie dabei hilft, die eigentlichen Ursachen hinter dem Kaufzwang aufzuarbeiten. Wenn der Druck durch offene Rechnungen bereits über den Kopf wächst, ist eine Schuldnerberatung der richtige Ort, um wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Oft hilft es auch schon enorm, sich einer vertrauten Person im persönlichen Umfeld zu öffnen, um die lähmende Scham zu durchbrechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Wenn du merkst, dass dir dein Kaufverhalten entgleitet, gibt es diskrete Anlaufstellen, bei denen du Hilfe finden kannst und das sogar anonym. Die Online-Schuldnerberatung der Caritas unterstützt Menschen, die durch Schulden den Überblick verloren haben und einen Weg zurück in finanzielle Stabilität suchen. Auch TelefonSeelsorge bietet per Telefon, Chat oder Mail einen geschützten Raum, wenn der Druck akut wird und du mit jemandem sprechen möchtest. Der wichtigste Klick ist nicht der im Warenkorb, sondern der hin zu echter Hilfe.


„Ich hatte Entzugserscheinungen, weil ich nichts kaufen durfte“ – Zişans Leben mit Kaufsucht

Man möchte eigentlich nur kurz in die Drogerie, wirklich nur für das Nötigste. Doch dann passiert es. Plötzlich liegen mehrere Lippenstifte im Körbchen, jeder in einem leicht anderen Ton, der „irgendwie doch ganz anders“ aussieht. Dazu kommen ein paar Nagellacke und vielleicht noch ein Duft, der einfach zu gut riecht, um ihn stehen zu lassen. Alles irgendwie völlig harmlos … oder?

Doch Vorsicht, denn genau so kann ein ernsthaftes Problem beginnen. Ein Problem, das leise kommt, sich unbemerkt einnistet und irgendwann ein ganzes Leben bestimmt. Es geht um Kaufsucht, um eine Abhängigkeit, von der in Deutschland Schätzungen zufolge mehrere Millionen Menschen betroffen oder gefährdet sind. Ein Zustand, über den oft gelächelt wird, obwohl er genauso zerstörerisch sein kann wie jede andere Form der Abhängigkeit. Ein Verhaltensmuster, das sich tarnt als Belohnung, als Trost, als kurzer Moment des Glanzes. Bis sie Besitz ergreift. Von Beziehungen. Vom Konto. Vom Selbstwert.

Mein heutiger Gast ist Zişan und sie ist eine dieser Betroffenen. Auf TikTok führt sie ein Kaufsucht-Tagebuch und lässt ihre Zuschauer tief in ihre dunkelsten Ecken blicken. Zişan macht sich sichtbar für all die stillen Stimmen da draußen, die glauben, sie seien allein. Für all die Menschen, die denken: „Es ist normal, was ich mache.“ Und irgendwann merken: Es ist doch eine Krankheit. Sie klärt auf, bricht Tabus und zeigt, dass man eine Abhängigkeit benennen muss, um sie zu besiegen. In unserem Gespräch erzählt sie, wie alles begann, wie es ihr heute ergeht – und vor allem, warum es so wichtig ist, darüber zu sprechen.


Die Suche nach dem Ich jenseits der Sucht

Die 35-jährige Sachbearbeiterin lebt seit über zehn Jahren mit ihrer Kaufsucht. (Foto: Zisan)

Healthy Lady:
Zişan, bevor wir über die Kaufsucht sprechen – wer bist du? Wie würdest du dich selbst als Mensch vorstellen, abseits der Abhängigkeit?

Zişan:
Ich bin eigentlich ein sehr lebensfroher, humorvoller und aktiver Mensch. Viele denken, ich sei immer stark und offen, dabei trage ich in mir eine Geschichte, die mich schon sehr früh geprägt hat.

Als Kind hatte ich Krebs. Die Ärzte gaben mir damals nur sechs Monate zu leben. Wenn man als kleines Mädchen hört, dass es keinen Morgen geben könnte, verändert das alles. Ich habe schon früh gelernt, dass jeder Tag der letzte sein könnte. Diese Erfahrung hat mich zu jemandem gemacht, der jeden Moment aufsaugt, der sich nach Leben sehnt, nach Glück, aber auch nach Sicherheit.

Ich wollte als Kind Moderatorin werden, weil ich es geliebt habe, vor der Kamera Geschichten zu erzählen. Heute bin ich tatsächlich jeden Tag vor einer Kamera – aber ich moderiere keine Show. Ich moderiere meine eigene Realität, meine Heilung und meine Sucht. Abseits der Abhängigkeit bin ich jemand, der liebt, lacht, kämpft und nie aufgibt. Vielleicht auch, weil ich schon einmal um mein Leben kämpfen musste.

Kaufsucht hat nichts mit Luxus zu tun. Es geht um Schmerz.


Der Moment, der alles veränderte

Healthy Lady:
Wie kam es dazu, dass du dein Kaufsucht-Tagebuch auf TikTok begonnen hast? Was war der Auslöser, so offen damit rauszugehen?

Zişan:
Der Moment, der alles ins Rollen gebracht hat, war ehrlich gesagt ziemlich surreal. Ich kam aus einem Urlaub in Barcelona zurück, müde, aber gut gelaunt und vor meiner Haustür stapelten sich Pakete. Zehn, fünfzehn, vielleicht zwanzig Stück. Einige davon waren so fremd, dass ich nicht einmal mehr wusste, was ich bestellt hatte oder warum. Ich stand davor und dachte: „Zişan, das ist nicht mehr normal.“ Ich war wütend auf mich, aber auch verzweifelt. Und dann kam mir die Idee: Was wäre, wenn ich öffentlich dokumentiere, wie ich 30 Tage lang nichts kaufe? Ein Versuch, mir selbst etwas zu beweisen. Eine Challenge, aber auch eine Art Hilferuf.

Die ersten Tage waren noch lustig. Ich habe gelacht, gejoked, dachte mir: „Ach, easy.“
Doch spätestens am vierten Tag kippte alles, und ich merkte: Das ist nicht einfach nur ein schlechtes Kaufverhalten. Es ist eine Sucht.


Healthy Lady:
Kannst du uns mitnehmen zu dem Moment, in dem dir klar wurde: „Ich habe ein Problem“?

Zişan:
Ganz klar: am vierten Tag meiner Challenge. Ich bin morgens aufgewacht und hatte das Gefühl, mein Körper funktioniert nicht. Meine Hände waren schweißnass, mein Herz raste wie verrückt. Ich bekam kaum Luft, als würde etwas auf meiner Brust sitzen. Ich dachte wirklich: „Ich sterbe gleich.“ Und diese Angst kannte ich nur aus meiner Kindheit, aus dieser Zeit, in der Ärzte mir erklärten, ich hätte vielleicht nicht mehr lange. Dass ich diese körperliche Panik wieder spürte, nur weil ich nichts kaufen durfte, hat mich schockiert.


Wenn Trost zur Strategie wird

Healthy Lady:
Gab es in deiner Kindheit oder Jugend erste Anzeichen, die du heute als Warnsignale deuten würdest?

Zişan:
Ja. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich es ganz klar. Die Diagnose Krebs hat in mir eine permanente Angst ausgelöst: Angst, etwas zu verpassen. Angst, nicht genug erlebt zu haben. Angst, nicht genug zu fühlen. Schon als Teenager habe ich begonnen, Käufe als eine Art Trost zu benutzen. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich traurig war oder mich unsicher fühlte – und anstatt darüber zu sprechen, bin ich ins Einkaufszentrum gefahren. Ein neues Oberteil, ein kleines Accessoire, irgendetwas, das mir einen kurzen Kick gab.

Dieser Moment, in dem man etwas Neues besitzt, fühlte sich an wie: „Ich lebe noch. Ich kann wenigstens das kontrollieren.“. Es war mein kleiner Fluchtweg vor dem Schmerz.

Ich stand vor 20 Paketen und wusste nicht einmal mehr, was ich bestellt hatte.


Healthy Lady:
Wie hat sich die Kaufsucht schleichend aufgebaut – war es ein plötzlicher Kontrollverlust oder ein langsamer Prozess?

Zişan:
Die Sucht ist nicht über Nacht gekommen. Sie ist gewachsen – leise, schleichend, fast unbemerkt. In meinen Zwanzigern begann der Kontrollverlust. Damals hatte ich schon starke Probleme: Ich habe impulsiv gekauft, oft heimlich, oft ohne Plan. Es wurde jedes Jahr mehr. Pakete kamen täglich, manchmal zweimal am Tag. Ich wusste irgendwann nicht mehr, was ich alles besitze. Ich habe mich mit jedem Klick für einen Moment lebendig gefühlt.
Aber gleichzeitig war ich innerlich vollkommen leer.


Das Innenleben einer Kaufsucht

Kontrollverlust sichtbar: Zeitweise stapelten sich bis zu 20 Pakete vor Zişans Tür. In dieser Phase häufte sie rund 12.000 Euro Schulden an. (Foto: Zişan)

Healthy Lady:
Wie fühlt sich ein typischer „Kaufdrang“ an? Was passiert emotional und körperlich in dir?

Zişan:
Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es beginnt wie ein Kitzeln im Kopf, ein Gedanke, der sich festsetzt. Dann wird es körperlich. Ich werde unruhig, mein Puls steigt, ich schwitze, ich habe das Gefühl, etwas extrem Wichtiges zu verpassen. Es ist fast wie ein Zwang: „Du musst jetzt etwas kaufen.“ Während der Challenge war es besonders schlimm. Morgens aufzuwachen und sofort dieses Gefühl zu haben, etwas kaufen zu müssen, aber nicht zu können. Das war Folter. Ohne Challenge würde ich aktuell jeden Tag eskalieren.


In diesem Moment wusste ich: Das ist nicht einfach „lustiges Shopping“. Das ist eine Krankheit.

Healthy Lady:
Welche Rolle spielen Stress, Einsamkeit, Belohnung oder Selbstwert in deiner Sucht?

Zişan:
Stress ist mein größter Trigger. Wenn ich überfordert bin oder sehr viel Druck spüre, suche ich eine schnelle Erleichterung. Und die kam jahrelang über Käufe. Einsamkeit ist bei mir nicht das Hauptthema – es sind meine unverarbeiteten Kindheitserlebnisse. Die Angst vor dem Tod. Die Angst vor dem Verlust. Die Angst, nicht genug Zeit zu haben. All das sitzt tief.


Healthy Lady:
Viele denken bei Kaufsucht an „Shopping aus Spaß“. Kannst du beschreiben, was in Wahrheit dahintersteckt?

Zişan:
Viele denken, es geht um Geld oder Luxus. Aber es geht um Schmerz. Kaufsucht kann ein Leben zerstören und sie wird kaum ernst genommen. Ich hatte als Jugendliche rund 12.000 Euro Schulden.
Heute bin ich schuldenfrei – dank harter Arbeit und stabiler Strukturen. Aber die Sucht ist geblieben. Sie ist nicht einfach weg. Man muss sie verstehen, bearbeiten und akzeptieren, dass sie ein Teil von einem ist.


Schulden, Scham und Unsichtbarkeit

Healthy Lady:
Welche Auswirkungen hatte die Sucht auf deine Finanzen?

Zişan:
Früher war es schlimm: Schulden, Stress, Angst. Heute verdiene ich genug, um meine Käufe „zu finanzieren“.
Aber genau das ist ein gefährlicher Punkt, denn deshalb blieb das Problem lange unsichtbar. Unsere Haushaltskosten laufen über das Ehekonto. Meine Käufe dagegen über mein eigenes Einkommen.
So hat es lange niemand gemerkt. Nicht einmal ich selbst richtig.


Healthy Lady:
Wie hat dein Umfeld reagiert?

Zişan:
Überraschend positiv. Viele sagten mir, dass ihnen mein Kaufverhalten schon aufgefallen sei – aber nicht das Ausmaß. Meine Familie und Freunde unterstützen mich. Aber es ist nicht leicht für sie. Es gab Momente, in denen ich weinend aus einem Laden rausgelaufen bin, weil ich etwas nicht kaufen durfte wegen der Challenge.
Das mit anzusehen, ist für meine Liebsten manchmal genauso schwer wie für mich.


Healthy Lady:
Hast du Beziehungen oder Freundschaften verloren?

Zişan:
Nein, verloren habe ich zum Glück niemanden. Aber mein Umfeld musste lernen, was Kaufsucht wirklich bedeutet und wie sie mir helfen können, ohne mich zu bevormunden.


Healthy Lady:
Was war der schlimmste Moment?

Zişan:
Ganz klar: die Entzugserscheinungen während der Challenge. Dieses Gefühl, nicht atmen zu können.
Dieses Zittern, Panik, Gefühle, die kaum noch Raum haben. Es war der Moment, in dem mir bewusst wurde:
„Zişan, du bist krank. Du brauchst Hilfe.“

Es beginnt wie ein Kitzeln im Kopf und endet in einem Zwang: Du musst jetzt etwas kaufen.


Leben mit der Sucht und der Weg in die Heilung

Healthy Lady:
Was ist bei deiner Challenge am schwierigsten?

Zişan:
Dass ich die Dinge, die ich liebe, nicht kaufen kann, selbst wenn sie günstig sind.
Dass ich ständig das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Dass mein Gehirn mir sagt: „Du brauchst das!“ Obwohl ich heute weiß, dass ich es nicht brauche. Aber mit der Challenge bin ich auch auf einer ganz anderen Ebene gewachsen.


Healthy Lady:
Wie gehst du mit Rückfällen um?

Zişan:
Rückfälle gehören dazu. Kaufsucht ist kein Schalter, den man einfach umlegen kann. Man braucht Struktur, Begleitung und vor allem Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.


Healthy Lady:
Hast du professionelle Hilfe in Anspruch genommen?

Zişan:
Ja. Ich mache Verhaltenstherapie. Es war schwer, mir einzugestehen, dass ich es allein nicht schaffe, aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Meine ersten Therapiestunden bestanden nur daraus, dazusitzen und zu weinen. Ich konnte meine Tränen nicht mehr halten.


Healthy Lady:
Welche Rolle spielt dein TikTok-Tagebuch für deine Heilung?

Zişan:
Eine riesengroße. Es ist mein Ventil, meine Motivation und mein Anker.
Jede Nachricht, jeder Kommentar von Menschen, die sagen, dass sie sich in mir wiedererkennen, gibt mir Kraft. Ich erzähle dort die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Ich motiviere so viele Menschen, und das macht mich unglaublich glücklich.


Warum wir über Kaufsucht sprechen müssen

Healthy Lady:
Warum wird Kaufsucht in unserer Gesellschaft so oft belächelt?

Zişan:
Weil viele denken, es sei ein „Luxusproblem“. Aber Jugendliche verschulden sich. Familien zerbrechen.
Menschen verzweifeln. Ich spreche darüber, um genau das sichtbar zu machen.

Mein Körper hat reagiert, als würde ich sterben – nur weil ich nichts kaufen durfte.


Healthy Lady:
Welche Vorurteile begegnen dir am häufigsten?

Zişan:
„Du hast zu viel Geld.“ „Ich hätte gern dein Leben.“ „Dann kauf halt weniger.“

Diese Sätze tun weh, weil sie meine Geschichte ignorieren.
Niemand sieht, was in mir passiert.


Ausblick & Botschaft

Healthy Lady:
Was sind deine langfristigen Ziele?

Zişan:
Ein gesundes Kaufverhalten. Nicht panisch werden. Nicht dieses Gefühl haben, dass ich ständig etwas Neues brauche. Ich möchte lernen, im Moment zu leben, ohne Käufe als Krücke. Und ich möchte zeigen: Man kann es schaffen.


Healthy Lady:
Was wünschst du dir von Angehörigen?

Zişan:
Zuhören. Ernst nehmen. Unterstützen, ohne zu verurteilen. Begleiten bei Challenges oder Therapie. Und vor allem: Nicht lachen. Nicht kleinreden.


Healthy Lady:
Welche Botschaft möchtest du Menschen mitgeben, die still kämpfen?

Zişan:
Ich möchte dir etwas sagen, das ich mir früher selbst so sehr gewünscht hätte:
Du musst dich nicht schämen. Du musst nichts verstecken. Und du bist nicht zu schwach, weil du kämpfst. Im Gegenteil. Dieser Kampf zeigt, wie stark du bist. Viele denken, Kaufsucht sei ein oberflächliches Problem. Doch in Wahrheit geht es um Schmerz, um alte Wunden und um Gefühle, die man oft lange mit sich herumträgt. Wenn du gerade kämpfst, dann sollst du wissen: Du bist nicht allein. Du hast das Recht auf Hilfe, auf Verständnis und darauf, dich selbst nicht aufzugeben.

Du musst dich nicht schämen. Du bist nicht allein.


Hilfe bei Kaufsucht – du bist nicht allein

Wenn du merkst, dass Kaufen dein Leben bestimmt, dich belastet oder dich finanziell und emotional unter Druck setzt, bist du damit nicht allein. Unterstützung und erste Hilfe findest du hier:

Erste Anlaufstelle: Hausarzt oder Hausärztin
Sie können einschätzen, wie stark die Belastung ist und an passende Fachstellen überweisen.

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
Übersicht über Beratungsstellen in ganz Deutschland:
 www.dhs.de

Telefonische Beratung bei psychischer Belastung
Telefonseelsorge rund um die Uhr, anonym und kostenfrei:
Tel.: 0800 111 0 111
Tel.: 0800 111 0 222

Online-Hilfe speziell bei Kaufsucht Beratung und Selbsthilfeangebote: www.kaufsucht.de